Ignoranz

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Ob ich schon wüßte, daß da, wo frü­her die Citroën-Werk­statt war, in der Nähe des Bahn­hofs, daß da jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, natür­lich nicht in den Räum­lich­kei­ten der Garage selbst, son­dern so ein biß­chen ver­steckt dahin­ter wohl, sie wüßte ja nicht, was auf dem Gelände sonst noch so alles wäre. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüs­tern fast, als ob sie mir ein Geheim­nis anver­trauen würde, obwohl da nie­mand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf mei­ner Ter­rasse. Als ob eine Moschee eine kon­spi­ra­tive Ein­rich­tung wäre.

Isa­belle und Fran­cis haben ein paar Bie­nen­stö­cke bei uns auf­ge­stellt. Seit Jah­ren. Sie leben davon, haben acht­zig Bie­nen­stö­cke über das ganze Dépar­te­ment ver­teilt, bis in die Alpen, wahr­schein­lich ein müh­sa­mes Tun. Zum Sai­son­ende brin­gen sie ein Sor­ti­ment aus ihrer Pro­duk­tion, "mei­nen" Anteil als Gegen­leis­tung für die Über­las­sung der Stand­plätze für die Bie­nen­stö­cke. Zehn Sor­ten haben sie inzwi­schen. Unter ande­rem Laven­del­ho­nig, den ich selbst ein biß­chen zu süß finde, Miel des Alpes, Alpen­ho­nig, Sal­bei- und Wie­sen­ho­nig. Miel de Pro­vence natür­lich auch. Das kau­fen die Tou­ris­ten so gerne. Auf meine Ver­mitt­lung konn­ten sie im Früh­som­mer ein paar Stö­cke im Kas­ta­ni­en­wald um Col­lo­briè­res, einer loka­len Hoch­burg der Ess­kas­ta­ni­en­in­dus­trie, platzieren.

Sie hätte bis­lang nicht gewußt, daß es, sogar bei uns auf dem Dorf, zuge­ge­ben, ein gro­ßes Dorf, schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letz­ten Frei­tag zufäl­lig an der ehe­ma­li­gen Citroën-Werk­statt vor­bei­ge­kom­men wäre. Das muß nach dem Gebet gewe­sen sein, der ganze Hof der Garage voll, bis auf den Bür­ger­steig, voll mit die­sen Män­nern, bär­tig, im Nacht­hemd, ja, sie sagte Nacht­hemd, che­mise de nuit, in grö­ße­ren und klei­ne­ren Grup­pen. Rich­tig erschro­cken wäre sie ange­sichts so vie­ler Män­ner, die da in aller Öffent­lich­keit ihrem Glau­ben folg­ten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekom­men. Der Gatte dazu, Fran­cis, sonst ein Mus­ter an Elo­quenz in fach­kun­di­ger Aus­kunft zur Imke­rei, hörte nur zu und war­tete ab. Isa­belle, ver­suchte ich sie zu unter­be­chen, ist doch nichts ein­zu­wen­den, wenn…, gar nicht so ein­fach, zu Wort zu kom­men, Isa­belle hatte sich in Fahrt gere­det. Weil man sie, die Män­ner in ihren Nacht­hem­den, den Kopf­be­de­ckun­gen und den Bär­ten über­haupt nicht ver­ste­hen würde, wer weiß schon, was die da reden, wer weiß schon, was denen am Frei­tag erzählt wird. Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Aber diese Regie­rung unter die­sem Prä­si­den­ten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur füh­ren mit Frank­reich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürf­ten. – Isa­belle, neuer Ver­such in einer ihrer knap­pen Atem­pau­sen, Got­tes­dienst in aller Öffent­lich­keit ist doch in Ord­nung, das ist also von der Gemeinde abge­seg­net. Das wird schon seine Rich­tig­keit haben, wenn sogar Mon­sieur le Maire (poli­tisch dem Gedan­ken­gut der Le-Pen-Dynas­tie nicht abge­neigt) das nicht ver­hin­dert hat… – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eis­bergs. Woher will man denn wis­sen, was es da noch alles gibt außer Moscheen. Und wer weiß schon, was die da reden, wer weiß schon, was denen am Frei­tag erzählt wird. 

Miel de châ­tai­gnier, Kas­ta­ni­en­blü­ten­ho­nig, ist mein ein­deu­ti­ger Favo­rit, kräf­ti­ges Blü­ten­aroma, durch den rela­tiv gerin­gen Glu­ko­se­an­teil eher herb, leicht bit­ter. Erin­nert geschmack­lich an Hus­ten­saft, sagen Igno­ran­ten. Kas­ta­ni­en­ho­nig mit aus­ge­präg­tem Aroma ist schwer zu fin­den. Ist wun­der­bar im Tee, in hei­ßer Zitrone, auf fri­schem Baguette mit But­ter. Meine Frau macht Salat­so­ßen damit. Lässt sich aber auch ein­fach so löf­feln wie Nutella. Fran­cis' und Isa­bel­les Ernte Kas­ta­ni­en­blü­ten­ho­nig fiel wider Erwar­ten üppig aus. Fand gro­ßen Anklang auf den umlie­gen­den Märk­ten. Mit viel Mühe konnte ich mir zwei Kar­tons à zwölf 500-Gramm-Glä­sern reser­vie­ren. Das muß rei­chen bis nächs­tes Jahr. Freund­schafts­preis. Ein Kaf­fee viel­leicht? Non, merci, kei­nen Kaf­fee, wir haben gleich noch ein Ren­dez­vous. Ein Glas Was­ser vielleicht. 

Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Das wer­den ja von ganz alleine immer mehr. Und jetzt auch noch diese Flücht­linge, man weiß ja gar nicht, wo die genau her­kom­men und wer da so kommt. Und ob die wirk­lich alle in Gefahr wären, wagte sie zu bezwei­feln, die meis­ten woll­ten wohl doch nur vom fran­zö­si­schen Sozi­al­sys­tem pro­fi­tie­ren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kin­dern kämen. Kom­men zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür brin­gen sie uns auch noch um. Fran­cis, der Imker, ver­suchte nun auch, den Rede­schwall sei­ner Frau zu unter­bre­chen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frank­reich ging es so schlecht, daß wir nicht zurecht­kom­men könn­ten mit den paar Flücht­lin­gen. In Deutsch­land, Fran­cis spielt mir gegen­über gerne auf Deutsch­land an, mit Angela Mer­köhl, wür­den sie ja mit weit­aus mehr Flücht­lin­gen zurecht­kom­men. Und außer­dem müß­ten sie jetzt mal los zu ihrem Ren­de­vous – Jaja, on y va, aber die Deut­schen wür­den schon noch sehen, was sie davon hät­ten. Noch ginge es ihnen, den Deut­schen also, ja viel bes­ser als uns, aber mit die­sen gan­zen Migran­ten würde sich das nicht mehr lange hal­ten. Wer soll denn das bezah­len? Und die wüß­ten ja auch nicht, Angela Mer­köhl und ihre Regie­rung wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land lie­ßen. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die über­haupt unter­ein­an­der reden. Ver­steht ja kei­ner. Natür­lich gäbe es da ver­mut­lich schwarze Schafe, gelang mir ein­zu­wer­fen, und Fran­cis nickte dazu, aber wohl auch nicht mehr als in der nor­ma­len Bevöl­ke­rung. Natür­lich gäbe es da ein Risiko, aber Men­schen in Not müßte man doch hel­fen, es wären ja auch Kin­der dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mit­tel­meer absau­fen las­sen. – Ja, genau, Kin­der, das ist auch so ein Pro­blem, einer kommt, man wüßte gar nicht genau woher und warum und wenn er erst­mal hier ist, kommt die ganze Sipp­schaft nach. Und kei­ner von denen arbei­tet. Alles auf unsere Kos­ten. Die meis­ten wären ohne­hin keine Flücht­linge, die aus Marokko und Alge­rien wären ja nicht im Krieg, die wol­len es nur ein­fach bes­ser haben. – Genau, Isa­belle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur ein­fach bes­ser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Und des Miel de châ­tai­gnier wegen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Für Aila, Novem­ber-Aus­gabe des Riviera-Maga­zins, gekürzt auf 4.580 Zeichen:

Ob ich schon wüßte, daß in der Nähe des Bahn­hofs jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, wohl irgendwo auf dem Gelände der ehe­ma­li­gen Citroën-Werk­statt. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüs­tern fast, als ob sie mir ein Geheim­nis anver­trauen würde, obwohl da nie­mand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf mei­ner Ter­rasse. Als ob eine Moschee eine kon­spi­ra­tive Ein­rich­tung wäre.

Isa­belle und Fran­cis haben ein paar Bie­nen­stö­cke bei uns auf­ge­stellt. Seit Jah­ren. Zum Sai­son­ende brin­gen sie ein Sor­ti­ment aus ihrer Pro­duk­tion, als Gegen­leis­tung für die Stand­plätze. Zehn Sor­ten haben sie inzwi­schen. Natür­lich auch Miel de Pro­vence. Das kau­fen die Tou­ris­ten so gerne. Auf meine Ver­mitt­lung konn­ten sie im Früh­som­mer ein paar Stö­cke bei Col­lo­briè­res plat­zie­ren, einer loka­len Hoch­burg der Maro­nenindus­trie.

Sie hätte bis­lang nicht gewußt, daß es sogar bei uns schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letz­ten Frei­tag zufäl­lig da vor­bei­ge­kom­men. Das muß nach dem Gebet gewe­sen sein, der ganze Hof der Werk­statt voll, bis auf den Bür­ger­steig, voll mit die­sen Män­nern, bär­tig, im Nacht­hemd, ja, sie sagte Nacht­hemd, che­mise de nuit, in Grup­pen. Rich­tig erschro­cken wäre sie ange­sichts so vie­ler Män­ner, die da in aller Öffent­lich­keit ihrem Glau­ben folg­ten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekom­men. Der Gatte dazu, Fran­cis, sonst ein Mus­ter an Elo­quenz in fach­kun­di­ger Aus­kunft zur Imke­rei, hörte schwei­gend zu. Isa­belle, ver­suchte ich sie zu unter­be­chen, ist doch nichts ein­zu­wen­den, wenn…, ver­geb­lich, Isa­belle hatte sich in Fahrt gere­det. Weil man die Män­ner in Nacht­hem­den, mit Kopf­be­de­ckun­gen und Bär­ten über­haupt nicht ver­stünde, wer weiß schon, was die da reden und was denen am Frei­tag erzählt wird. Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Aber diese Regie­rung unter die­sem Prä­si­den­ten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur füh­ren mit Frank­reich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürf­ten! – Isa­belle, neuer Ver­such mei­ner­seits, das ist doch wohl von der Gemeinde abge­seg­net. Das wird schon seine Rich­tig­keit haben, wenn sogar Mon­sieur le Maire (poli­tisch dem Gedan­ken­gut der Le-Pen-Dynas­tie nahe) das nicht ver­hin­dert hat. – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eisbergs. 

Miel de châ­tai­gnier, Kas­ta­ni­en­blü­ten­ho­nig, ist mein ein­deu­ti­ger Favo­rit, kräf­ti­ges Blü­ten­aroma, durch den rela­tiv gerin­gen Glu­ko­se­an­teil eher herb, leicht bit­ter. Erin­nert geschmack­lich an Hus­ten­saft, sagen Igno­ran­ten. Mit sei­nem aus­ge­präg­tem Aroma ist Kas­ta­nienblü­tenhonig wun­der­bar im Tee, in hei­ßer Zitrone, auf fri­schem Baguette mit But­ter. Meine Frau macht Salat­so­ßen damit. Lässt sich aber auch ein­fach so löf­feln wie Nutella.

Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Und jetzt auch noch diese Flücht­linge, man weiß ja gar nicht genau, wo die her­kom­men und wer das ist. Und ob die wirk­lich alle in Gefahr wären, bliebe zu bezwei­feln, die meis­ten woll­ten wohl doch nur vom fran­zö­si­schen Sozi­al­sys­tem pro­fi­tie­ren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kin­dern kämen. Kom­men zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür brin­gen sie uns auch noch um. Fran­cis, der Imker, ver­suchte nun auch, den Rede­schwall sei­ner Frau zu unter­bre­chen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frank­reich ginge es so schlecht, daß man nicht zurecht­käme mit den paar Flücht­lin­gen. In Deutsch­land, Fran­cis spielt mir gegen­über gerne auf Deutsch­land an, wür­den sie ja mit weit­aus mehr zurecht­kom­men. Jaja, die wür­den schon noch sehen, was sie davon hät­ten. Noch ginge es denen ja viel bes­ser als uns, aber das würde sich wohl nicht mehr lange hal­ten. Wer soll denn das bezah­len? Angela Mer­köhl wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließe. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die über­haupt unter­ein­an­der reden. Ver­steht ja kei­ner. Natür­lich gäbe es da ver­mut­lich schwarze Schafe, gelang mir ein­zu­wer­fen, und Fran­cis nickte dazu, und natür­lich gäbe es da ein Risiko, aber Men­schen in Not müßte man doch hel­fen, es wären ja auch Kin­der dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mit­tel­meer absau­fen las­sen. – Ja, genau, Kin­der, das ist auch so ein Pro­blem, einer kommt und wenn er erst­mal hier ist, kommt die ganze Sipp­schaft nach. Und kei­ner von denen arbei­tet. Alles auf unsere Kos­ten. Die meis­ten wären ohne­hin keine Flücht­linge, viele wären ja nicht im Krieg, die wol­len es nur ein­fach bes­ser haben. – Genau, Isa­belle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur ein­fach bes­ser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Und des Miel de châ­tai­gnier wegen.

Und noch wei­ter gekürzt. Ohne Honig. 3.690 Zei­chen. Fände ich schade.

Ob ich schon wüßte, daß in der Nähe des Bahn­hofs jetzt irgendwo eine Moschee sein müßte, wohl irgendwo auf dem Gelände der ehe­ma­li­gen Citroën-Werk­statt. Sie senkt die Stimme, zu einem Flüs­tern fast, als ob sie mir ein Geheim­nis anver­trauen würde, obwohl da nie­mand ist außer ihr, ihrem Mann und mir, auf mei­ner Ter­rasse. Als ob eine Moschee eine kon­spi­ra­tive Ein­rich­tung wäre.

Sie hätte bis­lang nicht gewußt, daß es sogar bei uns schon Moscheen gäbe, wäre sie nicht letz­ten Frei­tag zufäl­lig da vor­bei­ge­kom­men. Das muß nach dem Gebet gewe­sen sein, der ganze Hof der Werk­statt voll, bis auf den Bür­ger­steig, voll mit die­sen Män­nern, bär­tig, im Nacht­hemd, ja, sie sagte Nacht­hemd, che­mise de nuit, in Grup­pen. Rich­tig erschro­cken wäre sie ange­sichts so vie­ler Män­ner, die da in aller Öffent­lich­keit ihrem Glau­ben folg­ten, und das bei uns im Dorf! Soweit ist es schon gekom­men. Der Gatte dazu, Fran­cis, sonst ein Mus­ter an Elo­quenz in fach­kun­di­ger Aus­kunft zur Imke­rei, hörte schwei­gend zu. Isa­belle, ver­suchte ich sie zu unter­be­chen, ist doch nichts ein­zu­wen­den, wenn…, ver­geb­lich, Isa­belle hatte sich in Fahrt gere­det. Weil man die Män­ner in Nacht­hem­den, mit Kopf­be­de­ckun­gen und Bär­ten über­haupt nicht ver­stünde, wer weiß schon, was die da reden und was denen am Frei­tag erzählt wird. Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Aber diese Regie­rung unter die­sem Prä­si­den­ten wäre ja viel zu schwach, wohin soll das nur füh­ren mit Frank­reich, wenn die jetzt schon Moscheen haben dürf­ten! – Isa­belle, neuer Ver­such mei­ner­seits, das ist doch wohl von der Gemeinde abge­seg­net. Das wird schon seine Rich­tig­keit haben, wenn sogar Mon­sieur le Maire (poli­tisch dem Gedan­ken­gut der Le-Pen-Dynas­tie nahe) das nicht ver­hin­dert hat. – Jaja, aber das wäre ja sicher nur die Spitze des Eisbergs. 

Man müßte das kon­trol­lie­ren, über­wa­chen, sonst könnte alles ja noch viel schlim­mer kom­men. Und jetzt auch noch diese Flücht­linge, man weiß ja gar nicht genau, wo die her­kom­men und wer das ist. Und ob die wirk­lich alle in Gefahr wären, bliebe zu bezwei­feln, die meis­ten woll­ten wohl doch nur vom fran­zö­si­schen Sozi­al­sys­tem pro­fi­tie­ren, wenn die mit vier, sechs oder mehr Kin­dern kämen. Kom­men zu uns, essen unser Brot. Und zum Dank dafür brin­gen sie uns auch noch um. Fran­cis, der Imker, ver­suchte nun auch, den Rede­schwall sei­ner Frau zu unter­bre­chen, so schlimm wäre es ja nun auch nicht, nicht mal Frank­reich ginge es so schlecht, daß man nicht zurechtkäme mit den paar Flücht­lin­gen. In Deutsch­land, Fran­cis spielt mir gegen­über gerne auf Deutsch­land an, wür­den sie ja mit weit­aus mehr zurecht­kom­men. Jaja, die wür­den schon noch sehen, was sie davon hät­ten. Noch ginge es denen ja viel bes­ser als uns, aber das würde sich wohl nicht mehr lange hal­ten. Wer soll denn das bezah­len? Angela Mer­köhl wüßte ja auch nicht, wen sie da alles ins Land ließe. Und was denen so erzählt wird in den Moscheen. Und was die über­haupt unter­ein­an­der reden. Ver­steht ja kei­ner. Natür­lich gäbe es da ver­mut­lich schwarze Schafe, gelang mir ein­zu­wer­fen, und Fran­cis nickte dazu, und natür­lich gäbe es da ein Risiko, aber Men­schen in Not müßte man doch hel­fen, es wären ja auch Kin­der dabei. Die könnte man ja nicht alle im Mit­tel­meer absau­fen las­sen. – Ja, genau, Kin­der, das ist auch so ein Pro­blem, einer kommt und wenn er erst­mal hier ist, kommt die ganze Sipp­schaft nach. Und kei­ner von denen arbei­tet. Alles auf unsere Kos­ten. Die meis­ten wären ohne­hin keine Flücht­linge, viele wären ja nicht im Krieg, die wol­len es nur ein­fach bes­ser haben. – Genau, Isa­belle, so wie ich auch, ich wollte es auch nur ein­fach bes­ser haben, ich bin auch nur wegen der Arbeit hier und der Sonne.

Meeresfrüchte

2015-11-01 1009 (Île des Embiez)

Pierre-Marie auf dem Dis­play des Tele­fons! Das ver­hieß nichts Gutes! Wenn Pierre-Marie anruft, ist er wahr­schein­lich sauer. Sonst kom­mu­ni­zie­ren wir mona­te­lang nur per Mail.

Was war das denn?

Was war was?

Da war was und dann war es wie­der weg.

Er hatte es also gemerkt. Ich hatte aus einem Nach­mit­tag auf einer der Îles des Embiez vor Six-Fours-les-Pla­ges einen klei­nen Text mit­ge­bracht und ein Bild. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Zitat mei­nes Schwie­ger­va­ters. Sagt er immer wie­der, wenn er hier ist. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Der Text ges­tern Nach­mit­tag keine zwan­zig Zei­len. Und irgend­wie lang­wei­lig. Ich nahm ihn eine Stunde spä­ter wie­der von der Seite. Jetzt mußte ich mich auf eine Moral­pre­digt von Pierre-Marie ein­stel­len. Pierre-Marie ist mein Lektor.

Hat mir dann doch nicht gefal­len. Zu kurz. Zu langweilig.

Genau. Wenn zu kurz mal alles wäre. Kein Inhalt. Blauer Him­mel, Zika­den, Alko­hol dazu. Pro­vença­li­sche Ste­reo­ty­pen. Dein Schwie­ger­va­ter sagt was. Das reicht doch nicht! Selbst wenn dein Schwie­ger­va­ter der größte Bild­hauer Nord­deutsch­lands ist.

Ich hab's ja gemerkt!

Ein biß­chen spät, finde ich! Vor­her mer­ken wäre schö­ner! Viel­leicht sogar den Lek­tor gegen­le­sen las­sen? Ich hätte dir schon meine Mei­nung dazu gesagt! Das nächste Mal ein­fach nur ein mit­tel­mä­ßi­ges Bild viel­leicht? Oder ein Kat­zen­vi­deo? Mit ein paar Smi­leys dazu?

Pierre-Marie kennt meine Abnei­gung gegen Smi­leys. Abgrund­tief. Um mich zu ärgern, schickt er mir manch­mal Mails mit zei­len­weise Smi­leys. Man­che wackeln. Wei­nen. Zwin­kern. Win­ken. Unglaub­lich komisch. Bes­ser nicht auf die­sen Tief­schlag eingehen.

Das haben viel­leicht zehn, zwan­zig Leute ange­klickt, mehr waren das bestimmt nicht. Du soll­test das nun wirk­lich nicht überbewerten!

Und das Bild! Eine Kata­stro­phe! Algen! Nur Kie­sel. Wenn es schon eine leere Fla­sche im Gegen­licht sein muß, gab's da kei­nen Sand dazu? Und der Hori­zont war wohl auch schon betrunken!

Das merkt doch keiner!

Wenn sogar ich den schie­fen Hori­zont sehe! Du bist wohl immer noch noch unter bil­li­gem Fusel?

Wenn Pierre-Marie erst­mal in Fahrt gekom­men ist, lässt er sich nur sehr schwer wie­der brem­sen. Vor ein paar Mona­ten ist er in einem Café aus­ge­ras­tet. Hat solange rum­ge­schrien, bis uns der Kell­ner auf­for­derte, unsere "Bespre­chung" doch bitte im Außen­be­reich fort­zu­füh­ren. Und das wegen ein paar Satzzeichen!

Ers­tens: Den Hori­zont lasse ich mir von mei­nem Sohn gera­de­rü­cken. Der kann sowas. Zwei­tens war das kein bil­li­ger Fusel. Das war ein Chab­lis. Nicht bil­lig. Eine Fla­sche nur. Und ziem­lich gut. Und drit­tens hatte ich ges­tern Dienst.

Seit wann hält dich Dienst vom Trin­ken ab?

Okay, okay, jetzt lass' mal gut sein! Was soll ich jetzt machen?

Lies' es noch­mal durch und denk' Dir noch ein paar Zei­len aus. Mehr zum Schwie­ger­va­ter, mehr zu der Insel. Irgendwas.

Mein Schwie­ger­va­ter, als er uns noch regel­mä­ßig zum Arbei­ten besuchte, pflegte ebenso regel­mä­ßig zu sagen, mit einem Seuf­zen, auf der Ter­rasse, unter Pal­men, dem Ein­fluß einer klei­nen Fla­sche eines loka­len Rosé und dem Gesang der Zika­den: Kin­der, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt. Das ist natür­lich eine rhe­to­ri­sche Aus­sage. Wir wis­sen ganz genau, wie gut wir es hier haben. Nicht nur auf der Ter­rasse. Unter der Sonne eines 1. Novem­ber noch am Strand zum Bei­spiel. Das Meer fast zwan­zig Grad warm. Mit einem guten Dut­zend selbst vom Fels geern­te­ter See­igel. Fri­scher geht nicht. Mit Baguette und But­ter. Sonst nichts. Außer viel­leicht, ich gebe es zu, ein paar Gläs­chen eines schö­nen Chablis.

Mein Schwie­ger­va­ter geht nicht gerne an den Strand. Er liebt ande­rer­seits Mee­res­früchte. Den Chab­lis sowieso. Mit fri­schem See­igel an Baguette und But­ter, unter dem Ein­fluß von ein paar Gläs­chen eines schö­nen Chab­lis, könnte er vemut­lich nicht umhin, sogar auf klei­nem Kie­sel am Strand, zu seuf­zen: Kin­der, ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es hier habt!

Oder ich lass' den Text mit dem Schwie­ger­va­ter ein­fach so. Das geht.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Hundescheiße

Mein Erst­ge­bo­re­ner mußte in sei­ner Schule in Nîmes einen Vor­trag hal­ten über Deutsch­land. Von mir wollte er per whats­app dazu wis­sen, was die Deut­schen von den Fran­zo­sen hal­ten. Gene­rell gesehen.

Was meint er? Meine per­sön­li­che Mei­nung? Ein­zel­hei­ten zu mei­nem Lieb­lings­thema fran­zö­si­scher Merk­wür­dig­kei­ten? Aus­füh­run­gen zum his­to­ri­schen "Erb­feind" sei­nes Urgroß­va­ters? Zum Frank­reich als Kul­tur­na­tion sei­nes Groß­va­ters väter­li­cher­seits? Daß wir den fran­zö­si­schen Käse so hoch­schät­zen? Den Wein? Bur­gund, Bor­deaux? Foie gras? Das Mit­tel­meer? Frank­reich als Urlaubs­ziel? Was wir von ihren Klap­per­kis­ten hal­ten? Peu­geot, Renault? Von ihren Prä­si­den­ten und deren Affä­ren? Von ihren Frauen, ihrer Sprache?

Schwie­rige Frage, wüßte er, schreibt er selbst. Wen­det sich wohl an mich, weil ich ja der Deut­sche bin in der Fami­lie. Viel­leicht hält er mich sogar für deut­scher als seine Mutter.

Der Deut­sche. Allein das ist schon schwie­rig. Gibt es ja nicht, den Deut­schen. Sowe­nig, wie es den Fan­zo­sen gibt. Viel­leicht, mit Ein­schrän­kun­gen, läßt sich ein Durch­schnitts­deut­scher kon­stru­ie­ren. Ein rein sta­tis­ti­sches Indi­vi­duum aus irgend­wie gemit­tel­ter Mei­nungs­welt. Der resul­tie­rende Durch­schnitts­deut­sche war mal in Paris viel­leicht, an der Côte d'Azur. Bei Paris denkt er an den Eif­fel­turm, Ver­sailles und den Lou­vre. Die Schlan­gen vor den Kas­sen. Der Kaf­fee für acht Euro am Hafen eines ehe­ma­li­gen Fischer­dorfs. Und Hun­de­scheiße auf den Geh­we­gen. An die Fran­zo­sen selbst denkt er ver­mut­lich nicht. Wenn es der Durch­schnitts­deut­sche aufs Gym­na­sium geschafft und ein paar Jahre Fran­zö­sisch gelernt hat, kann er sich an einen Auf­ent­halt als Aus­tausch­schü­ler erin­nern. Viel­leicht. Ich war auf dem Gym­na­sium, sehr durch­schnitt­lich, und hatte ein paar Jahre Fran­zö­sisch, auch sehr durch­schnitt­lich, war aber nicht auf Aus­tausch in Frank­reich. Der Durch­schnitts­deut­sche kann sich an das Chaos im All­tag sei­nes even­tu­el­len Aus­tauschs erin­nern. Den Stau über­all, das Ver­zö­gerte, immer funk­tio­niert irgend­et­was nicht. Oder ist zumin­dest anders. Anders eben als zuhause. Nous som­mes en France. Er erin­nert sich gerne an sei­nen Kuß mit einer Schü­le­rin in der Aus­tausch­klasse. Obwohl da ver­mut­lich nicht mehr war als der Kuß. Nichts, was ihn zum Ken­ner fran­zö­si­scher Frauen machen würde. Und er spricht ein biß­chen Fran­zö­sisch. Mehr als sein Aus­tausch­part­ner Deutsch immer­hin. Eng­lisch spra­chen sie beide gleich schlecht. Erin­nert sich an exzes­si­ves Essen, min­des­tens drei Gänge. Immer. Immer Vor­speise, Haupt­ge­richt, Nach­tisch. Nach dem ein­lei­ten­den Apéro, zu dem auch schon was geknus­pert wird. Kuli­na­ri­sche Exo­tika. Schne­cken, Frosch­schen­kel, foie gras, tau­send Sor­ten Käse. Baguette. Wahr­schein­lich denkt der Deut­sche vor allem ans Essen in Frank­reich. Wenn er vom "Leben wie Gott in Frank­reich" redet, bezieht er sich meist aufs Schlemmen.

Zehn Tage in Le Lavan­dou aller­dings teu­rer als drei Wochen in Anta­lya. Saint Tro­pez unbe­zahl­bar. Acht Euro der Kaf­fee. Und sowas von unfreund­lich die Bedie­nung. Der Rest ist egal. Und das trotz aller bila­te­ra­ler staat­li­chen Bemü­hun­gen um die deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft. arte bleibt mehr oder weni­ger eine Insider-Einrichtung.

Über google hatte ich statt der Mei­nung der Einen über die Ande­ren vor­wie­gend Fak­ten gefun­den, aller­lei ver­glei­chende Sta­tis­tik. In Frank­reich mehr Arbeits­lo­sig­keit als in Deutsch­land, mehr Kin­der pro Frau. 2013 mehr Hunde pro Ein­woh­ner, mehr Restau­rant­be­su­che. Weni­ger Aus­ga­ben für das Auto, mehr Eigen­heime. Weni­ger staat­li­che Inves­ti­tion in Aus­bil­dung und For­schung. So Sachen. Dabei durch­weg signi­fi­kante Unter­schiede. Das war aber nicht die Frage mei­nes Sohns.

Viel später stieß ich auf die Resul­tate einer Stu­die, die von der deut­schen Bot­schaft in Paris in Auf­trag gege­ben wor­den war. Die woll­ten es ganz genau wis­sen. Das Insti­tut français d'opinion publi­que – IFOP – ver­öf­fent­lichte im Januar 2013 schon die Stu­die "Regards croisés sur les rela­ti­ons franco-alle­man­des à l’occasion du 50ème anni­ver­saire du Traité de l’Elysée". Über­setzt von der Bot­schaft selbst: Der Blick auf den Nach­barn – Wie beur­tei­len Deut­sche und Fran­zo­sen 50 Jahre nach der Unter­zeich­nung des Élysée‐Vertrags die Bezie­hung zwi­schen ihren bei­den Ländern?

Im Prin­zip lag ich rich­tig mit mei­ner Ein­schät­zung. Der Durch­schnitts­deut­sche – im befrag­ten Kol­lek­tiv von gut 1.300 Per­so­nen – asso­zi­iert zum Begriff Frank­reich als ers­tes Paris und Eif­fel­turm. Dann Wein, Baguette, Essen im all­ge­mei­nen. Der Fran­zose selbst kommt nicht vor. Dem Fran­zo­sen – auch gut 1.300 befragte Per­so­nen – fal­len zum Begriff Alle­ma­gne die Stich­worte Angela Mer­kel, Bier, Ber­lin und Autos ein. In die­ser Rei­hen­folge. Dann, anders als die befrag­ten Deut­schen, sahen die befrag­ten Fran­zo­sen auch den Deut­schen. Als streng und unfle­xi­bel. Viel­leicht haben sie da auch wie­der nur Angela vor dem inne­ren Auge. Aber immer­hin sehen die Fran­zo­sen auch den Men­schen.

Letzt­end­lich trifft die Fra­ge­stel­lung der Stu­die auch nicht den Ansatz mei­nes Soh­nes: Was denkt der Deut­sche über den Fran­zo­sen? Der Deut­sche, der Durch­schnitts­deut­sche weiß, glaube ich, über die Fran­zo­sen nicht mehr als über die Grie­chen und die Polen. Die Grie­chen arbei­ten nicht und zah­len keine Steu­ern, die Polen klauen Autos. Und die Fran­zo­sen? Essen aus­gie­big und sam­meln die Scheiße ihrer Hunde nicht ein.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


12. Juni

Ziem­lich ähn­lich abge­druckt in der Juni-Aus­gabe der Riviera Zei­tung.

25. Sep­tem­ber

Und auch in deren Internetauftritt.