Krebs

11. juillet 2015 Par Alleinerzieher

Bis heute Morgen noch hatte ich wahrscheinlich Krebs. Magenkrebs. Bösartige Erkrankungen kenne ich aus dem Studium. Magenkrebs hatte ich bestimmt schon mal. Die Grundsymptome der bösartigen Erkrankungen waren immer ähnlich: Appetitlosigkeit, Übelkeit, Gewichtsverlust. Dazu vielleicht leichtes Fieber, Nachtschweiß, diffuser Schmerz. Bei meinem Lungenkrebs kam noch ein hartnäckiger trockener Husten dazu. Über Wochen. Sehr störend bei der Vorbereitung auf die Prüfungen. Der Hirntumor ging zusätzlich mit Schwindel und Attacken stechenden Schmerzes von hinten direkt ins rechte Auge einher. Saufgelage konnten in sterbenselenden Zuständen nahe einem hepatischen Koma enden oder akuter Leberzirrhose, Stadium C nach Child. Die Leberzirrhose ihrerseits kann zu Leberkrebs führen. Zum Sterben reichte es trotz tiefster Überzeugung nie. Glücklicherweise verschwanden nach den Prüfungen alle meine schlimmen Krankheiten innerhalb kurzer Zeit weitgehend folgenlos. Restitutio ad integrum. Und das ohne jegliche Therapie. Oder ich vergaß einfach, wie krank ich eigentlich war.

Klarer Fall von studentischer Hypochondrie.

Inzwischen bin ich fast dreißig Jahre älter. Schließt die Hypochondrie nicht sicher aus. Ich weiß. Der Magenkrebs ist andererseits durch langfristige Exposition verschiedenster Risikofaktoren deutlich wahrscheinlicher geworden. Dazu seit Wochen Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Gewichtsverlust. Das Völlegefühl ist ein Spätsymptom. Zeit, meine Papiere zu ordnen. Ein ausgewogenes Testament. Der Großteil meines über ein ganzes Leben angehäuften irdischen Guts wird ohnehin über kurz oder lang im Container enden. Die Modalitäten der Hinterbliebenenrente abklären. Sie werden an meinem Sterbelager sitzen und weinen. Ich muß mir wohl noch ein paar markante letzte Worte zurechtlegen.

Meine Frau hat mir kurzfristig einen Termin mit dem Gastroenterologen ihrer Wahl im großen Hçopital von Toulon verschafft. 12:34 Uhr. Der Pfleger schließt den Blutdruck an, überwacht die Sauerstoffsättigung. Ein Beißschutz hält die Zähne auseinander. Eine Schwester reicht die Optik an. Der Schlauch, den man freiwillig schlucken soll oder einem zwischen Zunge und Gaumen in die Speiseröhre gepfriemelt wird, ist kleinfingerdick. Das wäre unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Sage ich den Patienten, die eine Narkose für die Gastroskopie haben wollen. Lokalanästhesie des Gaumens reicht eigentlich. Wer mehr braucht als eine Lokalanästhesie, ist ein Weichei. Letzteres sage ich meinen Patienten nicht, sollen sie aber zwischen den Zeilen verstehen. Eine Vollnarkose für einen harmlosen Zwei-Minuten-Eingriff ist nun wirklich übertrieben!

Ich muß mich auf die linke Seite legen, schräg über mir der Monitor. Hinter mir der Pfleger. Das wäre unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Höre ich den Lieblings-Gastroenterologen meiner Frau sagen. Zum dritten Mal bereits. Soll natürlich heißen: stell’ dich jetzt bloß nicht an. Dabei hatten wir gerade noch so nett geplaudert über unsere Krankenhäuser, die jeweiligen Kollegen, die nicht gerade rosige Zukunft meiner Provinzklitsche. Die vielen Dienste, den Kollegen, dessen Magenkarzinom so spät entdeckt wurde. Ich solle ruhig durch die Nase atmen. Wahrscheinlich würde mich der Pfleger in Position halten, sollte ich mich anstellen. Meine Epiglottis formatfüllend auf dem Monitor. Gleich wird es unangenehm. Ruhig durch die Nase atmen und nicht mehr schlucken, sagt der Pfleger wieder. Auf dem Monitor die Speiseröhre von innen, meine, dann der Magen. Schlucken macht Würgereiz. Durch die Nase atmen geht nicht. Geht einfach nicht. Da ist zu. Hauptsache atmen, Hauptsache ruhig atmen. Mein Magen sieht von innen aus wie ein normaler Magen. Am besten nicht Schlucken, ruhig atmen.

Ein paar Biopsien, ein paar Schluckversuche mit Würgereiz später ist es vorbei. Alles in Ordnung, sagt der Lieblings-Gastroenterologe. Wäre wohl doch nur der Streß. Bestimmt kein Krebs. Aber das verstünde er auch. Das Resultat der Biopsien in ein paar Wochen. Würde er dann meiner Frau mitgeben.

Klarer Fall von Hypochondrie.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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