Euromillionen

Auf dem Weg zum Schwimmtraining. Das Hallenbad auf der anderen Seite der Stadt. Nachmittags um halb sechs ist überall Stau. Trotz Tunnel unter der Stadt. Auf den Rücksitzen besprechen meine Tochter und ihre Freundin Anaël ihre Wunschlisten zu Weihnachten. Zweifellos auch angeregt von der Weihnachtsdekoration, die schon installiert wird. Bei uns im Dorf geht der Sommer mit einem Musikfestival, einem Mittelalterspektakel für jeweils eine Woche und zwei großen Feuerwerken zu Revolution und Befreiung von den Nazis beinahe nahtlos in die Weihnachtsfestivitäten über. Ab Ende Oktober Bonnes-fêtes-Girlanden über den Straßen, massenweise plastikschneeverhülltes Nadelgehölz auf der Place de la République und den Kreisverkehren. Dazu die Buden des Weihnachtsmarkts. Der Weihnachtsmarkt dauert von Mitte November bis Mitte Januar. Angesichts von Bonnes-fêtes-Girlanden und plastikschneebedecktem Nadelgehölz verfeinert meine Tochter ihre Weihnachtswunschliste zunehmend. Ein Hund, ein Hündchen eher, steht mittlerweile ganz oben. Kriegt sie trotz wiederholter Charmeoffensiven leider nicht. Ganz sicher nicht. Papinouchéri kann Hunde nicht ausstehen.

Kurz vor der Ausfahrt zum Schwimmbad Kendji im Radio. Kendji Girac hat vor einem guten Jahr The Voice, eine französische Talentshow, gewonnen. Ist jetzt immer wieder im Radio. Singt süßlichen Franzosen-Pop mit Gypsy-Touch. Wahrscheinlich ist Kendji außerhalb des französischen Sprachraums völlig unbekannt. Die Mädchen kreischen schon bei den ersten Takten von “Cool”, seinem neuesten Stück. Plus fort, plus fort! Ich muß das Radio lauter drehen. Werden sie auch bestellen zu Weihnachten. Sie brauchen alle seine CDs. Sie sagen “commander”. Beide. Würde ich übersetzen mit “bestellen”. Anaël hat unter Anderem was Großes von Playmobil bestellt, meine Tochter eine Sammlung Lego Friends. Und den Hund natürlich. Bestellt. Die Mädchen wünschen nicht, sie bestellen. Wollen wahrscheinlich auf Nummer sicher gehen. Wünschen ohne Risiko. Irritiert mich etwas, dieses Bestellen. Ich kann mich nicht erinnern, zu Weihnachten oder zum Geburtstag jemals was bestellt zu haben. Ich habe mir immer was gewünscht. Bestellen ist bei amazon. Zu Weihnachten oder zum Geburtstag oder überhaupt im Leben kann man sich was wünschen. Was auch immer. Lego, ein Pony, ein Auto. Gesundheit, Liebe, Inspiration. Zum Beispiel. Zu Weihnachten ganz früher vom Christkind, den Weihnachtsmann gab es damals noch nicht. Nicht bei uns. Dann auch von den Eltern. Inzwischen von den näheren Familienangehörigen. Wenn überhaupt. Wenn ich was wirklich brauche, kaufe ich es am liebsten selbst. Von meiner Frau wünsche ich mir meistens nichts. Nichts und davon ganz viel, sage ich, wenn ich gefragt werde. Das findet sie doof und ärgert sich ein bißchen. Oder findet es schade. Geburtstag oder Weihnachten ohne was zum Auspacken zu Kerzenlicht ist kein richtiger Geburtstag oder kein richtiges Weihnachten. Sagt meine Frau. Zur Sicherheit wünsche mir oft was für uns zusammen. Eine Gartenbeleuchtung zum Beispiel oder eine längst überfällige Renovierung. Wenn ich mir nichts wünsche, bekomme ich einen Pullover geschenkt oder Socken. Ich habe genug Socken und Pullover bis 2027. Die Kinder schenken mir gerne was Selbstgemaltes oder Gutscheine. Gutscheine für ein Mal Rasenmähen oder Zimmeraufräumen. Zehn Mal Spülmaschine ausräumen. Selbstgemalter Gutschein. Wohl, weil ich mir das immer wünsche. Könnt ihr vielleicht auch mal die Spülmaschine ausräumen?

Beim Schwimmen, in den Pausen zwischen den Übungen, haben die Mädchen mit ihren copines weitere Inspiration erfahren. Zuhause ergänzt meine Tochter ihre Liste mit den Bestellungen umgehend um eine Spielkonsole mit zugehörigem Tanzspiel. Und eine Maschine zum Trocknen der Fingernägel. Ich wußte gar nicht, daß es sowas gibt.

“Was wünscht du dir denn zu Weihnachten” – wie er das ins Französische übersetzen würde, frage ich meinen Sohn, dem Lego-Technik-Alter längst entwachsen. Ich schätze sein ausgeprägtes Verständnis für die Feinheiten der lokalen Sprache. Welches französische Verb er verwenden würde. Souhaiter natürlich. Wünschen ist souhaiter. Eigentlich auch im Weihnachtskontext, sagt mein Sohn. Das “commander” seiner kleineren Geschwister würde implizieren, daß sie sich vom Glauben an den Weihnachtsmann noch nicht ganz freigemacht hätten. Was er sich denn seinerseits wünschen würde. Mein Sohn haßt diese Frage mehr noch als ich, weil er sie ab Mitte Oktober, zeitgleich mit den Girlanden, fast täglich von seiner Mutter zu hören bekommt. Resigniertes Schulterzucken. Außerdem hat mein Sohn keine Wünsche. Nichts, was man bei amazon bestellen könnte. Er hat alles. Sogar Strümpfe und Abercrombie.

Würde sich eventuell einen 1976er Gran Torino wünschen. Wenn Papa endlich die Euromillionen gewinnt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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