Küchenaktivitäten

Wochen­ende im Kran­ken­haus. Dienst. Ein biß­chen so wie im Puff. Prä­senz, Lächeln so gut es geht, Hin­hal­ten, wenn es soweit ist, War­ten, bis es vor­bei ist. Zwei­mal Ortho­pä­die direkt nach dem Früh­stück. Ein Hand­ge­lenk, ein Ober­schen­kel. Mit dem ita­lie­ni­schen Kol­le­gen Marco R.. Mag ich nicht so gerne, weil er mit der Anäs­the­sie sel­ten direkt spricht, son­dern vor­zugs­weise über die Schwes­tern oder, schlim­mer noch, über die Zen­trale. Dok­tor R. ope­riert ein Hand­ge­lenk um zehn Uhr. Aha. Ich finde, sowas sollte direkt bespro­chen wer­den. Zwi­schen Kol­le­gen. Die Schwes­tern fin­den ihn toll, mit sei­nem schwe­ren ita­lie­ni­schen Akzent, dem rol­len­den R. Und behaup­ten, er sähe so gut aus. Sooo gut! Viel­leicht hal­ten sie des­we­gen, weil sie ihn so schön, sooo schön fin­den, sei­nen Akzent auch so gut aus. Oder umge­kehrt. Der Akzent mit den rol­len­den Rs läßt ihn gut aus­se­hen in Schwes­tern­au­gen. Wer weiß das schon so genau? Kann man Schwes­tern wirk­lich ver­ste­hen? Frauen? Wie wirkt das rol­lende R auf Frauen? Viel­leicht auch bin ich ein­fach nur eifer­süch­tig. Marco R. ist immer­hin gut fünf­zehn Jahre jün­ger als ich. Und Chir­urg eben. Dazu laut eige­nen Anga­ben durch­trai­nier­ter Sport­ler. Beim letz­ten regio­na­len Tri­ath­lon kam er auf eine erwäh­nens­werte Pla­zie­rung. Angeb­lich. Wobei ein ech­ter Macho natür­lich auch zu hem­mungs­lo­ser Kor­rek­tur des Selbst­bil­des nei­gen mag.

Zwi­schen­durch mußte ich die Schwes­tern mit Marco im OP alleine las­sen, um andere Pati­en­ten auf den Sta­tio­nen zu prä­me­di­zie­ren. Ortho­pä­die für Mon­tag und zwei Gal­len. Danach kur­zer Abste­cher in die Geburts­hilfe. Mache ich immer, sehen, wer da ist. Lae­ti­tia war da und Magali. Und eine Blonde, die mich schon kannte, ich mich aber nicht an sie erin­nern konnte. Auch dies­mal habe ich ihren Namen gleich wie­der ver­ges­sen. Pau­line viel­leicht. Wird trotz­dem geküßt. Wenn man eine küs­sen will in einer Gruppe, muß man auch die ande­ren küs­sen. Egal. Lae­ti­tia saß mit ihren Kol­le­gin­nen beim Mit­tag­essen. Des­sert, Joghurt, Obst. Die saßen da also schon eine Weile. Gibt's was bei euch? Eine Erst­ge­bä­rende unter Beob­ach­tung. Ein biß­chen Wehen. Nach Irgend­was zur Wehen­ein­lei­tung. Bis spä­ter viel­leicht. Und guten Appe­tit noch.

Cha­dia B. ist die dienst­ha­bende Gynä­ko­lo­gin. Ihr Gatte, le doc­teur F., ist auch Gynä­ko­loge. Den kenne von frü­her aus dem Kran­ken­haus in Tou­lon. Ein Meis­ter der expe­ri­men­tel­len Laparo­s­ko­pie. Mini­mal inva­siv, maxi­mal okkult. So einer. Sprit­zende Blu­tung an der Ova­ri­al­zyste. Und hart­nä­ckige Ver­su­che, die kleine, böse Arte­rie in einem knö­chel­tie­fen Teich hell­ro­ten Bluts zu fin­den. Es gibt ja auch Lot­to­ge­win­ner. Kann ja gut­ge­hen. Bis der Sau­ger voll ist. Und der Anäs­the­sist wegen der Alarme auf sei­nem Moni­tor auf­wacht, weil der Blut­druck der Pati­en­tin weg ist. Und laut nach Blut­kon­ser­ven schreit. Und Plasma. Und all dem, was man im hämor­r­ha­gi­schen Schock halt so braucht. Ist mir ein­mal pas­siert. Danach durfte Dok­tor F. nicht mehr ope­rie­ren ohne einen Vor­rat von vier Tüten Blut im Kühl­schrank. Und wurde im lei­ses­ten Ansatz zu okkul­tem Ader­lass ange­brüllt. Cha­dia B. hat nach mei­ner Zeit in Tou­lon lange auch dort gear­bei­tet. Jetzt ist sie bei uns. Meine Frau hat den direk­ten Ver­gleich. Ein biß­chen bes­ser als ihr Mann, sagt sie. Nicht viel. Ein Kai­ser­schnitt dau­ert auch mal neun­zig Minu­ten. Neu­lich ließ sie bei uns im Kreiß­saal eine Frau mit totem Kind im Bauch, sechs­ter Monat oder so, fast ver­blu­ten. Die Blut­ge­rin­nung kaum mehr meß­bar und das Hämo­glo­bin von knapp vier­zehn auf fünf Komma drei. Ob es da nicht alter­na­tive Lösun­gen gege­ben hätte? Würde ich so als unbe­frie­di­gend emp­fin­den. Wagte ich anzu­mer­ken. Wie ich denn dazu käme, in die­sem Ton mit ihr zu reden?

Seit­dem würde ich unser Ver­hält­nis als getrübt bezeichnen.

Fünf Minu­ten, na gut, gerade mal zehn Minu­ten nach mei­nem Besuch im Kreiß­saal, die Heb­am­men in aller Ruhe beim Des­sert, 12:58 Uhr, rief mich Magali an, die Heb­amme. Cha­dia will einen Not­fall­kai­ser­schnitt. Code rouge. Wow! Warum das denn? Gerade war doch noch alles schön. Wegen unschö­nen Rhyth­mus', sagt Magali. Und retro­pla­zen­tä­ren Hämo­toms. Retro­pla­zen­tä­res Häma­tom! Kann man sowas im CTG erken­nen? Nach drei kon­trak­ti­ons­syn­chro­nen Ver­lang­sa­mun­gen im kind­li­chen Rhyth­mus? Von 120 auf 105? Gerade mal als Delle in der Kurve zu erken­nen. Not­fall­kai­ser­schnitt! Ist das glaub­haft? Nach drei Minu­ten im Kreiß­saal eine vitale Indi­ka­tion stel­len kön­nen? Aus dem CTG? Von 120 auf 105? Ob ich denn noch Zeit hätte, eine Spi­nale zu ste­chen? Wenn ich nicht län­ger brau­chen würde als fünf­zehn Minu­ten. Aha. Ist das kohä­rent? Glaub­haft? Retro­pla­zen­tä­res Häma­tom, ist das nicht eine Frage von eini­gen weni­gen Minu­ten? Ist das nicht der Kai­ser­schnitt im Bett, auf dem Flur, sonstwo? 13:34 Uhr war das Kind da. Ein Junge. Nicht wirk­lich gut. APGAR vier viel­leicht. Hatte auch zwei Nabel­schnur­schlei­fen um den Hals. Hätte man sicher frü­her oder spä­ter per Kai­ser­schnitt holen müs­sen. Als Schein-Not­fall aber? Unter pla­ka­ti­ver Diagnose?

Ich glaube, Cha­dia B. hat sich beim Des­sert mit ihrem Mann doc­teur F. in die Haare bekom­men. Beim Des­sert spä­tes­tens, viel­leicht vor­her schon. Küchen­ak­ti­vi­tä­ten kön­nen kon­ju­gale Span­nun­gen dra­ma­tisch akzen­tu­ie­ren. Oder die Kin­der sind vor dem Des­sert vom Tisch auf­ge­stan­den. Geht nicht in Frank­reich. Das alleine legi­ti­miert schon einen Wut­an­fall. Viel­leicht hat Dok­tor F. die gemein­sa­men Kin­der in Schutz genom­men. Geht erst recht nicht, wie soll denn so Erzie­hung funk­tio­nie­ren? Wut­an­fall, Abgang. Ich würde in der cho­le­ri­schen Krise ver­mut­lich Tel­ler an die Wand wer­fen oder Türen ein­tre­ten. Schlimms­ten­falls. Bei Cha­dia B. muß es eben ein Kai­ser­schnitt sein. Dar­auf kommt es dann auch nicht mehr an. Auch gut.

Danach Pause bis fünf, weil Mar­cos weib­li­che Fans essen wol­len. Essen geht nicht unter zwei Stun­den. Nicht in Frank­reich. Plus Sieste. Um fünf noch ein kaput­ter Oberschenkel.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Hundescheiße

Mein Erst­ge­bo­re­ner mußte in sei­ner Schule in Nîmes einen Vor­trag hal­ten über Deutsch­land. Von mir wollte er per whats­app dazu wis­sen, was die Deut­schen von den Fran­zo­sen hal­ten. Gene­rell gesehen.

Was meint er? Meine per­sön­li­che Mei­nung? Ein­zel­hei­ten zu mei­nem Lieb­lings­thema fran­zö­si­scher Merk­wür­dig­kei­ten? Aus­füh­run­gen zum his­to­ri­schen "Erb­feind" sei­nes Urgroß­va­ters? Zum Frank­reich als Kul­tur­na­tion sei­nes Groß­va­ters väter­li­cher­seits? Daß wir den fran­zö­si­schen Käse so hoch­schät­zen? Den Wein? Bur­gund, Bor­deaux? Foie gras? Das Mit­tel­meer? Frank­reich als Urlaubs­ziel? Was wir von ihren Klap­per­kis­ten hal­ten? Peu­geot, Renault? Von ihren Prä­si­den­ten und deren Affä­ren? Von ihren Frauen, ihrer Sprache?

Schwie­rige Frage, wüßte er, schreibt er selbst. Wen­det sich wohl an mich, weil ich ja der Deut­sche bin in der Fami­lie. Viel­leicht hält er mich sogar für deut­scher als seine Mutter.

Der Deut­sche. Allein das ist schon schwie­rig. Gibt es ja nicht, den Deut­schen. Sowe­nig, wie es den Fan­zo­sen gibt. Viel­leicht, mit Ein­schrän­kun­gen, läßt sich ein Durch­schnitts­deut­scher kon­stru­ie­ren. Ein rein sta­tis­ti­sches Indi­vi­duum aus irgend­wie gemit­tel­ter Mei­nungs­welt. Der resul­tie­rende Durch­schnitts­deut­sche war mal in Paris viel­leicht, an der Côte d'Azur. Bei Paris denkt er an den Eif­fel­turm, Ver­sailles und den Lou­vre. Die Schlan­gen vor den Kas­sen. Der Kaf­fee für acht Euro am Hafen eines ehe­ma­li­gen Fischer­dorfs. Und Hun­de­scheiße auf den Geh­we­gen. An die Fran­zo­sen selbst denkt er ver­mut­lich nicht. Wenn es der Durch­schnitts­deut­sche aufs Gym­na­sium geschafft und ein paar Jahre Fran­zö­sisch gelernt hat, kann er sich an einen Auf­ent­halt als Aus­tausch­schü­ler erin­nern. Viel­leicht. Ich war auf dem Gym­na­sium, sehr durch­schnitt­lich, und hatte ein paar Jahre Fran­zö­sisch, auch sehr durch­schnitt­lich, war aber nicht auf Aus­tausch in Frank­reich. Der Durch­schnitts­deut­sche kann sich an das Chaos im All­tag sei­nes even­tu­el­len Aus­tauschs erin­nern. Den Stau über­all, das Ver­zö­gerte, immer funk­tio­niert irgend­et­was nicht. Oder ist zumin­dest anders. Anders eben als zuhause. Nous som­mes en France. Er erin­nert sich gerne an sei­nen Kuß mit einer Schü­le­rin in der Aus­tausch­klasse. Obwohl da ver­mut­lich nicht mehr war als der Kuß. Nichts, was ihn zum Ken­ner fran­zö­si­scher Frauen machen würde. Und er spricht ein biß­chen Fran­zö­sisch. Mehr als sein Aus­tausch­part­ner Deutsch immer­hin. Eng­lisch spra­chen sie beide gleich schlecht. Erin­nert sich an exzes­si­ves Essen, min­des­tens drei Gänge. Immer. Immer Vor­speise, Haupt­ge­richt, Nach­tisch. Nach dem ein­lei­ten­den Apéro, zu dem auch schon was geknus­pert wird. Kuli­na­ri­sche Exo­tika. Schne­cken, Frosch­schen­kel, foie gras, tau­send Sor­ten Käse. Baguette. Wahr­schein­lich denkt der Deut­sche vor allem ans Essen in Frank­reich. Wenn er vom "Leben wie Gott in Frank­reich" redet, bezieht er sich meist aufs Schlemmen.

Zehn Tage in Le Lavan­dou aller­dings teu­rer als drei Wochen in Anta­lya. Saint Tro­pez unbe­zahl­bar. Acht Euro der Kaf­fee. Und sowas von unfreund­lich die Bedie­nung. Der Rest ist egal. Und das trotz aller bila­te­ra­ler staat­li­chen Bemü­hun­gen um die deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft. arte bleibt mehr oder weni­ger eine Insider-Einrichtung.

Über google hatte ich statt der Mei­nung der Einen über die Ande­ren vor­wie­gend Fak­ten gefun­den, aller­lei ver­glei­chende Sta­tis­tik. In Frank­reich mehr Arbeits­lo­sig­keit als in Deutsch­land, mehr Kin­der pro Frau. 2013 mehr Hunde pro Ein­woh­ner, mehr Restau­rant­be­su­che. Weni­ger Aus­ga­ben für das Auto, mehr Eigen­heime. Weni­ger staat­li­che Inves­ti­tion in Aus­bil­dung und For­schung. So Sachen. Dabei durch­weg signi­fi­kante Unter­schiede. Das war aber nicht die Frage mei­nes Sohns.

Viel später stieß ich auf die Resul­tate einer Stu­die, die von der deut­schen Bot­schaft in Paris in Auf­trag gege­ben wor­den war. Die woll­ten es ganz genau wis­sen. Das Insti­tut français d'opinion publi­que – IFOP – ver­öf­fent­lichte im Januar 2013 schon die Stu­die "Regards croisés sur les rela­ti­ons franco-alle­man­des à l’occasion du 50ème anni­ver­saire du Traité de l’Elysée". Über­setzt von der Bot­schaft selbst: Der Blick auf den Nach­barn – Wie beur­tei­len Deut­sche und Fran­zo­sen 50 Jahre nach der Unter­zeich­nung des Élysée‐Vertrags die Bezie­hung zwi­schen ihren bei­den Ländern?

Im Prin­zip lag ich rich­tig mit mei­ner Ein­schät­zung. Der Durch­schnitts­deut­sche – im befrag­ten Kol­lek­tiv von gut 1.300 Per­so­nen – asso­zi­iert zum Begriff Frank­reich als ers­tes Paris und Eif­fel­turm. Dann Wein, Baguette, Essen im all­ge­mei­nen. Der Fran­zose selbst kommt nicht vor. Dem Fran­zo­sen – auch gut 1.300 befragte Per­so­nen – fal­len zum Begriff Alle­ma­gne die Stich­worte Angela Mer­kel, Bier, Ber­lin und Autos ein. In die­ser Rei­hen­folge. Dann, anders als die befrag­ten Deut­schen, sahen die befrag­ten Fran­zo­sen auch den Deut­schen. Als streng und unfle­xi­bel. Viel­leicht haben sie da auch wie­der nur Angela vor dem inne­ren Auge. Aber immer­hin sehen die Fran­zo­sen auch den Men­schen.

Letzt­end­lich trifft die Fra­ge­stel­lung der Stu­die auch nicht den Ansatz mei­nes Soh­nes: Was denkt der Deut­sche über den Fran­zo­sen? Der Deut­sche, der Durch­schnitts­deut­sche weiß, glaube ich, über die Fran­zo­sen nicht mehr als über die Grie­chen und die Polen. Die Grie­chen arbei­ten nicht und zah­len keine Steu­ern, die Polen klauen Autos. Und die Fran­zo­sen? Essen aus­gie­big und sam­meln die Scheiße ihrer Hunde nicht ein.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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12. Juni

Ziem­lich ähn­lich abge­druckt in der Juni-Aus­gabe der Riviera Zei­tung.

25. Sep­tem­ber

Und auch in deren Internetauftritt.

Kettensägenschmerz

Novem­ber.

Der Tag fängt nicht gut an. Ich werde vom Rap­peln mei­nes Zweit­ge­bo­re­nen im Trep­pen­haus wach. 6:42 Uhr. Statt 6:30 Uhr im Auto, 6:43 Uhr an der Zahn­bürste. 6:57 Uhr im Auto. Kein Kaf­fee. Viel zu spät eigent­lich für einen Mon­tag Mor­gen vor Mar­seille. 8:06 Uhr im War­te­zim­mer der Neu­ro­chir­ur­gie, La Timone, Uni­kli­nik von Mar­seille, fünfte Etage. Ein Bau wie im prä­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ost­eu­ropa. Das Ambi­ente im War­te­zim­mer ent­spre­chend. Dazu rap­pel­voll. Für mich gibt es noch einen Steh­platz. Als ers­ter auf der Liste aber komme ich aber auch als ers­ter dran. Um 8:34 Uhr. Geht doch! Der Pro­fes­seur paßt zum prä­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ambi­ente. Spe­cki­ger Kit­tel. Grunzt was. Sollte wohl Bon­jour hei­ßen. Stellt sich nicht vor. Schaut sich mei­nen Befund im Com­pu­ter an, die CD mit den Bil­dern. Sagt nichts. Ich solle mal mei­nen Pull­over aus­zie­hen. Da drü­ben. Hand­zei­chen. Set­zen auf die Liege. Auf dem Ein­mal­pa­pier der Liege hat schon mal jemand zumin­dest geses­sen. Er prüft die Reflexe, die grobe Kraft in den Armen, in den Fin­gern. Sei­ten­gleich, meine Kraft so gut wie die des Pro­fes­seur. Den Zau­ber mit Aus­zie­hen und Unter­su­chen spielt er ver­mut­lich nur, weil er weiß, daß ich Kol­lege bin. Anäs­the­sist. Das sind die, die gele­gent­lich sogar ein Ste­tho­skop ver­wen­den. Wie er selbst auch, ganz frü­her als Stu­dent. Im OP!

Keine Ope­ra­tion erst­mal, sagt der Pro­fes­seur schließ­lich. Nur, wenn ich dar­auf bestünde. Warum könnte man auf einer Ope­ra­tion bestehen? Wegen der Taub­heit zum Bei­spiel in den Fin­gern. Alter­na­tiv viel­leicht ein paar Infil­tra­tio­nen. Was er von Phy­sio­the­ra­pie hielte? Pfff, bringt nichts, sagt er. Okay, das ist ein Chir­urg. Der denkt mit dem Mes­ser. Arthro­dese oder Pro­these. Andere Alter­na­ti­ven geben die Struk­tu­ren die­ser Uni wohl nicht her.

Dan­ke­schön, au revoir. Vielleicht.

Ein paar Wochen zuvor lag ich in einer Röhre, hatte Stöp­sel in den Ohren, trotz­dem ein Höl­len­lärm. Dazu und vor allem aber einen Höl­len­schmerz, ich würde sogar sagen "Ket­ten­sä­gen­schmerz", neun von zehn Punk­ten auf der Ana­logskala. In der Schul­ter, im Arm, bren­nen­des Krib­beln in den ers­ten drei Fin­gern links. Viel­leicht bin ich ja auch ein Weichei. Und dabei hatte ich mich davor rich­tig abge­dröhnt. Was die Schub­la­den der ortho­pä­di­schen Chir­ur­gie eben so her­ge­ben. Parazeta­mol mit Kodein, Tra­ma­dol und noch irgend­ein Schmerz­mit­tel. Hat nicht gereicht. Hätte ich mir doch nur einen Mor­phin-Patch geholt! 50 Mikro­gramm min­des­tens. Ket­ten­sä­gen­schmerz. Ich war nahe daran, den Panik-Knopf zu drü­cken. Wäre mir aber doch zu pein­lich gewe­sen. Das hätte sich in Win­des­eile im gan­zen Kran­ken­haus her­um­ge­spro­chen. Der Anäs­the­sist, der seine eige­nen Schmer­zen nicht unter Kon­trolle hat! Geht gar nicht. Wenn sie so nichts fin­den, ist da auch nichts, dachte ich mir. Und so lange wird das nicht mehr dau­ern. Fle­cken zäh­len am Röh­ren­him­mel half ein biß­chen. Wie eigent­lich kom­men da Fle­cken hin? Und mit den Zehen wackeln. Luft anhal­ten. Atmung kon­trol­lie­ren. Wenn man sich auf seine Atmung oder die Zehen kon­zen­triert, rückt der Schmerz ein biß­chen in den Hin­ter­grund. Dabei Hyper­ven­ti­la­tion ver­mei­den. "IRM" heißt das hier, MRT oder MRI im rest­li­chen Europa und sonstwo. Magnet­re­so­nanz-Tomo­gra­phie eben.

Wegen per­sis­tie­ren­der Schmer­zen im Schul­ter­be­reich, Schul­ter­blatt vor allem und Ober­arm. Aus­strah­lung bis in Dau­men, Zeige- und Mit­tel­fin­ger. Taub­heit im Zei­ge­fin­ger. Par­äs­the­sien. Und das seit April oder Mai. Hatte was Mit­tel­schwe­res geho­ben auf Über-Kopf-Niveau und ein Kna­cken gespürt, links oben irgendwo. Irgend­wie unter dem Schul­ter­blatt. Und seit­dem Schmer­zen. Mal mehr, mal weni­ger. Vor allem nach ein paar Kilo­me­tern auf dem Fahr­rad. Des­we­gen Ver­dacht auf Kar­pal­tun­nel­syn­drom. Ope­ra­tion Ende August unter Lokal­an­äs­the­sie. Der Blick ins eigene Hand­ge­lenk ist eine inter­es­sante Erfah­rung. Danach drei Wochen krank geschrie­ben. Auch schön. Aber keine Bes­se­rung. Auf Dauer ermü­dend, die­ser Schmerz. Immer.

IRM am Diens­tag im Novem­ber. Endlich.

Danach wollte ich nur noch nach Hause mit mei­ner Ket­ten­säge im Arm. Der Befund würde auch bis Don­ners­tag auf mich war­ten. Im Auto die Musik ganz laut. I can get no – satis­fac­tion. Hilft auch. Bes­ser als Atmen. Zuhause offen­bar immer noch ganz blaß. Was ist denn mit dir los?

Don­ners­tag

Vor­fall auf Höhe C7 der Befund. Links am Aus­tritt des Spi­nal­ner­ven. Könnte die Sym­pto­ma­tik erklä­ren. Ich konnte mir vor­stel­len, daß man das ope­rie­ren muß. Ich kann mir nicht vor­stel­len, das in Frank­reich ope­rie­ren zu las­sen. Zu gut kenne ich den Betrieb in öffent­li­chen Strukturen.

Ich brauchte eine Gegen­mei­nung aus Deutsch­land. Ich konnte mir vor­stel­len, mich even­tu­ell dort ope­rie­ren zu las­sen. Von ganz frü­her, aus mei­nem anäs­the­sio­lo­gi­schen Sand­kas­ten in West­fa­len sozu­sa­gen, habe ich einen Kum­pel. Inzwi­schen Fast-Chef der Anäs­the­sie in einem Kran­ken­haus des nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biets. Er arbei­tet mit dem Neu­ro­chir­ur­gen zusam­men, der ihn selbst auch an der Wir­bel­säule ope­riert hat. Und ist zufrie­den mit dem Resul­tat. Pati­en­ten­zu­frie­den­heit ist die beste Wer­bung. Der Neu­ro­chir­urg sah sich meine Bil­der an. Tele­fon­sprech­stunde am Abend. Aus dem Auto. Jugend­li­che Stimme, ange­nehm. Sagt das Glei­che wie der Pro­fes­seur in Mar­seille. Etwas detail­lier­ter: Meine Band­schei­ben­schä­den wären ja schon älter. Da wäre ja auf fast jeder Ebene was. Man­ches knö­chern orga­ni­siert. Ob ich nicht auch Schwin­del­at­ta­cken hätte? Kopf­schmer­zen? Seh­stö­run­gen? Andere Aus­fälle? Fühlte mich mit einem Mal unglaub­lich alt. Ich bin quasi ein Fos­sil, leben­des Gen­ma­te­rial des letz­ten Dino­sau­ri­ers. Nein, nein, so meinte er das nicht, sagte die jugend­li­che Stimme. Wir­bel­säu­len­pro­bleme wären die Krank­heit des jun­gen Men­schen. Aha. Sehr charmant.

Der Neu­ro­chir­urg im nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biet emp­fahl abschlie­ßend einen Zyklus von fünf bis sechs Peri­ra­di­ku­lär-Infil­tra­tio­nen unter CT-Kon­trolle. Im Abstand von jeweils einer Woche. Dann Phy­sio­the­ra­pie. Ein ope­ra­ti­ver Ein­griff wäre eher sel­ten not­wen­dig. Würde er dann aber auch machen. Er hat schon Amis und Japa­ner ope­riert. Aus der gan­zen Welt kom­men sie zu ihm. Wow.

Also doch Nadeln im Hals? Viel­leicht doch erst­mal zuwarten.

Eine andere Kol­le­gin mit viel Erfah­rung aus einer Frank­fur­ter Schmerz­am­bu­lanz favo­ri­siert den dort prak­ti­zier­ten inter­dis­zi­pli­nä­ren The­ra­pie­an­satz. Che­mie und Psy­cho­the­ra­pie. Phy­sio­the­ra­pie und Ent­span­nungs­übun­gen. Mul­ti­modal nennt sie das. Wir sind in Frank­reich. Mul­ti­modal in die­sem Sinne gibt es hier nicht. Geht gar nicht. Da nüß­ten sich die betei­lig­ten The­ra­peu­ten ja unter­ein­an­der irgend­wie abspre­chen! Blei­ben regel­mä­ßige Ter­mine mit einer Physiotherapeutin.

Im Dezem­ber hatte ich einen Fri­seur­ter­min. Nach­mit­tags um zwei. War drin­gend nötig. Wenn Pfle­ger­kol­le­gen mir im OP unge­be­ten über­ste­hende Locken abschnei­den und, vor allem, wenn Pati­en­ten mich mit Madame anspre­chen, ist der Fri­seur­ter­min unab­wend­bar. Davor hatte ich eben noch was zu erle­di­gen. Kin­der und Senio­ren haben immer "eben noch" was zu erle­di­gen. Plötz­lich 13:57 Uhr. Ich hasse es, Men­schen war­ten zu las­sen. Auch die Coif­feuse. Plötz­lich mußte ich ren­nen. Knapp fünf­hun­dert Meter ins Dorf. Und war ganz über­rascht, daß mir der Arm nicht weh­tat. Keine Ket­ten­säge, kein bren­nen­des Krib­beln bis in die Fingerspitzen.

Time is non-toxic.

Ich würde mich nicht in den Hals ste­chen las­sen. Und ihn auch nicht auf­schnei­den las­sen, den Hals. Ich würde wei­ter zuwar­ten. Ent­schied ich. Und mich solange mas­sie­ren las­sen. Von Lyliane. Mit Y. Das ist meine Phy­sio­the­ra­peu­tin. Sie hat mei­ner Toch­ter, als die noch ganz klein war und ver­rotzt, ein paar Mal mas­sen­weise Schleim aus der Lunge gewrun­gen. War grau­en­haft anzu­se­hen. Hat aber gewirkt. Pati­en­ten­zu­frie­den­heit ist die beste Wer­bung. Die Spie­le­reien mit den Elek­tro­den am Rücken lie­ßen wir aus. Bringt nichts. Rücken­mas­sie­ren ist bes­ser. Sie behaup­tete, das wäre ja alles ganz atro­phiert. Hat mir nicht gefal­len. Atro­phierte Ver­stei­ne­rung. Dino­sau­rier. Nur noch Kno­chen. Zuviel davon. Inter­es­sant war außer Mas­sage Lylia­nes "Trak­tion" an der Hals­wir­bel­säule. Etwas schmerz­haft. Ziem­lich sogar. Ket­ten­sä­gen­ni­veau. In der Schul­ter, im Arm, bren­nen­des Krib­beln in den ers­ten drei Fin­gern links. Aber ich hatte das Gefühl, daß das hilft. Danach war es besser.

Ich kann wie­der Rad­fah­ren. Schon län­ger inzwi­schen. Manch­mal, mehr pro­phy­lak­tisch, sehe ich noch die Phy­sio­the­ra­peu­tin für Mas­sage am Rücken und Trak­tion an der Hals­wir­bel­säule. Manch­mal signa­li­siert die Ket­ten­säge mit­tels eines dis­kre­ten Krib­belns in der Schul­ter, daß sie durch­aus noch prä­sent ist.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Le Faron

2015-02-02 IMG_5408 (Faron) noch kleiner

Zum letz­ten Geburts­tag hat mir meine Frau ein GPS-Gerät fürs Fahr­rad geschenkt. Man kann Stre­cken pro­gram­mie­ren und weiß immer, wo man ist. Das Gerät zeigt auch an, wie schnell man ist, wie die Stei­gung ist, die Höhe über dem Mee­res­spie­gel, den Luft­druck, die Him­mels­rich­tun­gen. Den Kalo­ri­en­ver­brauch, die Puls­fre­quenz. Das mit der Puls­fre­quenz ist eigent­lich so über­flüs­sig wie der Luft­druck. Braucht man nicht wirk­lich. Daß es berg­auf anstren­gend wird, weiß ich auch so. Wenn es kei­nen Spaß mehr macht, ist die Puls­fre­quenz ver­mut­lich hoch. Ich lege den Sen­sor inzwi­schen doch an. Für einen Anäs­the­sis­ten exis­tiert eine Vital­funk­tion nur, wenn man sie auch von einem Moni­tor able­sen kann. Mitt­ler­weile weiß ich, daß Rad­fah­ren bei einer per­sön­li­chen Fre­quenz von 145 anstren­gend ist, aber auch über län­gere Stre­cken geht. Ab 150 macht es weni­ger Spaß. Über 160 geht nicht lange. Und macht kei­nen Spaß.

Meine Lieb­lings­stre­cke führt mich von zuhause direkt ans Meer bei Le Pra­det. Dort geht es berg­auf und bergab auf einer Straße frei für Anlie­ger zwi­schen Pinien, Fel­sen, Man­del­bäu­men, Oli­ven und Fei­gen. Zur Zeit blühlt und duf­tet die Mimose. Dazu per­fekte Sicht aufs Was­ser und die Halb­in­sel von Giens dahin­ter. Knapp drei­ßig Kilo­me­ter, eine Rund­stre­cke von einer guten Stunde.

Kin­der­stimme von hin­ten. Kin­der­plap­pern. Dazwi­schen eine Frau­en­stimme. Bestimmt eine Mama, die ihr Kind in einen offe­nen Zwei­sit­zer packt, um es in die Schule nach Car­quei­ranne zu brin­gen. Hier oben, mit solch einer Aus­sicht, woh­nen Leute in Anwe­sen deut­lich jen­seits der Mil­lio­nen­grenze. Por­sche, X5 und kleine BMW ohne Dach.

Erstaun­li­cher­weise kom­men die Stim­men näher. Mut­ter und Kind unter­hal­ten sich. Das Kind unter­hält vor­wie­gend die Mut­ter. Die Mut­ter eher ein­sil­big. Ich kann ein­zelne Worte dif­fe­ren­zie­ren, kei­nen Inhalt. Zu weit weg. Und mein eige­nes Atmen ist zu laut. Sechs Pro­zent Stei­gung, 12,2 Stun­den­ki­lo­me­ter, Ten­denz fal­lend. Umge­kehrt pro­por­tio­nal zu mei­ner Herz­fre­quenz. Aktu­ell bei 152.

Regarde, maman, le monsieur!

Oui, ché­rie.

On va le doubler.

Oui, ché­rie.

Links in mei­nem Blick­feld taucht ein Fahr­rad auf. Ein Tou­ren­rad. Dann sehe ich die Fah­re­rin. Blon­der Pfer­de­schwanz. Kein Helm. Kein Trop­fen Schweiß, keine roten Fle­cken. Gebräunt und blond. Ich ver­su­che, ihr Lächeln zu erwidern.

Bon­jour Madame.

Bon­jour.

Auf dem Gepäck­trä­ger eine Schul­ta­sche. Was Rosa­far­be­nes mit gro­ßem Schrift­zug Hello Kitty. Und dann der Anhän­ger. Ein Anhän­ger! Wow! Im Anhän­ger ein Kind in vor­wie­gend rosa. Ein Mäd­chen. Auch son­nen­ge­bräunt und blond. Ein Helm immer­hin, rosa­far­ben, auch von Hello Kitty. Viel­leicht drei Jahre. Kin­der­gar­ten­kind. Petite sec­tion vielleicht.

Bon­jour Monsieur!

Bon­jour chérie!

Maman, glaube ich, läßt sich zu einem Lächeln hin­rei­ßen. Zum Glück sagt sie nicht sowas wie Laisse le mon­sieur tran­quil, ché­rie. Ich bräuchte ihr Mit­leid nicht. Bitte nicht! 9,4 Stun­den­ki­lo­me­ter, Puls 162. Und es liegt nicht an dem blon­den Gespann. Na ja, viel­leicht doch. Die Schmach. Über­holt in der Stei­gung. Mühe­los mit Anhän­ger. Allein der Anhän­ger mit Kind wiegt sicher das Vier­fa­che mei­nes Fahrrads.

Ich ver­su­che, wider bes­se­res Wis­sen, wenigs­tens dran zu blei­ben. 172. Ein paar Meter noch und ich würde reani­ma­ti­ons­pflich­tig umfal­len. Das Gespann ist unein­hol­bar. Wahr­schein­lich hat mich gerade die fran­zö­si­sche Vize­meis­te­rin im Tri­ath­lon über­holt. Nach­dem sie ihre Toch­ter im Kin­der­gar­ten abge­setzt hat, wird sie über den Markt schlen­dern, kilo­weise Bio-Obst und -Gemüse in den Wagen packen und zuletzt noch zwei Six­packs 1,5-Liter-Wasserflaschen von Casino holen. Für den Vor­mit­tag sollte das rei­chen. Heute Nach­mit­tag viel­leicht eben über die Bucht nach Giens schwim­men und über den Strand von l'Almanarre nach Hause ren­nen. Nach einer klei­nen Sieste wird sie gegen halb fünf ihr klei­nes Blon­des abho­len. Das dann aber im offe­nen Zweisitzer.

Kann natür­lich auch sein, daß ihr Fahr­rad mit Strom fährt. Die Bat­te­rie unter der Schul­ta­sche auf dem Gepäckträger.

Am Faron, dem Haus­berg von Tou­lon, hatte ich neu­lich ein ähn­li­ches Erleb­nis. Der Faron ist gut über fünf­hun­dert Meter hoch und bie­tet an meh­re­ren Stel­len gran­diose Aus­sich­ten über die laut Eigen­wer­bung schönste Reede Euro­pas – la plus belle rade d'Europe.

Igel­fri­sur. Ärmel­lo­ses Sports­hirt, schwarz. Drah­tig, per­fekt durch­trai­niert. Kein Gramm zuviel. Frau Igel. Wahr­schein­lich Six­pack unter dem Rennshirt. Am Ober­arm ein iPhone. Tän­zelt ein paar Meter vor mir auf der Straße. Die Straße führt auf den Faron. 539 Höhen­me­ter auf der Straße maxi­mal. Wir befin­den uns auf 128 Höhen­me­tern. Meine Herz­fre­quenz liegt bei 150. Da kann ich noch bon­jour sagen, sogar noch lächeln. Sie hat, so wirkt es, nur auf mich gewar­tet. Sie wünscht mir einen guten Tag, bon­jour. Kaum bin ich an ihr vor­bei, bricht sie auf. Rechts ins Gebüsch. Da muß ein Wan­der­weg sein. Der Direkt­weg nach oben durchs Unter­holz, über Steine und Fel­sen. Sie wird nicht wan­dern mit ihrem iPhone am Arm, son­dern ren­nen. Knapp zehn Stun­den­ki­lo­me­ter. Berg­auf. Was für die ganz Har­ten. Das gehört ver­mut­lich zu ihrem per­sön­li­chen Trai­nings­pro­gramm für Réunion, la Dia­go­nale des Fous. Ein Ren­nen ein­mal quer durch die Île de La Réunion. Ins­ge­samt knapp zehn­tau­send Höhen­me­ter auf gut hun­dert­und­sech­zig Kilo­me­tern. Auch so eine Stre­cke wie hier am Faron. Nur län­ger. Die ren­nen da Tag und Nacht. Wahr­schein­lich krie­gen sie von der Land­schaft nicht viel mit. Schon gleich gar nicht im Licht­ke­gel ihrer Stirn­lam­pen. Das ist Frau Igels zweite Etappe für heute. Die erste hat sie schon hin­ter sich. Im Dun­keln. Mit Stirn­lampe. Sol­che Leute ren­nen in der Stei­gung über Stock und Stein schnel­ler als ich auf der Straße fahre. Ein Glück, daß sie durch die Wild­nis rennt. Erspart mir die Demü­ti­gung auf der Straße. Die würde mir einen hal­ben Kilo­me­ter Vor­sprung las­sen, nur um mich lächelnd zu über­ho­len. Lächelnd zu was Auf­mun­tern­dem. Wei­ter so, das wird schon. Bön courage.

Hun­dert Höhen­me­ter und zwei Haar­na­del­kur­ven spä­ter, meine Herz­fre­quenz bei 164, jen­seits der Lächel­grenze, springt zwan­zig Meter vor mir ein Mensch mit einem Kampf­schrei aus dem Gebüsch. Von rechts. Frau Igel? So schnell? Kann nicht sein! Das muß Herr Igel sein. Herr und Frau Igel spie­len das Spiel jeden Sonn­tag. War­ten im Mor­gen­grauen auf Senio­ren mit Fahr­rad. Die Senio­ren mit Fahr­rad sind die Hasen. Ich bin ein Hase. Man­che Hasen fal­len gleich tot um, wenn Herr Igel aus dem Gebüsch springt. Vor Schreck. Andere legen sich noch mal rich­tig ins Zeug. Ster­ben wenig spä­ter im Herz­kam­mer­flim­mern beim Ver­such, ihre Geschwin­dig­keit über die des iPho­nes mit Six­pack zu treiben.

Ist aber kein Trick. Es ist defi­ni­tiv Frau Igel. Frau Igel ist Ein­zel­kämp­fe­rin, Herr Igel ein Fan­tom. Sie war­tet auf mich. Lächelt. Wei­ter so, das wird schon. Bön courage!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Die­ser Text erschien in einer gekürz­ten Ver­sion am 12. März 2015 als Leser­ar­ti­kel bei ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/reisen/2015–03/radfahren-suedfrankreich-gps)

Pseudomnesie

Acacia dealbata 1000x500

Vor vie­len Jah­ren, wäh­rend mei­nes ers­ten Schul­jah­res, ver­brachte ich mit mei­nen Eltern und mei­nen Brü­dern ein paar Monate in Süd­frank­reich. Irgendwo bei Vence hat­ten wir ein Haus mit offe­nem Kamin gemie­tet. Vier Monate lang. Mit­ten in der ers­ten Klasse Grund­schule. Meine Mut­ter war Grund­schul­leh­re­rin. Lesen und Schrei­ben habe ich da mit ihr gelernt und meine ers­ten Briefe an Oma und Opa in gro­ßen, unge­len­ken Buch­sta­ben gemalt. Neben im Kamin­feuer ange­k­okel­ten Pan­tof­feln gehört auch die Mimo­sen­blüte in Süd­frank­reich zu den Erin­ne­run­gen an diese Zeit.

Jetzt, viele Jahre spä­ter, habe ich Mimo­sen im eige­nen Gar­ten. Über­all. Zwi­schen den Pal­men, Eichen, Zedern, Euka­lyp­tus­bäu­men. Mimo­sen wach­sen hier wie Unkraut. Wie Löwen­zahn in West­fa­len. Blü­hen gerade. Oder immer noch. Mimo­sen blü­hen immer wie­der zu die­ser Jah­res­zeit. Über Wochen hin­weg blüht immer ein ande­rer Baum. Je nach Stand­ort und Son­nen­ein­strah­lung ver­mut­lich. Die ers­ten blü­hen ab Mitte Januar und sind schon lange ver­blüht. Das geht bis Ende März. Wenn es warm genug ist, duf­ten sie ganz inten­siv. Ganze Land­stri­che fin­den sich unter Mino­sen­duft. Aus der win­ter­li­chen Kälte in die Wärme der Woh­nung geholt, kön­nen Mimo­sen­zweige ein dra­ma­ti­sches Duft­po­ten­tial entwickeln.

Dabei ist meine fran­zö­si­sche Mimosa gar keine echte Mimose. Sagt außer wiki­pe­dia auch die Fach­li­te­ra­tur. Die Mimosa im Gar­ten ist eine Acacia deal­bata, Sil­ber-Aka­zie. Eine Aka­zie. Mimose und Aka­zie gehö­ren bota­nisch zwar zur glei­chen Fami­lie der Mimo­saceae, in die­ser Fami­lie aber zu unter­schied­li­chen Gat­tun­gen, Mimosa und Acacia. Die Mimosa in mei­nem Gar­ten ist immi­griert aus Aus­tra­lien. Mit­ge­bracht von Nico­las Bau­din, einem See­fah­rer, und erst­ma­lig geplanzt von Napo­le­ons Frau Josphine im Park ihres Châ­teau de Mal­mai­son. 1804. Sagt die fran­zö­si­sche Wikipedia.

Die Pflanze hat eine gewisse Ähn­lich­keit mit den ech­ten Mimosa. Arten der Gat­tung Mimosa kom­men aber nur in der Neo­tro­pis vor. Neo­tro­pis? Neo­tro­pis ist ein Begriff aus der Bio­geo­gra­phie. Mit­tel- und Süd­ame­rika mit Aus­nahme der süd­li­chen Anden, die ihrer­seits zur Ant­ark­tis zäh­len. Bio­geo­gra­phisch. Wie auch immer auch weit weg.

Die wirk­li­che Mimosa heißt auch "Sinn­pflanze", weil sie so sen­si­bel ist. Wiki­pe­dia weiß eine ganze Reihe schö­ner Begriffe zur Sinn­lich­keit von Pflan­zen: Nas­tien. Unspe­zi­fisch reak­tive, aber gerich­tete Bewe­gungs­phä­no­mene. Unter ande­rem Seis­mo­nas­tie (Erschüt­te­rung), Che­mo­nas­tie (che­mi­scher Reiz), Pho­to­nas­tie (Licht), Ther­mo­nas­tie (Hitze) und Thig­mo­nas­tie, der Reak­tion auf Berüh­rungs­reize. Ver­tre­ter der Gat­tung Mimosa, die Mimo­sen im bota­ni­schen kor­rek­ten Sinn, klap­pen bei Berüh­rung ihre gefie­der­ten Blät­ter zusam­men. Thig­mo­nas­tie. Wahr­schein­lich eine Schutz­re­ak­tion. Und eben nicht nur bei Berüh­rung. Reicht wohl schon ein klei­ner Wind­hauch. Ein Regen­trop­fen. So erklärt sich auch der über­tra­gene Begriff. Klar. Die mensch­li­che Mimose hält auch nichts aus. Ein klei­ner Kom­men­tar zum Schwab­bel unter dem Karo­hemd und schon gibt er sich drei Tage demons­tra­tiv ein­sil­big. Oder ein ver­ges­se­ner Hoch­zeits­tag. Drei Tage Migräne. Das kenne ich auch von mir. Gibt es. Sel­ten, glaube ich, aber gibt es. Nicht gerade den Schwab­bel unter dem Karo­hemd betref­fend. Ich trage schon seit Jah­ren keine Karo­hem­den mehr.

Meine Unkraut-Mimosa im Gar­ten, meine Acacia deal­bata, hat lei­der, zu mei­ner Ent­täu­schung, keine Sinn­lich­keit, klappt ihre gefie­der­ten Blät­ter nicht zusam­men. Zumin­dest nicht auf deli­kate thig­mo­nas­ti­sche Reize. Auch nicht auf grobe. Umge­sägt, abge­hakt, zum Ver­bren­nen auf einen Hau­fen gesta­pelt dann schon. Eine Ter­mi­nal­re­ak­tion also. Die Blät­ter trock­nen aus und fal­ten sich. Hat mit Thig­mo­nas­tie nichts zu tun. Geht nicht mal als Ther­mo­nas­tie oder Trau­ma­to­nas­tie durch.

Ande­rer­seits gehört die Thig­mo­nas­tie der fran­zö­si­schen Mimo­sen zu mei­nen frü­hen Kind­heits­er­in­ne­run­gen. In der Erin­ne­rung waren wir immer wie­der unter­wegs unter Mimo­sen. Mimo­sen­wäl­der gibt es hier über­all. Namens­ge­bend zum Bei­spiel um Bor­mes-les-Mimo­sas. Ganz viel auch im Este­rel, im Mas­sif des Mau­res und im Mas­sif du Tan­ne­ron. Eine kleine Berüh­rung und die Blät­ter fal­ten sich. Direkt vor mei­nen Augen. Mein Vater war ein Held, weil er mir sowas Wun­der­ba­res zei­gen konnte. Und jetzt sagt Wiki­pe­dia, sol­che Mimo­sen gibt es nur in der Neo­tro­pis. Muß ein klas­si­scher Fall von Pseu­domne­sie sein. Erin­ne­rungs­täu­schung, Scheinerinnerung.

Kann natür­lich auch in einer Jar­di­ne­rie mit süd­ame­ri­ka­ni­schen Exo­tika gewe­sen sein. Im Alter von sechs Jah­ren schei­nen fast alle Pflan­zen baumgroß.


Modi­fi­ziert, gekürzt zur Publi­ka­tion in der März­aus­gabe der Riviera-Zeit. 3.943 Zeichen.

Vor vie­len Jah­ren, wäh­rend mei­nes ers­ten Schul­jah­res, ver­brachte ich mit mei­nen Eltern und mei­nen Brü­dern ein paar Monate in Süd­frank­reich. Irgendwo bei Vence hat­ten wir ein Haus mit offe­nem Kamin gemie­tet. Mit­ten in der ers­ten Klasse Grund­schule. Lesen und Schrei­ben habe ich da mit mei­ner Mut­ter gelernt und meine ers­ten Briefe an Oma und Opa in gro­ßen, unge­len­ken Buch­sta­ben gemalt. Neben im Kamin­feuer ange­k­okel­ten Pan­tof­feln gehört auch die Mimo­sen­blüte zu mei­nen Erinnerungen.

Jetzt, viele Jahre spä­ter, habe ich Mimo­sen im eige­nen Gar­ten. Über­all. Mimo­sen wach­sen wie Unkraut. Wie Löwen­zahn in West­fa­len. Blü­hen gerade. Oder immer noch. Mimo­sen blü­hen immer wie­der zu die­ser Jah­res­zeit. Über Wochen hin­weg blüht immer ein ande­rer Baum. Je nach Sorte, Stand­ort und Son­nen­ein­strah­lung ver­mut­lich. Die ers­ten blü­hen ab Mitte Januar und sind schon lange ver­blüht. Das geht bis Ende März. Wenn es warm genug ist, duf­ten sie ganz inten­siv. Ganze Land­stri­che fin­den sich unter Mino­sen­duft. Aus win­ter­li­cher Kälte in die Wärme der Woh­nung geholt, kön­nen Mimo­sen­zweige ein dra­ma­ti­sches Duft­po­ten­tial entwickeln.

Dabei ist meine fran­zö­si­sche Mimosa gar keine echte Mimose. Sagt außer wiki­pe­dia auch die Fach­li­te­ra­tur. Die Mimosa im Gar­ten ist eine Acacia deal­bata, Sil­ber-Aka­zie. Mimose und Aka­zie gehö­ren bota­nisch zwar zur glei­chen Fami­lie der Mimo­saceae, in die­ser Fami­lie aber zu unter­schied­li­chen Gat­tun­gen. Die Mimosa in mei­nem Gar­ten ist immi­griert aus Aus­tra­lien. Mit­ge­bracht von einem See­fah­rer und erst­ma­lig geplanzt im Park des Châ­teau de Mal­mai­son. 1804.

Die Pflanze hat eine gewisse Ähn­lich­keit mit der ech­ten Mimosa. Diese kommt aber nur in der Neo­tro­pis vor. Neo­tro­pis? Neo­tro­pis ist ein Begriff aus der Bio­geo­gra­phie. Mit­tel- und Süd­ame­rika mit Aus­nahme der süd­li­chen Anden, die ihrer­seits zur Ant­ark­tis zäh­len. Bio­geo­gra­phisch. Weit weg.

Die wirk­li­che Mimosa heißt auch "Sinn­pflanze", weil sie so sen­si­bel ist. Wiki­pe­dia weiß eine ganze Reihe schö­ner Begriffe zur Sinn­lich­keit von Pflan­zen: Nas­tien. Unspe­zi­fisch reak­tive, aber gerich­tete Bewe­gungs­phä­no­mene. Schutz­re­ak­tio­nen. Unter ande­rem Seis­mo­nas­tie, Che­mo­nas­tie, Pho­to­nas­tie und Ther­mo­nas­tie. Ver­tre­ter der Gat­tung Mimosa, der Mimo­sen im bota­ni­schen kor­rek­ten Sinn, klap­pen bei Berüh­rung ihre gefie­der­ten Blät­ter zusam­men. Thig­mo­nas­tie. Und eben nicht nur bei Berüh­rung. Reicht wohl schon ein klei­ner Wind­hauch. Ein Regen­trop­fen. So erklärt sich auch der über­tra­gene Begriff. Klar. Die mensch­li­che Mimose hält auch nichts aus. Ein klei­ner Kom­men­tar zum Schwab­bel unter dem Karo­hemd und schon gibt er sich drei Tage demons­tra­tiv ein­sil­big. Oder ein ver­ges­se­ner Hoch­zeits­tag. Drei Tage Migräne. Das kenne ich auch von mir. Sel­ten, glaube ich, aber gibt es. Nicht gerade den Schwab­bel unter dem Karo­hemd betref­fend. Ich trage schon seit Jah­ren keine Karo­hem­den mehr.

Meine Unkraut-Mimosa im Gar­ten, meine Acacia deal­bata, hat lei­der, zu mei­ner Ent­täu­schung, keine Sinn­lich­keit, klappt ihre gefie­der­ten Blät­ter nicht zusam­men. Über­haupt nicht. Nicht auf deli­kate thig­mo­nas­ti­sche Reize und auch nicht auf grobe. Umge­sägt, abge­hakt, gesta­pelt dann schon. Die Blät­ter trock­nen aus und fal­ten sich. Hat mit Thig­mo­nas­tie nichts zu tun. Geht nicht mal als Ther­mo­nas­tie oder Trau­ma­to­nas­tie durch.

Ande­rer­seits gehört die Thig­mo­nas­tie der fran­zö­si­schen Mimo­sen zu mei­nen frü­hen Kind­heits­er­in­ne­run­gen. In der Erin­ne­rung waren wir unter­wegs unter Mimo­sen. Mimo­sen­wäl­der gibt es hier über­all. Namens­ge­bend zum Bei­spiel um Bor­mes-les-Mimo­sas. Eine kleine Berüh­rung und die Blät­ter fal­te­ten sich. Direkt vor mei­nen Augen. Mein Vater war ein Held, weil er mir sowas Wun­der­ba­res zei­gen konnte. Und jetzt sagt Wiki­pe­dia, sol­che Mimo­sen gibt es nur in der Neo­tro­pis. Muß ein klas­si­scher Fall von Pseu­domne­sie sein. Erin­ne­rungs­täu­schung, Scheinerinnerung.

Kann natür­lich auch in einer Jar­di­ne­rie mit süd­ame­ri­ka­ni­schen Exo­tika gewe­sen sein. Im Alter von sechs Jah­ren schei­nen fast alle Pflan­zen baumgroß.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens

Kom­mende Woche, ab mor­gen, habe ich meine grie­chi­sche Woche. Grie­chi­sche Woche? Der Begriff hat hier nur wenig kuli­na­ri­schen Hin­ter­grund. Ist – ich gebe es zu, ich schwimme da völ­lig unbe­fan­gen auf der aktu­el­len Woge eines Vor­ur­teils – eine Stei­ge­rungs­form der süd­fran­zö­si­schen Ver­sion zur loka­len Arbeits­mo­ral. Arbeit dabei in Anfüh­rungs­zei­chen – "Arbeit". Tra­vail­ler – wört­lich: arbei­ten – hat im süd­fran­zö­si­schen Sinn außer Abwe­sen­heit von zuhause wenig gemein mit der ger­ma­ni­schen Vor­stel­lung von Arbeit. Im Rah­men der grie­chi­schen Woche in der medi­ter­ra­nen Ein­rich­tung des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens ist der betrof­fene Kol­lege für die anäs­the­sio­lo­gi­sche Visite auf den chir­ur­gi­schen Sta­tio­nen zustän­dig. Wir haben eine vis­ze­ral­chir­ur­gi­sche Sta­tion mit viel­leicht drei­ßig Bet­ten und eine ortho­pä­di­sche Chir­ur­gie. Auch drei­ßig Bet­ten. Kaputte Hüf­ten, Hand­ge­lenke. So Sachen. Anäs­the­sio­lo­gi­sche Visite also auf chir­ur­gi­schen Sta­tio­nen.

Visite?

Die Abtei­lung für Anäs­thesiolo­gie küm­mert sich um das Kalium, die Diu­rese und den Schmerz auf chir­ur­gi­schen Sta­tio­nen. Weil der Chir­urg keine Ahnung hat von Elek­tro­ly­ten, Lasix und Schmerz­the­ra­pie jen­seits von Parazeta­mol. Oder keine Ahnung haben will davon. Keine Ahnung haben wol­len paßt zur süd­fran­zö­si­schen Men­ta­li­tät. Zur grie­chi­schen gehört zusätz­lich der Anäs­the­sist. Fach­arzt. Beam­ter. Voll­zeit. Der Auf­tritt des fach­ärzt­li­chen Voll­zeit­be­am­ten mit anäs­the­sio­lo­gi­schem Hin­ter­grund – Kalium, Lasix, Mor­phium – fin­det gegen zehn Uhr statt. Vor­her ist sinn­los, weil es da noch keine Labor­werte gibt. Die Visite fin­det am Com­pu­ter statt. Mit einer Schwes­ter. Dau­ert nor­ma­ler­weise um die 15 (in Wor­ten: fünf­zehn) Minu­ten. In der Kno­chen­chir­ur­gie. In der Vis­ze­ral­chir­ur­gie besteht sie aus einer simp­len Frage: Gibt es was für mich? Wor­auf die betrof­fene Schwes­ter die Liste ihrer Pati­en­ten kurz über­fliegt und auf die bekann­ten Kri­te­rien – Kalium, Diu­rese, Mor­phium – prüft. Meis­tens fällt ihr nichts ein. Eine Minute drei­ßig. Mit Küß­chen links, rechts und drei Wor­ten zum Wochen­ende, je nach Schwes­ter, kom­men fünf Minu­ten dazu. Sozia­ler Kon­text. Das gehört zur Anäs­the­sio­lo­gie. Das kön­nen wir im Prin­zip ganz gut. Gehört auch zum Beam­ten­sta­tus. Und zur süd­fran­zö­si­schen Men­ta­li­tät. Zur grie­chi­schen sowieso.

Visite ist ein­fach und kurz.

Wis­sen alle, wür­den meine Kol­le­gen aber nie zuge­ben. Im Gegen­teil. Bur­nout auf chir­ur­gi­schen Sta­tio­nen der Grund­te­nor. Viel­leicht haben sie für sich per­sön­lich recht. Das liegt aber ver­mut­lich daran, daß sie das mit dem sozia­len Kon­text nicht aus­rei­chend beher­zi­gen. Statt­des­sen rum­schreien. Wofür auch immer. Weil gerade keine Schwes­ter für sie Zeit hat, erst noch die chir­ur­gi­sche Kon­kur­renz küs­sen muß. Oder die Labor­werte noch nicht aus­ge­druckt sind. Sowas. Es geht ums Prin­zip. Auch als Anäs­the­sist bin ich Arzt und schon alleine des­halb irgend­wie Chef. Rum­schreien ist anstren­gend und führt nicht weiter.

Auf­wen­dig, rich­tig auf­wen­dig kann es wer­den, wenn man noch prä­me­di­zie­ren muß. Plan­ein­griffe für mor­gen oder sonst­wann. Für die Not­fälle – heute irgend­wann – bin ich nicht zustän­dig. Das Nicht­zu­stän­dig­sein ist schön und paßt zum Beam­ten­sta­tus. Der Klas­si­ker, wie in der Behörde, nicht Zim­mer A35 oder C17, son­dern B16. Und die Sach­be­ar­bei­te­rin in B16 weiß gar nicht, kann viel­leicht gar nicht wis­sen, worum es gerade geht. Wenn sie über­haupt da ist. Damit kann man Chir­ur­gen zum Wei­nen brin­gen. Sogar süd­fran­zö­si­sche. Ich bin nicht zustän­dig. Wer denn? Keine Ahnung. Ruf' doch mal im Auf­wach­raum an. Im Auf­wach­raum geht fast nie jemand ans Telefon.

Zwei, drei ernst­ge­meinte Prä­me­di­ka­tio­nen kön­nen einen dage­gen ganz schön aus dem Timing brin­gen. Wenn sie nicht wirk­lich drin­gend sind, kann man sie aller­dings auch noch auf mor­gen verschieben.

Gutes Timing in der grie­chi­schen Woche heißt Mit­tag­essen zuhause. Hier kommt der kuli­na­ri­sche Aspekt rudi­men­tär ins Spiel. Zwölf Uhr spä­tes­tens also an der Schranke zum Ärz­te­park­platz. Im Auto. Die Schranke im Rück­spie­gel. Zuhause unbe­dingt das Tele­fon im Auto vergessen!

Abends muß man dann aller­dings noch mal hin. Plan­mä­ßig auf­ge­nom­me­nen Pati­en­ten für mor­gen bon­jour sagen, Fra­gen beant­wor­ten, mit­ge­brachte Labor­werte angu­cken und sagen, daß alles gut­ge­hen würde. Bonne nuit. Halbe Stunde. Ein­schließ­lich sozia­lem Kon­text mit der Spät­schicht. Eine Stunde mit An- und Abreise.

Zuhause, zwi­schen den Visi­ten, Zeit genug für Mit­tag­essen in der Sonne. Aus­gie­bige Sieste. Viel­leicht ein biß­chen Haus­halt, Ein­käufe. Spä­ter Fein­schliff an den Haus­auf­ga­ben der Kin­der. Mitt­woch habe ich ohne­hin frei. Macht geschätzt immer­hin elf Wochen­stun­den. Wird aber gezählt wie fünf­und­drei­ßig. Wenn das nicht grie­chi­sche Zustände sind?

Kann ich gut, die grie­chi­sche Woche gefällt mir. Geht auch als Allein­er­zie­her, wenn zum Bei­spiel die Mut­ter mei­ner Kin­der Dienst hat, auf Fort­bil­dung ist oder in Fern­ost Huma­ni­tär­me­di­zin betreibt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Kollateraltröpfchen

Hallo Herr Redakteur!

Ges­tern waren wir in der Oper von Tou­lon, meine Frau und ich. Wir haben Con­tes d'Hoffmann – Hoff­manns Erzäh­lun­gen – von Jac­ques Offen­bach gese­hen und ich mußte an Sie den­ken. Nein, nicht wirk­lich an Sie direkt, son­dern an ein Inter­view in ZEIT ONLINE. Herr Dasch­ner wurde inter­viewt von Nicola Meier viel­leicht haben Sie es ja selbst gele­sen. Herr Dasch­ner ist ein alter Bekann­ter für mich. In mei­nen jun­gen Jah­ren im Beruf war er der Spe­zia­list der Hygiene im all­ge­mei­nen und der Anti­bio­the­ra­pie im Spe­zi­el­len. Als AiP hatte ich ihn immer in der Kit­tel­ta­sche. Anti­bio­tika am Kran­ken­bett. Und offen­bar ist er immer noch der Spezialist.

Ges­tern in der Oper mußte ich an die­ses Inter­view den­ken. Was Hän­de­wa­schen angeht, ist der Mann ein Fer­kel. Sagt Herr Daschner.

Im Rah­men unse­res Abon­ne­ments sit­zen wir im Par­kett. Das ist fast so wie im Kino. Man kann den Kopf anleh­nen. Gera­de­aus nach vorne ist die Bühne. Frü­her saßen wir immer oben irgendwo. Das ist zu kurz an den Knien und ohne Anleh­nen am Kopf. Die Bühne zudem schräg rechts oder links. Am Ende immer schreck­li­che Kopf­schmer­zen vor lau­ter Ver­span­nung. Und der Hitze wegen. Sie haben diese Oper gerade erst über ein gan­zes Jahr reno­viert, aber die Kli­ma­an­lage ver­ges­sen oder weg­ge­las­sen. Bestimmt gab es für das Weg­las­sen der Kli­ma­an­lage eine Öko-Pla­kette. Oben auf den bil­li­gen Plät­zen sam­melt sich die Hitze. Und die Aus­düns­tun­gen der Herr­schaf­ten unten auf den teu­ren Par­kett­plät­zen. Oben muß man auch immer gucken. Zumin­dest auf die­sen seit­li­chen Plät­zen kann man nicht mal kurz die Augen zuma­chen, weil man sich ja im Blick­win­kel eines Nach­barn befin­det. Macht einen schlech­ten Ein­druck, wenn man in der Oper däm­mert. Geht oben ohne­hin nur ganz schlecht, weil man den Kopf ja nicht anleh­nen kann.

Das alles ist unten bes­ser. Par­kett, I1 und I3, mit­ten­drin. Die Leh­nen ein biß­chen spe­ckig. Roter, spe­cki­ger Samt. Samti­mi­ta­tion ver­mut­lich, Poly­es­ter. Um einen herum nur Senio­ren. Weiß­haa­rig. Hun­derte, Tau­sende haben ihre wei­ßen Schöpfe schon an diese Leh­nen gelehnt. Nicht wirk­lich appe­tit­lich der Gedanke. Fin­det Herr Dasch­ner auch. Ein biß­chen so wie im D-Zug.

In der Pause ren­nen wir immer mit den Ers­ten aus dem Saal. Eine halbe Etage wei­ter oben gibt es einen Fest­saal mit einer Art Bar in einer Ecke. Mehr ein impro­vi­sier­ter Aus­schank mit sozia­lis­ti­schem Charme. Mini­ma­lis­tisch. Nur drei Bedie­nun­gen, die natür­lich in die­ser Vier­tel­stunde Pause hoff­nungs­los über­las­tet sind. Und in ihrer Über­for­de­rung sozia­lis­ti­schen Charme ver­sprü­hen. Mini­ma­lis­ti­schen Charme. Wenn man nicht zu den Ers­ten an die­sem Aus­schank gehört, hat man sei­nen Sekt erst, wenn die Pause schon fast wie­der zu Ende ist. Die Senio­ren drän­gen sich mit har­ten Ellen­bo­gen wie die Schweine am Trog. Es gibt Was­ser mit und ohne Koh­len­säure, diverse Frucht­säfte, ein paar Sor­ten Zucker­brau­se­lö­sun­gen und Cham­pa­gner. Fünf Euro fünf­zig die Schale Cham­pa­gner. Wir trin­ken jeder eine Schale.

Nach dem Sekt gehe ich fast immer auf Toi­lette. Nichts ist blö­der, wenn man unten, den Kopf schön ange­lehnt an etwas spe­cki­gen Leh­nen unter Sekt­ein­fluß die Augen einen Moment, einen Moment nur, zuma­chen möchte und dann erst merkt, daß die Blasé zu voll ist. Wenn es ganz schlimm kommt, kann man an gar nichts ande­res mehr den­ken als an seine volle Blasé. Man kann nicht mehr zuhö­ren, geschweige denn die Augen schlie­ßen und ein biß­chen weg­däm­mern. Des­we­gen immer schnell noch auf Toilette.

Die Tür zur Her­ren­toi­lette klemmt etwas beim Öff­nen. Wahr­schein­lich auch eine Folge der Reno­vie­rung. Der Mar­mor­bo­den ist etwas uneben gera­ten. Dafür schließt sie auto­ma­tisch und hef­tig, mit lau­tem Knall. Der Feder­me­cha­nis­mus der Tür stammt wahr­schein­lich aus dem Bau­markt und ist schlecht ein­ge­stellt. Gleich hin­ter der Tür der Vor­raum mit einer Wasch­be­cken­zeile in durch­ge­hen­der Stein­platte. Die Was­ser­hähne bil­lige Bau­markt­ware, Desi­gner­mo­del­len nach­emp­fun­den. Alle wackeln im Mar­morimi­tat. Offen­bar kamen auch die Instal­la­teure aus dem Bau­markt. Links der Wasch­be­cken­zeile ein Klo mit Tür und ein offe­ner Raum mit Piss­be­cken­zeile. Vier Stück davon, etwas zu dicht neben­ein­an­der. Man kann dem Her­ren nebenan auf den Pim­mel gucken. Mich hemmt das, wenn mir jemand beim Pin­keln zuguckt. Allein die Idee schon, daß neben mir jemand gucken könnte, macht mir akute Pro­sta­ta­hy­per­tro­phie. Manch­mal wer­den zwei Her­ren, zumeist grau­haa­rig, neben mir fer­tig, bevor es bei mir zu tröp­feln beginnt. Ältere Her­ren haben es immer eilig. Oft packen sie ihren Pim­mel erst im Weg­dre­hen wie­der rich­tig ein. Neun­zig Pro­zent aller Toi­let­ten­be­su­cher waschen ihre Hände nicht. Und zer­ren mit unge­wa­sche­nen Hän­den am Tür­knauf. Ich wasche meine Hände immer. In der Oper am Desi­gne­ri­mi­tat. Mit Seife aus dem Spen­der. Ist sogar immer wel­che drin. Wäh­rend­des­sen ver­läßt der letzte Senior den Raum. Mit lau­tem Knall fällt die Tür zu.

In die­sem Moment, mit die­sem Knall, beginne ich diese Men­schen mit Wasch­zwang zu ver­ste­hen. Man kann die­sen Tür­knauf nicht anfas­sen. Da klebt Urin dran. Auch wenn die Her­ren den Trop­fen, der ihnen zwi­schen die Fin­ger gekom­men ist, schnell an ihrer Hose abge­wischt haben. Spu­ren ihrer Aus­schei­dun­gen kle­ben an die­sem Tür­knauf. Spu­ren Hun­der­ter von Tröpf­chen. Das kann ich nicht anfas­sen. Die Trop­fen sieht man natür­lich nicht. Aber ich weiß davon. Ich habe ja gerade erst den Mecha­nis­mus gese­hen. Aus nächs­ter Anschau­ung. Män­ner, die sich den letz­ten Trop­fen vom Pim­mel schüt­teln. Kol­la­te­ral­t­röpf­chen an den Fin­gern. Und jetzt zwangs­läu­fig am Tür­knauf. Weil sich kaum einer die Hände wäscht vor lau­ter Eile. Eine Tür, die klemmt und nach innen auf­geht. Ginge sie nach außen auf, zum Flur hin, könnte ich sie ja ein­fach mit dem Fuß auf­schie­ben. Ich kann das nicht anfas­sen! Wenn wenigs­tens auf dem Flur dahin­ter noch ein Wasch­be­cken wäre! Oder ich Ein­mal­hand­schuhe aus dem Kran­ken­haus dabei­hätte. Oder ein Tempo, irgend­was, womit ich die­sen Tür­knauf ohne Direkt­kon­takt anfas­sen könnte. An der Wasch­zeile gibt es – ganz öko­lo­gisch, das muß ein Uni­kat sein an der gesam­ten Côte d'Azur – keine Papier­hand­tuchspen­der, son­dern so einen Hand­tuch-Band­au­to­ma­ten. So ein Ding, aus dem man einen hal­ben Meter fri­sches Hand­tuch zieht und gleich­zei­tig der benutzte Teil des Ban­des unten in der Kiste ver­schwin­det. Nichts, was man mit­neh­men könnte, nichts, was als Schutz vor Urin­spu­ren geeig­net wäre. Ich kann nur auf einen wei­te­ren eili­gen Senio­ren hof­fen. Dicht an der Tür war­ten, rein­las­sen, Fuß in die Tür und mich ret­ten, bevor sie wie­der zuknallt.

Das nächste Mal werde ich eine Packung Tem­pos dabei­ha­ben. Zumin­dest eins. Um den Tür­knauf im Her­ren­klo anfas­sen zu kön­nen. Aber das nehme ich mir schon seit Jah­ren vor.

Ande­rer­seits gibt es eben die Aus­sa­gen von Herrn Dasch­ner bei der ZEIT. Da spricht er von der über­all und mas­sen­haft vor­han­de­nen Mikrobe, die eigent­lich nie krank­ma­chend ist. Nicht mal im ICE-Abteil und den zuge­schis­se­nen Zug­toi­let­ten. Nur in der offe­nen Wunde. Sagt Herr Dasch­ner. Ich sollte mich also nicht so anstel­len auf dem Opern­klo in Tou­lon. Völ­lig unge­fähr­lich. Und außer­dem völ­lig nor­mal das mit den Kol­la­te­ral­t­röpf­chen. Unge­fähr­lich sowieso. Aber auch nor­mal. Auf einem Kon­gress von Hygie­ni­kern haben sie eine Art wis­sen­schaft­li­che Erhe­bung durch­ge­führt, erzählt Herr Dasch­ner in sei­nem Inter­view. In den Toi­let­ten des Kon­gress-Zen­trums. Das Resul­tat: nicht ein­mal die Hälfte der Teil­neh­mer, Aka­de­mi­ker immer­hin und Spe­zia­lis­ten, was die Mikrobe betrifft, wäscht sich die Hände nach der Toi­let­ten­be­nut­zung. Alles nicht so schlimm also. Nor­mal geradezu.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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