Falbala

A voté! ruft der Herr in Anzug und Kra­watte. Er spielt seine Rolle als ehren­amt­li­cher Wahl­hel­fer sehr über­zeu­gend. Mit Inbrunst für die Repu­blik. A voté. Mein Sohn hat gewählt. Sie haben sei­nen Namen, noch viel kom­pli­zier­ter als mei­ner, anhand sei­ner Num­mer aus der Carte élec­to­rale in einem groß­for­ma­ti­gen Ring­buch gefun­den und ihn laut hör­bar auf­ge­ru­fen, sogar fast rich­tig aus­ge­spro­chen. Mein Sohn durfte sei­nen Wahl­um­schlag in die ple­xi­glä­serne Urne fal­len las­sen. A voté.

Ein Moment fei­er­lich, fast pom­pös geleb­ter Demokratie.

Regio­nal­wah­len für die knapp 19.000 Stimm­be­rech­tig­ten der Com­mune. Stich­wahl war am letz­ten Sonn­tag. Wahl­bü­ros für jeweils etwa tau­send Wahl­be­rech­tigte, bevor­zugt in Schu­len, die im Dépar­te­ment Var von 9 bis 18 Uhr geöff­net sind. Aus­nah­men bil­den Bel­gen­tier, La Garde, La Valette und Le Pra­det, deren Wahl­bü­ros bis 19 Uhr geöff­net sind. Warum auch immer. In Frank­reich geht nichts ohne Aus­nahme. Mein Sohn und ich im Wahl­büro 19. Drei wei­tere in ande­ren Klas­sen­zim­mern der­sel­ben Grundschule.

Sechs Hel­fer pro Büro. Sechs!

In öffent­li­chen Struk­tu­ren und zu öffent­li­chen Anläs­sen ver­fügt die fran­zö­si­sche Admi­nis­tra­tion über ein äußerst groß­zü­gi­ges Auf­ge­bot an Per­so­nal. Ist bei mir im Kran­ken­haus auch so. Im OP zum Bei­spiel vier Putz­frauen. Zudem als aus­ge­bil­dete Pfle­ge­hel­fe­rin­nen eigent­lich über­qua­li­fi­ziert. Vier davon. Im katho­li­schen Kran­ken­haus ver­gleich­ba­rer Dimen­sion im nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biet gab es nur eine. Damals, Ende des letz­ten Jahr­tau­sends. Renate.

Von den sechs Hel­fern fin­den sich zwei am lan­gen Tisch rechts des Ein­gangs. Einer sagt Bon­jour und prüft Carte élec­to­rale und zuge­hö­rige Carte d'Identité Natio­nale, der andere hän­digt dem Wäh­ler einen klei­nen blauen Umschlag aus. Auf dem Tisch lie­gen Sta­pel A4-Papiere mit der Liste der Kan­di­da­ten aus. Dies­mal nur zwei Sta­pel. Weil die Lin­ken nach dem ers­ten Durch­gang auf­ge­ge­ben haben. Blei­ben Rechts und Ganz­rechts. Es ist eine Wahl des klei­ne­ren Übels. Ob das Demo­kra­tie ist? Der Wäh­ler nimmt ein Exem­plar von jedem Sta­pel. Eigent­lich könnte man sich vor­stel­len, nur den Zet­tel der Par­tei zu neh­men, die man wäh­len möchte. Dann wäre die Wahl aber nicht mehr so geheim. Geht also wahr­schein­lich nicht. Ich habe mich noch nicht zu fra­gen getraut. Alle neh­men einen Zet­tel von jedem Sta­pel. Alle außer einem Zet­tel sind von vorn­her­ein Alt­pa­pier. Im ers­ten Wahl­gang gibt es viel mehr Sta­pel. Für jeden Kan­di­da­ten einen. Und immer groß genug für die poten­ti­elle 100-%-Wahlbeteiligug. Der kleine blaue Umschlag ist immer der glei­che. Über die Jahre etwas speckig.

Man könnte sich auch vor­stel­len, Kreuze zu machen auf einem Stimm­zet­tel. Woan­ders gibt's das ja auch. Würde ganze Wäl­der an Papier ein­spa­ren. Lässt sich wohl nicht in Ein­klang brin­gen mit der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Éga­lité. Es würde ja einer ganz oben auf der Liste zu ste­hen kom­men. Einer über dem Ande­ren. Geht nicht. Nicht in Frankreich.

Mit sei­nen Zet­teln und dem klei­nen blauen Umschlag begibt sich der wahl­be­rech­tigte Bür­ger in eine der Wahl­ka­bi­nen. Hin­ter dem Vor­hang, ganz geheim, wird einer der Zet­tel im Umschlag ver­steckt. Der Umschlag ist so klein, daß das A4-Papier noch drei Mal gefal­tet wer­den muß. Für die nicht benö­tig­ten Zet­tel gibt es einen Papier­korb. Ein Papier­korb pro Vohang. Wird aber kaum benutzt. Ver­mut­lich, weil das ja auch wie­der auf Kos­ten des Wahl­ge­heim­nis­ses ginge. Die über­zäh­li­gen Zet­tel ver­schwin­den in der Man­tel­ta­sche. Fin­det man spä­ter drau­ßen zuhauf.

Anschlie­ßend bringt man sei­nen Umschlag mit dem Zet­tel zur Urne. Dort war­ten vier Wahl­hel­fer. Drei küm­mern sich um den Wäh­ler und seine Doku­mente, einer passt auf und ist zustän­dig für zeit­nahe Sta­tis­tik. Und Ablö­sung. Zur Sicher­heit, wenn einer sei­ner Kol­le­gen Anzei­chen von Schwä­che zeigt. Oder mal rau­chen gehen muß. Sie fin­den mei­nen Namen und ver­kün­den ihn laut: "Bert­rand Diäl". Mein Name wird nie rich­tig aus­ge­spro­chen. Egal. Ich darf mei­nen klei­nen blauen Umschlag ein­wer­fen. Die Klappe schließt sich. Der Wahl­hel­fer ruft wie­der "a voté". Jetzt hat auch Bert­rand Diäl gewählt und muß im gro­ßen Buch unterschreiben.

Auf der Tafel gegen­über des Ein­gangs zum Klas­sen­zim­mer gibt es eine Sta­tis­tik in fünf Spal­ten. Uhr­zeit, Wäh­ler pro Stunde, Wäh­ler ins­ge­samt. Das Glei­che noch ein­mal in Pro­zent: Wahl­be­tei­li­gung pro Stunde, Wahl­be­tei­li­gung ins­ge­samt. Zu unse­rem Auf­tritt gegen 18:40 Uhr ist die Sta­tis­tik schon fast fer­tig: 461 für 18:00 Uhr. 53,4 %.

Bei uns im Dépar­te­ment (Var, 83) hat der Kan­di­dat der Rech­ten die 50-Pro­zent-Hürde gerade mal geschafft. 50,86%. Und das wohl auch nur, weil die Sozia­lis­ten nach dem Deba­kel des ers­ten Durch­gangs letz­ten Sonn­tag auf­ge­ge­ben haben. Mick­rige 16,59 %. Damit lässt sich bei­leibe nichts mehr gewin­nen. Außer dem ehren­vol­len Ver­dienst, mit dem Ver­zicht die dro­hende Prä­si­dent­schaft der Enke­lin abge­wehrt zu haben. Die Enke­lin ihrer­seits hat ledig­lich im Nach­bar-Dépar­te­ment Vau­cluse über 50 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten auf ihrer Seite. Kein Wun­der, ist ihr eige­ner Wahl­kreis. Vau­cluse ist noch mehr Pro­vinz als wir an der Küste. Und wir sind schon ziem­lich Pro­vinz, spä­tes­tens wenn man sich soweit vom Meer ent­fernt hat, daß man es nicht mehr sehen kann. Mehr als 50 Pro­zent sind dort Typen wie aus Aste­rix. Wein- und Oli­ven­bau­ern. Rau­h­bei­nige Schnur­bart­trä­ger. Wild­schwein­jä­ger. Die, ein­mal in Fahrt gera­ten, mit oder ohne Zau­ber­trank, nichts mehr bremst. Die mit mod­ri­gem Fisch wer­fen und schwe­rem Hand­werks­ge­rät. Sich für schöne Blon­di­nen ent­flam­men und das Den­ken ein­stel­len. Gal­lier eben. Ori­gi­nale gal­li­scher Pro­vinz wäh­len die blonde Enke­lin von Jean-Marie. Das ist die Theo­rie von Jean-Claude, Anäs­the­sie-Kol­lege aus La Crau. Sie haben sie gewählt, weil sie so adrett aus­sieht. Fast so adrett wie die Schöne, die Obe­lix um den Ver­stand bringt, Band X: Aste­rix als Legio­när. Fal­bala. Und ihnen aus der Seele spricht. Mehr für die Klein­bau­ern, das Hand­werk, weni­ger für Europa. La Crau liegt knapp jen­seits der Sicht aufs Meer. Viel­leicht hat Jean-Claude selbst auch Ganz­rechts gewählt. Irgendwo müs­sen die Pro­zente ja herkommen. 


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

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