Mexique

Mexique 001

Wir sind gleich für Sie da.

Eine weib­li­che Stimme unter­malt von Digi­tal­mu­sik. Ansa­gen im Minu­ten­takt. Ich befinde mich in einer War­te­schleife der Deut­schen Post. Die Sen­dungs­ver­fol­gung bei DHL. Mein Schwie­ger­va­ter war­tet auf den Weih­nacht­s­ka­len­der mit Bil­dern sei­ner Enkel. Kriegt er jedes Jahr. Zwölf Bil­der in Groß­for­mat. Indi­vi­du­elle Maß­an­fer­ti­gung in Hand­ar­beit. Jeder Tag hand­ge­malt. Unter Berück­sich­ti­gung der Fei­er­tage in Schles­wig-Hol­stein. Und nun ist Weih­nach­ten seit fast einer Woche vor­bei und vom Kalen­der keine Spur. Nicht bei den Nach­barn, nicht mal ein Benach­rich­ti­gungs­schein Abho­lung nicht vor mor­gen Nach­mit­tag ab 15 Uhr oder so. Bei colis​simo​.fr heißt es seit dem 19. Dezem­ber "Votre colis a quitté le pays d'origine". Der Kalen­der hat Frank­reich ver­las­sen. Ab jetzt ist DHL zustän­dig. Wer sonst?

Nut­zen Sie jeder­zeit ein­fach und bequem alle Ser­vices online – unter deut​sche​post​.de.

Zur Abwechs­lung eine männ­li­che Stimme. So rich­tig gerne spricht man im Call­cen­ter bei der Deut­schen Post also nicht mit dem Kun­den. Ver­su­chen Sie Ihr Glück doch lie­ber online. Selbst schuld, wenn Sie seit geschla­ge­nen zwan­zig Minu­ten Com­pu­ter­mu­sik hören müs­sen. Habe ich natür­lich vorab gemacht. Ich habe den Online-Ser­vice der Sen­dungs­ver­fol­gung genutzt. Meine fran­zö­si­sche Paket­num­mer ist da lei­der unbe­kannt. Kann ja eigent­lich nicht sein. In Deutsch­land gehen keine Pakete ver­lo­ren. Nicht in Deutsch­land. Ich würde mein Leid nun so gerne einem Kun­den­be­ra­ter kla­gen. Viel­leicht hat ein mensch­li­cher Ansprech­part­ner Zugang zu mehr Informationen.

Der nächste freie Kun­den­be­ra­ter ist bereits für sie reserviert.

Das ist schön. Lange kann es ja nun nicht mehr dau­ern. Meine Eltern haben auch einen Kalen­der zu Weih­nach­ten bekom­men. Auch mit groß­for­ma­ti­gen Fotos der Enkel. Auch eine indi­vi­du­elle Maß­an­fer­ti­gung in Hand­ar­beit. Jeder Tag hand­ge­malt. Unter Berück­sich­ti­gung der Fei­er­tage in Baden-Würt­tem­berg. colis​simo​.fr wußte drei Tage spä­ter zu ver­mel­den: "Votre colis est livré". Das Paket ist zuge­stellt. Bei Por­to­kos­ten von knapp fünf­und­zwan­zig Euro hätte ich auch nichts ande­res erwar­tet. Ich würde zu gerne wis­sen, was die Deut­sche Post solange mit dem Kalen­der an den Schwie­ger­va­ter macht.

Bitte haben Sie einen Augen­blick Geduld.

Habe ich. Was bleibt mir Ande­res übrig. Viel­leicht hätte ich doch der Anre­gung mei­ner Frau fol­gen sol­len und mein Glück im loka­len Ser­vice-Cen­ter der Post ver­su­chen. Womög­lich wäre ich da schnel­ler zum Ziel gekom­men. Immer­hin pro­fi­tiert die lokale Agen­tur der Post von einer groß­zü­gi­gen vor­weih­nacht­li­chen Zuwen­dung unse­rer­seits. Für den Post-Kalen­der. Jedes Jahr Anfang Dezem­ber klin­gelt die Zustel­le­rin. Meine Toch­ter hat sich die Ver­sion mit Pfer­de­bil­dern aus­ge­sucht. Feu­er­wehr und Müll­ab­fuhr machen auch die Runde. Bie­ten aber keine Aus­wahl. Pro­fi­tie­ren trotz­dem von einer groß­zü­gi­gen Zuwen­dung. Vor ein paar Jah­ren geriet mit­ten im Hoch­som­mer die Wiese nebenan in Brand. Die ursäch­li­che Betei­li­gung eines deut­lich min­der­jäh­ri­gen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen war nicht sicher aus­zu­schlie­ßen. Die Feu­er­wehr war mit zwei Lösch­zü­gen vor­ge­fah­ren, noch bevor die anlie­gen­den Hecken ernst­haft Feuer fan­gen konn­ten. Seit­dem großzügig.

Einen kur­zen Moment noch.

Kurz ist gelo­gen. Das höre ich nun bestimmt schon zum drit­ten Mal. Meine Toch­ter fühlt sich durch das Gedu­del aus mei­nem Tele­fon gestört. Redest du immer noch mit der Post?

Wir ver­bin­den Sie schnellstmöglich.

Die Tele­fon-Infor­ma­ti­ker bei der Deut­schen Post haben sich wirk­lich Mühe gege­ben. Mit vari­ie­ren­den Aus­sa­gen vom Band gelingt es ihnen, den Ein­druck zu erwe­cken, man würde in der Schlange vor­rü­cken. Über dem Schal­ter eine Anzeige. 453. Nur noch drei­zehn Kun­den bis zu mei­ner Nummer. 

In weni­gen Augen­bli­cken sind wir für Sie da.

Schade nur, daß die Augen­bli­cke bei DHL so lang sind.

Guten Tag, mein Name ist Michael, was kann ich für Sie tun? Der ist echt. Michael hört sich mein Anlie­gen an. Fragt mich nach mei­ner Paket­num­mer. Tippt sie in sei­nen Com­pu­ter. Täte ihm leid, aber diese Num­mer sei dem Sys­tem unbe­kannt. Auch in einem zwei­ten Ver­such kein Resul­tat. Ich solle doch mal beim fran­zö­si­schen Anbie­ter nach­for­schen. Oder meine Num­mer ein­fach in ein paar Tagen noch­mal selbst ins Sys­tem ein­ge­ben. Tol­ler Vor­schlag! Michael gibt sich zurück­hal­tend. Hat angeb­lich kei­nen Zugang zu wei­te­ren Infor­ma­tio­nen den Ver­bleib mei­nes Kalen­ders betref­fend. Ich finde Michael insuf­fi­zi­ent. Ich finde, er könnte sich etwas mehr Mühe geben. Mehr Empa­thie zei­gen zumin­dest. Das kann doch nicht sein, daß der Kalen­der in Deutsch­land ein­fach ver­schwin­det! Michael hat wohl keine Vor­stel­lung davon, wie­viel Arbeit die­ser Kalen­der gemacht hat! Ich kann meine Ent­täu­schung nicht ver­heh­len. Er bedankt sich trotz­dem für mei­nen Anruf und wünscht mir einen schö­nen Tag.

Veuil­lez pati­en­ter, nous vous met­tons en con­tact avec un con­seil­ler clientèle.

Die Hot­line bei colis​simo​.fr. Auch Musik. Auch die Aus­sicht auf den Kon­takt mit einem Bera­ter. Aber keine glaub­hafte Insze­nie­rung von Bewe­gung in der Wart­schlange. War­ten und Hof­fen. Knappe zehn Minu­ten. Die Stimme, weib­lich, fin­det mein Paket. Sie weiß zu bestä­ti­gen, daß der Kalen­der für den Schwie­ger­va­ter Frank­reich ver­las­sen hat. Von der Post in mei­nem Dorf wurde er nach Mar­seille gebracht. Was an sich schon unge­wöhn­lich sei, denn Pakete nach Deutsch­land wür­den über Lyon abge­wi­ckelt wer­den. Nor­ma­le­ment. Sagt die Stimme. Warum mein Kalen­der für den Schwie­ger­va­ter in Deutsch­land nun aber nach Mexiko geflo­gen wor­den wäre, ver­stünde sie auch nicht. Täte ihr aber leid. Mexiko? Oui, au Mexi­que. Mein Nach­for­schungs­auf­trag bekommt eine Num­mer. Wenn ich inner­halb von 40 (vier­zig!) Tagen nichts erfah­ren würde, keine Mail, kein Brief, kein Anruf, solle ich mich wie­der mel­den. Mit der Num­mer. Die Gebüh­ren für einen neuen Ver­sand en Alle­ma­gne wür­den mir in jedem Fall erstat­tet werden.

Cor­reos de México, Track & Trace, 22. Dezem­ber 2015, 09:42:00 h: En trán­sito hacia destino. Mexiko. Tat­säch­lich. Da ist der Kalen­der. In Mexiko. Auf dem Weg zum Ziel.

30.12.2015, 19:43 Uhr: Die Sen­dung ist im Ziel­land ein­ge­trof­fen. Nächs­ter Schritt: Die Sen­dung wird zum Zustell-Depot trans­por­tiert. Schreibt DHL. Der Kalen­der ist zurück aus Mexiko!

Wäre Michael nicht so schwer zu errei­chen, würde ich ihn noch­mal anrufen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Pierre

Ich habe Dienst. Mit "coupure", Pause also, zwi­schen Mit­tag und vier Uhr nach­mit­tags. Heute ziem­lich früh die coupure, weil sich zwi­schen den Fei­er­ta­gen kein Mensch frei­wil­lig ins Kran­ken­haus legt. Galle und Leis­ten­bruch kön­nen auch bis 2016 war­ten. Nichts los. 11:14 Uhr auf dem Park­platz. Viel­leicht ein guter Zeit­punkt, eben mal bei Orange vor­zu­fah­ren und das Inter­net auf dem HTC ein­stel­len zu las­sen. Das HTC ist das "alte" Smart­phone mei­nes Erst­ge­bo­re­nen. Braucht er nicht mehr, weil Weih­nach­ten war. Er hat jetzt was Tol­les von Sony. Das HTC ersetzt meine Anti­qui­tät von Nokia. Das Neue hat seit einem Neu­start mit mei­ner SIM-Karte lei­der kei­nen Zugang mehr zu google und whats­app. Damit kann ich nicht leben.

11:26 Uhr. Schlange vor der Bou­tique von Orange. Min­des­tens zehn Kun­den. Das sieht nicht gut aus. Das sieht nicht nach "mal eben" aus. Ich kenne das schon. Man war­tet brav, Kunde um Kunde, Schritt für Schritt, bis zur Hos­tess am Schal­ter. Zwan­zig Minu­ten. Min­des­tens. Die Hos­tess gibt sich stets freund­lich und zuge­wandt. Immer­hin. Erfasst den Namen, die Tele­fon­num­mer und das Anlie­gen. Ist zustän­dig für die War­te­liste. Der nächste freie Mit­ar­bei­ter wird Sie auf­ru­fen. Das funk­tio­niert sogar. Gilt aber nicht für tech­ni­sche Anlie­gen. Tech­ni­sche Anlie­gen wer­den direkt zum Kun­den­dienst hin­ten in der Ecke geschickt. Ohne Erfas­sung. Die Schlange sei nur für Bera­tung und Ver­kauf. Die Kol­le­gen vom Kun­den­dienst gehen aller­dings um zwölf. Mit Schlange würde es für mich 11:46 Uhr wer­den. Kom­men Sie doch bes­ser in einer Stunde wie­der. Wie gesagt, kenne ich schon. Mache ich nicht. Dies­mal nicht.

Ich gehe direkt zu Pierre. Pierre ist der unra­sierte und leicht über­ge­wich­tige Nerd an der Tech­nik-Theke. Kann im Gegen­satz zu sei­ner Kol­le­gin vorne am Emp­fang nicht lächeln, geschweige denn Bon­jour sagen. Es ist 11:27 Uhr. Pierre hat sicher schon Hun­ger. Mit einem Crois­sant zum Kaf­fee kommt man nur mit Mühe bis zum Mit­tag­essen. Er muß um 12 Uhr essen. Lei­der muß er sich außer­dem noch mit einem Galaxy S6 edge+ rumär­gern. Das ist das aktu­elle Top­mo­dell von Sam­sung. Das mit abge­run­de­ten Bild­schirm­kan­ten! Sein Eigen­tü­mer kommt nicht zu Google damit. Trägt eine Glatze zur Leder­ja­cke und ist noch älter als ich. Deut­lich älter. Eigent­lich zu alt für so ein High­tech­ge­rät. Eigent­lich eher der Kunde für was mit gro­ßen Tas­ten und rotem Not­ruf­knopf. Er redet sehr viel. Ohne Unter­laß gera­dezu. Vom ande­ren Ende der Tech­nik-Theke aus ver­stehe ich nicht wirk­lich, was er zu sagen hat. Google – er sagt "Guh­göll" – kommt häu­fig vor. Ich kann mir nicht vor­stel­len, was es da zu erzäh­len gibt. Wie­der und wie­der. Google geht eben nicht. Irgend­was ist ver­stellt oder kaputt. Das hat Pierre ver­stan­den. Pierre nickt dis­kret. Tippt auf den Bild­schirm, begut­ach­tet die SIM-Karte, ver­bin­det das Tele­fon mit einem Com­pu­ter. Aber er fin­det das Pro­blem eben nicht so schnell. Jeder Neu­start dau­ert fast zwei Minu­ten. Als Tele­fon­nerd würde auch ich Lächeln und Bon­jour frü­her oder spä­ter ein­stel­len. Ins­be­son­dere, wenn da immer einer steht und mich voll­quatscht. Ein Alter in Leder­ja­cke. Einer, der das gewal­tige Poten­zial sei­nes Top­mo­dells ohne­hin nicht zu nut­zen in der Lage ist. Der schon an Google schei­tert. Und alles ver­stellt hat in den Para­me­tern. Viel­leicht wirk­lich was kaputt gemacht hat. Zu allem Über­fluß sich wei­tere Kun­den an mei­ner Theke sam­meln. Nicht ordent­lich in einer Schlange wie vorne am Accueil mit der hüb­schen Prak­ti­kan­tin. Das ist beson­ders ner­vig. Einer neben dem Ande­ren. Wie in einer Bar. An mei­ner Theke. Und alle schauen bei der Arbeit zu. Kon­trol­lie­ren betont umständ­lich alle drei­ßig Sekun­den die Uhr­zeit auf dem Dis­play ihres Han­dys. Da kann man nicht mehr Bon­jour sagen. Am bes­ten jeg­li­chen Blick­kon­takt mit Kun­den vermeiden.

11:49 Uhr inzwi­schen. Und ich bin nicht mehr alleine mit der Leder­ja­cke. Eine ältere Dame hat sich mit ihrem Bil­lig­te­le­fon zwi­schen mich und einen smar­ten Anzug­trä­ger gemo­gelt. Schnauft ange­strengt unter dem Gewicht meh­re­rer Tüten von Prin­temps. Der Anzug­trä­ger war kurz nach mir gekom­men. Er tele­fo­niert schon wie­der mit sei­nem ché­rie. Ché­rie war­tet offen­bar im Restau­rant vor Car­re­four. Unge­dul­dig. Weil sie Hun­ger hat. Ver­mut­lich. Und ihre Mit­tags­pause ja auch nicht ewig dau­ern wird. Der Anzug­trä­ger kann seine Anspan­nung nur müh­sam ver­ber­gen. Wollte wohl auch nur noch "mal eben" zu Orange. Geh' schon mal vor, ché­rie, ich komme gleich nach. Er wird mich gleich fra­gen, ob ich ihn viel­leicht vor­las­sen würde. Wegen sei­nes ché­rie. Die würde hung­rig war­ten. Und er hätte nur eine ganz kleine Frage. Trente secon­des. Ich würde ver­mut­lich nicht Nein sagen kön­nen. Und müßte dann auch noch die Dame mit Tüten und Bil­lig­te­le­fon auf ihren Platz ver­wei­sen. Die sieht so aus, als würde sie mich nicht ein­mal fragen.

11:54 Uhr. Das S6 kann immer noch kein Google. Wahr­schein­lich wird auch die Leder­ja­cke gleich auf ein Uhr ver­trös­tet wer­den. Mein Pro­jekt ist nicht ziel­füh­rend. Nicht eben mal. Mor­gen früh viel­leicht noch­mal. Solange kann ich ohne Google und whats­app auf dem HTC aus­kom­men. Oder ich frage spä­ter doch das Google im Kran­ken­haus-Com­pu­ter nach dem Trick. Manch­mal erge­ben sich ja große Zeit­fens­ter im Dienst.

Google – "htc orange inter­net" – diri­giert mich ziel­ge­rich­tet zu den Para­me­tern für die APNs. Access Point Names. Nie gehört. Zugangs­punkte. Ein schö­ner Begriff für Tele­fon­nerds. Es gibt einen APN für Inter­net und einen für MMS. Kann man im Tele­fon para­me­trie­ren. MMS funk­tio­niert danach immer noch nicht. Egal. Damit kann ich sehr gut leben. Ich werde Pierre wohl doch nicht mehr besuchen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Falbala

A voté! ruft der Herr in Anzug und Kra­watte. Er spielt seine Rolle als ehren­amt­li­cher Wahl­hel­fer sehr über­zeu­gend. Mit Inbrunst für die Repu­blik. A voté. Mein Sohn hat gewählt. Sie haben sei­nen Namen, noch viel kom­pli­zier­ter als mei­ner, anhand sei­ner Num­mer aus der Carte élec­to­rale in einem groß­for­ma­ti­gen Ring­buch gefun­den und ihn laut hör­bar auf­ge­ru­fen, sogar fast rich­tig aus­ge­spro­chen. Mein Sohn durfte sei­nen Wahl­um­schlag in die ple­xi­glä­serne Urne fal­len las­sen. A voté.

Ein Moment fei­er­lich, fast pom­pös geleb­ter Demokratie.

Regio­nal­wah­len für die knapp 19.000 Stimm­be­rech­tig­ten der Com­mune. Stich­wahl war am letz­ten Sonn­tag. Wahl­bü­ros für jeweils etwa tau­send Wahl­be­rech­tigte, bevor­zugt in Schu­len, die im Dépar­te­ment Var von 9 bis 18 Uhr geöff­net sind. Aus­nah­men bil­den Bel­gen­tier, La Garde, La Valette und Le Pra­det, deren Wahl­bü­ros bis 19 Uhr geöff­net sind. Warum auch immer. In Frank­reich geht nichts ohne Aus­nahme. Mein Sohn und ich im Wahl­büro 19. Drei wei­tere in ande­ren Klas­sen­zim­mern der­sel­ben Grundschule.

Sechs Hel­fer pro Büro. Sechs!

In öffent­li­chen Struk­tu­ren und zu öffent­li­chen Anläs­sen ver­fügt die fran­zö­si­sche Admi­nis­tra­tion über ein äußerst groß­zü­gi­ges Auf­ge­bot an Per­so­nal. Ist bei mir im Kran­ken­haus auch so. Im OP zum Bei­spiel vier Putz­frauen. Zudem als aus­ge­bil­dete Pfle­ge­hel­fe­rin­nen eigent­lich über­qua­li­fi­ziert. Vier davon. Im katho­li­schen Kran­ken­haus ver­gleich­ba­rer Dimen­sion im nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biet gab es nur eine. Damals, Ende des letz­ten Jahr­tau­sends. Renate.

Von den sechs Hel­fern fin­den sich zwei am lan­gen Tisch rechts des Ein­gangs. Einer sagt Bon­jour und prüft Carte élec­to­rale und zuge­hö­rige Carte d'Identité Natio­nale, der andere hän­digt dem Wäh­ler einen klei­nen blauen Umschlag aus. Auf dem Tisch lie­gen Sta­pel A4-Papiere mit der Liste der Kan­di­da­ten aus. Dies­mal nur zwei Sta­pel. Weil die Lin­ken nach dem ers­ten Durch­gang auf­ge­ge­ben haben. Blei­ben Rechts und Ganz­rechts. Es ist eine Wahl des klei­ne­ren Übels. Ob das Demo­kra­tie ist? Der Wäh­ler nimmt ein Exem­plar von jedem Sta­pel. Eigent­lich könnte man sich vor­stel­len, nur den Zet­tel der Par­tei zu neh­men, die man wäh­len möchte. Dann wäre die Wahl aber nicht mehr so geheim. Geht also wahr­schein­lich nicht. Ich habe mich noch nicht zu fra­gen getraut. Alle neh­men einen Zet­tel von jedem Sta­pel. Alle außer einem Zet­tel sind von vorn­her­ein Alt­pa­pier. Im ers­ten Wahl­gang gibt es viel mehr Sta­pel. Für jeden Kan­di­da­ten einen. Und immer groß genug für die poten­ti­elle 100-%-Wahlbeteiligug. Der kleine blaue Umschlag ist immer der glei­che. Über die Jahre etwas speckig.

Man könnte sich auch vor­stel­len, Kreuze zu machen auf einem Stimm­zet­tel. Woan­ders gibt's das ja auch. Würde ganze Wäl­der an Papier ein­spa­ren. Lässt sich wohl nicht in Ein­klang brin­gen mit der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Éga­lité. Es würde ja einer ganz oben auf der Liste zu ste­hen kom­men. Einer über dem Ande­ren. Geht nicht. Nicht in Frankreich.

Mit sei­nen Zet­teln und dem klei­nen blauen Umschlag begibt sich der wahl­be­rech­tigte Bür­ger in eine der Wahl­ka­bi­nen. Hin­ter dem Vor­hang, ganz geheim, wird einer der Zet­tel im Umschlag ver­steckt. Der Umschlag ist so klein, daß das A4-Papier noch drei Mal gefal­tet wer­den muß. Für die nicht benö­tig­ten Zet­tel gibt es einen Papier­korb. Ein Papier­korb pro Vohang. Wird aber kaum benutzt. Ver­mut­lich, weil das ja auch wie­der auf Kos­ten des Wahl­ge­heim­nis­ses ginge. Die über­zäh­li­gen Zet­tel ver­schwin­den in der Man­tel­ta­sche. Fin­det man spä­ter drau­ßen zuhauf.

Anschlie­ßend bringt man sei­nen Umschlag mit dem Zet­tel zur Urne. Dort war­ten vier Wahl­hel­fer. Drei küm­mern sich um den Wäh­ler und seine Doku­mente, einer passt auf und ist zustän­dig für zeit­nahe Sta­tis­tik. Und Ablö­sung. Zur Sicher­heit, wenn einer sei­ner Kol­le­gen Anzei­chen von Schwä­che zeigt. Oder mal rau­chen gehen muß. Sie fin­den mei­nen Namen und ver­kün­den ihn laut: "Bert­rand Diäl". Mein Name wird nie rich­tig aus­ge­spro­chen. Egal. Ich darf mei­nen klei­nen blauen Umschlag ein­wer­fen. Die Klappe schließt sich. Der Wahl­hel­fer ruft wie­der "a voté". Jetzt hat auch Bert­rand Diäl gewählt und muß im gro­ßen Buch unterschreiben.

Auf der Tafel gegen­über des Ein­gangs zum Klas­sen­zim­mer gibt es eine Sta­tis­tik in fünf Spal­ten. Uhr­zeit, Wäh­ler pro Stunde, Wäh­ler ins­ge­samt. Das Glei­che noch ein­mal in Pro­zent: Wahl­be­tei­li­gung pro Stunde, Wahl­be­tei­li­gung ins­ge­samt. Zu unse­rem Auf­tritt gegen 18:40 Uhr ist die Sta­tis­tik schon fast fer­tig: 461 für 18:00 Uhr. 53,4 %.

Bei uns im Dépar­te­ment (Var, 83) hat der Kan­di­dat der Rech­ten die 50-Pro­zent-Hürde gerade mal geschafft. 50,86%. Und das wohl auch nur, weil die Sozia­lis­ten nach dem Deba­kel des ers­ten Durch­gangs letz­ten Sonn­tag auf­ge­ge­ben haben. Mick­rige 16,59 %. Damit lässt sich bei­leibe nichts mehr gewin­nen. Außer dem ehren­vol­len Ver­dienst, mit dem Ver­zicht die dro­hende Prä­si­dent­schaft der Enke­lin abge­wehrt zu haben. Die Enke­lin ihrer­seits hat ledig­lich im Nach­bar-Dépar­te­ment Vau­cluse über 50 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten auf ihrer Seite. Kein Wun­der, ist ihr eige­ner Wahl­kreis. Vau­cluse ist noch mehr Pro­vinz als wir an der Küste. Und wir sind schon ziem­lich Pro­vinz, spä­tes­tens wenn man sich soweit vom Meer ent­fernt hat, daß man es nicht mehr sehen kann. Mehr als 50 Pro­zent sind dort Typen wie aus Aste­rix. Wein- und Oli­ven­bau­ern. Rau­h­bei­nige Schnur­bart­trä­ger. Wild­schwein­jä­ger. Die, ein­mal in Fahrt gera­ten, mit oder ohne Zau­ber­trank, nichts mehr bremst. Die mit mod­ri­gem Fisch wer­fen und schwe­rem Hand­werks­ge­rät. Sich für schöne Blon­di­nen ent­flam­men und das Den­ken ein­stel­len. Gal­lier eben. Ori­gi­nale gal­li­scher Pro­vinz wäh­len die blonde Enke­lin von Jean-Marie. Das ist die Theo­rie von Jean-Claude, Anäs­the­sie-Kol­lege aus La Crau. Sie haben sie gewählt, weil sie so adrett aus­sieht. Fast so adrett wie die Schöne, die Obe­lix um den Ver­stand bringt, Band X: Aste­rix als Legio­när. Fal­bala. Und ihnen aus der Seele spricht. Mehr für die Klein­bau­ern, das Hand­werk, weni­ger für Europa. La Crau liegt knapp jen­seits der Sicht aufs Meer. Viel­leicht hat Jean-Claude selbst auch Ganz­rechts gewählt. Irgendwo müs­sen die Pro­zente ja herkommen. 


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Euromillionen

Auf dem Weg zum Schwimm­trai­ning. Das Hal­len­bad auf der ande­ren Seite der Stadt. Nach­mit­tags um halb sechs ist über­all Stau. Trotz Tun­nel unter der Stadt. Auf den Rück­sit­zen bespre­chen meine Toch­ter und ihre Freun­din Anaël ihre Wunsch­lis­ten zu Weih­nach­ten. Zwei­fel­los auch ange­regt von der Weih­nachts­de­ko­ra­tion, die schon instal­liert wird. Bei uns im Dorf geht der Som­mer mit einem Musik­fes­ti­val, einem Mit­tel­al­ter­spek­ta­kel für jeweils eine Woche und zwei gro­ßen Feu­er­wer­ken zu Revo­lu­tion und Befrei­ung von den Nazis bei­nahe naht­los in die Weih­nachts­fes­ti­vi­tä­ten über. Ab Ende Okto­ber Bon­nes-fêtes-Gir­lan­den über den Stra­ßen, mas­sen­weise plas­tik­schnee­ver­hüll­tes Nadel­ge­hölz auf der Place de la Répu­bli­que und den Kreis­ver­keh­ren. Dazu die Buden des Weih­nachts­markts. Der Weih­nachts­markt dau­ert von Mitte Novem­ber bis Mitte Januar. Ange­sichts von Bon­nes-fêtes-Gir­lan­den und plas­tik­schnee­be­deck­tem Nadel­ge­hölz ver­fei­nert meine Toch­ter ihre Weih­nachts­wunsch­liste zuneh­mend. Ein Hund, ein Hünd­chen eher, steht mitt­ler­weile ganz oben. Kriegt sie trotz wie­der­hol­ter Charme­of­fen­si­ven lei­der nicht. Ganz sicher nicht. Papin­ou­chéri kann Hunde nicht ausstehen.

Kurz vor der Aus­fahrt zum Schwimm­bad Kendji im Radio. Kendji Girac hat vor einem guten Jahr The Voice, eine fran­zö­si­sche Talent­show, gewon­nen. Ist jetzt immer wie­der im Radio. Singt süß­li­chen Fran­zo­sen-Pop mit Gypsy-Touch. Wahr­schein­lich ist Kendji außer­halb des fran­zö­si­schen Sprach­raums völ­lig unbe­kannt. Die Mäd­chen krei­schen schon bei den ers­ten Tak­ten von "Cool", sei­nem neu­es­ten Stück. Plus fort, plus fort! Ich muß das Radio lau­ter dre­hen. Wer­den sie auch bestel­len zu Weih­nach­ten. Sie brau­chen alle seine CDs. Sie sagen "com­man­der". Beide. Würde ich über­set­zen mit "bestel­len". Anaël hat unter Ande­rem was Gro­ßes von Play­mo­bil bestellt, meine Toch­ter eine Samm­lung Lego Fri­ends. Und den Hund natür­lich. Bestellt. Die Mäd­chen wün­schen nicht, sie bestel­len. Wol­len wahr­schein­lich auf Num­mer sicher gehen. Wün­schen ohne Risiko. Irri­tiert mich etwas, die­ses Bestel­len. Ich kann mich nicht erin­nern, zu Weih­nach­ten oder zum Geburts­tag jemals was bestellt zu haben. Ich habe mir immer was gewünscht. Bestel­len ist bei ama­zon. Zu Weih­nach­ten oder zum Geburts­tag oder über­haupt im Leben kann man sich was wün­schen. Was auch immer. Lego, ein Pony, ein Auto. Gesund­heit, Liebe, Inspi­ra­tion. Zum Bei­spiel. Zu Weih­nach­ten ganz frü­her vom Christ­kind, den Weih­nachts­mann gab es damals noch nicht. Nicht bei uns. Dann auch von den Eltern. Inzwi­schen von den nähe­ren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen. Wenn über­haupt. Wenn ich was wirk­lich brau­che, kaufe ich es am liebs­ten selbst. Von mei­ner Frau wün­sche ich mir meis­tens nichts. Nichts und davon ganz viel, sage ich, wenn ich gefragt werde. Das fin­det sie doof und ärgert sich ein biß­chen. Oder fin­det es schade. Geburts­tag oder Weih­nach­ten ohne was zum Aus­pa­cken zu Ker­zen­licht ist kein rich­ti­ger Geburts­tag oder kein rich­ti­ges Weih­nach­ten. Sagt meine Frau. Zur Sicher­heit wün­sche mir oft was für uns zusam­men. Eine Gar­ten­be­leuch­tung zum Bei­spiel oder eine längst über­fäl­lige Reno­vie­rung. Wenn ich mir nichts wün­sche, bekomme ich einen Pull­over geschenkt oder Socken. Ich habe genug Socken und Pull­over bis 2027. Die Kin­der schen­ken mir gerne was Selbst­ge­mal­tes oder Gut­scheine. Gut­scheine für ein Mal Rasen­mä­hen oder Zim­mer­auf­räu­men. Zehn Mal Spül­ma­schine aus­räu­men. Selbst­ge­mal­ter Gut­schein. Wohl, weil ich mir das immer wün­sche. Könnt ihr viel­leicht auch mal die Spül­ma­schine ausräumen?

Beim Schwim­men, in den Pau­sen zwi­schen den Übun­gen, haben die Mäd­chen mit ihren copi­nes wei­tere Inspi­ra­tion erfah­ren. Zuhause ergänzt meine Toch­ter ihre Liste mit den Bestel­lun­gen umge­hend um eine Spiel­kon­sole mit zuge­hö­ri­gem Tanz­spiel. Und eine Maschine zum Trock­nen der Fin­ger­nä­gel. Ich wußte gar nicht, daß es sowas gibt.

"Was wünscht du dir denn zu Weih­nach­ten" – wie er das ins Fran­zö­si­sche über­set­zen würde, frage ich mei­nen Sohn, dem Lego-Tech­nik-Alter längst ent­wach­sen. Ich schätze sein aus­ge­präg­tes Ver­ständ­nis für die Fein­hei­ten der loka­len Spra­che. Wel­ches fran­zö­si­sche Verb er ver­wen­den würde. Sou­hai­ter natür­lich. Wün­schen ist sou­hai­ter. Eigent­lich auch im Weih­nachts­kon­text, sagt mein Sohn. Das "com­man­der" sei­ner klei­ne­ren Geschwis­ter würde impli­zie­ren, daß sie sich vom Glau­ben an den Weih­nachts­mann noch nicht ganz frei­ge­macht hät­ten. Was er sich denn sei­ner­seits wün­schen würde. Mein Sohn haßt diese Frage mehr noch als ich, weil er sie ab Mitte Okto­ber, zeit­gleich mit den Gir­lan­den, fast täg­lich von sei­ner Mut­ter zu hören bekommt. Resi­gnier­tes Schul­ter­zu­cken. Außer­dem hat mein Sohn keine Wün­sche. Nichts, was man bei ama­zon bestel­len könnte. Er hat alles. Sogar Strümpfe und Abercrombie.

Würde sich even­tu­ell einen 1976er Gran Torino wün­schen. Wenn Papa end­lich die Euro­mil­lio­nen gewinnt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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