Le Faron

2015-02-02 IMG_5408 (Faron) noch kleiner

Zum letz­ten Geburts­tag hat mir meine Frau ein GPS-Gerät fürs Fahr­rad geschenkt. Man kann Stre­cken pro­gram­mie­ren und weiß immer, wo man ist. Das Gerät zeigt auch an, wie schnell man ist, wie die Stei­gung ist, die Höhe über dem Mee­res­spie­gel, den Luft­druck, die Him­mels­rich­tun­gen. Den Kalo­ri­en­ver­brauch, die Puls­fre­quenz. Das mit der Puls­fre­quenz ist eigent­lich so über­flüs­sig wie der Luft­druck. Braucht man nicht wirk­lich. Daß es berg­auf anstren­gend wird, weiß ich auch so. Wenn es kei­nen Spaß mehr macht, ist die Puls­fre­quenz ver­mut­lich hoch. Ich lege den Sen­sor inzwi­schen doch an. Für einen Anäs­the­sis­ten exis­tiert eine Vital­funk­tion nur, wenn man sie auch von einem Moni­tor able­sen kann. Mitt­ler­weile weiß ich, daß Rad­fah­ren bei einer per­sön­li­chen Fre­quenz von 145 anstren­gend ist, aber auch über län­gere Stre­cken geht. Ab 150 macht es weni­ger Spaß. Über 160 geht nicht lange. Und macht kei­nen Spaß.

Meine Lieb­lings­stre­cke führt mich von zuhause direkt ans Meer bei Le Pra­det. Dort geht es berg­auf und bergab auf einer Straße frei für Anlie­ger zwi­schen Pinien, Fel­sen, Man­del­bäu­men, Oli­ven und Fei­gen. Zur Zeit blühlt und duf­tet die Mimose. Dazu per­fekte Sicht aufs Was­ser und die Halb­in­sel von Giens dahin­ter. Knapp drei­ßig Kilo­me­ter, eine Rund­stre­cke von einer guten Stunde.

Kin­der­stimme von hin­ten. Kin­der­plap­pern. Dazwi­schen eine Frau­en­stimme. Bestimmt eine Mama, die ihr Kind in einen offe­nen Zwei­sit­zer packt, um es in die Schule nach Car­quei­ranne zu brin­gen. Hier oben, mit solch einer Aus­sicht, woh­nen Leute in Anwe­sen deut­lich jen­seits der Mil­lio­nen­grenze. Por­sche, X5 und kleine BMW ohne Dach.

Erstaun­li­cher­weise kom­men die Stim­men näher. Mut­ter und Kind unter­hal­ten sich. Das Kind unter­hält vor­wie­gend die Mut­ter. Die Mut­ter eher ein­sil­big. Ich kann ein­zelne Worte dif­fe­ren­zie­ren, kei­nen Inhalt. Zu weit weg. Und mein eige­nes Atmen ist zu laut. Sechs Pro­zent Stei­gung, 12,2 Stun­den­ki­lo­me­ter, Ten­denz fal­lend. Umge­kehrt pro­por­tio­nal zu mei­ner Herz­fre­quenz. Aktu­ell bei 152.

Regarde, maman, le monsieur!

Oui, ché­rie.

On va le doubler.

Oui, ché­rie.

Links in mei­nem Blick­feld taucht ein Fahr­rad auf. Ein Tou­ren­rad. Dann sehe ich die Fah­re­rin. Blon­der Pfer­de­schwanz. Kein Helm. Kein Trop­fen Schweiß, keine roten Fle­cken. Gebräunt und blond. Ich ver­su­che, ihr Lächeln zu erwidern.

Bon­jour Madame.

Bon­jour.

Auf dem Gepäck­trä­ger eine Schul­ta­sche. Was Rosa­far­be­nes mit gro­ßem Schrift­zug Hello Kitty. Und dann der Anhän­ger. Ein Anhän­ger! Wow! Im Anhän­ger ein Kind in vor­wie­gend rosa. Ein Mäd­chen. Auch son­nen­ge­bräunt und blond. Ein Helm immer­hin, rosa­far­ben, auch von Hello Kitty. Viel­leicht drei Jahre. Kin­der­gar­ten­kind. Petite sec­tion vielleicht.

Bon­jour Monsieur!

Bon­jour chérie!

Maman, glaube ich, läßt sich zu einem Lächeln hin­rei­ßen. Zum Glück sagt sie nicht sowas wie Laisse le mon­sieur tran­quil, ché­rie. Ich bräuchte ihr Mit­leid nicht. Bitte nicht! 9,4 Stun­den­ki­lo­me­ter, Puls 162. Und es liegt nicht an dem blon­den Gespann. Na ja, viel­leicht doch. Die Schmach. Über­holt in der Stei­gung. Mühe­los mit Anhän­ger. Allein der Anhän­ger mit Kind wiegt sicher das Vier­fa­che mei­nes Fahrrads.

Ich ver­su­che, wider bes­se­res Wis­sen, wenigs­tens dran zu blei­ben. 172. Ein paar Meter noch und ich würde reani­ma­ti­ons­pflich­tig umfal­len. Das Gespann ist unein­hol­bar. Wahr­schein­lich hat mich gerade die fran­zö­si­sche Vize­meis­te­rin im Tri­ath­lon über­holt. Nach­dem sie ihre Toch­ter im Kin­der­gar­ten abge­setzt hat, wird sie über den Markt schlen­dern, kilo­weise Bio-Obst und -Gemüse in den Wagen packen und zuletzt noch zwei Six­packs 1,5-Liter-Wasserflaschen von Casino holen. Für den Vor­mit­tag sollte das rei­chen. Heute Nach­mit­tag viel­leicht eben über die Bucht nach Giens schwim­men und über den Strand von l'Almanarre nach Hause ren­nen. Nach einer klei­nen Sieste wird sie gegen halb fünf ihr klei­nes Blon­des abho­len. Das dann aber im offe­nen Zweisitzer.

Kann natür­lich auch sein, daß ihr Fahr­rad mit Strom fährt. Die Bat­te­rie unter der Schul­ta­sche auf dem Gepäckträger.

Am Faron, dem Haus­berg von Tou­lon, hatte ich neu­lich ein ähn­li­ches Erleb­nis. Der Faron ist gut über fünf­hun­dert Meter hoch und bie­tet an meh­re­ren Stel­len gran­diose Aus­sich­ten über die laut Eigen­wer­bung schönste Reede Euro­pas – la plus belle rade d'Europe.

Igel­fri­sur. Ärmel­lo­ses Sports­hirt, schwarz. Drah­tig, per­fekt durch­trai­niert. Kein Gramm zuviel. Frau Igel. Wahr­schein­lich Six­pack unter dem Rennshirt. Am Ober­arm ein iPhone. Tän­zelt ein paar Meter vor mir auf der Straße. Die Straße führt auf den Faron. 539 Höhen­me­ter auf der Straße maxi­mal. Wir befin­den uns auf 128 Höhen­me­tern. Meine Herz­fre­quenz liegt bei 150. Da kann ich noch bon­jour sagen, sogar noch lächeln. Sie hat, so wirkt es, nur auf mich gewar­tet. Sie wünscht mir einen guten Tag, bon­jour. Kaum bin ich an ihr vor­bei, bricht sie auf. Rechts ins Gebüsch. Da muß ein Wan­der­weg sein. Der Direkt­weg nach oben durchs Unter­holz, über Steine und Fel­sen. Sie wird nicht wan­dern mit ihrem iPhone am Arm, son­dern ren­nen. Knapp zehn Stun­den­ki­lo­me­ter. Berg­auf. Was für die ganz Har­ten. Das gehört ver­mut­lich zu ihrem per­sön­li­chen Trai­nings­pro­gramm für Réunion, la Dia­go­nale des Fous. Ein Ren­nen ein­mal quer durch die Île de La Réunion. Ins­ge­samt knapp zehn­tau­send Höhen­me­ter auf gut hun­dert­und­sech­zig Kilo­me­tern. Auch so eine Stre­cke wie hier am Faron. Nur län­ger. Die ren­nen da Tag und Nacht. Wahr­schein­lich krie­gen sie von der Land­schaft nicht viel mit. Schon gleich gar nicht im Licht­ke­gel ihrer Stirn­lam­pen. Das ist Frau Igels zweite Etappe für heute. Die erste hat sie schon hin­ter sich. Im Dun­keln. Mit Stirn­lampe. Sol­che Leute ren­nen in der Stei­gung über Stock und Stein schnel­ler als ich auf der Straße fahre. Ein Glück, daß sie durch die Wild­nis rennt. Erspart mir die Demü­ti­gung auf der Straße. Die würde mir einen hal­ben Kilo­me­ter Vor­sprung las­sen, nur um mich lächelnd zu über­ho­len. Lächelnd zu was Auf­mun­tern­dem. Wei­ter so, das wird schon. Bön courage.

Hun­dert Höhen­me­ter und zwei Haar­na­del­kur­ven spä­ter, meine Herz­fre­quenz bei 164, jen­seits der Lächel­grenze, springt zwan­zig Meter vor mir ein Mensch mit einem Kampf­schrei aus dem Gebüsch. Von rechts. Frau Igel? So schnell? Kann nicht sein! Das muß Herr Igel sein. Herr und Frau Igel spie­len das Spiel jeden Sonn­tag. War­ten im Mor­gen­grauen auf Senio­ren mit Fahr­rad. Die Senio­ren mit Fahr­rad sind die Hasen. Ich bin ein Hase. Man­che Hasen fal­len gleich tot um, wenn Herr Igel aus dem Gebüsch springt. Vor Schreck. Andere legen sich noch mal rich­tig ins Zeug. Ster­ben wenig spä­ter im Herz­kam­mer­flim­mern beim Ver­such, ihre Geschwin­dig­keit über die des iPho­nes mit Six­pack zu treiben.

Ist aber kein Trick. Es ist defi­ni­tiv Frau Igel. Frau Igel ist Ein­zel­kämp­fe­rin, Herr Igel ein Fan­tom. Sie war­tet auf mich. Lächelt. Wei­ter so, das wird schon. Bön courage!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Die­ser Text erschien in einer gekürz­ten Ver­sion am 12. März 2015 als Leser­ar­ti­kel bei ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/reisen/2015–03/radfahren-suedfrankreich-gps)

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