Sixpack

Früher Freitag Abend. Vor der Tür drei Männer in Arbeitskleidung. In authentischer Ausstattung leicht erkenntlich als les éboueurs, die Müllmänner. Zum Jahresende warnt die Gemeinde gelegentlich vor falschen Kalenderboten. Diese sind mit Sicherheit echt. Sie sind zu dritt. Betrüger kommen angeblich meistens alleine. Und sind auch nicht so authentisch ausgestattet mit Reflektorstreifen an Beinen und Armen. Die Herren erinnern sich außerdem an die ausschweifenden Sommerfeste meines Sohns bis in die frühen Morgenstunden. Einer trägt einen Packen Kalender unter dem Arm. Die Kalender, jetzt schon? Mitte November? Trifft mich unvorbereitet. Normalerweise habe ich kleine Umschläge. Kärtchen mit netten Worten. Dank für die Mühen das ganze Jahr über, herzliche Wünschen zu Jahresendfeierlichkeiten und dem Neuen Jahr. Dazu Schecks. Ja, dieses Jahr ein bisschen früher, die Kollegen von der Post hätten ja auch schon die Runde gemacht.

2003. Früher Nach­mittag im Spätsommer. Mis­tral. Das ist Wind aus dem Westen. Richtiger Wind. Sieste auf dem Sofa im Salon. Stimmen auf der Ter­rasse wecken mich. Ich ver­stehe kein Wort. Die Ton­lage etwas auf­ge­regt. Der Sohn, damals sieben, und sein Kumpel aus der Nach­bar­schaft. Sie tuscheln, werden lauter. Auf­ge­regt, einer fällt dem anderen ins Wort. Kommt vor. Jungs in diesem Alter haben immer wieder irgend­welche Dis­kus­sionen. Um Holz­schwerter, Bälle, Spiel­re­geln. Murmeln gehen verloren und der andere hat Schuld. Vermutlich kein Hand­lungs­be­darf mei­ner­seits. Eltern sollen sich nicht immer einmischen. Und außerdem schlafe ich gerade. Wenn einer ver­letzt wäre, würde auch zumindest einer weinen. Wenn sie ein Pflaster bräuchten, ständen sie schon längst vor meinem Sofa. Was soll schon pas­sieren? Wir wohnen am Ende einer Sack­gasse. Von der Tür aus sehen sie, dass Papa schläft. Il dort. Das Tuscheln der Jungs ent­fernt sich wieder. Dachte ich mir doch, kein Hand­lungs­be­darf. Das nächste Mal bringen sie ihre Diskussion bitte außer Hörweite auf der Terrasse zu Ende.

Der Kalender der Müllmänner ist in aller Regel ein Modell äußerst ökonomischer Ausstattung. Ein Karton DIN A 4, Postkartenansicht vom Dorf, Meilleurs Vœux für 2018, ein Kalender aufgetackert. Gefragt, wieviel sie dafür haben wollen, würden sie antworten comme vous voulez, wie Sie wollen. Das Ding ist eigentlich nicht mehr als fünfzig Cent wert. Ich frage nicht. In meinem Umschlag finden sie regelmäßig einen Scheck über einen gut zweistelligen Betrag. Dafür entsorgen sie widerspruchslos jeglichen Unrat. Sie würden ein verendetes Pferd ebenso mitnehmen wie schädlingsverseuchte Palmen. Wäre sonst Sondermüll. Dieser Großmut ist Gold wert.

Papa!

Papa!

Was denn? Jetzt also doch. Meiner kleiner Sohn und sein copain plötzlich direkt an meinem Sofa. Obwohl ich doch schlafe. Ganz auf­ge­regt die beiden. Der copain steht einen Schritt schräg hinter meinem Sohn. Sie haben was angestellt und wissen nicht, wie sie es erklären können, ohne dass zuviel Schuld auf sie fällt. Mein Sohn fängt Sätze an und findet den Inhalt nicht. Sie haben was gefunden. On l’a trouvé. Was auch immer. Wird sich bestimmt noch zeigen. Am Straßenrand zur Wiese. Gegenüber unserer Einfahrt befindet sich eine Art Fußballfeld. Etwas halbherzig unterhalten. Könnte öfter mal gemäht werden. Dient vorwiegend als Hundewiese. Freiwillig würde ich da nicht reinlaufen. Jugendliche kommen im Sommer gerne zum Vorglühen am Samstag Abend hierher. Kommen auch gerne Sonntag früh morgens wieder, sehr früh morgens, um den Abend ausklingen zu lassen. Gelegentlich bersten Bierflaschen auf der Straße. In den Hecken zu den Nachbargrundstücken kann man gebrauchte Spritzen und Kanülen finden. Die Jungs haben was gefunden. Also der copain hat es gefunden. Und dann ist es auf den Boden gefallen. Mais on n’a pas fait exprès, aber das war keine Absicht. Und nur, weil da ein Loch in der Hosen­ta­sche war. Also in der Hosen­ta­sche des copain. Also eigentlich ist der copain schuld. Ganz klar, das habe ich kapiert. Und sie haben es ja auch nur gefunden. Und es war noch was drin. Mais on n’a pas su, aber das wussten sie natürlich nicht. Klingt nicht so, als wenn es sich um Junkie-Zubehör handeln würde. Was kann das schon sein? Und dann ging es ganz schnell, wirft der copain ein, und sucht gleich wieder Schutz hinter meinem Sohn. Jetzt sei es schon bei der Pinie. Und sie haben es versucht, aber es ist so heiß. On arrive pas à l’éteindre. Sie kriegen es nicht gelöscht. Mais… –

Aus einer seiner Gepäcktaschen fördert Éric einen Packen Kalender zur Auswahl. Almanach du facteur. Éric ist der neue Postbote. Wir treffen uns ganz selten und rein zufällig am Briefkasten. Wenn es was zu unterschreiben gibt, treffen wir uns in aller Regel nicht. Kann dann am nächsten Tag, nicht jedoch vor 16 Uhr, im Postamt abgeholt werden. Der Almanach ist mit klassischen Motiven dekoriert. Blumen, Landschaften, Katzen, Hunde, Eiffelturm, Sonnenuntergang. Innen Rezepte, eine Tabelle zu Sonnen- und Mondauf- und -untergängen, wichtige Telefonnummern, eine Karte des Département und Plänen der wichtigsten Städte von Fréjus bis Bandol. Meine Tochter würde Pferde wählen. Irgendwo in diesem Packen muss auch der Almanach mit Pferden sein. Umschlag. Scheck niedrig, immerhin zweistellig. Solange ich meine Post am nächsten Tag, nicht jedoch vor 16 Uhr, irgendwo abholen muss, gibt es für Éric keinen signifikanten Bonus.

Gelöscht? Das klingt nicht gut! Wahrscheinlich findet meine Sieste hiermit definitiv ihr Ende.

Das war nur ganz klein!

Was war nur ganz klein?

On n’a pas fait exprès. Das war aus Versehen! Weil es runtergefallen ist.

Wo denn?

Da war ein Loch in der Hosentasche.

Schon klar. Und ihr habt es auch nur gefunden. Und dass noch was drin war, konntet ihr auch nicht wissen.

Der Zeitungsbote tackert seine Neujahrswünsche in selbst bedrucktem Postkartenformat an das journal. Und wünscht sich im gleichen Atemzug und in verwegener Orthographie eine kleine Anerkennung seiner unermüdlichen Dienste. Zehn Tage später eine Mahnung, wenn die Wünsche nicht Gehör gefunden haben sollten. Umschlag, Scheck. Besser nicht zu knapp. Ich könnte mich zwar beschweren, müsste das journal aber sicher noch öfter aufgeweicht aus der Hecke fischen. Es ist eine Frage des längeren Hebels.

Die Wiese brennt. Viel­mehr das, was von einer Wiese nach einem tro­ckenen Sommer übrig ist. Die Wiese hat das Format eines Fußballfelds. Rechts eine Garagenzeile, links Grenzhecken, Bambus, Buschwerk, kleine Bäume. Ein Glut- und Flammenmehr über die ganze Länge. Immerhin kommt damit auch die Hundescheiße weg. Büsche an den Rändern haben Feuer gefangen, die Hecke eines Nach­barn, eine Pinie verglüht gerade in einer Stichflamme. Der Nachbar steht in Badelatschen mit einem gelben Gar­ten­schlauch an seiner Hecke. Das eher pro­sta­ti­sche Tröp­feln ist gegen Flammen unter Mis­tral nicht einmal ein Tropfen auf einen heißen Stein. Das ist hoff­nungslos. Ohne Feu­er­wehr brennt gleich der Park­platz des Wohnblocks gegenüber, denke ich mir, ach was, der Wohnblock selbst, der halbe Hügel, das halbe Dorf. Immer diese Ausländer, die nicht auf ihre Kinder aufpassen können, wird es heißen. In der Ferne Martinshörner. Die sind hoffentlich auf dem Weg hierher. Irgendjemand wird doch hoffentlich wohl die Feuerwehr alarmiert haben. Jemand aus dem Wohnblock hinter der Garagenzeile vielleicht. Oder der Nachbar mit dem Gartenschlauch. Wie war denn gleich noch die Nummer? Natürlich wieder kein Handy dabei. Die Martinshörner mit einem Mal ganz nah. Keine Minute später sind sie da. Zwei Lösch­züge erst, dann eine Portion Police municipale, dann noch mehr Feuerwehr. Am Ende wird die ganze Straße vollstehen.

Mein Sohn und sein copain müssen mitkommen. Dringender Tatverdacht.

Eine Woche später, zur Eröffnung des Weihnachtsmarkts, kommen die Sapeurs pompiers, die Feuerwehr. Kalender in Hochglanzaufmachung. Innen richtige Männer, gebräunt, mit Oberkörpern bis knapp an die Schamgrenze. Ausgeprägte Sixpacks, massive Oberarme. Wenn sie in den Wartezeiten auf den nächsten Einsatz nicht gerade ihre Gerätschaften polieren, arbeiten sie an ihren Körpern. Vor der Kamera präsentieren sie Schläuche beachtlichen Kalibers vor Wasserspielen. Vor Jahren gab es sie auch schon mal nackt, nur mit Handtüchern bekleidet, unter dampfender Dusche, vor dem Spind, im Halbdunkel. Vor unserer Tür, am Freitag Abend Ende November, präsentieren sie sich angemessen bekleidet. Erinnern sich an die Anekdote mit meinem Sohn und  daran, dass die Wiese dieses Jahr schon wieder gebrannt hat. Wieder Anfang September, wieder Mistral. Die Gemeinde könnte sich wirklich mal besser um das Brachland mitten im Ort kümmern. Ein Glück, dass wir so gut organisert sind. Fünf Löschzüge innerhalb von weniger als zehn Minuten. Das Eigenlob ist überflüssig. Keine kommunale Strukur funktioniert in Südfrankreich so zuverlässig wie die Feuerwehr. Der Wert meines Schecks übersteigt den ihres Kalenders einschließlich Hochglanzaufmachung deutlich. Sie sollen sich auch in ein paar Monaten noch an mich erinnern.

Die Kollegen von der Police municipale, mäkeln die Herren von der Feuerwehr bei dieser Gelegenheit, konnten ihre Arbeit zwar massiv behindern, diesmal jedoch keinen Verursacher dingfest machen. Sämtliche Familienangehörigen meinerseits verfügen übrigens über astreine Alibis.

Die Police municipale verteilt keine Kalender.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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