Ehrenwort

"Assuran­ces Orange, Cindy, bon­jour, que puis-je pour vous?"

Mein Sohn kommt abends mit zer­stör­tem Smart­phone nach Hause. Der Bild­schirm ist gesprun­gen, die Rück­seite hat einen Riß. Harte Lan­dung auf der Ecke oben links. Es kann noch vibrie­ren, sonst aber nichts mehr. Zum Glück habe ich in wei­ser Vor­aus­sicht eine Ver­si­che­rung abge­schlos­sen vor ein paar Mona­ten. 15,99 € pro Monat. Die Rundum-Sorg­los-Ver­si­che­rung von Orange. Mein Sohn neigt dazu, sein Handy alle drei bis sechs Monate im Rah­men eines Total­scha­dens zu wech­seln. Mal fällt er damit in den Pool, mal neh­men ihm Kapu­zen­trä­ger sein Iphone ab. Dies­mal harte Lan­dung auf Asphalt. Ver­mut­lich selbst­ver­schul­det. Für 15,99 Euro ist sämt­li­che bei Orange gekaufte und betrie­bene Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie des Haus­halts gegen jeden erdenk­li­chen Scha­den versichert.

Am nächs­ten Mor­gen erzähle ich Cindy von dem Unglück mei­nes Sohns. Ist Ihr Sohn voll­jäh­rig? Mein Sohn ist 19. Voll­jäh­rig. Ich war nicht auf diese Falle vor­be­rei­tet. Das Handy hat einen Ver­trag auf mei­nen Namen. Ich bin der Eigen­tü­mer. Mein Sohn wohnt bei mir im Haus. Die Ver­si­che­rung gilt für alle Mit­glie­der mei­nes Haus­halts. Alle Schä­den. Würde ich denn bei Tele­fon­ver­lust im Rah­men eines Über­falls zum Bei­spiel erst ein ent­spre­chen­des Pro­to­koll in einer Poli­zei­dienst­stelle holen müs­sen? Ist nicht weg gleich weg und kaputt gleich kaputt? Cindy gibt sich unnach­gie­big. Wenn mein Sohn voll­jäh­rig wäre, müßte er per­sön­lich den Scha­den mel­den. Auch wenn er bis 19 Uhr in der Schule wäre? Dann solle er eben anru­fen, sobald er nach Hause käme. Bis 20 Uhr wäre die Hot­line besetzt. Na dann, ich werde mich nicht mit Cindy anle­gen. Sie sitzt sicher am län­ge­ren Hebel. Schnell hat man da einen Ver­merk: "reni­ten­ter Kunde" oder so.

Um 19 Uhr kommt mein Sohn nach Hause und muß die Ver­si­che­rung anru­fen. Natür­lich War­te­schleife. Wahr­schein­lich sind noch andere Eltern an der ers­ten Hürde geschei­tert. Um 19 Uhr war­ten alle Söhne und Töch­ter auf ein Gespräch mit der Ver­si­che­rung. Nach zwan­zig Minu­ten ist mein Sohn an der Reihe. Cindy ist nicht mehr da. Céd­ric hat über­nom­men. Mein Sohn berich­tet, er sei beim Aus­stei­gen aus dem Bus gestol­pert, das Handy hart auf dem Bür­ger­steig gelan­det. Inkom­pa­ti­bel mit einem High­tech-Gerät von Sony. Céd­ric läßt sich den ent­stan­de­nen Scha­den beschrei­ben und erfaßt Marke, Modell sowie IMEI des High­tech-Geräts. Man werde das über­prü­fen und ihm eine Mail schi­cken für das wei­tere Vor­ge­hen. Höchs­tens 48 Stun­den. Man fragt sich natür­lich schon, was da 48 Stun­den geprüft wer­den soll. Gehört ver­mut­lich zur Stra­te­gie. Die Leute sol­len ja abge­schreckt wer­den und nicht alle drei Monate ihr Handy wech­seln wollen.

"Assuran­ces Orange, bon­jour, Éve­lyne à votre écoute."

48 Stun­den lang war nichts pas­siert. Keine Mail von Céd­ric. Auch Éve­lyne gibt sich ver­wun­dert und betrof­fen. Wahr­schein­lich machen sie Schu­lun­gen bei Assuran­ces Orange zur glaub­haf­ten Ver­mitt­lung eines Betrof­fen­heits­ge­fühls. Und daß Cindy vor­ges­tern offen­bar die zu über­prü­fende Tele­fon­num­mer falsch notiert hat, fin­det Éve­lyne ärger­lich. Glaub­haft. Nimmt mei­nem auf­kei­men­den Ärger den Wind aus den Segeln. Sie sichert mir eine schnelle Über­prü­fung zu, höchs­tens 48 Stun­den, und wünscht im Namen von Assuran­ces Orange einen sehr ange­neh­men Tag.

Assuran­ces Orange, bon­jour, Mar­vin à l'appareil, que puis-je pour vous?"

Diens­tag. Ich habe das Wochen­ende groß­zü­gig ver­strei­chen las­sen. Mon­tag noch immer keine Mail. Auch bis Diens­tag Mit­tag nicht. 24 Stun­den nor­ma­ler­weise, bis 48 Stun­den maxi­mal, habe ich noch im Ohr. Mar­vin fin­det das Pro­blem ganz schnell. Nicht Cindy ist schuld, die sich schon irgend­wie als Schul­dige im Sys­tem zu kris­tal­li­sie­ren schien, son­dern Éve­lyne, die Dame nach Cindy. Mau­vaise mani­pu­la­tion, sagt Mar­vin. Irgend­was hat Éve­lyne wohl falsch gemacht. Fal­scher Klick. Oder kein Klick. Ich könnte ihm nun nicht ver­ber­gen, lasse ich ein­flie­ßen, daß ich mir Sor­gen machen würde um die wei­tere Ent­wick­lung unse­res Dos­siers. Immer­hin schon der zweite Feh­ler. Nein, nein, alles kein Pro­blem, die Unter­su­chung würde jetzt sofort anlau­fen, spä­tes­tens mor­gen die wei­ter­füh­rende Mail. Geschulte Betrof­fen­heit dazu, aus­führ­li­che Ent­schul­di­gung für die ent­stan­dene Ver­zö­ge­rung. Und einen exzel­len­ten Nachmittag!

"Assuran­ces Orange, bon­jour, Hugo à votre écoute."

Sams­tag Abend. Mehr als 48 Stun­den und keine Mail von Mar­vin. Das wun­dert Hugo eigent­lich nicht. Wenn er den Nach­na­men mei­nes Soh­nes sähe, würde er doch ver­mu­ten, daß da ein i feh­len könnte in des­sen gmail-Adresse. Die Unter­su­chun­gen wären abge­schlos­sen, fehlt also tat­säch­lich nur noch die Mail aus dem Sys­tem. Nun ist wie­der Cindy schuld. Abge­fälschte Email-Adresse. Intern, das wür­den sie aber nie zuge­ben bei Orange, hat Cindy ganze Arbeit geleis­tet. Viel mehr ist nicht mög­lich. Schließ­lich sind wir, mein Sohn und ich, ja noch Erst­tä­ter. Der Trick des feh­len­den Buch­sta­ben ist wahr­schein­lich Teil des Basis­re­per­toires der Zer­mür­bungs­stra­te­gie. Zehn Pro­zent der Kun­den geben nach dem Voll­jäh­rig­keitstrick auf. Céd­ric bringt den einen oder ande­ren Sohn zur Stre­cke mit Klau­seln aus den Geschäfts­be­din­gun­gen. Wenn der Sohn zum Bei­spiel zugibt, ein Kum­pel hätte ihn im Bus geschubst. Lei­der, lei­der könnte man in die­sem Fall nun gar nicht hel­fen, das wäre ja ein­deu­tig ein Fall für die Haft­pflicht­ver­si­che­rung des Kum­pels. Fal­sche Tele­fon­num­mer, fal­sche Email-Adresse: wenn das Dos­sier nicht inner­halb von zehn Tagen voll­stän­dig ein­ge­reicht sei, würde die Ver­si­che­rung auch nicht mehr voll grei­fen kön­nen. Kann man nach­le­sen in den Rahmenbedingungen.

Hugo hat nun keine Wahl mehr. Er prä­sen­tiert auch wie­der sehr über­zeu­gende Betrof­fen­heit und kün­digt an, nun die rich­tige Adresse "ins Sys­tem schi­cken" zu wol­len. In höchs­tens einer hal­ben Stunde sollte ich die Mail mit den Anlei­tun­gen zum wei­te­ren Vor­ge­hen erhalten.

Sonn­tag, zehn Uhr mor­gens. Die Mail ist da. Seit 3:46 Uhr bereits. Das Sys­tem hatte offen­bar noch ordent­lich zu fei­len daran. Läßt mir aber doch den gan­zen Vater­tag, eine hüb­sche Samm­lung aller erfor­der­li­chen oder mut­maß­lich erfor­der­li­chen Doku­mente zusam­men­zu­stel­len. Rech­nung, Lie­fer­schein, Abrech­nun­gen, Bank­ver­bin­dung. Hand­schrift­lich ehren­wört­li­che Dar­stel­lung des Unfall­her­gangs. Das ist die Haus­auf­gabe für mei­nen Sohn. Den Kum­pel in kei­nem Fall erwäh­nen! Wenn ich nichts von einem Kum­pel weiß, muß Cindy auch nichts vom Kum­pel wis­sen. Und ich muß bewei­sen, daß mein Sohn mein Sohn ist und meine Frau, die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin, meine Frau. Geburts­ur­kunde, Hei­rats­ur­kunde. Das Ganze schon mal als Mail. Und mor­gen noch eingeschrieben.

Nächs­tes Mal wird meine Nokia-Anti­qui­tät ins Was­ser fal­len. Ohne Fremd­ein­wir­kung. Ohne Alko­hol­ein­fluß. Ohne nach­weis­ba­ren Alko­hol­ein­fluß. Mein Ehrenwort.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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12. August

Ganz ähn­lich abge­druckt in der Mai-Aus­gabe der Riviera Zei­tung. Gekürzt natürlich.

Karpatenhütte

Klar, das hast Du Dir schon gedacht, cher ami! Ich würde dann doch nicht kau­fen. Es ist schade, daß es ver­kauft wer­den muß, weil ja doch gute Erin­ne­run­gen damit ver­bun­den sind. Jugend­er­in­ne­run­gen. Und natür­lich liegt es idyl­lisch im Dorf, am Bach, ein biß­chen Wald sogar dabei. Man muß sich aber auch darum küm­mern. Immer wie­der hin­fah­ren, nur um nach dem Rech­ten zu sehen. Mal lüf­ten, Mäuse ver­ja­gen, Dach­zie­gel gerade rücken. Oder sich auf Nach­barn ver­las­sen. Oder eine Agen­tur. Oder bei­des, Nach­barn und Agen­tur. Und schon hat man wie­der Auf­wand. Rech­nun­gen von der Agen­tur, Auf­merk­sam­kei­ten für die Nach­barn. Nicht zu ver­ges­sen die Steu­ern, den Was­ser­an­schluß, Strom. Wer hat außer­dem schon 40 k ein­fach mal so übrig? 40 k für eine Dop­pel­haus­hälfte mit deut­li­chem Reno­vie­rungs­stau, gut fünf Stun­den Auto von zuhause. Ich hätte zur Zeit nicht mal das Auto für fünf Stun­den zuver­läs­sige Fahrt. Wann hatte ich das schon mal? Ich mußte schon mal ein Auto in Bur­gund ste­hen las­sen und zwei Wochen spä­ter halb­wegs repa­riert abho­len. Kupp­lung kaputt. Meine Kin­der sind nach­hal­tig trau­ma­ti­siert. Bur­gund? Regen? Nie wie­der! Mein Dritt­ge­bo­re­ner, damals knapp drei, brachte es auf den Punkt: es hat gereg­net und Papa hat zwei Autos kaputt­ge­macht. Das zweite war das Dei­nes Vaters, Gott sei sei­ner Seele gnä­dig. Und es war auch nur die Bat­te­rie. Aber das nur neben­bei. Gehört nur peri­pher zum Thema. Obwohl, das mit dem Regen passt natür­lich schon in den Kon­text. Weit weg und immer reg­net es. Kei­ner würde mich besu­chen kom­men, kei­ner würde was wol­len von mir. Weil es eben weit weg ist und immer reg­net. Keine Pal­men, kein Pool, keine Glotze. Kein Ser­vice. Weit weg, gerne Regen. "Kar­pa­ten­hütte" nenne ich das. Die Hütte in den Kar­pa­ten. Die Kar­pa­ten, weil es da so schön ist, so ursprüng­lich, so weit weg. Die abge­schie­dene Hütte, in die ich mich wün­sche, wenn das Auto schon wie­der abge­schleppt wer­den muß, zuhause die Spül­ma­schine gedul­dig auf eine Repa­ra­tur war­tet und die Toch­ter das Resul­tat von neun mal acht hart­nä­ckig auf 68 oder 93 schätzt. Fehlt noch, daß wie­der kei­ner am Pool auf­ge­räumt hat und der Post­bote zu faul war, wegen des Pakets von Ama­zon zu klin­geln. In der Post­stelle abzu­ho­len, aber nicht vor Mon­tag 15 Uhr. Viel­leicht noch der Anruf einer Heb­amme um 2:53 Uhr. – Die Kar­pa­ten­hütte jetzt, bitte sofort! Weit weg, am liebs­ten alleine! Lasst mich doch ein­fach mal alle in Ruhe, küm­mert Euch selbst um Euren Kram! Das Auto, das Ein­mal­eins, die Péri­du­rale. Was brau­che ich schon von Ama­zon? Ich ver­schwinde für ein paar Wochen in meine Hütte. Alleine. Könnte dann auch in Bur­gund sein, die Kar­pa­ten­hütte. Egal. Haupt­sa­che weg und kei­ner kommt. Oder nur, wer mich wirk­lich sehen will. Trotz Regen.

Vor ein paar Jah­ren stand ich vor mei­ner Kar­pa­ten­hütte. Hat sich letzt­end­lich eine Bekannte geholt. Glaube ich. Ich habe nichts mehr davon gehört. Viel­leicht bes­ser so. Auch mit deut­li­chem Reno­vie­rungs­be­darf, die Hütte. In den Kar­pa­ten, an deren nord­öst­li­chem Ende, jen­seits von Trans­syl­va­nien, Sibi­rien gefühlt fast in Sicht­weite. Ehe­ma­lige Schä­fer­hütte. Sie liegt auf zwei Hektar Wald und Wei­de­land mit Blick über Hügel, Wäl­der und Täler auf den Son­nen­un­ter­gang hin­ter den umge­ben­den Zwei­tau­sen­dern. Schön da. Eine Art pri­mi­ti­ver Block­hütte, gemau­er­ter Kamin, Holz­schin­deln auf dem Dach­ge­bälk. Vor der Ein­gangs­tür ein Vor­dach mit schön gesta­pel­tem Brenn­holz. Da säße ich dann immer mit gran­dio­sem Blick über die Land­schaft, den Son­nen­un­ter­gang. Das Brenn­holz würde ich den Som­mer über aus mei­nem Wald gezerrt und selbst gesta­pelt haben. Hin­ter der Hütte ein klei­ner Anbau. Die sani­tä­ren Anla­gen beschrän­ken sich auf ein Plumps­klo. Innen ein ein­zi­ger Raum, viel­leicht zwölf Qua­drat­me­ter, ein Fens­ter. Auf den Holz­die­len ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Vor dem Kamin ein klei­ner guß­ei­ser­ner Ofen­herd, den jemand vor Jahr­zehn­ten hier her­auf geschleppt haben muß. Kein Strom. Flie­ßend Was­ser im Bach nebenan.

Wer braucht das schon län­ger als viel­leicht drei Tage?

Vor drei Jah­ren, weil sie mein ewi­ges Gerede von der Kar­pa­ten­hütte nicht mehr hören wollte, hat mir meine Frau eine päd­ago­gi­sche Woche in Irland geschenkt. Päd­ago­gik zur Kar­pa­ten­hütte. Win­zi­ges Feri­en­häus­chen. Am Ende einer Sack­gasse zwi­schen Schaf­wei­den. Direk­ter Blick west­wärts über den Atlan­tik. Angeb­lich das west­lichste Feri­en­haus Irlands. Kamin, Küche, Dop­pel­bett. Iso­lier­glas, Fuß­bo­den­hei­zung. Vom Anbie­ter ange­prie­sen als Toplo­ca­tion für unge­störte Flit­ter­wo­chen. Für mich "Expe­ri­en­cing soli­tude" – die Kar­pa­ten­hütte, wie sie wirk­lich ist. Allein mit Scha­fen und Blick über Land­schaft mit Gewäs­ser. Hohe Regen­wahr­schein­lich­keit. Kar­pa­ten­hütte in Irland. Nur Iso­lier­glas und Fuß­bo­den­hei­zung pass­ten nicht wirk­lich dazu. Das Flit­ter­wo­chen-Dop­pel­bett eigent­lich auch nicht. Gar nicht eigentlich.

Zum Glück hatte ich ein Auto.

Eine Woche spä­ter kannte ich große Abschnitte des Ring of Kerry zwi­schen Kil­lar­ney und Port­ma­gee. Spek­ta­ku­läre Land­schaft. Mas­si­ver Tou­ris­mus. Viele große Busse auf schma­len Stra­ßen. Außer­dem war ich auf Sceilg Mhichíl. Skel­lig Michael ist eine baum­lose Fels­in­sel knapp zwölf Fischer­boot­ki­lo­me­ter vor Port­ma­gee. Wenig Tou­ris­mus. Machen nur die, die das wirk­lich wol­len. Und die Leute von Star Wars VII hat­ten da letz­ten Som­mer für ein paar Sze­nen einen Auf­tritt. Ab dem sechs­ten Jahr­hun­dert leb­ten dort zwölf Mön­che und ihr Abt in zugi­gen Stein­hüt­ten. Tro­cken­mau­er­bau­weise. Kei­ner kam sie besu­chen. Nur die Wikin­ger waren um 823 da. Wur­den aber abge­wie­sen. War zudem abso­lut ohne Inter­esse. Sogar für Wikin­ger. Drei­zehn kno­chen­dürre Kerle in Woll­kut­ten. Ein paar Schafe viel­leicht. Keine Frauen.

Per­fek­tes Kar­pa­ten­hüt­ten-Ambi­ente. Unbe­zahl­bar. Aber: wer braucht das schon län­ger als viel­leicht drei Tage?


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Virginia

"Endo­krine Erkran­kung des Magen-Darm-Trak­tes, bedingt durch das Auf­tre­ten von bestimm­ten Pan­kre­as­tu­mo­ren, pan­krea­ti­schen Gas­tri­no­men. … Leit­sym­prom ist die cha­rak­te­ris­ti­sche Trias: exzes­sive Magen­hyper­se­kre­tion, rezi­di­vie­rende Ulzera des Magens und gas­trin­pro­du­zie­rende Pan­kre­as­tu­mo­ren. … The­ra­pie nur chir­ur­gisch mög­lich: sub­to­tale Pan­kre­as­re­sek­tion, Gastrektomie."

Das steht so, leicht gekürzt, in mei­nem Pschyrem­bel von 1982. Zum Zol­lin­ger-Elli­son-Syn­drom. Schön gereif­tes Medi­zi­ner­deutsch. Inhalt­lich nicht mehr ganz zeit­ge­mäß. In den Richt­li­nien zum Pro­be­auf­trag heißt es zwar "Uni­que Con­tent! Der Text darf kei­nes­falls kopiert oder abge­schrie­ben sein". Ein biß­chen umge­schrie­ben, in Nor­maldeutsch gebracht und inhalt­lich kor­ri­giert, und sie wür­den nicht mer­ken, daß es abge­schrie­ben ist. 1982. Das ist mehr als drei­ßig Jahre her. Sol­len sie erst­mal die Quelle finden.

Par­don?

Der Herr in Uni­form hatte was gesagt. Ich habe nicht ver­stan­den. Unwil­li­ges Hand­zei­chen in meine Rich­tung. Irgendwo in Rich­tung des Trans­port­bands mit mei­nem Lap­top, dem Ruck­sack und dem Gür­tel in Plas­tik­wan­nen. Stimmt was nicht mit mei­nem Gür­tel? Er könnte cein­ture gesagt haben. Er hat sicher nicht Bon­jour gesagt. Die Sicher­heits­kon­trolle vor den Gates ist nicht das Umfeld für über­flüs­sige Kom­mu­ni­ka­tion. Eher Hand­zei­chen, Ein­wort­sätze. Wenn überhaupt.

Chaus­su­res!

Er meint meine Schuhe! Ich muß meine Schuhe aus­zie­hen. Wegen der Rasier­klin­gen in den Absät­zen! Wie konnte ich das nur vergessen?

Die uni­for­mier­ten Herr­schaf­ten, eine Frau, ein Mann, beide Mus­ter­bei­spiele robus­ter Fehl­ernäh­rung, die jen­seits des Metall­de­tek­tors war­ten, mich dabei aller­dings nur als die Anzeige über mir wahr­neh­men, als rotes oder grü­nes Licht, sind auch nicht zum Quat­schen da. Ich scheine grün zu sein. Und werde im glei­chen Bruch­teil einer Sekunde unsicht­bar. Ver­mut­lich bes­ser so. Mein Bon­jour ver­hallt auch hier ohne erkenn­bare Reaktion.

Halb sechs ist ande­rer­seits nun wirk­lich nicht die Zeit, zu lächeln oder an einen guten Tag zu den­ken. Das erste Lächeln ist zum Dienst­schluß gegen halb eins zu erwar­ten. Oder zum dis­kre­ten Hin­weis auf ein ent­deck­tes Sex­toy in der Durch­leuch­tung. Das Lächeln immer und aus­schließ­lich unter Kol­le­gen, ver­steht sich. Wie­der­hol­tes publi­kums­ge­rich­te­tes Lächeln hat eine hand­feste Abrei­bung in der Umkleide zur Folge. Der Besuch eines Benimm­kur­ses in Eigen­in­itia­tive ist ein zwin­gen­der Grund für eine frist­lose Kündigung.

Mög­li­cher­weise ist es eine Zol­lin­ger-Elli­son-Selbst­hil­fe­gruppe, die hier geschlos­sen Anstel­lung gefun­den hat. Alle­samt in aku­ter Ent­la­dung ihres Gas­tri­noms. Dazu die Tages­zeit. Das kann ich ver­ste­hen. Zur Péri­du­rale um halb vier krie­gen Schwan­gere und Heb­am­men auch nur ganz sel­ten ein ech­tes Lächeln von mir. Geht auch ohne Magen­ge­schwür nicht gut.

Robert M. Zol­lin­ger, ein ame­ri­ka­ni­scher Chir­urg schwei­ze­ri­schen Ursprungs, und sein Kol­lege Edwin H. Elli­son beschrie­ben das Krank­heits­bild 1955. Häu­fig bös­ar­tige Tumo­ren – Gas­tri­nome – meis­tens in der Bauch­spei­chel­drüse oder dem Dünn­darm, ver­ur­sa­chen eine starke Über­pro­duk­tion von Magen­säure. Die viele Säure führt zu chro­ni­schem Durch­fall, Fett­stuhl, Übel­keit, Erbre­chen, macht Magen- und Zwölf­fin­ger­darm-Geschwüre. Bauch­schmer­zen. Meist zwi­schen den Mahl­zei­ten, oft nachts eben. Na also! Kein Wun­der, daß die sich mor­gens um halb sechs so gries­grä­mig geben.

In einem Online-Por­tal für Medi­zin­jobs war ich auf das Ange­bot gesto­ßen: Frei­be­ruf­li­che Medi­zin­au­to­ren (m/w) in Home­of­fice. Home­of­fice könnte mir sehr gut gefal­len. Ich sitze im Schat­ten mit Blick auf Pal­men und schreibe medi­zi­ni­sche Popu­lär­wis­sen­schaft. Super! Ein Online-Dienst­leis­ter ver­gol­det meine Worte groß­zü­gig. Auch der Rest der Aus­schrei­bung paßt genau zu mir: ich habe Medi­zin stu­diert, schon län­ger her, aber immer­hin, ich kann medi­zi­ni­sche Sach­ver­halte leicht ver­ständ­lich erklä­ren, sofern ich sie selbst ver­stan­den habe, ver­füge über fun­dierte Kennt­nisse der deut­schen Recht­schrei­bung und Gram­ma­tik und ich schreibe gerne eigene Inhalte und habe "bevor­zugt" bereits erste jour­na­lis­ti­sche Erfah­run­gen. Letz­te­res viel­leicht nicht, aber ich habe schon in ZEIT ONLINE ver­öf­fent­licht und ich betreibe einen Blog. Das zählt bestimmt auch. Auf meine Mail mit Hin­weis auf den Blog kommt umge­hend eine Ant­wort: "Ihr Pro­fil könnte gut zu unse­ren Anfor­de­run­gen pas­sen, daher ist Ihre Bewer­bung in der nähe­ren Aus­wahl". Das ist natür­lich eine Quatsch­blase, das ist die Stan­dard­ant­wort. Kei­ner von denen wird sich in mei­nem Blog ein Bild von "mei­nem Pro­fil" gemacht haben.

Für das wirk­li­che Pro­fil wün­schen sie sich eine Pro­be­ar­beit, abzu­lie­fern als Word-Datei inner­halb einer Woche, "direkt an die Chef­re­dak­teu­rin", Vir­gi­nia M.. Ich darf wäh­len zwi­schen einem Text zu Sys­te­mi­schem Lupus Ery­the­ma­to­des und Zol­lin­ger-Elli­son-Syn­drom. Ein Text zu Defi­ni­tion, Syn­ony­men, Ursa­chen, Sym­pto­men (aus­for­mu­lierte Sätze, kein Auf­zäh­lungs­stil, die ein­zel­nen Sym­ptome im Text fett­ge­druckt her­vor­he­ben), Dia­gnose, Dif­fe­ren­ti­al­dia­gnose, The­ra­pie. Und all das in vier­hun­dert Wor­ten! Für das Zol­lin­ger-Elli­son-Syn­drom mag das ja noch ange­hen. Bei kom­ple­xe­ren Exo­tika wie dem Guil­lain-Barré-Syn­dom, nur um ein Bei­spiel zu nen­nen, wird das schon knapp. Es gibt noch Hin­weise zu häu­fi­gen Feh­lern. Zahl­rei­che Hin­weise, vor allem: "Uni­que Con­tent! Der Text darf kei­nes­falls kopiert oder abge­schrie­ben sein". Frage ich mich schon: Was kann es in der Medi­zin noch geben, was nicht schon tau­send Mal immer wie­der ähn­lich geschrie­ben und abge­schrie­ben wor­den ist?

Abschlie­ßend drei Zei­len zum Hono­rar: Nach "erfolg­rei­cher" Pro­be­ar­beit zah­len sie – zu Beginn – ein Hono­rar von 1,30 Cent. Je Wort. Eins. Komma. Drei. Null. Cent. Dies sei "stu­fen­weise stei­ge­rungs­fä­hig" auf bis zu 4,0 Cent. Je Wort. Vier. Komma. Null. "Je nach Qua­li­tät der gelie­fer­ten Texte". Okay. Ver­gol­den sieht anders aus. Vier­hun­dert kom­pakt aus­ge­feilte Worte, fun­diert, ver­ständ­lich und nicht abge­schrie­ben! Macht 5,20 Euro, stei­ge­rungs­fä­hig bis 16. Sech­zehn! Wahr­schein­lich inklu­sive Mehr­wert­steuer. Und dafür ohne Urhe­ber­rechte. Für 5,20 Euro die Stunde würde man sich ohne­hin kei­nen Anwalt zur Wah­rung der Urhe­ber­rechte leis­ten können.

Ver­mut­lich hatte der Redak­teur bei der ZEIT sol­che Ange­bote vor Augen. Oft wäre das Schrei­ben sehr frus­tie­rend, schrieb er in einer Mail. Wenn man auf das Schrei­ben zum Brot­er­werb ange­wie­sen sei.

In der Home­of­fice wäre das, auch im Schat­ten mit Blick auf Pal­men, Grund genug für ein Magen­ge­schwür. 5,20 Euro. Und wovon soll ich meine nächste Tank­fül­lung bezah­len? Nicht unbe­dingt Zol­lin­ger-Elli­son-Syn­drom, Magen­ge­schwür aber sicher. Was mir sei­ner­seits immer­hin das Pro­fil für die Secu­rité im Flug­ha­fen von Mar­seille ver­schaf­fen könnte. Ver­mut­lich auch nicht mehr als 5,20 Euro die Stunde.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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