Nathatlon

Der Papa von Paul trägt ein T-Shirt "Offi­ciel", blau auf weiß. Er bedient die rote Blech­kiste auf dem Plas­tik­stuhl jen­seits der Bar­riere vor mir. Grü­ner Plas­tik­stuhl. Ver­bli­che­nes Grün, deut­li­che Gebrauchs­spu­ren. Die rote Kiste ist so groß wie ein gro­ßer Schuh­kar­ton, Berg­stie­fel Größe 48. Mit einem schwar­zen Tra­ge­griff oben­auf, dimen­sio­niert für min­des­tens zehn Kilo­gramm. Außer­dem eine Leuchte in Warn­orange. Es han­delt sich um ein Gerät der Firma Swiss Timing. Start Time III. Plas­tik­stuhl und Schuh­kar­ton pas­sen zum tech­ni­schen Niveau des Schwimm­bads, Piscine "Port mar­chand", Tou­lon. 25-Meter-Becken in der Halle. Tro­pen­klima. Wahr­schein­lich 26 Grad. Gefühlt 32. Sicher hun­dert Pro­zent Luft­feuch­tig­keit. An einer der Längs­sei­ten die Tri­büne. Vier Stu­fen nack­ter Beton. Wenn man nicht ganz oben sitzt, kann man sich nicht anleh­nen. Hat statt­des­sen stän­dig die nack­ten Füße ande­rer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger im Rücken. Mit der Zeit sagen sie nicht ein­mal mehr Par­don.

Nath­at­lon heißt die Ver­an­stal­tung. Ins­ge­samt sind über vier Ter­mine zehn Dis­zi­pli­nen zu schwim­men. Die vier Schwimm­stile über ver­schie­dene Distan­zen. Ihre Resul­tate gereich­ten der Toch­ter letz­tes Jahr zur Qua­li­fi­ka­tion für ein regio­na­les Ereig­nis in Fos sur Mer.

Durch die Glas­front gegen­über der Tri­büne öff­net sich die Sicht auf den Hafen von Tou­lon unter grauem Him­mel. Ein Schiff von Cor­sica Fer­ries schiebt sich, ganz nah und groß, von rechts nach links durchs Bild. Und die Charles-de-Gaulle ist mal wie­der da. Der Flug­zeug­trä­ger. Liegt vor Anker rechts, zur Stadt hin. War­tungs­ar­bei­ten. Soll acht­zehn Monate dau­ern. Kos­tet eine Mil­li­arde Euros. Soll dann aber tech­nisch auf dem Niveau des 21. Jahr­hun­derts sein. Acht­zehn Monate, wenn nie­mand streikt bis dahin. Die­ser Flug­zeug­trä­ger erin­nert so ein biß­chen an das Pro­jekt des Haupt­stadt­flug­ha­fens in Ber­lin. Fass ohne Boden. Als ob Frank­reich nicht genug wirk­li­che Pro­bleme hätte. Immer­hin aber schwimmt das Ding.

Die rote Kiste von Pauls Papa ver­fügt über ein paar Schal­ter und eine ganze Reihe ver­schie­de­ner Anschlüsse. Ein mul­ti­funk­tio­na­les Gerät schwei­ze­ri­scher Prä­zi­si­ons­ar­beit. Pauls Papa ent­wirrt gut zehn Meter wei­ßen Kabels und schließt ein klo­bi­ges Hand­ge­rät, rot und schwarz, mit zwei Knöp­fen, rot und grün, an der Buchse "micro­phone" an. Wäh­rend des Auf­wär­mens wer­den die Medail­len für die Wett­kämpfe vom Vor­mit­tag ver­teilt. Eine Sil­ber­me­daille für den Sohn, Gold, Sil­ber und Bronze für die Toch­ter. Die Toch­ter ist ehr­gei­zi­ger, obwohl fast jedem Trai­ning exzes­sive Dis­kus­sio­nen zu Sinn und Zweck vor­an­ge­hen. Prä­pu­ber­tär. Zu anstren­gend, keine Lust sowieso. Schwim­men nächs­tes Jahr ohne mich. Lie­ber Ten­nis. Oder Gym­nas­tik. Oder nur noch Rei­ten. Wie auch immer, kein Schwim­men. Ver­stehe ich sehr gut. Es gibt kaum etwas Lang­wei­li­ge­res als Schwimmen.

Die Maschine ver­stärkt das "à vos mar­ques", auf die Plätze, von Pauls Papa auf Hal­len­laut­stärke und pro­du­ziert unmit­tel­bar im Anschluß auf Knopf­druck, grü­ner Knopf, ein Trö­ten. Dazu ein kur­zes Auf­blit­zen der Warn­leuchte. In ande­ren sport­li­chen Ein­rich­tun­gen des Dépar­te­ments muß der Offi­ciel ohne Laut­spre­cher­kiste aus­kom­men. Als Hilfs­mit­tel gibt es dort nur Tril­ler­pfei­fen. Im Schwimm­sport­kom­plex Port mar­chand gibt es auch ein beheiz­tes Außen­be­cken bei­nahe olym­pi­scher Abmes­sun­gen. Kann lei­der nicht mal für Wett­be­werbe auf Distrikt­s­ni­veau ver­wen­det wer­den. Der Archi­tekt hatte die Mate­ri­al­stärke der Flie­sen nicht oder falsch kal­ku­liert. Nun feh­len ein paar Zen­ti­me­ter auf fünf­zig Meter. Bei­nahe olym­pisch. Aber beheizt. Im neuen Flug­ha­fen von Ber­lin sol­len die Roll­trep­pen eine Stufe zu kurz sein. Und die Kli­ma­an­lage funk­tio­niert auch noch immer nicht richtig.

Das erste à vos mar­ques mit Tröte und Leuchte von Pauls Papa an die­sem Nach­mit­tag gilt den acht­hun­dert Metern Frei­stil Mes­sieurs. Um den Wett­be­werb ange­sichts zahl­rei­cher Kan­di­da­ten zu beschleu­ni­gen, las­sen sie jeweils zwei Schwim­mer pro Bahn star­ten. Fünf Bah­nen, zehn Schwi­mer. Meine Kin­der has­sen das, weil man sich so leicht in die Quere kommt. Gut zehn Minu­ten pro Serie. Ziem­lich lang­wei­lig für alle Betei­lig­ten, ins­be­son­dere die Zuschauer. Noch lang­wei­li­ger sind die 1.500 Meter. Sech­zig Län­gen im 25-Meter-Becken! Schon auf den ers­ten Län­gen wird dabei deut­lich, wer das Ren­nen wohl machen wird. Kei­nes mei­ner Kin­der schwimmt die acht­hun­dert Meter. Aus unse­rem Club schwimmt nur Paul, ein gro­ßer Rot­haa­ri­ger, mit. Drit­ter von zehn Schwimmern.

Ich habe kurz nicht auf­ge­passt, eine sms beant­wor­tet, den Start ver­passt. Mein Sohn ist im Was­ser. Hun­dert Meter Frei­stil der Her­ren. Hält sich gut, zwei­ter Platz. Medaille. Dann hun­dert Meter Rücken der Damen. Meine Toch­ter ist die ein­zige aus­län­di­sche Teil­neh­me­rin des Wett­be­werbs. Seit Jah­ren wird sie im offi­zi­el­len Pro­gramm in der Spalte Natio­na­lité als alle­mande gelis­tet. Keine Ahnung warum. Obwohl sie über­zeugte Fran­zö­sin ist. Dank mei­ner Toch­ter wird jedes Pro­vinz­schwim­men zur inter­na­tio­na­len Kom­pe­ti­tion. Meine Toch­ter erste ihrer Serie von fünf Schwimmerinnen.

À vos mar­ques, Tröte, Leuchte. Schon wie­der die Toch­ter. Fünf­zig Meter Schmet­ter­ling. Schlech­ter Start. Holt aber auf zum drit­ten Platz. Die Toch­ter ist ehr­gei­zig. Dank ihres Jahr­gangs reicht es bestimmt wie­der zu einer Medaille. Ob sie wirk­lich auf­hö­ren will nächs­tes Jahr? Na ja, viel­leicht doch nicht. Viel­leicht weni­ger oft zum Trai­ning. Viel­leicht. Vier Mal zwei Stun­den pro Woche sind, muß ich zuge­ben, wirk­lich viel.

Und dazu immer diese Wett­be­werbe, ganze Sonn­tage lang.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Beaufort 5

Aus dem Fens­ter eines der Kin­der­zim­mer oben im Haus hat man einen Blick auf das Wahr­zei­chen des Dorfs, einen soli­tä­ren Ande­sit-Fel­sen mit Burg­ruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Pro­vence, gelb und rot in senk­rech­ten Strei­fen. Das Haus liegt am Fuße eines lang­ge­streck­ten Hügels im Wind­schat­ten, in einer wind­ge­schütz­ten Zone zumin­dest. Der Erbauer hat sich – vor bald 150 Jah­ren – ernst­hafte Gedan­ken gemacht zu Pla­zie­rung und Aus­rich­tung sei­nes Land­hau­ses. Bei uns ist immer viel weni­ger Wind als an der Küste, im Flach­land zur Küste, aber auch schon weni­ger als im Dorf selbst. Wenn im Dorf der Wind Staub und Blät­ter durch die Gas­sen treibt, kön­nen wir noch ohne Beein­träch­ti­gung auf der Ter­rasse essen. Mit einem Blick auf die Flag­gen kann ich vor­herr­schende Wind­rich­tung und -stärke beur­tei­len. Es gibt eigent­lich nur zwei Wind­rich­tun­gen. Von rechts, West­wind, und von links, Ost­wind. Star­ker West­wind ist meist Mis­tral, Ost­wind, egal wel­cher Inten­si­tät, ist ein Vor­bote schlech­ten Wet­ters. Der Him­mel ist – wie auf dem Foto übri­gens – bei Ost­wind bes­ten­falls mil­chig­blau, meist zie­hen schnell Wol­ken auf. Mis­tral ist kalt und macht den Him­mel strah­lend blau. Keine Wol­ken. Regen ist bei Mis­tral ziem­lich unwahrscheinlich.

Ich durfte Alb­ans neues Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men aus­pro­bie­ren. Alban wohnt mit sei­ner Fami­lie am Coudon. Der Coudon ist einer der Hügel um Tou­lon. Alban wohnt hoch genug, um von sei­ner Ter­rasse aus das Meer sehen zu kön­nen. Unsere Tour führte Rich­tung Pier­refeu und zurück. Gut zwei Stun­den. Am Ende zwangs­läu­fig eine Stei­gung. Stei­gung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Bei Mis­tral als Gegen­wind macht mir Stei­gung am Ende einer Tour noch weni­ger Spaß. Gleich würde mich seine Frau fra­gen: Und? Wie fährt man auf Kar­bon? Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de boule l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Um die Bäcke­rin zu sehen am Mor­gen und seine Kum­pels am Nach­mit­tag auf dem Boule-Platz, braucht Opa kein Kar­bon­rad. Wäre eine schöne Ant­wort, dachte ich, im Schweiße mei­nes Ange­sichts auf dem letz­ten Kilo­me­ter Stei­gung, Alban weit vor­aus, leicht­fü­ßig auf sei­nem alten Alu­rad. Die zehn Jahre Alters­un­ter­schied zu Alban fühl­ten sich an wie viel­leicht dreißig.

Ich hätte einen Blick aus dem Fens­ter des Kin­der­zim­mers wer­fen sol­len. Beau­fort 5 min­des­tens. Blauer Him­mel. Mis­tral. Ich hätte absa­gen kön­nen. Kopf­schmer­zen, Dienst ganz über­ra­schend, irgend­was. Zu spät. Rich­tung und Stärke des Winds beein­flus­sen zum Rad­fah­ren maß­geb­lich meine Wahl der Route. Ost­wind ist gut für eine Stre­cke um Cap Garonne an der Küste, Mis­tral wäre gut gewe­sen für eine Tour über den Faron. In bei­den Fäl­len hat man den Wind zum Rück­weg im Rücken. Rücken­wind am Ende ist gut für die Moti­va­tion unterwegs.

Alban ist einer von denen, die für mei­nen Draht­esel nur einen mit­lei­di­gen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Sams­tag-Nach­mit­tag mit zwei, drei Kol­le­gen mal eben zu einer 150-Kilo­me­ter-Tour ins hüge­lige Hin­ter­land auf­bre­chen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abste­cher über Faron (584 Meter) und Coudon (702 Meter) abrun­den. Dabei schien mir mein aktu­el­les Rad im Ver­gleich zum Vor­gän­ger schon wie ein Quan­ten­sprung, über­all Shi­mano dran. Damit könnte Rad­fah­ren ja kei­nen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn end­lich ein rich­ti­ges Fahr­rad gön­nen würde, bald wäre doch Ostern. Die glei­che Frage hatte er mir schon letz­tes Jahr immer wie­der gestellt. Bald wäre doch Weih­nach­ten. Ein rich­ti­ges Fahr­rad ist für sol­che Leute ein Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men. Der Rah­men wiegt dann weni­ger als ein Kilo. Ins­ge­samt sechs Kilo­gramm Fahr­rad-High­tech. Alban hat sich eines gekauft für etwas über drei­tau­send Euro. Ziem­lich viel, finde ich. Für ein Fahr­rad. Man kann noch viel mehr aus­ge­ben für ein Fahr­rad, ich weiß.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzu­neh­men? Nein, nein, sagt Alban, und das habe ich auch schon von ande­ren Kar­bon­rad­fah­rern gehört, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Kar­bon­rah­men sei viel stei­fer, des­we­gen viel har­scher und direk­ter, das Fahr­rad also viel­leicht unbe­quem, aber dafür auch reak­ti­ons­freu­di­ger. Reak­ti­ons­freu­di­ger? Ja, die Reak­ti­ons­freude merkt man zum Bei­spiel beim Beschleu­ni­gen in der Stei­gung. Beschleu­ni­gen in der Stei­gung? Achso. Pas­siert mir nicht so oft. Auf den letz­ten Metern einer Stei­gung, wenn das Ende in Sicht­weite vor mir liegt, steige ich manch­mal noch in die Pedale. Als End­spurt, ein letz­tes Auf­bäu­men. Soviele andere Fak­to­ren kämen da noch ins Spiel, auf­grund des stei­fe­ren Rah­mens würde so ein Kar­bon­fahr­rad eine ganz andere Dyna­mik ent­wi­ckeln kön­nen, ein direk­te­res Anspre­chen. Dyna­mik? Ja, ergänzt Alban mit mis­sio­na­ri­schem Eifer, eine viel bes­sere Iner­tie. Iner­tie? Den Begriff Iner­tie habe ich vor vie­len Jah­ren schon mal gehört, im Stu­dium, Bio­phy­sik. Und schon damals nicht wirk­lich ver­stan­den. Damals gab es noch kein wiki­pe­dia. Iner­tie ist auf Deutsch Träg­heit. Je schwe­rer ein Kör­per, desto trä­ger. So ein­fach. Schwere Kör­per set­zen sich schwe­rer in Bewe­gung. Hat was mit dem Gewicht zu tun. Mein Sohn stu­diert Inge­nieur. Iner­tie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Iner­tie beim Fahr­rad. Augen­wi­sche­rei. Kar­bon­rä­der sind eben leich­ter. Leich­ter macht bes­sere Iner­tie, logisch. Klingt gut und kei­ner ver­steht, was wirk­lich gemeint ist. Muß aber was ganz Tol­les sein, sonst würde man ja nicht drei­tau­send Euro dafür aus­ge­ben müssen.

Und? Wie fährt sich Kar­bon? – Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de boule l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Für mei­nen sport­li­chen Anspruch tut's auch eine tech­ni­sche Anti­qui­tät. Und viel­leicht drei, vier Kilo weni­ger Eigen­ge­wicht zum Som­mer hin und über­haupt. Drei, vier Kilo weni­ger Eigen­ge­wicht sind sicher auch gut für meine per­sön­li­che Iner­tie.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Gekürzte Ver­sion für Heft Nr. 301, Mai/Juni, der Riviera Zeit

Aus dem Fens­ter des Kin­der­zim­mers oben hat man einen Blick auf das Wahr­zei­chen des Dorfs, einen Fel­sen mit Burg­ruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Pro­vence, gelb und rot in senk­rech­ten Strei­fen. Mit einem Blick auf die Flag­gen kann ich vor­herr­schende Wind­rich­tung und -stärke beur­tei­len. Es gibt eigent­lich nur zwei Wind­rich­tun­gen. Der Ost­wind ist gut für eine Stre­cke um Cap Garonne an der Küste, Mis­tral, der kalte West­wind, für eine Tour über den Faron. In bei­den Fäl­len hat man den Wind zum Rück­weg im Rücken. Rücken­wind am Ende ist gut für die Moti­va­tion unterwegs.

Neu­lich durfte ich Alb­ans neues Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men aus­pro­bie­ren. Alban wohnt mit an einem der Hügel hin­ter Tou­lon, hoch genug für vue mer von sei­ner Ter­rasse aus. Unsere Tour führte Rich­tung Pier­refeu und zurück. Gut zwei Stun­den. Am Ende zwangs­läu­fig eine Stei­gung. Stei­gung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Noch weni­ger bei Mis­tral als Gegen­wind. Gleich würde mich seine Frau fra­gen: Und? Wie fährt man auf Kar­bon? Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de boule l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Um die Bäcke­rin zu sehen am Mor­gen und seine Kum­pels am Nach­mit­tag am Boule-Platz, braucht Opa kein Kar­bon­rad. Wäre eine pas­sende Ant­wort, dachte ich, im Schweiße mei­nes Ange­sichts auf dem letz­ten Kilo­me­ter Stei­gung, Alban weit vor­aus, leicht­fü­ßig auf sei­nem alten Alurad.

Ich hätte einen Blick aus dem Fens­ter des Kin­der­zim­mers wer­fen sol­len. Blauer Him­mel. Mis­tral. Beau­fort 5 min­des­tens. Ich hätte absa­gen kön­nen. Kopf­schmer­zen, Dienst ganz über­ra­schend, irgend­was. Zu spät.

Alban ist einer von denen, die für mei­nen Draht­esel nur einen mit­lei­di­gen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Sams­tag-Nach­mit­tag mit zwei, drei Kol­le­gen mal eben zu einer Tour ins hüge­lige Hin­ter­land auf­bre­chen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abste­cher über den Coudon (702 Meter) abrun­den. Mit sowas könnte Rad­fah­ren ja kei­nen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn end­lich ein rich­ti­ges Fahr­rad gön­nen würde, bald wäre doch Ostern. Die glei­che Frage hatte er mir schon letz­tes Jahr immer wie­der gestellt. Bald wäre doch Weih­nach­ten. Ein rich­ti­ges Fahr­rad ist für sol­che Leute ein Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men. Der Rah­men wiegt dann weni­ger als ein Kilo. Alban hat sich eines gekauft für über drei­tau­send Euro. Ziem­lich teuer, finde ich.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzu­neh­men? Nein, nein, sagt Alban, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Kar­bon­rah­men sei viel stei­fer, des­we­gen viel direk­ter, das Fahr­rad also viel­leicht unbe­quem, aber dafür reak­ti­ons­freu­di­ger. Reak­ti­ons­freu­di­ger? Ja, die Reak­ti­ons­freude merkt man zum Bei­spiel beim Beschleu­ni­gen in der Stei­gung. Beschleu­ni­gen? In der Stei­gung? Pas­siert mir nicht so oft. Auf den letz­ten Metern einer Stei­gung, wenn das Ende in Sicht­weite vor mir liegt, steige ich manch­mal noch in die Pedale. Soviele andere Fak­to­ren kämen da noch ins Spiel, auf­grund des stei­fe­ren Rah­mens würde so ein Kar­bon­fahr­rad eine ganz andere Dyna­mik ent­wi­ckeln kön­nen, ein direk­te­res Anspre­chen. Dyna­mik? Ja, ergänzt Alban mit mis­sio­na­ri­schem Eifer, eine viel bes­sere Iner­tie. Iner­tie? Den Begriff habe ich vor vie­len Jah­ren schon mal gehört, im Stu­dium, Bio­phy­sik. Und schon damals nicht wirk­lich ver­stan­den. Damals gab es noch kein wiki­pe­dia. Iner­tie ist Träg­heit. Schwere Kör­per set­zen sich schwe­rer in Bewe­gung. Mein Sohn stu­diert Inge­nieur. Iner­tie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Iner­tie beim Fahr­rad. Augen­wi­sche­rei. Kar­bon­rä­der sind eben leich­ter und somit phy­si­ka­lisch weni­ger träge. Iner­tie klingt gut und kei­ner ver­steht, was wirk­lich gemeint ist. Muß aber was ganz Tol­les sein, sonst würde man ja nicht soviel Geld dafür aus­ge­ben wollen.

Und? Wie fährt sich Kar­bon? – Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de pétan­que l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Für mei­nen sport­li­chen Anspruch tut's auch eine tech­ni­sche Antiquität.

Shizuishan

Guten Mor­gen,

Deckard­dip, Grok­Vock, Dome­niksi und Ali­mabum! Ich freue mich, Euch zu mei­nen Abon­nen­ten zäh­len zu dür­fen. Wahr­schein­lich seit Ihr Freunde von Abbas­row, Alipi und Klif­fet. Und da sind noch viele mehr. Ich habe Leser in ganz Russland!

葉卡捷琳堡. Jeka­te­r­in­burg. Habe ich schon mal gehört. Russ­land. Links unten. Noch vier Stun­den und zwei­und­drei­ßig Minu­ten, 2392 Mei­len. Wir flie­gen auf einer Höhe von 34.000 Fuß. Die Geschwin­dig­keit liegt aktu­ell bei 529 mph. Vor ein paar Stun­den war links unten Novo­si­birsk (新西伯利亚). Etwas wei­ter Omsk, auch links. Und Sur­gut. Nie gehört. Rechts. Die Außen­tem­pe­ra­tur liegt bei minus 67 Grad. Fah­ren­heit. In Cel­sius macht das minus 55. Wie auch immer ziem­lich kalt. Der Flie­ger von Cathay Paci­fic wird um sechs Uhr mor­gens in Lon­don (伦敦) lan­den. Cathay Paci­fic ist eine Flug­ge­sell­schaft mit Sitz in Hong­kong. Die Filme in der Rücken­lehne des Vor­der­manns sind meist chi­ne­sisch unter­ti­telt. Die Städte auf dem Flight-tracking-Bild­schirm sind abwech­selnd eng­lisch und chi­ne­sisch beschrif­tet. 莫斯科 (Mos­kau) da unten im Dunkeln.

Bestimmt sitzt Ihr und die in letz­ter Zeit so zahl­rei­chen Neu-Abo­nenn­ten mei­nes Blogs da unten irgendwo. Mit dem Tol­s­toi-Zitat habe ich ver­mut­lich den einen oder ande­ren Deutsch­kurs der dor­ti­gen Volks­hoch­schule ange­lockt. Oder einen Online-Kurs. Dabei seid Ihr, die Ihr Euch ange­mel­det habt, bestimmt nur die Spitze des Eis­bergs. Die Klas­sen­bes­ten. Die sich auch nicht von den Rechen­auf­ga­ben mei­nes Cap­t­cha-Plug­ins ver­wir­ren las­sen. XII – acht = ?. Robo­ter schaf­fen sowas nicht, denke ich. Ihr seid zwei­fel­los – несомненно – echte Men­schen. Mit ech­ten Adres­sen bei mail​.ru, kobka-​2​0​1​8​@​mail.​ru und skorobogat.​eva@​mail.​ru zum Bei­spiel. Dabei ist bekannt, daß sich die meis­ten Leser sich nicht die Mühe machen mit einer Anmel­dung. Viele, die meis­ten eben, kli­cken das mal an, weil sie gerade nichts Bes­se­res zu tun haben. Oder weil die Leh­re­rin ihres Deutsch­kur­ses das emp­foh­len hat. Füh­len sich aber nicht ange­spro­chen. Ver­stehe ich. Loriot ist viel­leicht sehr spe­zi­el­ler deut­scher Humor. Ich kann auch nicht jeden Blog aus­hal­ten. Trotz­dem, rus­si­sche Volks­hoch­schul­schü­ler sind brave Schü­ler. Wenn Eure Leh­re­rin sagt, schaut Euch das mal an, schaut Ihr Euch das mal an. Über tau­send in ein paar Tagen. Das schaf­fen andere Texte nicht.

Prag links und Ber­lin, Ham­burg. Im Hin­ter­grund, auch links natür­lich, am Hori­zont, Mün­chen und sogar Basel. Ob man wirk­lich alle diese Städte sehen könnte aus über zehn Kilo­me­ter Höhe? Gro­nin­gen rechts. Nie­der­lande. Bin ich vor vie­len Jah­ren mal durch gekom­men auf dem Weg an die Nord­see. Man­che IP-Adres­sen ver­or­tet das Wor­d­Press-Plugin nach Hol­land. Das kann ich ver­ste­hen. Das sind die Leser, die auch im Kurz­ur­laub an der Nord­see nicht auf mich ver­zich­ten wol­len. Außer­dem spre­chen alle Hol­län­der flie­ßend deutsch.

Rechts immer mehr deut­sche Städte: Güters­loh, Koblenz (科布倫茨), Aachen. Güters­loh! 居特斯洛. Wieso gerade Güters­loh? Warum nicht Unna? Oder Moers? Egal. Die Ankunft in Lon­don in weni­ger als einer Stunde.

In Koblenz und Köln habe ich ein paar Abon­nen­ten. Zeigt mir der Plugin. Haben für meine Ohren nor­male Namen. Bei gän­gi­gen Anbie­tern. "Ladya­tott" gehört da schon zu den Exo­ten – nichts für ungut, Ladya­tott. Abon­nen­ten krie­gen eine Mail, wenn ein neuer Bei­trag auf mei­ner Seite erscheint. Ganz Russ­land wird nun von auto­ma­ti­schen Mails über­schwemmt. mail​.ru muß sowas sein wie yahoo oder web​.de. Aus­schließ­lich kyril­li­sche Zei­chen aller­dings. Weni­ger bunt. Man kann sich da ein Post­fach holen, allein­er­zie­her war noch frei. Oben ein Such­feld. найти – fin­den. Ein Tol­s­toi-Zitat im Text und schon wird man im Quell­text-Fun­dus des Rus­sen-google regis­triert. Sichert mir ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum. 居特斯洛 im Text bringt ver­mut­lich den Zugang zu ehr­gei­zi­gen Schü­lern zahl­lo­ser Deutsch­kurse der Volks­re­pu­blik China.

Schöne Grüße nach Novo­si­birsk. Und Shizuishan.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Apéritif

Ich glaube, die Söhne wären gerne vom Sky­to­wer in Auck­land gesprun­gen. 225 Dol­lar. Mir schien das zu teuer, das war am Anfang unse­rer Reise, da wußte ich noch nicht, daß in Neu­see­land alles über­all teuer ist. Die müs­sen ja fast alles impor­tie­ren außer Scha­fen. Ein klei­nes Bier für elf Dol­lar! Geht's noch? Neu­see­land-Dol­lar nur, macht trotz­dem über sie­ben Euro. Das geht viel­leicht in Saint Tro­pez am Hafen, aber in Neu­see­land? Queenstreet in Auck­land, dachte ich, muß wohl die Repu­ta­tion wie das Café de Paris in Saint Tro­pez haben, die kön­nen sich das raus­neh­men. Das kleine Bier kos­tet über­all in NZ elf Dol­lar. Meine Söhne durf­ten schließ­lich in Queens­stown von der Brü­cke sprin­gen. Kawa­rua Bridge Bungy. 43 Meter. Kawa­rua Bridge Bungy ist die erste kom­mer­zi­elle Bungy-Instal­la­tion über­haupt. 195 Dol­lar. Pro Kan­di­dat. Wei­tere 90 die pro­fes­sio­nelle Film- und Foto­do­ku­men­ta­tion dazu. Auch pro Kan­di­dat. Da hatte der Schwabe in mir schon längst resi­gniert. In NZ ist fast nichts umsonst. Das T-Shirt, I did it. Im mer­kan­ti­len Wert von 20 Dol­lar immer­hin. Mehr als tolle Erleb­nisse kann man für Geld nicht bekom­men. Die hat­ten die Söhne. Das T-Shirt wer­den sie ohne­hin nur nachts tra­gen. Wenn überhaupt.

Ich könnte mei­nem Schwie­ger­va­ter, Bild­hauer, die Pro­duk­tion von Making-of-Fil­men vor­schla­gen. Als Ergän­zung des künst­le­ri­schen Ange­bots. Immer wie­der bekomme ich Mails geschrie­ben, wie nett das Video mit mei­ner Toch­ter wäre. Der Schwie­ger­va­ter fer­tigt ein Por­trät in Lehm an als Vor­lage für den Bron­ze­guß. Könnte man sehr gut als Ergän­zung zum Füh­rer­schein ver­mark­ten, den Bron­ze­guß. Füh­rer­schein alleine zur Voll­jäh­rig­keit reicht ja viel­leicht nicht. Der Bron­ze­guß eher fürs Eltern­haus. Nur so als Idee. Das Making-of dazu fast so gut wie ein Foto­buch über die letz­ten acht­zehn Jahre. Zeit­raf­fer. Zwei Stun­den in zwei Minu­ten. Zusätz­lich könnte man ein paar lau­nige Kom­men­tare vom Künst­ler selbst ein­spie­len. Muß aber nicht sein. Musik viel­leicht nach Wahl im Hin­ter­grund. Klei­ner Schwenk auf anwe­sende Fami­li­en­an­ge­hö­rige, Müt­ter brin­gen sich gerne mal selbst ins Bild. Geht ab vier­hun­dert­neun­und­neun­zig Euro. Nur um mal eine Grö­ßen­ord­nung anzu­deu­ten. Mehr als tolle Erleb­nisse kann man für Geld nicht bekom­men. Noch schö­ner, wenn sie bild­lich fest­ge­hal­ten sind. Doku­men­ta­tion auch bei Face­book, warum nicht. Auf USB-Stick oder zum Down­load bereit­ge­stellt auf der Home­page neun­und­vier­zig Euro extra. Dar­auf kommt's dann auch nicht mehr an. Eine Füh­rung durch die Por­trät-Samm­lung ist natür­lich inbe­grif­fen. Gra­tis. Irgend­was muß umsonst sein. Irgend­was umsonst macht den här­tes­ten Schwa­ben weich. Abschlie­ßend Häpp­chen zu einem Gläs­chen Apé­ri­tif. Auch umsonst. Einer der Betei­lig­ten müßte sich seine Ver­kehrstüch­tig­keit bewah­ren. Der Füh­rer­schein­neu­ling zum Beispiel.

Nach ent­spre­chen­der Ter­min­ab­spra­che würde ich als Bild­tech­ni­ker dazu jeweils einfliegen.


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