Knaller

Als sich mein Zustand soweit sta­bi­li­siert hatte, daß ich an den Mit­tags­tisch zurück­keh­ren konnte, war im Gesicht mei­ner Frau eine Mischung aus Mit­leid, Spott und Besorg­nis abzu­le­sen. Besorg­nis aller­dings weni­ger um meine Vital­pro­gnose. Ich konnte ihre Sorge auf den Punkt bringen:

Die Lebens­mit­tel­all­er­gie ist eigent­lich eher was für Knal­ler. Ich weiß.

Wer will schon einen Knal­ler zuhause haben? Berech­tigte Sorge mei­ner Frau. Knal­ler, so Leute, die, ein­ge­la­den zum Dîner, noch in Hut und Man­tel Ein­zel­hei­ten ihrer All­er­gie auf Scha­len­tiere und Fisch erläu­tern und ihrer Hoff­nung Aus­druck ver­lei­hen, der Fisch­ge­ruch wäre doch bestimmt noch vom Mit­tag­essen in der Luft. Oder Mit­men­schen, die zu sorg­fäl­ti­ger Sek­tion ihres Kuchen­stücks mit der Gabel die äußerst bedenk­li­chen Reak­tio­nen ihres sen­si­blen Orga­nis­mus' auf unge­garte Stein­früchte schil­dern. Auch auf Spu­ren davon. Die Lebens­mit­tel­all­er­gie ist eigent­lich eher was für Knaller.

Dabei hat meine Frau durch­aus Erfah­rung mit exo­ti­schen Kri­sen am Mit­tags­tisch. Aus dem enge­ren Fami­li­en­kreis. Wobei mir – das möchte ich an die­ser Stelle aus­drück­lich beto­nen – nie in den Sinn käme, Mit­glie­der des enge­ren Fami­li­en­krei­ses als Knal­ler zu bezeichnen.

Tante Baby zum Bei­spiel. Die zweite der drei Schwes­tern mei­nes Schwie­ger­va­ters. Die erste ist trotz einer Auto­im­mun­ge­schichte an der Leber gut über acht­zig gewor­den. So wie Tante Baby. Deut­lich über acht­zig. Beide hat­ten rei­hen­weise Krank­hei­ten. Tante Baby ihrer­seits vor allem am Her­zen. Die Medi­ka­mente dage­gen waren "ganz schwere Geschütze", sagte sie gerne. Mit so einer schwe­ren bal­ti­schen Ton­lage und rol­len­dem R – ganz schwäärre Geschütze. Immer wie­der "schockte" sie. Wobei es da nie genauere Erläu­te­run­gen gab zu die­sem "Scho­cken". Aku­tes Herz­ver­sa­gen, Herz­still­stand, Rhyth­mus­stö­run­gen, Elek­tro­schock viel­leicht? Trotz der schwe­ren Geschütze gab das Herz letzt­end­lich vor ein paar Jah­ren auf.

Mei­nen Kin­dern ist sie in blei­ben­der Erin­ne­rung durch meh­rere Besu­che bei uns. Min­des­tens zwei. Ein­mal zur Taufe mei­nes Erst­ge­bo­re­nen, schon wirk­lich lange her also, ein­mal min­des­tens nur ein­fach so. Weil es bei uns so schön ist. Wir haben immer wie­der Senio­ren bei uns, weil es so schön bei uns ist. Frü­her mehr als heut­zu­tage. Und das auch über län­gere Zeit­räume, damit es sich auch lohnte. Nur meine Eltern kom­men für höchs­tens 36 Stun­den. Meine Eltern wis­sen, daß län­ger anhal­ten­der Besuch Quelle für Unfrie­den sein kann. Auch wenn man sich als Besuch rich­tig Mühe gibt. Jeden Tag Baguette holen geht zum Bei­spiel und Crois­sants und Pains au cho­co­lat, die dann doch kei­ner ißt. Wird nega­tiv regis­triert. Und arti­ku­liert – da muß ich schon jeden Tag Brot holen gehen und dann wird es doch weg­ge­wor­fen. Das hält die Kriegs­ge­ne­ra­tion nicht gut aus. Muß aber jeden Tag Brot holen gehen. Oder kluge Anre­gun­gen zu Ver­bes­se­run­gen im Haus­halt. Anre­gung und kon­se­quente Umsetzung.

Das ist jedoch nicht das, was sich mei­nen Kin­dern blei­bend ein­prägte. Tante Baby, eigent­lich Vera und frü­her ein­mal Tän­ze­rin, hatte auch ein Pro­blem an der Spei­se­röhre. Spei­se­röhre ist ein schö­nes Wort für Ex-Bal­ten: Gleich zwei R in dich­ter Folge – Rrööhrre. "Krampfte" gele­gent­lich, die Spei­se­röhre. Beim Essen. Atem­not mit gut­tu­ra­lem Röcheln und gepreß­tem Hus­ten, blut­un­ter­lau­fene, her­vor­tre­tende Augen, Trä­nen- und Spei­chel­fluß, hek­ti­sches Tup­fen mit der Ser­vi­ette. Das zu eher ehren­vol­lem Rah­men, bei Tisch mit Ker­zen­licht, dem guten Sil­ber­be­steck und Stoff­ser­vi­et­ten. Das macht ordent­lich Ein­druck. Bleibenden.

Ob das jetzt "Scho­cken" gewe­sen wäre, fragte ich, als es vor­bei war. Nein, nein, Scho­cken ist am Her­zen. Wie­der so ein bal­ti­sches Wort. Lange Sil­ben, Tsu­nami-R. Am Häärrr­zen. Aber das gerade eben war Kramp­fen. Tat ihr immer etwas leid. Weil die Kin­der so große Augen beka­men. Die gro­ßen Augen erin­ner­ten sie ande­rer­seits viel­leicht auch ein biß­chen an frü­her, als sie noch Tän­ze­rin war und Publi­kum hatte. Tat ihr viel­leicht sogar gut. Ich mei­ner­seits wußte genau, wo mein Laryn­go­skop liegt. Für den ernst­ge­mein­ten Not­fall. Ein übrig­ge­blie­be­nes Laryn­go­skop aus einem katho­li­schen Kran­ken­haus im nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biet. Fri­sche Bat­te­rien direkt dane­ben. 7–1/2er-Tubus. Der viel­leicht schon abge­lau­fen. Aber egal. Ambu­beu­tel. Mag­ill-Zange. Drei Minu­ten höchs­tens bis zur Intubation.

Tante Babys deut­lich jün­ge­rer Bru­der, mein Schwie­ger­va­ter, macht das auch. Er kann in sol­chen Fäl­len aber meist noch auf­ste­hen und sich in den Toi­let­ten ver­ste­cken, bis es vor­bei ist. Das dämpft die Geräusch­ku­lisse ten­den­zi­ell. Ich glaube nicht, daß es sich da um ein ech­tes orga­ni­sches Pro­blem han­delt. Die Kriegs­ge­ne­ra­tion schlingt ein­fach zu hek­tisch. Unge­kaut. Oder wenig gekaut. Kriegs­ge­ne­ra­tion eben. Große Bro­cken, die sich unge­kaut stauen und ver­ha­ken. In der "Gurrr­gel", sagte Tante Baby. Mein Schwie­ger­va­ter mußte sich neu­lich im Som­mer doch mal neben den Tisch legen. Auf den son­nen­war­men Stein der Ter­rasse. Hatte nicht mehr gereicht fürs dezente Aus­blen­den. Vagale Geschichte. Puls­fre­quenz um die drei­ßig pro Minute. Bro­cken in der Gur­gel. Infu­sion, Atro­pin, alles gut. Den Eltern müßte man schon mit schwe­re­rem Geschütz auf­war­ten, um sie nach­hal­tig zu beein­dru­cken. Im Beruf gehört sowas zum All­tag. Den Kin­dern reicht das schon.

Der Auf­tritt ihres Vaters im Rah­men sei­ner Pfir­sich­all­er­gie läßt sie also eher kalt. Eltern sind öfter mal etwas eigen­ar­tig. Sie wür­den mich zudem nicht als Knal­ler bezeich­nen. Alleine schon, weil der Begriff in ihrem akti­ven deut­schen Wort­schatz nicht vor­kommt. Eher viel­leicht den­ken sie "cht­arbé".

Cht­arbé [ʃtaʀbe], frz., durchgeknallt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Narkoseprimat

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Gaby! Hol' dem jun­gen Kol­le­gen doch mal einen Hocker!

Kann der junge Kol­lege das nicht sel­ber? Hat der junge Kol­lege keine Beine? Soll er sich doch einen aus Saal vier holen!

Jan sitzt schon auf dem letz­ten Dreh-Roll-Hocker im Saal. Saal drei. Auf dem Anäs­the­sie-Dreh-Roll-Hocker direkt vor der Nar­ko­se­ma­schine. Die Chir­ur­gen brau­chen ihre Hocker selbst. Die Chir­ur­gen im Saal sind Gefäß­chir­ur­gen und ope­rie­ren Krampf­adern. Das kann Stun­den dau­ern. Da muß man sit­zen. Die in Saal vier häm­mern an einer Hüft­pro­these. Häm­mern an der Hüfte kann man im Sit­zen nicht so gut. Die brau­chen ihre Hocker nicht.

Den bringst du uns aber nach­her wie­der, sagt eine Schwes­ter mit brau­nen Augen, die ich noch nicht kenne. Wahr­schein­lich eine Op-Pfle­ge­rin. Die Haare unter der Haube ver­steckt und die Maske vor Mund und Nase. Da kann man nur die Augen sehen. Anäs­the­sie­schwes­tern las­sen die Maske eher mal unter dem Kinn baumeln.

Jan ist groß und blond­lo­ckig. Ten­den­zi­ell über­ge­wich­tig. Nicht wirk­lich fett, nur etwas schwab­be­lig. Er ist an mei­nem ers­ten Arbeits­tag Ober­arzt gewor­den. Im katho­li­schen Hos­pi­tal im süd­öst­li­chen Grün­gür­tel des Ruhr­ge­biets. Soll mich durch die­sen Tag füh­ren. Hat mir gerade gezeigt, wie eine Spi­nal­an­äs­the­sie gesto­chen wird.

Den Pati­en­ten auf­set­zen, den Rücken rund machen las­sen, zwi­schen zwei Wir­beln, genauer den Dorn­for­sät­zen zweier Wir­bel, die am bes­ten schei­nende Punk­ti­ons­stelle fin­den. Mög­lichst tief im Len­den­be­reich. L3/L4 sagt das Lehr­buch. Ent­spricht unge­fähr dem Niveau einer Waa­ge­rech­ten zwi­schen den Becken­käm­men. Leicht schräg nach oben, kopf­wärts durch die Haut ste­chen. Piekst mal kurz, nicht bewe­gen! Lang­sam wei­ter, bis Liquor aus der Nadel tropft. Klare Flüs­sig­keit. Lokal­an­äs­the­ti­kum inji­zie­ren. Nicht zu schnell, nicht zu lang­sam. Fer­tig. Nadel raus, Pflas­ter. Der Pati­ent darf wie­der lie­gen. Ein Drei-Minu­ten-Ein­griff. Kreis­lauf­über­wa­chung. Manch­mal stürzt der Blut­druck ab.

Die nächste machst du.

Jetzt sit­zen wir. Jans ers­ter Lehr­satz zum Berufs­bild des Anäs­the­sis­ten: Anäs­the­sie ist eine sit­zende Tätig­keit. Wenn die Spi­nal­an­äs­the­sie erst­mal gesto­chen ist, der Pati­ent in den Saal gescho­ben und an die Über­wa­chungs­ma­schine ange­schlos­sen, setzt sich der Anäs­the­sist ans Kopf­ende des Pati­en­ten, kon­trol­liert und pro­to­kol­liert die Vital­pa­ra­me­ter. Alle fünf Minu­ten misst die Maschine den Blut­druck. Auf einem For­mu­lar mit ska­lier­tem Karobe­reich in der Mitte wird der sys­to­li­sche Blut­druck als klei­ner nach oben offe­ner Win­kel ein­ge­tra­gen, der dia­sto­li­sche als klei­ner nach unten offe­ner Win­kel. Die bei­den Win­kel wer­den gra­fisch ver­bun­den. Zwei Win­kel, ein Strich. Dazu die Herz­fre­quenz. Wird auch von der Maschine ange­zeigt, grüne Zahl auf schwar­zem Hin­ter­grund. Direkt neben dem EKG. Grüne Kurve. Dazu blinkt ein grü­nes Herz. Syn­chron zum grü­nen Her­zen ein Piep­ton. Auf dem Pro­to­koll wird die Zahl der Herz­fre­quenz ein Punkt im Kar­o­ras­ter. Man­che Kol­le­gen machen auch kleine Kreuze. Die Punkte oder Kreuze wer­den ihrer­seits gra­fisch ver­bun­den. Noch ein Strich. Außer­dem wird notiert, was du wann gemacht hast, sagt Jan. Aus foren­si­schen Grün­den. Wenn was schief geht, hat das Nar­ko­se­pro­to­koll Beweis­kraft. Auf­schrei­ben, was du wann gespritzt hast und wie­viel. Und wenn die Chir­ur­gen anfan­gen. Schnitt. Und wenn sie fer­tig sind. Haut­naht. Und wenn sonst irgend­was ist. Herz­still­stand oder so. Oder wenn der Chir­urg ein Mes­ser oder eine blu­tige Kom­presse nach dir wirft.

Du schreibst, sagt Jan, ich habe schon so viel Stri­che gemalt in mei­nem Leben.

Mein ers­ter Blut­druck 143 zu 78. Zwei Win­kel, ein Strich. Die Puls­fre­quenz 72. Ein Punkt.

Wenn du Glück hast, löst dich Gaby auf einen Kaf­fee ab.

Ich stelle Jan ein paar inter­es­sierte Fra­gen, was ich außer Stri­chen und Punk­ten malen noch zu machen hätte. Wenn zum Bei­spiel der Blut­druck nicht mehr nor­mal wäre. Oder die Herz­fre­quenz. Diese Art Fra­gen schei­nen Jan nicht wirk­lich zu inter­es­sie­ren. Bei Vari­zen pas­siert nichts, sagt er. Am Anfang höchs­tens, nach der Spi­na­len. Kann der Blut­druck abrau­schen, wie gesagt. Dann machst du ein biß­chen Akrinor.

Jan redet lie­ber über seine, über unsere Kol­le­gen. Den Chef, Udo S., zum Bei­spiel. Den man nach der Früh­be­spre­chung eigent­lich nicht mehr sieht. Höchs­tens kurz zur Nar­ko­se­ein­lei­tung bei Pri­vat­pa­ti­en­ten. Macht kleine Lokal­an­äs­the­sien an der Stelle für die Infu­sion. Kann er extra abrech­nen. Fünf­zehn Mark. Ich betäube Sie jetzt, sagt er dann. Udo fin­det man so gut wie nie auf dem Dreh-Roll-Hocker vor der Nar­ko­se­ma­schine. Das mit den Stri­chen und den Punk­ten muß ein Ober­arzt über­neh­men. Stri­che und Punkte sind abrech­nungs­tech­nisch nicht wei­ter rele­vant. Manch­mal trinkt er Kaf­fee in der Kaf­fee­kü­che. Wenn es zum Bei­spiel noch wei­tere Pri­vat­pa­ti­en­ten zu betäu­ben gibt. Oder die junge Ober­ärz­tin der Gynä­kol­gie auch gerade Kaf­fee trinkt. Zum Mit­tag­essen fährt er nach Hause. Der Por­sche muß bewegt wer­den. Sagt Udo. Hes­si­scher Akzent.

133 zu 71. Zwei Win­kel, ein Strich. Das Herz bei 69. Punkt, klei­ner Strich. Das wird schön!

Die Anäs­the­sie ist eine Beruf­gruppe mit hohem Aus­län­der­an­teil, sagt Jan. Hast du ja gese­hen heute mor­gen. Er per­sön­lich hätte nichts gegen Aus­län­der. Der andere Ober­arzt ist Türke. Meh­met K.. Seit sech­zehn Jah­ren im katho­li­schen Hos­pi­tal. Meh­met K. hat mich freund­lich begrüßt und uns gute Zusam­men­ar­beit gewünscht. Meh­met K. ist einen hal­ben Kopf klei­ner als ich trotz extra­ho­her Holz­pan­ti­nen. Schwe­rer Akzent. Ich habe auch nichts gegen Aus­län­der. Meh­met K. fährt Daim­ler, sagt Jan. Mit Sitz­kis­sen, weil er sonst nicht über das Lenk­rad gucken könnte. Und wenn er sich auf­regt, ver­steht man kein Wort mehr. Vor sech­zehn Jah­ren hätte noch nie­mand Anäs­the­sie machen wol­len. Des­we­gen mußte das Kran­ken­haus Meh­met K. impor­tie­ren. Und das als erz­ka­tho­li­sche Insti­tu­tion! Wo noch immer Non­nen mit wei­ßen Häub­chen über die Flure huschen!

124 zu 78. Zwei Win­kel, ein Strich. 61. Ein Punkt.

Andrea A. ist Ita­lie­ner. Hat mich heute mor­gen auch sehr freund­lich begrüßt. Mit char­man­tem rol­len­dem R. Viel Spaß würde ich hier haben. Meh­met und Andrea spre­chen schon seit Jah­ren nicht mehr mit­ein­an­der. Nur das Aller­nö­tigste. Andrea sei schwul. Er per­sön­lich hätte nichts gegen Schwule. Sagt Jan. Schwul paßt natür­lich über­haupt nicht in Meh­mets Welt­bild. Für Andrea ist Meh­met der Kol­lege ohne Pelle. Ohne Pelle? Na, beschnit­ten eben. Ohne Vor­haut. Wie alle Tür­ken. Die Aus­län­der brau­chen die Deut­schen gar nicht immer, um geh­aßt zu wer­den. Das kön­nen sie auch untereinander.

Lil­liane S. aller­dings sei all­seits beliebt. Lil­liane ist pol­ni­scher Her­kunft. Hatte es schwer mit der Fach­arzt­prü­fung. Sprach­li­che Hür­den. 16 Jahre nach Meh­met dür­fen Sprach­kennt­nisse ein Kri­te­rium sein. Hat sie aber vor einem hal­ben Jahr geschafft. Mußte mich küs­sen zur Begrü­ßung. Mußt du nicht rot wer­den, sagte sie. Das ist so bei uns. Und so jung bist du. Bist du schon verheiratet?

127 zu 73. Zwei Win­kel, ein Strich. 64. Ein Punkt.

Monika M. und Syl­via B. sind deut­sche Kol­le­gin­nen. Monika hat was Müt­ter­li­ches. Nickte mir auf­mun­ternd zu. Wird schon, wir haben alle mal klein ange­fan­gen. Syl­via ist zur Zeit im Urlaub. Wird auch das blonde Gift genannt. Warum würde ich schon selbst früh genug her­aus­fin­den. Ver­sucht seit Jah­ren, schwan­ger zu wer­den. Erfolg­los. Kein Wun­der, sagt Jan. Er hat sich inzwi­schen die Maske von Mund und Nase gezo­gen. In sei­nen Mund­win­keln hat sich beim Reden Schaum gesam­melt. Kleine Spei­chel­trop­fen reg­nen auf das Nar­ko­se­pro­to­koll und auf mein Grünzeug.

124 zu 69. Zwei Win­kel, ein Strich. 62. Punkt, Strich. 

Herr Wol­ters schläft. Er hat von Gaby noch fünf Mil­li­gramm Mida­zo­lam bekom­men. Und eine Sauer­stoff­maske. Habe ich auf­ge­schrie­ben. Unter 8:15 Uhr. Dor­mi­cum 5 mg. Und O2 zwei Liter pro Minute.

Sind fünf Mil­li­gramm nicht ein biß­chen viel für einen Herrn über siebzig?

Das machen wir immer so. Dafür kriegt er ja auch den Sauer­stoff. Und damit ver­schwin­det Jan. Jetzt weißt du erst mal das Wich­tigste. Und immer schön alles auf­schrei­ben. Und wenn was ist, rufst du Gaby. Die ist Fach­schwes­ter. Die kann dir immer hel­fen. Ich muß jetzt weiter.

118, 62, 63. Stri­che, Punkt.

Kön­nen Sie mal was gegen das Schnar­chen machen? Bei die­sem Lärm kann kein Mensch arbei­ten! Der chir­ur­gi­sche Ober­arzt hat was zu mäkeln.

Keine Ahnung, was ich gegen das Schnar­chen machen soll. Herr Wol­ters schläft eben. Muß ich was gegen das Schnar­chen machen? Gibt es in mei­nen Medi­ka­men­ten-Schub­la­den was gegen Schnar­chen? Gaby ist irgendwo drau­ßen. Im Vor­raum? Auf dem Flur? Saal vier? Beim Kaf­fee­trin­ken? Unsichtbar.

Herr Wol­ters hat eine ordent­li­che Por­tion Dor­mi­cum gehabt. Da wür­den Sie auch schnar­chen. Wenn er kein Dor­mi­cum gehabt hätte, würde er Sie vollquatschen.

So schnar­chen geht auch nicht. Wir kön­nen so nicht arbei­ten. Holen Sie Ihren Ober­arzt, wenn Sie nicht weiterwissen!

Jan würde sagen, das ist jetzt nicht dein Ernst. Wahr­schein­lich würde er Herrn Wol­ters auf die Stirn klop­fen und ihn anspre­chen. Oder umgekehrt.

Herr Wolters?

Was, schon fertig?

134 zu 87. Win­kel, Strich. Punkt bei 89.

Ziem­lich lang­wei­lig. Viel­leicht doch lie­ber kleine Kreuze statt der Punkte für die Puls­fre­quenz? Schö­ner eigent­lich. Ich ent­scheide mich für Kreuz­chen. An ihrem ers­ten Tag auf dem Dreh-Roll-Hocker tref­fen ange­hende Ärzte für Anäs­the­sio­lo­gie und Inten­siv­me­di­zin Ent­schei­dun­gen fürs Leben. Kreuz­chen statt Punkte.

Na, Herr Thiel, haben Sie sich schon gut ein­ge­lebt? Der Chef. Wünscht den chir­ur­gi­schen Kol­le­gen einen guten Mor­gen, wirft einen Blick auf meine Stri­che. Anäs­the­sist: DIEHL, AiP, steht da. In Groß­buch­sta­ben. Gut les­bar. Udo S. wird mich bis auf zum Ende mei­ner acht­zehn Monate in sei­ner Abtei­lung mit Herr Thiel anspre­chen. Und das, obwohl er mich selbst ein­ge­stellt hat. So wie er ein neues Mus­kel­re­la­xanz – Tra­crium – uner­bitt­lich und unbe­lehr­bar Tra­zi­tum nen­nen wird. Er ist der Chef.

Auch er weist mich auf die Wich­tig­keit des Nar­ko­se­pro­to­kolls hin und ins­be­son­dere des­sen Les­bar­keit. Wenn man fünf Mil­li­gramm Dor­mi­cum um 8:15 Uhr intra­ve­nös ver­ab­reicht hat, sol­len auch Gut­ach­ter und Rich­ter klar erken­nen kön­nen, daß man fünf Mil­li­gramm Dor­mi­cum um 8:15 Uhr intra­ve­nös ver­ab­reicht hat. Gut­ach­ter und Rich­ter? Nun ja, manch­mal ginge in der Anäs­the­sie ja auch mal was schief. So wie über­all in der Medi­zin. Und Pati­en­ten wür­den kla­gen. Oder Ange­hö­rige. Manch­mal zu Recht. In der Anäs­the­sie wären alle­rings meist die Chir­ur­gen schuld, wenn Pati­en­ten Scha­den näh­men. Manch­mal würde der Anäs­the­sist sei­ner­seits nicht aus­rei­chend oder falsch auf die Feh­ler oder Kom­pli­ka­tio­nen des Chri­ur­gen reagie­ren. Das wäre immer­hin unsere Auf­gabe. Das Wohl­erge­hen des Pati­en­ten trotz sei­ner Vor­ker­kran­kun­gen sicher­zu­stel­len. Dor­mi­d­an­des bro­dego, sagt der Chef. Er meint eigent­lich: Dor­mit­an­tes pro­tego – ich schütze die Schla­fen­den. Geht auf Hes­sisch nicht so gut. Wir pas­sen auf die Kran­ken auf, sagt er. Brin­gen sie lebend und am bes­ten wohl­be­hal­ten durch ihren Ein­griff und die Tage danach. Trotz ihrer viel­leicht schwer­wie­gen­den Ope­ra­tion. Und trotz ihrer Chirurgen.

Da muß ich aber mal Ein­spruch erhe­ben, Herr S.! Der Ein­spruch kommt von jen­seits des grü­nen Tuchs. Der Ober­arzt der Chir­ur­gen hat auf­merk­sam gelauscht. Und nimmt die Pro­vo­ka­tion von Udo S. auf. Wenn Sie den Leu­ten Zähne raus­bre­chen, weil Sie nicht intu­bie­ren kön­nen, oder wenn sie Ihnen tot­ge­hen, weil Sie mal wie­der zuviel oder zuwe­nig von irgend­was sprit­zen, kön­nen wir nichts dafür!

Sie kön­nen aber was dafür, wenn wir den Leu­ten wegen einer Ope­ra­tion der Krampf­adern drei Tüten Blut geben müs­sen und die dann an AIDS ver­re­cken. Oder Ihnen die Bau­cha­orta drei Tage spä­ter hoch­geht, weil sie an den Näh­ten gepfuscht haben.

Ist alles gut soweit, Herr Wolters?

Wiebitte?

Herr Wol­ters hat satt Dor­mi­cum gehabt. Selbst wenn er was hört, wird er sich an nichts erin­nern. Ante­ro­grade Amne­sie. Gaby weiß schon, warum sie immer soviel Dor­mi­cum spritzt. Dor­mi­cum ist ein Wundermittel.

Das ist das Schöne in der Anäs­the­sie. Wir haben eine ganze Reihe von Wun­der­mit­teln. Wun­der­mit­tel, die sofort wir­ken. Und immense Wir­kun­gen ent­fal­ten. Sofort und immens. Nicht so wie in der inne­ren Medi­zin, wo man immer erst nach ein paar Tagen beur­tei­len kann, ob ein Medi­ka­ment unge­fähr die Wir­kung hat, die man sich davon verspricht.

Und wir kön­nen sit­zen dabei. Zei­tung lesen. Kreuz­wort­rät­sel lösen. Tetris spie­len.

Am frü­hen Nach­mit­tag kommt der Chef noch­mal vor­bei. Ich sitze inzwi­schen an einer Voll­nar­kose. Frau Schnei­der. Auch Krampf­adern. Kreuze und Stri­che. Der Chef blo­ckiert meine inter­es­sier­ten Fra­gen zu den unter­schied­li­chen Inha­la­ti­ons­an­äs­the­tia schnell mit sei­nem ver­mut­lich ein­zi­gen Lehr­satz: Jedem Pri­ma­ten kann man Anäs­the­sie bei­brin­gen. Anäs­the­sie ist eigent­lich was für Son­der­schü­ler. Kann auch seine Ver­sion von dis­kre­ten Vor­be­hal­ten gegen die Aus­län­der sein, mit denen er leben muß. Ein Türke, des­sen Sätze nun gar nicht mehr funk­tio­nie­ren, wenn er sich ärgern muß. Ein schwu­ler Ita­lie­ner, der in jedem zwei­ten Satz die ver­mut­lich feh­lende Vor­haut des Ober­arz­tes erwähnt. Eine küs­sende Polin. Neu­lich war er übers Wochen­ende in Tsche­chien. Für fünf Mark kannst du da alles haben, sagt er. Udo S. macht kei­nen Unter­schied zwi­schen Polin­nen in sei­ner Abtei­lung und Tsche­chin­nen am Stra­ßen­rand. Für das, was er für fünf Mark krie­gen kann, braucht es keine Spra­che. Im katho­li­schen Hos­pi­tal am süd­öst­li­chen Rand des Ruhr­ge­biets ist Udo S. der Chef. Und damit per defi­ni­tio­nem eine Art Her­ren­mensch. Ein Pri­mat der bes­se­ren Sorte. Sogar als Homo sapi­ens bes­ser. Ver­dient ver­mut­lich das Zwan­zig­fa­che mei­nes Anfän­ger­ge­halts. Und das muß ja auch einen Grund haben. Wer Chef ist, ist Chef, weil er gut ist. Und wer gut ist, ver­dient auch gut. Ver­mut­lich stehe ich in sei­nem Welt­bild in einer Reihe mit Goril­las, Schim­pan­sen und Orang-Utans. Und wahr­schein­lich kann er sich auch Paviane und Lemu­ren als Nar­ko­se­geis­ter vor­stel­len. Grün­zeug an, Haube, Maske. Auf die Spra­che kommt es in der Anäs­the­sie ohne­hin nicht so an. Eine basale Fin­ger­fer­tig­keit viel­leicht für das Han­tie­ren mit aller­lei Nadeln und Kraft in den Armen für das Han­tie­ren mit ent­schlos­se­nem Nach­druck. Ansons­ten Genüg­sam­keit. Eine Banane zu Mit­tag. Kein Wider­spruch. Wer für fünf Mark alles gibt, wider­spricht auch nicht. Genüg­sam­keit und eine gewisse intel­lek­tu­elle, naja, Zurück­hal­tung sind ange­bracht. Udo S. und sein tür­ki­scher Ober­arzt lie­ben keine Wider­worte. Man sollte sich nicht allzu reflek­tiert prä­sen­tie­ren in sei­nem Tun und Reden als Narkoseprimat.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Eigentlich

Eigent­lich wollte ich nur mei­nen Sohn von der Schule nach Hause bringen.

In Saal 1 habe ich eine Hüfte, gerade ange­fan­gen, sagte ich mei­nem Kol­le­gen aus Tune­sien, Saal 2 expe­ri­men­telle Chir­ur­gie mit Ioana unter Lokal­an­äs­the­sie, fast fer­tig. Ich küm­mere mich eben noch um die post­ope­ra­ti­ven Anord­nun­gen und ver­schwinde dann. Um halb eins bin ich wie­der da. Die Arbeits­be­las­tung in einer medi­ter­ra­nen Struk­tur des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens erlaubt sowas. Oft. Ich werde mei­nen Sohn von der Schule nach Hause brin­gen. Er ist fast elf. Er könnte eigent­lich auch den Bus nehmen.

Über Tou­lon wun­der­bare Blitze aus schwar­zen Wol­ken. Hof­fent­lich wird mein Sohn nicht nass! Wenig spä­ter ist der Faron ver­schlei­ert. Dann ein paar große Trop­fen auf der Wind­schutz­scheibe. Die Idio­ten vor mir brem­sen. Ich schi­cke mei­nem Sohn eine sms. Mets-toi à l'abri. J'arrive. – Bring' dich in Sicher­heit. Ich bin gleich da. Auf Höhe des Kran­ken­hau­ses ist der Regen so dicht, daß man auch als regen­erfah­re­ner Mit­tel­eu­ro­päer tat­säch­lich nur noch Schritt­ge­schwin­dig­keit fah­ren kann. Kurz vor mei­ner Aus­fahrt ist das Was­ser knö­chel­tief. In theo­re­ti­scher Sicht­weite der Ampel Still­stand. Ringsum nur Was­ser. Tau­ben­ei­große Hagel­kör­ner. Das Was­ser inner­halb von Minu­ten knie­tief. Reicht für nasse Füße im Auto. Minu­ten spä­ter ist der Regen zu Ende. Die Ampel schal­tet auf Grün. Beim Anfah­ren ertrinkt der Motor. Und geht nicht mehr an. 12:15 Uhr. Ich rufe mei­nen Kol­le­gen an und erkläre ihm, daß es wohl einen Moment län­ger dau­ern wird. In der Grö­ßen­ord­nung einer guten hal­ben Stunde. Ich bin noch vol­ler Zuver­sicht. Ich bin ja ver­si­chert. Ich rufe die Assi­s­tance der Ver­si­che­rung an, denke ich, lasse mich abschlep­pen, den Sohn und mich mit dem Taxi nach Hause fah­ren, nehme das andere Auto und gut ist. Die Dame von der Assi­s­tance ver­spricht mir den Abschlep­per für in einer hal­ben Stunde. Dans une demi heure, grand maxi­mum. Halbe Stunde, aller­höchs­tens. Scheiße, denke ich, das ist nicht so gut. Wenn in die­sen Brei­ten jemand von einem grand maxi­mum spricht, ent­spricht das meist nur sehr zufäl­lig der Rea­li­tät. Plan B. Mein Sohn soll sich in der Schule was zu essen beschaf­fen und im Lese­saal war­ten. Kein Abschlep­per bis drei. Das wird sogar knapp mit dem Abho­len zum Schul­schluß. War­ten dabei unter strah­len­der Sonne. Das ganze Was­ser ist ver­schwun­den, alles ist tro­cken. Als wäre nichts gewe­sen. Sogar die Bett­ler ste­hen wie­der an der Ampel. Une pièce pour vivre. – Eine Münze zum Leben.

Meine Kin­der erin­nern sich daran als le vend­redi de l'apo­ca­lypse. Ist für sie, in kind­li­cher Welt­sicht, ein Begriff wie der 11. Sep­tem­ber für Grö­ßere. Sie kön­nen sich an jede Ein­zel­heit erin­nern. Der Frei­tag der Apo­ka­lypse war am 19. Sep­tem­ber 2014. Die Apo­ka­lypse ent­lud sich über Tou­lon und dau­erte keine Vier­tel­stunde. Acht Zen­ti­me­ter Regen und Hagel in gut zehn Minu­ten. Die Kin­der wur­den auf dem Weg in die Mit­tags­pause über­rascht, fan­den Zuflucht in der Kan­tine. Die ihrer­seits auch knö­chel­tief unter Was­ser geriet. Apo­ka­lyp­ti­sche Zustände.

Der Mecha­ni­ker hatte zwei Tage zu bas­teln an mei­nem alten Bus. Drei Ölwech­sel wären nötig gewe­sen, sagte er. Dann fuhr er wie­der. Mit ande­ren, neuen Neben­ge­räu­schen aus dem Motor­raum aller­dings. Schlei­fen­den Neben­ge­räu­schen. Drei Monate spä­ter war end­gül­tig Schluß. Von vorne rechts ganz unver­mit­telt eine Geräusch­ku­lisse, als hätte ich das Fahr­rad eines umge­fah­re­nen Rad­fah­rers unter dem Auto. Diens­tag Abend Anfang Februar. Die Dame von der Assi­s­tance ver­sprach mir fünf­zehn Minu­ten. Ohne "aller­höchs­tens". Der Fah­rer des Abschlepp­wa­gens streute Sand auf die Ölspur und notierte "bièle" als Ursa­che der Panne. Pleu­el­stange. Ortho­gra­phisch kor­rekt wäre "bielle" gewe­sen. Egal. Über acht­zig Pro­zent der Bevöl­ke­rung die­ses Lan­des haben ein eher leg­asthe­ni­sches Ver­hält­nis zur Recht­schrei­bung ihrer Spra­che. Aber das ist ein ande­res Thema. Bièle für Pleu­el­stange ist auch schon ganz gut. Frü­her, in eher lai­en­haf­tem Ver­ständ­nis auto­mo­bi­ler Mecha­nik war mir ohne­hin der Bruch der Kur­bel­welle die gän­gige Ursa­che des ter­mi­na­len Motor­scha­dens. Der ein­hei­mi­sche Begriff vileb­re­quin für Kur­bel­welle, ist dem Durch­schnitts­fran­zo­sen zu kom­pli­ziert. Kennt kaum einer. Bielle hat auch was mit dem Motor zu tun. Das reicht. Wie auch immer, Motor kaputt.

Hoch­som­mer, Sonn­tag. Ande­res Auto, ein Citroën von 2001. Unter­wegs in die Süd-Alpen. Die Toch­ter abset­zen für eine Woche Rei­ter­fe­rien. Hin­fah­ren, Abset­zen, zurück. Eine Aktion von gut drei Stun­den. Eigentlich.

Sieb­zig Kilo­me­ter vor dem Ziel, auf der Auto­bahn noch, ver­liert das Auto rasant an Schub­kraft. Schwarze Wol­ken im Rück­spie­gel, die Toch­ter sagt, das riecht nicht gut. Brand­ge­ruch. Der Wagen kommt mit einem letz­ten Auf­heu­len des Motors zum Ste­hen. Kilo­me­ter 124,5 hin­ter Aix en Pro­vence Rich­tung Gap. Im Tal rechts rauscht die Durance. Die Assi­s­tance ver­weist mich an die Auto­bahn-Gen­dar­me­rie, tele­fo­nisch die 17. Ich solle mich wie­der mel­den, wenn wir abge­schleppt wären. Der Herr von der Auto­bahn-Gen­dar­me­rie ver­bin­det mich mit der Auto­bahn­meis­te­rei. Dort ver­spricht man mir den Abschlep­per in einer hal­ben Stunde. Aller­höchs­tens. Wir war­ten fast eine Stunde unter glü­hen­der Sonne jen­seits der Leit­plan­ken. Allerhöchstens.

Der Abschlep­per notiert "turbo" in sei­nem Ein­satz­be­richt. Das ist fast so schlimm wie bielle oder "cour­roie de dis­tri­bu­tion", Ven­til­steue­rung. Schlim­mer jeden­falls als Zylin­der­kopf­dich­tung (joint de culasse). Ver­mut­lich das Ende die­ses Fahr­zeugs. Wirt­schaft­li­cher Totalschaden.

Die Assi­s­tance ver­spricht mir anschlie­ßend ein Taxi. Wie­der ein Satz mit aller­höchs­tens. Zudem ist die finan­zi­elle Betei­li­gung daran mini­ma­lis­tisch. Eher als nette Geste zu wer­ten. Am Ende wer­den wir fast acht Stun­den an und auf der Straße gewe­sen sein. Statt eigent­lich gut drei Stun­den. Eigentlich.

Zwei Wochen spä­ter. Immer noch Hoch­som­mer. sms an meine Frau:

Kauf’ Dir noch ein paar Kof­fer, wenn Du brauchst. Ich habe das neue Auto dazu. Das Auto für ein paar Kof­fer mehr. Einen Renault. Diese 800-Euro-Fiats aus der Zei­tung kann man nicht kau­fen. Das sind Rui­nen. Trotz neuer Ben­zin­pum­pen oder was auch immer neu. Trotz irgend­was neu. Trotz mut­maß­lich irgend­was neu. Autos aus dem letz­ten Jahr­tau­send eben. Zwi­schen 170.000 und 280.000 Kilo­me­tern. Öl unten am Motor. Man kann sich den Blick unter die Motor­haube spa­ren. Sogar ich kann mir vor­stel­len, wie das da aus­sieht. Ölig ver­mut­lich. Gam­me­lige Schläu­che, umwi­ckelt mit gam­me­li­gem Kle­be­band. Autos unter tau­send Euro brin­gen die Garan­tie auf viel Spaß mit kopf­schüt­teln­den Mecha­ni­kern direkt mit. Und das wahr­schein­lich auch für die drei Monate, die man es eigent­lich schon wirk­lich bräuchte, das Auto. Auch zum Fah­ren. Das Kopf­schüt­teln der Mecha­ni­ker dazu wäre immer­hin auf der Basis einer Tech­no­lo­gie gewe­sen, die noch ohne Dia­gnos­tik-Kof­fer aus­kom­men kann. Alleine der Kof­fer kos­tet jedes­mal sech­zig Euro. Das wäre dann, ange­sichts des kopf­schüt­tel­den Mecha­ni­kers aller­dings kein wirk­li­cher Trost. Ich habe mich heute mor­gen für ein Auto ent­schie­den, wel­ches mir den Mecha­ni­ker für die nächs­ten drei Monate erspa­ren sollte. Die­sel, vier Türen, unter 200.000 Kilo­me­ter. Kli­ma­an­lage, CD-Player. Na ja, Renault. Man kann nicht alles haben. Knapp über zwei­tau­send Euro. Autos unter zwei­tau­send Euro sind meist schon an die 300.000 Kilo­me­ter gefah­ren. Ist eine mei­ner Erkennt­nisse aus zwei Wochen Markt­be­ob­ach­tung. Ges­tern wollte mir eine unse­rer Heb­am­men, Clau­dia, ihren alten Ford ver­kau­fen. 293.000 Kilo­me­ter. Quasi ers­ter Hand, sagt sie, ihre Eltern nur und sie selbst, fast nur Kurz­stre­cke. Dann fiel ihr ein, daß die Kurz­stre­cke kein glück­li­ches Ver­kaufs­ar­gu­ment ist und führte noch ein paar Fahr­ten in elsäs­si­sche Pro­vinz an. Und, natür­lich, beim Auto wäre das schon der Zeit­punkt für vor­aus­sicht­lich höher­fre­quen­ten Werk­statt­be­such. Sie wollte 2.500 dafür. Ziem­lich blond. Oder unver­schämt. Die Imma­tri­cu­la­tion kommt ja dann noch dazu. Die Carte grise, der Fahr­zeug­schein, macht wei­tere 250 Euro. Mein neues Auto kos­tet 2.400 Euro. Carte grise ein­schließ­lich. Drei Monate Händ­ler­ga­ran­tie immer­hin. Mor­gen kann ich das Auto abholen.

Vier Tage spä­ter. Mon­tag. Meine Fami­lie wird um 12:30 Uhr mit German­wings in Nizza lan­den. Nizza ist ein­ein­halb Stun­den von uns ent­fernt. Mein Renault fährt sich sehr ange­nehm. Klima, Musik, Tem­po­mat. Alles funk­tio­niert. Etwa zwan­zig Minu­ten lang. Dann ver­liert das Auto rasant an Schub­kraft. Wol­ken im Rück­spie­gel, Brand­ge­ruch. Kenn' ich schon. Wahr­schein­lich "turbo". Der Rauch im Rück­spie­gel ist dies­mal aller­dings nicht schwarz, son­dern weiß. Aber sehr viel davon. Ich werde mei­ner Frau mit ihren neuen Kof­fern ver­mut­lich nicht hel­fen kön­nen. Stand­spur, Signal­weste, Assi­s­tance, 17, Abschlep­per. Wie gesagt, kenn' ich schon! Mit immer wie­der aller­höchs­tens. Die Auto­bahn­meis­te­rei muß ver­mut­lich "halbe Stunde, aller­höchs­tens" sagen, weil das die Vor­gabe ist: Ein Hin­der­nis auf der Auto­bahn muß inner­halb einer hal­ben Stunde abge­räumt sein. Manch­mal schaf­fen sie das wohl auch.

Nach einer ers­ten Krise tie­fer Ver­zweif­lung und unge­hör­tem lau­tem Flu­chen nehme ich mir vor, mich rou­ti­niert in mein Schick­sal zu erge­ben. Der Abschlep­per notiert "turbo". Okay. Die Assi­s­tance will mir einen Leih­wa­gen für eine Woche zur Ver­fü­gung stel­len. Danke. Der Leih­wa­gen steht in Le Luc. Das ist viel­leicht einen Kilo­me­ter vom Hof des Abschlep­pers ent­fernt. Okay. Das Taxi zum Auto­ver­lei­her kommt in einer hal­ben Stunde. Grand maxi­mum. Nein! Nicht schon wie­der das grand maxi­mum! Und, lei­der, ergänzt die Dame von der Assi­s­tance, müßte ich noch etwa sech­zig Euro zuzah­len. Denn sie könnte maxi­mal fünf­zig über­neh­men. 110 Euro für maxi­mal zwei Kilo­me­ter? Kommt das Taxi denn extra aus Nizza oder Mar­seille? Das täte ihr leid, sagt sie, aber sie müsse den Vor­ga­ben des Sys­tems fol­gen. Ob ich damit ein­ver­stan­den wäre? Eine halbe Stunde spä­ter mel­det sie sich noch­mal an. Sys­tem­feh­ler. Das Taxi sei unterwegs.

Zu die­sem Zeit­punkt aber bin ich schon unter­wegs zum Auto­ver­lei­her. Zu Fuß. Stau­bige Land­straße unter sen­gen­den 36 Grad im Schat­ten. In Bade­lat­schen. Ich wollte ja nur meine Fami­lie eben mal in Nizza vom Flug­ha­fen holen.

Eigent­lich.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


8. Sep­tem­ber

Ähn­lich abge­druckt in der August-Aus­gabe der Riviera Zei­tung. Gekürzt natür­lich. Dies­mal ziemlich.