Gazelle

Liebe Schwä­ge­rin!

Bei Mid­life-Cri­sis hel­fen kost­spie­lige Rei­sen in den Mitt­le­ren Ori­ent oder den Fer­nen Osten. Manch­mal reicht auch schon eine kleine Golf-Eska­pade nach Afrika. Alter­na­tiv, für die Zeit zwi­schen den kost­spie­li­gen Rei­sen und 18-Loch-Aus­flü­gen auf inten­siv bewäs­ser­tem Grün viel­leicht ein teu­res Auto. Was Tie­fer­ge­leg­tes mit Heck­spoi­ler und Breit­rei­fen. Kann man zwi­schen zwei, drei Aus­fahr­ten hoch­be­schleu­ni­gen ein­schließ­lich Rei­fen­ge­räusch und Aus­puff­g­rol­len bis zum Abre­geln und so Domi­nanz trotz grauer Sträh­nen demons­trie­ren. Sogar gegen­über die­sen prot­zi­gen X5-Pro­le­ten. Die schaf­fen sicher auch 250. Müs­sen auch wegen über­bor­den­der Kraft abge­re­gelt wer­den. Kom­men aber nicht so schnell auf 250. Zu Dir würde ver­mut­lich eher was dezen­tes Bri­ti­sches aus die­ser PS-Klasse passen.

Wenn das alles – Fern­rei­sen, Golf, PS – nicht wei­ter bringt, hilft viel­leicht ein Töp­fer­kurs oder sonst­was Neues, Fach­frem­des. Töp­fern ist manu­ell, phy­sisch, sinn­lich gera­dezu. Medi­ta­tiv. Wursch­teln im Dreck bis zu den Ellen­bo­gen. Und wenn man nicht auf­passt, fliegt einem die Vase in Bro­cken um die Ohren. Hat man die Dyna­mik der Flieh­kraft aber erst ein­mal unter Kon­trolle, beschert das signi­fi­kante Erfolgs­er­leb­nisse. Das ist es ja, was einem so fehlt in der Mid­life-Cri­sis, neu­ar­tige Erfolgs­er­leb­nisse. Dazu, als Neben­ef­fekt, über Jahre kein Kopf­zer­bre­chen mehr, was Geburts­tage und Weih­nach­ten betrifft. Und spä­ter viel­leicht mal ein Stand auf dem Weihnachtsmarkt.

Als Ergän­zung was Sport­li­ches. Lau­fen über mitt­lere und große Distan­zen zum Bei­spiel. Wie wäre es mit einem Halb­ma­ra­thon? Oder gleich dem Ber­lin-Mara­thon im Sep­tem­ber? New York im Novem­ber? Eine echte Her­aus­for­de­rung, ein rich­ti­ges Ziel! Die Wochen davor aus­ge­tüf­tel­tes Lauf­pro­gramm, Tage davor nur noch Nudeln wegen der Bal­last­stoff­ar­mut im Ver­dau­ungs­sys­tem und zum Auf­fül­len der Gly­ko­gen­spei­cher. Außer­dem kei­nen Trop­fen Alko­hol. Man kann sich abend­fül­lend Videos zur ent­spre­chen­den Stre­cke bei You­tube anse­hen und sich Land­marks ein­prä­gen. Damit ist man schon Monate vor dem Lauf so aus­ge­füllt, daß man seine Mid­life-Cri­sis völ­lig aus den Augen ver­liert. Statt­des­sen ein ech­tes Ziel: Das leucht­far­bene Done-it-T-Shirt der Finis­her. Dazu dann ein kal­tes Bier.

Ich kenne mich aus. Meine Frau war kürzlich in Paris dafür. Zau­ber­haft sei der Mara­thon von Paris, sagt sie, magi­que. Ja, ehr­lich, sie sagt magi­que. Sie meint viel­leicht das Sight­see­ing mit sport­li­cher Grenz­erfah­rung. In Paris! Paris, wie man Paris noch nicht erlebt hat! Man läuft an allem vor­bei, was wich­tig ist in Paris. Es geht los auf den Champs-Ély­sées, am Lou­vre vor­bei, Hôtel de Ville, Place de la Bas­tille. Ein biß­chen lang­wei­lig viel­leicht bis zum Châ­teau des Vin­cen­nes. Noch nie gese­hen zuvor, liegt eben schon etwas außer­halb. Beein­dru­ckende Anlage aber. Der Park zum Châ­teau ist auch nicht wirk­lich span­nend. Park eben. Immer wie­der Musik­grup­pen. Das Publi­kum – Allez-allez-allez! – etwas spär­li­cher. Hun­de­hal­ter, eher zufäl­lig dabei. Zurück wie­der über die Place de la Bas­tille, zur Lin­ken wenig spä­ter Notre-Dame. Dann das Seine-Ufer. In den Tun­neln Disko-Atmo­sphäre. Mög­li­cher­weise ist das magi­que, irgend­wie. Wenige Kilo­me­ter vor dem Bois de Bou­lo­gne ein kur­zer Blick auf den Eif­fel­turm. Auch links. Bois de Bou­lo­gne sei­ner­seits wie­der eher lang­wei­lig, wie­der nur grün, Live-Musik, zufäl­lige Hun­de­hal­ter, etwas mehr absicht­li­ches Publi­kum – Allez-allez-allez! Die Ziel­ge­rade in Sicht­weite des Arc de Triomphe.

Ich war der Sherpa, zustän­dig für die indi­vi­du­elle Betreu­ung. Ich hatte einen zwan­zig-Kilo­gramm-Ruck­sack dabei, war gerüs­tet für alle Even­tua­li­tä­ten. Regen­schutz, Bade­man­tel, Wech­sel­wä­sche, Win­ter­ja­cke. Zwei Paar Stra­ßen­schuhe für den Weg zum Bahn­hof. Je nach End­zu­stand der Füße. Alle Even­tua­li­tä­ten. Schmerz­mit­tel, Ener­gie­kon­zen­trate. Was­ser mit und ohne grü­nem Ener­gie-Zusatz in einer Menge, die auch für vier Läu­fer gereicht hätte. Sherpa eben. Wir hat­ten anhand des Stre­cken­ver­laufs, 2014-You­tube-Videos und Stre­et­view zwei Treff­punkte ver­ein­bart. Kilo­me­ter 19 und 31.

Kilo­me­ter 19 war mit der Metro leicht zu errei­chen. Ein­mal umstei­gen nur. Ich war­tete direkt an der 12-Mei­len-Marke gegen­über eines Judo­clubs. Rechts in Lauf­rich­tung. Alles war genauso wie bei You­tube und Stre­et­view. Viel mehr Publi­kum aller­dings. Das hat­ten die ande­ren Fans auch her­aus­ge­fun­den: ein­mal umstei­gen nur. Allez-allez-allez! Die Läu­fer sind mit ihren Vor­na­men beschrif­tet. Man kann sie direkt anspre­chen. Allez, Jean-Claude, allez, Giselle! Hat moti­vie­rende Wir­kung, sagt meine Frau, mit dem Vor­na­men ange­spro­chen zu wer­den. Man­che Läu­fer las­sen sich die aus­ge­streck­ten Hände abklat­schen. Habe ich auch ein paar Mal gemacht. Ist aber ziem­lich naß. Und kleb­rig. Schweiß mit Ener­gie­rie­gel­res­ten. Besten­falls. Eher eklig.

Kilo­me­ter 31 war schwie­ri­ger zu errei­chen. Die Direkt-Tram ab Kilo­me­ter 19 außer Dienst wegen des Mara­thons. Damit hätte ich rech­nen kön­nen. Statt­des­sen drei Mal umstei­gen mit der Metro. Die Metro natür­lich bers­tend voll. Und dann noch über den Fluß lau­fen mit dem schwe­rem Ruck­sack. Punkt­ge­nau am Treff­punkt vor dem gro­ßen Baum links Ecke rue Mira­beau und rue Wil­hem. Kaum Publikum.

Ab Kilo­me­ter 30 hat­ten wir Angst vor der "mur", der "Mauer". Auch der "Mann mit dem Ham­mer" genannt oder das "Tal der Qua­len". Das ist dann, wenn die Gly­ko­gen­spei­cher alle auf­ge­braucht sind und die Fett­spei­cher auch nicht schnell genug Ener­gie bereit­zu­stel­len in der Lage sind. Dann geht gar nichts mehr. Das muß so sein wie Tank leer. Und Schmer­zen dazu. Wegen der gan­zen Milch­säure in den Mus­keln. Oder der Krämpfe. Nichts geht mehr. Nur Ste­hen­blei­ben, Abwar­ten. Was trin­ken, Ener­gie­rie­gel. Zuspruch vom Publi­kum. Allez-allez-allez! Dazu viel­leicht ganz lang­sam gehen. Kann man sich aber eigent­lich nicht erlau­ben, ganz lang­sam, weil man ja noch gut zehn Kilo­me­ter vor sich hat. Phy­si­scher und psy­cho­lo­gi­scher Null­durch­gang. Blieb bei mei­ner Frau aus. Da ist sie wohl deut­lich unter ihren Mög­lich­kei­ten geblie­ben. Kam immer­hin auf­recht durchs Ziel. Unter fünf Stun­den. Vier Stun­den 54 Minu­ten. 04:54:13.

Nicht zu ver­glei­chen gegen die zwei Stun­den, fünf Minu­ten des Sie­gers. 2:05:48. Mark Korir. Über seine 42,195 Kilo­me­ter läuft der so schnell wie ich mit dem Fahr­rad gefah­ren wäre. Fast so schnell. Macht das eben mal mit sei­nen pral­len Gly­ko­gen­spei­chern. Viel­leicht noch ein paar Papp­be­cher Was­ser unter­wegs. Aber wohl auch nur, weil sein Coach ihm das immer wie­der sagt. Bevor der eine Ahnung von Durst­ge­fühl ent­wi­ckelt, steht der schon wie­der unter der Dusche. Mark stammt aus Kenia. Schwarz­afrika macht die ers­ten zehn Plätze vor­wie­gend unter sich aus. Liegt ver­mut­lich an den Genen. Ein paar Zen­ti­me­ter Gen­ma­te­rial von der Gazelle oder dem Geparden im DNA-Strang vielleicht.

Das Bier am Ende hät­ten wir uns zwar ver­dient, die Läu­fe­rin und ihr Sherpa, gab es aber nicht. Zu sport­lich das Umfeld vor dem Arc de Triom­phe. Kein Alko­hol. Und dann muß­ten wir uns beei­len, den TGV nach Hause zu krie­gen. Zuviel Schlange vor dem Dosen­bier-Ver­kauf im Bahnhof.

Nächs­tes Jahr lau­fen wir wie­der. 3. April 2016. Ich würde Dir, liebe Schwä­ge­rin, eine Halb-Liter-Fla­sche abge­ben kön­nen von mei­nem grü­nen Zau­ber­trank an Meile 12 und Kilo­me­ter 31.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Schschsch!

Frei­tag, 8:24 Uhr.

Ich bin zustän­dig für die Säle drei und vier. Zwei­mal HNO. Beide Säle wie aus­ge­stor­ben. Es muß aber schon jemand da gewe­sen sein. Die OP-Leuch­ten sind ein­ge­schal­tet und der Nar­ko­se­mo­ni­tor in Saal 3 gibt ver­zwei­felt Alarm, weil er keine Daten emp­fängt und er glau­ben muß, daß sich das zu über­wa­chende Sub­jekt in ernst­haf­ter Gefahr befin­det. Außer­dem lie­gen ein paar chir­ur­gi­sche Gerät­schaf­ten auf einem grün deko­rier­ten Tisch in der Ecke. Saal vier das glei­che Bild. Also wahr­schein­lich Kaf­fee­kü­che. Et voilà, da sind sie alle! Bisous erst­mal. Ça va bien? Hast du Dienst am Wochen­ende? In wel­chem Saal bist du heute? Und hat schon jemand die Chir­ur­gen für Saal 3 und 4 ange­ru­fen? – Der Chef – le cadre – wollte sich darum küm­mern! Der Cadre ist im Auf­wach­raum. Unter­wegs mit einem klei­nen Sta­pel Papier. Ein Dos­sier ver­mut­lich. Cad­res sind die mit Dos­siers in der Hand. Es gibt unglaub­lich viele Cad­res für das Pfle­ge­per­so­nal. Aus­ge­prägte hier­ar­chi­sche Struk­tur. Pfle­ge­dienst­lei­te­rin, Stell­ver­tre­ter, Cad­res für jede Sta­tion. Der Kreiß­saal braucht sogar zwei Cad­res. Wenn die sich nicht gerade in ihren tages­licht­durch­flu­te­ten Büros ver­ste­cken, wan­deln sie mit einen Sta­pel Papier in der Hand über die Flure. Wenn gerade kein bedruck­tes Papier zur Hand ist, reicht auch ein wich­tig gezück­ter Kugel­schrei­ber. Bevor­zugt hal­ten sie sich außer­halb ihrer Sta­tion auf. Obwohl alle­samt sehr gut aus­ge­bil­dete Pfle­ge­kräfte, haben sie seit Jah­ren schon kei­nen ech­ten Pati­en­ten­kon­takt mehr. Cad­res eben. Manch­mal sieht man sie in Grup­pen auf Kor­ri­dor­kreu­zun­gen. Plau­dern zu zweit, gerne zu dritt, sel­ten vier oder mehr. Vier oder mehr wäre schon eine Réunion. Réunion braucht einen Saal in der Ver­wal­tungs­etage. Und ein Thema. Geht aber auch ohne ech­ten Anlaß. Haupt­sa­che Saal. Wenn man erst­mal in einem Saal mit Tisch und wei­chen Ses­seln sitzt, fin­det sich schon auch was zu bere­den. Wäh­rend der Woche wird die Réunion bevor­zugt anbe­raumt von zwei bis vier, am Frei­tag bes­ser von zehn bis zwölf. Wich­tig ist immer der direkte Über­gang in den Fei­er­abend oder zumin­dest in die Mit­tags­pause. Der lei­tende OP-Pfle­ger, mit dem obli­ga­ten Dos­sier in der Hand, ist auf dem Weg in eine Réunion. Ziem­lich früh eigent­lich. Wahr­schein­lich muß er sei­nem Dos­sier noch den nöti­gen Fein­schliff ver­pas­sen. Ein Zufall, daß ich ihn noch im Auf­wach­raum antreffe. Daß er jetzt noch Chir­ur­gen fin­den muß, paßt ihm gar nicht ins Kon­zept. Muß ich jetzt auch noch für die HNO-Dok­to­ren den roten Tep­pich aus­rol­len, fragt er und deu­tet auf sein Dos­sier, als ob ich nicht schon genug zu tun hätte! Wider­wil­lig tele­fo­niert er dann doch.

In Saal drei ist inzwi­schen mein Pati­ent ange­kom­men. Mit den Schwes­tern. Valé­rie für die Chir­ur­gin, die angeb­lich heute schon jemand gese­hen hat, und Suzy von der Anäs­the­sie. Mein Pati­ent ist ein sie­ben­jäh­ri­ger Junge und soll an den Man­deln ope­riert wer­den. Er ist erstaun­lich ruhig für den herr­schen­den Lärm­pe­gel. Valé­rie und Suzy haben sich viel zu erzäh­len. Und weil sie beide viel und gleich­zei­tig zu erzäh­len haben, müs­sen sie laut genug reden, um sicher gehört zu wer­den. Dazu der Moni­tor, der immer noch Alarm gibt.

Schschsch!

Hilft zwei Minu­ten. Suzy drückt den gel­ben Knopf zur Alar­m­un­ter­drü­ckung. So eine Ruhe! Stille gera­dezu. Der kleine Pati­ent wird an den Moni­tor ange­schlos­sen, bekommt eine Maske auf Mund und Nase. Er hat sich Zitro­nen­ge­ruch gewünscht. Mäd­chen bevor­zu­gen Erd­beere. Er muß in die Maske pus­ten, weil das eine gelbe Linie auf den Moni­tor macht. Je mehr er pus­tet, desto schö­ner ist die Kurve. Macht er wun­der­bar und sehr enga­giert. Dann aber ist der Zitro­nen­ge­ruch plötz­lich weg und es riecht mehr nach Che­mie. So gefällt ihm das Kur­ven­spiel auch nicht mehr wirk­lich und er wird unruhig.

In die­sem Moment betritt Marie-Élise den Saal. Marie-Élise ist die Chir­ur­gin. Marie-Élise ist bekannt dafür, daß sie auch sehr viel zu erzäh­len hat. Und sich Gehör zu ver­schaf­fen weiß. Mit Suzy und Valé­rie wächst sich das schnell zum akus­ti­schen Tsu­nami aus.

Schschsch wirkt nur noch drei­ßig Sekunden.

Wich­tig ist dabei vor allem, daß man den klei­nen Pati­en­ten nicht aus den Augen läßt. Der Moni­tor würde sich ver­geb­lich um Auf­merk­sam­keit bemühen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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3904 Zei­chen für Ailas Juli-Heft 2017:

Ich bin zustän­dig für die Säle drei und vier. Zwei­mal HNO. Beide Säle wie aus­ge­stor­ben. Es muss aber schon jemand da gewe­sen sein. Die OP-Leuch­ten sind ein­ge­schal­tet und der Nar­ko­se­mo­ni­tor in Saal 3 gibt ver­zwei­felt Alarm, weil er keine Daten emp­fängt und er glau­ben muss, dass sich das zu über­wa­chende Sub­jekt in ernst­haf­ter Gefahr befin­det. Außer­dem lie­gen ein paar chir­ur­gi­sche Gerät­schaf­ten auf einem grün deko­rier­ten Tisch in der Ecke. Saal vier das glei­che Bild. Also wahr­schein­lich Kaf­fee­kü­che. Et voilà, da sind sie alle! Bisous erst­mal. Ça va bien? Hast du Dienst am Wochen­ende? In wel­chem Saal bist du heute? Und hat schon jemand die Chir­ur­gen ange­ru­fen? Le cadre – der Chef – wollte sich darum kümmern!

Der Chef ist im Auf­wach­raum. Unter­wegs mit einem klei­nen Sta­pel Papier. Ein Dos­sier ver­mut­lich. Chefs sind die mit Dos­siers in der Hand. Es gibt unglaub­lich viele Chefs für das Pfle­ge­per­so­nal. Aus­ge­prägte hier­ar­chi­sche Struk­tur. Pfle­ge­dienst­lei­te­rin, Stell­ver­tre­ter, Chefs für jede Sta­tion. Der Kreiss­saal braucht sogar zwei Chefs. Wenn die sich nicht gerade in ihren tages­licht­durch­flu­te­ten Büros ver­ste­cken, wan­deln sie mit einen Sta­pel Papier in der Hand über die Flure. Wenn gerade kein bedruck­tes Papier zur Hand ist, reicht auch ein gezück­ter Kugel­schrei­ber. Bevor­zugt hal­ten sie sich außer­halb ihrer Sta­tion auf. Obwohl alle­samt gut aus­ge­bil­dete Pfle­ge­kräfte, haben sie seit Jah­ren schon kei­nen ech­ten Pati­en­ten­kon­takt mehr. Chefs eben. Manch­mal sieht man sie in Grup­pen auf Kor­ri­dor­kreu­zun­gen. Plau­dern zu zweit, gerne zu dritt, sel­ten vier oder mehr. Vier oder mehr wäre schon eine Réunion, eine Bespre­chung. Für eine Bespre­chung braucht man einen Saal in der Ver­wal­tungs­etage. Tep­pich­bo­den, dezen­tes Ambiete. Und ein Thema. Geht aber auch ohne. Wenn man erst­mal in wei­chen Ses­seln um einen run­den Tisch und sitzt, fin­det sich schon auch was zu bere­den. Wich­ti­ges Kri­te­rium einer Bespre­chung ist der direkte Über­gang in den Fei­er­abend oder zumin­dest in die Mittagspause.

Der OP-Chef ist auf dem Weg in eine Bespre­chung. Ziem­lich früh eigent­lich. Er muss sei­nem Dos­sier noch den nöti­gen Fein­schliff ver­pas­sen. Ein Zufall, dass ich ihn noch im Auf­wach­raum antreffe, sagt er. Passt ihm gar nicht ins Kon­zept. Muss ich jetzt auch noch für die HNO-Dok­to­ren den roten Tep­pich aus­rol­len, fragt er und deu­tet auf sein Dos­sier, als ob ich nicht schon genug zu tun hätte! Wider­wil­lig tele­fo­niert er dann doch.

In Saal drei ist inzwi­schen mein Pati­ent ange­kom­men. Mit den Schwes­tern. Valé­rie und Suzy. Mein Pati­ent ist ein sie­ben­jäh­ri­ger Junge und soll an den Man­deln ope­riert wer­den. Er gibt sich erstaun­lich gelas­sen für den herr­schen­den Lärm­pe­gel. Valé­rie und Suzy haben sich viel zu erzäh­len. Und weil sie beide viel und gleich­zei­tig zu erzäh­len haben, müs­sen sie laut genug reden, um sicher gehört zu wer­den. Dazu der Nar­ko­se­mo­ni­tor, der immer noch Alarm gibt.

Schschsch!

Hilft zwei Minu­ten. Suzy drückt den gel­ben Knopf zur Alar­m­un­ter­drü­ckung. So eine Ruhe! Stille gera­dezu. Der kleine Pati­ent wird an den Moni­tor ange­schlos­sen, bekommt eine Maske auf Mund und Nase. Er hat sich Zitro­nen­ge­ruch gewünscht. Mäd­chen bevor­zu­gen Erd­beere. Er muss in die Maske pus­ten, weil das eine gelbe Linie auf den Moni­tor macht. Je mehr er pus­tet, desto schö­ner ist die Kurve. Macht er wun­der­bar und sehr enga­giert. Dann aber ist der Zitro­nen­ge­ruch plötz­lich weg und es riecht mehr nach Che­mie. So gefällt ihm das Kur­ven­spiel auch nicht mehr wirk­lich und er wird unruhig.

In die­sem Moment betritt Domi­ni­que den Saal. Domi­ni­que ist die Chir­ur­gin. Sie ist bekannt dafür, dass sie auch sehr viel zu erzäh­len hat. Und sich Gehör zu ver­schaf­fen weiß. Mit Suzy und Valé­rie wächst sich das schnell zum akus­ti­schen Tsu­nami aus.

Schschsch wirkt nur noch drei­ßig Sekunden.

Wich­tig ist dabei vor allem, dass man den klei­nen Pati­en­ten nicht aus den Augen lässt. Der Moni­tor würde sich ver­geb­lich um Auf­merk­sam­keit bemühen.

3.652 Zeichen

Zwei­tau­send Zei­chen gesteht mir die Redak­teu­rin zu. Den Fokus auf mei­nen Beruf, Anäs­the­sist, "gewürzt" mit Beson­der­hei­ten aus fran­zö­si­schem Kran­ken­haus­all­tag. Wünscht sich die Redak­teu­rin. Zwei­tau­send Zei­chen. Das ist nicht viel für gewürz­ten All­tag mit Fokus. Zwei­tau­send Zei­chen sind im fran­zö­si­schen Kran­ken­haus­all­tag schon gesagt, bevor der Tag über­haupt rich­tig anfängt.

Mein All­tag fin­det vor­wie­gend im bloc opé­ra­toire statt. Im OP. Da gibt es OP-Schwes­tern, die ab halb acht in ihrem Saal Instru­mente für ihre Chir­ur­gen aus­pa­cken, nett dra­piert auf ste­ri­lem Grün. Anäs­the­sie­per­so­nal, das die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Maschi­nen prüft, Sprit­zen vor­be­rei­tet und nett zu den Pati­en­ten im Vor­raum ist. Der Chir­urg hat sei­nen Auf­tritt typi­scher­weise um 8:45 Uhr. Also, um genau zu sein, nicht vor 8:45 Uhr. Der Anäs­the­sist ein biß­chen vor­her, ab halb neun. Nor­ma­le­ment. Bis dahin sind die Schwes­tern und Pfle­ger mit ihren Vor­be­rei­tun­gen längst fer­tig und war­ten in der Kaf­fee­kü­che. Rufen den jewei­li­gen Arzt auf sei­nem Por­ta­ble an: wir sind fer­tig, du kannst kom­men. Der Arzt sagt am Tele­fon "j'arrive". Wenn man ver­schla­fen hat und unter der Dusche erwischt wird, kann man "j'arrive" sagen. Das glei­che "j'arrive" würde man auch aus der Umkleide nebenan ver­kün­den. J'arrive umschreibt ein äußerst groß­zü­gi­ges zeit­li­ches Spek­trum. Alles ist drin von "sofort" bis "heute noch, ganz sicher". Das ist im Hôpi­tal nicht anders als mit dem Plom­bier, auf den man seit dem frü­hen Mor­gen ver­zwei­felt wartet.

Wenn ein Dok­tor "j'arrive" gesagt hat, kann das zuge­teilte Pfle­ge­per­so­nal sagen: "il arrive". Und schon gilt auch für sie das glei­che zeit­li­che Spek­trum. Groß­zü­gig. Das ist eigent­lich ganz ange­nehm. Wenn der Chef fragt, warum es nicht wei­ter geht, kann man sagen "il arrive". Das reicht völ­lig als Legi­ti­ma­tion. Und für einen Kaf­fee. Einen min­des­tens. Zum Kaf­fee im gro­ßen Kreis plau­dert es sich gut über Ein­zel­hei­ten des Menüs von ges­tern Abend, das Aus­wärts­spiel des RCT vom Sams­tag, die Kin­der, die aktu­elle Diät. Natür­lich auch über den span­nen­den Kai­ser­schnitt letzte Nacht und wie blöde das ist, daß man schon wie­der auf den Dok­tor war­ten muß. So wie immer eigent­lich. Dabei weiß der doch, daß er ein vol­les OP-Pro­gramm hat! Und daß der Chef da end­lich mal ein­grei­fen müßte.

Da sind zwei­tau­send Zei­chen schnell gesagt.

Zu mei­nem Auf­tritt, meist kurz nach halb neun, sit­zen die meis­ten Schwes­tern und Pfle­ger mit ihrem Kaf­fee in der Kaf­fee­kü­che. Alle Anwe­sen­den müs­sen geküßt wer­den. Alle. Alle wol­len geküßt wer­den. Bises links und rechts, salut, tout va bien? Dazu klei­ner Small­talk, klei­ner Scherz. Du bist aber schlecht rasiert heute! Wenn man jeman­den ver­gißt, muß man mit laut­star­kem Pro­test rech­nen. Alleine in die­sem Kon­text sind auch meine zwei­tau­send Zei­chen wahn­sin­nig schnell gesagt. Zwei­tau­send Zei­chen sind nur eine gute halbe Seite.

Frü­her war das anders. Frü­her, in einem Pro­vinz­kran­ken­haus des nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biets. Ende des letz­ten Jahr­tau­sends. Visite auf der Inten­siv­sta­tion halb acht. Halb acht! Steile Hier­ar­chie. Chef­arzt, Ober­ärzte, Fuß­volk. 7:31 Uhr. Ein geflüs­ter­tes "Guten Mor­gen". Zwölf Zei­chen. Dienst­be­ginn ist sie­ben Uhr drei­ßig, Herr Diehl. – Tut mir leid, Frau Chef­ärz­tin. Ich war im Stau wegen Unfall auf der Pro­vin­zi­al­straße. Noch­mal gut acht­zig Zei­chen. In der Kaf­fee­kü­che des OP saß mor­gens nie­mand. Kei­ner hatte Zeit zu sit­zen. Und geküßt wurde da ohne­hin nicht. Frü­her, zu Ende des letz­ten Jahr­tau­sends im nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biet, kam ich im Kran­ken­haus­all­tag mit zwei­tau­send Zei­chen pro­blem­los bis in die Kan­tine mittags.

Das sind nun 3.652 Zei­chen gewor­den. Bleibt abzu­war­ten, was die Redak­teu­rin dazu sagt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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8. Mai

Auch Redak­teu­rin­nen kön­nen nicht anders. Sie müs­sen ein­fach was weg­kür­zen. Sie haben ja schließ­lich auch Vor­ga­ben – andere Bei­träge, Wer­bung, Qua­drat­zen­ti­me­ter hier und da. Ich kann mit dem Resul­tat leben. Ist abge­druckt in der Mai-Aus­gabe der Riviera Zei­tung.

Ainörnschen

Frü­her, als ich noch jung war und sport­li­cher, als ich noch zur Schule ging, ins Gym­na­sium in eine schwä­bi­sche Kreis­stadt, aus mei­nem Dorf in die Kreis­stadt, fuhr ich diese gut zehn Kilo­me­ter oft, na ja, immer wie­der, mit dem Fahr­rad. Berg­auf, bergab. Mehr berg­auf als bergab. Der letzte Kilo­me­ter von mei­nem Dorf in die Kreis­stadt leicht bergab. Auf die­sem letz­ten Kilo­me­ter wurde ich oft, na ja, immer wie­der, von einer Ente über­holt. Heut­zu­tage wer­den Enten auto­ma­tisch mit den Attri­bu­ten alt und klapp­rig ver­se­hen, frü­her war die ja wahr­schein­lich noch mehr oder weni­ger neu. Trotz­dem ist sie mir als alt und klapp­rig in Erin­ne­rung. Enten wur­den ver­mut­lich schon als alt und klapp­rig aus­ge­lie­fert. Savoir vivre aus Frank­reich. Diese Ente damals war blaß­grau oder -blau und hatte neben der obli­ga­ten Atom­kraft-nein-danke-Sonne noch einen Auf­kle­ber: Honi soit qui mal y pense. Über­zeug­ter Aka­de­mi­ker, Grü­nen-Wäh­ler. Wahr­schein­lich ein Lehrer. 

Damals hatte ich zwar schon Fran­zö­sisch, als dritte Fremd­spra­che nach Eng­lisch und Latein, und habe den Spruch auch als Fran­zö­sisch erkannt. Aber nicht ver­stan­den. Ich wußte nicht, wer Honi war. Und "soit" habe ich auch nicht als Deri­vat des Hilfverbs "être" erkannt. Hat mich auch nicht wei­ter inter­es­siert. Meine drei Jahre Fran­zö­sisch waren ein ein­zi­ges Deba­kel. Die ers­ten Stun­den waren noch gut, der Leh­rer damals aus­ge­spro­chen fran­ko­phil, rund­lich, wenig Haare, eitel und selbst­zu­frie­den. Einer wie Her­cule Poi­rot, der bel­gi­sche Detek­tiv von Aga­tha Chris­tie. In der Dar­stel­lung von David Suchet. So einer. Und die glei­che Arroganz.

Am Anfang fand ich die Spra­che fas­zi­nie­rend. Mit den X am Ende wie bei Aste­rix und all die­sen ande­ren Buch­sta­ben, die man nicht hört. Ich dachte, ich kann das. In der ers­ten Klas­sen­ar­beit, einem Dik­tat, hatte ich zu mei­ner erheb­li­chen Ver­wun­de­rung eine glatte sechs. Ich kann mich noch heute an die­ses Gefühl erin­nern. Die­sen Absturz aus eupho­ri­scher Erwar­tung einer Note, die mir zum Klas­sen­bes­ten gereicht hätte. Weil ich mir doch so sicher war, mit den X und S am Ende und all den ande­ren Buch­sta­ben, die man schreibt, aber nicht hört, umge­hen zu kön­nen. Und dann das! Glatte sechs. Zuviele Feh­ler pro Zeile. Ich hatte Buch­sta­ben geschrie­ben, wo keine sein durf­ten und Buch­sta­ben weg­ge­las­sen, die man ohne­hin nicht hört. Meine Moti­va­tion war weg. Null. Minus zehn. Ich fand die Spra­che albern mit die­sen Nasallau­ten und schwach­sin­nig mit die­sen Regeln, die nie wirk­lich funk­tio­nie­ren, den unzäh­li­gen Buch­sta­ben, die man nicht hört. An schlech­ten Tagen finde ich sie immer noch albern mit die­sen Nasallau­ten. Affek­tiert. Immer noch. Viel­leicht auch wegen eines selbst­ge­fäl­li­gen Typen, der sich an der Tafel wie Her­cule Poi­rot insze­nierte. Vor fast vier­zig Jahren.

Vor gut zehn Jah­ren erst habe ich ver­stan­den, daß "Honi" kein Name ist. Und auch "soit" konnte ich ein­ord­nen. Google macht es heut­zu­tage ohne­hin ganz leicht.

Mei­ner Toch­ter geht es schon mit ihrer ers­ten Fremd­spra­che auch nicht viel bes­ser. Mau­reen, ihre fran­zö­si­sche Deutsch­leh­re­rin, würde immer "Ainörn­schän" sagen statt "Ainörn­schän", berich­tet sie. – Häh? Ich ver­stehe nicht. – Ja, sie würde immer Ainörn­schän sagen statt Ainörn­schän. Sie könnte nicht Ainörn­schän sagen. Ich bin nicht in der Lage, das Wort mei­ner Toch­ter zu erken­nen. Ainörn­schän? Geschweige denn, den Unter­schied zu fin­den zwi­schen den bei­den ange­bo­te­nen Ver­sio­nen. Was kann das sein? Ich muß es selbst ein paar Mal laut sagen. Ainörn­schän, Ainörn­schän – ah! Meine Toch­ter meint Eichhörnchen.

An der Aus­spra­che des deut­schen Worts für das put­zige Écu­re­uil (Sci­u­rus vul­ga­ris) läßt sich der deut­sche Mut­ter­sprach­ler vom fran­zö­si­schen Deutsch­schü­ler klar dif­fe­ren­zie­ren. Ver­mut­lich sogar von der fran­zö­si­schen Deutsch­leh­re­rin. Gleich zwei schwie­rige Laute, grenz­wer­tig für fran­zö­si­sche Keh­len, in einem Wort. Eine lin­gu­is­ti­sche Herausfor­de­rung. Das H, wel­ches zuhause ohne­hin immer stumm bleibt, und das CH, des­sen Modi­fi­ka­tion ins SCH den Fran­zo­sen zu soviel Charme ver­hilft im Deut­schen. Und dann auch noch in unmit­tel­ba­rer Folge. Eich-Hörn-Chen. Mei­ner Toch­ter – lei­der mehr fran­zö­si­sche Deutsch­schü­le­rin als deut­sche Mut­ter­sprach­le­rin – ver­langte die kor­rekte Aus­spra­che eini­ges an Kon­zen­tra­tion und Trai­ning ab. Inzwi­schen kann sie das Eich­hörn­chen. Manch­mal ver­ein­facht es sich noch in ein Einhörnchen.


11. Novem­ber

Fast unver­än­dert abge­druckt in der Novem­ber-Aus­gabe von "Riviera – Das Magazin"


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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