Cherepkivtsi

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему. Tol­s­toi. Im Ori­gi­nal. Anna Karenina. Die ers­ten Zei­len. Alle glück­li­chen Fami­lien glei­chen ein­an­der, jede unglück­li­che Fami­lie ist auf ihre eigene Weise unglück­lich. Ich kann nur die­sen einen Satz rus­sisch. Win­ter 1983. Auf dem Weg von Rumä­nien nach Polen. Nachts um eins mußte ich im ers­ten Bahn­hof auf der sowje­ti­schen Seite aus­stei­gen. Hatte kein Visum. Man hatte mir gesagt, im betref­fen­den Zug bräuchte man kein Visum, weil der abge­schlos­sen ein­fach durch die Sowjet­union durch­fah­ren würde bis Polen. Habe ich geglaubt. Auch glau­ben wol­len. Ziem­lich blauäugig.

Her­mann?

Ich heiße nicht Her­mann. Könnte aber sein. Mei­nen Eltern waren alle mög­li­chen denk­wür­di­gen Vor­na­men für ihre Söhne zuzu­trauen. Egal. Her­mann sitzt in sei­nem Ses­sel und macht nichts. Sitzt da und guckt. Denkt viel­leicht was. Im Hin­ter­grund wirkt die Gat­tin in der Küche, die Tür halb geschlos­sen, trip­pelt von rechts nach links.

Ja?

Was machst du da?

Wie meint sie das? Ich sitze da und mache nichts. Denke viel­leicht was. Obwohl, den­ken? Ich habe Bil­der vom letz­ten Ski-Urlaub vor Augen, Vor­stel­lun­gen von der bevor­ste­hen­den Reise nach Neu­see­land. Sowas. Ist das den­ken? Muß ich jetzt dar­über reden?

Nichts.

Nichts? Wieso nichts?

Muß ich denn immer was machen? Die ganze Zeit mache ich irgend­was. Arbei­ten, Haus­auf­ga­ben, Müll­raus­brin­gen. Ein­mal muß auch Pause sein dür­fen. Sit­zen ohne machen.

Ich mache nichts.

Gar nichts?

Nein.

In zehn Tagen flie­gen wir nach Neu­see­land. Wir tref­fen den Erst­ge­bo­re­nen und fei­ern die Hoch­zeit von Isa­bel­les und Jéjés Sohn. Wir wer­den Vul­kane sehen, in hei­ßen Quel­len am Strand baden, den einen oder ande­ren Ori­gi­nal­schau­platz aus Herr der Ringe besich­ti­gen. Drei­tau­send Kilo­me­ter fah­ren von Auck­land im Nor­den nach Queenstown im Süden. Die Land­schaft wird unglaub­lich schön sein. Sagen alle, die schon mal dort waren. Ziem­lich viel Schafe, ein paar Spu­ren von Urein­woh­nern. Kiwis. Wir wer­den Bil­der davon machen. Mit Land­schaft und Scha­fen. Meine Frau wird Sel­fies machen. Ich werde lächeln.

Über­haupt nichts?

Nein, ich sitze hier.

Du sitzt da?

Ja.

Aber irgend­was machst du doch?

Nein.

Denkst du irgendwas?

Ich hatte zur Sicher­heit doch ein paar Stan­gen Ziga­ret­ten – Kent, die wei­ßen von Kent – mit­ge­nom­men. Und ein paar Pfund Boh­nen­kaf­fee von Aldi. Gegen Kent, die wei­ßen von Kent, und Kaf­fee­boh­nen konnte man im spät­so­zia­lis­ti­schen Rumä­nien alles bekom­men, was es eigent­lich nicht gab. Mäd­chen wür­den ihre Unschuld dafür her­ge­ben, hieß es. Mit ein paar Nylon­strümp­fen als Zugabe. Ich hatte nie Nylon­strümpfe dabei. Schon weil ich mir nicht vor­stel­len konnte, daß die Mäd­chen, die mich inter­es­sier­ten, für ein paar Schach­teln Ziga­ret­ten und Nylon­strümpfe zu haben wären. Und die Mäd­chen, die viel­leicht für ein paar Schach­teln Ziga­ret­ten und Nylon­strümpfe zu haben gewe­sen wären, inter­es­sier­ten mich nicht.

Nichts beson­de­res.

Es könnte ja nicht scha­den, wenn du mal etwas spa­zie­ren gingest.

Nein, nein.

Letz­tes Jahr reis­ten unsere Musik­er­freunde wäh­rend der glei­chen zwei Wochen Febru­ar­fe­rien nach Indien. Zur Ein­stim­mung und Vor­be­rei­tung hat­ten sie sich zu Weih­nach­ten präch­tige Bild­bände geschenkt und ein paar Rei­se­füh­rer. Lei­der wäre die Reise bei­nahe schon in Paris zu Ende gewe­sen. Ohne Visa darf man nicht in den Flie­ger. Sie hat­ten ver­säumt, ihre schö­nen Rei­se­füh­rer auch zu lesen. Die Kapi­tel "Prak­ti­sche Hin­weise". Musi­ker eben. So etwas würde mei­ner Frau und mir nie pas­sie­ren. Dachte ich damals noch. Mir viel­leicht, nicht mei­ner Frau.

Ich bringe dir dei­nen Mantel.

Nein, danke.

Aber es ist zu kalt ohne Mantel.

Im Zug nach Posen bekam die erst­beste Uni­form zur Sicher­heit ein paar Schach­teln Kent. Das war der rumä­ni­sche Schaff­ner. Unnö­tige Ver­schwen­dung, dachte ich mir dann. Mein Rück­fahr-Ticket ers­ter Klasse Schlaf­wa­gen für umge­rech­net sech­zehn Mark war ohne­hin in Ord­nung. Zu spät. Mein Abteil war erstaun­lich sau­ber. Und erstaun­lich warm. Die Fens­ter konnte man nicht öff­nen. Na also, dachte ich. Stimmt ja wohl mit dem abge­schlos­se­nen Zug durch die Sowjet­union. Nicht wirk­lich viel spä­ter hielt der Zug im Nir­gendwo. Ringsum nur Schnee im Mond­schein. Wahr­schein­lich war das die Grenze zur Ukraine.

Ich gehe ja nicht spazieren.

Aber eben woll­test du doch noch?

Nein, du woll­test, daß ich spa­zie­ren gehe.

Ich? Mir ist es doch völ­lig egal, ob du spa­zie­ren gehst.

Die nächs­ten Uni­for­men waren sowje­ti­sche. Woll­ten meine Papiere sehen. Ich hatte keine außer mei­nem Paß, dem Schlaf­wa­gen­ti­cket und einer selbst­ge­fälsch­ten rumä­ni­schen Aus­rei­se­er­laub­nis. Per­so­nal­aus­weis, Füh­rer­schein? Woll­ten sie nicht. Meine Kaf­fee­boh­nen und meine Kent wink­ten sie rou­ti­niert ab. Über­zeugte Patrio­ten. Ich mußte erken­nen, daß meine exo­ti­sche Ziga­ret­ten­marke nur in Rumä­nien Wun­der bewir­ken konnte. Auch meine Camel zum Eigen­be­darf konn­ten das feh­lende Tran­sit­vi­sum lei­der nicht ersetzen.

Gut.

Ich meine nur, es könnte dir nicht scha­den, wenn du mal spa­zie­ren gehen würdest.

Nein, scha­den könnte es nicht.

Meine Frau kann es nur ganz schlecht aus­hal­ten, wenn sie alleine "im Haus was machen muß" – Wäsche, wischen, kochen. Als ob ich nie was im Haus machen würde – Wäsche, wischen, kochen. Wenn sie wischt, werde ich meis­tens dazu ange­hal­ten, die Asche aus dem Kamin zu holen oder mich wenigs­tens um das Mit­tag­essen zu küm­mern. Wenigs­tens. Und wann ich denn mal wie­der was schrei­ben würde in mei­nem Blog. Mir fällt eben nichts mehr ein. Demenz würde nicht unbe­dingt zur Krank­heit gehö­ren, meint sie. Bra­dy­phre­nie aber, erwi­dere ich. Das Den­ken geht noch, aber langsamer.

Also, was willst du denn nun?

Ich möchte hier sitzen.

Du kannst einen ja wahn­sin­nig machen.

Ach.

Im nächs­ten Bahn­hof mußte ich aus­stei­gen. Und saß dann in Was-weiß-ich-wo jen­seits der rumä­ni­schen Grenze. Den Namen der Sta­tion habe ich ver­ges­sen, wenn ich ihn über­haupt mal kannte. Wahr­schein­lich Che­rep­kivtsi. Mußte auf den Zug zurück nach Suceava war­ten. Die rie­sige Bahn­hofs­halle war warm, fast zu warm. Ich mußte eine neue Fahr­karte kau­fen gegen schöne Dol­lars zum offi­zi­el­len Kurs. Bekam gegen mei­nen Zwan­zig-Dol­lar-Schein keine Rubel, son­dern nur ein paar rumä­ni­sche Mün­zen und eine spe­ckige zehn-Lei-Note zurück. Rubel als Wech­sel­geld würde ich ja ohne­hin nicht aus­füh­ren dür­fen. Lehr­geld. Bis zur Abfahrt mei­nes Zugs zurück hatte ich noch gut drei Stun­den zu warten.

Erst willst du spa­zie­ren gehen, dann wie­der nicht. Dann soll ich dei­nen Man­tel holen, dann wie­der nicht. Was denn nun?

Ich möchte hier sitzen.

Und jetzt möch­test du plötz­lich da sitzen.

Gar nicht plötz­lich. Ich wollte immer nur hier sitzen.

Was willst du eigent­lich in Neu­see­land, wollte ich von mei­nem Erst­ge­bo­re­nen wis­sen. Da gibt's doch nichts außer Scha­fen, Hob­bits und Bun­gee-Sprin­ger. Mein Sohn wider­sprach ganz ent­schie­den. Die Natur! Ok, das sagen sie alle. Und vor allem, Neu­see­land wäre ja auf der Süd­halb­ku­gel. Wenn ihr es hier kalt und unan­ge­nehm habt, habe ich den schöns­ten Som­mer, warm und Sonne. Süd­halb­ku­gel stimmt. Auck­land im Nor­den ist vom Äqua­tor so weit ent­fernt wie zum Bei­spiel Tunis. Queenstown im Süden wie Lyon. Der Som­mer dort hat jedoch nichts mit dem Som­mer von Tunis oder Lyon gemein­sam. Kli­ma­mä­ßig. Eher Dub­lin oder Hel­sinki. Unter 25 Grad. Regen jeden zwei­ten Tag. Von wegen Som­mer. Ich glaube, mein Sohn wollte ein­fach nur ganz weit weg.

Sit­zen?

Ich möchte hier sit­zen und mich entspannen.

Wenn du dich wirk­lich ent­span­nen woll­test, wür­dest du nicht dau­ernd auf mich einreden.

Ich sag’ ja nichts mehr.

Die War­te­zeit störte mich nicht wei­ter, ich saß ja schön im War­men und hatte was zu lesen dabei. Anna Karenina. Und kam ins Gespräch mit gelan­ge­weil­tem uni­for­mier­tem Per­so­nal, soweit mein noch sehr kom­pak­ter rumä­ni­scher Wort­schatz das eben zuließ. Wir plau­der­ten über Rumä­nien, Ceaușescu, das erbärm­li­che Leben im rumä­ni­schen Sozia­lis­mus, meine Fami­lie in Deutsch­land. Und natür­lich über Tolstoi.

Jetzt hät­test du doch mal Zeit, irgend­was zu tun, was dir Spaß macht.

Ja.

Liest du was?

Die Ath­mo­sphäre war nett. Ent­spannt. Lew Niko­la­je­witsch Tol­s­toi gehört zu den größ­ten Schrift­stel­lern aller Zei­ten. Wir waren uns einig. Wahr­schein­lich war ich der erste Kapi­ta­list, der seit dem Krieg in die­sem Grenz­bahn­hof aus­ge­stie­gen war. Einer der Beam­ten schrieb mir die ers­ten Zei­len auf rus­sisch in mein Buch. Glaubte ich zumin­dest. Hat er mir zumin­dest als den Ori­gi­nal­text ver­kauft. Aber, wie gesagt, ich war ja blau­äu­gig. Das war dem Per­so­nal sicher auch auf­ge­fal­len. Will ohne Visum durch die Sowjet­union! Blau­äu­gi­ger geht ja wohl gar nicht!

Im Moment nicht.

Dann lies doch mal was.

Nach­her. Nach­her vielleicht.

Hol dir doch die Illustrierten.

Ich möchte erst noch etwas hier sitzen.

Vor ein paar Tagen ist mei­ner Frau beim Stu­dium der prak­ti­schen Sei­ten des Rei­se­füh­rers sie­dendheiß auf­ge­fal­len, daß wir für Neu­see­land inter­na­tio­nale Füh­rer­scheine benö­ti­gen. Zu unse­ren deut­schen Füh­rer­schein­kar­ten stellt uns das nie­mand aus. Nicht mal das Kon­su­lat in Mar­seille kann hel­fen. Wenn Sie kei­nen Wohn­sitz in Deutsch­land mehr haben, müs­sen Sie Ihren deut­schen Füh­rer­schein gegen einen fran­zö­si­schen ein­tau­schen. Und sich dann dazu einen inter­na­tio­na­len holen. Geschätz­ter zeit­li­cher Auf­wand drei Monate. Alter­na­tiv dazu rei­chen auch auto­ri­sierte Über­set­zun­gen. In Neu­see­land auto­ri­sierte Über­set­zun­gen. Die man vor Ort wahr­schein­lich inner­halb von ein paar Stun­den haben könnte. Man würde Tou­ris­ten ja nicht mit läp­pi­schen For­ma­li­tä­ten ver­grau­len. Die haben ja nichts außer Scha­fen, Hob­bits und Tou­ris­ten. Meine Frau wollte es jedoch nicht dar­auf ankom­men lassen.

Soll ich sie dir holen?

Nein, nein, vie­len Dank.

Will der Herr sich auch noch bedie­nen las­sen, was? Ich renne den gan­zen Tag hin und her. Du könn­test wohl ein­mal auf­ste­hen und dir die Illus­trier­ten holen.

Ich möchte jetzt nicht lesen.

Mal möch­test du lesen, mal nicht.

Der Ober­auf­se­he­rin im Bahn­hof, erkennt­lich an mehr Pelz an der Mütze, Ster­nen auf den Schul­tern und kli­schee­kon­for­mem Auf­se­her­auf­tre­ten, gefiel die offen­sicht­li­che Fra­ter­ni­sie­rung ihres Per­so­nals mit dem Ein­dring­ling aus kapi­ta­lis­ti­schem Aus­land nicht. Sie ver­bannte mich in eine immer noch große, aber zugige Vor­halle. Unbe­heizt. Kon­ti­nen­tal­win­ter. Meine rudi­men­tä­ren Rus­sisch­kennt­nisse sind hart erkauft.

Ich möchte ein­fach hier sitzen.

Du kannst doch tun, was dir Spaß macht.

Das tue ich ja.

Dann quen­gel doch nicht dau­ernd so rum. Her­mann? … Bist du taub?

Nein, nein.

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему – Nie­der mit der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Rumä­ni­ens und dem ein­ge­bil­de­ten Schus­ter­lehr­ling an ihrer Spitze! Hätte auch sein kön­nen. 1983 gab es google noch nicht. In die­sem Fall hät­ten im Rah­men einer vor­stell­ba­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit rumä­ni­schen Grenz­be­am­ten meine Kaf­fee­boh­nen von Aldi und die exo­ti­schen Ziga­ret­ten zum schla­gen­den Argu­ment wer­den kön­nen. Hat aber kei­ner kon­trol­liert. Der rumä­ni­sche Zoll­be­amte inter­es­sierte sich nicht für fremd­sprach­li­che Literatur.

Du tust eben nicht, was dir Spaß macht. Statt­des­sen sitzt du da.

Ich sitze hier, weil es mir Spaß macht.

Sei doch nicht gleich so aggressiv.

Ich bin doch nicht aggressiv.

Warum schreist du mich dann so an?

ICH SCHREIE DICH NICHT AN!

32 (zwei­und­drei­ßig) Stun­den dau­ert die Reise nach Auck­land. Viel­leicht fällt mir unter­wegs was für den Blog ein.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Agnès

.

r sowas bin ich nun gar nicht der Rich­tige. Lei­der. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu ner­ven. So oft werde ich auch gar nicht um medi­zi­schen Rat gefragt. Meis­tens werde ich um Rezepte gebe­ten oder Cer­ti­fi­cats médicaux zur Teil­nahme an mehr oder weni­ger kom­pe­ti­ti­vem Sport. Mache ich ohne War­te­zim­mer und ohne zu mur­ren. Kos­ten­neu­tral. Pas de pro­blème.

Ich per­sön­lich betreibe prag­ma­ti­sche Sofort­med­zin. Und glaube daran. In mei­nen Schub­la­den habe ich rich­tige Medi­ka­mente. Ich inji­ziere was und das wirkt sofort. Sofort und signi­fi­kant. Der Inter­nist hat ja auch Medi­ka­mente, der Der­ma­to­loge Crè­mes und Tink­tu­ren. Das dau­ert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch zu wenig, zuviel, anders, uner­wünscht. Mal abge­se­hen von Che­mo­the­ra­pie. Das wirkt auch sofort. Die meis­ten kot­zen inner­halb von Stun­den. Da sieht man wenigs­tens Wir­kung. Meine Mole­küle wir­ken sofort, inner­halb von Sekun­den, man­che schon in win­zi­gen Men­gen. Im ein­stel­li­gen Mikro­gramm­be­reich. Ein Mikro­gramm ist ein Mil­li­ons­tel Gramm. Ein Strand­sand­korn, zum Ver­gleich, wiegt immer­hin zwei­hun­dert Mikro­gramm. Mil­li­ons­tel Gramm erzeu­gen Wir­kung in der Aber-hallo-Kate­go­rie. Meis­tens ziemlich genau so, wie ich mir das vor­stelle. Wenn jemand schla­fen soll, schläft er in weni­ger als einer Minute. Von sol­chem Poten­tial kön­nen Inter­nist und Der­ma­to­loge nur träumen.

Beim Homöo­pa­then bin ich mir nicht ein­mal sicher, ob er sich bei sei­nen Tees und Kügel­chen ernst­haft eine nach­weis­bare Wir­kung vor­stellt. Mal abge­se­hen von der, die er im Rah­men teu­rer Séances zu indok­tri­nie­ren sucht. Die Kügel­chen und Tröpf­chen sind ja so mole­kül­arm im ver­mu­te­ten Wirk­stoff, daß man wahr­schein­lich nicht mal all­er­gisch dar­auf reagie­ren kann. Die arbei­ten, wenn ich mich recht erin­nere, mit Ver­dün­nun­gen, die einer Tee­löf­fel­menge im Mit­tel­meer ent­spre­chen. Grö­ßen­ord­nungs­mä­ßig viel­leicht so wie unser Mond in der Milch­straße. Und auch das nur ab dem drit­ten Vier­tel des zuneh­men­den Monds. Bleibt die Hoff­nung auf den Pla­ce­bo­ef­fekt. Macht mei­nes Wis­sens bis zu drei­ßig Pro­zent der medi­zi­ni­schen Wir­kung aus. Außer in der Sofort­me­di­zin. In mei­nen Schub­la­den gibt es kei­nen Placeboeffekt.

Auf Wunsch mei­ner Frau, in der Hoff­nung auf eine Reduk­tion mei­ner angeb­li­chen Schlaf­ge­räu­sche, besuchte ich vor Jah­ren schon den HNO- Spe­zia­lis­ten ihrer Wahl. Der ver­mu­tete eine all­er­gi­sche Dis­po­si­tion, die sich sogar labor­me­di­zi­nisch nach­wei­sen ließ. Posi­ti­ves "Pha­dia­top". Nie gehört zuvor. Kommt nicht vor in mei­nem kli­ni­schen All­tag. Seitdem befinde ich mich in all­er­go­lo­gi­scher Behand­lung. Beim erst­bes­ten All­er­go­lo­gen mei­nes Centre hos­pi­ta­lier. Jede Monats­mitte die Sub­ku­tan-Desen­si­bi­li­sie­rung mit einer hoch­ver­dünn­ten und irgend­wie behan­del­ten All­er­gen­lö­sung. Wenn mein Fläsch­chen vor der Zeit leer ist, nimmt Schwes­ter Agnès ein­fach das eines ande­ren Pati­en­ten. Sowieso über­all das Glei­che drin, sagt sie. Alle All­er­gi­ker sind all­er­gisch auf Mil­ben und die eine oder andere getes­tete Polle. Und die All­er­gene sind sich oft auch ganz ähn­lich. Sagt der All­er­go­loge. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprech­stunde Mon­tag Nach­mit­tag. Ob es denn bes­ser gewor­den wäre? Was eigent­lich, frage ich mich immer, das Pha­dia­top? Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Ich brau­che weni­ger Anti­bio­tika mittler­weile. Stimmt sogar. Und der All­er­go­loge will ja was Posi­ti­ves hören. Weil mit der monat­li­chen Injek­tion sein Poten­tial erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kor­ti­son? Will ich nicht. Ich würde mir ein Medi­ka­ment so wie aus mei­nen Schub­la­den wün­schen. Prag­ma­ti­sche Sofortmedizin.

Ich bin also nicht der rich­tige Ansprech­part­ner für einen Hin­weis auf einen kom­pe­ten­ten All­er­go­lo­gen oder Homöo­pa­then. Mein All­er­go­loge ist der Erst­beste. Homöo­pa­then traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim All­er­go­lo­gen und dem Homöo­pa­then so wie beim Psy­cho­coach vor allem auf zwi­schen­mensch­li­che Qua­li­tä­ten an. Die Aus­strah­lung. Der Rest ist Glaubenssache.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

3947 Zei­chen für Aila. Zum Abdruck in der Mai/Juni-Aus­gabe der Riviera-Zeit.


Die ursprüng­li­che Ver­sion, gut zwei­tau­send Zei­chen mehr. Zuviel für die Kolumne. Der Voll­stän­dig­keit halber.

Chris­tiane!

für sowas bin ich nun gar nicht der rich­tige. Lei­der. Ich würde Ihnen gerne hel­fen. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu ner­ven. So oft werde ich auch gar nicht um medi­zi­schen Rat gefragt. Meis­tens werde ich um Rezepte gebe­ten oder Atte­sta­ti­ons médi­ca­les zur Teil­nahme an mehr oder weni­ger kom­pe­ti­ti­vem Sport. Mache ich gerne und ohne zu mur­ren. Ich kann mir vor­stel­len, wie das ist, über Stun­den, das Kind schon lange hung­rig oder müde oder bei­des, im muf­fi­gen War­te­zim­mer des Haus­arz­tes zu hocken. Nur, um ein paar blöde Fra­gen gestellt zu bekom­men, einen Blu­druck gemes­sen und end­lich die Beschei­ni­gung aus­ge­stellt. Kann ich abkür­zen. Pas de pro­blème.

Ich würde Ihnen ja so gerne hel­fen, aber das passt so rein gar nicht zu mei­ner Art von Medi­zin. Ich betreibe prag­ma­ti­sche Sofort­med­zin. Und glaube daran. In mei­nen Schub­la­den habe ich rich­tige Medi­ka­mente. Ich spritze was und das wirkt sofort. Das wirkt sofort und signi­fi­kant. Der Inter­nist hat ja auch Medi­ka­mente, der Der­ma­to­loge Sal­ben und Crè­mes und Tink­tu­ren. Das dau­ert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch nicht mal so, wie man es sich wün­schen würde. Zuwe­nig, zuviel, anders, uner­wünscht. Mal abge­se­hen von Che­mo­the­ra­pie. Das wirkt auch sofort. Die meis­ten kot­zen inner­halb von Stun­den. Da sieht man wenigs­tens Wir­kung. Obwohl dies ja eher in die Kate­go­rie "uner­wünscht" fällt. Aber immer­hin Wir­kung. Meine Mole­küle wir­ken sofort, wie gesagt, inner­halb von Sekun­den oder Minu­ten, man­che schon in win­zi­gen Men­gen. Im Mikro­gramm­be­reich. Ein Mikro­gramm, für die Arith­mo­pho­bi­ker unter uns, ist ein Mil­li­ons­tel Gramm. Ein Strand­sand­korn, zum Ver­gleich, wiegt immer­hin zwei­hun­dert Mikro­gramm. Mil­li­ons­tel Gramm erzeu­gen Wir­kung in der Aber-hallo-Kate­go­rie. Meis­tens auch so, wie ich mir das vor­stelle. Manch­mal zuviel, gele­gent­lich zuwe­nig, sel­ten anders, noch sel­te­ner uner­wünscht. Wenn Sie schla­fen sol­len, schla­fen Sie in weni­ger als einer Minute. Von sol­chem Poten­tial kön­nen Inter­nist und Der­ma­to­loge nur träumen.

Beim Homöo­pa­then wäre ich mir nicht ein­mal sicher, ob er sich bei sei­nen Tees und Kügel­chen und was er da sonst noch im Reper­toire hat, über­haupt eine nach­weis­bare Wir­kung vor­stel­len kann. Mal abge­se­hen von der, die er im Rah­men teu­rer Séan­cen sei­ner Kli­en­tel zu indok­tri­nie­ren sucht. Die Behand­lung von All­er­gien zum Bei­spiel, Hist­amin­in­to­le­ranz oder Fibro­my­al­gie. Geschich­ten eben, wo die Lehr­me­di­zin frü­her oder spä­ter auf­gibt. Seien Sie froh, daß Sie keine Fibro­my­al­gie haben. Das ist anstren­gend. Für alle Betei­lig­ten. Ob der Homöo­path bei All­er­gie, Hist­amin­in­to­le­ranz oder Fibro­my­al­gie hel­fen kann, mag dahin­ge­stellt blei­ben. Des­sen Kügel­chen und Tröpf­chen sind ja so mole­kül­arm im ver­mu­te­ten Wirk­stoff, daß man wahr­schein­lich nicht mal all­er­gisch dar­auf reagie­ren kann. Die arbei­ten, wenn ich mich recht erin­nere, mit Ver­dün­nun­gen, die einer Tee­löf­fel­menge im Mit­tel­meer ent­spre­chen. Grö­ßen­ord­nungs­mä­ßig viel­leicht so wie unser Mond in der Milch­straße. Und auch das nur ab dem drit­ten Vier­tel des zuneh­men­den Monds. Okay, viel­leicht wie unser Son­nen­sys­tem in der Milch­straße. Egal. Das eine kann man sich so wenig wie das andere vor­stel­len. Auch ohne Dys­kal­ku­lie. Bleibt die Hoff­nung auf den Pla­ce­bo­ef­fekt. Macht mei­nes Wis­sens bis zu drei­ßig Pro­zent der medi­zi­ni­schen Wir­kung aus. Außer in der Sofort­me­di­zin. In mei­nen Schub­la­den gibt es kei­nen Pla­ce­bo­ef­fekt. Da ist alles echt.

Auf Wunsch mei­ner Frau, im Hin­blick auf eine Ver­bes­se­rung mei­ner audi­tiven Kapa­zi­tä­ten und vor allem in der Hoff­nung auf eine Reduk­tion mei­ner angeb­li­chen Schlaf­ge­räu­sche, besuchte ich vor Jah­ren schon den Spe­zia­lis­ten für otor­hi­no­la­ryn­go­lo­gi­sche Heil­kunde, ORL. HNO in Mit­tel­eu­ropa. Den Spe­zia­lis­ten ihrer Wahl. Der dia­gnos­ti­zierte "min­der­wer­tige Schleim­haut" und dazu pas­send eine all­er­gi­sche Dis­po­si­tion, die sich sogar labor­me­di­zi­nisch nach­wei­sen ließ. Posi­ti­ves "Pha­dia­top". Nie gehört zuvor. In mei­nem kli­ni­schen All­tag kommt das Pha­dia­top nicht vor. Seit Jah­ren schon befinde ich mich trotz­dem in all­er­go­lo­gi­scher Behand­lung. Beim erst­bes­ten All­er­go­lo­gen mei­nes Centre hos­pi­ta­lier. Desen­si­bi­li­sie­rung. Jede Monats­mitte die Sub­ku­ta­nin­jek­tion einer hoch­ver­dünn­ten und irgend­wie behan­del­ten All­er­gen­lö­sung. Wenn mein Fläsch­chen mal wie­der vor der Zeit leer ist (wie kann das nur kom­men?), nimmt Schwes­ter Agnès ein­fach die Ampulle eines ande­ren Pati­en­ten. Sowieso über­all das Glei­che drin, sagt sie. Alle All­er­gi­ker sind all­er­gisch auf Mil­ben und die eine oder andere getes­tete Polle. Und die All­er­gene sind sich oft auch ganz ähn­lich. Sagt der zustän­dige All­er­go­loge, der zweite Nach­fol­ger inzwi­schen. Fragt man sich, warum dann knapp zwan­zig ver­schie­dene All­er­gene getes­tet wur­den. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprech­stunde Mon­tag Nach­mit­tag. Ob es denn bes­ser gewor­den wäre? Was eigent­lich, frage ich mich dann immer. Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Weni­ger Neben­höh­len­pro­bleme hätte ich mitt­ler­weile, weni­ger Anti­bio­ti­ka­be­darf. Stimmt sogar. Der will ja was Posi­ti­ves hören, der All­er­go­loge. Weil mit der monat­li­chen Injek­tion sein Poten­tial bereits erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kor­ti­son? Oder er kann mir noch ein paar Jahre Sun­ku­ta­nin­jek­tion drauf­schla­gen. Will ich das? Ich würde mir ein Medi­ka­ment so wie aus mei­nen Schub­la­den wün­schen. Prag­ma­ti­sche Sofortmedizin.

Ich bin, liebe Christiane,

also nicht der rich­tige Ansprech­part­ner für einen Hin­weis auf einen kom­pe­ten­ten All­er­go­lo­gen und/oder Homöo­pa­then. Mein All­er­go­loge ist, wie gesagt, der Erst­beste. Und ich befürchte mal, sie sind alle so. Zu weit weg von Ihnen zudem. In Ihrer Gegend wüßte ich schon gleich gar nie­man­den. Homöo­pa­then traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim All­er­go­lo­gen so wie beim Psy­cho­coach und dem Gynä­ko­lo­gen vor allem auf zwi­schen­mensch­li­che Qua­li­tä­ten an. Die Aus­strah­lung. Beim Gynä­ko­lo­gen viel­leicht noch le tou­cher. Nicht zuviel davon und nicht zu wenig. Das ist sehr indi­vi­du­ell. Und, man muß daran glauben.