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Zwei­tau­send Zei­chen gesteht mir die Redak­teu­rin zu. Den Fokus auf mei­nen Beruf, Anäs­the­sist, "gewürzt" mit Beson­der­hei­ten aus fran­zö­si­schem Kran­ken­haus­all­tag. Wünscht sich die Redak­teu­rin. Zwei­tau­send Zei­chen. Das ist nicht viel für gewürz­ten All­tag mit Fokus. Zwei­tau­send Zei­chen sind im fran­zö­si­schen Kran­ken­haus­all­tag schon gesagt, bevor der Tag über­haupt rich­tig anfängt.

Mein All­tag fin­det vor­wie­gend im bloc opé­ra­toire statt. Im OP. Da gibt es OP-Schwes­tern, die ab halb acht in ihrem Saal Instru­mente für ihre Chir­ur­gen aus­pa­cken, nett dra­piert auf ste­ri­lem Grün. Anäs­the­sie­per­so­nal, das die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Maschi­nen prüft, Sprit­zen vor­be­rei­tet und nett zu den Pati­en­ten im Vor­raum ist. Der Chir­urg hat sei­nen Auf­tritt typi­scher­weise um 8:45 Uhr. Also, um genau zu sein, nicht vor 8:45 Uhr. Der Anäs­the­sist ein biß­chen vor­her, ab halb neun. Nor­ma­le­ment. Bis dahin sind die Schwes­tern und Pfle­ger mit ihren Vor­be­rei­tun­gen längst fer­tig und war­ten in der Kaf­fee­kü­che. Rufen den jewei­li­gen Arzt auf sei­nem Por­ta­ble an: wir sind fer­tig, du kannst kom­men. Der Arzt sagt am Tele­fon "j'arrive". Wenn man ver­schla­fen hat und unter der Dusche erwischt wird, kann man "j'arrive" sagen. Das glei­che "j'arrive" würde man auch aus der Umkleide nebenan ver­kün­den. J'arrive umschreibt ein äußerst groß­zü­gi­ges zeit­li­ches Spek­trum. Alles ist drin von "sofort" bis "heute noch, ganz sicher". Das ist im Hôpi­tal nicht anders als mit dem Plom­bier, auf den man seit dem frü­hen Mor­gen ver­zwei­felt wartet.

Wenn ein Dok­tor "j'arrive" gesagt hat, kann das zuge­teilte Pfle­ge­per­so­nal sagen: "il arrive". Und schon gilt auch für sie das glei­che zeit­li­che Spek­trum. Groß­zü­gig. Das ist eigent­lich ganz ange­nehm. Wenn der Chef fragt, warum es nicht wei­ter geht, kann man sagen "il arrive". Das reicht völ­lig als Legi­ti­ma­tion. Und für einen Kaf­fee. Einen min­des­tens. Zum Kaf­fee im gro­ßen Kreis plau­dert es sich gut über Ein­zel­hei­ten des Menüs von ges­tern Abend, das Aus­wärts­spiel des RCT vom Sams­tag, die Kin­der, die aktu­elle Diät. Natür­lich auch über den span­nen­den Kai­ser­schnitt letzte Nacht und wie blöde das ist, daß man schon wie­der auf den Dok­tor war­ten muß. So wie immer eigent­lich. Dabei weiß der doch, daß er ein vol­les OP-Pro­gramm hat! Und daß der Chef da end­lich mal ein­grei­fen müßte.

Da sind zwei­tau­send Zei­chen schnell gesagt.

Zu mei­nem Auf­tritt, meist kurz nach halb neun, sit­zen die meis­ten Schwes­tern und Pfle­ger mit ihrem Kaf­fee in der Kaf­fee­kü­che. Alle Anwe­sen­den müs­sen geküßt wer­den. Alle. Alle wol­len geküßt wer­den. Bises links und rechts, salut, tout va bien? Dazu klei­ner Small­talk, klei­ner Scherz. Du bist aber schlecht rasiert heute! Wenn man jeman­den ver­gißt, muß man mit laut­star­kem Pro­test rech­nen. Alleine in die­sem Kon­text sind auch meine zwei­tau­send Zei­chen wahn­sin­nig schnell gesagt. Zwei­tau­send Zei­chen sind nur eine gute halbe Seite.

Frü­her war das anders. Frü­her, in einem Pro­vinz­kran­ken­haus des nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biets. Ende des letz­ten Jahr­tau­sends. Visite auf der Inten­siv­sta­tion halb acht. Halb acht! Steile Hier­ar­chie. Chef­arzt, Ober­ärzte, Fuß­volk. 7:31 Uhr. Ein geflüs­ter­tes "Guten Mor­gen". Zwölf Zei­chen. Dienst­be­ginn ist sie­ben Uhr drei­ßig, Herr Diehl. – Tut mir leid, Frau Chef­ärz­tin. Ich war im Stau wegen Unfall auf der Pro­vin­zi­al­straße. Noch­mal gut acht­zig Zei­chen. In der Kaf­fee­kü­che des OP saß mor­gens nie­mand. Kei­ner hatte Zeit zu sit­zen. Und geküßt wurde da ohne­hin nicht. Frü­her, zu Ende des letz­ten Jahr­tau­sends im nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biet, kam ich im Kran­ken­haus­all­tag mit zwei­tau­send Zei­chen pro­blem­los bis in die Kan­tine mittags.

Das sind nun 3.652 Zei­chen gewor­den. Bleibt abzu­war­ten, was die Redak­teu­rin dazu sagt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


8. Mai

Auch Redak­teu­rin­nen kön­nen nicht anders. Sie müs­sen ein­fach was weg­kür­zen. Sie haben ja schließ­lich auch Vor­ga­ben – andere Bei­träge, Wer­bung, Qua­drat­zen­ti­me­ter hier und da. Ich kann mit dem Resul­tat leben. Ist abge­druckt in der Mai-Aus­gabe der Riviera Zei­tung.

Hundescheiße

Mein Erst­ge­bo­re­ner mußte in sei­ner Schule in Nîmes einen Vor­trag hal­ten über Deutsch­land. Von mir wollte er per whats­app dazu wis­sen, was die Deut­schen von den Fran­zo­sen hal­ten. Gene­rell gesehen.

Was meint er? Meine per­sön­li­che Mei­nung? Ein­zel­hei­ten zu mei­nem Lieb­lings­thema fran­zö­si­scher Merk­wür­dig­kei­ten? Aus­füh­run­gen zum his­to­ri­schen "Erb­feind" sei­nes Urgroß­va­ters? Zum Frank­reich als Kul­tur­na­tion sei­nes Groß­va­ters väter­li­cher­seits? Daß wir den fran­zö­si­schen Käse so hoch­schät­zen? Den Wein? Bur­gund, Bor­deaux? Foie gras? Das Mit­tel­meer? Frank­reich als Urlaubs­ziel? Was wir von ihren Klap­per­kis­ten hal­ten? Peu­geot, Renault? Von ihren Prä­si­den­ten und deren Affä­ren? Von ihren Frauen, ihrer Sprache?

Schwie­rige Frage, wüßte er, schreibt er selbst. Wen­det sich wohl an mich, weil ich ja der Deut­sche bin in der Fami­lie. Viel­leicht hält er mich sogar für deut­scher als seine Mutter.

Der Deut­sche. Allein das ist schon schwie­rig. Gibt es ja nicht, den Deut­schen. Sowe­nig, wie es den Fan­zo­sen gibt. Viel­leicht, mit Ein­schrän­kun­gen, läßt sich ein Durch­schnitts­deut­scher kon­stru­ie­ren. Ein rein sta­tis­ti­sches Indi­vi­duum aus irgend­wie gemit­tel­ter Mei­nungs­welt. Der resul­tie­rende Durch­schnitts­deut­sche war mal in Paris viel­leicht, an der Côte d'Azur. Bei Paris denkt er an den Eif­fel­turm, Ver­sailles und den Lou­vre. Die Schlan­gen vor den Kas­sen. Der Kaf­fee für acht Euro am Hafen eines ehe­ma­li­gen Fischer­dorfs. Und Hun­de­scheiße auf den Geh­we­gen. An die Fran­zo­sen selbst denkt er ver­mut­lich nicht. Wenn es der Durch­schnitts­deut­sche aufs Gym­na­sium geschafft und ein paar Jahre Fran­zö­sisch gelernt hat, kann er sich an einen Auf­ent­halt als Aus­tausch­schü­ler erin­nern. Viel­leicht. Ich war auf dem Gym­na­sium, sehr durch­schnitt­lich, und hatte ein paar Jahre Fran­zö­sisch, auch sehr durch­schnitt­lich, war aber nicht auf Aus­tausch in Frank­reich. Der Durch­schnitts­deut­sche kann sich an das Chaos im All­tag sei­nes even­tu­el­len Aus­tauschs erin­nern. Den Stau über­all, das Ver­zö­gerte, immer funk­tio­niert irgend­et­was nicht. Oder ist zumin­dest anders. Anders eben als zuhause. Nous som­mes en France. Er erin­nert sich gerne an sei­nen Kuß mit einer Schü­le­rin in der Aus­tausch­klasse. Obwohl da ver­mut­lich nicht mehr war als der Kuß. Nichts, was ihn zum Ken­ner fran­zö­si­scher Frauen machen würde. Und er spricht ein biß­chen Fran­zö­sisch. Mehr als sein Aus­tausch­part­ner Deutsch immer­hin. Eng­lisch spra­chen sie beide gleich schlecht. Erin­nert sich an exzes­si­ves Essen, min­des­tens drei Gänge. Immer. Immer Vor­speise, Haupt­ge­richt, Nach­tisch. Nach dem ein­lei­ten­den Apéro, zu dem auch schon was geknus­pert wird. Kuli­na­ri­sche Exo­tika. Schne­cken, Frosch­schen­kel, foie gras, tau­send Sor­ten Käse. Baguette. Wahr­schein­lich denkt der Deut­sche vor allem ans Essen in Frank­reich. Wenn er vom "Leben wie Gott in Frank­reich" redet, bezieht er sich meist aufs Schlemmen.

Zehn Tage in Le Lavan­dou aller­dings teu­rer als drei Wochen in Anta­lya. Saint Tro­pez unbe­zahl­bar. Acht Euro der Kaf­fee. Und sowas von unfreund­lich die Bedie­nung. Der Rest ist egal. Und das trotz aller bila­te­ra­ler staat­li­chen Bemü­hun­gen um die deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft. arte bleibt mehr oder weni­ger eine Insider-Einrichtung.

Über google hatte ich statt der Mei­nung der Einen über die Ande­ren vor­wie­gend Fak­ten gefun­den, aller­lei ver­glei­chende Sta­tis­tik. In Frank­reich mehr Arbeits­lo­sig­keit als in Deutsch­land, mehr Kin­der pro Frau. 2013 mehr Hunde pro Ein­woh­ner, mehr Restau­rant­be­su­che. Weni­ger Aus­ga­ben für das Auto, mehr Eigen­heime. Weni­ger staat­li­che Inves­ti­tion in Aus­bil­dung und For­schung. So Sachen. Dabei durch­weg signi­fi­kante Unter­schiede. Das war aber nicht die Frage mei­nes Sohns.

Viel später stieß ich auf die Resul­tate einer Stu­die, die von der deut­schen Bot­schaft in Paris in Auf­trag gege­ben wor­den war. Die woll­ten es ganz genau wis­sen. Das Insti­tut français d'opinion publi­que – IFOP – ver­öf­fent­lichte im Januar 2013 schon die Stu­die "Regards croisés sur les rela­ti­ons franco-alle­man­des à l’occasion du 50ème anni­ver­saire du Traité de l’Elysée". Über­setzt von der Bot­schaft selbst: Der Blick auf den Nach­barn – Wie beur­tei­len Deut­sche und Fran­zo­sen 50 Jahre nach der Unter­zeich­nung des Élysée‐Vertrags die Bezie­hung zwi­schen ihren bei­den Ländern?

Im Prin­zip lag ich rich­tig mit mei­ner Ein­schät­zung. Der Durch­schnitts­deut­sche – im befrag­ten Kol­lek­tiv von gut 1.300 Per­so­nen – asso­zi­iert zum Begriff Frank­reich als ers­tes Paris und Eif­fel­turm. Dann Wein, Baguette, Essen im all­ge­mei­nen. Der Fran­zose selbst kommt nicht vor. Dem Fran­zo­sen – auch gut 1.300 befragte Per­so­nen – fal­len zum Begriff Alle­ma­gne die Stich­worte Angela Mer­kel, Bier, Ber­lin und Autos ein. In die­ser Rei­hen­folge. Dann, anders als die befrag­ten Deut­schen, sahen die befrag­ten Fran­zo­sen auch den Deut­schen. Als streng und unfle­xi­bel. Viel­leicht haben sie da auch wie­der nur Angela vor dem inne­ren Auge. Aber immer­hin sehen die Fran­zo­sen auch den Men­schen.

Letzt­end­lich trifft die Fra­ge­stel­lung der Stu­die auch nicht den Ansatz mei­nes Soh­nes: Was denkt der Deut­sche über den Fran­zo­sen? Der Deut­sche, der Durch­schnitts­deut­sche weiß, glaube ich, über die Fran­zo­sen nicht mehr als über die Grie­chen und die Polen. Die Grie­chen arbei­ten nicht und zah­len keine Steu­ern, die Polen klauen Autos. Und die Fran­zo­sen? Essen aus­gie­big und sam­meln die Scheiße ihrer Hunde nicht ein.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


12. Juni

Ziem­lich ähn­lich abge­druckt in der Juni-Aus­gabe der Riviera Zei­tung.

25. Sep­tem­ber

Und auch in deren Internetauftritt.