Eigentlich

Eigent­lich wollte ich nur mei­nen Sohn von der Schule nach Hause bringen.

In Saal 1 habe ich eine Hüfte, gerade ange­fan­gen, sagte ich mei­nem Kol­le­gen aus Tune­sien, Saal 2 expe­ri­men­telle Chir­ur­gie mit Ioana unter Lokal­an­äs­the­sie, fast fer­tig. Ich küm­mere mich eben noch um die post­ope­ra­ti­ven Anord­nun­gen und ver­schwinde dann. Um halb eins bin ich wie­der da. Die Arbeits­be­las­tung in einer medi­ter­ra­nen Struk­tur des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens erlaubt sowas. Oft. Ich werde mei­nen Sohn von der Schule nach Hause brin­gen. Er ist fast elf. Er könnte eigent­lich auch den Bus nehmen.

Über Tou­lon wun­der­bare Blitze aus schwar­zen Wol­ken. Hof­fent­lich wird mein Sohn nicht nass! Wenig spä­ter ist der Faron ver­schlei­ert. Dann ein paar große Trop­fen auf der Wind­schutz­scheibe. Die Idio­ten vor mir brem­sen. Ich schi­cke mei­nem Sohn eine sms. Mets-toi à l'abri. J'arrive. – Bring' dich in Sicher­heit. Ich bin gleich da. Auf Höhe des Kran­ken­hau­ses ist der Regen so dicht, daß man auch als regen­erfah­re­ner Mit­tel­eu­ro­päer tat­säch­lich nur noch Schritt­ge­schwin­dig­keit fah­ren kann. Kurz vor mei­ner Aus­fahrt ist das Was­ser knö­chel­tief. In theo­re­ti­scher Sicht­weite der Ampel Still­stand. Ringsum nur Was­ser. Tau­ben­ei­große Hagel­kör­ner. Das Was­ser inner­halb von Minu­ten knie­tief. Reicht für nasse Füße im Auto. Minu­ten spä­ter ist der Regen zu Ende. Die Ampel schal­tet auf Grün. Beim Anfah­ren ertrinkt der Motor. Und geht nicht mehr an. 12:15 Uhr. Ich rufe mei­nen Kol­le­gen an und erkläre ihm, daß es wohl einen Moment län­ger dau­ern wird. In der Grö­ßen­ord­nung einer guten hal­ben Stunde. Ich bin noch vol­ler Zuver­sicht. Ich bin ja ver­si­chert. Ich rufe die Assi­s­tance der Ver­si­che­rung an, denke ich, lasse mich abschlep­pen, den Sohn und mich mit dem Taxi nach Hause fah­ren, nehme das andere Auto und gut ist. Die Dame von der Assi­s­tance ver­spricht mir den Abschlep­per für in einer hal­ben Stunde. Dans une demi heure, grand maxi­mum. Halbe Stunde, aller­höchs­tens. Scheiße, denke ich, das ist nicht so gut. Wenn in die­sen Brei­ten jemand von einem grand maxi­mum spricht, ent­spricht das meist nur sehr zufäl­lig der Rea­li­tät. Plan B. Mein Sohn soll sich in der Schule was zu essen beschaf­fen und im Lese­saal war­ten. Kein Abschlep­per bis drei. Das wird sogar knapp mit dem Abho­len zum Schul­schluß. War­ten dabei unter strah­len­der Sonne. Das ganze Was­ser ist ver­schwun­den, alles ist tro­cken. Als wäre nichts gewe­sen. Sogar die Bett­ler ste­hen wie­der an der Ampel. Une pièce pour vivre. – Eine Münze zum Leben.

Meine Kin­der erin­nern sich daran als le vend­redi de l'apo­ca­lypse. Ist für sie, in kind­li­cher Welt­sicht, ein Begriff wie der 11. Sep­tem­ber für Grö­ßere. Sie kön­nen sich an jede Ein­zel­heit erin­nern. Der Frei­tag der Apo­ka­lypse war am 19. Sep­tem­ber 2014. Die Apo­ka­lypse ent­lud sich über Tou­lon und dau­erte keine Vier­tel­stunde. Acht Zen­ti­me­ter Regen und Hagel in gut zehn Minu­ten. Die Kin­der wur­den auf dem Weg in die Mit­tags­pause über­rascht, fan­den Zuflucht in der Kan­tine. Die ihrer­seits auch knö­chel­tief unter Was­ser geriet. Apo­ka­lyp­ti­sche Zustände.

Der Mecha­ni­ker hatte zwei Tage zu bas­teln an mei­nem alten Bus. Drei Ölwech­sel wären nötig gewe­sen, sagte er. Dann fuhr er wie­der. Mit ande­ren, neuen Neben­ge­räu­schen aus dem Motor­raum aller­dings. Schlei­fen­den Neben­ge­räu­schen. Drei Monate spä­ter war end­gül­tig Schluß. Von vorne rechts ganz unver­mit­telt eine Geräusch­ku­lisse, als hätte ich das Fahr­rad eines umge­fah­re­nen Rad­fah­rers unter dem Auto. Diens­tag Abend Anfang Februar. Die Dame von der Assi­s­tance ver­sprach mir fünf­zehn Minu­ten. Ohne "aller­höchs­tens". Der Fah­rer des Abschlepp­wa­gens streute Sand auf die Ölspur und notierte "bièle" als Ursa­che der Panne. Pleu­el­stange. Ortho­gra­phisch kor­rekt wäre "bielle" gewe­sen. Egal. Über acht­zig Pro­zent der Bevöl­ke­rung die­ses Lan­des haben ein eher leg­asthe­ni­sches Ver­hält­nis zur Recht­schrei­bung ihrer Spra­che. Aber das ist ein ande­res Thema. Bièle für Pleu­el­stange ist auch schon ganz gut. Frü­her, in eher lai­en­haf­tem Ver­ständ­nis auto­mo­bi­ler Mecha­nik war mir ohne­hin der Bruch der Kur­bel­welle die gän­gige Ursa­che des ter­mi­na­len Motor­scha­dens. Der ein­hei­mi­sche Begriff vileb­re­quin für Kur­bel­welle, ist dem Durch­schnitts­fran­zo­sen zu kom­pli­ziert. Kennt kaum einer. Bielle hat auch was mit dem Motor zu tun. Das reicht. Wie auch immer, Motor kaputt.

Hoch­som­mer, Sonn­tag. Ande­res Auto, ein Citroën von 2001. Unter­wegs in die Süd-Alpen. Die Toch­ter abset­zen für eine Woche Rei­ter­fe­rien. Hin­fah­ren, Abset­zen, zurück. Eine Aktion von gut drei Stun­den. Eigentlich.

Sieb­zig Kilo­me­ter vor dem Ziel, auf der Auto­bahn noch, ver­liert das Auto rasant an Schub­kraft. Schwarze Wol­ken im Rück­spie­gel, die Toch­ter sagt, das riecht nicht gut. Brand­ge­ruch. Der Wagen kommt mit einem letz­ten Auf­heu­len des Motors zum Ste­hen. Kilo­me­ter 124,5 hin­ter Aix en Pro­vence Rich­tung Gap. Im Tal rechts rauscht die Durance. Die Assi­s­tance ver­weist mich an die Auto­bahn-Gen­dar­me­rie, tele­fo­nisch die 17. Ich solle mich wie­der mel­den, wenn wir abge­schleppt wären. Der Herr von der Auto­bahn-Gen­dar­me­rie ver­bin­det mich mit der Auto­bahn­meis­te­rei. Dort ver­spricht man mir den Abschlep­per in einer hal­ben Stunde. Aller­höchs­tens. Wir war­ten fast eine Stunde unter glü­hen­der Sonne jen­seits der Leit­plan­ken. Allerhöchstens.

Der Abschlep­per notiert "turbo" in sei­nem Ein­satz­be­richt. Das ist fast so schlimm wie bielle oder "cour­roie de dis­tri­bu­tion", Ven­til­steue­rung. Schlim­mer jeden­falls als Zylin­der­kopf­dich­tung (joint de culasse). Ver­mut­lich das Ende die­ses Fahr­zeugs. Wirt­schaft­li­cher Totalschaden.

Die Assi­s­tance ver­spricht mir anschlie­ßend ein Taxi. Wie­der ein Satz mit aller­höchs­tens. Zudem ist die finan­zi­elle Betei­li­gung daran mini­ma­lis­tisch. Eher als nette Geste zu wer­ten. Am Ende wer­den wir fast acht Stun­den an und auf der Straße gewe­sen sein. Statt eigent­lich gut drei Stun­den. Eigentlich.

Zwei Wochen spä­ter. Immer noch Hoch­som­mer. sms an meine Frau:

Kauf’ Dir noch ein paar Kof­fer, wenn Du brauchst. Ich habe das neue Auto dazu. Das Auto für ein paar Kof­fer mehr. Einen Renault. Diese 800-Euro-Fiats aus der Zei­tung kann man nicht kau­fen. Das sind Rui­nen. Trotz neuer Ben­zin­pum­pen oder was auch immer neu. Trotz irgend­was neu. Trotz mut­maß­lich irgend­was neu. Autos aus dem letz­ten Jahr­tau­send eben. Zwi­schen 170.000 und 280.000 Kilo­me­tern. Öl unten am Motor. Man kann sich den Blick unter die Motor­haube spa­ren. Sogar ich kann mir vor­stel­len, wie das da aus­sieht. Ölig ver­mut­lich. Gam­me­lige Schläu­che, umwi­ckelt mit gam­me­li­gem Kle­be­band. Autos unter tau­send Euro brin­gen die Garan­tie auf viel Spaß mit kopf­schüt­teln­den Mecha­ni­kern direkt mit. Und das wahr­schein­lich auch für die drei Monate, die man es eigent­lich schon wirk­lich bräuchte, das Auto. Auch zum Fah­ren. Das Kopf­schüt­teln der Mecha­ni­ker dazu wäre immer­hin auf der Basis einer Tech­no­lo­gie gewe­sen, die noch ohne Dia­gnos­tik-Kof­fer aus­kom­men kann. Alleine der Kof­fer kos­tet jedes­mal sech­zig Euro. Das wäre dann, ange­sichts des kopf­schüt­tel­den Mecha­ni­kers aller­dings kein wirk­li­cher Trost. Ich habe mich heute mor­gen für ein Auto ent­schie­den, wel­ches mir den Mecha­ni­ker für die nächs­ten drei Monate erspa­ren sollte. Die­sel, vier Türen, unter 200.000 Kilo­me­ter. Kli­ma­an­lage, CD-Player. Na ja, Renault. Man kann nicht alles haben. Knapp über zwei­tau­send Euro. Autos unter zwei­tau­send Euro sind meist schon an die 300.000 Kilo­me­ter gefah­ren. Ist eine mei­ner Erkennt­nisse aus zwei Wochen Markt­be­ob­ach­tung. Ges­tern wollte mir eine unse­rer Heb­am­men, Clau­dia, ihren alten Ford ver­kau­fen. 293.000 Kilo­me­ter. Quasi ers­ter Hand, sagt sie, ihre Eltern nur und sie selbst, fast nur Kurz­stre­cke. Dann fiel ihr ein, daß die Kurz­stre­cke kein glück­li­ches Ver­kaufs­ar­gu­ment ist und führte noch ein paar Fahr­ten in elsäs­si­sche Pro­vinz an. Und, natür­lich, beim Auto wäre das schon der Zeit­punkt für vor­aus­sicht­lich höher­fre­quen­ten Werk­statt­be­such. Sie wollte 2.500 dafür. Ziem­lich blond. Oder unver­schämt. Die Imma­tri­cu­la­tion kommt ja dann noch dazu. Die Carte grise, der Fahr­zeug­schein, macht wei­tere 250 Euro. Mein neues Auto kos­tet 2.400 Euro. Carte grise ein­schließ­lich. Drei Monate Händ­ler­ga­ran­tie immer­hin. Mor­gen kann ich das Auto abholen.

Vier Tage spä­ter. Mon­tag. Meine Fami­lie wird um 12:30 Uhr mit German­wings in Nizza lan­den. Nizza ist ein­ein­halb Stun­den von uns ent­fernt. Mein Renault fährt sich sehr ange­nehm. Klima, Musik, Tem­po­mat. Alles funk­tio­niert. Etwa zwan­zig Minu­ten lang. Dann ver­liert das Auto rasant an Schub­kraft. Wol­ken im Rück­spie­gel, Brand­ge­ruch. Kenn' ich schon. Wahr­schein­lich "turbo". Der Rauch im Rück­spie­gel ist dies­mal aller­dings nicht schwarz, son­dern weiß. Aber sehr viel davon. Ich werde mei­ner Frau mit ihren neuen Kof­fern ver­mut­lich nicht hel­fen kön­nen. Stand­spur, Signal­weste, Assi­s­tance, 17, Abschlep­per. Wie gesagt, kenn' ich schon! Mit immer wie­der aller­höchs­tens. Die Auto­bahn­meis­te­rei muß ver­mut­lich "halbe Stunde, aller­höchs­tens" sagen, weil das die Vor­gabe ist: Ein Hin­der­nis auf der Auto­bahn muß inner­halb einer hal­ben Stunde abge­räumt sein. Manch­mal schaf­fen sie das wohl auch.

Nach einer ers­ten Krise tie­fer Ver­zweif­lung und unge­hör­tem lau­tem Flu­chen nehme ich mir vor, mich rou­ti­niert in mein Schick­sal zu erge­ben. Der Abschlep­per notiert "turbo". Okay. Die Assi­s­tance will mir einen Leih­wa­gen für eine Woche zur Ver­fü­gung stel­len. Danke. Der Leih­wa­gen steht in Le Luc. Das ist viel­leicht einen Kilo­me­ter vom Hof des Abschlep­pers ent­fernt. Okay. Das Taxi zum Auto­ver­lei­her kommt in einer hal­ben Stunde. Grand maxi­mum. Nein! Nicht schon wie­der das grand maxi­mum! Und, lei­der, ergänzt die Dame von der Assi­s­tance, müßte ich noch etwa sech­zig Euro zuzah­len. Denn sie könnte maxi­mal fünf­zig über­neh­men. 110 Euro für maxi­mal zwei Kilo­me­ter? Kommt das Taxi denn extra aus Nizza oder Mar­seille? Das täte ihr leid, sagt sie, aber sie müsse den Vor­ga­ben des Sys­tems fol­gen. Ob ich damit ein­ver­stan­den wäre? Eine halbe Stunde spä­ter mel­det sie sich noch­mal an. Sys­tem­feh­ler. Das Taxi sei unterwegs.

Zu die­sem Zeit­punkt aber bin ich schon unter­wegs zum Auto­ver­lei­her. Zu Fuß. Stau­bige Land­straße unter sen­gen­den 36 Grad im Schat­ten. In Bade­lat­schen. Ich wollte ja nur meine Fami­lie eben mal in Nizza vom Flug­ha­fen holen.

Eigent­lich.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


8. Sep­tem­ber

Ähn­lich abge­druckt in der August-Aus­gabe der Riviera Zei­tung. Gekürzt natür­lich. Dies­mal ziemlich.

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