Narkoseprimat

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Gaby! Hol' dem jun­gen Kol­le­gen doch mal einen Hocker!

Kann der junge Kol­lege das nicht sel­ber? Hat der junge Kol­lege keine Beine? Soll er sich doch einen aus Saal vier holen!

Jan sitzt schon auf dem letz­ten Dreh-Roll-Hocker im Saal. Saal drei. Auf dem Anäs­the­sie-Dreh-Roll-Hocker direkt vor der Nar­ko­se­ma­schine. Die Chir­ur­gen brau­chen ihre Hocker selbst. Die Chir­ur­gen im Saal sind Gefäß­chir­ur­gen und ope­rie­ren Krampf­adern. Das kann Stun­den dau­ern. Da muß man sit­zen. Die in Saal vier häm­mern an einer Hüft­pro­these. Häm­mern an der Hüfte kann man im Sit­zen nicht so gut. Die brau­chen ihre Hocker nicht.

Den bringst du uns aber nach­her wie­der, sagt eine Schwes­ter mit brau­nen Augen, die ich noch nicht kenne. Wahr­schein­lich eine Op-Pfle­ge­rin. Die Haare unter der Haube ver­steckt und die Maske vor Mund und Nase. Da kann man nur die Augen sehen. Anäs­the­sie­schwes­tern las­sen die Maske eher mal unter dem Kinn baumeln.

Jan ist groß und blond­lo­ckig. Ten­den­zi­ell über­ge­wich­tig. Nicht wirk­lich fett, nur etwas schwab­be­lig. Er ist an mei­nem ers­ten Arbeits­tag Ober­arzt gewor­den. Im katho­li­schen Hos­pi­tal im süd­öst­li­chen Grün­gür­tel des Ruhr­ge­biets. Soll mich durch die­sen Tag füh­ren. Hat mir gerade gezeigt, wie eine Spi­nal­an­äs­the­sie gesto­chen wird.

Den Pati­en­ten auf­set­zen, den Rücken rund machen las­sen, zwi­schen zwei Wir­beln, genauer den Dorn­for­sät­zen zweier Wir­bel, die am bes­ten schei­nende Punk­ti­ons­stelle fin­den. Mög­lichst tief im Len­den­be­reich. L3/L4 sagt das Lehr­buch. Ent­spricht unge­fähr dem Niveau einer Waa­ge­rech­ten zwi­schen den Becken­käm­men. Leicht schräg nach oben, kopf­wärts durch die Haut ste­chen. Piekst mal kurz, nicht bewe­gen! Lang­sam wei­ter, bis Liquor aus der Nadel tropft. Klare Flüs­sig­keit. Lokal­an­äs­the­ti­kum inji­zie­ren. Nicht zu schnell, nicht zu lang­sam. Fer­tig. Nadel raus, Pflas­ter. Der Pati­ent darf wie­der lie­gen. Ein Drei-Minu­ten-Ein­griff. Kreis­lauf­über­wa­chung. Manch­mal stürzt der Blut­druck ab.

Die nächste machst du.

Jetzt sit­zen wir. Jans ers­ter Lehr­satz zum Berufs­bild des Anäs­the­sis­ten: Anäs­the­sie ist eine sit­zende Tätig­keit. Wenn die Spi­nal­an­äs­the­sie erst­mal gesto­chen ist, der Pati­ent in den Saal gescho­ben und an die Über­wa­chungs­ma­schine ange­schlos­sen, setzt sich der Anäs­the­sist ans Kopf­ende des Pati­en­ten, kon­trol­liert und pro­to­kol­liert die Vital­pa­ra­me­ter. Alle fünf Minu­ten misst die Maschine den Blut­druck. Auf einem For­mu­lar mit ska­lier­tem Karobe­reich in der Mitte wird der sys­to­li­sche Blut­druck als klei­ner nach oben offe­ner Win­kel ein­ge­tra­gen, der dia­sto­li­sche als klei­ner nach unten offe­ner Win­kel. Die bei­den Win­kel wer­den gra­fisch ver­bun­den. Zwei Win­kel, ein Strich. Dazu die Herz­fre­quenz. Wird auch von der Maschine ange­zeigt, grüne Zahl auf schwar­zem Hin­ter­grund. Direkt neben dem EKG. Grüne Kurve. Dazu blinkt ein grü­nes Herz. Syn­chron zum grü­nen Her­zen ein Piep­ton. Auf dem Pro­to­koll wird die Zahl der Herz­fre­quenz ein Punkt im Kar­o­ras­ter. Man­che Kol­le­gen machen auch kleine Kreuze. Die Punkte oder Kreuze wer­den ihrer­seits gra­fisch ver­bun­den. Noch ein Strich. Außer­dem wird notiert, was du wann gemacht hast, sagt Jan. Aus foren­si­schen Grün­den. Wenn was schief geht, hat das Nar­ko­se­pro­to­koll Beweis­kraft. Auf­schrei­ben, was du wann gespritzt hast und wie­viel. Und wenn die Chir­ur­gen anfan­gen. Schnitt. Und wenn sie fer­tig sind. Haut­naht. Und wenn sonst irgend­was ist. Herz­still­stand oder so. Oder wenn der Chir­urg ein Mes­ser oder eine blu­tige Kom­presse nach dir wirft.

Du schreibst, sagt Jan, ich habe schon so viel Stri­che gemalt in mei­nem Leben.

Mein ers­ter Blut­druck 143 zu 78. Zwei Win­kel, ein Strich. Die Puls­fre­quenz 72. Ein Punkt.

Wenn du Glück hast, löst dich Gaby auf einen Kaf­fee ab.

Ich stelle Jan ein paar inter­es­sierte Fra­gen, was ich außer Stri­chen und Punk­ten malen noch zu machen hätte. Wenn zum Bei­spiel der Blut­druck nicht mehr nor­mal wäre. Oder die Herz­fre­quenz. Diese Art Fra­gen schei­nen Jan nicht wirk­lich zu inter­es­sie­ren. Bei Vari­zen pas­siert nichts, sagt er. Am Anfang höchs­tens, nach der Spi­na­len. Kann der Blut­druck abrau­schen, wie gesagt. Dann machst du ein biß­chen Akrinor.

Jan redet lie­ber über seine, über unsere Kol­le­gen. Den Chef, Udo S., zum Bei­spiel. Den man nach der Früh­be­spre­chung eigent­lich nicht mehr sieht. Höchs­tens kurz zur Nar­ko­se­ein­lei­tung bei Pri­vat­pa­ti­en­ten. Macht kleine Lokal­an­äs­the­sien an der Stelle für die Infu­sion. Kann er extra abrech­nen. Fünf­zehn Mark. Ich betäube Sie jetzt, sagt er dann. Udo fin­det man so gut wie nie auf dem Dreh-Roll-Hocker vor der Nar­ko­se­ma­schine. Das mit den Stri­chen und den Punk­ten muß ein Ober­arzt über­neh­men. Stri­che und Punkte sind abrech­nungs­tech­nisch nicht wei­ter rele­vant. Manch­mal trinkt er Kaf­fee in der Kaf­fee­kü­che. Wenn es zum Bei­spiel noch wei­tere Pri­vat­pa­ti­en­ten zu betäu­ben gibt. Oder die junge Ober­ärz­tin der Gynä­kol­gie auch gerade Kaf­fee trinkt. Zum Mit­tag­essen fährt er nach Hause. Der Por­sche muß bewegt wer­den. Sagt Udo. Hes­si­scher Akzent.

133 zu 71. Zwei Win­kel, ein Strich. Das Herz bei 69. Punkt, klei­ner Strich. Das wird schön!

Die Anäs­the­sie ist eine Beruf­gruppe mit hohem Aus­län­der­an­teil, sagt Jan. Hast du ja gese­hen heute mor­gen. Er per­sön­lich hätte nichts gegen Aus­län­der. Der andere Ober­arzt ist Türke. Meh­met K.. Seit sech­zehn Jah­ren im katho­li­schen Hos­pi­tal. Meh­met K. hat mich freund­lich begrüßt und uns gute Zusam­men­ar­beit gewünscht. Meh­met K. ist einen hal­ben Kopf klei­ner als ich trotz extra­ho­her Holz­pan­ti­nen. Schwe­rer Akzent. Ich habe auch nichts gegen Aus­län­der. Meh­met K. fährt Daim­ler, sagt Jan. Mit Sitz­kis­sen, weil er sonst nicht über das Lenk­rad gucken könnte. Und wenn er sich auf­regt, ver­steht man kein Wort mehr. Vor sech­zehn Jah­ren hätte noch nie­mand Anäs­the­sie machen wol­len. Des­we­gen mußte das Kran­ken­haus Meh­met K. impor­tie­ren. Und das als erz­ka­tho­li­sche Insti­tu­tion! Wo noch immer Non­nen mit wei­ßen Häub­chen über die Flure huschen!

124 zu 78. Zwei Win­kel, ein Strich. 61. Ein Punkt.

Andrea A. ist Ita­lie­ner. Hat mich heute mor­gen auch sehr freund­lich begrüßt. Mit char­man­tem rol­len­dem R. Viel Spaß würde ich hier haben. Meh­met und Andrea spre­chen schon seit Jah­ren nicht mehr mit­ein­an­der. Nur das Aller­nö­tigste. Andrea sei schwul. Er per­sön­lich hätte nichts gegen Schwule. Sagt Jan. Schwul paßt natür­lich über­haupt nicht in Meh­mets Welt­bild. Für Andrea ist Meh­met der Kol­lege ohne Pelle. Ohne Pelle? Na, beschnit­ten eben. Ohne Vor­haut. Wie alle Tür­ken. Die Aus­län­der brau­chen die Deut­schen gar nicht immer, um geh­aßt zu wer­den. Das kön­nen sie auch untereinander.

Lil­liane S. aller­dings sei all­seits beliebt. Lil­liane ist pol­ni­scher Her­kunft. Hatte es schwer mit der Fach­arzt­prü­fung. Sprach­li­che Hür­den. 16 Jahre nach Meh­met dür­fen Sprach­kennt­nisse ein Kri­te­rium sein. Hat sie aber vor einem hal­ben Jahr geschafft. Mußte mich küs­sen zur Begrü­ßung. Mußt du nicht rot wer­den, sagte sie. Das ist so bei uns. Und so jung bist du. Bist du schon verheiratet?

127 zu 73. Zwei Win­kel, ein Strich. 64. Ein Punkt.

Monika M. und Syl­via B. sind deut­sche Kol­le­gin­nen. Monika hat was Müt­ter­li­ches. Nickte mir auf­mun­ternd zu. Wird schon, wir haben alle mal klein ange­fan­gen. Syl­via ist zur Zeit im Urlaub. Wird auch das blonde Gift genannt. Warum würde ich schon selbst früh genug her­aus­fin­den. Ver­sucht seit Jah­ren, schwan­ger zu wer­den. Erfolg­los. Kein Wun­der, sagt Jan. Er hat sich inzwi­schen die Maske von Mund und Nase gezo­gen. In sei­nen Mund­win­keln hat sich beim Reden Schaum gesam­melt. Kleine Spei­chel­trop­fen reg­nen auf das Nar­ko­se­pro­to­koll und auf mein Grünzeug.

124 zu 69. Zwei Win­kel, ein Strich. 62. Punkt, Strich. 

Herr Wol­ters schläft. Er hat von Gaby noch fünf Mil­li­gramm Mida­zo­lam bekom­men. Und eine Sauer­stoff­maske. Habe ich auf­ge­schrie­ben. Unter 8:15 Uhr. Dor­mi­cum 5 mg. Und O2 zwei Liter pro Minute.

Sind fünf Mil­li­gramm nicht ein biß­chen viel für einen Herrn über siebzig?

Das machen wir immer so. Dafür kriegt er ja auch den Sauer­stoff. Und damit ver­schwin­det Jan. Jetzt weißt du erst mal das Wich­tigste. Und immer schön alles auf­schrei­ben. Und wenn was ist, rufst du Gaby. Die ist Fach­schwes­ter. Die kann dir immer hel­fen. Ich muß jetzt weiter.

118, 62, 63. Stri­che, Punkt.

Kön­nen Sie mal was gegen das Schnar­chen machen? Bei die­sem Lärm kann kein Mensch arbei­ten! Der chir­ur­gi­sche Ober­arzt hat was zu mäkeln.

Keine Ahnung, was ich gegen das Schnar­chen machen soll. Herr Wol­ters schläft eben. Muß ich was gegen das Schnar­chen machen? Gibt es in mei­nen Medi­ka­men­ten-Schub­la­den was gegen Schnar­chen? Gaby ist irgendwo drau­ßen. Im Vor­raum? Auf dem Flur? Saal vier? Beim Kaf­fee­trin­ken? Unsichtbar.

Herr Wol­ters hat eine ordent­li­che Por­tion Dor­mi­cum gehabt. Da wür­den Sie auch schnar­chen. Wenn er kein Dor­mi­cum gehabt hätte, würde er Sie vollquatschen.

So schnar­chen geht auch nicht. Wir kön­nen so nicht arbei­ten. Holen Sie Ihren Ober­arzt, wenn Sie nicht weiterwissen!

Jan würde sagen, das ist jetzt nicht dein Ernst. Wahr­schein­lich würde er Herrn Wol­ters auf die Stirn klop­fen und ihn anspre­chen. Oder umgekehrt.

Herr Wolters?

Was, schon fertig?

134 zu 87. Win­kel, Strich. Punkt bei 89.

Ziem­lich lang­wei­lig. Viel­leicht doch lie­ber kleine Kreuze statt der Punkte für die Puls­fre­quenz? Schö­ner eigent­lich. Ich ent­scheide mich für Kreuz­chen. An ihrem ers­ten Tag auf dem Dreh-Roll-Hocker tref­fen ange­hende Ärzte für Anäs­the­sio­lo­gie und Inten­siv­me­di­zin Ent­schei­dun­gen fürs Leben. Kreuz­chen statt Punkte.

Na, Herr Thiel, haben Sie sich schon gut ein­ge­lebt? Der Chef. Wünscht den chir­ur­gi­schen Kol­le­gen einen guten Mor­gen, wirft einen Blick auf meine Stri­che. Anäs­the­sist: DIEHL, AiP, steht da. In Groß­buch­sta­ben. Gut les­bar. Udo S. wird mich bis auf zum Ende mei­ner acht­zehn Monate in sei­ner Abtei­lung mit Herr Thiel anspre­chen. Und das, obwohl er mich selbst ein­ge­stellt hat. So wie er ein neues Mus­kel­re­la­xanz – Tra­crium – uner­bitt­lich und unbe­lehr­bar Tra­zi­tum nen­nen wird. Er ist der Chef.

Auch er weist mich auf die Wich­tig­keit des Nar­ko­se­pro­to­kolls hin und ins­be­son­dere des­sen Les­bar­keit. Wenn man fünf Mil­li­gramm Dor­mi­cum um 8:15 Uhr intra­ve­nös ver­ab­reicht hat, sol­len auch Gut­ach­ter und Rich­ter klar erken­nen kön­nen, daß man fünf Mil­li­gramm Dor­mi­cum um 8:15 Uhr intra­ve­nös ver­ab­reicht hat. Gut­ach­ter und Rich­ter? Nun ja, manch­mal ginge in der Anäs­the­sie ja auch mal was schief. So wie über­all in der Medi­zin. Und Pati­en­ten wür­den kla­gen. Oder Ange­hö­rige. Manch­mal zu Recht. In der Anäs­the­sie wären alle­rings meist die Chir­ur­gen schuld, wenn Pati­en­ten Scha­den näh­men. Manch­mal würde der Anäs­the­sist sei­ner­seits nicht aus­rei­chend oder falsch auf die Feh­ler oder Kom­pli­ka­tio­nen des Chri­ur­gen reagie­ren. Das wäre immer­hin unsere Auf­gabe. Das Wohl­erge­hen des Pati­en­ten trotz sei­ner Vor­ker­kran­kun­gen sicher­zu­stel­len. Dor­mi­d­an­des bro­dego, sagt der Chef. Er meint eigent­lich: Dor­mit­an­tes pro­tego – ich schütze die Schla­fen­den. Geht auf Hes­sisch nicht so gut. Wir pas­sen auf die Kran­ken auf, sagt er. Brin­gen sie lebend und am bes­ten wohl­be­hal­ten durch ihren Ein­griff und die Tage danach. Trotz ihrer viel­leicht schwer­wie­gen­den Ope­ra­tion. Und trotz ihrer Chirurgen.

Da muß ich aber mal Ein­spruch erhe­ben, Herr S.! Der Ein­spruch kommt von jen­seits des grü­nen Tuchs. Der Ober­arzt der Chir­ur­gen hat auf­merk­sam gelauscht. Und nimmt die Pro­vo­ka­tion von Udo S. auf. Wenn Sie den Leu­ten Zähne raus­bre­chen, weil Sie nicht intu­bie­ren kön­nen, oder wenn sie Ihnen tot­ge­hen, weil Sie mal wie­der zuviel oder zuwe­nig von irgend­was sprit­zen, kön­nen wir nichts dafür!

Sie kön­nen aber was dafür, wenn wir den Leu­ten wegen einer Ope­ra­tion der Krampf­adern drei Tüten Blut geben müs­sen und die dann an AIDS ver­re­cken. Oder Ihnen die Bau­cha­orta drei Tage spä­ter hoch­geht, weil sie an den Näh­ten gepfuscht haben.

Ist alles gut soweit, Herr Wolters?

Wiebitte?

Herr Wol­ters hat satt Dor­mi­cum gehabt. Selbst wenn er was hört, wird er sich an nichts erin­nern. Ante­ro­grade Amne­sie. Gaby weiß schon, warum sie immer soviel Dor­mi­cum spritzt. Dor­mi­cum ist ein Wundermittel.

Das ist das Schöne in der Anäs­the­sie. Wir haben eine ganze Reihe von Wun­der­mit­teln. Wun­der­mit­tel, die sofort wir­ken. Und immense Wir­kun­gen ent­fal­ten. Sofort und immens. Nicht so wie in der inne­ren Medi­zin, wo man immer erst nach ein paar Tagen beur­tei­len kann, ob ein Medi­ka­ment unge­fähr die Wir­kung hat, die man sich davon verspricht.

Und wir kön­nen sit­zen dabei. Zei­tung lesen. Kreuz­wort­rät­sel lösen. Tetris spie­len.

Am frü­hen Nach­mit­tag kommt der Chef noch­mal vor­bei. Ich sitze inzwi­schen an einer Voll­nar­kose. Frau Schnei­der. Auch Krampf­adern. Kreuze und Stri­che. Der Chef blo­ckiert meine inter­es­sier­ten Fra­gen zu den unter­schied­li­chen Inha­la­ti­ons­an­äs­the­tia schnell mit sei­nem ver­mut­lich ein­zi­gen Lehr­satz: Jedem Pri­ma­ten kann man Anäs­the­sie bei­brin­gen. Anäs­the­sie ist eigent­lich was für Son­der­schü­ler. Kann auch seine Ver­sion von dis­kre­ten Vor­be­hal­ten gegen die Aus­län­der sein, mit denen er leben muß. Ein Türke, des­sen Sätze nun gar nicht mehr funk­tio­nie­ren, wenn er sich ärgern muß. Ein schwu­ler Ita­lie­ner, der in jedem zwei­ten Satz die ver­mut­lich feh­lende Vor­haut des Ober­arz­tes erwähnt. Eine küs­sende Polin. Neu­lich war er übers Wochen­ende in Tsche­chien. Für fünf Mark kannst du da alles haben, sagt er. Udo S. macht kei­nen Unter­schied zwi­schen Polin­nen in sei­ner Abtei­lung und Tsche­chin­nen am Stra­ßen­rand. Für das, was er für fünf Mark krie­gen kann, braucht es keine Spra­che. Im katho­li­schen Hos­pi­tal am süd­öst­li­chen Rand des Ruhr­ge­biets ist Udo S. der Chef. Und damit per defi­ni­tio­nem eine Art Her­ren­mensch. Ein Pri­mat der bes­se­ren Sorte. Sogar als Homo sapi­ens bes­ser. Ver­dient ver­mut­lich das Zwan­zig­fa­che mei­nes Anfän­ger­ge­halts. Und das muß ja auch einen Grund haben. Wer Chef ist, ist Chef, weil er gut ist. Und wer gut ist, ver­dient auch gut. Ver­mut­lich stehe ich in sei­nem Welt­bild in einer Reihe mit Goril­las, Schim­pan­sen und Orang-Utans. Und wahr­schein­lich kann er sich auch Paviane und Lemu­ren als Nar­ko­se­geis­ter vor­stel­len. Grün­zeug an, Haube, Maske. Auf die Spra­che kommt es in der Anäs­the­sie ohne­hin nicht so an. Eine basale Fin­ger­fer­tig­keit viel­leicht für das Han­tie­ren mit aller­lei Nadeln und Kraft in den Armen für das Han­tie­ren mit ent­schlos­se­nem Nach­druck. Ansons­ten Genüg­sam­keit. Eine Banane zu Mit­tag. Kein Wider­spruch. Wer für fünf Mark alles gibt, wider­spricht auch nicht. Genüg­sam­keit und eine gewisse intel­lek­tu­elle, naja, Zurück­hal­tung sind ange­bracht. Udo S. und sein tür­ki­scher Ober­arzt lie­ben keine Wider­worte. Man sollte sich nicht allzu reflek­tiert prä­sen­tie­ren in sei­nem Tun und Reden als Narkoseprimat.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


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