Cherepkivtsi

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему. Tol­stoi. Im Ori­gi­nal. Anna Karenina. Die ers­ten Zei­len. Alle glück­li­chen Fami­lien glei­chen ein­an­der, jede unglück­li­che Fami­lie ist auf ihre eigene Weise unglück­lich. Ich kann nur die­sen einen Satz rus­si­sch. Win­ter 1983. Auf dem Weg von Rumä­nien nach Polen. Nachts um eins mußte ich im ers­ten Bahn­hof auf der sowje­ti­schen Seite aus­stei­gen. Hatte kein Visum. Man hatte mir gesagt, im betref­fen­den Zug bräuchte man kein Visum, weil der abge­schlos­sen ein­fach durch die Sowjet­union durch­fah­ren würde bis Polen. Habe ich geglaubt. Auch glau­ben wol­len. Ziem­lich blau­äu­gig.

Her­mann?

Ich heiße nicht Her­mann. Könnte aber sein. Mei­nen Eltern waren alle mög­li­chen denk­wür­di­gen Vor­na­men für ihre Söhne zuzu­trauen. Egal. Her­mann sitzt in sei­nem Ses­sel und macht nichts. Sitzt da und guckt. Denkt viel­leicht was. Im Hin­ter­grund wirkt die Gat­tin in der Küche, die Tür halb geschlos­sen, trip­pelt von rechts nach links.

Ja?

Was machst du da?

Wie meint sie das? Ich sitze da und mache nichts. Denke viel­leicht was. Obwohl, den­ken? Ich habe Bil­der vom letz­ten Ski-Urlaub vor Augen, Vor­stel­lun­gen von der bevor­ste­hen­den Reise nach Neu­see­land. Sowas. Ist das den­ken? Muß ich jetzt dar­über reden?

Nichts.

Nichts? Wieso nichts?

Muß ich denn immer was machen? Die ganze Zeit mache ich irgend­was. Arbei­ten, Haus­auf­ga­ben, Müll­raus­brin­gen. Ein­mal muß auch Pause sein dür­fen. Sit­zen ohne machen.

Ich mache nichts.

Gar nichts?

Nein.

In zehn Tagen flie­gen wir nach Neu­see­land. Wir tref­fen den Erst­ge­bo­re­nen und fei­ern die Hoch­zeit von Isa­bel­les und Jéjés Sohn. Wir wer­den Vul­kane sehen, in hei­ßen Quel­len am Strand baden, den einen oder ande­ren Ori­gi­nal­schau­platz aus Herr der Ringe besich­ti­gen. Drei­tau­send Kilo­me­ter fah­ren von Auck­land im Nor­den nach Queen­s­town im Süden. Die Land­schaft wird unglaub­lich schön sein. Sagen alle, die schon mal dort waren. Ziem­lich viel Schafe, ein paar Spu­ren von Urein­woh­nern. Kiwis. Wir wer­den Bil­der davon machen. Mit Land­schaft und Scha­fen. Meine Frau wird Sel­fies machen. Ich werde lächeln.

Über­haupt nichts?

Nein, ich sitze hier.

Du sitzt da?

Ja.

Aber irgend­was machst du doch?

Nein.

Denkst du irgend­was?

Ich hatte zur Sicher­heit doch ein paar Stan­gen Ziga­ret­ten – Kent, die wei­ßen von Kent – mit­ge­nom­men. Und ein paar Pfund Boh­nen­kaf­fee von Aldi. Gegen Kent, die wei­ßen von Kent, und Kaf­fee­boh­nen konnte man im spät­so­zia­lis­ti­schen Rumä­nien alles bekom­men, was es eigent­lich nicht gab. Mäd­chen wür­den ihre Unschuld dafür her­ge­ben, hieß es. Mit ein paar Nylon­strümp­fen als Zugabe. Ich hatte nie Nylon­strümpfe dabei. Schon weil ich mir nicht vor­stel­len konnte, daß die Mäd­chen, die mich inter­es­sier­ten, für ein paar Schach­teln Ziga­ret­ten und Nylon­strümpfe zu haben wären. Und die Mäd­chen, die viel­leicht für ein paar Schach­teln Ziga­ret­ten und Nylon­strümpfe zu haben gewe­sen wären, inter­es­sier­ten mich nicht.

Nichts beson­de­res.

Es könnte ja nicht scha­den, wenn du mal etwas spa­zie­ren gin­gest.

Nein, nein.

Letz­tes Jahr reis­ten unsere Musi­k­er­freunde wäh­rend der glei­chen zwei Wochen Febru­ar­fe­rien nach Indien. Zur Ein­stim­mung und Vor­be­rei­tung hat­ten sie sich zu Weih­nach­ten präch­tige Bild­bände geschenkt und ein paar Rei­se­füh­rer. Lei­der wäre die Reise bei­nahe schon in Paris zu Ende gewe­sen. Ohne Visa darf man nicht in den Flie­ger. Sie hat­ten ver­säumt, ihre schö­nen Rei­se­füh­rer auch zu lesen. Die Kapi­tel „Prak­ti­sche Hin­weise“. Musi­ker eben. So etwas würde mei­ner Frau und mir nie pas­sie­ren. Dachte ich damals noch. Mir viel­leicht, nicht mei­ner Frau.

Ich bringe dir dei­nen Man­tel.

Nein, danke.

Aber es ist zu kalt ohne Man­tel.

Im Zug nach Posen bekam die erst­be­ste Uni­form zur Sicher­heit ein paar Schach­teln Kent. Das war der rumä­ni­sche Schaff­ner. Unnö­tige Ver­schwen­dung, dachte ich mir dann. Mein Rück­fahr-Ticket ers­ter Klasse Schlaf­wa­gen für umge­rech­net sech­zehn Mark war ohne­hin in Ord­nung. Zu spät. Mein Abteil war erstaun­lich sau­ber. Und erstaun­lich warm. Die Fens­ter konnte man nicht öff­nen. Na also, dachte ich. Stimmt ja wohl mit dem abge­schlos­se­nen Zug durch die Sowjet­union. Nicht wirk­lich viel spä­ter hielt der Zug im Nir­gendwo. Ringsum nur Schnee im Mond­schein. Wahr­schein­lich war das die Grenze zur Ukraine.

Ich gehe ja nicht spa­zie­ren.

Aber eben woll­test du doch noch?

Nein, du woll­test, daß ich spa­zie­ren gehe.

Ich? Mir ist es doch völ­lig egal, ob du spa­zie­ren gehst.

Die nächs­ten Uni­for­men waren sowje­ti­sche. Woll­ten meine Papiere sehen. Ich hatte keine außer mei­nem Paß, dem Schlaf­wa­genti­cket und einer selbst­ge­fälsch­ten rumä­ni­schen Aus­rei­se­er­laub­nis. Per­so­nal­aus­weis, Füh­rer­schein? Woll­ten sie nicht. Meine Kaf­fee­boh­nen und meine Kent wink­ten sie rou­ti­niert ab. Über­zeugte Patrio­ten. Ich mußte erken­nen, daß meine exo­ti­sche Ziga­ret­ten­marke nur in Rumä­nien Wun­der bewir­ken konnte. Auch meine Camel zum Eigen­be­darf konn­ten das feh­lende Tran­sit­vi­sum lei­der nicht erset­zen.

Gut.

Ich meine nur, es könnte dir nicht scha­den, wenn du mal spa­zie­ren gehen wür­dest.

Nein, scha­den könnte es nicht.

Meine Frau kann es nur ganz schlecht aus­hal­ten, wenn sie alleine „im Haus was machen muß“ – Wäsche, wischen, kochen. Als ob ich nie was im Haus machen würde – Wäsche, wischen, kochen. Wenn sie wischt, werde ich meis­tens dazu ange­hal­ten, die Asche aus dem Kamin zu holen oder mich wenigs­tens um das Mit­tag­es­sen zu küm­mern. Wenigs­tens. Und wann ich denn mal wie­der was schrei­ben würde in mei­nem Blog. Mir fällt eben nichts mehr ein. Demenz würde nicht unbe­dingt zur Krank­heit gehö­ren, meint sie. Bra­dy­phre­nie aber, erwi­dere ich. Das Den­ken geht noch, aber lang­sa­mer.

Also, was willst du denn nun?

Ich möchte hier sit­zen.

Du kannst einen ja wahn­sin­nig machen.

Ach.

Im nächs­ten Bahn­hof mußte ich aus­stei­gen. Und saß dann in Was-weiß-ich-wo jen­seits der rumä­ni­schen Grenze. Den Namen der Sta­tion habe ich ver­ges­sen, wenn ich ihn über­haupt mal kannte. Wahr­schein­lich Che­r­ep­kiv­tsi. Mußte auf den Zug zurück nach Suceava war­ten. Die rie­sige Bahn­hofs­halle war warm, fast zu warm. Ich mußte eine neue Fahr­karte kau­fen gegen schöne Dol­lars zum offi­zi­el­len Kurs. Bekam gegen mei­nen Zwan­zig-Dol­lar-Schein keine Rubel, son­dern nur ein paar rumä­ni­sche Mün­zen und eine spe­ckige zehn-Lei-Note zurück. Rubel als Wech­sel­geld würde ich ja ohne­hin nicht aus­füh­ren dür­fen. Lehr­geld. Bis zur Abfahrt mei­nes Zugs zurück hatte ich noch gut drei Stun­den zu war­ten.

Erst willst du spa­zie­ren gehen, dann wie­der nicht. Dann soll ich dei­nen Man­tel holen, dann wie­der nicht. Was denn nun?

Ich möchte hier sit­zen.

Und jetzt möch­test du plötz­lich da sit­zen.

Gar nicht plötz­lich. Ich wollte immer nur hier sit­zen.

Was willst du eigent­lich in Neu­see­land, wollte ich von mei­nem Erst­ge­bo­re­nen wis­sen. Da gibt’s doch nichts außer Scha­fen, Hob­bits und Bun­gee-Sprin­ger. Mein Sohn wider­sprach ganz ent­schie­den. Die Natur! Ok, das sagen sie alle. Und vor allem, Neu­see­land wäre ja auf der Süd­halb­ku­gel. Wenn ihr es hier kalt und unan­ge­nehm habt, habe ich den schöns­ten Som­mer, warm und Sonne. Süd­halb­ku­gel stimmt. Auck­land im Nor­den ist vom Äqua­tor so weit ent­fernt wie zum Bei­spiel Tunis. Queen­s­town im Süden wie Lyon. Der Som­mer dort hat jedoch nichts mit dem Som­mer von Tunis oder Lyon gemein­sam. Kli­ma­mä­ßig. Eher Dub­lin oder Hel­sinki. Unter 25 Grad. Regen jeden zwei­ten Tag. Von wegen Som­mer. Ich glaube, mein Sohn wollte ein­fach nur ganz weit weg.

Sit­zen?

Ich möchte hier sit­zen und mich ent­span­nen.

Wenn du dich wirk­lich ent­span­nen woll­test, wür­dest du nicht dau­ernd auf mich ein­re­den.

Ich sag’ ja nichts mehr.

Die War­te­zeit störte mich nicht wei­ter, ich saß ja schön im War­men und hatte was zu lesen dabei. Anna Karenina. Und kam ins Gespräch mit gelan­ge­weil­tem uni­for­mier­tem Per­so­nal, soweit mein noch sehr kom­pak­ter rumä­ni­scher Wort­schatz das eben zuließ. Wir plau­der­ten über Rumä­nien, Ceaușescu, das erbärm­li­che Leben im rumä­ni­schen Sozia­lis­mus, meine Fami­lie in Deutsch­land. Und natür­lich über Tol­stoi.

Jetzt hät­test du doch mal Zeit, irgend­was zu tun, was dir Spaß macht.

Ja.

Liest du was?

Die Ath­mo­sphäre war nett. Ent­spannt. Lew Niko­la­je­wit­sch Tol­stoi gehört zu den größ­ten Schrift­stel­lern aller Zei­ten. Wir waren uns einig. Wahr­schein­lich war ich der erste Kapi­ta­list, der seit dem Krieg in die­sem Grenz­bahn­hof aus­ge­stie­gen war. Einer der Beam­ten schrieb mir die ers­ten Zei­len auf rus­si­sch in mein Buch. Glaubte ich zumin­dest. Hat er mir zumin­dest als den Ori­gi­nal­text ver­kauft. Aber, wie gesagt, ich war ja blau­äu­gig. Das war dem Per­so­nal sicher auch auf­ge­fal­len. Will ohne Visum durch die Sowjet­union! Blau­äu­gi­ger geht ja wohl gar nicht!

Im Moment nicht.

Dann lies doch mal was.

Nach­her. Nach­her viel­leicht.

Hol dir doch die Illus­trier­ten.

Ich möchte erst noch etwas hier sit­zen.

Vor ein paar Tagen ist mei­ner Frau beim Stu­dium der prak­ti­schen Sei­ten des Rei­se­füh­rers sie­dendheiß auf­ge­fal­len, daß wir für Neu­see­land inter­na­tio­nale Füh­rer­scheine benö­ti­gen. Zu unse­ren deut­schen Füh­rer­schein­kar­ten stellt uns das nie­mand aus. Nicht mal das Kon­su­lat in Mar­seille kann hel­fen. Wenn Sie kei­nen Wohn­sitz in Deutsch­land mehr haben, müs­sen Sie Ihren deut­schen Füh­rer­schein gegen einen fran­zö­si­schen ein­tau­schen. Und sich dann dazu einen inter­na­tio­na­len holen. Geschätz­ter zeit­li­cher Auf­wand drei Monate. Alter­na­tiv dazu rei­chen auch auto­ri­sierte Über­set­zun­gen. In Neu­see­land auto­ri­sierte Über­set­zun­gen. Die man vor Ort wahr­schein­lich inner­halb von ein paar Stun­den haben könnte. Man würde Tou­ris­ten ja nicht mit läp­pi­schen For­ma­li­tä­ten ver­grau­len. Die haben ja nichts außer Scha­fen, Hob­bits und Tou­ris­ten. Meine Frau wollte es jedoch nicht dar­auf ankom­men las­sen.

Soll ich sie dir holen?

Nein, nein, vie­len Dank.

Will der Herr sich auch noch bedie­nen las­sen, was? Ich renne den gan­zen Tag hin und her. Du könn­test wohl ein­mal auf­ste­hen und dir die Illus­trier­ten holen.

Ich möchte jetzt nicht lesen.

Mal möch­test du lesen, mal nicht.

Der Ober­auf­se­he­rin im Bahn­hof, erkennt­lich an mehr Pelz an der Mütze, Ster­nen auf den Schul­tern und kli­schee­kon­for­mem Auf­se­her­auf­tre­ten, gefiel die offen­sicht­li­che Fra­ter­ni­sie­rung ihres Per­so­nals mit dem Ein­dring­ling aus kapi­ta­lis­ti­schem Aus­land nicht. Sie ver­bannte mich in eine immer noch große, aber zugige Vor­halle. Unbe­heizt. Kon­ti­nen­tal­win­ter. Meine rudi­men­tä­ren Rus­sisch­kennt­nisse sind hart erkauft.

Ich möchte ein­fach hier sit­zen.

Du kannst doch tun, was dir Spaß macht.

Das tue ich ja.

Dann quen­gel doch nicht dau­ernd so rum. Her­mann? … Bist du taub?

Nein, nein.

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему – Nie­der mit der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Rumä­ni­ens und dem ein­ge­bil­de­ten Schus­ter­lehr­ling an ihrer Spitze! Hätte auch sein kön­nen. 1983 gab es goo­gle noch nicht. In die­sem Fall hät­ten im Rah­men einer vor­stell­ba­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit rumä­ni­schen Grenz­be­am­ten meine Kaf­fee­boh­nen von Aldi und die exo­ti­schen Ziga­ret­ten zum schla­gen­den Argu­ment wer­den kön­nen. Hat aber kei­ner kon­trol­liert. Der rumä­ni­sche Zoll­be­amte inter­es­sierte sich nicht für fremd­sprach­li­che Lite­ra­tur.

Du tust eben nicht, was dir Spaß macht. Statt­des­sen sitzt du da.

Ich sitze hier, weil es mir Spaß macht.

Sei doch nicht gleich so aggres­siv.

Ich bin doch nicht aggres­siv.

Warum schreist du mich dann so an?

ICH SCHREIE DICH NICHT AN!

32 (zwei­und­drei­ßig) Stun­den dau­ert die Reise nach Auck­land. Viel­leicht fällt mir unter­wegs was für den Blog ein.


© Ber­tram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Kopfgeld

Ein paar Tage mit den Kin­dern beim Ski­fah­ren. Zu dritt, die Mut­ter würde nach­kom­men. Um vier Uhr mor­gens im Auto, neun Uhr die ers­ten am Lift. Und dann das. Gleich am ers­ten Tag.

Nach fünf­zehn Minu­ten War­ten auf den Sohn hatte ich mich auf den Weg gemacht, pis­ten­auf­wärts. Gefühlt fünf­zehn Minu­ten, wahr­schein­lich waren es gerade mal fünf Minu­ten gewe­sen. Wenn man uner­war­tet war­ten muß, bläst sich jede Minute auf. Mein Sohn war mit dem Snow­board unter­wegs, noch etwas unge­übt und eher vor­sich­tig. Nor­ma­ler­weise aber war er höchs­tens eine halbe Minute hin­ter uns, sei­ner klei­nen Schwes­ter und mir. Nach fünf­zehn Minu­ten, wo bleibt er denn nur, hatte ich die Ski­bin­dun­gen gelöst und war auf­ge­bro­chen, die Piste auf­wärts, zum Glück eher flach, keine zehn Pro­zent, blaue Piste. Offen­bar sicht­lich besorgt wir­kend und wer läuft schon Pis­ten auf­wärts, war ich ohne Unter­laß von mit­füh­len­den Pas­san­ten ange­spro­chen wor­den. Ja, da läge ein Kind auf der Piste, nicht mehr weit, drei­ßig Meter noch, aber les sécou­ris­tes, die Berg­ret­tung, würde sich schon um ihn küm­mern, sei bestimmt nicht so schlimm. Was, die Berg­ret­tung? So schlimm? Wenn einer mal in den Schnee fällt, kom­men die Sécou­ris­tes doch auch nicht gleich! Wahr­schein­lich was gebro­chen. Oder bewußt­los? Nein, wahr­schein­lich nichts gebro­chen. Wäre was gebro­chen, würde mein Sohn sich unter Schmer­zen win­den und wahr­schein­lich wei­nen, wür­den die Pas­san­ten nicht sagen, es sei bestimmt nicht so schlimm. Bewußt­los also. Schä­del-Hirn-Tauma wie Schumi vor drei Jah­ren! Sub­du­ra­les Häma­tom. Am Ende, nach ein paar Wochen Inten­sivst­me­di­zin, ist vom Hirn nicht mehr viel übrig. Oder pein­li­cher Sturz. Sein bes­ter Kum­pel spielt Fuß­ball im Ver­ein. Wenn der im Gar­ten beim Bol­zen mal über die eige­nen Füße stol­pert, insze­niert er das mit gro­ßer Thea­tra­lik. Fuß­bal­ler eben. Mein Sohn kann die Thea­tra­lik schon fast so gut wie sein Kum­pel. Sowas kann ich gut beschwich­ti­gen. Meist reicht igno­rie­ren. Noch blieb ein biß­chen Hoff­nung. Sicher hat­ten die Pas­san­ten recht. Nicht so schlimm. Trotz Berg­ret­tung. Wahr­schein­lich waren die zufäl­lig vor­bei­ge­kom­men. Wei­ter oben hat­ten wir einen Ski­fah­rer auf einer Trage gese­hen. Weit­räu­mig abge­rie­gelt von den roten Over­alls der Berg­ret­tung. Der Hub­schrau­ber über mir war bestimmt für den Unfall wei­ter oben unter­wegs.

Mein Sohn als Lie­gend­trans­port oder im Hub­schrau­ber wäre zu ärger­lich gewe­sen. Ein paar Stun­den zuvor, an der Kasse für die Pis­ten­kar­ten, hatte ich den Vor­schlag der Kas­sie­re­rin einer zusätz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung noch zurück­ge­wie­sen. Ach was, wird schon gut­ge­hen. Geht seit vie­len Jah­ren ohne Ver­si­che­rung gut. Noch nie in all den Jah­ren waren wir auf die Hilfe der Berg­ret­tung ange­wie­sen. Über­mü­tig schien das jetzt. Geiz­krise. Schwa­ben­gene. Wegen ein paar Euro mehr pro Tag und Per­son. Als ob es dar­auf noch ange­kom­men wäre. Wenn sie mei­nen Sohn mit dem Hub­schrau­ber ins Tal bräch­ten, würde das ein Ver­mö­gen kos­ten. Hub­schrau­ber­zeit wird mei­nes Wis­sens nach Minu­ten berech­net.

Die drei­ßig Meter hatte ich schon längst geschafft, kein Sohn in Sicht, auch keine Ansamm­lung Schau­lus­ti­ger immer­hin. Nach einer wei­te­ren Links­kurve sah ich ihn. Noch gut fünf­zig Meter. Von wegen drei­ßig! Fran­zo­sen reden immer alles schön. Mein Sohn lag in Bauch­lage quer zur Fahrt­rich­tung auf der Piste. Bauch­lage! Warum das denn? Helm auf dem Kopf, die Arme dar­un­ter ver­schränkt. An den Füßen immer noch das Board. Ober­halb von ihm steckte ein Paar Ski gekreuzt im Schnee. Siche­rung der Unfall­stelle. Hier war ein Profi am Werk. Die Piste war ziem­lich schmal, mein Sohn mit­ten­drin. An sei­nem Kopf­ende kniete ein Mann im Schnee. Roter Ski­an­zug mit dem Emblem-Adler des Ski­ge­biets auf dem Rücken, Beschrif­tung „Sécou­riste“, Weiß auf Rot, Berg­ret­tung. Er beugte sich über mei­nen Sohn und sprach mit ihm. Wah­schein­lich fragte er ein­fach ça va, t-as mal, t-as froid? Zum bestimmt hun­derts­ten Mal. Mein Sohn war etwas blass, das sah ich schon von wei­tem, hatte die Augen geschlos­sen. Würde doch hof­fent­lich nicht so schlimm sein wie es aus­sah. Was würde meine Frau sagen? Bauch­lage. Wenn einer was am Rücken hat, soll man seine Posi­tion nicht ver­än­dern. Mein Sohn reagiert auf die Anspra­che des Herrn im roten Ski­an­zug, gibt sich aller­dings wort­karg, genervt. Auch das sehe ich von wei­tem. Immer diese ewig glei­chen Fra­gen, ça-va-t-as-mal-t-as-froid. Wahr­schein­lich Schmer­zen irgendwo. Bestimmt am Fuß. Und kalt. Mir wäre kalt, wenn ich so im Schnee lie­gen müßte.

Bon­jour Mon­sieur. Der Herr im roten Over­all unter­rich­tete mich, daß das Team zur wei­te­ren Ver­sor­gung bereits unter­wegs wäre, jeden Moment ein­tref­fen sollte. Mit der coquille. Die Coquille ist wohl die Trage für den Schnee. Mit einem Ret­ter jeweils vorne und hin­ten. Akia auf deut­sch. Mög­li­cher­weise eine Ver­let­zung der Wir­bel­säule, sagte er. Und wer ich über­haupt wäre? Je suis son père. Ich bin der Vater. Eigent­lich hätte er nach einem Aus­weis ver­lan­gen müs­sen. Bloß nicht anfas­sen, sagte er, gleich kommt das Team mit der coquille. Soweit durfte es nicht kom­men. Wenn man die ein­fach machen lässt, packen die mei­nen Sohn in ihre coquille, womög­lich in Bauch­lage, und ich kann ihn im Cen­tre hos­pi­ta­lier von Bri­ançon wie­der ein­sam­meln. Das Cen­tre hos­pi­ta­lier von Bri­ançon hat kei­nen guten Ruf. Kein Wun­der, wer will da schon arbei­ten, ist ja nichts los am Arsch der Welt. Wir hat­ten bei uns mal einen Kno­chen­chir­ur­gen, der von da kam. Marco. Ita­lie­ner. Zwei linke Hände. Nichts gegen Ita­lie­ner. Für Marco war jedes kaputte Hand­ge­lenk eine ganz kom­pli­zierte Frak­tur. Ganz kom­pli­ziert. Außer­dem kenne sol­che Betriebe des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens in Frank­reich. Ange­kom­men in Bri­ançon wür­den sie ihn, weil bis dahin wahr­schein­lich nichts mehr weh­tut, kein Krib­beln, keine Taub­heit, aus der Coquille holen und auf einen Stuhl im War­te­saal set­zen. Sich laut auf­re­gen über die inkom­pe­ten­ten, naja über­vor­sich­ti­gen, Kol­le­gen der Berg­ret­tung. Oder auf eine Prit­sche im Flur legen. Bes­ten­falls. Immer schön in Bauch­lage. Kann aber war­ten, ist ja kein lebens­be­droh­li­cher Not­fall. Atmet ja noch. Das War­ten in Betrie­ben des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens kann sich über Stun­den hin­zie­hen, kenne ich. Die Rönt­gen­ab­tei­lug wird dort genauso chro­ni­sch über­for­dert sein wie die in mei­nem Cen­tre hos­pi­ta­lier ein biß­chen wei­ter im Süden. Wenn es sich irgend­wie ver­ant­wor­ten läßt, muß ich mei­nen Sohn aus den Fän­gen der Berg­ret­tung befreien. Würde mei­ner Frau nicht gefal­len, den Sohn im Kran­ken­haus von Bri­ançon besu­chen zu müs­sen. Kann man euch nicht ein­mal alleine las­sen? Zudem steht die Toch­ter immer noch unten am Lift.

Hallo Sohn, ça va, t-as mal, t-as froid? Mein Sohn war ansprech­bar. Jaha, es geht. Ja, Schmer­zen am Rücken und im Fuß. Und nein, mir ist nicht kalt. Ein Eis­bro­cken auf der Piste hatte ihn aus dem Gleich­ge­wicht gebracht. Rück­wärts auf die ver­eiste Piste geknallt. Konnte vor Schmer­zen zehn Sekun­den nicht mehr atmen. Sagte er. Zehn Sekun­den. Okay, wohl kein Ver­lust des Bewußt­s­eins. Ande­rer­seits, Schumi hat sich auch nicht sofort nach dem Sturz aus­ge­blen­det. Der Schmerz im Rücken klein loka­li­siert, kleine rote Stelle auf der Haut. Tut’s da weh, wenn ich drü­cke? Nein. Mein Sohn ist durch­trai­nier­ter Sport­ler, der bricht sich so schnell nichts. Bei mir wäre das viel­leicht anders. Der linke Fuß tat weh. Die große Zehe. Kaum auf der Piste, tat ihm der linke Fuß schon weh. Fal­scher Schuh, wahr­schein­lich zu kurz. Schlecht gewählte Aus­rüs­tung kann einem beim Ski­fah­ren den gan­zen Tag ver­gäl­len. Kenn‘ ich.

Für mein Gefühl konnte man es ver­ant­wor­ten, ihn von sei­nem Board und aus der Bauch­lage zu befreien. Stop, stop, was machen Sie denn da. Der Berg­ret­ter war nicht ein­ver­stan­den. Je suis méde­cin, ça va aller. Ich bin Arzt, das wird schon gehen. Das reichte dem Berg­ret­ter. Eigent­lich etwas halb­her­zig, finde ich, sein Wider­stand, da könnte ja jeder kom­men, sagen, er wäre Arzt.

Kein Krib­beln, keine Taub­heit, etwas Schmerz. Im Fuß vor allem, am Rücken ging’s. Etwas blaß der Junge. Wir werden’s für heute gut sein las­sen mit dem Sport. Un cho­co­lat chaud zuhause ist auch schön. Auf eigene Ver­ant­wor­tung und gegen Unter­schrift durf­ten wir gehen. Der Sécou­riste kannte das offen­sicht­lich, hatte einen gan­zen Sta­pel ent­spre­chen­der Zet­tel im Post­kar­ten­for­mat dabei. Kei­ner will mit ihm blei­ben. Ich mußte ihn mit klam­men Hän­den aus­fül­len. Immer noch keine Aus­weis­kon­trolle. Wofür soll das also gut sein? Er gab sich zum Abschluß pam­pig. Ihre Schuld, wenn ihr Sohn am Ende im Roll­stuhl sitzt.

Wahr­schein­lich gibt es Kopf­geld für jedes Opfer von der Piste.


© Ber­tram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Hoffnung

Mitt­woch

12:50 Uhr Ren­dez­vous in der méde­cine nucléaire, Nukle­ar­me­di­zin. Fens­ter­lose War­te­ni­sche an der Kreu­zung von zwei Flu­ren. Neben einer Tür mit einem Papp­schild „Accu­eil“ ist ein klei­ner Auto­mat zur Ver­gabe von War­te­num­mern. C016. Wieso C? Gibt es hier noch andere Türen? Über­haupt, ich sehe kei­nen ein­zi­gen Moni­tor für die Anzeige der aktu­ell auf­ge­ru­fe­nen Num­mer. Noch bevor ich jedoch in die Pati­en­ten­runde der War­te­ni­sche fra­gen kann, was ich nun mit mei­ner Num­mer anzu­fan­gen hätte, öff­net eine junge Frau die Tür. C’est vous la seize? Sind Sie die Sech­zehn? Die junge Frau trägt ein Namens­schild. Sab­rina. Erfas­sung der Per­so­na­lien, Unter­schrift für die digi­tale Wei­ter­gabe mei­ner Resul­tate an den Neu­ro­lo­gen. Wie fort­schritt­lich! Ob ich meine Resul­tate nicht auch digi­tal haben dürfte? Das geht lei­der nicht, sagt Sab­rina lächelnd, lei­der nicht ohne die Auto­ri­sa­tion des Dok­tor C., der mich gleich sehen würde. Das würde ich doch ver­ste­hen. Natür­lich ver­stehe ich das. Es geziemt sich für Pati­en­ten, Ver­ständ­nis auf­zu­brin­gen. War­ten im War­te­be­reich. Ein dicker älte­rer Herr wird halb ent­blößt auf einer Prit­sche vor­ge­scho­ben. Er trägt Win­deln und stöhnt vor Schmer­zen. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Sehr ermu­ti­gend. In der Radio­lo­gie hilft einem kei­ner. Die inter­es­sie­ren sich für ihre Bil­der und sonst nichts. Der bran­car­dier, der Prit­schen­schie­ber legt einen klei­nen Stop ein, wech­selt char­mante Worte im Accu­eil mit Sab­rina und ihren Kol­le­gin­nen, wäh­rend der ältere Herr in Win­deln mit­ten auf der Kreu­zung stöhnt. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Der Prit­schen­schie­ber hat den Lehr­gang zum wür­di­gen Umgang mit Pati­en­ten offen­sicht­lich ver­säumt. Oder nichts ver­stan­den.

Mon­sieur Diäl?

13:27 Uhr der Dok­tor. Dok­tor C.. Mond­ge­sicht mit Voll­bart. Sieht aus wie direkt aus dem Stu­dium. Gibt mir eine Kap­sel, die ich schlu­cken soll mit etwas Was­ser. Car­bi­dopa 100 mg. Soll eine Stunde ein­wir­ken. Zur bes­se­ren Fixie­rung des radio­ak­ti­ven Dopa­mins. Nach der Injek­tion des radio­ak­ti­ven Dopa­mins werde ich wei­tere ein­ein­halb Stun­den war­ten müs­sen. Zur Fixie­rung der Iso­tope. Die eigent­li­che Unter­su­chung funk­tio­niert wie ein Kern­spin oder CT und dau­ert nur etwa 15 Minu­ten. Neben­wir­kun­gen? Nein, eigent­lich nicht. Die von mir dann aus­ge­hende Radio­ak­ti­vi­tät würde mei­nen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen nicht scha­den. Und mir selbst? Non, nor­ma­le­ment non.

War­te­ni­sche.

Mon­sieur Diehl?

Die Schwes­ter fünf Minu­ten spä­ter – immer­hin spricht sie mei­nen Namen rich­tig aus – gelei­tet mich in eine Art Labor. Hélène. Infu­sion in der Ellen­beuge. Die radio­ak­tive Injek­tion soll jetzt gleich erfol­gen, main­ten­ant, kün­digt sie an. Auch wenn main­ten­ant im medi­ter­ra­nen Ver­ständ­nis ganz all­ge­mein eine andere Bedeu­tungs­schwere hat als rechts des Rheins und nicht „Jetzt und Sofort“ heißt, son­dern durch­aus Spiel­räume von einer Vier­tel- bis hal­ben Stunde bie­tet, steht main­ten­ant im Wider­spruch zu der Stunde War­te­zeit, von wel­cher der Dok­tor eben sprach. Ah, bon, sagt Hélène, hat der Dok­tor das gesagt? Geht weg. Und kommt nach einer guten hal­ben Stunde wie­der. Jetzt wäre es wohl soweit. Na dann. Plau­dert noch was. Über mei­nen Akzent und von wo ich denn käme. Stutt­gart? Ken­nen Sie das? Nein, aber ihr Mann kennt das, der war mit dem Mili­tär damals nicht weit von Stutt­gart. Viele Män­ner die­ser Gene­ra­tion schei­nen mit dem Mili­tär damals in Kaser­nen nicht weit von Stutt­gart gewe­sen zu sein. Oder Tübin­gen. Sig­ma­rin­gen. Hélène war zwei Mal in Trè­ves, Trier. Die Aus­tausch­part­ne­rin, auch die Eltern, sprach so gut Fran­zö­si­sch, daß sie nichts gelernt hätte. Über­haupt wären die Fran­zo­sen ja so schlecht in Spra­chen, stellt sie fest. Was aber auch an dem mise­ra­blen Unter­richt in der Schule läge. Der durch­schnitt­li­che Fran­zose koket­tiert gerne mit der man­geln­den Sprach­be­ga­bung sei­nes Volks und dem mise­ra­blen Unter­richt in der Schule. Dann ist genug geplau­dert. Es folgt die radio­ak­tive Injek­tion aus einer mons­trö­sen Maschine mit Stahl­zy­lin­dern. Main­ten­ant. Sieht aus wie ein Modell aus den frü­hen Anfän­gen der Nukle­ar­me­di­zin. Ein­schließ­lich der medi­ter­ra­nen Vier­tel­stunde für Jetzt kommt das am Ende schon hin mit der Stunde Ein­wirk­zeit.

Bis zuletzt hatte ich gehofft, es wäre viel­leicht doch alles Quat­sch, Ein­bil­dung, ein Irr­tum. Die Hoff­nung gehört zu chro­ni­schen Krank­hei­ten wie der Hori­zont zur Wüste. Obwohl ich es natür­lich bes­ser weiß. exams_requests-php-1Eigent­lich. Hin­ter dem Hori­zont geht die Wüste genauso wei­ter. Ins­ge­samt zuwe­nig Anrei­che­rung des Iso­tops, sagt der Nukle­ar­me­di­zi­ner Dok­tor C. und wird es auch schrei­ben in sei­nem Befund, rechts noch weni­ger als links. Die Bil­der sind der Beweis. Soll die Sym­pto­ma­tik links erklä­ren. Die meis­ten Ner­ven­fa­sern aus dem Hirn kreu­zen irgendwo auf die Gegen­seite. Okay. Ich habe damit gerech­net. Trotz­dem, schade.

Frei­tag

Der Voll­stän­dig­keit hal­ber und weil mir eine Freun­din von ganz frü­her, aus der medi­zi­ni­schen Sand­kiste quasi, jetzt Neu­ro­lo­gin in Ber­lin, dazu gera­ten hatte, war ich bei der Echo­kar­dio­gra­phie. Sie hat sich mitt­ler­weile zwar mehr auf Psych­ia­trie spe­zia­li­siert, hatte aber auch lange mit Par­kin­son zu tun und Par­kin­son sei ja das täg­lich Brot des Neu­ro­lo­gen, sagt sie. Die Neu­ro­lo­gin sagt, Herz­pro­bleme soll­ten im Rah­men der Par­kin­son-Dia­gnos­tik aus­ge­schlos­sen wer­den, ins­be­son­dere ein Fora­men ovale. Das Fora­men ovale, latei­ni­sch für ova­les Loch, ist ein Loch zwi­schen zwei Herz­kam­mern, den Vor­hö­fen. Das Loch braucht man im Mut­ter­leib, solange die Lun­gen noch nicht in Betrieb sind. Nach der Geburt sollte sich das inner­halb von ein paar Tagen bis Wochen ver­schlie­ßen. Wenn nicht, kann das spä­ter zu Schlag­an­fäl­len füh­ren. Oder kann eben, wie es scheint, irgend­was mit Par­kin­son zu tun haben. Habe ich noch nie gehört vor­her, wozu aber sonst die Herz­dia­gnos­tik? Ich habe der Neu­ro­lo­gin in Ber­lin viel­leicht nicht rich­tig zuge­hört. Oder nicht rich­tig nach­ge­fragt. Pati­en­ten fra­gen immer viel zu wenig. Und wun­dern sich nach­her, daß sie nichts ver­stan­den haben.

Patrick B., im Cen­tre hos­pi­ta­lier der Kar­dio­loge mei­nes Ver­trau­ens, macht die Echo­kar­dio­gra­phie. Patrick B. könnte auch Par­kin­son­pa­ti­ent sein. Kla­rer Fall von Hypo­mi­mie, Mas­ken­ge­sicht, cha­rak­te­ris­ti­sch für Par­kin­son. Ich kenne mich damit aus. Patrick lächelt nicht oft. Liegt viel­leicht an der knap­pen Aus­stat­tung sei­ner Abtei­lung. Momen­tan ver­fügt er zum Bei­spiel nicht über seine Sonde für tran­s­ö­so­pha­ge­ale Echo­gra­phie. Ist kaputt gegan­gen, er war­tet seit drei Mona­ten auf Ersatz oder Repa­ra­tur. Wir sind eine öffent­li­che Struk­tur, viel­leicht gibt es gerade nicht genug Geld für die Repa­ra­tur. Tran­s­ö­so­pha­geal? Eine Sono­gra­phie-Sonde für die Spei­se­röhre, weil man so dem Her­zen und ins­be­son­dere dem even­tu­el­len Loch noch näher kommt als transt­ho­ra­kal, durch die Brust­wand. Gilt wohl als die Methode der Wahl, um das Loch zu fin­den, wenn es da eines gibt. Patrick hat eine andere Methode, die er der tran­s­ö­so­pha­ge­alen Echo­gra­phie ohne­hin zumin­dest für eben­bür­tig hält, wenn nicht gar über­le­gen. Viel­leicht macht er aus der Not eine Tugend. Die Schwes­ter, Pas­cale, inji­ziert mir Flüs­sig­keit mit win­zig klei­nen Luft­bläs­chen in die Vene. Kann man in der Echo­gra­phie sehr schön sehen, die Bläs­chen erschei­nen wie Schnee­ge­stö­ber. Nor­ma­ler­weise nur in den rech­ten Herz­kam­mern. Wenn da ein Loch ist, auch links. Vier Injek­tio­nen. Zwei Mal unauf­fäl­lig. Und dann doch ein Zwei­fel. Sind da nicht doch Bläs­chen links? Sind das viel­leicht Arte­fakte, Fehl­mes­sun­gen, frage ich. Auf unse­ren Nar­kose-Moni­to­ren gibt es stän­dig Fehl­mes­sun­gen. Blut­druck 143 zu 132 gibt es nicht, eigen­ar­ti­ges EKG, nein, trotz­dem kein Herz­still­stand, wahr­schein­lich hat sich eine Elek­trode gelöst. Patrick aber ist sich ganz sicher: Kla­res Nein. In der Kar­dio­lo­gie gibt es keine Arte­fakte. Ein ganz klei­nes Loch viel­leicht. Er wird sei­nen Freund, den Pro­fes­sor in Mar­seille fra­gen. Mein Neu­ro­loge hat auch einen Freund in Mar­seille. Das gehört irgend­wie dazu. Und wenn da ein Loch ist, auch ganz klein, wird das abge­dich­tet und mein Par­kin­son ver­schwin­det wie von selbst. Bestimmt.

Die Hoff­nung gehört zu chro­ni­schen Krank­hei­ten wie der Hori­zont zur Wüste. Irgendwo muß die Oase doch sein.


© Ber­tram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Dienstfähig

Novem­ber

8:40 Uhr. Ter­min bei der Betriebs­ärz­tin, Mar­gue­rite C.. Méde­cine du tra­vail. Die gibt sich immer so ein biß­chen belei­digt, wenn sie mich sieht, weil das eigent­lich jähr­lich sein sollte, der Ter­min. Alle Jahre wie­der schickt sie mir eine Ein­la­dung und zwei, drei Erin­ne­run­gen. Vom Prin­zip muß sie mir jedes Jahr meine Arbeist­fä­hig­keit beschei­ni­gen. In Deutsch­land dürfte ich ver­mut­lich ohne die Arbeits­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung über­haupt nicht mehr arbei­ten. Der Arbeit­ge­ber würde sich womög­lich sogar straf­bar machen, mit Mit­ar­bei­tern, deren Arbeits­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung län­ger als 42 Tage abge­lau­fen ist. In Deutsch­land. In den Jah­ren seit Februar 2000 ist es unser zwei­tes Mal. Vor fünf Jah­ren war ich schon mal in die­sem Büro. Natür­lich sehen wir uns immer wie­der auf irgend­wel­chen Flu­ren, ist ja eher über­sicht­lich hier im Cen­tre hos­pi­ta­lier, ich weiß, wie sie heißt und wie das heißt, was sie macht, ohne genau zu wis­sen, was Méde­cine du tra­vail wirk­lich ist, wie bei sovie­len Jobs, die noch mehr im Hin­ter­grund statt­fin­den als mei­ner.

Mar­gue­rite C. hat ihre Büros mit einer Schwes­ter und einer Sekre­tä­rin in der ehe­ma­li­gen Direk­to­ren­villa direkt am Hub­schrau­ber­lan­de­platz. Ich käme bestimmt wegen der Grippe-Imp­fung. Schien ein biß­chen belei­digt, als ich dies ver­neinte. Zur Rou­ti­ne­un­ter­su­chung also, wäre ja schön, daß ich auch mal auf ihre Ein­la­dun­gen reagie­ren würde, ich wäre ja nicht wirk­lich dazu ver­pflich­tet, aber es schiene ihr doch sinn­voll. Das könn­ten wir dann natür­lich auch gleich erle­di­gen, fand ich, sprach ihr von mei­ner Ver­dachts­dia­gnose und fragte, was es wohl von ihrer Seite aus zu beach­ten gäbe. Außer Belei­digt kann Mar­gue­rite Betrof­fen. Sogar sprach­lose Betrof­fen­heit. Dabei bin ich noch gar nicht tot. Mein Arm ver­hält sich unauf­fäl­lig, meine Mimik fällt dem Nicht­spe­zia­lis­ten noch nicht als redu­ziert auf. Und den Spei­chel­fa­den aus dem lin­ken Mund­win­kel habe ich auch meis­tens unter Kon­trolle. Mar­gue­rite ver­zich­tete auf gezielte Fra­gen aus dem neu­ro­lo­gi­schen Reper­toire und die Prü­fung der Reflexe. Hat von Neu­rol­gie sicher auch nicht mehr Ahnung als ich. Maß hin­ge­gen den Blut­druck, leicht erhöht, bestimmt der Stress, sagte sie lächelnd, und horchte Herz und Lunge, soweit gut. Ob ich denn aus­rei­chend ver­si­chert wäre. Ver­si­chert? Na, inca­pa­cité, inva­li­dité und so. Ich? Arbeits­un­fä­hig? Schwer­be­hin­dert? Früh­rent­ner? Eigent­lich bin ich unver­wund­bar. Ich mache das alles nur für mei­nen Blog, pas­siert ja sonst nichts! Quelle idée! Keine Ver­si­che­rung? Sprach­lo­ses Erstau­nen. Wenn das mal nicht zu spät ist jetzt für Ver­si­che­run­gen, wer nimmt Sie denn noch? Im jet­zi­gen Zustand? Zum Vor­ge­hen bei einer even­tu­el­len vor­zei­ti­gen Beren­tung hat sie ein paar Boschü­ren, die könnte ich mir ja mal durch­se­hen, eilt ja noch nicht, auch im Inter­net gäbe es viel Infor­ma­tio­nen dazu.

Zum Abschluß wünscht sie, auf dem Lau­fen­den gehal­ten zu wer­den, tenez-moi au cou­rant, und stellt mir die Beschei­ni­gung aus, gelb: apte, dienst­fä­hig. Bön cou­rage. Sicher bes­ser so, was würde ich denn den gan­zen Tag machen, arbeits­un­fä­hig zuhause? Meine Frau hat da schon Vor­stel­lun­gen: Tan­zen viel­leicht oder Tai Chi. Gym­nas­tik sowieso. Bei youtube – Stich­wort „par­kin­son übun­gen“ – gibt es Anlei­tun­gen. Ganz oben auf der Liste, über 75.000 Auf­rufe, eine junge Frau in lila T-Shirt, dazu drei ange­graute Kugel­bäu­che in tür­kis, orange und grün. Fünf Fol­gen leichte Übun­gen zur Kör­per­kon­trolle auf grau­blauem Tep­pich­bo­den. Dann doch lie­ber apte.


© Ber­tram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Mythique

Kilo­me­ter 20,9. Aus der Unter­füh­rung eines Fuß­wegs unter dem Bahn­gleis, ein paar Stu­fen nach oben, kommt man direkt auf die Piste, Route du Bord de la Mer. Wie es da aus­sieht, kann bei goo­gle maps sehr schön sehen. Auf der einen Seite das Meer, auf der ande­ren die Stadt. Vor­orte von Anti­bes. Ein paar Pal­men, ein Flüss­chen. Wenn meine Frau das Flüss­chen – La Bra­gue – kreuzt kurz nach Mari­ne­land, bin ich auch nicht mehr weit. Ich werde einen hal­ben Liter Zau­ber­trank bereit­hal­ten, Ener­gie­rie­gel und Schmerz­ta­blet­ten.

Mara­thon Nizza-Can­nes. 13. Novem­ber, Sonn­tag. Meine Frau läuft mit. Den gan­zen Mara­thon. Mythi­que, sagt sie. Der Mara­thon Nizza-Can­nes ist mythi­que. Mara­thon­stre­cken wer­den oft mit sol­chen Adjek­ti­ven bedacht. Mythi­que, magi­que, légen­daire. Als Nicht­läu­fer kann ich sol­che Attri­bute schwer nach­emp­fin­den. Lau­fen über­haupt ist schon anstren­gend, über 42,195 Kilo­me­ter mit zehn­tau­send ande­ren Läu­fern eine ein­zige Tor­tur. Einige ihrer Kol­le­gin­nen lau­fen den Mara­thon als Staf­fel. Gibt es auch. Die Kilo­me­ter wer­den in unter­schied­lich große Abschnitte auf­ge­teilt. Sechs oder sie­ben Abschnitte, glaube ich. Ich bin kein Läu­fer. Nicht mal in der Staf­fel. Ich bin der Coach. Zwei Mal werde ich an der Stre­cke ste­hen und Wun­der­mit­tel bereit­hal­ten. Zau­ber­trank, Ener­gie­rie­gel, Schmerz­ta­blet­ten. Trost und Mut zuspre­chen. Und am Ende das Taxi spie­len für meine Frau und die eine oder andere Staf­fel-Läu­fe­rin. Lange schien es, als brauch­ten sie mich gar nicht. Lange schie­nen genug andere Coachs unter­wegs zu sein. Sicher ist, daß meine Frau schon heute Nach­mit­tag fah­ren wird. Viel­leicht mit Sophie, viel­leicht mit Nadège. Wird sich noch erge­ben. Fran­zo­sen hal­ten sich gerne alle Optio­nen offen. Bis zuletzt. Wenn man als Mit­tel­eu­ro­päer teu­to­ni­scher Her­kunft denkt, man hätte nun was orga­ni­siert, ist das pure Illu­sion. Kann sich in letz­ter Minute ganz anders dar­stel­len. Mal sehen, wer heute Nach­mit­tag klin­gelt. Bes­ser nichts orga­ni­sie­ren und auf sich zukom­men las­sen. Ist eine Frage der Welt­an­schau­ung. Sehr gut ist der Fran­zose in der Impro­vi­sa­tion. Das Beste draus machen wenn nichts mehr zu orga­ni­sie­ren ist. Die eige­nen Prio­ri­tä­ten nicht aus den Augen ver­lie­ren. Nur das Hotel für heute Abend in der Nähe des Départ ist gebucht. Mythi­que übri­gens schon der Start laut Home­page. In der Nähe des Alli­anz Riviera Sta­di­ons außer­halb der Stadt. Und ein gemein­sa­mes Essen ist ange­dacht. Am bes­ten Piz­ze­ria. Eine ordent­li­che Por­tion Nudeln. Gut für die Gly­ko­gen­spei­cher. Dabei mit wenig Bal­last­stof­fen. Ein Glas Wein viel­leicht. Der Tisch in der Piz­ze­ria ist aller­dings noch nicht reser­viert. Viel­leicht fällt das gemein­same Essen auch aus. Weiß man nicht. Oder zum Chi­ne­sen. Da gibt’s ja auch Nudeln.

Am 30. Okto­ber war der Lauf Mar­seille-Cas­sis. Ein Halb­ma­ra­thon, über drei­hun­dert Meter Höhen­un­ter­schied. Auch mythi­que. Wenn man nach zwan­zig Kilo­me­tern und drei­hun­dert Höhen­me­tern ins Ziel wankt, ver­klärt sich die Leis­tung ins Mythi­sche. Da sollte nur meine Frau lau­fen. Weil das Läu­fer­um­feld mei­ner Frau zu lang­sam war bei der Anmel­dung online. Zu lang­sam oder nicht punkt­ge­nau online. Die Anmel­dung war, erschwe­rend, irgend­wann im August um zehn Uhr vor­mit­tags. Die meis­ten Men­schen, auch Läu­fer, müs­sen um zehn Uhr vor­mit­tags arbei­ten. Auch im August. Ich hatte frei. Als Coach küm­mere ich mich nicht nur um Zau­ber­trank, Trost und Zuspruch, son­dern gele­gent­lich auch um die Anmel­dung. Punkt zehn Uhr war die Seite online. Klick. Name, Vor­name, Geburts­da­tum. Klick. Adresse. Klick. Ver­eins­zu­ge­hö­rig­keit. Klick. Adresse des Ver­eins. Klick. Kre­dit­karte. Klick. Bestä­ti­gungs-Code – veuil­lez pati­en­ter quel­ques instants – auf dem Handy. Kein Pro­blem, dar­auf war ich vor­be­rei­tet, ein guter Coach hat sein Handy immer gela­den und in Griff­weite. Sechs­stel­li­ger Code. Klick. Fünf Minu­ten zwei­und­drei­ßig Sekun­den chrono. Dann wollte ich noch Nadège anmel­den, eine Tri­ath­le­tin aus dem Läu­fer­um­feld, die im August auch arbei­ten mußte. Klick. Com­plet. Nous en som­mes déso­lés. Zu spät. Hatte den Vor­teil, daß die Pla­nung so um vie­les ein­fa­cher war. Kein Fran­zose dabei. Nur eine Fran­ko­phile, meine Frau. Die erwägt auch gerne meh­rere Optio­nen bis zuletzt. Ist aber nor­ma­ler­weise nur eine Option zur Zeit. Ein Fran­zose jon­gliert gerne mit drei oder vier Optio­nen, gerne auch dia­me­tral gegen­läu­fig. Bei zwei Fran­zo­sen ist man schnell bei sechs bis acht ange­dach­ten Optio­nen. Die mathe­ma­ti­sche For­mel ist ganz ein­fach. Zahl der betei­lig­ten Fran­zo­sen in unge­fähr drit­ter Potenz. Man kann diese For­mel noch unter Berück­sich­ti­gung ver­schie­de­ner äuße­rer Umstände – Wet­ter, Tages­zeit, Ort, rela­tio­nelle, kuli­na­ri­sche und finan­zi­elle Aspekte – ver­fei­nern, das Prin­zip bleibt: expo­nen­ti­elle Stei­ge­rung.

Der mythi­sche Lauf fiel schließ­lich auch für meine Frau aus. Wegen logis­ti­scher Beden­ken. 15.000 ange­mel­dete Läu­fer. Fünf­zehn­tau­send. Dazu Ange­hö­rige. Schau­lus­tige. Sicher­heits- und Hilfs­per­so­nal, Park­platz­an­wei­ser. Und das in einem Dorf wie Cas­sis, ein Fischer­städt­chen, klei­ner als Saint-Tro­pez, mit win­zi­gem Hafen. Sta­tis­ti­sch mehr als zwei Läu­fer pro Ein­woh­ner. Pro­gram­mier­tes Chaos. Ver­mut­lich war die Zufahrt zum Fischer­ha­fen ab der zuge­hö­ri­gen Auto­bahn­aus­fahrt 13 Kilo­me­ter wei­ter beschränkt. Außer­dem hätte man die Start­num­mer am Vor­abend in Mar­seille abho­len müs­sen. Sogar für einen mythi­schen Lauf zuviel Auf­wand.

Mor­gen Nizza-Can­nes. Meine Frau läuft mit der Start­num­mer 7461. Der Coach bei Kilo­me­ter 20,9 und 31. Kilo­me­ter 31 ist auf der Höhe von Juan-les-Pins. Kurz nach dem Cap d’Antibes mit der höchs­ten Erhe­bung der Stre­cke, 34 Meter. Das Ziel auf dem Bou­le­vard de la Croi­sette von Can­nes vor dem Carl­ton. Viel­leicht gehö­ren sol­che Ele­mente zum Mythos des Laufs: Julia Roberts, Jodie Fos­ter und George Cloo­ney waren auch gerade in Can­nes. Weni­ger zum Lau­fen ver­mut­lich. Haben viel­leicht eine Tasse Kaf­fee getrun­ken auf der Ter­rasse des Hotels.


© Ber­tram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Rheuma

Don­ners­tag, Okto­ber 2016

Ren­dez­vous mit Cathé­rine M., Neu­ro­lo­gin. Con­sul­ta­ti­ons exter­nes im gro­ßen Kran­ken­haus von Tou­lon. Zweite Etage. Ein impro­vi­sier­tes Büro im Flur der Kar­dio­lo­gie. Außen an der Tür ein Schild mit ihrem Namen. Immer­hin. Das Büro ist eigent­lich eine Abstell­kam­mer. Zu zwei Drit­teln voll­ge­stellt mit aller­lei kar­dio­lo­gi­scher Gerät­schaft. Ein Schreib­ti­sch mit Com­pu­ter und Dru­cker macht ein Büro dar­aus. Ich fasse meine Kran­ken­ge­schichte zusam­men. Die Schmer­zen im lin­ken Arm vor vier Jah­ren, die Taub­heit in Zei­ge­fin­ger und Dau­men, gehö­ren für mich dazu. Das inter­es­siert sie aber nicht wirk­lich. So wie mich in der Sprech­stunde auch nicht jedes Zip­per­lein der Pati­en­ten inters­siert. Ich erzähle vom Zit­tern neu­er­dings in der Hand bei bestimm­ten Bewe­gun­gen und der gefühl­ten Schwer­gän­gig­keit im Arm, der ver­lo­re­nen Geschick­lich­keit. Fin­det sie inter­es­san­ter. Das Ruck­ar­tige beim Beu­gen und Stre­cken des Arms. Ist es das, was Zahn­rad­phä­no­men heißt in der Fach­li­te­ra­tur und bei wiki­pe­dia? Sie bewegt den Arm, klopft Reflexe bis Bab­inski, ich hätte nie gedacht, daß mir das mal außer­halb der Prak­tika vor drei­ßig Jah­ren in echt pas­sie­ren würde, lässt mich die weni­gen freien Meter zur Tür gehen. Das geht noch, fin­det sie. Tippt Ana­mnese und Befunde in den Com­pu­ter. Sie wäre nun nicht die Spe­zia­lis­tin für extra­py­ra­mi­dale Sym­pto­ma­tik, sagt Cathé­rine, das wäre mehr ihr Chef, der Dok­tor Frédé­ric M., der ein Cabi­net in der Stadt hat. Ich solle ein IRM céré­bral machen las­sen, ein Kern­spin des Gehirns, und mir beim Chef in der Stadt einen Ter­min holen. Auch sie selbst würde mei­nen Fall ihm gegen­über erwäh­nen, viel­leicht sähe sie ihn noch heute. Als ob „mein Fall“ irgend­wie beson­ders inter­es­sant wäre. Täte ihr im Übri­gen leid, daß sie selbst mir nicht wirk­lich wei­ter­hel­fen könnte, der Dok­tor M. aber in der Stadt wäre der Spe­zia­list für, sie spricht es am Ende doch aus, sie schien es ver­mei­den zu wol­len und sprach bis dahin von extra­py­ra­mi­da­ler Sym­pto­ma­to­gie, Dok­tor M. in der Stadt wäre der Spe­zia­list für Par­kin­son. Druckt ihren Befund zwei Mal aus, ein­mal für mich, den ande­ren gefal­tet für ihre Kit­tel­ta­sche und den Chef, viel­leicht. Bön cou­rage sagt sie am Ende.

Was weiß ich schon von Par­kin­son? Stich­wort fal­len mir ein: Schüt­tel­läh­mung, Dopa­min­man­gel, die Sub­stan­tia nigra im Hirn, wo genau auch immer das sein mag, von der Funk­tion ganz zu schwei­gen. Vom Zahn­rad­phä­no­men bei pas­si­ver Bewe­gung habe ich gehört und von der Trias Rigor, Tre­mor, Aki­nese. Vom Pil­len­dre­her-Phä­no­men. Eine chro­ni­sche Erkran­kung bun­ter Sym­pto­ma­tik von Ver­stop­fung bis Depres­sio­nen, unauf­halt­sam fort­schrei­ten­den Ein­schrän­kun­gen der moto­ri­schen Mög­lich­kei­ten. Zer­fall. Am Ende kann man nicht mal mehr rich­tig schlu­cken. Ob das so stimmt?

Mon­tag

Kern­spin ist über­ra­schend kurz­fris­tig mög­lich. Ursprüng­lich Ter­min für Diens­tag in einer Woche. Das hatte ich schon als kurz­fris­tig emp­fun­den. Eine halbe Stunde spä­ter ist nun wirk­lich sehr kurz­fris­tig. Dok­tor Michel S. befun­det. Alles soweit nor­mal, schreibt er, Zei­chen von démyé­li­ni­sa­tion irgendwo. Was auch immer das bedeu­ten mag. Der Spe­zia­list dem­nächst wird das schon wis­sen. In der Mehr­zahl der Fälle, meint Michel S., soll­ten die kli­ni­schen Zei­chen die Dia­gno­se­stel­lung erlau­ben, der Kern­spin hat in der Pra­xis wenig Bedeu­tung. Warum mache ich das über­haupt? Inter­es­sant höchs­tens zum Aus­schluß ande­rer dege­ne­ra­ti­ver Pro­zesse im Hirn. Ande­rer­seits stellt sich für Dok­tor S. die Frage nach kar­dio­vas­ku­lä­ren Pro­ble­men. Jetzt noch einen Kar­dio­lo­gen fra­gen? Der fin­det dann bestimmt auch noch was. Klap­pen­feh­ler, ver­kalkte Arte­rien. Wenn man Krank­hei­ten sucht, fin­det man auch wel­che. Und setzt mich unter irgend­ein Anti­ko­agulans, zumin­dest ASS 100.

Sonn­tag

Péri­du­rale ste­chen geht noch ohne Ein­schrän­kung. Mit der lin­ken Hand führe ich die Nadel, halte sie an einem der Flü­gel. Das geht ohne Zit­tern, so wie immer. Wird es irgend­wann eine letzte Péri­du­rale geben?

Diens­tag

Grauer Nie­sel-Nach­mit­tag. Tou­ris­ten kön­nen sich ver­mut­lich nicht vor­stel­len, wie trost­los grau die Côte d’Azur im Win­ter sein kann. Cas­trop-Rau­xel oder Rem­chin­gen kön­nen trü­ber nicht sein. Ren­dez­vous bei dem Neu­ro­lo­gen um halb drei. Einer der typi­schen Alt­bau­ten der Innen­stadt. Links neben dem Ein­gang eine aus­geuferte Samm­lung von Schil­dern, Ärzte vor­wie­gend, eine Sprach­schule.macia Innen win­det sich eine unge­pflegte Treppe um einen Zwei-Per­so­nen-Auf­zug in die Höhe. Dritte Etage. Ein Schild an der Tür, keine Klin­gel. Dahin­ter ein War­te­zim­mer, hoher Raum, groß, drei Fens­ter gegen­über, rechts eine Tür, weit offen, die Toi­lette. Wie ein­la­dend. Links auch eine Tür, womög­lich sitzt da die Sekre­tä­rin, mit der ich vor zwei Wochen tele­fo­niert habe. Eichen­boh­len-Imi­tat auf dem Boden. Acht unter­schied­li­che Stühle, in der Mitte ein fla­cher Tisch mit zwei Sta­peln Zeit­schrif­ten. Kein Pati­ent außer mir. Muß ich mich mel­den links hin­ter der Tür? Werde ich über Laut­spre­cher auf­ge­ru­fen? Oder wird der Dok­tor mich selbst her­ein­bit­ten? Viele Pra­xen kom­men hier ohne Hilfe aus. Der Dok­tor macht alles alleine. Ver­mut­lich kos­ten­güns­tig. Ich kann nicht beur­tei­len, ob es sich dabei um eine Maß­nahme zur gie­ri­gen Gewinn­ma­xi­mie­rung han­delt oder um wirt­schaft­li­chen Sach­zwang. Auch meine Zahn­ärz­tin hatte nur ihre Mut­ter im Ein­gangs­be­reich sit­zen. Bestimmt kos­ten­güns­tig. Lei­der war die Mut­ter der Grund, den Zahn­arzt zu wech­seln. Ab und an ein freund­li­ches Wort hätte sich posi­tiv auf die Kun­den­bin­dung aus­ge­wirkt.

Ich gebe dem Dok­tor fünf Minu­ten. Wenn bis dahin nichts pas­siert, klopfe ich. Zehn Minu­ten pas­siert nichts und ich muß klop­fen. Das Zim­mer des Dok­tors ist rie­sig. Regale, ein Schreib­ti­sch, geschwun­gen im Vier­tel­kreis, PC, Dru­cker, Papier­sta­pel, dos­siers. Der Dok­tor sitzt da mit einem älte­ren Paar. Ob ich Mon­sieur XY wäre. Nein, ich bin Mon­sieur Diehl und habe ein Ren­dez­vous um halb drei. Das Ren­dez­vous um halb drei wäre doch annu­liert, sagt er, fin­det mich dann aber doch in sei­nem PC. Diäl Bertrand? Genau. Naja, fast. In fünf Minu­ten sei er für mich da. Das kenne ich, das mit den fünf Minu­ten. Soll ein­fach nur hei­ßen bestimmt heute noch.

Er stellt mir die übli­chen Fra­gen. Alle medi­zi­schen Fach­rich­tun­gen stel­len ihren Pati­en­ten immer wie­der die ihnen eige­nen glei­chen Fra­gen. Sind Sie nüch­tern, haben Sie Ihre Zahn­pro­the­sen raus­ge­nom­men, das Zun­gen­pier­cing? Diese Fra­gen bekommt ein Pati­ent wahr­schein­lich zehn Mal zu hören, bevor er den OP erreicht und ich sie ihm auch noch mal stelle. Die Fra­gen der loka­len Kory­phäe für die Krank­heit sind die glei­chen wie die der Ärz­tin im gro­ßen Kran­ken­haus. Fra­gen, die man sich auch von wiki­pe­dia her­lei­ten könnte. Fra­gen, aus denen sich aus­ma­len läßt, was noch alles kom­men wird. Alp­träume, Ver­stop­fung, Schluck­stö­run­gen. Mikro­gra­phie, Gan­gun­si­cher­heit. Klein­krit­zel­schrift und Trip­pel­schritt. Stö­run­gen des Geruch­sinns. Nichts davon habe ich. Als ich neu­lich den toten Fuchs begrub, hatte ich den Gestank noch Tage spä­ter in der Nase. Er meint viel­leicht weni­ger inten­sive olfak­to­ri­sche Expo­si­tion. Den Geruch von Ore­gano sol­len Pati­en­ten früh­zei­tig nicht mehr wahr­neh­men. Ore­gano ist das Testa­roma. Ore­gano auf der Pizza zum Bei­spiel. Dia­gno­se­stel­lung in der Piz­ze­ria. Wenn man kann in der Piz­ze­ria die Qua­dro form­aggi geruch­lich nicht mehr von der Dia­volo unter­schei­den kann, ist man kla­rer Kan­di­dat für Par­kin­son. Hypo­s­mie. Meine Frau sagt, sie wüßte auch nicht, wie Ore­gano auf der Pizza riecht. Die nächste Etappe ist Anos­mie, man riecht gar nichts mehr. Weder Kat­zen­pfurz noch Fuchska­da­ver. Eine kleine Hypo­mi­mie hätte ich. Tat­säch­lich? Ja, das sähe er sofort, geschul­tes Auge eben, sagt er und lächelt. Na, dann. Ist der Dok­to­rin im Kran­ken­haus auch schon auf­ge­fal­len. Lächelnd. Der medi­zi­ni­sche Spe­zia­list gefällt sich mit sei­nem Auge für Details. Es fol­gen Übun­gen, an die ich mich aus dem Stu­dium erin­nere. Der Fin­ger-Nase-Ver­such. Prüft die Koor­di­na­tion. Fin­den meine Zei­ge­fin­ger direkt zur Nase? Daß ich sowas wirk­lich mal selbst machen müßte! Reflexe und grobe Kraft läßt er aus. Er lässt mich ein paar Mal in sei­nem rie­si­gen Sprech­zim­mer auf- und abge­hen. Keine Stö­run­gen des Gang­bil­des wird er in sei­nem Bericht schrei­ben. Und keine Ver­min­de­rung der Arm­schwin­gung. Schreibt er. Er hat mir nicht zuge­hört. Genau daran war mir auf­ge­fal­len, daß was nicht stimmt. Der Arm links, wenn ich nicht auf­passe, schwingt nicht und win­kelt sich ein biß­chen zu stark an. So wie in der klas­si­schen Illus­tra­tion von Sir Richard Wil­liam Gowers von 1886, die man über­all fin­det, wo es um Par­kin­son geht.800px-paralysis_agitans_1907_after_st-_leger Ich kann das offen­bar ganz gut kom­pen­sie­ren. Wenn ich auf mei­nen Arm auf­passe, schwingt er schön und win­kelt sich nicht so senio­ren­mä­ßig an. Mein Arm merkt, wenn er beob­ach­tet wird. War dem geschul­ten Auge der Kory­phäe ent­gan­gen. Wenn er mir wenigs­tens zuge­hört hätte! Dann prüft er meine Stand­fes­tig­keit. Steht hin­ter mir und schubst mich mal nach vorne, mal nach hin­ten. Prüft auf pos­tu­rale Insta­bi­li­tät. Weil die klei­nen Stell­re­flexe zur Hal­tungs­kor­rek­tur irgend­wann nicht mehr schnell genug funk­tio­nie­ren, fal­len die Pati­en­ten leich­ter mal hin­ten­über, gera­ten ins Trip­peln, stol­pern über Tep­pich­kan­ten. Bre­chen sich die Hüfte, das Hand­ge­lenk, die Nase. Von daher kenne ich sol­che Leute. Von der Nar­kose für gebro­chene Hüf­ten, Hand­ge­lenke, Nasen. Ich kann noch Schnür­sen­kel schnü­ren ohne umzu­fal­len. Sogar Socken anzie­hen. Neu­lich bin ich mit dem Fahr­rad an der Ampel umge­fal­len, weil ich den Fuß nicht schnell genug aus der Bin­dung befreien konnte. Muß nichts mit der Krank­heit zu tun haben. Das pas­siert angeb­lich auch ande­ren Rad­lern.

Nach­dem er das alles in sei­nen PC getippt hat, lehnt er sich in sei­nem Ses­sel zurück und fasst zusam­men. Links­sei­ti­ges begin­nen­des Par­kin­son Syn­drom. Wir brau­chen noch ein Scinti Dopa, sagt er. Zur Bestä­ti­gung sei­ner Dia­gnose. Die sich ohne­hin zwar fast aus­schließ­lich kli­ni­sch stellt. Die Szinti Dopa ledig­lich für ein letz­tes Pro­zent Rest­wahr­schein­lich­keit, daß es doch was ande­res ist. Ein Mor­bus Wil­son zum Bei­spiel. Was war noch­mal ein Wil­son? Kann ein paar Wochen dau­ern für einen Ter­min im gro­ßen Kran­ken­haus, weiß er aus Erfah­rung, weil die das immer nur machen, wenn es min­des­tens drei Kan­di­da­ten gibt. Mit dem defi­ni­ti­ven Befund wür­den wir wei­ter­re­den über The­ra­pie und Pro­gnose und so. Gerne aber würde er mich pro­fi­tie­ren las­sen, er sagt wirk­lich pro­fi­tie­ren, an einer Stu­die sei­nes Freun­des an der Uni­kli­nik von Mar­seille, dem Pro­fes­sor, ähm, Pro­fes­sor, ihm fällt der Name nicht ein, Alex­andre heißt er mit Vor­na­men, er spricht ihn eben immer nur bei sei­nem Vor­na­men an, egal. Zuletzt haben sie sich auf einem Kon­gress in Ber­lin getrof­fen. An einer Stu­die zu einem neu­ro­pro­tek­ti­ven Medi­ka­ment soll ich teil­neh­men. Neu­ro­pro­tek­tiv. Das heißt, die Ner­ven in der Sub­stan­tia nigra sol­len geschützt wer­den. Die Krank­heit wird ange­hal­ten, schrei­tet nicht wei­ter fort. Wun­der­bar. Ist aber nur eine Stu­die, dop­pelb­lind. Wie Alex­andres zu tes­ten­des Medi­ka­ment heißt, fällt ihm im Moment lei­der auch nicht ein. Wo also in der Stu­die ist der Zuge­winn? Wo fin­det sich der Pro­fit für mich? Und: wie es denn jetzt wohl wei­ter­ge­hen würde? Pro­gnose, Ver­lauf, The­ra­pie. Das sind die Fra­gen, die mich wirk­lich inter­es­sie­ren. Mehr als diese Stu­die oder das Rest­pro­zent. Der Spe­zia­list winkt ab. Das sehen wir, wenn die Scinti Dopa fer­tig ist. Schade, unbe­frie­di­gend. Wahr­schein­lich war­tet der nächste Pati­ent.

Frei­tag

The aver­age life expec­tancy fol­lo­wing dia­gno­sis is bet­ween 7 and 14 years“ weiß die eng­li­sche wiki­pe­dia zu Par­kin­son. „Die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung bei Dia­gno­se­stel­lung im Durch­schnitts­al­ter zwi­schen 55 und 65 Jah­ren beträgt 13 bis 14 Jahre“ – andere Stelle auf die Frage bei goo­gle nach der Lebens­er­war­tung. Schöne Aus­sich­ten. Ich sollte auf­hö­ren zu arbei­ten und in Früh­rente gehen. Zeit für mich, für die Kin­der, Zeit mit den Kin­dern, mit der Mut­ter der Kin­der. Jeden Tag leben als wäre es der letzte. Gele­gent­li­cher Nar­ko­se­strich, Ver­tre­tun­gen irgendwo. Bis vor kur­zem war ich noch fast unsterb­lich. Das Ende zumin­dest nicht so nahe, nicht so greif­bar. Zeit genug für Pro­jekte. Und nun kör­per­li­cher Abbau wie in freiem Fall. Pfle­ge­be­dürf­tig­keit in viel­leicht zehn Jah­ren. Hor­ror­vi­sio­nen. Ein paar Aspi­ra­ti­ons­pneu­mo­nien. Ernäh­rungs­sonde. Heim­platz, weil ich die Trep­pen zuhause schon lange nicht mehr schaffe. Viel­leicht kann man im Châ­teau den Haus­ar­beits­raum im Erd­ge­schoß umbauen in eine Zelle mit Behin­der­ten­ba­de­wanne anstelle von Wasch­ma­schine und Kühl­schrank. Oder das Châ­teau ver­kau­fen. Gegen­über baut die Gemeinde dem­nächst eine Ein­rich­tung für betreu­tes Woh­nen.

Meine Frau sagt, das mit einer Lebens­er­war­tung von 7 bis 14 Jah­ren oder so wäre ja wohl Quat­sch. Sta­tis­tik eben, sagt sie, weißt du doch. Da wären ja auch ganz Alte drin. Die ihren neun­zigs­ten Geburts­tag ohne­hin nicht um mehr als fünf Jahre über­le­ben wür­den. Und bringt als Gegen­bei­spiel pro­mi­nente Pati­en­ten. Muham­mad Ali zum Bei­spiel. Vier­und­drei­ßig Jahre mit der Krank­heit. Oder Michael J. Fox. Ist genauso alt wie ich. Betrof­fen seit 1990, seit 26 Jah­ren. Lebt immer noch. In sei­nem Buch von 2003 – Lucky Man: A Memoir – geht er sogar soweit, die letz­ten zehn Jahre mit der Krank­heit als die bes­ten sei­nes Lebens zu bewer­ten. Man muß sicher über eine ordent­li­che Por­tion Hol­ly­wood-Gene ver­fü­gen, um sol­che State­ments zu ver­kün­den.

Mitt­woch

Viel­leicht ist es doch kein Par­kin­son. Nur keine Panik. Erst, wenn man Sym­pto­men Beach­tung schenkt, wach­sen sie sich aus zur Krank­heit. Wenn man Sym­ptome nicht wei­ter berück­sich­tigt, geben sie irgend­wann wie­der auf und ver­schwin­den, wie sie gekom­men sind. Wenn ich jedem Schmerz im Knie, in der Schul­ter, sonstwo, vor­ei­lig Krank­heits­wert zuge­ste­hen würde, hätte mich ein Rheuma zum Bei­spiel schon längst in ein krum­mes Häuf­chen Elend zusam­men­ge­fal­tet.


© Ber­tram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Joker

Bor­del à cul de pompe à merde! Häss­li­cher Fluch, schwer ins Deut­sche zu über­tra­gen. Irgend­was mit Puff, Arsch und Scheiße. Haupt­sa­che häss­lich. Der Schrau­ben­zie­her ist gebro­chen. Das ist in der Tat ärger­lich auf hal­ber Stre­cke. So kann ich nicht arbei­ten! Damit hat Jean-Gabriel eigent­lich Recht. Hängt womög­lich mit der Spar­po­li­tik der Direk­tion zusam­men. So kann man nicht arbei­ten. Bor­del à cul de pompe à merde! Dies wie­derum ist der Grund, warum Pati­en­ten zu ihrer Rücken­marks­nar­kose immer noch ein biß­chen was zum Schla­fen krie­gen. Oder Kopf­hö­rer mit Musik. Oder bei­des. Bei uns gibt es keine Kopf­hö­rer mit Musik. Von mir krie­gen sie was zum Schla­fen dazu. Mida­zo­lam. Wenn der Not­dienst-Hand­wer­ker beim Schrau­ben an mei­ner Wasch­ma­schine üble Flü­che aus­stößt oder Werk­zeug wirft, ist das wenig ver­trau­ens­bil­dend. Ich wün­sche mir ja auch nur, daß am Ende alles gut ist.

Don­ners­tag Nach­mit­tag.

Der ein­zige Vor­teil, wenn ich Dienst habe, besteht in der gele­gent­li­chen Option auf Zeit­fens­ter. Zeit für mich. Zeit zum Lesen, Schrei­ben, Nicht­stun. Habe ich zuhause eher sel­ten mal, diese Option. Immer ist irgend­was. Haus­auf­ga­ben, Wäsche, Kochen, Taxi­dienste zum und vom Sport. Oder Maschine kaputt. Und wenn ich denke, ich hätte Zeit zum Nicht­stun, fällt bestimmt mei­ner Frau was ein. Irgend­eine Glüh­birne ist immer kaputt. Manch­mal sogar Zeit mit den Kin­dern. Ist auch schön. Im Kran­ken­haus ent­steht die Option auf Zeit­fens­ter, Zeit für mich, aus der War­te­zeit auf ein Ende. Jede Ope­ra­tion kommt zu einem Ende, frü­her oder spä­ter, so oder so. Wir haben eine Hüfte ange­fan­gen. Eine Hüfte. Sagt man so, ist natür­lich Jar­gon. So wie man auch sagt, ich mache das Kind in Saal drei. Ist eine Aktion bar jeg­li­cher ero­ti­scher Kon­no­ta­tion. Jar­gon. Hüfte ange­fan­gen heißt wir haben die Osteo­syn­these des gebro­che­nen Ober­schen­kel­kno­chens einer älte­ren Dame ange­fan­gen. Rechts. Rücken­marks­nar­kose, Mida­zo­lam zum Schla­fen für den Fall, daß jemand übel flu­chen muß. Jean-Gabriel, der Unfall­chir­urg wird der älte­ren Dame einen Nagel ein­schla­gen ins obere Ende ihres Ober­schen­kel­kno­chens und ver­schrau­ben. Das sta­bi­li­siert den abge­bro­che­nen Femur­kopf auf dem Schaft. Ist tech­ni­sch ein­fa­cher und meist weni­ger blu­tig als eine Pro­these. Kann auch der hand­werk­lich mit­tel­mä­ßig begabte Ortho­päde, weil er fast ohne räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen aus­kom­men kann. Die meis­ten Ortho­pä­den müs­sen mit wenig räum­li­chem Vor­stel­lungs­ver­mö­gen aus­kom­men. Für den Nagel muß man die Frag­mente unter Rönt­gen­kon­trolle nur mal rich­tig zuein­an­der stel­len, rein­schla­gen, fer­tig. Haut­naht. Zwei­und­vier­zig Minu­ten, sagt Jean-Gabriel, von Schnitt bis Haut­naht. Option auf zwei­und­vier­zig Minu­ten Zeit­fens­ter. Seine zwei­und­vier­zig Minu­ten ent­spre­chen tat­säch­lich oft chro­no­lo­gi­schen zwei­und­vier­zig Minu­ten. Wenn es keine Pro­bleme mit dem Mate­rial gibt. Dem Schrau­ben­zie­her zum Bei­spiel. Häu­fig ent­spricht die Chir­ur­gen-Minute min­des­tens zwei Echt­zeit-Minu­ten. Auch wenn es keine Pro­bleme mit dem Mate­rial gibt. Jean-Gabriel hat klare Vor­stel­lun­gen von der räum­li­chen Kon­stel­la­tion. Das ist hilf­reich.

Danach, nach der Hüfte, machen wir das Kind noch­mal. Jean-Gabriel, Chris­tine, Solène und ich. Jar­gon, wie gesagt, kein inti­mer Swin­ger­kreis. Dem Kind soll­ten frü­her am Nach­mit­tag zwei Schrau­ben aus dem Bein ent­fernt wer­den. Auch rechts. Vor­aus­sicht­lich zwölf Minu­ten, 54 Sekun­den, sagte Jean-Gabriel. Nar­kose, Schnitt. Die erste Schraube kein Pro­blem. Dann brach der Schrau­ben­zie­her – medi­zi­ni­sches Spe­zi­al­ge­rät im Wert von ver­mut­lich 180 Euro – auf hal­ber Stre­cke der zwei­ten. Der oben zitierte häss­li­che Fluch an die­ser Stelle. Egal, das Kind schlief ja. Der andere vor­rä­tige Schrau­ben­zie­her mußte erst ste­ri­li­siert wer­den. Dau­ert, bis auch die letzte denk­bare Mikrobe wirk­lich tot ist, fast zwei Stun­den. Das Bein wurde wie­der zuge­näht und das Kind wach­ge­macht. Mußte sich von Mama solange im Auf­wach­raum trös­ten las­sen. Zeit genug für erst­mal die Hüfte. Jean-Gabriel hätte die Schraube am Kind lie­ber auf mor­gen Früh ver­scho­ben. Stieß auf vehe­men­ten Pro­test sei­tens des bei­tei­lig­ten Per­so­nals. Wäre ich Sarahs Papa, würde ich auch nicht bis mor­gen Früh war­ten wol­len mit der zwei­ten Schraube an mei­nem Kind halb drau­ßen. Acht Zen­ti­me­ter lang die blöde Schraube immer­hin. Halb drau­ßen tut zudem auch weh.

Ab 22 Uhr bin ich müde. Und brau­che auch keine Optio­nen auf Zeit­fens­ter mehr. Es reicht. Viel mehr als eine theo­re­ti­sche Option auf Zeit­fens­ter, Zeit für mich, ergab sich bis dahin an die­sem Don­ners­tag nicht. Aber schließ­lich werde ich auch nicht für Optio­nen auf Zeit­fens­ter bezahlt. Kein Zeit­fens­ter wäh­rend der zwei­und­vier­zig Minu­ten für die Hüfte und auch nicht wäh­rend der drei­ßig für die Schraube, nicht dazwi­schen und auch nicht danach, fast wie zuhause. Immer irgend­was. Das Tele­fon alle zehn Minu­ten. Die Schwes­ter von Nor­mal­sta­tion, Mon­sieur X hat Schmer­zen. Der Pfle­ger von mei­ner Sta­tion für Mit­tel­schwer­kranke, der Hämo­glo­bin­wert von Madame Y bei 7,2. Mor­phium, Blut­kon­ser­ven. Die Heb­amme, une petite péri­du­rale pour une petite primi, kleine PDA für kleine Erst­ge­bä­rende, bitte. Immer, wenn sonst Ruhe ist, fin­det die Heb­amme noch was. Fast wie zuhause meine Frau. Und umge­kehrt. Wenn die Heb­amme end­lich alle ihre Péri­du­ra­les hat, mel­det sich ein Pfle­ger. Oder der junge Kol­lege aus den Urgen­ces, aus der Not­auf­nahme, um mir einen sei­ner Pati­en­ten auf meine Sta­tion zu ver­kau­fen. Letz­te­rer zögert aller­dings gerne bis halb zwei Uhr mor­gens.

Manch­mal habe ich das Gefühl, da müßte eine Web­cam sein oder so, die mich immer beob­ach­tet. Und wenn ich end­lich in mei­nem Bett liege, end­lich gerade das Licht aus­ge­macht habe, schickt sie den jun­gen Kol­le­gen aus den Urgen­ces ans Tele­fon. Der junge Kol­lege aus den Urgen­ces ist der ulti­ma­tive Joker. Das fühlt sich dann so an wie ein gebro­che­ner Schrau­ben­zie­her.


© Ber­tram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Ver­sion mit 3 450 Zei­chen für Aila, für die Januar-2017-Aus­gabe

Das Schöne in der Anäs­the­sie ist die Option auf Zeit­fens­ter. Zeit für mich. Zeit zum Lesen, Schrei­ben, Nicht­stun. Ja, ehr­lich. Habe ich zuhause eher sel­ten mal, diese Option. Immer ist irgend­was. Haus­auf­ga­ben, Wäsche, Kochen, Taxi­dienste zum und vom Sport. Oder Maschine defekt. Und wenn ich denke, ich hätte Zeit zum Nicht­stun, fällt bestimmt mei­ner Frau was ein. Irgend­eine Glüh­birne ist immer kaputt. Im Kran­ken­haus ent­steht die Option auf Zeit­fens­ter aus der War­te­zeit auf ein Ende. Jede Ope­ra­tion kommt zu einem Ende, frü­her oder spä­ter, so oder so.

Wir haben eine Hüfte ange­fan­gen. Sagt man so, ist natür­lich Jar­gon. So wie man auch sagt, ich mache das Kind in Saal drei. Kind machen ohne ero­ti­sche Kon­no­ta­tion. Hüfte ange­fan­gen heißt wir repa­rie­ren den gebro­che­nen Ober­schen­kel­kno­chen einer älte­ren Dame. Rücken­marks­nar­kose, dazu was zum Schla­fen für den Fall, daß jemand übel flu­chen muß. Jean-Gabriel, der Unfall­chir­urg wird der älte­ren Dame einen Nagel ein­schla­gen ins obere Ende ihres Ober­schen­kel­kno­chens und ver­schrau­ben. Zwei­und­vier­zig Minu­ten, sagt Jean-Gabriel. Option auf zwei­und­vier­zig Minu­ten Zeit­fens­ter. Seine zwei­und­vier­zig Minu­ten ent­spre­chen tat­säch­lich oft chro­no­lo­gi­schen zwei­und­vier­zig Minu­ten. Wenn es keine Pro­bleme mit dem Mate­rial gibt. Mit einem Boh­rer zum Bei­spiel. Oder dem Schrau­ben­zie­her.

Danach, nach der Hüfte, machen wir das Kind noch­mal. Dem Kind soll­ten frü­her am Nach­mit­tag zwei Schrau­ben aus dem Bein ent­fernt wer­den. Auch rechts. Vor­aus­sicht­lich zwölf Minu­ten, 54 Sekun­den, sagte Jean-Gabriel. Nar­kose, Schnitt. Die erste Schraube kein Pro­blem. Dann brach der Schrau­ben­zie­her – medi­zi­ni­sches Spe­zi­al­ge­rät – auf hal­ber Stre­cke der zwei­ten. Bor­del à cul de pompe à merde! Häss­li­cher Fluch, kaum zu über­set­zen. Egal, das Kind schlief ja. Der andere vor­rä­tige Schrau­ben­zie­her mußte erst ste­ri­li­siert wer­den. Dau­ert, bis auch die letzte denk­bare Mikrobe wirk­lich tot ist, fast zwei Stun­den. Sarah, das Kind, mußte sich solange von Mama im Auf­wach­raum trös­ten las­sen. Jean-Gabriel hätte die Schrau­ben­ent­fer­nung lie­ber auf mor­gen Früh ver­scho­ben. Hatte keine Lust mehr. Stieß auf vehe­men­ten Pro­test sei­tens des bei­tei­lig­ten Per­so­nals. Wäre ich Sarahs Papa, würde ich auch nicht bis mor­gen Früh war­ten wol­len mit der zwei­ten Schraube an mei­nem Kind halb drau­ßen. Acht Zen­ti­me­ter lang die blöde Schraube immer­hin. Tut ja auch weh, halb drau­ßen.

Lei­der erge­ben sich nicht immer Zeit­fens­ter. Aber schließ­lich werde ich auch nicht für Optio­nen auf Zeit­fens­ter bezahlt. Immer kann was irgend­was sein. Das Tele­fon alle zehn Minu­ten. Eine Schwes­ter aus der Inne­ren, Mon­sieur X hat Schmer­zen. Der Pfle­ger in der Chir­ur­gie, der Hämo­glo­bin­wert von Madame Y bei 7,2. Mor­phium auf­schrei­ben, Blut­kon­ser­ven ver­ab­rei­chen. Immer, wenn sonst Ruhe ist, fin­det die Heb­amme noch was, une petite péri­du­rale pour une petite primi zum Bei­spiel, eine kleine PDA für eine kleine Erst­ge­bä­rende, bitte.

Oder der junge Kol­lege aus den Urgen­ces, aus der Not­auf­nahme, um mir einen sei­ner Pati­en­ten auf meine Sta­tion zu ver­kau­fen. Der war­tet aller­dings gerne bis halb zwei Uhr mor­gens. Manch­mal habe ich das Gefühl, da müßte eine Web­cam sein oder sowas, die mich immer beob­ach­tet. Und auf den Moment war­tet, bis ich in mei­nem Bett liege, end­lich gerade das Licht aus­ge­macht habe. Dann schickt sie den Joker ans Tele­fon. Wenn Pfle­ger, Schwes­tern und Heb­am­men schon lange schla­fen, holt mich die Web­cam in die Urgen­ces. Laut flu­chen hilft ein biß­chen.

Golfplatz

Zum Jah­res­ende wol­len sie unser Labor zuma­chen. Nein, sie wol­len nicht, sie wer­den. Sie, die Direk­tion. Dabei ist das Labor außer dem Kiosk in der Ein­gangs­halle mei­nes Wis­sens die ein­zige Abtei­lung, die Gewinn abwirft. Bis­her hat das Cen­tre hos­pi­ta­lier für 2016 drei Mil­lio­nen Ver­lust ein­ge­fah­ren. Drei Mil­lio­nen Euro. Letz­tes und vor­letz­tes Jahr waren es ins­ge­samt jeweils fünf Mil­lio­nen, sagen sie. Sie, die Direk­tion. Des­we­gen haben wir seit­her eine gemein­same Direk­tion mit dem gro­ßen Kran­ken­haus quasi nebenan, in Tou­lon. Dort bringt das Labor im Gegen­satz zu vie­len ande­ren Abtei­lun­gen, unter ande­rem ver­mut­lich dem Kiosk in der Ein­gangs­halle, kei­nen Gewinn. Unser gemein­sa­mer Direk­tor ist vor allem der Direk­tor des gro­ßen Kran­ken­hau­ses quasi nebenan. Das große ist seins. Um unser Kran­ken­haus küm­mert er sich nur so neben­bei. Logi­sch, daß er vor allem an seins, das große, neue quasi nebenan denkt. Er hat die Zah­len sofort durch­schaut. Für das Ver­ständ­nis von Zah­len braucht es kei­nen medi­zi­ni­schen Sach­ver­stand. Der Direk­tor glaubt, daß er sein Labor sanie­ren kann, wenn er sich unse­res ein­ver­leibt. Ande­rer­seits möchte man den­ken, es bräuchte kei­nen aus­ge­präg­ten medi­zi­ni­schen Sach­ver­stand, um zu ver­ste­hen, daß ein Kran­ken­haus der Basis­ver­sor­gung mit Geburts­hilfe nicht mehr rich­tig funk­tio­nie­ren kann ohne eige­nes Labor im Kel­ler. Vor einem Jahr etwa hat­ten wir eine Réunion mit dem Direk­tor zu die­sem Thema. Wir wie­sen ihn dar­auf hin, daß ein Kran­ken­haus der Basis­ver­sor­gung und ins­be­son­dere des­sen Geburts­hilfe ohne ange­schlos­se­nes Labor nicht mehr rich­tig funk­tio­nie­ren kann. Der Direk­tor hielt dage­gen, daß er Spe­zia­lis­ten für sowas hätte und daß die Spe­zia­lis­ten einen Plan aus­ar­bei­ten wür­den, wie unser Kran­ken­haus auch ohne direkt ange­schlos­se­nes Labor im Kel­ler funk­tio­nie­ren würde. Das Labor des gro­ßen, neuen Kran­ken­hau­ses quasi nebenan hätte aus­rei­chend Kapa­zi­tä­ten, die Ver­sor­gung unse­res klei­nen Kran­ken­hau­ses samt sei­ner Geburts­hilfe kor­rekt zu bedie­nen. Beden­ken unse­rer­seits ange­sichts einer Ent­fer­nung von immer­hin knapp fünf­zehn Kilo­me­tern hohen Stau­po­ten­ti­als zwi­schen den bei­den Häu­sern ließ er nicht gel­ten. Der Direk­tor betonte, er hätte Spe­zia­lis­ten für sowas. Diese wären in der Lage, einen Plan aus­zu­ar­bei­ten, der allen Even­tua­li­tä­ten Rech­nung tra­gen würde. Wie kann man bloß so blau­äu­gig sein! Hat er die Staus zu jeder Tages­zeit noch nie aus eige­ner Anschau­ung erlebt? Wenn der Tun­nel Rich­tung Mar­seille gesperrt ist, geht im Umkreis von zehn Kilo­me­tern gar nichts mehr. Stau in den kleins­ten Neben­stre­cken. Nicht ein­mal durch unser Argu­ment der gefähr­de­ten Pati­en­ten­si­cher­heit ließ sich der Direk­tor aus der Ruhe brin­gen. Weil Kran­ken­haus­di­rek­to­ren meist nur über sehr wenig medi­zi­ni­schen Sach­ver­stand ver­fü­gen, zucken sie nor­ma­ler­weise ein biß­chen, wenn man die Pati­en­ten­si­cher­heit ins Spiel bringt. Davor haben sie Angst. Sie haben Angst vor dem Unfall am Pati­en­ten und vor allem vor der nach­weis­ba­ren Mit­schuld am Unfall. Der Direk­tor aus dem gro­ßen Kran­ken­haus quasi nebenan winkte rou­ti­niert ab. Schließ­lich hätte er Spe­zia­lis­ten für sowas.

Böse Zun­gen behaup­ten, im all­ge­mei­nen wäre die Schlie­ßung des Labors nur der erste Schritt zur Schlie­ßung eines Kran­ken­hau­ses im Gan­zen.

Letz­ten Sonn­tag hatte ich Dienst. Und mußte fest­stel­len, daß sie schon mal unsere Blut­bank als Teil des Labors zuge­macht hat­ten. Sie, die Direk­tion. Ver­mut­lich auf Emp­feh­lung der Spe­zia­lis­ten. Das Labor funk­tio­niert noch so wie sonst, nur eben ohne Blut­bank. Statt­des­sen haben wir jetzt einen Kühl­schrank mit Null-Nega­tiv-Kon­ser­ven, fünf Stück, für den vita­len Not­fall. Und ein paar Tüten Frisch­plasma. Keine Blut­bank. Keine Mög­lich­keit, Pati­en­ten inner­halb von drei­ßig Minu­ten ihrer Blut­grup­pen­kon­stel­la­tion ent­spre­chen­des Blut zu ver­ab­rei­chen. Außer eben was von den Null-Nega­tiv-Kon­ser­ven. Das geht immer. Lei­der hat­ten die Spe­zia­lis­ten ver­säumt, den Direk­tor dar­auf­hin­zu­wei­sen, daß das medi­zi­ni­sch rele­vante Per­so­nal von die­sem Umstand in Kennt­nis gesetzt wer­den sollte. Recht­zei­tig. Per Mail, Rund­brief, Bespre­chung zum Bei­spiel. Nie­mand hatte letz­ten Sonn­tag gewußt, daß es schon soweit sei. Daß das Labor ganz zuma­chen würde zum Jah­res­ende und man jetzt schon mal anfan­gen würde mit der Blut­bank. Oder die, die unter­rich­tet waren, haben denen, die damit arbei­ten müs­sen, nichts davon gesagt. Das ent­spricht medi­ter­ra­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Stra­te­gie. Es wird viel gere­det, aber kein rele­van­ter Inhalt kom­mu­ni­ziert. Immer­hin fan­den sich schließ­lich einige Exem­plare einer pro­cé­dure, einer Dienst­an­wei­sung. Lieb­los redi­giert, immer­hin mit ein paar Tele­fon- und Fax­num­mern im Labor des gro­ßen Kran­ken­hau­ses quasi nebenan. Am Tele­fon mit der Blut­bank des gro­ßen Kran­ken­hau­ses nebenan kris­tal­li­sier­ten sich inter­es­sante Details her­aus. Für den lebens­be­droh­li­chen Trans­fu­si­ons-Not­fall gibt es beim Kran­ken­haus ange­stellte Fah­rer im Bereit­schafts­dienst. Die war­ten bei sich zuhause auf den Ein­satz. Das Zuhause des Fah­rers darf drei­ßig Minu­ten vom gro­ßen Kran­ken­haus nebenan ent­fernt sein. Drei­ßig Minu­ten! Unser Not­fall­fah­rer am Sonn­tag hat sein Zuhause in Hyè­res. Sonn­tags kommt es höchs­tens wäh­rend der Schul­fe­rien mal zu Staus. Oder wenn mal wie­der eine acht­los weg­ge­wor­fene Kippe den Mit­tel­strei­fen in Brand gesetzt hat. Was aber sicher zu den Even­tua­li­tä­ten gehört, wel­chen die Weis­heit der Spe­zia­lis­ten Rech­nung trägt.

Außer dem Not­fall­fah­rer des Kran­ken­hau­ses gibt es einen pri­vat­wirt­schaft­li­chen Fahr­dienst, der alle medi­zi­ni­schen Struk­tu­ren ohne eige­nes Labor im Groß­raum ver­sorgt. Der fährt seine Runde vier oder fünf Mal pro Tag. Natür­lich nur zwi­schen 7 und 17 Uhr. Bestimmt äußerst lukra­tiv. Werk­tags. Wer arbei­tet schon frei­wil­lig nachts und am Wochen­ende. Außer­halb die­ser Zei­ten wird jeder Ein­satz zum Not­fall für den Kran­ken­haus­fah­rer.

Böse Zun­gen behaup­ten, der Chef des pri­vat­wirt­schaft­li­chen Fahr­diens­tes und der Direk­tor der Kran­ken­häu­ser wür­den regel­mä­ßig gemein­sam auf dem 18-Loch-Par­cours des Golf­plat­zes bei mir im Dorf ange­trof­fen wer­den.


© Ber­tram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Hypocrisie

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Wen man nicht so alles Freunde nennt. Jérôme und Isa­belle zum Bei­spiel, Jéjé et Zaza, pour les inti­mes, unter Freun­den. Jérôme war viele Jahre Kapi­tän auf stra­te­gi­schen Atom-U-Boo­ten. Ultra­ge­heim, nicht mal seine Frau wußte, in wel­chem Gewäs­ser der Erde sich ihr Mann gerade auf­hielt. Am Ende sei­ner Kar­riere fast Admi­ral in Brest. Zu sei­nem gro­ßen Leid­we­sen nur fast. Seine Gat­tin kann ihre Genea­lo­gie zurück­ver­fol­gen bis ins elfte Jahr­hun­dert zu Lud­wig VI, dem Dicken. Ura­del irgend­wie. Upper­class. Sagt Jéjé. Jéjé emp­fin­det sich und seine Isa­belle als ein­deu­tig upper­class.

Die haben wir vor gut zwei Wochen gese­hen in Paris. Wir haben uns alle über­schweng­lich gefreut über die­ses Wie­der­se­hen anläß­lich des Laufs Paris-Ver­sailles. Wir waren ein­ge­la­den in Jérô­mes und Isa­bel­les Pari­ser Resi­denz im sieb­zehn­ten Arron­dis­se­ment. Ein auf­wen­dig reno­vier­tes Stadt­haus, Kel­ler, Erd­ge­schoß, zwei Eta­gen. Wirk­lich schön gewor­den, geschmack­voll, die Fuß­bö­den knar­ren ein biß­chen zu hef­tig. Vier Zim­mer als Pri­vat­ho­tel, sie selbst woh­nen unter dem Dach. Zaza beauf­sich­tigt Per­so­nal und Früh­stück, Jéjé plau­dert, gerne auch Eng­li­sch mit char­man­tem Akzent und auch ein paar Bro­cken deut­sch, beant­wor­tet Anfra­gen von Gäs­ten und die net­ten Bewer­tun­gen auf Tri­pad­vi­sor. Die Über­nach­tung war immer­hin kos­ten­neu­tral. Sonst knapp drei­hun­dert Euro die Nacht. War aber sowieso nichts los im Hotel. Jéjé konnte lei­der nicht mit­lau­fen die 16 km von der Tour Eif­fel bis zum Châ­teau de Ver­sailles, wollte eigent­lich, war sogar ein­ge­schrie­ben, konnte aber nicht, weil er sich zwei Wochen zuvor eine Zehe gebro­chen hatte, links. Immer noch ganz geschwol­len und blau. Auf sei­nem Boot sei er aus­ge­rutscht. Sei­nem Segel­boot, zwölf Meter. Daß er es nicht ver­lei­hen würde, ließ er auch gleich durch­bli­cken, weil wir ja keine Ahnung hät­ten vom Segeln. Und von einem wei­te­ren Besuch in der Bre­ta­gne, wo die Yacht liegt, war auch nicht die Rede. Kein Segel­turn auf dem Atlan­tik. Trotz Platz für sechs in dem Kahn. Zwölf Meter, das ist schon nicht schlecht. Nicht mit uns. Lie­ber nicht.

Vor drei oder vier Jah­ren waren wir mit zwei Kin­dern ein­ge­la­den im Zweit­wohn­sitz in La Tri­nité. La Tri­nité ist das Saint-Tro­pez der Bre­ta­gne. Upper­class-Fran­zo­sen aus Paris haben einen Zweit­wohn­sitz in La Tri­nité oder Saint-Tro­pez. Oder bei­des. Dort nen­nen sie einen Neu­bau ihr Eigen­tum, die Lage zwar nicht wirk­lich traum­haft, ohne den Ozean in Sicht­weite, aber mit beheiz­tem Außen­pool, geräu­mi­gen und vie­len Zim­mern. Trotz­dem zu klein für soviele Men­schen über zehn Tage. Der Kram der Kin­der immer wie­der irgendwo, wo er nicht hin­ge­hörte. Kin­der eben. Das mit dem Früh­stück hat­ten sie aller­dings schnell gelernt, die Kin­der. Wie zuhause. Selbst abräu­men. Anders als zuhause aber nur auf der Spül­ma­schine abstel­len. In der Maschine selbst hat­ten sie nichts ver­lo­ren. Spül­ma­schine kann nur Jéjé selbst. Und dann, Tag vier oder fünf des Auf­ent­halts, fiel ihm beim Ein­räu­men eine der Früh­stücks­scha­len mei­ner Kin­der zu Boden. Brüll­an­fall. Wahr­schein­lich hatte er schlecht geschla­fen. Wie er die Schnauze so voll hätte und immer und über­all und was wir uns denn den­ken wür­den und wer wir denn wären. Gar nicht upper­class. Jéjé der U-Boot-Kapi­tän. Blick tief in die Seele, die Wahr­heit hin­ter der Fas­sade. Zehn Minu­ten Wut­krise. Zehn Minu­ten chrono, gefühlt genug für ein gan­zes Leben. Manch­mal kam ich gegen den Sturm zu Wort und es tat mir leid, wirk­lich leid, und Asche auf mein Haupt und wie konnte das nur pas­sie­ren. Jéjé konnte sich hin­ge­gen nicht brem­sen, wie er die Schnauze so voll hätte und immer und über­all und was ich mir denn den­ken wür­den und wer ich denn wäre und nichts tat ihm leid, nicht ein­mal spä­ter mit Abstand und wie­der umgäng­lich. Zehn Minu­ten chrono, gefühlt genug für ein gan­zes Leben. Ich hätte nur zehn Minu­ten gebraucht, all unse­ren Kram und den mei­ner Kin­der – und immer und über­all – im Leiho­pel zu ver­stauen. Nur war meine Frau gerade Shop­pen mit Zaza. Hätte ihr nicht gefal­len, unver­mit­telt in den Opel ein­stei­gen zu müs­sen. Die Tüten voll Shop­ping abstel­len und weg mit dem Opel. Isa­belle konnte ja auch nichts dafür. Also blie­ben wir.

Unver­meid­lich am ers­ten Glas Cham­pa­gner vor gut zwei Wochen die Frage zum Stand der Rei­se­vor­be­rei­tun­gen zur Hoch­zeit des ers­ten Sohns. In Neu­see­land. Die Hoch­zeit von Jérô­mes und Isa­bel­les Sohn fin­det in Neu­se­land statt. Wir sind ein­ge­la­den. Warum auch immer. Viele der ande­ren Freunde kön­nen lei­der nicht kom­men. Einer muß ja kom­men. Der Sohn ist Inge­nieur, mit Schwer­punkt Boots­bau und Innen­ar­chi­tek­tur, nach Pri­vat­schu­len in Eng­land und schließ­lich eben Neu­see­land. Haupt­sa­che weit weg. Dort hat er seine Liebe gefun­den. Wei­ter weg geht nicht. Auf der Liste mei­ner Reis­ziele für die­ses Leben noch, sagte ich, auf der Liste mei­ner Top fifty also, dar­un­ter Island, Sibi­rien, Kasach­stan und die Krim, sogar Nord­ko­rea, käme Neu­see­land glatt auf Platz ein­hun­dert­vier­und­zwan­zig. Lei­der. Schafe inter­es­sie­ren mich nicht so. Und auch nicht die Ori­gi­nal­schau­plätze der Herr-der-Ringe-Tri­lo­gie. Nicht mal die Hoch­zeit des Soh­nes, mit dem ich über die Dauer ihrer Bekannt­schaft Gele­gen­heit für viel­leicht drei­hun­dert gewech­selte Worte hatte, com­ment ça va à l’école, wie geht’s in der Schule, nicht mal diese Hoch­zeit brächte Neu­see­land mehr als drei Bonus­punkte. Ô, Ber­trâme, là, tu me deçois, rief er aus, da ent­täuscht du mich aber, und ver­passte mir, das macht er gerne und ich hasse das, eine seine Ohr­feig­chen. Kein Schlag ins Gesicht, aber die Hand an mei­ner Wange. Macht er öfter mal, wie als Scherz, manch­mal reicht ein fal­scher Arti­kel, ô, Ber­trâme, mit ö am Ende. Das nächste Mal schlage ich zurück oder trete ihm wie aus Ver­se­hen auf sei­nen fau­len Zeh, oh par­don, désolé, ça va? – Ent­schul­dige, tut mir leid, geht’s? Bis­her gab ich aller­dings den Klü­ge­ren und schlug noch nicht zurück.

Jéjé holt sich seine Nie­der­la­gen, wie jeder durch­schnitt­li­che Men­sch, gele­gent­lich auch alleine, ganz ohne mein Zutun, nun ja, fast ohne mein Zutun. Wich­tig war Jérôme und Isa­belle bei unse­rem Besuch vor gut zwei Wochen ein über­aus posi­ti­ver Kom­men­tar zum Hotel bei „Trip“, wie sie sagen, Tri­pad­vi­sor. Von uns bei­den? Ja, von euch bei­den. Den auto­ma­ti­sier­ten Algorhyt­men von Trip gefiel das nicht. Trip ver­mu­tet Beschiß wegen glei­cher IP-Adresse. Löschte unsere über­aus posi­ti­ven Beur­tei­lun­gen und stufte Jéjés Pri­vat­ho­tel von Platz elf auf Platz 25 herab. Panik im sieb­zehn­ten Arron­dis­se­ment, né faî­tes plus rien, sur­tout né faî­tes plus rien. Unter­nehmt nichts mehr, bitte rein gar nichts mehr. Per Mail, per sms, tele­fo­ni­sch. Erd­be­ben, Panik, das Hotel stürzt ein. Zu spät. Ich hatte es nicht gut gefun­den von Trip, meine über­aus posi­tive Bewer­tung ein­fach gelöscht zu sehen und sie gleich noch­mal geschrie­ben. Zack, Platz 35. Ich könnte ein­fach so wei­ter­ma­chen. Noch fünf Mal und die kön­nen zuma­chen. Das ist bes­ser als jedes Ohr­feig­chen. Und doch so gut gemeint. Ande­rer­seits fast so wir­kungs­voll wie ein Holz­ham­mer auf Jéjés dickem Zeh. Vrai­ment désolé, cher ami, qu’est-ce je pour­rais faire pour t’aider? – Tut mir ja so leid, teu­rer Freund, was könnte ich nur machen für dich?

Hypo­cri­sie, subst., f.. Heu­che­lei, Schein­hei­lig­keit.


© Ber­tram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Ignoranz

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Ob ich schon wüßte, daß da, wo frü­her die Citroën-Werk­statt war, in der Nähe des Bahn­hofs, daß da jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, natür­lich nicht in den Räum­lich­kei­ten der Garage selbst, son­dern so ein biß­chen ver­steckt dahin­ter wohl, sie wüßte ja nicht, was auf dem Gelände sonst noch so alles wäre. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüs­tern fast, als ob sie mir ein Geheim­nis anver­trauen würde, obwohl da nie­mand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf mei­ner Ter­rasse. Als ob eine Moschee eine kon­spi­ra­tive Ein­rich­tung wäre.

Isa­belle und Fran­cis haben ein paar Bie­nen­stö­cke bei uns auf­ge­stellt. Seit Jah­ren. Sie leben davon, haben acht­zig Bie­nen­stö­cke über das ganze Dépar­te­ment ver­teilt, bis in die Alpen, wahr­schein­lich ein müh­sa­mes Tun. Zum Sai­son­ende brin­gen sie ein Sor­ti­ment aus ihrer Pro­duk­tion, „mei­nen“ Anteil als Gegen­leis­tung für die Über­las­sung der Stand­plätze für die Bie­nen­stö­cke. Zehn Sor­ten haben sie inzwi­schen. Unter ande­rem Laven­del­ho­nig, den ich selbst ein biß­chen zu süß finde, Miel des Alpes, Alpen­ho­nig, Sal­bei- und Wie­sen­ho­nig. Miel de Pro­vence natür­lich auch. Das kau­fen die Tou­ris­ten so gerne. Auf meine Ver­mitt­lung konn­ten sie im Früh­som­mer ein paar Stö­cke im Kas­ta­ni­en­wald um Col­lo­briè­res, einer loka­len Hoch­burg der Ess­kas­ta­nien­in­dus­trie, plat­zie­ren.

Sie hätte bis­lang nicht gewußt, daß es, sogar bei uns auf dem Dorf, zuge­ge­ben, ein gro­ßes Dorf, schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letz­ten Frei­tag zufäl­lig an der ehe­ma­li­gen Citroën-Werk­statt vor­bei­ge­kom­men wäre. Das muß nach dem Gebet gewe­sen sein, der ganze Hof der Garage voll, bis auf den Bür­ger­steig, voll mit die­sen Män­nern, bär­tig, im Nacht­hemd, ja, sie sagte Nacht­hemd, che­mise de nuit, in grö­ße­ren und klei­ne­ren Grup­pen. Rich­tig erschro­cken wäre sie ange­sichts so vie­ler Män­ner, die da in aller Öffent­lich­keit ihrem Glau­ben folg­ten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekom­men. Der Gatte dazu, Fran­cis, sonst ein Mus­ter an Elo­quenz in fach­kun­di­ger Aus­kunft zur Imke­rei, hörte nur zu und war­tete ab. Isa­belle, ver­suchte ich sie zu unter­be­chen, ist doch nichts ein­zu­wen­den, wenn…, gar nicht so ein­fach, zu Wort zu kom­men, Isa­belle hatte sich in Fahrt gere­det. Weil man sie, die Män­ner in ihren Nacht­hem­den, den Kopf­be­de­ckun­gen und den Bär­ten über­haupt nicht ver­ste­hen würde, wer weiß schon, was die da reden, wer weiß schon, was denen am Frei­tag erzählt wird. Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Aber diese Regie­rung unter die­sem Prä­si­den­ten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur füh­ren mit Frank­reich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürf­ten. – Isa­belle, neuer Ver­such in einer ihrer knap­pen Atem­pau­sen, Got­tes­dienst in aller Öffent­lich­keit ist doch in Ord­nung, das ist also von der Gemeinde abge­seg­net. Das wird schon seine Rich­tig­keit haben, wenn sogar Mon­sieur le Maire (poli­ti­sch dem Gedan­ken­gut der Le-Pen-Dynas­tie nicht abge­neigt) das nicht ver­hin­dert hat… – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eis­bergs. Woher will man denn wis­sen, was es da noch alles gibt außer Moscheen. Und wer weiß schon, was die da reden, wer weiß schon, was denen am Frei­tag erzählt wird. 

Miel de châ­tai­gnier, Kas­ta­ni­en­blü­ten­ho­nig, ist mein ein­deu­ti­ger Favo­rit, kräf­ti­ges Blü­tena­roma, durch den rela­tiv gerin­gen Glu­ko­se­an­teil eher herb, leicht bit­ter. Erin­nert geschmack­lich an Hus­ten­saft, sagen Igno­ran­ten. Kas­ta­ni­en­ho­nig mit aus­ge­präg­tem Aroma ist schwer zu fin­den. Ist wun­der­bar im Tee, in hei­ßer Zitrone, auf fri­schem Baguette mit But­ter. Meine Frau macht Salat­s­o­ßen damit. Lässt sich aber auch ein­fach so löf­feln wie Nutella. Fran­cis‘ und Isa­bel­les Ernte Kas­ta­ni­en­blü­ten­ho­nig fiel wider Erwar­ten üppig aus. Fand gro­ßen Anklang auf den umlie­gen­den Märk­ten. Mit viel Mühe konnte ich mir zwei Kar­tons à zwölf 500-Gramm-Glä­sern reser­vie­ren. Das muß rei­chen bis nächs­tes Jahr. Freund­schafts­preis. Ein Kaf­fee viel­leicht? Non, merci, kei­nen Kaf­fee, wir haben gleich noch ein Ren­dez­vous. Ein Glas Was­ser viel­leicht.

Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Das wer­den ja von ganz alleine immer mehr. Und jetzt auch noch diese Flücht­linge, man weiß ja gar nicht, wo die genau her­kom­men und wer da so kommt. Und ob die wirk­lich alle in Gefahr wären, wagte sie zu bezwei­feln, die meis­ten woll­ten wohl doch nur vom fran­zö­si­schen Sozi­al­sys­tem pro­fi­tie­ren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kin­dern kämen. Kom­men zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür brin­gen sie uns auch noch um. Fran­cis, der Imker, ver­suchte nun auch, den Rede­schwall sei­ner Frau zu unter­bre­chen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frank­reich ging es so schlecht, daß wir nicht zurecht­kom­men könn­ten mit den paar Flücht­lin­gen. In Deutsch­land, Fran­cis spielt mir gegen­über gerne auf Deutsch­land an, mit Angela Mer­köhl, wür­den sie ja mit weit­aus mehr Flücht­lin­gen zurecht­kom­men. Und außer­dem müß­ten sie jetzt mal los zu ihrem Ren­de­vous – Jaja, on y va, aber die Deut­schen wür­den schon noch sehen, was sie davon hät­ten. Noch ginge es ihnen, den Deut­schen also, ja viel bes­ser als uns, aber mit die­sen gan­zen Migran­ten würde sich das nicht mehr lange hal­ten. Wer soll denn das bezah­len? Und die wüß­ten ja auch nicht, Angela Mer­köhl und ihre Regie­rung wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land lie­ßen. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die über­haupt unter­ein­an­der reden. Ver­steht ja kei­ner. Natür­lich gäbe es da ver­mut­lich schwarze Schafe, gelang mir ein­zu­wer­fen, und Fran­cis nickte dazu, aber wohl auch nicht mehr als in der nor­ma­len Bevöl­ke­rung. Natür­lich gäbe es da ein Risiko, aber Men­schen in Not müßte man doch hel­fen, es wären ja auch Kin­der dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mit­tel­meer absau­fen las­sen. – Ja, genau, Kin­der, das ist auch so ein Pro­blem, einer kommt, man wüßte gar nicht genau woher und warum und wenn er erst­mal hier ist, kommt die ganze Sipp­schaft nach. Und kei­ner von denen arbei­tet. Alles auf unsere Kos­ten. Die meis­ten wären ohne­hin keine Flücht­linge, die aus Marokko und Alge­rien wären ja nicht im Krieg, die wol­len es nur ein­fach bes­ser haben. – Genau, Isa­belle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur ein­fach bes­ser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Und des Miel de châ­tai­gnier wegen.


© Ber­tram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Für Aila, Novem­ber-Aus­gabe des Riviera-Maga­zins, gekürzt auf 4.580 Zei­chen:

Ob ich schon wüßte, daß in der Nähe des Bahn­hofs jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, wohl irgendwo auf dem Gelände der ehe­ma­li­gen Citroën-Werk­statt. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüs­tern fast, als ob sie mir ein Geheim­nis anver­trauen würde, obwohl da nie­mand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf mei­ner Ter­rasse. Als ob eine Moschee eine kon­spi­ra­tive Ein­rich­tung wäre.

Isa­belle und Fran­cis haben ein paar Bie­nen­stö­cke bei uns auf­ge­stellt. Seit Jah­ren. Zum Sai­son­ende brin­gen sie ein Sor­ti­ment aus ihrer Pro­duk­tion, als Gegen­leis­tung für die Stand­plätze. Zehn Sor­ten haben sie inzwi­schen. Natür­lich auch Miel de Pro­vence. Das kau­fen die Tou­ris­ten so gerne. Auf meine Ver­mitt­lung konn­ten sie im Früh­som­mer ein paar Stö­cke bei Col­lo­briè­res plat­zie­ren, einer loka­len Hoch­burg der Maro­nenindus­trie.

Sie hätte bis­lang nicht gewußt, daß es sogar bei uns schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letz­ten Frei­tag zufäl­lig da vor­bei­ge­kom­men. Das muß nach dem Gebet gewe­sen sein, der ganze Hof der Werk­statt voll, bis auf den Bür­ger­steig, voll mit die­sen Män­nern, bär­tig, im Nacht­hemd, ja, sie sagte Nacht­hemd, che­mise de nuit, in Grup­pen. Rich­tig erschro­cken wäre sie ange­sichts so vie­ler Män­ner, die da in aller Öffent­lich­keit ihrem Glau­ben folg­ten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekom­men. Der Gatte dazu, Fran­cis, sonst ein Mus­ter an Elo­quenz in fach­kun­di­ger Aus­kunft zur Imke­rei, hörte schwei­gend zu. Isa­belle, ver­suchte ich sie zu unter­be­chen, ist doch nichts ein­zu­wen­den, wenn…, ver­geb­lich, Isa­belle hatte sich in Fahrt gere­det. Weil man die Män­ner in Nacht­hem­den, mit Kopf­be­de­ckun­gen und Bär­ten über­haupt nicht ver­stünde, wer weiß schon, was die da reden und was denen am Frei­tag erzählt wird. Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Aber diese Regie­rung unter die­sem Prä­si­den­ten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur füh­ren mit Frank­reich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürf­ten! – Isa­belle, neuer Ver­such mei­ner­seits, das ist doch wohl von der Gemeinde abge­seg­net. Das wird schon seine Rich­tig­keit haben, wenn sogar Mon­sieur le Maire (poli­ti­sch dem Gedan­ken­gut der Le-Pen-Dynas­tie nahe) das nicht ver­hin­dert hat. – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eis­bergs.

Miel de châ­tai­gnier, Kas­ta­ni­en­blü­ten­ho­nig, ist mein ein­deu­ti­ger Favo­rit, kräf­ti­ges Blü­tena­roma, durch den rela­tiv gerin­gen Glu­ko­se­an­teil eher herb, leicht bit­ter. Erin­nert geschmack­lich an Hus­ten­saft, sagen Igno­ran­ten. Mit sei­nem aus­ge­präg­tem Aroma ist Kas­ta­nienblü­tenhonig wun­der­bar im Tee, in hei­ßer Zitrone, auf fri­schem Baguette mit But­ter. Meine Frau macht Salat­s­o­ßen damit. Lässt sich aber auch ein­fach so löf­feln wie Nutella.

Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Und jetzt auch noch diese Flücht­linge, man weiß ja gar nicht genau, wo die her­kom­men und wer das ist. Und ob die wirk­lich alle in Gefahr wären, bliebe zu bezwei­feln, die meis­ten woll­ten wohl doch nur vom fran­zö­si­schen Sozi­al­sys­tem pro­fi­tie­ren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kin­dern kämen. Kom­men zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür brin­gen sie uns auch noch um. Fran­cis, der Imker, ver­suchte nun auch, den Rede­schwall sei­ner Frau zu unter­bre­chen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frank­reich ginge es so schlecht, daß man nicht zurecht­käme mit den paar Flücht­lin­gen. In Deutsch­land, Fran­cis spielt mir gegen­über gerne auf Deutsch­land an, wür­den sie ja mit weit­aus mehr zurecht­kom­men. Jaja, die wür­den schon noch sehen, was sie davon hät­ten. Noch ginge es denen ja viel bes­ser als uns, aber das würde sich wohl nicht mehr lange hal­ten. Wer soll denn das bezah­len? Angela Mer­köhl wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließe. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die über­haupt unter­ein­an­der reden. Ver­steht ja kei­ner. Natür­lich gäbe es da ver­mut­lich schwarze Schafe, gelang mir ein­zu­wer­fen, und Fran­cis nickte dazu, und natür­lich gäbe es da ein Risiko, aber Men­schen in Not müßte man doch hel­fen, es wären ja auch Kin­der dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mit­tel­meer absau­fen las­sen. – Ja, genau, Kin­der, das ist auch so ein Pro­blem, einer kommt und wenn er erst­mal hier ist, kommt die ganze Sipp­schaft nach. Und kei­ner von denen arbei­tet. Alles auf unsere Kos­ten. Die meis­ten wären ohne­hin keine Flücht­linge, viele wären ja nicht im Krieg, die wol­len es nur ein­fach bes­ser haben. – Genau, Isa­belle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur ein­fach bes­ser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Und des Miel de châ­tai­gnier wegen.

Und noch wei­ter gekürzt. Ohne Honig. 3.690 Zei­chen. Fände ich schade.

Ob ich schon wüßte, daß in der Nähe des Bahn­hofs jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, wohl irgendwo auf dem Gelände der ehe­ma­li­gen Citroën-Werk­statt. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüs­tern fast, als ob sie mir ein Geheim­nis anver­trauen würde, obwohl da nie­mand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf mei­ner Ter­rasse. Als ob eine Moschee eine kon­spi­ra­tive Ein­rich­tung wäre.

Sie hätte bis­lang nicht gewußt, daß es sogar bei uns schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letz­ten Frei­tag zufäl­lig da vor­bei­ge­kom­men. Das muß nach dem Gebet gewe­sen sein, der ganze Hof der Werk­statt voll, bis auf den Bür­ger­steig, voll mit die­sen Män­nern, bär­tig, im Nacht­hemd, ja, sie sagte Nacht­hemd, che­mise de nuit, in Grup­pen. Rich­tig erschro­cken wäre sie ange­sichts so vie­ler Män­ner, die da in aller Öffent­lich­keit ihrem Glau­ben folg­ten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekom­men. Der Gatte dazu, Fran­cis, sonst ein Mus­ter an Elo­quenz in fach­kun­di­ger Aus­kunft zur Imke­rei, hörte schwei­gend zu. Isa­belle, ver­suchte ich sie zu unter­be­chen, ist doch nichts ein­zu­wen­den, wenn…, ver­geb­lich, Isa­belle hatte sich in Fahrt gere­det. Weil man die Män­ner in Nacht­hem­den, mit Kopf­be­de­ckun­gen und Bär­ten über­haupt nicht ver­stünde, wer weiß schon, was die da reden und was denen am Frei­tag erzählt wird. Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Aber diese Regie­rung unter die­sem Prä­si­den­ten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur füh­ren mit Frank­reich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürf­ten! – Isa­belle, neuer Ver­such mei­ner­seits, das ist doch wohl von der Gemeinde abge­seg­net. Das wird schon seine Rich­tig­keit haben, wenn sogar Mon­sieur le Maire (poli­ti­sch dem Gedan­ken­gut der Le-Pen-Dynas­tie nahe) das nicht ver­hin­dert hat. – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eis­bergs.

Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Und jetzt auch noch diese Flücht­linge, man weiß ja gar nicht genau, wo die her­kom­men und wer das ist. Und ob die wirk­lich alle in Gefahr wären, bliebe zu bezwei­feln, die meis­ten woll­ten wohl doch nur vom fran­zö­si­schen Sozi­al­sys­tem pro­fi­tie­ren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kin­dern kämen. Kom­men zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür brin­gen sie uns auch noch um. Fran­cis, der Imker, ver­suchte nun auch, den Rede­schwall sei­ner Frau zu unter­bre­chen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frank­reich ginge es so schlecht, daß man nicht zurechtkäme mit den paar Flücht­lin­gen. In Deutsch­land, Fran­cis spielt mir gegen­über gerne auf Deutsch­land an, wür­den sie ja mit weit­aus mehr zurecht­kom­men. Jaja, die wür­den schon noch sehen, was sie davon hät­ten. Noch ginge es denen ja viel bes­ser als uns, aber das würde sich wohl nicht mehr lange hal­ten. Wer soll denn das bezah­len? Angela Mer­köhl wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließe. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die über­haupt unter­ein­an­der reden. Ver­steht ja kei­ner. Natür­lich gäbe es da ver­mut­lich schwarze Schafe, gelang mir ein­zu­wer­fen, und Fran­cis nickte dazu, und natür­lich gäbe es da ein Risiko, aber Men­schen in Not müßte man doch hel­fen, es wären ja auch Kin­der dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mit­tel­meer absau­fen las­sen. – Ja, genau, Kin­der, das ist auch so ein Pro­blem, einer kommt und wenn er erst­mal hier ist, kommt die ganze Sipp­schaft nach. Und kei­ner von denen arbei­tet. Alles auf unsere Kos­ten. Die meis­ten wären ohne­hin keine Flücht­linge, viele wären ja nicht im Krieg, die wol­len es nur ein­fach bes­ser haben. – Genau, Isa­belle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur ein­fach bes­ser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.