Jeu de l'oie

Quoi? Was ist? -

Gér­ard ist sicht­lich genervt. Drau­ßen liegt die Tem­pe­ra­tur bei deut­lich über drei­ßig Grad, in mei­ner Wasch­kü­che ist es auch nicht küh­ler. Dazu tro­pi­sche Luft­feuch­tig­keit. Schweiß­trei­bend. Da hat ihm seine Frau am Tele­fon gerade noch gefehlt. Ich kenne das. Wenn mein Tele­fon den gan­zen Tag bis­her nicht geklin­gelt hat, muss ich mich unter die Dusche stel­len oder gerade ste­rile Hand­schuhe über­ge­streift haben um eine Péri­du­rale zu ste­chen. Klin­gelt bestimmt das Tele­fon. Ist nicht immer meine Frau.

Die müs­sen auf dem Küchen­tisch liegen. -

Gér­ard ist der erste vom Darty-Kun­den­dienst, der sich mit Namen vor­ge­stellt hat. Gér­ard vom Darty-Kun­den­dienst. Darty ist in Frank­reich sowas wie Saturn oder Media­markt in Deutsch­land. Vor einer hal­ben Stunde war Gér­ard noch vol­ler Zuver­sicht. Beim Kun­den vor­fah­ren, Maschine auf­schrau­ben, Teil aus­wech­seln, kurz tes­ten, alles funk­tio­niert wie­der, zufrie­de­ner Kunde. Papier­kram. Zehn Minu­ten grand maxi­mum. Und dann das: E:58 und E:67. Sein Teil ist das fal­sche. Er ist über­zeugt, der Kol­lege irrt. Aber nun, wo er schon mal hier ist.

Na da, wo ich sie immer hin­lege, neben der Obst­schale. Ich lege die Schlüs­sel immer neben die Obst­schale, weißt du doch! -

Drei Wochen frü­her. 14. Juli. Fei­er­tag in Frank­reich. Natio­nal­fei­er­tag. 2017 ein Frei­tag. Meine Frau ist im Haus­halt tätig. Wischen, put­zen, räu­men. Ich mache wahr­schein­lich mal wie­der nichts. Kann ich beson­ders gut, sagt meine Frau. Nichts machen, meint sie, kann ich beson­ders gut. Sagt sie immer dann, wenn sie mal was macht im Haus­halt. Kannst du mal die Wasch­ma­schine repa­rie­ren. Die geht nicht mehr auf. Maschi­nen gehen immer vor dem Wochen­ende kaputt.

Die müs­sen da sein, schau' doch noch mal richtig! -

E:58. Die Wasch­ma­schine ist fast fer­tig gewor­den mit einem Wasch­gang. Ein gel­bes Licht blinkt, das Fens­ter zur Wäsche lässt sich nicht öff­nen. Aus- und Ein­schal­ten hilft manch­mal. Dies­mal nicht. Ton­si­gnal, gelbe Leuchte, E:58. 58 sagt mir was, das war, glaube ich, schon mal. Oder war es die Spül­ma­schine? Oder was ganz Ande­res? Bestimmt hat ein Lego­teil die Pumpe blo­ckiert. Oder ein Ein-Cent-Stück. Ich habe auch schon Zahn­sto­cher in den Flü­geln der Pumpe ver­klemmt gefun­den. Man kann sich kaum vor­stel­len, wie ein Zahn­sto­cher dahin­kommt. Aber, mich kann nichts mehr über­ra­schen an der Pumpe. Kenne ich. Das gibt immer sol­che Feh­ler­mel­dun­gen, irgend­was mit E. Ich habe schon, frü­her mal, Kun­den­dienst kom­men las­sen, 78 Euro plus Mehr­wert­steuer für Anfahrt und die erste halbe Stunde, 39 Euro jede wei­tere halbe Stunde. Da wusste ich noch nicht, dass eine Pumpe ver­klem­men kann. Haben Sie schon mal an der Pumpe nach­ge­se­hen? Wel­che Pumpe? Macht 78 Euro plus Mehr­wert­steuer. Nicht ver­han­del­bar. Keine fünf Minu­ten spä­ter war der Kun­den­dienst wie­der weg. Haar­spange der Toch­ter. Drei Minu­ten alleine für den Papier­kram. Lehr­geld. Pas­siert mir nicht wie­der. An der Pumpe liegt es dies­mal nicht. Kla­rer Fall für den Kundendienst.

Ich habe keine Ahnung, wo sie sonst sein kön­nen. Ich bin nach Hause gekom­men und habe sie auf den Tisch gelegt. So wie immer. Ganz sicher. -

Der tele­fo­ni­sche Kun­den­dienst von Darty funk­tio­niert auch an Fei­er­ta­gen. Ein biss­chen ver­zö­gert zwar, knappe Vier­tel­stunde War­te­schleife, aber immerhin.

Mon­tag schon wird ein Tech­ni­ker kom­men. Nach­mit­tags zwi­schen 12 und 17 Uhr. Wird sich der Sohn küm­mern müssen.

Ich habe jetzt eigent­lich keine Zeit, ich bin beim Kun­den. Frag' doch mal Mathieu, viel­leicht hat der sie genom­men, ce con­nard. -

Gér­ard ist mitt­ler­weile der dritte aus der Kun­den­dienst-Mann­schaft von Darty. Der erste kam tat­säch­lich schon am Mon­tag nach dem Frei­tags­fei­er­tag. Der Sohn war zuhause. Es muss ein kur­zer Auf­tritt gewe­sen sein. Blick­dia­gnose. E:58. Das kann nur das module de puis­sance sein, was auch immer das sein mag. Hatte er nicht dabei. Lei­der. Musste bestellt wer­den. Papier­kram drei Minu­ten. 89 Euro. Plus Mehr­wert­steuer. Ist mitt­ler­weile aller­dings ein Pau­schal­preis. Egal wie oft sie kom­men müs­sen. Immer­hin. Die Bestel­lung dau­ert zehn Tage. Neuer Ter­min am Sams­tag Nach­mit­tag in zehn Tagen. Zwi­schen 12 und 17 Uhr. Per Mail ein Ein­satz­be­richt. Oben das Motto, notre objec­tiv: vous satis­faire à 100%, unser Ziel: Ihre Zufrie­den­heit zu 100%.

Ça va, ça va, ich weiß, dass Mathieu kein con­nard ist, excuse-moi! Wie gesagt, ich arbeite! Ich weiß aber auch nicht, wo die Schlüs­sel sind! -

Sams­tag Nach­mit­tag, 17 Uhr. Gut zehn Tage spä­ter. Wir waschen unsere Wäsche eben solange im Wasch­sa­lon keine fünf Minu­ten ent­fernt. Der Tech­ni­ker, ein ande­rer als beim ers­ten Mal, hat noch, übers Dépar­te­ment ver­teilt, drei wei­tere Kun­den zufrie­den­zu­stel­len. Erwähnt er gleich zum Bon­jour. Die Logis­ti­ke­rin hat anschei­nend keine Ahnung von der Geo­gra­fie des Dépar­te­ments, sagt er, und Darty sei ohne­hin sowas von schlecht orga­ni­siert. Dass die über­haupt über­le­ben kön­nen, und das schon so lange! Er ist auch nicht ein­ver­stan­den mit der Blick­dia­gnose sei­nes Vor­gän­gers. E:58 wäre nor­ma­ler­weise der con­ver­tis­seur de fréquence. Oder beide, module de puis­sance und con­ver­tis­seur de fréquence. Hätte der Kol­lege ein­fach im Hand­buch nach­le­sen kön­nen. Aber viel­leicht kann der ja nicht lesen. Egal, sagt er, jetzt bin ich ja schon mal hier. Die­ser Herr weiß genau, wie man das anstellt mit der Kun­den­zu­frie­den­heit. Sein Bau­teil befin­det sich raf­fi­niert ver­steckt hin­ter der Vor­der­front. Ça, ils le savent très bien, ces boches, nous faire chier tout le temps. Über­setzt, im Ton abge­mil­dert: Das kön­nen sie, diese Deut­schen, uns das Leben schwer­ma­chen. Die Maschine ist von Sie­mens. Etwa zwan­zig Kabel mit zwan­zig ähn­li­chen Ste­ckern füh­ren zum module de puis­sance. Das module de puis­sance muss das Gehirn der Maschine sein. Wäre aber idio­ten­si­cher, sagt er. Jeder Ste­cker passt nur in einer bestimm­ten Buchse. Am Ende ist alles wie­der ver­steckt hin­ter der Vor­der­front, irgend­wie. Und dann: E:67. Ob er sich nicht doch getäuscht haben könnte mit einem der idio­ten­si­che­ren Ste­cker? Immer noch kaputt. Aber anders. Noch kaput­ter viel­leicht. Sagte ich doch gleich, meint der Tech­ni­ker irgend­wie tri­um­phie­rend. Das andere Teil hat er jedoch nicht dabei, lei­der. Der Kol­lege von letz­ter Woche hätte es übri­gens im Wagen gehabt, weiß seine Soft­ware. Der muss es wohl irgend­wie eilig gehabt haben. Neues Ren­dez­vous nächs­ten Frei­tag. Nach­mit­tags. Ob er selbst wie­der käme, kann er natür­lich nicht sagen. Meine Zufrie­den­heit als Kunde erfährt zuneh­mend Ein­schrän­kun­gen. Drei Sterne von fünf viel­leicht noch.

Also, dann kann ich dir auch nicht hel­fen. Bor­del à cul! -

Gér­ard ist am Rande sei­ner Ner­ven­kraft. Das Tele­fon zwi­schen lin­kes Ohr und die Schul­ter geklemmt, hat er die Rück­seite der Maschine auf­ge­schraubt, zwölf Schrau­ben, das Bau­teil aus­ge­tauscht und fest­ge­stellt, dass die Maschine immer noch nicht funktioniert.

Ich muss jetzt auch auf­le­gen, ich bin immer noch beim Kun­den. Bisous. Küss­chen.

E:67. Unver­än­dert. Hätte schlim­mer kom­men kön­nen, E:79 oder so. Habe ich ja gleich gesagt. Wie­der die­ser Recht­ha­ber-Tri­umph, den sein Vor­gän­ger schon so gut konnte.

Den Mon­tag dar­auf holt Darty die Wasch­ma­schine ab. Auf meine Anre­gung hin. Ich könnte nicht jede Woche einen Nach­mit­tag frei krie­gen, um ihm oder sei­nen Kol­le­gen beim Bas­teln zuzu­se­hen. Neh­men Sie sie mit und brin­gen Sie sie wie­der, wenn sie funk­tio­niert. Gegen Gér­ards Beden­ken. Ganz schwie­rig, das ginge nur mit Geneh­mi­gung von höchs­ter Stelle, François Hol­lande sozu­sa­gen. Ging dann doch. Gér­ard hat den Zei­ten­wech­sel ver­schla­fen, François Hol­lande ist nicht mehr der Chef. Mit Emma­nuel Macron geht alles bes­ser. Meine Kun­den­zu­frie­den­heit ist nichts­des­to­trotz auf einem Tief­punkt ange­langt, ein Stern noch. Weni­ger geht nicht.

Ich erin­nere mich mitt­ler­weile, wo ich die 58 schon mal gese­hen habe. Im Gän­se­spiel. Auf Feld 58, ganz kurz vor dem Ziel, stirbt die Gans. Oder schläft ein. Der Spie­ler muss von vorne begin­nen. Deut­sche Tech­ni­ker haben einen dis­kre­ten Sinn für Humor. E:58 heißt weg mit der Maschine, die ist rich­tig kaputt, hol' dir 'né neue. Sowas kön­nen deut­sche Tech­ni­ker. Die Maschine erkennt den Erst­kon­takt mit der Steck­dose des Kun­den. Die Obso­les­zens ist auf genau sechs Jahre spä­ter pro­gram­miert, ganz sicher außer­halb jeg­li­cher Garan­tie­op­tio­nen. Da kön­nen Gér­ard und seine Kol­le­gen machen, was sie wol­len. Sagt ihnen aber kei­ner. Dis­krete deut­sche Tech­ni­ker eben.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

50.000 Euro

Zwei Chir­ur­gen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anäs­the­sist. Sagt der eine Chir­urg zum ande­ren: Ste­cken wir ihm die Hände in die Hosen­ta­schen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Ist nicht so pein­lich wie der des Kin­der­arz­tes neu­lich. Chir­ur­gen sehen uns ja sel­ten mal arbei­ten. Nur immer mit den Hän­den in den Taschen. Chir­ur­gen haben ihren Auf­tritt erst, wenn wir fer­tig sind. Wenn der Pati­ent in Nar­kose ist. Und sind schon wie­der weg, wenn wir den Pati­en­ten wach machen. Kann man ver­glei­chen mit Pilo­ten im Flie­ger. Wenn der Flie­ger erst­mal oben ist, war­tet der Pilot bis zur Lan­dung. Dreht viel­leicht mal an irgend­ei­nem Knopf, legt kleine Kipp­schal­ter um, arbei­tet Check­lis­ten ab. Quatscht vor allem mit dem Kopi­lo­ten, dem Tech­ni­ker, der Ste­war­dess, ich bräuchte jetzt mal 'nen Kaf­fee. Legt sich schla­fen. Erst zur Lan­dung muss er wie­der da sein, der Pilot. Wie der Anäs­the­sist. Der Anäs­the­sist kann bis dahin Sudo­kus lösen oder das ZEIT Maga­zin lesen, Fach­li­te­ra­tur. Kann an Räd­chen dre­hen, Knöpfe drü­cken. Der Schwes­tern­schü­le­rin die Anäs­the­sie erklä­ren. Den Blut­druck auf­schrei­ben und den geschätz­ten Blut­ver­lust. Außer­dem über das grüne Tuch hin­weg den Chir­ur­gen bei der Arbeit zuse­hen. Gerne auch inter­es­sierte Fra­gen stel­len, warum blu­tet das da so, hilf­rei­che Hin­weise for­mu­lie­ren, viel­leicht soll­test du zum nächs­ten Mal noch mal bei you­tube gucken, wor­auf es beim Blind­darm ankommt. Hände in den Taschen.

Wäh­rend der OP fragt der Anäs­the­sist den Chir­ur­gen: "Weisst Du was der Unter­schied zwi­schen uns bei­den ist?" Der Chir­urg ant­wor­tet genervt: "Ich hab' keine Ahnung". Dar­auf der Anäs­the­sist: "Rich­tig!" – Es gibt eigent­lich keine guten Arzt­witze. Bei google fin­det man immer wie­der dies­sel­ben. Je öfter man sie fin­det, desto lang­wei­li­ger wer­den sie.

Wenn der Chir­urg schreien muss, weil er Über­blick und Kon­trolle zu ver­lie­ren droht, kann der Anäs­the­sist ihm trös­tend zur Seite ste­hen. Kommt aber nur sel­ten vor. Ich meine, dass der Chir­urg Über­blick und Kon­trolle zu ver­lie­ren droht. Ganz, ganz sel­ten. Ehr­lich. Tröst­li­cher Zuspruch gehört auch zu unse­ren Auf­ga­ben. Ver­ständ­nis für Pati­en­ten sowieso. Aber auch für die Chir­ur­gen. Oft sind deren Arbeits­be­din­gun­gen nicht so gut, manch­mal unter aller Sau. Das Licht schlecht ein­ge­stellt. Ich kann so nicht arbei­ten. Die Mes­ser stumpf. Der Assis­tent so unge­schickt, die Schwes­ter so blond. So kann das ja nichts wer­den. Da kann man schon mal ner­vös wer­den als Chir­urg. Dann ist der Anäs­the­sist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen ver­mit­teln Zuver­sicht. Manch­mal glaubt der Chir­urg ganz ernst­haft, die Nar­kose selbst wäre die Ursa­che allen Übels, der Pati­ent schläft nicht, kön­nen Sie viel­leicht mal ein biss­chen mehr Nar­kose machen. Na, sowas! Dann muss der Anäs­the­sist die Hände aus den Taschen neh­men, Geschäf­tig­keit jen­seits des grü­nen Tuchs pro­du­zie­ren, Anwei­sun­gen ans Pfle­ge­per­so­nal flüs­tern, an Räd­chen dre­hen, viel­leicht sogar was sprit­zen. Ist aber meis­tens nicht nötig. Drei Minu­ten Abwar­ten reicht fast immer. So müsste es bes­ser sein. Zuver­sicht. Auf die Psy­cho­lo­gie kommt es an. Hände in den Hosentaschen.

Nacima fand den Witz des Kin­der­arz­tes übri­gens unglaub­lich komisch. Konnte sich gar nicht wie­der ein­krie­gen. Trä­nen tropf­ten auf die Geburts­mel­dung, Name des Vaters. Als ob ihr aus dem Witz eine neue Erkennt­nis ent­stan­den gewe­sen wäre. Im Kopf von Män­nern ist nichts. Gar nichts. Sogar der ein­same Sper­ma­to­zyt ist fehl am Platze. Hallo? Hal­looo? Ist da nie­mand? Der Mann denkt vor­wie­gend unter­halb der Gür­tel­li­nie. Naja, wenn man das den­ken nen­nen kann. Viel­leicht stellte sich Nacima den ein­sam durchs Vakuum unter der männ­li­chen Schä­del­de­cke schwän­zeln­den Sper­ma­to­zy­ten vor. Mit gro­ßen, angst­ge­wei­te­ten Augen. Haal­looo? Ich ging dann lie­ber noch­mal meine Zweit­ge­bä­rende gucken. Ob meine Péri­du­rale auch den gewünsch­ten Effekt gebracht hätte. Danach waren sie beide weg, der alternde Päd­ia­ter und Nacima auch. Ich habe sie nicht gesucht. Geht mich ja nichts an.

Manch­mal ist Anäs­the­sie ein biss­chen lang­wei­lig. Rou­tine eben. Blind­darm, Hüfte, Man­deln, grauer Star, Abtrei­bung. Kurz­stre­cke. Von Stutt­gart nach Düs­sel­dorf, von Ham­burg nach Mün­chen. Manch­mal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scher­winde. Rou­tine. Nicht wei­ter schlimm. Tau­sende von Malen geübt. Und manch­mal geht was schief. Blut­bad. Der Blut­druck rauscht ab. Der Chir­urg kol­la­biert. Das EKG ver­än­dert sich, das Herz des Pati­en­ten wird zu schnell oder zu lang­sam. Der Pati­ent wacht auf. Herz­still­stand. Kann alles pas­sie­ren. Manch­mal sind Kom­pli­ka­tio­nen vor­her­seh­bar, wären vor­her­seh­bar gewe­sen. Anfän­ger haben mehr Kom­pli­ka­tio­nen. Manch­mal sind sie schick­sals­haft, Pech. Das ent­spricht im Flie­ger den Tur­bu­len­zen an der Schlecht­wet­ter­front, dem ran­da­lie­ren­den Kegel­klub auf dem Flug nach Mal­lorca. Dem Aus­fall von Trieb­wer­ken, der Bom­ben­dro­hung. Zuver­sicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine ziel­füh­rend. Inner­halb von Sekun­den müs­sen Pilot oder Anäs­the­sist ihr Sudoku weg­le­gen, die läs­ti­gen Alarme aus­stel­len und andere wich­tige Ent­schei­dun­gen tref­fen, Maß­nah­men ergrei­fen. Vor­zugs­weise die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen, die rich­ti­gen Maß­nah­men. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosen­ta­schen, plötz­lich Stress. An mei­nem ers­ten Tag in mei­ner ers­ten Stelle fasste der Ober­arzt zusam­men, sein zwei­ter Lehr­satz: die Tätig­keit des Anäs­the­sis­ten besteht aus Jah­ren der Lan­ge­weile im flie­gen­den Wech­sel mit Sekun­den der Angst.

Ein guter und ein schlech­ter Anäs­the­sist, ein Inter­nist und ein Radio­loge sit­zen um einen Tisch, auf dem 50.000 € lie­gen. Wer bekommt das Geld?

Die Lösung: der schlechte Anäs­the­sist. Der schlechte Anäs­the­sist kriegt die Kohle. Weil: einen guten gibt's nicht. Hah­aha. Der Inter­nist ist zu lang­sam. Bis der mal fer­tig gedacht und aller­lei Even­tua­li­tä­ten abge­wo­gen hat, haben schon längst andere zuge­grif­fen. Hah­aha. Und der Radio­loge? Macht doch für sowe­nig Geld kei­nen Fin­ger krumm. Und noch­mal: Hah­aha. Der is gut, was? Kann man mit allen mög­li­chen medi­zi­ni­schen Spe­zia­li­tä­ten machen. Geht zum Bei­spiel ana­log mit Chir­urg, Psych­ia­ter und Patho­loge. Wie's halt gerade passt.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Für Aila, Sep­tem­ber-Heft der Rivie­r­a­Zeit, 3.986 Zeichen:

Zwei Chir­ur­gen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anäs­the­sist. Sagt der eine Chir­urg zum ande­ren: Ste­cken wir ihm die Hände in die Hosen­ta­schen, dann sieht es aus wie ein Arbeitsunfall.

Das geht als Witz. Chir­ur­gen sehen uns ja sel­ten mal arbei­ten. Nur immer mit den Hän­den in den Taschen. Chir­ur­gen haben ihren Auf­tritt erst, wenn wir fer­tig sind. Wenn der Pati­ent schläft. Und sind schon wie­der weg, wenn wir den Pati­en­ten wach machen. Kann man ver­glei­chen mit Pilo­ten im Flie­ger. Wenn der Flie­ger erst­mal oben ist, war­tet der Pilot bis zur Lan­dung. Dreht viel­leicht mal an irgend­ei­nem Knopf, legt kleine Kipp­schal­ter um. Quatscht vor allem mit dem Kopi­lo­ten und der Ste­war­dess, ich bräuchte jetzt mal 'nen Kaf­fee. Legt sich schla­fen. Erst zur Lan­dung muss er wie­der da sein. Wie der Anäs­the­sist. Der Anäs­the­sist kann bis dahin Sudo­kus lösen oder in der Rivie­r­a­Zeit blät­tern, Fach­li­te­ra­tur stu­die­ren. Der Schwes­tern­schü­le­rin die Anäs­the­sie erklä­ren. Außer­dem über das grüne Tuch hin­weg den Chir­ur­gen bei der Arbeit zuse­hen. Gerne auch hilf­rei­che Hin­weise for­mu­lie­ren, viel­leicht soll­test du zum nächs­ten Mal noch mal bei you­tube gucken, wor­auf es beim Blind­darm ankommt. Hände in den Taschen.

Wäh­rend der OP fragt der Anäs­the­sist den Chir­ur­gen: "Weisst Du was der Unter­schied zwi­schen uns bei­den ist?" Der Chir­urg ant­wor­tet genervt: "Ich hab' keine Ahnung". Dar­auf der Anäs­the­sist: "Rich­tig!" – Es gibt eigent­lich keine guten Arztwitze.

Wenn der Chir­urg schreien muss, weil er Über­blick und Kon­trolle zu ver­lie­ren droht, kann der Anäs­the­sist ihm trös­tend zur Seite ste­hen. Kommt aber nur sel­ten vor. Ich meine, dass der Chir­urg Über­blick und Kon­trolle zu ver­lie­ren droht. Ganz, ganz sel­ten. Ehr­lich. Ver­ständ­nis gehört zu unse­ren Kern­kom­pe­ten­zen. Für Pati­en­ten sowieso. Aber auch für die Chir­ur­gen. Manch­mal sind die Arbeits­be­din­gun­gen nicht so gut. Das Licht schlecht ein­ge­stellt. Die Mes­ser stumpf. Der Assis­tent so unge­schickt, die Schwes­ter so blond. Ich kann so nicht arbei­ten. Da kann man schon mal ner­vös wer­den. Dann ist der Anäs­the­sist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen ver­mit­teln Zuver­sicht. Manch­mal glaubt der Chir­urg, die Nar­kose selbst wäre die Ursa­che allen Übels, der Pati­ent schläft nicht, kön­nen Sie viel­leicht mal ein biss­chen mehr Nar­kose machen. Dann muss der Anäs­the­sist die Hände aus den Taschen neh­men, Geschäf­tig­keit jen­seits des grü­nen Tuchs pro­du­zie­ren, Anwei­sun­gen ans Pfle­ge­per­so­nal flüs­tern, an Räd­chen dre­hen, viel­leicht sogar was sprit­zen. Ist aber meis­tens nicht nötig. Drei Minu­ten Abwar­ten reicht fast immer. So müsste es bes­ser sein. Auf die Psy­cho­lo­gie kommt es an. Hände in den Kitteltaschen.

Manch­mal ist Anäs­the­sie ein biss­chen lang­wei­lig. Rou­tine eben. Blind­darm, Hüfte, Man­deln, Abtrei­bung. Kurz­stre­cke. Von Stutt­gart nach Düs­sel­dorf, von Ham­burg nach Mün­chen. Manch­mal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scher­winde. Rou­tine. Tau­sende von Malen geübt. Und manch­mal geht was schief. Blut­bad. Der Chir­urg kol­la­biert. Der Pati­ent wacht auf. Herz­still­stand. Kann alles pas­sie­ren. Manch­mal sind Kom­pli­ka­tio­nen vor­her­seh­bar, wären vor­her­seh­bar gewe­sen. Anfän­ger haben mehr Kom­pli­ka­tio­nen. Manch­mal sind sie schick­sals­haft, Pech. Das ent­spricht im Flie­ger den Tur­bu­len­zen an der Schlecht­wet­ter­front, dem ran­da­lie­ren­den Kegel­klub auf dem Flug nach Mal­lorca. Dem Aus­fall von Trieb­wer­ken, der Bom­ben­dro­hung. Zuver­sicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine ziel­füh­rend. Inner­halb von Sekun­den müs­sen wir unser Sudoku weg­le­gen und Ent­schei­dun­gen tref­fen, Maß­nah­men ergrei­fen. Vor­zugs­weise die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen, die rich­ti­gen Maß­nah­men. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosen­ta­schen, plötz­lich Stress. An mei­nem ers­ten Tag in der Anäs­the­sie fasste der Ober­arzt zusam­men: die Tätig­keit des Anäs­the­sis­ten besteht aus Jah­ren der Lan­ge­weile im flie­gen­den Wech­sel mit Sekun­den der Angst.

Ein guter und ein schlech­ter Anäs­the­sist, ein Inter­nist und ein Radio­loge sit­zen um einen Tisch, auf dem 50.000 € lie­gen. Wer bekommt das Geld?

Parosmie

Banane. Ganz klar. Zur Aus­wahl hätte es noch Ana­nas, Orange und Zitrone gege­ben. Ein Mul­ti­ple Choice Test. Zwölf Gerü­che in Snif­fin' Sticks. Der Pro­fes­sor hält mir Stifte, die aus­se­hen wie dicke Filz­stifte, unter die Nase und zeigt mir eine Karte dazu. Vier Gerü­che zur Aus­wahl. Ich muß den rich­ti­gen aus­wäh­len. Banane, ganz klar, Ant­wort C. Banane. Der Pro­fes­sor macht ein Kreuz auf dem Aus­wer­tungs­bo­gen. C.

Ter­min beim Par­kin­son-Pro­fes­sor. Renom­mierte Kli­nik süd­west­lich von Ber­lin. Bekann­ter von Stu­di­en­kol­le­gen. Der Pro­fes­sor sollte mir sagen, dass das kein Par­kin­son ist im Arm. Hätte mir gefal­len. Zahn­rad­phä­no­men und ein biss­chen Inten­ti­ons­tre­mor bei bestimm­ten Bewe­gun­gen im Ellen­bo­gen links – und nur da – pas­sen auch zum Kor­sa­kow. Trin­ken Sie mal ein biß­chen weni­ger. Ich trinke doch schon lange nichts mehr. Naja, nicht mehr soviel. Nicht mehr jeden Tag, meine ich. Meine Leber­werte sind super. Dann leben Sie eben mit dem Zahn­rad­phä­no­men. Und die Bil­der aus dem Kopf? Bei sol­chen Bil­dern kommt es auf prä­zise Ein­hal­tung der Stan­dards bei der Erstel­lung an, könnte er sagen, der Pro­fes­sor. Prä­zise, wäre ich ihm ins Wort gefal­len, prä­zise! Die habe ich in Frank­reich machen las­sen, die Bil­der, in Süd­frank­reich! Prä­zise und Süd­frank­reich, das passt gar nicht. Klar, könnte er sagen, der Pro­fes­sor, weiß ich doch, ich habe drei Jahre in Mont­pel­lier stu­diert, die Bil­der kön­nen Sie im Prin­zip ver­ges­sen. Wahr­schein­lich liegt es doch ein­fach an Ihren maro­den Hals­wir­beln. Kom­men Sie doch in einem Jahr wie­der, ach was, in fünf Jah­ren, wenn Sie immer noch was haben am Arm. Hätte der Pro­fes­sor gesagt haben können.

Der Bei­pack­zet­tel von Azilect beschreibt eine Fülle von mög­li­chen Neben­wir­kun­gen, sehr häu­fig auf­tre­tende, mehr als ein Pati­ent von zehn, bis gele­gent­lich, einer von tau­send. Stö­run­gen der Impuls­kon­trolle unter The­ra­pie mit Azilect fin­den an meh­re­ren Stel­len im Bei­pack­zet­tel Erwäh­nung. Ich zitiere: "Es gab Fälle von Pati­en­ten, die wäh­rend der Ein­nahme von einem oder meh­re­rer Arz­nei­mit­tel zur Behand­lung der Par­kin­son-Krank­heit, nicht in der Lage waren, dem Impuls, dem Trieb oder der Ver­su­chung zu wider­ste­hen, bestimmte Dinge zu tun, die Ihnen selbst oder ande­ren scha­den kön­nen. Dies bezeich­net man als Impuls­kon­troll­stö­run­gen. Bei Pati­en­ten, die das Prä­pa­rat und/oder andere Arz­nei­mit­tel zur Behand­lung der Par­kin­son-Krank­heit ein­neh­men, wurde fol­gen­des beob­ach­tet: zwang­hafte Gedan­ken und impul­si­ves Ver­hal­ten, star­ker Drang zur Spiel­sucht […], ver­än­der­tes oder gestei­ger­tes sexu­el­les Inter­esse und Ver­hal­ten, das Sie und andere stark beun­ru­higt, wie zum Bei­spiel ein gestei­ger­ter Sexualtrieb."

Wie Män­ner eben so sind. Wis­sen wir ja. Ich meine, spä­tes­tens, wenn die Impuls­kon­trolle erst­mal weg­fällt. Neu­lich saß ich, spät­abends, im Büro der Heb­am­men mit Nacima, ziem­lich jung, ich könnte ihr Vater sein. Es gibt Gren­zen, Impuls­kon­trolle hin oder her. Obwohl, wer weiß, wenn sie mir was ins Ohr flüs­tern würde? Hal­lu­zi­na­tio­nen gehö­ren auch zu den Neben­wir­kun­gen, Kate­go­rie sehr sel­ten, ein Pati­ent von zehn­tau­send. Wir waren beide beschäf­tigt mit Papier­kram, für eine Nie­der­kunft macht das gefühlt hun­dert Sei­ten. Der Kin­der­arzt kam dazu, erstaun­lich, fand ich, was hat der noch zu so spä­ter Stunde hier zu suchen? Er schloss die Tür zum Büro hin­ter sich, sagte bon­jour und erzählte einen Witz. Ganz unvermittelt.

Der Pro­fes­sor hatte uns mit einem Bon­jour in erstaun­lich kor­rek­ter Aus­spra­che begrüßt. Beim unge­üb­ten Deut­schen klingt bon­jour meist wie Boschua. Pro­fes­sor eben, ver­mut­lich min­des­tens vier­spra­chig. Deutsch und Eng­lisch sowieso, Fran­zö­sisch ein biss­chen, bestimmt Spa­nisch. Ein paar Jahre wis­sen­schaft­li­cher Auf­ent­halt in Bar­ce­lona, ließ er an geeig­ne­ter Stelle ein­flie­ßen. Sehr pro­fes­sio­nelle Aura. Sys­te­ma­ti­sche Fra­gen zu Ana­mnese, Schwer­punkt Fami­li­en­ana­mnese. Eltern, Brü­der, Kin­der. Beruf, Kar­riere, und wieso gerade Frank­reich. Lebens­ge­wohn­hei­ten, Niko­tin, Alko­hol. Kon­sti­pa­tion, Para­s­om­nien? Alles wird notiert. Kör­per­li­che Unter­su­chung, die übli­chen Spiele bis zu den Seh­nen­re­fle­xen und Babin­ski. Kenne ich schon. Aus dem Stu­dium noch. Links im Arm der Rigor. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber führt der Pro­fes­sor den der stan­dar­di­sier­ten Test des Geruch­sinns durch.

Lakritz, Laven­del, Gras oder Nelke? Von die­sen Gerü­chen habe ich klare Vor­stel­lun­gen. Der Stift riecht nach nichts. Nach nichts Bestimm­tem, nichts, was ich defi­nie­ren könnte. Nichts als Ant­wort geht nicht. Leder, Pilze, Geräu­cher­tes, Sesamöl. Auch nichts. Ich muß raten. Womög­lich würde mir es der Pro­fes­sor übel­neh­men, wenn ich mich nach dem Ver­falls­da­tum sei­ner Stifte zu erkundigte.

Ein Sper­ma­to­zyt fin­det sich ein­sam wie­der im Kopf eines Man­nes. Kenn' ich schon, sagte ich schnell. Nacima sagte nichts. Der Witz ging wei­ter. Wie um was zu sagen in unser kon­zen­trier­tes Schwei­gen über den Papie­ren. Oder weil er den gan­zen Tag schon nichts ande­res den­ken konnte als die­sen so wahn­sin­nig komi­schen Witz, war viel­leicht auf einem der Radio­sen­der gewe­sen am Mor­gen, Ché­rie FM oder NRJ. Die nei­gen zu sowas, nicht nur um die Früh­stücks­zeit. Um halb acht mor­gens gerät die auch Schwät­zer­gruppe bei Mis­tral FM, bei mei­nen Kin­dern belieb­ter Lokal­sen­der von Tou­lon, gerne in eine schlüpf­rige Stim­mung. Immer, wenn ich mit den Kin­der im Auto sitze zur Schule. Wie­viel Pro­zent der Fran­zo­sen ver­wen­den regel­mä­ßig Sex­t­oys? C'est quoi, fragt die Toch­ter dann von hin­ten, des sex­t­oys?

Das Ergeb­nis war ein­deu­tig. Sie­ben von zwölf Gerü­chen habe ich nicht erkannt. Ab drei schöpft der Neu­ro­loge Ver­dacht. Für den Pro­fes­sor schien das aller­dings nur noch das i-Tüp­fel­chen der Dia­gnose dar­zu­stel­len. Es zählt vor allem natür­lich die Kli­nik. Der Rigor, das Zahn­rad­phä­no­men. Das reicht eigent­lich schon zur Dia­gno­se­stel­lung. Auch die Grüße der Bekann­ten von frü­her, die ich ein­flie­ßen ließ, um den Pro­fes­sor wohl­wol­lend zu stim­men, konn­ten nicht an sei­ner Über­zeu­gung rüt­teln. Idio­pa­thi­sches Par­kin­son­syn­drom. Eine eher milde Ver­laufs­form zwar, aber, dar­auf sollte ich vor­be­rei­tet sein, die rechte Seite wäre frü­her oder spä­ter auch betrof­fen. Und nicht nur das. Im War­te­zim­mer waren in einer Regal­wand eine ganze Reihe Bro­schü­ren zum Umgang mit der Krank­heit expo­niert. The­men wie Sport, Ernäh­rung, Logo­pä­die. Spei­chel­fluß, Unruhe, Demenz. Die Bro­schü­ren ver­mit­teln einen Ein­druck von dem, was da noch alles kom­men kann. Stö­run­gen der Impuls­kon­trolle gehö­ren da noch zu den kleins­ten Übeln. Anlage einer Ernäh­rungs­sonde. Bei Aus­fluß von Spei­se­brei aus der Nase. Spei­se­brei. Aus der Nase. Der Pro­fes­sor fand beschwich­ti­gende Worte. Außer Azilect erst­mal keine The­ra­pie. Er per­sön­lich würde mit Azilect anfan­gen. Die Stu­dien dies­be­züg­lich seien nicht so ein­deu­tig, der Nut­zen wis­sen­schaft­lich nur ten­den­zi­ell nach­weis­bar. Aus sei­ner Erfah­rung würde Azilect Ver­bes­se­rung brin­gen. Könnte man aber – aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht – auch guten Gewis­sens blei­ben las­sen. Klang ein biss­chen nach Homöo­pa­thie. Was nicht so recht zu den Neben­wir­kun­gen aus dem Bei­pack­zet­tel pas­sen mag.

Ich kannte ihn wirk­lich schon, den Witz. Nicht rich­tig wit­zig, gar nicht wit­zig eigent­lich. Was soll das schon wer­den, wenn Sper­ma­to­zy­ten drin vor­kom­men? Im Witz, meine ich. Der Kin­der­arzt liegt alters­mä­ßig unge­fähr in mei­ner Gene­ra­tion, obwohl er sich gerne aus­ge­spro­chen jugend­lich gibt mit zer­schlis­se­nen Jeans zu offe­nen Bir­ken­stocks, klei­nem Pfer­de­schwanz und selbst­ge­bas­tel­tem Sai­ten­in­stru­ment. Ob er damit sei­nen klei­nen Pati­en­ten was von Sper­ma­to­zy­ten vor­singt? Könnte trotz beton­ter Jugend­lich­keit einen nor­ma­len Par­kin­son­kan­di­da­ten abge­ben. Viel­leicht schon län­ger unter Azilect. So fängt's womög­lich an, dachte ich, wenn die Impuls­kon­trolle ver­lo­ren­geht zwi­schen­zeit­lich. Mit pein­li­chen Wit­zen. Per­sön­lich werde ich ver­su­chen, pein­li­che Witze aus­zu­las­sen. Witze über­haupt am besten.

Auf dem Weg zum Flug­ha­fen ver­suchte meinte Frau mich zu trös­ten, sie hätte ver­mut­lich genauso schlecht abge­schnit­ten im Riech­test. Ich habe keine Ahnung, warum sie das ver­mu­tet, viele Gerü­che waren ja nun wirk­lich ein­deu­tig. Den Fisch aus dem Snif­fin' Stick Num­mer 12 hatte ich zuhause noch in der Nase.

Par­os­mie.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Nathatlon

Der Papa von Paul trägt ein T-Shirt "Offi­ciel", blau auf weiß. Er bedient die rote Blech­kiste auf dem Plas­tik­stuhl jen­seits der Bar­riere vor mir. Grü­ner Plas­tik­stuhl. Ver­bli­che­nes Grün, deut­li­che Gebrauchs­spu­ren. Die rote Kiste ist so groß wie ein gro­ßer Schuh­kar­ton, Berg­stie­fel Größe 48. Mit einem schwar­zen Tra­ge­griff oben­auf, dimen­sio­niert für min­des­tens zehn Kilo­gramm. Außer­dem eine Leuchte in Warn­orange. Es han­delt sich um ein Gerät der Firma Swiss Timing. Start Time III. Plas­tik­stuhl und Schuh­kar­ton pas­sen zum tech­ni­schen Niveau des Schwimm­bads, Piscine "Port mar­chand", Tou­lon. 25-Meter-Becken in der Halle. Tro­pen­klima. Wahr­schein­lich 26 Grad. Gefühlt 32. Sicher hun­dert Pro­zent Luft­feuch­tig­keit. An einer der Längs­sei­ten die Tri­büne. Vier Stu­fen nack­ter Beton. Wenn man nicht ganz oben sitzt, kann man sich nicht anleh­nen. Hat statt­des­sen stän­dig die nack­ten Füße ande­rer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger im Rücken. Mit der Zeit sagen sie nicht ein­mal mehr Par­don.

Nath­at­lon heißt die Ver­an­stal­tung. Ins­ge­samt sind über vier Ter­mine zehn Dis­zi­pli­nen zu schwim­men. Die vier Schwimm­stile über ver­schie­dene Distan­zen. Ihre Resul­tate gereich­ten der Toch­ter letz­tes Jahr zur Qua­li­fi­ka­tion für ein regio­na­les Ereig­nis in Fos sur Mer.

Durch die Glas­front gegen­über der Tri­büne öff­net sich die Sicht auf den Hafen von Tou­lon unter grauem Him­mel. Ein Schiff von Cor­sica Fer­ries schiebt sich, ganz nah und groß, von rechts nach links durchs Bild. Und die Charles-de-Gaulle ist mal wie­der da. Der Flug­zeug­trä­ger. Liegt vor Anker rechts, zur Stadt hin. War­tungs­ar­bei­ten. Soll acht­zehn Monate dau­ern. Kos­tet eine Mil­li­arde Euros. Soll dann aber tech­nisch auf dem Niveau des 21. Jahr­hun­derts sein. Acht­zehn Monate, wenn nie­mand streikt bis dahin. Die­ser Flug­zeug­trä­ger erin­nert so ein biß­chen an das Pro­jekt des Haupt­stadt­flug­ha­fens in Ber­lin. Fass ohne Boden. Als ob Frank­reich nicht genug wirk­li­che Pro­bleme hätte. Immer­hin aber schwimmt das Ding.

Die rote Kiste von Pauls Papa ver­fügt über ein paar Schal­ter und eine ganze Reihe ver­schie­de­ner Anschlüsse. Ein mul­ti­funk­tio­na­les Gerät schwei­ze­ri­scher Prä­zi­si­ons­ar­beit. Pauls Papa ent­wirrt gut zehn Meter wei­ßen Kabels und schließt ein klo­bi­ges Hand­ge­rät, rot und schwarz, mit zwei Knöp­fen, rot und grün, an der Buchse "micro­phone" an. Wäh­rend des Auf­wär­mens wer­den die Medail­len für die Wett­kämpfe vom Vor­mit­tag ver­teilt. Eine Sil­ber­me­daille für den Sohn, Gold, Sil­ber und Bronze für die Toch­ter. Die Toch­ter ist ehr­gei­zi­ger, obwohl fast jedem Trai­ning exzes­sive Dis­kus­sio­nen zu Sinn und Zweck vor­an­ge­hen. Prä­pu­ber­tär. Zu anstren­gend, keine Lust sowieso. Schwim­men nächs­tes Jahr ohne mich. Lie­ber Ten­nis. Oder Gym­nas­tik. Oder nur noch Rei­ten. Wie auch immer, kein Schwim­men. Ver­stehe ich sehr gut. Es gibt kaum etwas Lang­wei­li­ge­res als Schwimmen.

Die Maschine ver­stärkt das "à vos mar­ques", auf die Plätze, von Pauls Papa auf Hal­len­laut­stärke und pro­du­ziert unmit­tel­bar im Anschluß auf Knopf­druck, grü­ner Knopf, ein Trö­ten. Dazu ein kur­zes Auf­blit­zen der Warn­leuchte. In ande­ren sport­li­chen Ein­rich­tun­gen des Dépar­te­ments muß der Offi­ciel ohne Laut­spre­cher­kiste aus­kom­men. Als Hilfs­mit­tel gibt es dort nur Tril­ler­pfei­fen. Im Schwimm­sport­kom­plex Port mar­chand gibt es auch ein beheiz­tes Außen­be­cken bei­nahe olym­pi­scher Abmes­sun­gen. Kann lei­der nicht mal für Wett­be­werbe auf Distrikt­s­ni­veau ver­wen­det wer­den. Der Archi­tekt hatte die Mate­ri­al­stärke der Flie­sen nicht oder falsch kal­ku­liert. Nun feh­len ein paar Zen­ti­me­ter auf fünf­zig Meter. Bei­nahe olym­pisch. Aber beheizt. Im neuen Flug­ha­fen von Ber­lin sol­len die Roll­trep­pen eine Stufe zu kurz sein. Und die Kli­ma­an­lage funk­tio­niert auch noch immer nicht richtig.

Das erste à vos mar­ques mit Tröte und Leuchte von Pauls Papa an die­sem Nach­mit­tag gilt den acht­hun­dert Metern Frei­stil Mes­sieurs. Um den Wett­be­werb ange­sichts zahl­rei­cher Kan­di­da­ten zu beschleu­ni­gen, las­sen sie jeweils zwei Schwim­mer pro Bahn star­ten. Fünf Bah­nen, zehn Schwi­mer. Meine Kin­der has­sen das, weil man sich so leicht in die Quere kommt. Gut zehn Minu­ten pro Serie. Ziem­lich lang­wei­lig für alle Betei­lig­ten, ins­be­son­dere die Zuschauer. Noch lang­wei­li­ger sind die 1.500 Meter. Sech­zig Län­gen im 25-Meter-Becken! Schon auf den ers­ten Län­gen wird dabei deut­lich, wer das Ren­nen wohl machen wird. Kei­nes mei­ner Kin­der schwimmt die acht­hun­dert Meter. Aus unse­rem Club schwimmt nur Paul, ein gro­ßer Rot­haa­ri­ger, mit. Drit­ter von zehn Schwimmern.

Ich habe kurz nicht auf­ge­passt, eine sms beant­wor­tet, den Start ver­passt. Mein Sohn ist im Was­ser. Hun­dert Meter Frei­stil der Her­ren. Hält sich gut, zwei­ter Platz. Medaille. Dann hun­dert Meter Rücken der Damen. Meine Toch­ter ist die ein­zige aus­län­di­sche Teil­neh­me­rin des Wett­be­werbs. Seit Jah­ren wird sie im offi­zi­el­len Pro­gramm in der Spalte Natio­na­lité als alle­mande gelis­tet. Keine Ahnung warum. Obwohl sie über­zeugte Fran­zö­sin ist. Dank mei­ner Toch­ter wird jedes Pro­vinz­schwim­men zur inter­na­tio­na­len Kom­pe­ti­tion. Meine Toch­ter erste ihrer Serie von fünf Schwimmerinnen.

À vos mar­ques, Tröte, Leuchte. Schon wie­der die Toch­ter. Fünf­zig Meter Schmet­ter­ling. Schlech­ter Start. Holt aber auf zum drit­ten Platz. Die Toch­ter ist ehr­gei­zig. Dank ihres Jahr­gangs reicht es bestimmt wie­der zu einer Medaille. Ob sie wirk­lich auf­hö­ren will nächs­tes Jahr? Na ja, viel­leicht doch nicht. Viel­leicht weni­ger oft zum Trai­ning. Viel­leicht. Vier Mal zwei Stun­den pro Woche sind, muß ich zuge­ben, wirk­lich viel.

Und dazu immer diese Wett­be­werbe, ganze Sonn­tage lang.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Beaufort 5

Aus dem Fens­ter eines der Kin­der­zim­mer oben im Haus hat man einen Blick auf das Wahr­zei­chen des Dorfs, einen soli­tä­ren Ande­sit-Fel­sen mit Burg­ruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Pro­vence, gelb und rot in senk­rech­ten Strei­fen. Das Haus liegt am Fuße eines lang­ge­streck­ten Hügels im Wind­schat­ten, in einer wind­ge­schütz­ten Zone zumin­dest. Der Erbauer hat sich – vor bald 150 Jah­ren – ernst­hafte Gedan­ken gemacht zu Pla­zie­rung und Aus­rich­tung sei­nes Land­hau­ses. Bei uns ist immer viel weni­ger Wind als an der Küste, im Flach­land zur Küste, aber auch schon weni­ger als im Dorf selbst. Wenn im Dorf der Wind Staub und Blät­ter durch die Gas­sen treibt, kön­nen wir noch ohne Beein­träch­ti­gung auf der Ter­rasse essen. Mit einem Blick auf die Flag­gen kann ich vor­herr­schende Wind­rich­tung und -stärke beur­tei­len. Es gibt eigent­lich nur zwei Wind­rich­tun­gen. Von rechts, West­wind, und von links, Ost­wind. Star­ker West­wind ist meist Mis­tral, Ost­wind, egal wel­cher Inten­si­tät, ist ein Vor­bote schlech­ten Wet­ters. Der Him­mel ist – wie auf dem Foto übri­gens – bei Ost­wind bes­ten­falls mil­chig­blau, meist zie­hen schnell Wol­ken auf. Mis­tral ist kalt und macht den Him­mel strah­lend blau. Keine Wol­ken. Regen ist bei Mis­tral ziem­lich unwahrscheinlich.

Ich durfte Alb­ans neues Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men aus­pro­bie­ren. Alban wohnt mit sei­ner Fami­lie am Coudon. Der Coudon ist einer der Hügel um Tou­lon. Alban wohnt hoch genug, um von sei­ner Ter­rasse aus das Meer sehen zu kön­nen. Unsere Tour führte Rich­tung Pier­refeu und zurück. Gut zwei Stun­den. Am Ende zwangs­läu­fig eine Stei­gung. Stei­gung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Bei Mis­tral als Gegen­wind macht mir Stei­gung am Ende einer Tour noch weni­ger Spaß. Gleich würde mich seine Frau fra­gen: Und? Wie fährt man auf Kar­bon? Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de boule l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Um die Bäcke­rin zu sehen am Mor­gen und seine Kum­pels am Nach­mit­tag auf dem Boule-Platz, braucht Opa kein Kar­bon­rad. Wäre eine schöne Ant­wort, dachte ich, im Schweiße mei­nes Ange­sichts auf dem letz­ten Kilo­me­ter Stei­gung, Alban weit vor­aus, leicht­fü­ßig auf sei­nem alten Alu­rad. Die zehn Jahre Alters­un­ter­schied zu Alban fühl­ten sich an wie viel­leicht dreißig.

Ich hätte einen Blick aus dem Fens­ter des Kin­der­zim­mers wer­fen sol­len. Beau­fort 5 min­des­tens. Blauer Him­mel. Mis­tral. Ich hätte absa­gen kön­nen. Kopf­schmer­zen, Dienst ganz über­ra­schend, irgend­was. Zu spät. Rich­tung und Stärke des Winds beein­flus­sen zum Rad­fah­ren maß­geb­lich meine Wahl der Route. Ost­wind ist gut für eine Stre­cke um Cap Garonne an der Küste, Mis­tral wäre gut gewe­sen für eine Tour über den Faron. In bei­den Fäl­len hat man den Wind zum Rück­weg im Rücken. Rücken­wind am Ende ist gut für die Moti­va­tion unterwegs.

Alban ist einer von denen, die für mei­nen Draht­esel nur einen mit­lei­di­gen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Sams­tag-Nach­mit­tag mit zwei, drei Kol­le­gen mal eben zu einer 150-Kilo­me­ter-Tour ins hüge­lige Hin­ter­land auf­bre­chen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abste­cher über Faron (584 Meter) und Coudon (702 Meter) abrun­den. Dabei schien mir mein aktu­el­les Rad im Ver­gleich zum Vor­gän­ger schon wie ein Quan­ten­sprung, über­all Shi­mano dran. Damit könnte Rad­fah­ren ja kei­nen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn end­lich ein rich­ti­ges Fahr­rad gön­nen würde, bald wäre doch Ostern. Die glei­che Frage hatte er mir schon letz­tes Jahr immer wie­der gestellt. Bald wäre doch Weih­nach­ten. Ein rich­ti­ges Fahr­rad ist für sol­che Leute ein Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men. Der Rah­men wiegt dann weni­ger als ein Kilo. Ins­ge­samt sechs Kilo­gramm Fahr­rad-High­tech. Alban hat sich eines gekauft für etwas über drei­tau­send Euro. Ziem­lich viel, finde ich. Für ein Fahr­rad. Man kann noch viel mehr aus­ge­ben für ein Fahr­rad, ich weiß.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzu­neh­men? Nein, nein, sagt Alban, und das habe ich auch schon von ande­ren Kar­bon­rad­fah­rern gehört, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Kar­bon­rah­men sei viel stei­fer, des­we­gen viel har­scher und direk­ter, das Fahr­rad also viel­leicht unbe­quem, aber dafür auch reak­ti­ons­freu­di­ger. Reak­ti­ons­freu­di­ger? Ja, die Reak­ti­ons­freude merkt man zum Bei­spiel beim Beschleu­ni­gen in der Stei­gung. Beschleu­ni­gen in der Stei­gung? Achso. Pas­siert mir nicht so oft. Auf den letz­ten Metern einer Stei­gung, wenn das Ende in Sicht­weite vor mir liegt, steige ich manch­mal noch in die Pedale. Als End­spurt, ein letz­tes Auf­bäu­men. Soviele andere Fak­to­ren kämen da noch ins Spiel, auf­grund des stei­fe­ren Rah­mens würde so ein Kar­bon­fahr­rad eine ganz andere Dyna­mik ent­wi­ckeln kön­nen, ein direk­te­res Anspre­chen. Dyna­mik? Ja, ergänzt Alban mit mis­sio­na­ri­schem Eifer, eine viel bes­sere Iner­tie. Iner­tie? Den Begriff Iner­tie habe ich vor vie­len Jah­ren schon mal gehört, im Stu­dium, Bio­phy­sik. Und schon damals nicht wirk­lich ver­stan­den. Damals gab es noch kein wiki­pe­dia. Iner­tie ist auf Deutsch Träg­heit. Je schwe­rer ein Kör­per, desto trä­ger. So ein­fach. Schwere Kör­per set­zen sich schwe­rer in Bewe­gung. Hat was mit dem Gewicht zu tun. Mein Sohn stu­diert Inge­nieur. Iner­tie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Iner­tie beim Fahr­rad. Augen­wi­sche­rei. Kar­bon­rä­der sind eben leich­ter. Leich­ter macht bes­sere Iner­tie, logisch. Klingt gut und kei­ner ver­steht, was wirk­lich gemeint ist. Muß aber was ganz Tol­les sein, sonst würde man ja nicht drei­tau­send Euro dafür aus­ge­ben müssen.

Und? Wie fährt sich Kar­bon? – Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de boule l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Für mei­nen sport­li­chen Anspruch tut's auch eine tech­ni­sche Anti­qui­tät. Und viel­leicht drei, vier Kilo weni­ger Eigen­ge­wicht zum Som­mer hin und über­haupt. Drei, vier Kilo weni­ger Eigen­ge­wicht sind sicher auch gut für meine per­sön­li­che Iner­tie.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Gekürzte Ver­sion für Heft Nr. 301, Mai/Juni, der Riviera Zeit

Aus dem Fens­ter des Kin­der­zim­mers oben hat man einen Blick auf das Wahr­zei­chen des Dorfs, einen Fel­sen mit Burg­ruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Pro­vence, gelb und rot in senk­rech­ten Strei­fen. Mit einem Blick auf die Flag­gen kann ich vor­herr­schende Wind­rich­tung und -stärke beur­tei­len. Es gibt eigent­lich nur zwei Wind­rich­tun­gen. Der Ost­wind ist gut für eine Stre­cke um Cap Garonne an der Küste, Mis­tral, der kalte West­wind, für eine Tour über den Faron. In bei­den Fäl­len hat man den Wind zum Rück­weg im Rücken. Rücken­wind am Ende ist gut für die Moti­va­tion unterwegs.

Neu­lich durfte ich Alb­ans neues Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men aus­pro­bie­ren. Alban wohnt mit an einem der Hügel hin­ter Tou­lon, hoch genug für vue mer von sei­ner Ter­rasse aus. Unsere Tour führte Rich­tung Pier­refeu und zurück. Gut zwei Stun­den. Am Ende zwangs­läu­fig eine Stei­gung. Stei­gung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Noch weni­ger bei Mis­tral als Gegen­wind. Gleich würde mich seine Frau fra­gen: Und? Wie fährt man auf Kar­bon? Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de boule l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Um die Bäcke­rin zu sehen am Mor­gen und seine Kum­pels am Nach­mit­tag am Boule-Platz, braucht Opa kein Kar­bon­rad. Wäre eine pas­sende Ant­wort, dachte ich, im Schweiße mei­nes Ange­sichts auf dem letz­ten Kilo­me­ter Stei­gung, Alban weit vor­aus, leicht­fü­ßig auf sei­nem alten Alurad.

Ich hätte einen Blick aus dem Fens­ter des Kin­der­zim­mers wer­fen sol­len. Blauer Him­mel. Mis­tral. Beau­fort 5 min­des­tens. Ich hätte absa­gen kön­nen. Kopf­schmer­zen, Dienst ganz über­ra­schend, irgend­was. Zu spät.

Alban ist einer von denen, die für mei­nen Draht­esel nur einen mit­lei­di­gen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Sams­tag-Nach­mit­tag mit zwei, drei Kol­le­gen mal eben zu einer Tour ins hüge­lige Hin­ter­land auf­bre­chen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abste­cher über den Coudon (702 Meter) abrun­den. Mit sowas könnte Rad­fah­ren ja kei­nen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn end­lich ein rich­ti­ges Fahr­rad gön­nen würde, bald wäre doch Ostern. Die glei­che Frage hatte er mir schon letz­tes Jahr immer wie­der gestellt. Bald wäre doch Weih­nach­ten. Ein rich­ti­ges Fahr­rad ist für sol­che Leute ein Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men. Der Rah­men wiegt dann weni­ger als ein Kilo. Alban hat sich eines gekauft für über drei­tau­send Euro. Ziem­lich teuer, finde ich.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzu­neh­men? Nein, nein, sagt Alban, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Kar­bon­rah­men sei viel stei­fer, des­we­gen viel direk­ter, das Fahr­rad also viel­leicht unbe­quem, aber dafür reak­ti­ons­freu­di­ger. Reak­ti­ons­freu­di­ger? Ja, die Reak­ti­ons­freude merkt man zum Bei­spiel beim Beschleu­ni­gen in der Stei­gung. Beschleu­ni­gen? In der Stei­gung? Pas­siert mir nicht so oft. Auf den letz­ten Metern einer Stei­gung, wenn das Ende in Sicht­weite vor mir liegt, steige ich manch­mal noch in die Pedale. Soviele andere Fak­to­ren kämen da noch ins Spiel, auf­grund des stei­fe­ren Rah­mens würde so ein Kar­bon­fahr­rad eine ganz andere Dyna­mik ent­wi­ckeln kön­nen, ein direk­te­res Anspre­chen. Dyna­mik? Ja, ergänzt Alban mit mis­sio­na­ri­schem Eifer, eine viel bes­sere Iner­tie. Iner­tie? Den Begriff habe ich vor vie­len Jah­ren schon mal gehört, im Stu­dium, Bio­phy­sik. Und schon damals nicht wirk­lich ver­stan­den. Damals gab es noch kein wiki­pe­dia. Iner­tie ist Träg­heit. Schwere Kör­per set­zen sich schwe­rer in Bewe­gung. Mein Sohn stu­diert Inge­nieur. Iner­tie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Iner­tie beim Fahr­rad. Augen­wi­sche­rei. Kar­bon­rä­der sind eben leich­ter und somit phy­si­ka­lisch weni­ger träge. Iner­tie klingt gut und kei­ner ver­steht, was wirk­lich gemeint ist. Muß aber was ganz Tol­les sein, sonst würde man ja nicht soviel Geld dafür aus­ge­ben wollen.

Und? Wie fährt sich Kar­bon? – Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de pétan­que l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Für mei­nen sport­li­chen Anspruch tut's auch eine tech­ni­sche Antiquität.

Shizuishan

Guten Mor­gen,

Deckard­dip, Grok­Vock, Dome­niksi und Ali­mabum! Ich freue mich, Euch zu mei­nen Abon­nen­ten zäh­len zu dür­fen. Wahr­schein­lich seit Ihr Freunde von Abbas­row, Alipi und Klif­fet. Und da sind noch viele mehr. Ich habe Leser in ganz Russland!

葉卡捷琳堡. Jeka­te­r­in­burg. Habe ich schon mal gehört. Russ­land. Links unten. Noch vier Stun­den und zwei­und­drei­ßig Minu­ten, 2392 Mei­len. Wir flie­gen auf einer Höhe von 34.000 Fuß. Die Geschwin­dig­keit liegt aktu­ell bei 529 mph. Vor ein paar Stun­den war links unten Novo­si­birsk (新西伯利亚). Etwas wei­ter Omsk, auch links. Und Sur­gut. Nie gehört. Rechts. Die Außen­tem­pe­ra­tur liegt bei minus 67 Grad. Fah­ren­heit. In Cel­sius macht das minus 55. Wie auch immer ziem­lich kalt. Der Flie­ger von Cathay Paci­fic wird um sechs Uhr mor­gens in Lon­don (伦敦) lan­den. Cathay Paci­fic ist eine Flug­ge­sell­schaft mit Sitz in Hong­kong. Die Filme in der Rücken­lehne des Vor­der­manns sind meist chi­ne­sisch unter­ti­telt. Die Städte auf dem Flight-tracking-Bild­schirm sind abwech­selnd eng­lisch und chi­ne­sisch beschrif­tet. 莫斯科 (Mos­kau) da unten im Dunkeln.

Bestimmt sitzt Ihr und die in letz­ter Zeit so zahl­rei­chen Neu-Abo­nenn­ten mei­nes Blogs da unten irgendwo. Mit dem Tol­s­toi-Zitat habe ich ver­mut­lich den einen oder ande­ren Deutsch­kurs der dor­ti­gen Volks­hoch­schule ange­lockt. Oder einen Online-Kurs. Dabei seid Ihr, die Ihr Euch ange­mel­det habt, bestimmt nur die Spitze des Eis­bergs. Die Klas­sen­bes­ten. Die sich auch nicht von den Rechen­auf­ga­ben mei­nes Cap­t­cha-Plug­ins ver­wir­ren las­sen. XII – acht = ?. Robo­ter schaf­fen sowas nicht, denke ich. Ihr seid zwei­fel­los – несомненно – echte Men­schen. Mit ech­ten Adres­sen bei mail​.ru, kobka-​2​0​1​8​@​mail.​ru und skorobogat.​eva@​mail.​ru zum Bei­spiel. Dabei ist bekannt, daß sich die meis­ten Leser sich nicht die Mühe machen mit einer Anmel­dung. Viele, die meis­ten eben, kli­cken das mal an, weil sie gerade nichts Bes­se­res zu tun haben. Oder weil die Leh­re­rin ihres Deutsch­kur­ses das emp­foh­len hat. Füh­len sich aber nicht ange­spro­chen. Ver­stehe ich. Loriot ist viel­leicht sehr spe­zi­el­ler deut­scher Humor. Ich kann auch nicht jeden Blog aus­hal­ten. Trotz­dem, rus­si­sche Volks­hoch­schul­schü­ler sind brave Schü­ler. Wenn Eure Leh­re­rin sagt, schaut Euch das mal an, schaut Ihr Euch das mal an. Über tau­send in ein paar Tagen. Das schaf­fen andere Texte nicht.

Prag links und Ber­lin, Ham­burg. Im Hin­ter­grund, auch links natür­lich, am Hori­zont, Mün­chen und sogar Basel. Ob man wirk­lich alle diese Städte sehen könnte aus über zehn Kilo­me­ter Höhe? Gro­nin­gen rechts. Nie­der­lande. Bin ich vor vie­len Jah­ren mal durch gekom­men auf dem Weg an die Nord­see. Man­che IP-Adres­sen ver­or­tet das Wor­d­Press-Plugin nach Hol­land. Das kann ich ver­ste­hen. Das sind die Leser, die auch im Kurz­ur­laub an der Nord­see nicht auf mich ver­zich­ten wol­len. Außer­dem spre­chen alle Hol­län­der flie­ßend deutsch.

Rechts immer mehr deut­sche Städte: Güters­loh, Koblenz (科布倫茨), Aachen. Güters­loh! 居特斯洛. Wieso gerade Güters­loh? Warum nicht Unna? Oder Moers? Egal. Die Ankunft in Lon­don in weni­ger als einer Stunde.

In Koblenz und Köln habe ich ein paar Abon­nen­ten. Zeigt mir der Plugin. Haben für meine Ohren nor­male Namen. Bei gän­gi­gen Anbie­tern. "Ladya­tott" gehört da schon zu den Exo­ten – nichts für ungut, Ladya­tott. Abon­nen­ten krie­gen eine Mail, wenn ein neuer Bei­trag auf mei­ner Seite erscheint. Ganz Russ­land wird nun von auto­ma­ti­schen Mails über­schwemmt. mail​.ru muß sowas sein wie yahoo oder web​.de. Aus­schließ­lich kyril­li­sche Zei­chen aller­dings. Weni­ger bunt. Man kann sich da ein Post­fach holen, allein­er­zie­her war noch frei. Oben ein Such­feld. найти – fin­den. Ein Tol­s­toi-Zitat im Text und schon wird man im Quell­text-Fun­dus des Rus­sen-google regis­triert. Sichert mir ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum. 居特斯洛 im Text bringt ver­mut­lich den Zugang zu ehr­gei­zi­gen Schü­lern zahl­lo­ser Deutsch­kurse der Volks­re­pu­blik China.

Schöne Grüße nach Novo­si­birsk. Und Shizuishan.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Apéritif

Ich glaube, die Söhne wären gerne vom Sky­to­wer in Auck­land gesprun­gen. 225 Dol­lar. Mir schien das zu teuer, das war am Anfang unse­rer Reise, da wußte ich noch nicht, daß in Neu­see­land alles über­all teuer ist. Die müs­sen ja fast alles impor­tie­ren außer Scha­fen. Ein klei­nes Bier für elf Dol­lar! Geht's noch? Neu­see­land-Dol­lar nur, macht trotz­dem über sie­ben Euro. Das geht viel­leicht in Saint Tro­pez am Hafen, aber in Neu­see­land? Queenstreet in Auck­land, dachte ich, muß wohl die Repu­ta­tion wie das Café de Paris in Saint Tro­pez haben, die kön­nen sich das raus­neh­men. Das kleine Bier kos­tet über­all in NZ elf Dol­lar. Meine Söhne durf­ten schließ­lich in Queens­stown von der Brü­cke sprin­gen. Kawa­rua Bridge Bungy. 43 Meter. Kawa­rua Bridge Bungy ist die erste kom­mer­zi­elle Bungy-Instal­la­tion über­haupt. 195 Dol­lar. Pro Kan­di­dat. Wei­tere 90 die pro­fes­sio­nelle Film- und Foto­do­ku­men­ta­tion dazu. Auch pro Kan­di­dat. Da hatte der Schwabe in mir schon längst resi­gniert. In NZ ist fast nichts umsonst. Das T-Shirt, I did it. Im mer­kan­ti­len Wert von 20 Dol­lar immer­hin. Mehr als tolle Erleb­nisse kann man für Geld nicht bekom­men. Die hat­ten die Söhne. Das T-Shirt wer­den sie ohne­hin nur nachts tra­gen. Wenn überhaupt.

Ich könnte mei­nem Schwie­ger­va­ter, Bild­hauer, die Pro­duk­tion von Making-of-Fil­men vor­schla­gen. Als Ergän­zung des künst­le­ri­schen Ange­bots. Immer wie­der bekomme ich Mails geschrie­ben, wie nett das Video mit mei­ner Toch­ter wäre. Der Schwie­ger­va­ter fer­tigt ein Por­trät in Lehm an als Vor­lage für den Bron­ze­guß. Könnte man sehr gut als Ergän­zung zum Füh­rer­schein ver­mark­ten, den Bron­ze­guß. Füh­rer­schein alleine zur Voll­jäh­rig­keit reicht ja viel­leicht nicht. Der Bron­ze­guß eher fürs Eltern­haus. Nur so als Idee. Das Making-of dazu fast so gut wie ein Foto­buch über die letz­ten acht­zehn Jahre. Zeit­raf­fer. Zwei Stun­den in zwei Minu­ten. Zusätz­lich könnte man ein paar lau­nige Kom­men­tare vom Künst­ler selbst ein­spie­len. Muß aber nicht sein. Musik viel­leicht nach Wahl im Hin­ter­grund. Klei­ner Schwenk auf anwe­sende Fami­li­en­an­ge­hö­rige, Müt­ter brin­gen sich gerne mal selbst ins Bild. Geht ab vier­hun­dert­neun­und­neun­zig Euro. Nur um mal eine Grö­ßen­ord­nung anzu­deu­ten. Mehr als tolle Erleb­nisse kann man für Geld nicht bekom­men. Noch schö­ner, wenn sie bild­lich fest­ge­hal­ten sind. Doku­men­ta­tion auch bei Face­book, warum nicht. Auf USB-Stick oder zum Down­load bereit­ge­stellt auf der Home­page neun­und­vier­zig Euro extra. Dar­auf kommt's dann auch nicht mehr an. Eine Füh­rung durch die Por­trät-Samm­lung ist natür­lich inbe­grif­fen. Gra­tis. Irgend­was muß umsonst sein. Irgend­was umsonst macht den här­tes­ten Schwa­ben weich. Abschlie­ßend Häpp­chen zu einem Gläs­chen Apé­ri­tif. Auch umsonst. Einer der Betei­lig­ten müßte sich seine Ver­kehrstüch­tig­keit bewah­ren. Der Füh­rer­schein­neu­ling zum Beispiel.

Nach ent­spre­chen­der Ter­min­ab­spra­che würde ich als Bild­tech­ni­ker dazu jeweils einfliegen.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Cherepkivtsi

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему. Tol­s­toi. Im Ori­gi­nal. Anna Karenina. Die ers­ten Zei­len. Alle glück­li­chen Fami­lien glei­chen ein­an­der, jede unglück­li­che Fami­lie ist auf ihre eigene Weise unglück­lich. Ich kann nur die­sen einen Satz rus­sisch. Win­ter 1983. Auf dem Weg von Rumä­nien nach Polen. Nachts um eins mußte ich im ers­ten Bahn­hof auf der sowje­ti­schen Seite aus­stei­gen. Hatte kein Visum. Man hatte mir gesagt, im betref­fen­den Zug bräuchte man kein Visum, weil der abge­schlos­sen ein­fach durch die Sowjet­union durch­fah­ren würde bis Polen. Habe ich geglaubt. Auch glau­ben wol­len. Ziem­lich blauäugig.

Her­mann?

Ich heiße nicht Her­mann. Könnte aber sein. Mei­nen Eltern waren alle mög­li­chen denk­wür­di­gen Vor­na­men für ihre Söhne zuzu­trauen. Egal. Her­mann sitzt in sei­nem Ses­sel und macht nichts. Sitzt da und guckt. Denkt viel­leicht was. Im Hin­ter­grund wirkt die Gat­tin in der Küche, die Tür halb geschlos­sen, trip­pelt von rechts nach links.

Ja?

Was machst du da?

Wie meint sie das? Ich sitze da und mache nichts. Denke viel­leicht was. Obwohl, den­ken? Ich habe Bil­der vom letz­ten Ski-Urlaub vor Augen, Vor­stel­lun­gen von der bevor­ste­hen­den Reise nach Neu­see­land. Sowas. Ist das den­ken? Muß ich jetzt dar­über reden?

Nichts.

Nichts? Wieso nichts?

Muß ich denn immer was machen? Die ganze Zeit mache ich irgend­was. Arbei­ten, Haus­auf­ga­ben, Müll­raus­brin­gen. Ein­mal muß auch Pause sein dür­fen. Sit­zen ohne machen.

Ich mache nichts.

Gar nichts?

Nein.

In zehn Tagen flie­gen wir nach Neu­see­land. Wir tref­fen den Erst­ge­bo­re­nen und fei­ern die Hoch­zeit von Isa­bel­les und Jéjés Sohn. Wir wer­den Vul­kane sehen, in hei­ßen Quel­len am Strand baden, den einen oder ande­ren Ori­gi­nal­schau­platz aus Herr der Ringe besich­ti­gen. Drei­tau­send Kilo­me­ter fah­ren von Auck­land im Nor­den nach Queenstown im Süden. Die Land­schaft wird unglaub­lich schön sein. Sagen alle, die schon mal dort waren. Ziem­lich viel Schafe, ein paar Spu­ren von Urein­woh­nern. Kiwis. Wir wer­den Bil­der davon machen. Mit Land­schaft und Scha­fen. Meine Frau wird Sel­fies machen. Ich werde lächeln.

Über­haupt nichts?

Nein, ich sitze hier.

Du sitzt da?

Ja.

Aber irgend­was machst du doch?

Nein.

Denkst du irgendwas?

Ich hatte zur Sicher­heit doch ein paar Stan­gen Ziga­ret­ten – Kent, die wei­ßen von Kent – mit­ge­nom­men. Und ein paar Pfund Boh­nen­kaf­fee von Aldi. Gegen Kent, die wei­ßen von Kent, und Kaf­fee­boh­nen konnte man im spät­so­zia­lis­ti­schen Rumä­nien alles bekom­men, was es eigent­lich nicht gab. Mäd­chen wür­den ihre Unschuld dafür her­ge­ben, hieß es. Mit ein paar Nylon­strümp­fen als Zugabe. Ich hatte nie Nylon­strümpfe dabei. Schon weil ich mir nicht vor­stel­len konnte, daß die Mäd­chen, die mich inter­es­sier­ten, für ein paar Schach­teln Ziga­ret­ten und Nylon­strümpfe zu haben wären. Und die Mäd­chen, die viel­leicht für ein paar Schach­teln Ziga­ret­ten und Nylon­strümpfe zu haben gewe­sen wären, inter­es­sier­ten mich nicht.

Nichts beson­de­res.

Es könnte ja nicht scha­den, wenn du mal etwas spa­zie­ren gingest.

Nein, nein.

Letz­tes Jahr reis­ten unsere Musik­er­freunde wäh­rend der glei­chen zwei Wochen Febru­ar­fe­rien nach Indien. Zur Ein­stim­mung und Vor­be­rei­tung hat­ten sie sich zu Weih­nach­ten präch­tige Bild­bände geschenkt und ein paar Rei­se­füh­rer. Lei­der wäre die Reise bei­nahe schon in Paris zu Ende gewe­sen. Ohne Visa darf man nicht in den Flie­ger. Sie hat­ten ver­säumt, ihre schö­nen Rei­se­füh­rer auch zu lesen. Die Kapi­tel "Prak­ti­sche Hin­weise". Musi­ker eben. So etwas würde mei­ner Frau und mir nie pas­sie­ren. Dachte ich damals noch. Mir viel­leicht, nicht mei­ner Frau.

Ich bringe dir dei­nen Mantel.

Nein, danke.

Aber es ist zu kalt ohne Mantel.

Im Zug nach Posen bekam die erst­beste Uni­form zur Sicher­heit ein paar Schach­teln Kent. Das war der rumä­ni­sche Schaff­ner. Unnö­tige Ver­schwen­dung, dachte ich mir dann. Mein Rück­fahr-Ticket ers­ter Klasse Schlaf­wa­gen für umge­rech­net sech­zehn Mark war ohne­hin in Ord­nung. Zu spät. Mein Abteil war erstaun­lich sau­ber. Und erstaun­lich warm. Die Fens­ter konnte man nicht öff­nen. Na also, dachte ich. Stimmt ja wohl mit dem abge­schlos­se­nen Zug durch die Sowjet­union. Nicht wirk­lich viel spä­ter hielt der Zug im Nir­gendwo. Ringsum nur Schnee im Mond­schein. Wahr­schein­lich war das die Grenze zur Ukraine.

Ich gehe ja nicht spazieren.

Aber eben woll­test du doch noch?

Nein, du woll­test, daß ich spa­zie­ren gehe.

Ich? Mir ist es doch völ­lig egal, ob du spa­zie­ren gehst.

Die nächs­ten Uni­for­men waren sowje­ti­sche. Woll­ten meine Papiere sehen. Ich hatte keine außer mei­nem Paß, dem Schlaf­wa­gen­ti­cket und einer selbst­ge­fälsch­ten rumä­ni­schen Aus­rei­se­er­laub­nis. Per­so­nal­aus­weis, Füh­rer­schein? Woll­ten sie nicht. Meine Kaf­fee­boh­nen und meine Kent wink­ten sie rou­ti­niert ab. Über­zeugte Patrio­ten. Ich mußte erken­nen, daß meine exo­ti­sche Ziga­ret­ten­marke nur in Rumä­nien Wun­der bewir­ken konnte. Auch meine Camel zum Eigen­be­darf konn­ten das feh­lende Tran­sit­vi­sum lei­der nicht ersetzen.

Gut.

Ich meine nur, es könnte dir nicht scha­den, wenn du mal spa­zie­ren gehen würdest.

Nein, scha­den könnte es nicht.

Meine Frau kann es nur ganz schlecht aus­hal­ten, wenn sie alleine "im Haus was machen muß" – Wäsche, wischen, kochen. Als ob ich nie was im Haus machen würde – Wäsche, wischen, kochen. Wenn sie wischt, werde ich meis­tens dazu ange­hal­ten, die Asche aus dem Kamin zu holen oder mich wenigs­tens um das Mit­tag­essen zu küm­mern. Wenigs­tens. Und wann ich denn mal wie­der was schrei­ben würde in mei­nem Blog. Mir fällt eben nichts mehr ein. Demenz würde nicht unbe­dingt zur Krank­heit gehö­ren, meint sie. Bra­dy­phre­nie aber, erwi­dere ich. Das Den­ken geht noch, aber langsamer.

Also, was willst du denn nun?

Ich möchte hier sitzen.

Du kannst einen ja wahn­sin­nig machen.

Ach.

Im nächs­ten Bahn­hof mußte ich aus­stei­gen. Und saß dann in Was-weiß-ich-wo jen­seits der rumä­ni­schen Grenze. Den Namen der Sta­tion habe ich ver­ges­sen, wenn ich ihn über­haupt mal kannte. Wahr­schein­lich Che­rep­kivtsi. Mußte auf den Zug zurück nach Suceava war­ten. Die rie­sige Bahn­hofs­halle war warm, fast zu warm. Ich mußte eine neue Fahr­karte kau­fen gegen schöne Dol­lars zum offi­zi­el­len Kurs. Bekam gegen mei­nen Zwan­zig-Dol­lar-Schein keine Rubel, son­dern nur ein paar rumä­ni­sche Mün­zen und eine spe­ckige zehn-Lei-Note zurück. Rubel als Wech­sel­geld würde ich ja ohne­hin nicht aus­füh­ren dür­fen. Lehr­geld. Bis zur Abfahrt mei­nes Zugs zurück hatte ich noch gut drei Stun­den zu warten.

Erst willst du spa­zie­ren gehen, dann wie­der nicht. Dann soll ich dei­nen Man­tel holen, dann wie­der nicht. Was denn nun?

Ich möchte hier sitzen.

Und jetzt möch­test du plötz­lich da sitzen.

Gar nicht plötz­lich. Ich wollte immer nur hier sitzen.

Was willst du eigent­lich in Neu­see­land, wollte ich von mei­nem Erst­ge­bo­re­nen wis­sen. Da gibt's doch nichts außer Scha­fen, Hob­bits und Bun­gee-Sprin­ger. Mein Sohn wider­sprach ganz ent­schie­den. Die Natur! Ok, das sagen sie alle. Und vor allem, Neu­see­land wäre ja auf der Süd­halb­ku­gel. Wenn ihr es hier kalt und unan­ge­nehm habt, habe ich den schöns­ten Som­mer, warm und Sonne. Süd­halb­ku­gel stimmt. Auck­land im Nor­den ist vom Äqua­tor so weit ent­fernt wie zum Bei­spiel Tunis. Queenstown im Süden wie Lyon. Der Som­mer dort hat jedoch nichts mit dem Som­mer von Tunis oder Lyon gemein­sam. Kli­ma­mä­ßig. Eher Dub­lin oder Hel­sinki. Unter 25 Grad. Regen jeden zwei­ten Tag. Von wegen Som­mer. Ich glaube, mein Sohn wollte ein­fach nur ganz weit weg.

Sit­zen?

Ich möchte hier sit­zen und mich entspannen.

Wenn du dich wirk­lich ent­span­nen woll­test, wür­dest du nicht dau­ernd auf mich einreden.

Ich sag’ ja nichts mehr.

Die War­te­zeit störte mich nicht wei­ter, ich saß ja schön im War­men und hatte was zu lesen dabei. Anna Karenina. Und kam ins Gespräch mit gelan­ge­weil­tem uni­for­mier­tem Per­so­nal, soweit mein noch sehr kom­pak­ter rumä­ni­scher Wort­schatz das eben zuließ. Wir plau­der­ten über Rumä­nien, Ceaușescu, das erbärm­li­che Leben im rumä­ni­schen Sozia­lis­mus, meine Fami­lie in Deutsch­land. Und natür­lich über Tolstoi.

Jetzt hät­test du doch mal Zeit, irgend­was zu tun, was dir Spaß macht.

Ja.

Liest du was?

Die Ath­mo­sphäre war nett. Ent­spannt. Lew Niko­la­je­witsch Tol­s­toi gehört zu den größ­ten Schrift­stel­lern aller Zei­ten. Wir waren uns einig. Wahr­schein­lich war ich der erste Kapi­ta­list, der seit dem Krieg in die­sem Grenz­bahn­hof aus­ge­stie­gen war. Einer der Beam­ten schrieb mir die ers­ten Zei­len auf rus­sisch in mein Buch. Glaubte ich zumin­dest. Hat er mir zumin­dest als den Ori­gi­nal­text ver­kauft. Aber, wie gesagt, ich war ja blau­äu­gig. Das war dem Per­so­nal sicher auch auf­ge­fal­len. Will ohne Visum durch die Sowjet­union! Blau­äu­gi­ger geht ja wohl gar nicht!

Im Moment nicht.

Dann lies doch mal was.

Nach­her. Nach­her vielleicht.

Hol dir doch die Illustrierten.

Ich möchte erst noch etwas hier sitzen.

Vor ein paar Tagen ist mei­ner Frau beim Stu­dium der prak­ti­schen Sei­ten des Rei­se­füh­rers sie­dendheiß auf­ge­fal­len, daß wir für Neu­see­land inter­na­tio­nale Füh­rer­scheine benö­ti­gen. Zu unse­ren deut­schen Füh­rer­schein­kar­ten stellt uns das nie­mand aus. Nicht mal das Kon­su­lat in Mar­seille kann hel­fen. Wenn Sie kei­nen Wohn­sitz in Deutsch­land mehr haben, müs­sen Sie Ihren deut­schen Füh­rer­schein gegen einen fran­zö­si­schen ein­tau­schen. Und sich dann dazu einen inter­na­tio­na­len holen. Geschätz­ter zeit­li­cher Auf­wand drei Monate. Alter­na­tiv dazu rei­chen auch auto­ri­sierte Über­set­zun­gen. In Neu­see­land auto­ri­sierte Über­set­zun­gen. Die man vor Ort wahr­schein­lich inner­halb von ein paar Stun­den haben könnte. Man würde Tou­ris­ten ja nicht mit läp­pi­schen For­ma­li­tä­ten ver­grau­len. Die haben ja nichts außer Scha­fen, Hob­bits und Tou­ris­ten. Meine Frau wollte es jedoch nicht dar­auf ankom­men lassen.

Soll ich sie dir holen?

Nein, nein, vie­len Dank.

Will der Herr sich auch noch bedie­nen las­sen, was? Ich renne den gan­zen Tag hin und her. Du könn­test wohl ein­mal auf­ste­hen und dir die Illus­trier­ten holen.

Ich möchte jetzt nicht lesen.

Mal möch­test du lesen, mal nicht.

Der Ober­auf­se­he­rin im Bahn­hof, erkennt­lich an mehr Pelz an der Mütze, Ster­nen auf den Schul­tern und kli­schee­kon­for­mem Auf­se­her­auf­tre­ten, gefiel die offen­sicht­li­che Fra­ter­ni­sie­rung ihres Per­so­nals mit dem Ein­dring­ling aus kapi­ta­lis­ti­schem Aus­land nicht. Sie ver­bannte mich in eine immer noch große, aber zugige Vor­halle. Unbe­heizt. Kon­ti­nen­tal­win­ter. Meine rudi­men­tä­ren Rus­sisch­kennt­nisse sind hart erkauft.

Ich möchte ein­fach hier sitzen.

Du kannst doch tun, was dir Spaß macht.

Das tue ich ja.

Dann quen­gel doch nicht dau­ernd so rum. Her­mann? … Bist du taub?

Nein, nein.

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему – Nie­der mit der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Rumä­ni­ens und dem ein­ge­bil­de­ten Schus­ter­lehr­ling an ihrer Spitze! Hätte auch sein kön­nen. 1983 gab es google noch nicht. In die­sem Fall hät­ten im Rah­men einer vor­stell­ba­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit rumä­ni­schen Grenz­be­am­ten meine Kaf­fee­boh­nen von Aldi und die exo­ti­schen Ziga­ret­ten zum schla­gen­den Argu­ment wer­den kön­nen. Hat aber kei­ner kon­trol­liert. Der rumä­ni­sche Zoll­be­amte inter­es­sierte sich nicht für fremd­sprach­li­che Literatur.

Du tust eben nicht, was dir Spaß macht. Statt­des­sen sitzt du da.

Ich sitze hier, weil es mir Spaß macht.

Sei doch nicht gleich so aggressiv.

Ich bin doch nicht aggressiv.

Warum schreist du mich dann so an?

ICH SCHREIE DICH NICHT AN!

32 (zwei­und­drei­ßig) Stun­den dau­ert die Reise nach Auck­land. Viel­leicht fällt mir unter­wegs was für den Blog ein.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Kopfgeld

Ein paar Tage mit den Kin­dern beim Ski­fah­ren. Zu dritt, die Mut­ter würde nach­kom­men. Um vier Uhr mor­gens im Auto, neun Uhr die ers­ten am Lift. Und dann das. Gleich am ers­ten Tag.

Nach fünf­zehn Minu­ten War­ten auf den Sohn hatte ich mich auf den Weg gemacht, pis­ten­auf­wärts. Gefühlt fünf­zehn Minu­ten, wahr­schein­lich waren es gerade mal fünf Minu­ten gewe­sen. Wenn man uner­war­tet war­ten muß, bläst sich jede Minute auf. Mein Sohn war mit dem Snow­board unter­wegs, noch etwas unge­übt und eher vor­sich­tig. Nor­ma­ler­weise aber war er höchs­tens eine halbe Minute hin­ter uns, sei­ner klei­nen Schwes­ter und mir. Nach fünf­zehn Minu­ten, wo bleibt er denn nur, hatte ich die Skib­in­dun­gen gelöst und war auf­ge­bro­chen, die Piste auf­wärts, zum Glück eher flach, keine zehn Pro­zent, blaue Piste. Offen­bar sicht­lich besorgt wir­kend und wer läuft schon Pis­ten auf­wärts, war ich ohne Unter­laß von mit­füh­len­den Pas­san­ten ange­spro­chen wor­den. Ja, da läge ein Kind auf der Piste, nicht mehr weit, drei­ßig Meter noch, aber les sécou­ris­tes, die Berg­ret­tung, würde sich schon um ihn küm­mern, sei bestimmt nicht so schlimm. Was, die Berg­ret­tung? So schlimm? Wenn einer mal in den Schnee fällt, kom­men die Sécou­ris­tes doch auch nicht gleich! Wahr­schein­lich was gebro­chen. Oder bewußt­los? Nein, wahr­schein­lich nichts gebro­chen. Wäre was gebro­chen, würde mein Sohn sich unter Schmer­zen win­den und wahr­schein­lich wei­nen, wür­den die Pas­san­ten nicht sagen, es sei bestimmt nicht so schlimm. Bewußt­los also. Schä­del-Hirn-Tauma wie Schumi vor drei Jah­ren! Sub­du­ra­les Häma­tom. Am Ende, nach ein paar Wochen Inten­sivst­me­di­zin, ist vom Hirn nicht mehr viel übrig. Oder pein­li­cher Sturz. Sein bes­ter Kum­pel spielt Fuß­ball im Ver­ein. Wenn der im Gar­ten beim Bol­zen mal über die eige­nen Füße stol­pert, insze­niert er das mit gro­ßer Thea­tra­lik. Fuß­bal­ler eben. Mein Sohn kann die Thea­tra­lik schon fast so gut wie sein Kum­pel. Sowas kann ich gut beschwich­ti­gen. Meist reicht igno­rie­ren. Noch blieb ein biß­chen Hoff­nung. Sicher hat­ten die Pas­san­ten recht. Nicht so schlimm. Trotz Berg­ret­tung. Wahr­schein­lich waren die zufäl­lig vor­bei­ge­kom­men. Wei­ter oben hat­ten wir einen Ski­fah­rer auf einer Trage gese­hen. Weit­räu­mig abge­rie­gelt von den roten Over­alls der Berg­ret­tung. Der Hub­schrau­ber über mir war bestimmt für den Unfall wei­ter oben unterwegs.

Mein Sohn als Lie­gend­trans­port oder im Hub­schrau­ber wäre zu ärger­lich gewe­sen. Ein paar Stun­den zuvor, an der Kasse für die Pis­ten­kar­ten, hatte ich den Vor­schlag der Kas­sie­re­rin einer zusätz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung noch zurück­ge­wie­sen. Ach was, wird schon gut­ge­hen. Geht seit vie­len Jah­ren ohne Ver­si­che­rung gut. Noch nie in all den Jah­ren waren wir auf die Hilfe der Berg­ret­tung ange­wie­sen. Über­mü­tig schien das jetzt. Geiz­krise. Schwa­ben­gene. Wegen ein paar Euro mehr pro Tag und Per­son. Als ob es dar­auf noch ange­kom­men wäre. Wenn sie mei­nen Sohn mit dem Hub­schrau­ber ins Tal bräch­ten, würde das ein Ver­mö­gen kos­ten. Hub­schrau­ber­zeit wird mei­nes Wis­sens nach Minu­ten berechnet.

Die drei­ßig Meter hatte ich schon längst geschafft, kein Sohn in Sicht, auch keine Ansamm­lung Schau­lus­ti­ger immer­hin. Nach einer wei­te­ren Links­kurve sah ich ihn. Noch gut fünf­zig Meter. Von wegen drei­ßig! Fran­zo­sen reden immer alles schön. Mein Sohn lag in Bauch­lage quer zur Fahrt­rich­tung auf der Piste. Bauch­lage! Warum das denn? Helm auf dem Kopf, die Arme dar­un­ter ver­schränkt. An den Füßen immer noch das Board. Ober­halb von ihm steckte ein Paar Ski gekreuzt im Schnee. Siche­rung der Unfall­stelle. Hier war ein Profi am Werk. Die Piste war ziem­lich schmal, mein Sohn mit­ten­drin. An sei­nem Kopf­ende kniete ein Mann im Schnee. Roter Ski­an­zug mit dem Emblem-Adler des Ski­ge­biets auf dem Rücken, Beschrif­tung "Sécou­riste", Weiß auf Rot, Berg­ret­tung. Er beugte sich über mei­nen Sohn und sprach mit ihm. Wah­schein­lich fragte er ein­fach ça va, t-as mal, t-as froid? Zum bestimmt hun­derts­ten Mal. Mein Sohn war etwas blass, das sah ich schon von wei­tem, hatte die Augen geschlos­sen. Würde doch hof­fent­lich nicht so schlimm sein wie es aus­sah. Was würde meine Frau sagen? Bauch­lage. Wenn einer was am Rücken hat, soll man seine Posi­tion nicht ver­än­dern. Mein Sohn reagiert auf die Anspra­che des Herrn im roten Ski­an­zug, gibt sich aller­dings wort­karg, genervt. Auch das sehe ich von wei­tem. Immer diese ewig glei­chen Fra­gen, ça-va-t-as-mal-t-as-froid. Wahr­schein­lich Schmer­zen irgendwo. Bestimmt am Fuß. Und kalt. Mir wäre kalt, wenn ich so im Schnee lie­gen müßte.

Bon­jour Mon­sieur. Der Herr im roten Over­all unter­rich­tete mich, daß das Team zur wei­te­ren Ver­sor­gung bereits unter­wegs wäre, jeden Moment ein­tref­fen sollte. Mit der coquille. Die Coquille ist wohl die Trage für den Schnee. Mit einem Ret­ter jeweils vorne und hin­ten. Akia auf deutsch. Mög­li­cher­weise eine Ver­let­zung der Wir­bel­säule, sagte er. Und wer ich über­haupt wäre? Je suis son père. Ich bin der Vater. Eigent­lich hätte er nach einem Aus­weis ver­lan­gen müs­sen. Bloß nicht anfas­sen, sagte er, gleich kommt das Team mit der coquille. Soweit durfte es nicht kom­men. Wenn man die ein­fach machen lässt, packen die mei­nen Sohn in ihre coquille, womög­lich in Bauch­lage, und ich kann ihn im Centre hos­pi­ta­lier von Bri­ançon wie­der ein­sam­meln. Das Centre hos­pi­ta­lier von Bri­ançon hat kei­nen guten Ruf. Kein Wun­der, wer will da schon arbei­ten, ist ja nichts los am Arsch der Welt. Wir hat­ten bei uns mal einen Kno­chen­chir­ur­gen, der von da kam. Marco. Ita­lie­ner. Zwei linke Hände. Nichts gegen Ita­lie­ner. Für Marco war jedes kaputte Hand­ge­lenk eine ganz kom­pli­zierte Frak­tur. Ganz kom­pli­ziert. Außer­dem kenne sol­che Betriebe des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens in Frank­reich. Ange­kom­men in Bri­ançon wür­den sie ihn, weil bis dahin wahr­schein­lich nichts mehr weh­tut, kein Krib­beln, keine Taub­heit, aus der Coquille holen und auf einen Stuhl im War­te­saal set­zen. Sich laut auf­re­gen über die inkom­pe­ten­ten, naja über­vor­sich­ti­gen, Kol­le­gen der Berg­ret­tung. Oder auf eine Prit­sche im Flur legen. Bes­ten­falls. Immer schön in Bauch­lage. Kann aber war­ten, ist ja kein lebens­be­droh­li­cher Not­fall. Atmet ja noch. Das War­ten in Betrie­ben des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens kann sich über Stun­den hin­zie­hen, kenne ich. Die Rönt­gen­ab­tei­lug wird dort genauso chro­nisch über­for­dert sein wie die in mei­nem Centre hos­pi­ta­lier ein biß­chen wei­ter im Süden. Wenn es sich irgend­wie ver­ant­wor­ten läßt, muß ich mei­nen Sohn aus den Fän­gen der Berg­ret­tung befreien. Würde mei­ner Frau nicht gefal­len, den Sohn im Kran­ken­haus von Bri­ançon besu­chen zu müs­sen. Kann man euch nicht ein­mal alleine las­sen? Zudem steht die Toch­ter immer noch unten am Lift.

Hallo Sohn, ça va, t-as mal, t-as froid? Mein Sohn war ansprech­bar. Jaha, es geht. Ja, Schmer­zen am Rücken und im Fuß. Und nein, mir ist nicht kalt. Ein Eis­bro­cken auf der Piste hatte ihn aus dem Gleich­ge­wicht gebracht. Rück­wärts auf die ver­eiste Piste geknallt. Konnte vor Schmer­zen zehn Sekun­den nicht mehr atmen. Sagte er. Zehn Sekun­den. Okay, wohl kein Ver­lust des Bewußt­seins. Ande­rer­seits, Schumi hat sich auch nicht sofort nach dem Sturz aus­ge­blen­det. Der Schmerz im Rücken klein loka­li­siert, kleine rote Stelle auf der Haut. Tut's da weh, wenn ich drü­cke? Nein. Mein Sohn ist durch­trai­nier­ter Sport­ler, der bricht sich so schnell nichts. Bei mir wäre das viel­leicht anders. Der linke Fuß tat weh. Die große Zehe. Kaum auf der Piste, tat ihm der linke Fuß schon weh. Fal­scher Schuh, wahr­schein­lich zu kurz. Schlecht gewählte Aus­rüs­tung kann einem beim Ski­fah­ren den gan­zen Tag ver­gäl­len. Kenn' ich.

Für mein Gefühl konnte man es ver­ant­wor­ten, ihn von sei­nem Board und aus der Bauch­lage zu befreien. Stop, stop, was machen Sie denn da. Der Berg­ret­ter war nicht ein­ver­stan­den. Je suis méde­cin, ça va aller. Ich bin Arzt, das wird schon gehen. Das reichte dem Berg­ret­ter. Eigent­lich etwas halb­her­zig, finde ich, sein Wider­stand, da könnte ja jeder kom­men, sagen, er wäre Arzt.

Kein Krib­beln, keine Taub­heit, etwas Schmerz. Im Fuß vor allem, am Rücken ging's. Etwas blaß der Junge. Wir werden's für heute gut sein las­sen mit dem Sport. Un cho­co­lat chaud zuhause ist auch schön. Auf eigene Ver­ant­wor­tung und gegen Unter­schrift durf­ten wir gehen. Der Sécou­riste kannte das offen­sicht­lich, hatte einen gan­zen Sta­pel ent­spre­chen­der Zet­tel im Post­kar­ten­for­mat dabei. Kei­ner will mit ihm blei­ben. Ich mußte ihn mit klam­men Hän­den aus­fül­len. Immer noch keine Aus­weis­kon­trolle. Wofür soll das also gut sein? Er gab sich zum Abschluß pam­pig. Ihre Schuld, wenn ihr Sohn am Ende im Roll­stuhl sitzt.

Wahr­schein­lich gibt es Kopf­geld für jedes Opfer von der Piste.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Hoffnung

Mitt­woch

12:50 Uhr Ren­dez­vous in der méde­cine nucléaire, Nukle­ar­me­di­zin. Fens­ter­lose War­te­ni­sche an der Kreu­zung von zwei Flu­ren. Neben einer Tür mit einem Papp­schild "Accueil" ist ein klei­ner Auto­mat zur Ver­gabe von War­te­num­mern. C016. Wieso C? Gibt es hier noch andere Türen? Über­haupt, ich sehe kei­nen ein­zi­gen Moni­tor für die Anzeige der aktu­ell auf­ge­ru­fe­nen Num­mer. Noch bevor ich jedoch in die Pati­en­ten­runde der War­te­ni­sche fra­gen kann, was ich nun mit mei­ner Num­mer anzu­fan­gen hätte, öff­net eine junge Frau die Tür. C'est vous la seize? Sind Sie die Sech­zehn? Die junge Frau trägt ein Namens­schild. Sabrina. Erfas­sung der Per­so­na­lien, Unter­schrift für die digi­tale Wei­ter­gabe mei­ner Resul­tate an den Neu­ro­lo­gen. Wie fort­schritt­lich! Ob ich meine Resul­tate nicht auch digi­tal haben dürfte? Das geht lei­der nicht, sagt Sabrina lächelnd, lei­der nicht ohne die Auto­ri­sa­tion des Dok­tor C., der mich gleich sehen würde. Das würde ich doch ver­ste­hen. Natür­lich ver­stehe ich das. Es geziemt sich für Pati­en­ten, Ver­ständ­nis auf­zu­brin­gen. War­ten im War­te­be­reich. Ein dicker älte­rer Herr wird halb ent­blößt auf einer Prit­sche vor­ge­scho­ben. Er trägt Win­deln und stöhnt vor Schmer­zen. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Sehr ermu­ti­gend. In der Radio­lo­gie hilft einem kei­ner. Die inter­es­sie­ren sich für ihre Bil­der und sonst nichts. Der bran­car­dier, der Prit­schen­schie­ber legt einen klei­nen Stop ein, wech­selt char­mante Worte im Accueil mit Sabrina und ihren Kol­le­gin­nen, wäh­rend der ältere Herr in Win­deln mit­ten auf der Kreu­zung stöhnt. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Der Prit­schen­schie­ber hat den Lehr­gang zum wür­di­gen Umgang mit Pati­en­ten offen­sicht­lich ver­säumt. Oder nichts verstanden.

Mon­sieur Diäl?

13:27 Uhr der Dok­tor. Dok­tor C.. Mond­ge­sicht mit Voll­bart. Sieht aus wie direkt aus dem Stu­dium. Gibt mir eine Kap­sel, die ich schlu­cken soll mit etwas Was­ser. Car­bi­dopa 100 mg. Soll eine Stunde ein­wir­ken. Zur bes­se­ren Fixie­rung des radio­ak­ti­ven Dopa­mins. Nach der Injek­tion des radio­ak­ti­ven Dopa­mins werde ich wei­tere ein­ein­halb Stun­den war­ten müs­sen. Zur Fixie­rung der Iso­tope. Die eigent­li­che Unter­su­chung funk­tio­niert wie ein Kern­spin oder CT und dau­ert nur etwa 15 Minu­ten. Neben­wir­kun­gen? Nein, eigent­lich nicht. Die von mir dann aus­ge­hende Radio­ak­ti­vi­tät würde mei­nen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen nicht scha­den. Und mir selbst? Non, nor­ma­le­ment non.

War­te­ni­sche.

Mon­sieur Diehl?

Die Schwes­ter fünf Minu­ten spä­ter – immer­hin spricht sie mei­nen Namen rich­tig aus – gelei­tet mich in eine Art Labor. Hélène. Infu­sion in der Ellen­beuge. Die radio­ak­tive Injek­tion soll jetzt gleich erfol­gen, main­ten­ant, kün­digt sie an. Auch wenn main­ten­ant im medi­ter­ra­nen Ver­ständ­nis ganz all­ge­mein eine andere Bedeu­tungs­schwere hat als rechts des Rheins und nicht "Jetzt und Sofort" heißt, son­dern durch­aus Spiel­räume von einer Vier­tel- bis hal­ben Stunde bie­tet, steht main­ten­ant im Wider­spruch zu der Stunde War­te­zeit, von wel­cher der Dok­tor eben sprach. Ah, bon, sagt Hélène, hat der Dok­tor das gesagt? Geht weg. Und kommt nach einer guten hal­ben Stunde wie­der. Jetzt wäre es wohl soweit. Na dann. Plau­dert noch was. Über mei­nen Akzent und von wo ich denn käme. Stutt­gart? Ken­nen Sie das? Nein, aber ihr Mann kennt das, der war mit dem Mili­tär damals nicht weit von Stutt­gart. Viele Män­ner die­ser Gene­ra­tion schei­nen mit dem Mili­tär damals in Kaser­nen nicht weit von Stutt­gart gewe­sen zu sein. Oder Tübin­gen. Sig­ma­rin­gen. Hélène war zwei Mal in Trè­ves, Trier. Die Aus­tausch­part­ne­rin, auch die Eltern, sprach so gut Fran­zö­sisch, daß sie nichts gelernt hätte. Über­haupt wären die Fran­zo­sen ja so schlecht in Spra­chen, stellt sie fest. Was aber auch an dem mise­ra­blen Unter­richt in der Schule läge. Der durch­schnitt­li­che Fran­zose koket­tiert gerne mit der man­geln­den Sprach­be­ga­bung sei­nes Volks und dem mise­ra­blen Unter­richt in der Schule. Dann ist genug geplau­dert. Es folgt die radio­ak­tive Injek­tion aus einer mons­trö­sen Maschine mit Stahl­zy­lin­dern. Main­ten­ant. Sieht aus wie ein Modell aus den frü­hen Anfän­gen der Nukle­ar­me­di­zin. Ein­schließ­lich der medi­ter­ra­nen Vier­tel­stunde für Jetzt kommt das am Ende schon hin mit der Stunde Einwirkzeit.

Bis zuletzt hatte ich gehofft, es wäre viel­leicht doch alles Quatsch, Ein­bil­dung, ein Irr­tum. Die Hoff­nung gehört zu chro­ni­schen Krank­hei­ten wie der Hori­zont zur Wüste. Obwohl ich es natür­lich bes­ser weiß. exams_requests-php-1Eigent­lich. Hin­ter dem Hori­zont geht die Wüste genauso wei­ter. Ins­ge­samt zuwe­nig Anrei­che­rung des Iso­tops, sagt der Nukle­ar­me­di­zi­ner Dok­tor C. und wird es auch schrei­ben in sei­nem Befund, rechts noch weni­ger als links. Die Bil­der sind der Beweis. Soll die Sym­pto­ma­tik links erklä­ren. Die meis­ten Ner­ven­fa­sern aus dem Hirn kreu­zen irgendwo auf die Gegen­seite. Okay. Ich habe damit gerech­net. Trotz­dem, schade.

Frei­tag

Der Voll­stän­dig­keit hal­ber und weil mir eine Freun­din von ganz frü­her, aus der medi­zi­ni­schen Sand­kiste quasi, jetzt Neu­ro­lo­gin in Ber­lin, dazu gera­ten hatte, war ich bei der Echo­kar­dio­gra­phie. Sie hat sich mitt­ler­weile zwar mehr auf Psych­ia­trie spe­zia­li­siert, hatte aber auch lange mit Par­kin­son zu tun und Par­kin­son sei ja das täg­lich Brot des Neu­ro­lo­gen, sagt sie. Die Neu­ro­lo­gin sagt, Herz­pro­bleme soll­ten im Rah­men der Par­kin­son-Dia­gnos­tik aus­ge­schlos­sen wer­den, ins­be­son­dere ein Fora­men ovale. Das Fora­men ovale, latei­nisch für ova­les Loch, ist ein Loch zwi­schen zwei Herz­kam­mern, den Vor­hö­fen. Das Loch braucht man im Mut­ter­leib, solange die Lun­gen noch nicht in Betrieb sind. Nach der Geburt sollte sich das inner­halb von ein paar Tagen bis Wochen ver­schlie­ßen. Wenn nicht, kann das spä­ter zu Schlag­an­fäl­len füh­ren. Oder kann eben, wie es scheint, irgend­was mit Par­kin­son zu tun haben. Habe ich noch nie gehört vor­her, wozu aber sonst die Herz­dia­gnos­tik? Ich habe der Neu­ro­lo­gin in Ber­lin viel­leicht nicht rich­tig zuge­hört. Oder nicht rich­tig nach­ge­fragt. Pati­en­ten fra­gen immer viel zu wenig. Und wun­dern sich nach­her, daß sie nichts ver­stan­den haben.

Patrick B., im Centre hos­pi­ta­lier der Kar­dio­loge mei­nes Ver­trau­ens, macht die Echo­kar­dio­gra­phie. Patrick B. könnte auch Par­kin­son­pa­ti­ent sein. Kla­rer Fall von Hypo­mi­mie, Mas­ken­ge­sicht, cha­rak­te­ris­tisch für Par­kin­son. Ich kenne mich damit aus. Patrick lächelt nicht oft. Liegt viel­leicht an der knap­pen Aus­stat­tung sei­ner Abtei­lung. Momen­tan ver­fügt er zum Bei­spiel nicht über seine Sonde für trans­ö­so­pha­geale Echo­gra­phie. Ist kaputt gegan­gen, er war­tet seit drei Mona­ten auf Ersatz oder Repa­ra­tur. Wir sind eine öffent­li­che Struk­tur, viel­leicht gibt es gerade nicht genug Geld für die Repa­ra­tur. Trans­ö­so­pha­geal? Eine Sono­gra­phie-Sonde für die Spei­se­röhre, weil man so dem Her­zen und ins­be­son­dere dem even­tu­el­len Loch noch näher kommt als trans­t­hora­kal, durch die Brust­wand. Gilt wohl als die Methode der Wahl, um das Loch zu fin­den, wenn es da eines gibt. Patrick hat eine andere Methode, die er der trans­ö­so­pha­gea­len Echo­gra­phie ohne­hin zumin­dest für eben­bür­tig hält, wenn nicht gar über­le­gen. Viel­leicht macht er aus der Not eine Tugend. Die Schwes­ter, Pas­cale, inji­ziert mir Flüs­sig­keit mit win­zig klei­nen Luft­bläs­chen in die Vene. Kann man in der Echo­gra­phie sehr schön sehen, die Bläs­chen erschei­nen wie Schnee­ge­stö­ber. Nor­ma­ler­weise nur in den rech­ten Herz­kam­mern. Wenn da ein Loch ist, auch links. Vier Injek­tio­nen. Zwei Mal unauf­fäl­lig. Und dann doch ein Zwei­fel. Sind da nicht doch Bläs­chen links? Sind das viel­leicht Arte­fakte, Fehl­mes­sun­gen, frage ich. Auf unse­ren Nar­kose-Moni­to­ren gibt es stän­dig Fehl­mes­sun­gen. Blut­druck 143 zu 132 gibt es nicht, eigen­ar­ti­ges EKG, nein, trotz­dem kein Herz­still­stand, wahr­schein­lich hat sich eine Elek­trode gelöst. Patrick aber ist sich ganz sicher: Kla­res Nein. In der Kar­dio­lo­gie gibt es keine Arte­fakte. Ein ganz klei­nes Loch viel­leicht. Er wird sei­nen Freund, den Pro­fes­sor in Mar­seille fra­gen. Mein Neu­ro­loge hat auch einen Freund in Mar­seille. Das gehört irgend­wie dazu. Und wenn da ein Loch ist, auch ganz klein, wird das abge­dich­tet und mein Par­kin­son ver­schwin­det wie von selbst. Bestimmt.

Die Hoff­nung gehört zu chro­ni­schen Krank­hei­ten wie der Hori­zont zur Wüste. Irgendwo muß die Oase doch sein.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr