Krebs

Bis heute Mor­gen noch hatte ich wahr­schein­lich Krebs. Magen­krebs. Bösar­tige Erkran­kun­gen kenne ich aus dem Stu­dium. Magen­krebs hatte ich bestimmt schon mal. Die Grund­sym­ptome der bös­ar­ti­gen Erkran­kun­gen waren immer ähn­lich: Appe­tit­lo­sig­keit, Übel­keit, Gewichts­ver­lust. Dazu viel­leicht leich­tes Fie­ber, Nacht­schweiß, dif­fu­ser Schmerz. Bei mei­nem Lun­gen­krebs kam noch ein hart­nä­cki­ger tro­cke­ner Hus­ten dazu. Über Wochen. Sehr stö­rend bei der Vor­be­rei­tung auf die Prü­fun­gen. Der Hirn­tu­mor ging zusätz­lich mit Schwin­del und Atta­cken ste­chen­den Schmer­zes von hin­ten direkt ins rechte Auge ein­her. Sauf­ge­lage konn­ten in ster­ben­se­len­den Zustän­den nahe einem hepa­ti­schen Koma enden oder aku­ter Leber­zir­rhose, Sta­dium C nach Child. Die Leber­zir­rhose ihrer­seits kann zu Leber­krebs füh­ren. Zum Ster­ben reichte es trotz tiefs­ter Über­zeu­gung nie. Glück­li­cher­weise ver­schwan­den nach den Prü­fun­gen alle meine schlim­men Krank­hei­ten inner­halb kur­zer Zeit weit­ge­hend fol­gen­los. Resti­tu­tio ad inte­grum. Und das ohne jeg­li­che The­ra­pie. Oder ich ver­gaß ein­fach, wie krank ich eigent­lich war.

Kla­rer Fall von stu­den­ti­scher Hypochondrie.

Inzwi­schen bin ich fast drei­ßig Jahre älter. Schließt die Hypo­chon­drie nicht sicher aus. Ich weiß. Der Magen­krebs ist ande­rer­seits durch lang­fris­tige Expo­si­tion ver­schie­dens­ter Risi­ko­fak­to­ren deut­lich wahr­schein­li­cher gewor­den. Dazu seit Wochen Appe­tit­lo­sig­keit, Völ­le­ge­fühl, Gewichts­ver­lust. Das Völ­le­ge­fühl ist ein Spät­sym­ptom. Zeit, meine Papiere zu ord­nen. Ein aus­ge­wo­ge­nes Tes­ta­ment. Der Groß­teil mei­nes über ein gan­zes Leben ange­häuf­ten irdi­schen Guts wird ohne­hin über kurz oder lang im Con­tai­ner enden. Die Moda­li­tä­ten der Hin­ter­blie­be­nen­rente abklä­ren. Sie wer­den an mei­nem Ster­be­la­ger sit­zen und wei­nen. Ich muß mir wohl noch ein paar mar­kante letzte Worte zurechtlegen.

Meine Frau hat mir kurz­fris­tig einen Ter­min mit dem Gas­tro­en­te­ro­lo­gen ihrer Wahl im gro­ßen Hço­pi­tal von Tou­lon ver­schafft. 12:34 Uhr. Der Pfle­ger schließt den Blut­druck an, über­wacht die Sauer­stoff­sät­ti­gung. Ein Beiß­schutz hält die Zähne aus­ein­an­der. Eine Schwes­ter reicht die Optik an. Der Schlauch, den man frei­wil­lig schlu­cken soll oder einem zwi­schen Zunge und Gau­men in die Spei­se­röhre gepfrie­melt wird, ist klein­fin­ger­dick. Das wäre unan­ge­nehm, aber nicht schmerz­haft. Sage ich den Pati­en­ten, die eine Nar­kose für die Gastro­sko­pie haben wol­len. Lokal­an­äs­the­sie des Gau­mens reicht eigent­lich. Wer mehr braucht als eine Lokal­an­äs­the­sie, ist ein Weichei. Letz­te­res sage ich mei­nen Pati­en­ten nicht, sol­len sie aber zwi­schen den Zei­len ver­ste­hen. Eine Voll­nar­kose für einen harm­lo­sen Zwei-Minu­ten-Ein­griff ist nun wirk­lich übertrieben! 

Ich muß mich auf die linke Seite legen, schräg über mir der Moni­tor. Hin­ter mir der Pfle­ger. Das wäre unan­ge­nehm, aber nicht schmerz­haft. Höre ich den Lieb­lings-Gas­tro­en­te­ro­lo­gen mei­ner Frau sagen. Zum drit­ten Mal bereits. Soll natür­lich hei­ßen: stell' dich jetzt bloß nicht an. Dabei hat­ten wir gerade noch so nett geplau­dert über unsere Kran­ken­häu­ser, die jewei­li­gen Kol­le­gen, die nicht gerade rosige Zukunft mei­ner Pro­vinz­klit­sche. Die vie­len Dienste, den Kol­le­gen, des­sen Magen­kar­zi­nom so spät ent­deckt wurde. Ich solle ruhig durch die Nase atmen. Wahr­schein­lich würde mich der Pfle­ger in Posi­tion hal­ten, sollte ich mich anstel­len. Meine Epi­glot­tis for­mat­fül­lend auf dem Moni­tor. Gleich wird es unan­ge­nehm. Ruhig durch die Nase atmen und nicht mehr schlu­cken, sagt der Pfle­ger wie­der. Auf dem Moni­tor die Spei­se­röhre von innen, meine, dann der Magen. Schlu­cken macht Wür­ge­reiz. Durch die Nase atmen geht nicht. Geht ein­fach nicht. Da ist zu. Haupt­sa­che atmen, Haupt­sa­che ruhig atmen. Mein Magen sieht von innen aus wie ein nor­ma­ler Magen. Am bes­ten nicht Schlu­cken, ruhig atmen.

Ein paar Biop­sien, ein paar Schluck­ver­su­che mit Wür­ge­reiz spä­ter ist es vor­bei. Alles in Ord­nung, sagt der Lieb­lings-Gas­tro­en­te­ro­loge. Wäre wohl doch nur der Streß. Bestimmt kein Krebs. Aber das ver­stünde er auch. Das Resul­tat der Biop­sien in ein paar Wochen. Würde er dann mei­ner Frau mitgeben.

Kla­rer Fall von Hypochondrie.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


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