Dienstanweisung

.

Sicher-das-dann-ja. Zwei oder drei Anmer­kun­gen konnte man sich erlau­ben, maxi­mal, dann war Schluß. Immer­hin war Monika die Che­fin. Und ihr Wort wie in Stein gemei­ßelte Weis­heit. Moni­kas Sicher-das-dann-ja signa­li­sierte das natür­li­che Ende eines Mei­nungs­aus­tauschs bei stei­ler Hier­ar­chie. Hieß soviel wie jaja, reden Sie mal.

Die Zeit der Schwes­tern-Nar­ko­sen ist ein für alle­mal vor­bei, Herr Diehl. Stammt auch von der dama­li­gen Che­fin, im Pro­vinz­kran­ken­haus des nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biets. Anäs­the­sie ist in Deutsch­land ärzt­li­che Auf­gabe. Pfle­ge­per­so­nal hat die Rolle die­nen­den Bei­werks. Unum­stöß­li­che Wahr­heit. Mußte ich mir immer anhö­ren, wenn sie mich am Kaf­fee in der Kaf­fee­kü­che des OPs erwischte. Pas­sierte mir öfter mal. Mich erwi­schen zu las­sen. Manch­mal mußte sie dann laut wer­den. Che­fin eben. Alte Schule. Eine der ers­ten Che­fin­nen in der Anäs­the­sie über­haupt. Monika und Dop­pel­name. Mit einer Abmah­nung beim nächs­ten Mal dro­hen. Und eine Dienst­an­wei­sung redi­gie­ren. Die Dienst­an­wei­sun­gen fin­gen meis­tens an mit den Wor­ten "Aus gege­be­nem Anlaß…". Herr Diehl war häu­fig der Anlaß. Den Dienst­be­ginn zum Bei­spiel betref­fend. Visite Punkt 7:30 Uhr. Und nicht etwa erst 7:32 Uhr. Halb acht war mit Kin­dern nur ganz schwer zu schaf­fen damals. Kin­der­gar­ten, Tages­mut­ter. Stau allent­hal­ben. Eigent­lich unmög­lich. Oder die Doku­men­ta­tion. "Aus gege­be­nem Anlaß" wurde die Abtei­lung für Anäs­the­sio­lo­gie ange­hal­ten, die Les­bar­keit hand­schrift­lich erstell­ter Doku­mente sicher­zu­stel­len. Zukünf­tig. Gerne auch mal "ab sofort". Dabei habe ich eine inter­es­sante Hand­schrift. Oder eben diese Geschichte mit der Schwes­tern-Nar­kose. Ein für alle­mal. Schwes­ter Ros­wi­tha war alleine im OP-Saal an der Hüft­ope­ra­tion erwischt wor­den, Herr Diehl beim Kaf­fee mit der Gynä­ko­lo­gin. Geht gar nicht, die Schwes­ter alleine. Dienst­an­wei­sung. Gege­be­ner Anlaß. Die Sekre­tä­rin, auch Monika, mußte die Dienst­an­wei­sun­gen gegen Unter­schrift im Kol­le­gium verteilen.

In Frank­reich ist das anders. Im süd­fran­zö­si­schen Pro­vinz­kran­ken­haus habe ich ein eige­nes Büro im OP. Chris­tine und Jean-Pierre - Infir­mièrs Anest­hé­sis­tes Diplô­més d'État, IADEs – pas­sen auf meine Nar­ko­sen in Saal eins und zwei auf. Ich küm­mere mich um die post­ope­ra­ti­ven Anord­nun­gen. Am Com­pu­ter. Manch­mal muß ich was unter­schrei­ben. Anäs­the­sie ist eine sit­zende Tätig­keit. Der Chir­urg im Saal hin­ge­gen muß häu­fig ste­hen. Und die Schwes­tern dazu. Die meis­ten tra­gen Stütz­strümpfe. Pro­phy­lak­tisch wegen dro­hen­der Krampf­adern. Oder mani­fes­ter Vari­ko­sis. Allein das könnte genü­gen als Grund, nicht Chir­urg wer­den zu wol­len. Stütz­strümpfe! Im OP steht der Chir­urg am Tisch, auf sei­ner Sta­tion läuft er herum und macht Visite. Der Chir­urg sitzt sel­ten. Nicht ein­mal der fran­zö­si­sche. Nur in der Mit­tags­pause von zwölf bis zwei. Ich sitze meis­tens. Zur Ein­lei­tung einer All­ge­mein­an­äs­the­sie stehe ich auch. Mit Jean-Pierre am Kopf­ende des OP-Tischs. Rücken­marks­nahe Anäs­the­sie­ver­fah­ren ste­chen sich nicht gut im Sit­zen. Regio­nal­an­äs­the­sien, Nar­ko­sen also nur für einen Arm zum Bei­spiel, oder Gefäß­punk­tio­nen, gehen wie­derum bes­ser im Sit­zen. Weil man sich sonst, beim fein­mo­to­ri­schen Han­tie­ren mit Sono­graph und spit­zer Nadel den Rücken ver­krampft. Danach gehe ich in mein Büro. Papier­kram. ZEIT ONLINE und so. Sitze. Warte auf den nächs­ten Pati­en­ten. Chris­tine bleibt beim Pati­en­ten. Darf auch sit­zen. Und hat Inter­net. Keine Social media zwar, aber immer­hin. Der Anäs­the­sist trägt die Ver­ant­wor­tung, die Schwes­ter bleibt an der Nar­kose. Meis­tens alleine. Ich löse sie ab und zu für einen Kaf­fee ab. Oder Ziga­rette oder Pipi. Schwes­tern-Nar­kose. Meine dama­lige Che­fin im nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biet konnte sich das nicht vor­stel­len. Ein für allemal.

Zu einer der letz­ten Weih­nachts­fei­ern des letz­ten Jahr­tau­sends gab sie sich jovial. Die Sekre­tä­rin hatte sie dis­kret daran erin­nert, daß der Herr Diehl zum 31. Dezem­ber die Abtei­lung ver­las­sen würde. Nette Worte zähl­ten ebenso wenig zu ihren Stär­ken wie das sou­ve­räne Absol­vie­ren von Betriebs­fei­er­lich­kei­ten. Wie denn mein All­tag wohl aus­sähe in Frank­reich, fragte Monika. Mußte ja wohl ein paar Wort wech­seln mit mir. Medi­ter­ran ver­mut­lich, sagte ich. Nicht vor halb neun schon mal. Und ich würde eher Kaf­fee trin­ken als auf Nar­ko­sen auf­pas­sen. Gut aus­bil­dete Fach­pfle­ger wür­den meine Nar­ko­sen überwachen.

Sicher-das-dann-ja.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Agnès

.

r sowas bin ich nun gar nicht der Rich­tige. Lei­der. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu ner­ven. So oft werde ich auch gar nicht um medi­zi­schen Rat gefragt. Meis­tens werde ich um Rezepte gebe­ten oder Cer­ti­fi­cats médicaux zur Teil­nahme an mehr oder weni­ger kom­pe­ti­ti­vem Sport. Mache ich ohne War­te­zim­mer und ohne zu mur­ren. Kos­ten­neu­tral. Pas de pro­blème.

Ich per­sön­lich betreibe prag­ma­ti­sche Sofort­med­zin. Und glaube daran. In mei­nen Schub­la­den habe ich rich­tige Medi­ka­mente. Ich inji­ziere was und das wirkt sofort. Sofort und signi­fi­kant. Der Inter­nist hat ja auch Medi­ka­mente, der Der­ma­to­loge Crè­mes und Tink­tu­ren. Das dau­ert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch zu wenig, zuviel, anders, uner­wünscht. Mal abge­se­hen von Che­mo­the­ra­pie. Das wirkt auch sofort. Die meis­ten kot­zen inner­halb von Stun­den. Da sieht man wenigs­tens Wir­kung. Meine Mole­küle wir­ken sofort, inner­halb von Sekun­den, man­che schon in win­zi­gen Men­gen. Im ein­stel­li­gen Mikro­gramm­be­reich. Ein Mikro­gramm ist ein Mil­li­ons­tel Gramm. Ein Strand­sand­korn, zum Ver­gleich, wiegt immer­hin zwei­hun­dert Mikro­gramm. Mil­li­ons­tel Gramm erzeu­gen Wir­kung in der Aber-hallo-Kate­go­rie. Meis­tens ziemlich genau so, wie ich mir das vor­stelle. Wenn jemand schla­fen soll, schläft er in weni­ger als einer Minute. Von sol­chem Poten­tial kön­nen Inter­nist und Der­ma­to­loge nur träumen.

Beim Homöo­pa­then bin ich mir nicht ein­mal sicher, ob er sich bei sei­nen Tees und Kügel­chen ernst­haft eine nach­weis­bare Wir­kung vor­stellt. Mal abge­se­hen von der, die er im Rah­men teu­rer Séances zu indok­tri­nie­ren sucht. Die Kügel­chen und Tröpf­chen sind ja so mole­kül­arm im ver­mu­te­ten Wirk­stoff, daß man wahr­schein­lich nicht mal all­er­gisch dar­auf reagie­ren kann. Die arbei­ten, wenn ich mich recht erin­nere, mit Ver­dün­nun­gen, die einer Tee­löf­fel­menge im Mit­tel­meer ent­spre­chen. Grö­ßen­ord­nungs­mä­ßig viel­leicht so wie unser Mond in der Milch­straße. Und auch das nur ab dem drit­ten Vier­tel des zuneh­men­den Monds. Bleibt die Hoff­nung auf den Pla­ce­bo­ef­fekt. Macht mei­nes Wis­sens bis zu drei­ßig Pro­zent der medi­zi­ni­schen Wir­kung aus. Außer in der Sofort­me­di­zin. In mei­nen Schub­la­den gibt es kei­nen Placeboeffekt.

Auf Wunsch mei­ner Frau, in der Hoff­nung auf eine Reduk­tion mei­ner angeb­li­chen Schlaf­ge­räu­sche, besuchte ich vor Jah­ren schon den HNO- Spe­zia­lis­ten ihrer Wahl. Der ver­mu­tete eine all­er­gi­sche Dis­po­si­tion, die sich sogar labor­me­di­zi­nisch nach­wei­sen ließ. Posi­ti­ves "Pha­dia­top". Nie gehört zuvor. Kommt nicht vor in mei­nem kli­ni­schen All­tag. Seitdem befinde ich mich in all­er­go­lo­gi­scher Behand­lung. Beim erst­bes­ten All­er­go­lo­gen mei­nes Centre hos­pi­ta­lier. Jede Monats­mitte die Sub­ku­tan-Desen­si­bi­li­sie­rung mit einer hoch­ver­dünn­ten und irgend­wie behan­del­ten All­er­gen­lö­sung. Wenn mein Fläsch­chen vor der Zeit leer ist, nimmt Schwes­ter Agnès ein­fach das eines ande­ren Pati­en­ten. Sowieso über­all das Glei­che drin, sagt sie. Alle All­er­gi­ker sind all­er­gisch auf Mil­ben und die eine oder andere getes­tete Polle. Und die All­er­gene sind sich oft auch ganz ähn­lich. Sagt der All­er­go­loge. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprech­stunde Mon­tag Nach­mit­tag. Ob es denn bes­ser gewor­den wäre? Was eigent­lich, frage ich mich immer, das Pha­dia­top? Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Ich brau­che weni­ger Anti­bio­tika mittler­weile. Stimmt sogar. Und der All­er­go­loge will ja was Posi­ti­ves hören. Weil mit der monat­li­chen Injek­tion sein Poten­tial erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kor­ti­son? Will ich nicht. Ich würde mir ein Medi­ka­ment so wie aus mei­nen Schub­la­den wün­schen. Prag­ma­ti­sche Sofortmedizin.

Ich bin also nicht der rich­tige Ansprech­part­ner für einen Hin­weis auf einen kom­pe­ten­ten All­er­go­lo­gen oder Homöo­pa­then. Mein All­er­go­loge ist der Erst­beste. Homöo­pa­then traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim All­er­go­lo­gen und dem Homöo­pa­then so wie beim Psy­cho­coach vor allem auf zwi­schen­mensch­li­che Qua­li­tä­ten an. Die Aus­strah­lung. Der Rest ist Glaubenssache.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

3947 Zei­chen für Aila. Zum Abdruck in der Mai/Juni-Aus­gabe der Riviera-Zeit.


Die ursprüng­li­che Ver­sion, gut zwei­tau­send Zei­chen mehr. Zuviel für die Kolumne. Der Voll­stän­dig­keit halber.

Chris­tiane!

für sowas bin ich nun gar nicht der rich­tige. Lei­der. Ich würde Ihnen gerne hel­fen. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu ner­ven. So oft werde ich auch gar nicht um medi­zi­schen Rat gefragt. Meis­tens werde ich um Rezepte gebe­ten oder Atte­sta­ti­ons médi­ca­les zur Teil­nahme an mehr oder weni­ger kom­pe­ti­ti­vem Sport. Mache ich gerne und ohne zu mur­ren. Ich kann mir vor­stel­len, wie das ist, über Stun­den, das Kind schon lange hung­rig oder müde oder bei­des, im muf­fi­gen War­te­zim­mer des Haus­arz­tes zu hocken. Nur, um ein paar blöde Fra­gen gestellt zu bekom­men, einen Blu­druck gemes­sen und end­lich die Beschei­ni­gung aus­ge­stellt. Kann ich abkür­zen. Pas de pro­blème.

Ich würde Ihnen ja so gerne hel­fen, aber das passt so rein gar nicht zu mei­ner Art von Medi­zin. Ich betreibe prag­ma­ti­sche Sofort­med­zin. Und glaube daran. In mei­nen Schub­la­den habe ich rich­tige Medi­ka­mente. Ich spritze was und das wirkt sofort. Das wirkt sofort und signi­fi­kant. Der Inter­nist hat ja auch Medi­ka­mente, der Der­ma­to­loge Sal­ben und Crè­mes und Tink­tu­ren. Das dau­ert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch nicht mal so, wie man es sich wün­schen würde. Zuwe­nig, zuviel, anders, uner­wünscht. Mal abge­se­hen von Che­mo­the­ra­pie. Das wirkt auch sofort. Die meis­ten kot­zen inner­halb von Stun­den. Da sieht man wenigs­tens Wir­kung. Obwohl dies ja eher in die Kate­go­rie "uner­wünscht" fällt. Aber immer­hin Wir­kung. Meine Mole­küle wir­ken sofort, wie gesagt, inner­halb von Sekun­den oder Minu­ten, man­che schon in win­zi­gen Men­gen. Im Mikro­gramm­be­reich. Ein Mikro­gramm, für die Arith­mo­pho­bi­ker unter uns, ist ein Mil­li­ons­tel Gramm. Ein Strand­sand­korn, zum Ver­gleich, wiegt immer­hin zwei­hun­dert Mikro­gramm. Mil­li­ons­tel Gramm erzeu­gen Wir­kung in der Aber-hallo-Kate­go­rie. Meis­tens auch so, wie ich mir das vor­stelle. Manch­mal zuviel, gele­gent­lich zuwe­nig, sel­ten anders, noch sel­te­ner uner­wünscht. Wenn Sie schla­fen sol­len, schla­fen Sie in weni­ger als einer Minute. Von sol­chem Poten­tial kön­nen Inter­nist und Der­ma­to­loge nur träumen.

Beim Homöo­pa­then wäre ich mir nicht ein­mal sicher, ob er sich bei sei­nen Tees und Kügel­chen und was er da sonst noch im Reper­toire hat, über­haupt eine nach­weis­bare Wir­kung vor­stel­len kann. Mal abge­se­hen von der, die er im Rah­men teu­rer Séan­cen sei­ner Kli­en­tel zu indok­tri­nie­ren sucht. Die Behand­lung von All­er­gien zum Bei­spiel, Hist­amin­in­to­le­ranz oder Fibro­my­al­gie. Geschich­ten eben, wo die Lehr­me­di­zin frü­her oder spä­ter auf­gibt. Seien Sie froh, daß Sie keine Fibro­my­al­gie haben. Das ist anstren­gend. Für alle Betei­lig­ten. Ob der Homöo­path bei All­er­gie, Hist­amin­in­to­le­ranz oder Fibro­my­al­gie hel­fen kann, mag dahin­ge­stellt blei­ben. Des­sen Kügel­chen und Tröpf­chen sind ja so mole­kül­arm im ver­mu­te­ten Wirk­stoff, daß man wahr­schein­lich nicht mal all­er­gisch dar­auf reagie­ren kann. Die arbei­ten, wenn ich mich recht erin­nere, mit Ver­dün­nun­gen, die einer Tee­löf­fel­menge im Mit­tel­meer ent­spre­chen. Grö­ßen­ord­nungs­mä­ßig viel­leicht so wie unser Mond in der Milch­straße. Und auch das nur ab dem drit­ten Vier­tel des zuneh­men­den Monds. Okay, viel­leicht wie unser Son­nen­sys­tem in der Milch­straße. Egal. Das eine kann man sich so wenig wie das andere vor­stel­len. Auch ohne Dys­kal­ku­lie. Bleibt die Hoff­nung auf den Pla­ce­bo­ef­fekt. Macht mei­nes Wis­sens bis zu drei­ßig Pro­zent der medi­zi­ni­schen Wir­kung aus. Außer in der Sofort­me­di­zin. In mei­nen Schub­la­den gibt es kei­nen Pla­ce­bo­ef­fekt. Da ist alles echt.

Auf Wunsch mei­ner Frau, im Hin­blick auf eine Ver­bes­se­rung mei­ner audi­tiven Kapa­zi­tä­ten und vor allem in der Hoff­nung auf eine Reduk­tion mei­ner angeb­li­chen Schlaf­ge­räu­sche, besuchte ich vor Jah­ren schon den Spe­zia­lis­ten für otor­hi­no­la­ryn­go­lo­gi­sche Heil­kunde, ORL. HNO in Mit­tel­eu­ropa. Den Spe­zia­lis­ten ihrer Wahl. Der dia­gnos­ti­zierte "min­der­wer­tige Schleim­haut" und dazu pas­send eine all­er­gi­sche Dis­po­si­tion, die sich sogar labor­me­di­zi­nisch nach­wei­sen ließ. Posi­ti­ves "Pha­dia­top". Nie gehört zuvor. In mei­nem kli­ni­schen All­tag kommt das Pha­dia­top nicht vor. Seit Jah­ren schon befinde ich mich trotz­dem in all­er­go­lo­gi­scher Behand­lung. Beim erst­bes­ten All­er­go­lo­gen mei­nes Centre hos­pi­ta­lier. Desen­si­bi­li­sie­rung. Jede Monats­mitte die Sub­ku­ta­nin­jek­tion einer hoch­ver­dünn­ten und irgend­wie behan­del­ten All­er­gen­lö­sung. Wenn mein Fläsch­chen mal wie­der vor der Zeit leer ist (wie kann das nur kom­men?), nimmt Schwes­ter Agnès ein­fach die Ampulle eines ande­ren Pati­en­ten. Sowieso über­all das Glei­che drin, sagt sie. Alle All­er­gi­ker sind all­er­gisch auf Mil­ben und die eine oder andere getes­tete Polle. Und die All­er­gene sind sich oft auch ganz ähn­lich. Sagt der zustän­dige All­er­go­loge, der zweite Nach­fol­ger inzwi­schen. Fragt man sich, warum dann knapp zwan­zig ver­schie­dene All­er­gene getes­tet wur­den. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprech­stunde Mon­tag Nach­mit­tag. Ob es denn bes­ser gewor­den wäre? Was eigent­lich, frage ich mich dann immer. Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Weni­ger Neben­höh­len­pro­bleme hätte ich mitt­ler­weile, weni­ger Anti­bio­ti­ka­be­darf. Stimmt sogar. Der will ja was Posi­ti­ves hören, der All­er­go­loge. Weil mit der monat­li­chen Injek­tion sein Poten­tial bereits erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kor­ti­son? Oder er kann mir noch ein paar Jahre Sun­ku­ta­nin­jek­tion drauf­schla­gen. Will ich das? Ich würde mir ein Medi­ka­ment so wie aus mei­nen Schub­la­den wün­schen. Prag­ma­ti­sche Sofortmedizin.

Ich bin, liebe Christiane,

also nicht der rich­tige Ansprech­part­ner für einen Hin­weis auf einen kom­pe­ten­ten All­er­go­lo­gen und/oder Homöo­pa­then. Mein All­er­go­loge ist, wie gesagt, der Erst­beste. Und ich befürchte mal, sie sind alle so. Zu weit weg von Ihnen zudem. In Ihrer Gegend wüßte ich schon gleich gar nie­man­den. Homöo­pa­then traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim All­er­go­lo­gen so wie beim Psy­cho­coach und dem Gynä­ko­lo­gen vor allem auf zwi­schen­mensch­li­che Qua­li­tä­ten an. Die Aus­strah­lung. Beim Gynä­ko­lo­gen viel­leicht noch le tou­cher. Nicht zuviel davon und nicht zu wenig. Das ist sehr indi­vi­du­ell. Und, man muß daran glauben.




Martenstein

.

"An intel­lec­tual is a man who takes more words than necessary to tell more than he knows." – Dwight D. Eisenhower

Il n'est pas intellectuel!

Der Anäs­the­sie-Pfle­ger sitzt mit der Kol­legin in mei­nem Büro. Sie spre­chen über Grie­chen­land. Die grie­chi­schen Schul­den. Schul­den, die man den Grie­chen ja auch erlas­sen könnte. Ob man das so ein­fach kann, frage ich mich. Was ver­stehe ich schon davon? So wie man den Deut­schen ja auch schon immer wie­der Schul­den erlas­sen hätte, sagt der Pfle­ger. Wirt­schaft­lich hät­ten die Deut­schen sich ja nie­mals zu der Kraft auf­schwingen kön­nen, die sie heute dar­stellen, wenn man ihnen nicht ihre Schul­den erlas­sen hätte. Damals, nach dem Krieg. Sagt der Pfle­ger und die Kol­legin stimmt zu. Stimmt wohl, denke ich mir. Deutsch­land würde immer noch an den Schul­den der Nazis bei den Grie­chen bezah­len. Zum Bei­spiel. Ich habe davon gele­sen. Bei SPIEGEL ONLINE wahr­schein­lich. Was aber weiß ich schon wirk­lich dar­über? Zuwe­nig. Ich könnte Phra­sen auf BILD-Ni­­veau zur Dis­kus­sion bei­steuern. Bes­ser nicht. Ich ziehe mein Grün­zeug an, werfe mei­nen Kit­tel über und ver­ab­schiede mich: ich geh' dann mal was arbei­ten. Ich hätte auch sagen kön­nen: ich geh' dann mal eine rau­chen. Genauso faden­schei­nig. Glaubt mir keiner.

Il n'est pas intellectuel!

Sagt der Pfle­ger da und lacht erstaunt. Der ist nicht intel­lek­tuell! Sagt er im Ton­fall wie stimmt ja, du hast ja so recht. Für anspruchs­vol­len Erkennt­nis­ge­winn ist der nicht zu haben. Der ist ganz und gar nicht intel­lek­tuell! Dritte Per­son Sin­gular. Der Pfle­ger spricht über mich. Er hat mit der Kol­le­gin schon über mich gere­det. Die Kol­legin hat ihm viel­leicht von mei­nem Blog erzählt. Der ist ja auch nicht wirk­lich intel­lek­tu­ell. Unter­halt­sam, sagt sie. Hin­ter dem grü­nen Tuch viel­leicht, nachts um halb fünf, zu einer lang­wei­li­gen Nar­kose, kann man nett plau­dern. Oder zu einem Glas Wein in einem klei­nen Restau­rant mit Mee­res­rau­schen. Aber das ist pure Spe­ku­la­tion. Sie, die Kol­le­gin, gab sich — mir gegen­über — als, nun ja, zumin­dest kon­se­quente Lese­rin. Unter­halt­sam eben. Einer­seits. Und spricht dem Pfle­ger von der Schwierig­keit, Dis­kus­sionen zu kom­ple­xer The­ma­tik mit mir zu füh­ren. Scheint es. Ande­rer­seits. Es gibt so The­men, die mich nicht inter­es­sie­ren, die mir keine Freude berei­ten. Reli­giö­ser Kon­text zum Bei­spiel. Nicht mein Ding. Ich stehe dazu. Ist mir zu fremd, macht mir Beklem­mun­gen. Ich will ja auch nie­man­den belei­di­gen. Ich gebe mich bei sol­chen The­men betont ein­sil­big. Ver­mei­dungs­hal­tung. Oder über Anäs­thesie. Anäs­the­sis­ten reden gerne über Inhalte ihres Fach­ge­biets. Je klei­ner das Fach­ge­biet, desto mehr kann dar­über gere­det wer­den. Selbst erlebte Fälle. Chir­ur­gen krie­gen da gerne die Rolle kar­ni­fi­zier­ter Inkom­pen­tenz ab. Pas­siert mir auch. Ist eben so. Manch­mal. Jeder macht mal Feh­ler. Wei­ter­bil­dungs­theo­re­tik. Theo­re­ti­sche Erwä­gun­gen zum Ver­hal­ten irgend­wel­cher Rezep­to­ren sind mir zu abge­ho­ben. Zu intel­lek­tu­ell quasi. Das Ver­hal­ten von Rezep­to­ren inter­es­siert mich nur bei unmit­tel­ba­rem Bezug zum geleb­tem Arbeits­all­tag. Ansons­ten prä­sen­tiere ich die bewährte Ver­mei­dungs­hal­tung. Einsilbigkeit.

Zu vie­len The­men feh­len mir Ein­zel­hei­ten im Hin­ter­grund­wis­sen. Ich müßte noch deut­lich mehr recher­chie­ren, um halb­wegs kom­pe­tent mit­re­den zu kön­nen. Unwis­sen macht mich ein­sil­big. Wirkt ein biß­chen wenig intel­lek­tu­ell, unge­bil­det. Da hatte der Pfle­ger schon recht. War auch irgend­wie peinlich.

Vor kur­zem stieß ich im ZEIT-Maga­zin auf eine Kolumne von Harald Mar­ten­stein über die Schwer­hö­rig­keit. Fand ich sehr gut, die Kolumne. Herrn Mar­ten­stein gelingt es, sich aus mani­fes­ter Schwer­hö­rig­keit her­aus als "nach­denk­li­cher Intel­lek­tu­el­ler" dar­zu­stel­len. Wenn er was nicht hört oder ver­steht, sagt er ein­fach "Ich glaube, dar­über muss ich erst mal eine Weile nach­den­ken". Das könnte, dachte ich mir dann, auch zur Abwehr uner­freu­li­cher Erör­te­run­gen funk­tio­nie­ren. Was denkst du denn zu den grie­chi­schen Schul­den, Bertram? Ich glaube, dar­über muss ich erst mal eine Weile nach­den­ken. Hätte ich auch sagen kön­nen. Statt "ich geh' dann mal was arbei­ten" oder "ich geh' dann mal eine rauchen".

Ich fand die Kolumne von Herrn Mar­ten­stein auch inter­es­sant, weil ich mich mit Schwer­hö­ri­gen iden­ti­fi­zie­ren kann. Ich bin auch schwer­hö­rig. Sagt meine Frau zumin­dest. Fällt ihr vor allem auf, wenn wir mor­gens Ein­zel­hei­ten zur Orga­ni­sa­tion des bevor­ste­hen­den Tages erör­tern. Wenn ich gerade unter der Dusche stehe. Und sie sich die Zähne putzt. Wenn ich gar nichts ver­stehe, muß ich öfter mal nach­fra­gen. Das nervt sie. Wann kaufst du dir end­lich ein Hör­ge­rät? Wobei diese Din­ger mei­nes Wis­sens doch gar nicht was­ser­fest sind. Unter der Dusche und somit ohne Hör­ge­rät würde ich dann immer noch nichts ver­ste­hen. Manch­mal ver­stehe ich im Grund­rau­schen von Dusche und Zahn­bürste ein­zelne Worte. Schule zum Bei­spiel oder Kin­der oder Dienst. Wahr­schein­lich soll ich die Kin­der von der Schule abho­len oder sie fragt, ob ich Dienst habe. Mor­gens im Bade­zim­mer reden wir eher sel­ten über Euro­pa­po­li­tik oder Rezep­to­ren­dy­na­mik. In aller Regel geht es um eher banale Ange­le­gen­hei­ten. Kin­der, Ein­kau­fen, Arbeit. Dann kann ich sagen, weiß ich noch nicht oder muß ich gleich mal nach­se­hen. Das funk­tio­niert ganz gut. Wenig spä­ter, in der Küche, kriege ich die glei­che Frage nor­ma­ler­weise noch mal gestellt. Unter wesent­lich bes­se­ren akus­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen. Weißt du inzwi­schen, ob du Dienst hast, hast du nach­ge­se­hen, ob du die Kin­der abho­len kannst? In der Küche ver­stehe ich meine Frau sehr gut. Solange es nicht ums Kochen geht. Und wenn sie nicht gleich­zei­tig die What-else-Maschine betä­tigt oder den Kap­sel­be­häl­ter in den Müll­ei­mer ent­leert. In die­sem Kon­text werde ich schnell wie­der ein Kan­di­dat für die Hörhilfe.

Oder setze mich, weil ich zum wie­der­hol­ten Male nicht ver­stehe, ernst­haf­ten Zwei­feln an mei­ner intel­lek­tu­el­len Ver­fas­sung aus.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Dienst

.

Du woll­test doch immer schon mal mein Kran­ken­haus sehen und was ich so mache den gan­zen Tag. Heute, Sams­tag, habe ich Dienst. Du kommst ein­fach mal mit und guckst mir bei der Arbeit zu.

Sie­ben Uhr muß ich auf­ste­hen. Kaf­fee, Dusche.

Acht Uhr der Anruf bei der Heb­amme im Kreiß­saal. Habt ihr was für mich, eine Péri­du­rale am Lau­fen? Wenn eine Péri­du­rale aktiv ist, muß ich auf halb neun dort sein. Ablö­sung des Kol­le­gen. Die Ablö­sung um spä­tes­tens halb neun an den Wochen­end­ta­gen neh­men alle Kol­le­gen sehr genau. Sonst kommt es fünf oder zehn Minu­ten mehr oder weni­ger nicht an, am Wochen­ende aber zählt jede Minute. Halb neun. Wenn nichts zu tun ist, geht der Kol­lege ein­fach und ich kann zuhause war­ten, bis die Heb­amme doch was hat für mich oder einer der Chir­ur­gen. Meis­tens steht eine kaputte Hüfte auf dem Pro­gramm oder zumin­dest ein Hand­ge­lenk. Das ist aber nor­ma­ler­weise nicht eilig. Die Chir­ur­gen kom­men erst gegen halb zehn ins Kran­ken­haus. Man darf ja nicht ver­ges­sen, wo wir hier sind. Süd­frank­reich. Keine Péri­du­rale im Moment. Lege ich mich noch­mal ins Bett und höre dem Regen zu. Seit wir das Dach neu gedeckt haben vor ein paar Jah­ren und ich nicht mehr mit Eimern und Schüs­seln die gröbs­ten Lecks abfan­gen muß, kann ich den Regen drau­ßen genie­ßen. Es gibt kaum was Schöneres.

Kann ich auch noch mit den Kin­dern früh­stü­cken. Auch schön. Meine Frau früh­stückt nicht. Bekommt Ihre Zei­tung ans Bett und einen klei­nen Kaf­fee. Es ist Sams­tag, immerhin.

Bis der Anruf kommt. 09:47 Uhr. Logisch. Es war eine Frage der Zeit. Boris­lav, der Bul­gare. Die eine Pati­en­tin, die er eigent­lich heute Mor­gen ope­rie­ren wollte, hat fälsch­li­cher­weise ein Früh­stück bekom­men um halb acht, aber er hat noch eine andere auf Lager. Ist heute Nacht gekom­men, auch der Ober­schen­kel. Die ihrer­seits ist nüch­tern. Wir ver­ab­re­den uns auf halb elf. Erst die zweite, danach die andere, die eigent­lich erste. Bis zum frü­hen Nach­mit­tag gilt die wie­der als nüch­tern und damit als narkosefähig.

Um zehn Uhr müs­sen wir los. Das Kran­ken­haus ist über die Auto­bahn zwölf Minu­ten von zuhause ent­fernt, über die Natio­nal­straße sieb­zehn. Meis­tens nehme ich die Auto­bahn. Die letzte Aus­fahrt vor Hyè­res. Man sieht das Gebäude links hin­ter einer Bam­bus­he­cke, umge­ben von neuen Sied­lun­gen. Es wirkt trotz sei­ner vier Eta­gen eher geduckt. Oliv­grüne Fas­sade oben und ein rie­si­ger Funk­mast auf dem Dach.

Mein Kran­ken­haus hat nichts zum Vor­zei­gen. Alles ist ganz klein und eher schä­big. Die dop­pelte Schie­be­tür am Haupt­ein­gang ist die ein­zige auto­ma­ti­sche Tür im gan­zen Haus. Es gibt kein Kran­ken­haus-Café, nicht mal eine reprä­sen­ta­tive Ein­gangs­halle. Kein Gra­nit auf dem Boden, nur Lin­oleum-Imi­tat mit Löchern an den Näh­ten. Keine Kunst an den Wän­den. Ein paar immer­grüne Plas­tik­pflan­zen. Die Tele­fon­zen­trale sitzt hin­ter einer Glas­scheibe links neben dem Ein­gang. Bon­jour Patri­cia! Patri­cia ist immer über­aus feund­lich und hat immer Zeit zum Plau­dern. Manch­mal dau­ert es Stun­den, bis sie end­lich ans Tele­fon geht. Ein Stück wei­ter der Kiosk. Ein Schau­fens­ter mit Spiel­zeug, ein paar Zei­tun­gen. Hier bekom­men die Pati­en­ten die Fern­steue­rung für die Glotze in ihrem Zim­mer. Von neun bis zwölf und von vier­zehn bis neun­zehn Uhr. Am Wochen­ende nur vor­mit­tags. Ansons­ten eben Pech gehabt.

Es gibt zwei Auf­züge bis in die vierte Etage, Päd­ia­trie, und ein Trep­pen­haus. Das Trep­pen­haus ist hin­ter einer der blaß­grü­nen Sperr­holz­tü­ren rechts der Auf­züge ver­steckt. Manch­mal wird die Tür genau in dem Moment auf­ge­sto­ßen, in dem man die Hand zum Griff aus­streckt. Das kann schmerz­haft sein. In der ers­ten Etage gelangt man durch wei­tere Sperr­holz­tü­ren, alle im glei­chen Blaß­grün auf den Flur zu den Urgen­ces und zum OP. Meine Tür ist die zweite links. Bloc opé­ra­toire steht drauf und Endo­sco­pies. Auch Sperr­holz. Die Plas­tik­plat­ten zum Stoß­fang sind an den Rän­dern abge­split­tert. Dar­un­ter tre­ten braune Kleb­stoff­s­tri­che zutage. Ja, tut mir leid, es wirkt alles ein biß­chen wie Dritte Welt. Stammt aus den acht­zi­ger Jah­ren. Dem Kran­ken­haus geht es wirt­schaft­lich nicht so gut. Drei Mil­lio­nen Defi­zit. Für ernst­hafte Reno­vie­rung reicht es eben nicht. Das Schloss hakt ein biß­chen und die bei­den Flü­gel rei­ben sich anein­an­der. Dahin­ter ist noch alles dun­kel. Wir sind die Ersten.

Ja, und das ist mein Büro. Nein, kein Fens­ter. Und nein, ich habe mir die­ses Hell­grau an den Wän­den nicht aus­ge­sucht. Man dachte wohl, das würde gut zum Grau der Stahl­schränke pas­sen. Keine Bil­der. Doch, die Prin­zes­sin da. Ist von mei­ner Toch­ter. Ich habe direkt nach dem Umbau vor ein paar Jah­ren ein paar Hand­tü­cher in den Aus­lass der Kli­ma­an­lage gestopft, sonst wäre es nicht nur grau hier, son­dern auch noch sibi­risch kalt und zugig. Hier kannst du dich in OP-Grün ver­klei­den und dir einen wei­ßen Kit­tel über­wer­fen. Ich muß der Pati­en­tin für die Pro­these noch Hallo sagen. Ich habe meine Arzt­kit­tel aus Deutsch­land mit­ge­bracht, so Kit­tel, wie sie in Deutsch­land eben üblich sind. Hier gibt es nur "blou­ses", eine Art Hem­den mit Druck­knöp­fen. Ursprüng­lich weiß, neh­men sie nach ein paar Durch­gän­gen Wäsche­rei einen dezen­ten Gelb­ton an. Und haben vor allem nur ein klei­nes Täsch­chen rechts. Nicht genug Platz für Ste­tho­skop, Kugel­schrei­ber und Tele­fon. Wenn das Tele­fon klin­gelt, bekommt man es nor­ma­ler­weise nicht frei, bevor die Mess­a­ge­rie anspricht. Blö­des, uncoo­les Gezerre. Meist fällt außer­dem der Kuli. Wenn man das Ste­tho­skop braucht, kommt das Tele­fon gleich mit und geht zu Boden. Auch läs­tig. Meine Kit­tel aus Deutsch­land haben rich­tige Taschen. Eine für das Ste­tho­skop, eine für das Tele­fon, eine für den Kuli.

Bon­jour Madame. – Häh? – BONJOUR MADAME! Madame S. ist über neun­zig Jahre alt. Und schwer­hö­rig. Sie müs­sen ein biß­chen näher kom­men, weil ich schwer­hö­rig bin. Sie ist mit Ope­ra­tion und Nar­kose ein­ver­stan­den. Tout va bien se pas­ser. Das wird schon gut­ge­hen. – Häh? – TOUT VA BIEN SE PASSER!

Vier­tel nach zehn ist Chris­tine auch schon da. Chris­tine ist die Anäs­the­sie­schwes­ter für das ganze Wochen­ende. Sie hatte einen sehr ange­neh­men Frei­tag Abend – sehr ange­nehm – und lächelt noch, immer noch. Wenn ich sie heute Nacht um halb drei zum Kai­ser­schnitt kom­men las­sen muß, wird sie nicht mehr lächeln. Wir hof­fen das Beste, so schlimm wird es schon nicht kom­men. Die zwei OP-Schwes­tern und die Putz­frau las­sen auch nicht mehr lange auf sich war­ten. Nur Boris­lav ist noch nicht da. Mit oder ohne Zucker den Kaffee?

Und dann wird es ein biß­chen lang­wei­lig. Nach der ers­ten Hüfte Imbiß für alle. Ist ja schon halb eins inzwi­schen. Fran­zo­sen essen zwi­schen zwölf und zwei. Immer. Auch wenn ihnen der Him­mel auf den Kopf zu fal­len droht. Dann der andere kaputte Ober­schen­kel. Die Pati­en­tin ist inzwi­schen wie­der nüch­tern. Zwi­schen­durch ein Kai­ser­schnitt, Code rouge. Rot heißt, es muß ganz schnell gehen, weil es dem Kind mut­maß­lich ganz schlecht geht. Bei Soraya, der Gynä­ko­lo­gin sind alle Kai­ser­schnitte rote Kai­ser­schnitte, glü­hend rot. Das macht sie ein biß­chen unglaub­wür­dig. Auch heute hätte orange gereicht.

Wenn du dich lang­weilst, kannst du übri­gens den ande­ren Com­pu­ter haben in mei­nem Büro. Gibt aller­dings kein Face­book oder you­tube bei uns. Ist gesperrt, weil die Leute sonst angeb­lich nicht zum Arbei­ten kämen. Glaubt die Direk­tion. Ebay funktioniert.

Ab dem frü­hen Nach­mit­tag bin ich für unsere Sta­tion für Inter­me­diate Care zustän­dig. Der Kol­lege dort hat sich den Vor­mit­tag über um die Kran­ken geküm­mert, ist bis Mit­ter­nacht in Ruf­be­reit­schaft. Inter­me­diate Care ist die Sta­tion für ziem­lich kranke Pati­en­ten. Zu krank für eine Nor­mal­sta­tion, nicht krank genug aber für eine Inten­siv­sta­tion. Für die Inten­siv­sta­tion müß­ten sie in eines der gro­ßen Kran­ken­häu­ser nebenan ver­legt wer­den. Wich­tig ist, daß vor Mit­ter­nacht alle Bet­ten belegt sind. Nichts ist anstren­gen­der als eine Auf­nahme nach Mit­ter­nacht. Mei­nen – hof­fent­lich – abschlie­ßen­den Auf­tritt auf der Sta­tion habe ich da gegen halb zwölf. Letzte Abspra­chen mit dem Pfle­ge­per­so­nal, was in wel­chen Fäl­len zu tun sei. Was gegen Schmer­zen und vor allem was gegen Unruhe. Die Schwes­tern von Inter­me­diate Care essen gegen Mit­ter­nacht. Da wol­len sie nicht gestört werden.

Du willst ohne­hin nicht über Nacht blei­ben? Jetzt nach Hause? Stimmt, ist schon spät. Ich sage den Heb­am­men noch gute Nacht und ver­schwinde dann auch in mei­nem Dienstzimmer.

Schade, daß es nicht mehr regnet.

p.s.:

habe ich ver­linkt bei "WMDEDGT", steht für Was Machst Du Eigent­lich Den Ganzen Tag. Immer zum Fünf­ten des Monats. Würde "traf­fic" auf die eigene Seite brin­gen, dachte ich mir. Und Ein­sicht in den einen oder ande­ren inter­es­san­ten Blog. Stimmt bei­des. Traf­fic und Einsicht.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Todsünde

Hätte ich natür­lich wis­sen kön­nen nach all den Jah­ren. Zu mei­ner Ver­tei­di­gung kann ich außer mit­tel­mä­ßi­ger Sprach­be­ga­bung nur anfüh­ren, daß bei uns zuhause vor­wie­gend deutsch gespro­chen wer­den soll, alleine schon um den Kin­dern eine Ahnung ihrer Mut­ter­spra­che zu erhal­ten. Wäre meine Frau Fran­zö­sin, hätte ich Mon­sieurs D.s Irr­tum bestimmt sofort erkannt. Wenn man auch zuhause nur die fremde Spra­che spricht, ver­liert sie von ihrer Fremd­heit, beherrscht man sie irgend­wann. Viel­leicht sogar ohne die­sen har­ten teu­to­ni­schen Akzent. Sagen die Pfle­ger immer wie­der, such' dir eine Maî­tresse, dann geht der Akzent weg. Und du müß­test nicht mehr so oft nach­fra­gen. Auch die Begriffe für die sechs ande­ren Tod­sün­den wären mir geläu­fig. Mög­li­cher­weise. Mon­sieur D. ist da natür­lich ein schlech­tes Bei­spiel. Selbst Fran­zose, ist seine Frau wahr­schein­lich auch Fran­zö­sin. Seine Maî­tresse bestimmt auch. Hun­dert Pro­zent fran­ko­pho­nes Umfeld. Fran­zose zu sein allein reicht wohl nicht für einen umfas­sen­den Wortschatz.

C’est la pre­mière fois que ça m’arrive, sagte Mon­sieur D., 64 Jahre alt, um 21 Uhr am Mon­tag Abend auf der Prit­sche im Auf­wach­raum. Das ist das erste Mal, daß mir das pas­siert. Und ergänzt: c’est ma pre­mière luxure. Das ist meine erste luxure. Ihre erste was? Mon­sieur D. bleibt allen Erns­tes dabei: luxure. Mon­sieur D. ist das Eben­bild des Wild­schwein jagen­den Gal­li­ers aus dem Hin­ter­land um For­cal­quei­rat oder La Roque­brussanne: Über­ge­wicht, Schnauz­bart, trotz der Schmer­zen rechts in der Hüfte aber eher humo­rig auf­ge­legt. Er hat zwei Hüft­pro­the­sen, die rechte noch ziem­lich neu. Eine unge­schickte Bewe­gung beim Spa­zie­ren­ge­hen (!) und schon aus­ge­ku­gelt. C’est ma pre­mière luxure. Pau­line ver­fällt in schril­les Kichern – Luxure! Pau­line ist die Anäs­the­sie­schwes­ter für die­sen Abend. Gilt als unnah­bare Schön­heit. Zeich­net sich aus mei­ner Sicht vor allem dadurch aus, daß sie in der Bran­dung der täg­li­chen, lär­men­den Impro­vi­sa­tion des OP ein uner­schüt­ter­li­cher Fels der Pro­fes­sio­na­li­tät bleibt, den Pati­en­ten stets kom­pe­tent zuge­wandt und abso­lut immun gegen­über all den klei­nen anzüg­li­chen Pro­vo­ka­tio­nen, die ihre männ­li­chen Kol­le­gen den Tag über so pro­du­zie­ren. Daher der Ruf der Unnah­bar­keit. Umso erstaun­li­cher die­ser kichernde Ausbruch.

Boris­lav fin­det luxure auch komisch. Lässt sich das Wort ver­son­nen lächelnd ein paar Mal mit rol­len­dem sla­wi­schem R auf der Zunge zer­ge­hen. Boris­lav ist bul­ga­ri­scher Her­kunft, deut­lich jün­ger als ich, der Ortho­päde, der gleich an Mon­sieur D.s Bein zie­hen soll, um die Pro­these wie­der ein­zu­ren­ken. Luxure ist offen­sicht­lich nicht Bestand­teil sei­nes Wort­schat­zes. Ist ein neues Wort. So wie für mich auch. Ich kann nach­emp­fin­den, was Boris­lav denkt. Bis­lang war der Fach­be­griff für das aus­ge­ku­gelte Gelenk für mich die Luxa­tion. Sowohl auf Deutsch als auch auf Fran­zö­sisch. Manch­mal ist Fran­zö­sisch ganz ein­fach. Nur die Aus­spra­che ein biß­chen anders. Kann man also auch luxure sagen, denke ich mir, aha. Wenn Mon­sieur D. luxure sagt, kann man wohl auch luxure sagen. Wenn da nur die schöne Pau­line nicht so ent­hemmt kichern würde. Paßt aber in mein Bild des rei­chen Voka­bu­lars die­ser Spra­che. Für jeden Begriff Syn­onyme in drei Sprach­ebe­nen. Schrift­spra­che, Umgangs­spra­che und Slang. Wahr­schein­lich das glei­che Prin­zip für die meis­ten Spra­chen. Im Fran­zö­si­schen gibt es dann noch Ver­lan, die Jugend­spra­che, die Laute und Sil­ben der Worte spie­le­risch in für Erwach­sene unver­ständ­li­che Neu­schöp­fun­gen ver­dreht. Luxure ist viel­leicht das eher vul­gäre Äqui­va­lent von Luxa­tion. Muß dazu eine ganz beson­ders schlüpf­rige Neben­be­deu­tung haben. Irgend­was, was sogar Pau­line zum Kichern bringt. Erst wiki­pe­dia bringt Auf­klä­rung. Luxure ist die Wol­lust, eine der sie­ben Tod­sün­den. Mon­sieur D. wurde heute Opfer sei­ner ers­ten Wol­lust. Das setzt sei­nen schmerz­haf­ten Zustand natür­lich in ein ande­res Licht. Und bringt Pau­line zum Kichern.

War viel­leicht auch Mon­sieurs D.s Absicht. Natür­lich kennt Mon­sieur D. die sie­ben Tod­sün­den. Die Absicht war, die schöne Pau­line zum Kichern zu brin­gen. Wild­schwein­jä­ger sind komi­scher als man denkt.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


So ähn­lich abge­druckt in der Juli-Aus­gabe 2016 der Riviera-Zeit.