Frédéric

Frédé­ric ist der Neu­ro­loge. Der Neu­ro­loge. Die Par­kin­son-Kory­phäe der Region. Er gilt zumin­dest als Par­kin­son-Kory­phäe. Gibt halt kei­nen ande­ren Neu­ro­lo­gen in der Nähe. Ter­min Diens­tag abends um halb sie­ben. Stau auf der Auto­bahn, wahr­schein­lich der Tun­nel zu. Der Tun­nel schließt gerne mal zur Rush hour. Ich nahm Schleich­wege und schickte ihm eine kurze sms. Bouchons, retard de 5 minu­tes, désolé. Stau, 5 Minu­ten Ver­spä­tung, tut mir leid. Was man eben so kurz gefasst schrei­ben kann mit der ande­ren Hand am Lenk­rad. Eigent­lich unver­ant­wort­lich, Tele­fon am Steuer, ich weiß. Ich lasse nur sehr ungern jeman­den war­ten. Schon gleich gar nicht die Kory­phäe. Es waren tat­säch­lich kaum mehr als fünf Minu­ten, zählt in die­sen Brei­ten eigent­lich nicht als ernst­hafte Ver­spä­tung. 18:37 Uhr gilt noch als pünkt­lich. Im War­te­zim­mer noch ein älte­rer Herr, na ja, was heißt schon älter, ein biss­chen grauer eben, die Alten den­ken ja immer, die ande­ren Alten seien noch älter als sie selbst. Der ältere Herr trug eine Hals­man­schette. Ich weiß nicht, ob das wirk­lich so heißt, so ein Ding eben, was sie einem ver­pas­sen bei Schleu­der­trauma, nach Auf­fahr­un­fall meis­tens. Deren Nut­zen ist, neben­bei bemerkt, stark umstrit­ten, gera­dezu zwei­fel­haft. Die Man­schette führt zu einer Schwä­chung der Hals­mus­ku­la­tur, die ja gerade gebraucht würde zur Sta­bi­li­sie­rung beim Schleu­der­trauma. Der ältere Herr – excu­sez-moi, vous avez ren­dez-vous pour quelle heure? – hatte einen Ter­min um 19 Uhr. Erstaun­lich, fand ich noch, eine halbe Stunde vor der Zeit. Über­pünkt­lich. Würde mir im Traum nicht ein­fal­len. Der arme Kerl würde mich auch noch abwar­ten müs­sen mit mei­nem Ter­min vor sei­nem.

Vier­tel nach sie­ben end­lich ver­ab­schie­dete Frédé­ric den Vor­pa­ti­en­ten und kam ins War­te­zim­mer. Es täte ihm leid, aber mein Ren­dez­vous wäre doch ges­tern gewe­sen, könnte natür­lich auch sein, dass sich sein Sekre­ta­riat getäuscht hätte, wie auch immer, er nähme mich danach noch, quand même, trotz­dem, sagte er. Sagte er, lächelte sein Lächeln aus sei­nen unge­pfleg­ten Zäh­nen. Was heißt hier trotz­dem, dachte ich mir. Trotz was? Trotz Insuf­fi­zi­enz sei­nes Sekre­ta­ri­ats? Will ich denn über­haupt noch genom­men wer­den, danach? Ich wollte mei­nem Unmut in aller Klar­heit Aus­druck ver­lei­hen, da hatte er mir jedoch schon den Rücken gekehrt und ver­schwand mit dem grau­haa­ri­gen Schleu­der­trauma.

Scheisse, dachte ich, und ärgerte mich über meine man­gelnde Schlag­fer­tig­keit. Wirk­lich schade, wollte ich gesagt haben, ich warte quand même, immer­hin, schon eine geschla­gene halbe Stunde, ich habe nicht so viel Zeit, dann mache ich eben einen neuen Ter­min. Scheisse, schrie ich im lee­ren War­te­zim­mer das kläg­li­che War­te­zim­mer­grün in der Ecke an, tigerte um den Plas­tik­tisch mit abge­ge­rif­fe­nen Maga­zi­nen, – Géo, Le Figaro – und ver­suchte mich zu beru­hi­gen. War ja eh zu spät, auf­re­gen bringt nichts, Auf­re­gung macht mir ein dis­kre­tes Zit­tern in den lin­ken Arm. Trotz­dem: Scheisse!

Ich hatte mich auf einen gemüt­li­chen Fern­seh­abend mit den Kin­dern und ihrer Mut­ter gefreut. Abend­essen devant la télé, vor der Glotze. Auch sehr umstrit­ten, ich weiß, gera­dezu zwei­fel­haft. Bei­nahe unver­ant­wort­lich. Egal. Erzie­hung soll ande­rer­seits nicht immer nur unan­ge­nehm sein. Immer­hin hat­ten sie sämt­li­che Haus­auf­ga­ben für die nächs­ten Tage erle­digt. Sogar die Eng­lisch­vo­ka­beln. Wir woll­ten den drit­ten Teil von "Diver­gente" gucken, so ein Sci­ence-fic­tion-Spek­ta­kel. Früh genug woll­ten wir uns vor der Glotze ein­fin­den, weil am nächs­ten Tag ja Schule war. – Fangt schon mal an, das dau­ert hier noch. Frédé­ric nimmt sich eine gute halbe Stunde pro Pati­en­ten. Gut die Hälfte der Zeit geht aller­dings in die Doku­men­ta­tion. Alles muss auf­ge­schrie­ben wer­den. Mit zwei Fin­gern und ohne Sekre­tä­rin ist das müh­se­lig. Das hier würde also noch min­des­tens eine Stunde dau­ern, vor halb neun käme ich nicht wie­der raus.

Das Arzt-Pati­ent-Ver­hält­nis ist, glaube ich, in Frank­reich bestimmt mehr als in Deutsch­land von Über­heb­lich­keit, Her­ab­las­sung und Miss­ach­tung geprägt. Der Pati­ent wird im all­ge­mei­nen geduzt und als stö­rend emp­fun­den. Der Pati­ent soll dank­bar sein, über­haupt gehört zu wer­den. Zwei Stun­den War­te­zeit zur Ein­stim­mung sind dabei durch­aus ange­mes­sen. Frédé­ric duzt mich zwar nicht, immer­hin bin ich Kol­lege, kann sich aber mei­nen Namen nicht mer­ken und nennt mich in sei­nen Unter­la­gen hart­nä­ckig Bert­rand. Und das H im Fami­li­en­na­men fin­det sei­nen Platz immer wie­der woan­ders. Kann er nicht bes­ser. Will er wahr­schein­lich nicht. Egal eben irgend­wie. Als Pati­ent ist man eben oft egal irgend­wie. Frédé­ric zeigt sich aus­ge­spro­chen unzu­frie­den ange­sichts der Tat­sa­che, dass ich sei­nem ergän­zen­den The­ra­pie­vor­schlag nicht fol­gen wollte seit unse­rem letz­ten Ren­dez­vous. Immer­hin bin ich der Pati­ent und er der Arzt. Der Pati­ent hat den Anwei­sun­gen des Arz­tes Folge zu leis­ten. Zudem hatte er damals schon, nach­dem er keine wirk­lich grif­fi­gen medi­zi­ni­schen Argu­mente prä­sen­tie­ren konnte, zu aller­lei rhe­tho­ri­schen Tricks gegrif­fen. Ich solle mich doch nicht dop­pelt bestra­fen. Erst die Krank­heit und dann auch noch The­ra­pie­ver­wei­ge­rung. Blöd­sinn. Hat er mich jemals gefragt, wie ich mit der Krank­heit lebe? Ob ich sie als Strafe emp­finde? Unter­stellt er ein­fach so. Woher hat er so einen Unsinn? Küchen­tisch­psy­cho­lo­gie. Nehme ich ihm immer noch übel. Seine strenge Unzu­frie­den­heit beein­druckt mich nicht wei­ter. Er macht einen ver­zwei­fel­ten Gesichts­aus­druck. Aber warum denn nicht noch ein Medi­ka­ment, bon sang, meine Güte! – Ganz ein­fach, ich spüre keine ernst­hafte Ver­schlech­te­rung und somit kei­nen Grund, mehr Pil­len zu essen.

Und, vor allem, habe ich kein Inter­esse, ohne Ver­schlech­te­rung alle diese Neben­wir­kun­gen sei­nes neuen Medi­ka­ments in Kauf zu neh­men. Ein bun­tes Sam­mel­su­rium mas­si­ver Phä­no­mene. All­er­gie, Übel­keit, Ver­stop­fung, Durch­fall, das Übli­che eben. Dazu Gedächt­nis­stö­run­gen, Herz­schwä­che, Gewichts­zu­nahme, Wahn­vor­stel­lun­gen. So Sachen. Immer­hin! Okay, wenn man Bei­pack­zet­teln und dem Inter­net wahl­los Glau­ben schenkt, macht jedes Mediak­ment noch krän­ker. Weiß ich. wiki​pe​dia​.de als halb­wegs seriöse Quelle schreibt: "Auf­grund des Auf­tre­tens mög­li­cher 'Schlaf­at­ta­cken', ist das Füh­ren eines Kfz … zu unter­las­sen". Nar­ko­lep­sie. Betrifft immer­hin 14%. Dürfte ich dann noch ruhi­gen Gewis­sens meine Kin­der von der Schule abho­len? Über­haupt Auto fah­ren? "Häu­fig ist das Auf­tre­ten von Impuls­kon­troll­stö­run­gen". Kauf­rausch, Spiel­sucht, Hyper­se­xua­li­tät. Super. Dar­auf hatte Frédé­ric mich schon beim letz­ten Mal hin­ge­wie­sen. Und sei­nen Hin­weis Buch­sta­ben für Buch­sta­ben in seine Doku­men­ta­tion getippt.

Das hat nichts mit Empa­thie für seine Pati­en­ten zu tun. Wahr­schein­lich hat er Angst um sich selbst. Ver­mut­lich gab es in irgend­ei­ner Fach­zeit­schrift mal einen Fall­be­richt aus den USA. Jim H. Brown in Spring­fied, Ohio, hatte sei­ner Toch­ter ein Renn­pferd gekauft, vier Cadil­lacs bestellt und Ama­zon halb leer gekauft. Sein Anwalt konnte dem Neu­ro­lo­gen Scha­dens­er­satz in Höhe von 3,1 Mil­lio­nen Dol­lar abpres­sen wegen lücken­haf­ter Auf­klä­rung. 3,1 Mil­lio­nen! Soweit sind wir in Frank­reich noch nicht, aber man sollte schon auf­pas­sen. Und neu­lich auf dem Kon­gress in Tou­louse die Anek­dote von Gér­ard S., der sich eine ergie­bige Tour durch sämt­li­che Sex­shops des Dépar­te­ments gegönnt hatte, sich die Suite impé­riale buchte im 5-Sterne-Hotel und ein gan­zes Rudel Damen bestellte. Dann, als es los­ge­hen sollte, aller­dings einem Herz­in­farkt erlag. Hah­aha. Die Ange­hö­ri­gen ahn­ten nichts von einem mög­li­chen Zusam­men­hang mit der kürz­lich ange­setz­ten The­ra­pie. Ouff. Aber Ach­tung, liebe Kol­le­gen! Nicht alle Ange­hö­ri­gen sind so unbe­darft. Klä­ren Sie auf und doku­men­tie­ren Sie. Die Doku­men­ta­tion ist das wich­tigste.

Ich musste mir wie­der einen lan­gen Mono­log über den Pathome­cha­nis­mus mei­ner Krank­heit anhö­ren, es ist immer der glei­che Text, es geht um den Dopa­min­man­gel, den fort­schrei­ten­den Dopa­min­man­gel und ver­schie­dene the­ra­peu­ti­sche Ansätze. Die­ser Vor­trag ist immer der glei­che, hat er sich wohl schon vor Jah­ren zuge­legt, kriegt wahr­schein­lich jeder zu hören, ob er will oder nicht, ob er wie ich davon auch schon mal im Stu­dium geört hat oder nicht. Frédé­ric lässt sich nicht unter­bre­chen, fährt unbe­irrt fort im Text, legt bei Zwi­schen­fra­gen ein biss­chen Laut­stärke zu. Unbe­irr­bar. Ich bin der Dok­tor und du der Pati­ent. Der Pati­ent hört gedul­dig zu. Man kann nur abwar­ten, bis es vor­bei ist.

Aus abrech­nungs­tech­ni­schen Grün­den darf die kör­per­li­che Unter­su­chung natür­lich nicht feh­len. Die wie­derum hält Frédé­ric sehr knapp, strik­tes Mini­mum. Ich darf zwei Mal auf- und abge­hen in sei­nem groß­zü­gi­gen Alt­bau­büro zur Beur­tei­lung mei­nes Gang­bilds und ob der Arm noch mit­schwingt. Sein Büro dient gleich­zei­tig als Lager­raum für aller­lei aus­ge­diente häus­li­che Uten­si­lien, ein Bügel­brett zum Bei­spiel lehnt hin­ten links an der Wand und ein paar Kar­tons tür­men sich – cui­sine, salon, cham­bre, Küche, Wohn­zim­mer, Schlaf­zim­mer. Frédé­ric ist Schei­dungs-Sin­gle, kein Wun­der. Wir üben aktive und pas­sive Bewe­gung. Zahn­rad­phä­no­men links. Wuss­ten wir schon, wird nicht bes­ser mit der Zeit. Rota­tion im Unter­arm wie zum Glüh­bir­nen­schrau­ben. Nicht so gut links. Nicht schlech­ter aller­dings als vor bald zwei Jah­ren schon. Nicht viel schlech­ter zumin­dest. Nicht so, dass es mich stö­ren würde. Wie häu­fig habe ich schon Glüh­bir­nen zu wech­seln? Mit links? Um sei­ner Unter­su­chung einen wis­sen­schaft­li­chen Touch zu geben, spricht er von Scores. Die Moto­rik betref­fend habe ich einen Score von zwei. Zwei von wie­viel, fragte ich. Zwei von vier. Medi­zi­ner lie­ben Scores. Wir haben in der Anäs­the­sie auch eine ganze Menge davon. Zu irgend­was müs­sen ja all die Pro­fes­so­ren und ihre Dok­to­ran­den gut sein. Und? Was heißt das? Unver­än­dert, musste er zuge­ben. Warum also noch ein Medi­ka­ment, fragte ich. Ich würde mich mel­den, wenn mir danach wäre.

Schließ­lich, end­lich im Auf­bruch begrif­fen, wir hat­ten schon über das nächste Mal gere­det, in sechs Mona­ten und ich würde dann einen Ter­min mit sei­nem Sekre­ta­riat fin­den, fing er doch wie­der an. Wenn ich das Sifrol nicht neh­men wollte, könnte es ja auch ein ande­rer Wirk­stoff sein. Welch erstaun­li­ches Ansin­nen! Geht es nur darum, mit einer Schach­tel mehr nach Hause zu gehen? Ist es denn so egal, was ich da esse? Wol­len wir es viel­leicht mal mit Aspi­rin, Vit­amin C oder Homöo­pa­thie ver­su­chen?

Hilft bestimmt auch. Ganz bestimmt.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

Meilleurs vœux

Frei­tag

Hier­zu­lande, wo sich die Men­schen etwas extro­ver­tier­ter geben, medi­ter­ra­ner eben, wünscht man sich zum Jah­res­wech­sel nicht nur pau­schal alles Gute oder ein Schö­nes Neues. Die bes­ten Wün­sche – meilleurs vœux – wer­den gerne noch in aller­lei Details prä­zi­siert: Glück, Zufrie­den­heit, Geld, Kin­der­se­gen zum Bei­spiel. Erst die Wün­sche, dann die Küsse. Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, Schwes­tern, Pfle­ger, Heb­am­men, die Tele­fo­nis­tin, Hilfs­pfle­ge­rin­nen, alle. Sogar die Ober­schwes­ter und Damen aus der Ver­wal­tung. Damen, die mir völ­lig unbe­kannt sind, die sich sonst ver­mut­lich hin­ter Türen der Tep­pich­bo­den­flure ver­ste­cken. Sieht man ganz sel­ten. Ver­wal­tung eben. Sagen mir wegen mei­nes Kit­tels Bon­jour. Und, des kürz­li­chen Jah­res­wechs­les wegen, bonne année. Den­ken sich, das muß einer der Dok­to­ren sein, den sie ver­wal­ten. Wer­den umge­hend geküßt. Bonne année, meilleurs vœux, bonne santé.

Der ganze Ser­mon zum neuen Jahr muß, glaube ich, ich bin bis jetzt, in all den Jah­ren, noch nicht wirk­lich dahin­ter gekom­men, ob die­ses Ritual bestimm­ten Regeln folgt, es muß aber mit der Gesund­heit enden. Man kann den Lot­to­ge­winn anbrin­gen, ein neues Auto, Erfül­lung in der Liebe, tolle Ferien. Vor allem aber gesund! Der Rest wird dann schon! Sur­tout la santé! Le reste va suivre! Voilà! Dazu voll Zuver­sicht und Herz in die Augen gucken. Mit man­chen Schwes­tern und Heb­am­men ist das nett. Das Wün­schen und die ter­mi­na­len Küß­chen links, rechts, mit dezen­tem Anfas­sen. Ober­arm, Unter­arm, Taille. Wo's gerade paßt. Nett, ins­be­son­dere, wenn die Augen nett gucken. Ganz dicht ran, Wange an Wange, ein­at­men, riecht oft gut, Küß­chen.

Kol­la­te­ral muß man auch man­che Män­ner küs­sen. Ber­nard. Chef der Vis­ze­ral­chir­ur­gen. Noch-Chef. Geht die­ses Jahr in Rente. Ber­nard ist lei­der meist unra­siert. Unge­wa­schen. Sein Bad zu Weih­nach­ten ist auch schon einen guten Monat alt. Okay, ich über­treibe etwas. Mas­si­ver Zahn­stein aber, Essen­reste. Olfak­ti­ves Feu­er­werk. Um es mal posi­tiv aus­zu­drü­cken. Ich habe mir für die­ses Jahr eine posi­tive Aus­strah­lung vor­ge­nom­men, übri­gens. Aktive Posi­ti­vie­rung. Am liebs­ten begrüße ich ihn nor­ma­ler­weise von einem zum ande­ren Flu­rende. Nur zum Geburts­tag und wenn es sich durch unglück­li­che zeit­lich-räum­li­che Kon­stel­la­tio­nen gar nicht ver­mei­den läßt, geben wir uns die Hand, seine ist so eine kraft­los-schwam­mig-wei­che. Die sich zudem noch irgend­wie klamm anfühlt. Manch­mal erwischt er mich in mei­nem Büro, um mir weit­schwei­fig von irgend­wel­chen unglaub­lich inter­es­san­ten Fäl­len auf sei­ner Sta­tion zu erzäh­len und meine Mei­nung dazu zu hören. Ver­steckte Blin­därme, ent­zün­dete Diver­ti­kel, ver­sof­fene Bauch­spei­chel­drü­sen. Meine Mei­nung ent­spricht meis­tens sei­ner, ein­fach weil er so aus dem Mund und über­haupt nicht gut riecht. Schwie­rig nur, wenn er mir meh­rere Mei­nun­gen anbie­tet und jede ein­zelne hin­sicht­lich ihrer anäs­the­sio­lo­gi­schen Rele­vanz dis­ku­tiert haben möchte. Aber er ist eben der Chef. Vor Jah­ren mußte er mich zudem als Chef der Com­mis­sion médi­cale d'Établissement zum Beam­ten wäh­len. Hat er trotz anfäng­li­cher Beden­ken gemacht. Dafür bin ich ihm dank­bar. Und er ist älter als ich. Alter wird respek­tiert. Er duzt mich, ich sieze ihn.

An sei­nem ers­ten Arbeits­tag im neuen Jahr erwischt er mich kalt. Auf dem Flur sei­ner Sta­tion laufe ich ihm gera­de­wegs in die Arme. Er nimmt die Brille ab. Das ist das Zei­chen. Wenn ich die Brille abnehme, weiß auch die Tele­fo­nis­tin, daß sie jetzt geküßt wer­den wird. Und gerät ins Stot­tern. Sowas! Wird sogar ein biß­chen rot. Nehme ich auch per­sön­lich. Posi­tiv per­sön­lich. Ber­nard hat also die Brille abge­nom­men. Muß ich also durch mit den Küs­sen. Defi­ni­tiv. Es gibt außer Küs­sen kei­nen Grund, mit­ten auf dem Sta­ti­ons­flur die Brille abzu­neh­men. Küß­chen mit Ber­nard trei­ben mir die Trä­nen in die Augen. Das olfak­tive Feu­er­werk. Aus unmit­tel­ba­rer Nähe ein Poten­tial wie Ammo­niak. Meine Trä­nen nimmt er sicher per­sön­lich. Posi­tiv per­sön­lich offen­bar. Dafür gleich noch­mal. Ich habe ihn schon letz­tes Jahr geküßt. Und das vor­vor­letzte. In all den Jah­ren vor und nach mei­ner Wahl zum Beam­ten. Wahr­schein­lich erin­nert er sich daran. Die­ses wird das letzte Mal gewe­sen sein.

Céline, die Sta­ti­ons­schwes­ter, macht den Neues-Jahr-Zau­ber mit Ber­nard trotz bekann­ter Letzt­ma­lig­keit ohne Anfas­sen und ohne Küs­sen. Das ist mutig. Geht eigent­lich nicht. Ber­nard ist immer­hin der Chef. Und hat die Brille abge­nom­men, mit­ten auf dem Flur, sich leicht vor­ge­beugt. Die Lip­pen zum Küß­chen gespitzt. Mutig von Céline, aber ver­ständ­lich. Ver­mut­lich der Essens­reste wegen. Oder sie hat von sei­ner Ammo­kinak-Aura schon bei der Über­gabe gehört. Läßt sogar die Gesund­heit aus. Hat zufäl­lig gerade beide Hände voll. Ganz zufäl­lig. 28 Fens­ter geht's nicht so gut, nuschelt sie schnell. Und der arme Ber­nard bleibt ohne Brille kurz­sich­tig ste­hen. Tut er mir fast leid.

Mon­tag. Dienst.

Meine Runde über die Sta­tio­nen habe ich hin­ter mir. Nichts los. Nicht mal ein gut gereif­ter Blind­darm von Ber­nard in der Not­auf­nahme. Ich lang­weile mich. Abste­cher in den Kreiß­saal. Keine Erst­ge­bä­rende im Kreiß­saal, die nach einem Peri­du­ral­ka­the­ter schreit. Nadja, Lae­ti­tia und Phil­ippe lang­wei­len sich auch. Phil­ippe? Wir haben ziem­lich viele Män­ner bei den Heb­am­men. Phil­ippe, Sébas­tien, Wil­fried und Jérôme. Beruf: Maïeuti­cien. Der Begriff für die männ­li­che Heb­amme. Seit ein paar Jah­ren Teil mei­nes akti­ven Wort­schat­zes. Ich habe zusätz­lich bei wiki­pe­dia nach­ge­le­sen. Ent­bin­dungs­pfle­ger hei­ßen sie in Deutsch­land. Heb­amme in Öster­reich auch die männ­li­chen Ver­tre­ter. 2013 keine männ­li­che Heb­amme in Öster­reich. Drei in ganz Deutsch­land. Wir haben vier. An mei­ner Pro­vinz­klit­sche! Dar­un­ter Phil­ippe. Dick­li­cher Gesichts­haar­trä­ger. Voll­bart. Kopf­tuch­frauen sol­len sich mal nicht so anstel­len. Wird ihnen und ihren Män­nern gleich bei der Auf­nahme ver­kün­det. Wahr­schein­lich ein Aus­druck von Liberté und Éga­lité. Viel­leicht paßt das sogar zur Fra­ter­nité. Finde ich per­sön­lich auch ziem­lich grenz­wer­tig. Wäh­rend mei­ner Kar­riere damals, Ende des letz­ten Jahr­tau­sends in katho­li­schen Kran­ken­häu­sern im öst­li­chen West­fa­len, waren männ­li­che Heb­am­men kate­go­risch undenk­bar. Phil­ippe jeden­falls mag ich nicht so. Nicht wegen des Über­ge­wichts oder der Gesichts­be­haa­rung. Viel­leicht ein Vor­ur­teil. Phil­ippe war mal in Indien für ein paar Monate Aus­zeit. Ich hatte gehofft, er würde ein­fach dort blei­ben und in lang­fris­ti­ger Suche nach Erleuch­tung ver­har­ren. Und dann war er doch wie­der da. Ohne Erleuch­tung, wie mir scheint. Wird nicht geküßt. Es gibt Gren­zen. Dafür Lae­ti­tia. Lae­ti­tia sieht aus, als wäre sie mal Model gewe­sen. Guckt auch sehr nett. Ich nehme das per­sön­lich. Obwohl sie ver­mut­lich jeden nett anguckt. Trägt etwas zuviel von zu bil­li­gem Par­fum auf. Sie hat ein Haus gekauft mit ihrem Mann letz­tes Jahr, nicht weit vom Meer, Weih­nach­ten war dies­mal etwas knap­per im Bud­get wohl. Egal. Ein gutes neues Jahr! Die bes­ten Wün­sche! Und – vor allem – Gesund­heit! Santé!

Und Serge. Serge lasse auch ich aus mit dem Küs­sen. Schö­nes Neues, beste Wün­sche, gute Gesund­heit. Die Kurz­fas­sung. Serge ist Prit­schen­schie­ber. Hat nur Ficken im Kopf. Ficken ist nicht meine Wort­wahl, ist Bestand­teil sei­nes akti­ven Sprach­wort­schat­zes in Deutsch. Serge war vor Jah­ren mit sei­ner Col­lège-Klasse auf Aus­tausch in Mann­heim. Isch­libbe­disch hat er außer­dem gelernt und wills­dum­im­mirschlaf­fän. Das ist Serge pur. Aller­dings kann Serge dazu auch Poli­tik. Fragt mich immer, wann ich Angela zum letz­ten Mal so rich­tig ran­ge­nom­men hätte. Fin­det er rasend ori­gi­nell. Ein Joke, der mit zuneh­men­dem Alter an Würze zu gewin­nen scheint. Basal­fran­zose. Tut so, als hätte er schon alle gehabt im Centre hos­pi­ta­lier und in der Stadt dazu. Und ich nur Angela. Ver­mut­lich. Aber immer­hin. Er dafür alle ande­ren, die halb­wegs was her­ma­chen. Angela und ich las­sen uns ande­rer­seits nicht erwi­schen, sage ich dann. Nicht so, wie Ser­ges blö­der Prä­si­dent. Der sich mit einer Schau­spie­le­rin auf dem Mofa foto­gra­fie­ren läßt. Abends. Crois­sants vom Body­guard zum Früh­stück. Wie­der Fotos. Serge fin­det das cool.

Bonne année!

Modi­fi­zier­ter Vor­schlag von für die Januar-Aus­gabe 2016 des Riviera-Maga­zins. Um im Rah­men von 3.500 Zei­chen zu blei­ben:

Hier­zu­lande, wo sich die Men­schen etwas extro­ver­tier­ter geben, medi­ter­ra­ner eben, wünscht man sich zum Jah­res­wech­sel nicht nur pau­schal alles Gute oder ein Schö­nes Neues. Die bes­ten Wün­sche – meilleurs vœux – wer­den gerne noch in aller­lei Details prä­zi­siert: Glück, Zufrie­den­heit, Geld, Kin­der­se­gen zum Bei­spiel. Wün­sche und Küsse. Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, Schwes­tern, Pfle­ger, Heb­am­men, die Tele­fo­nis­tin, Hilfs­pfle­ge­rin­nen, alle wer­den bewünscht und geküsst. Sogar die Ober­schwes­ter und Damen aus der Ver­wal­tung. Damen, die ich nur vom Sehen kenne, die sich sonst hin­ter Türen der Tep­pich­bo­den­flure ver­ste­cken. Sieht man ganz sel­ten. Ver­wal­tung eben. Sagen mir wegen mei­nes Kit­tels Bon­jour. Den­ken sich, das muß einer der Dok­to­ren sein, den sie ver­wal­ten. In Zivil­klei­dung wür­den sie mich maxi­mal für einen Pati­en­ten hal­ten. Wün­schen mir auch, des kürz­li­chen Jah­res­wechs­les wegen, bonne année. Wer­den umge­hend geküsst. Bonne année, meilleurs vœux, bonne santé.

Der ganze Text zum neuen Jahr muß, glaube ich, ich bin bis jetzt, in all den Jah­ren, noch nicht wirk­lich dahin­ter gekom­men, ob die­ses Ritual bestimm­ten Regeln folgt, es muß aber mit der Gesund­heit enden. Man kann den Lot­to­ge­winn anbrin­gen, ein neues Auto, Erfül­lung in der Liebe, tolle Ferien. Vor allem aber gesund! Der Rest wird dann schon! Sur­tout la santé! Le reste va suivre! Voilà! Dazu voll Zuver­sicht und Herz in die Augen gucken. Mit man­chen Schwes­tern und Heb­am­men ist das nett. Das Wün­schen und die Küß­chen links, rechts. Vor allem, wenn sie nett gucken. Zum neuen Jahr gucken sie fast alle nett. Spä­ter gibt sich das wie­der. Ganz dicht ran, Wange an Wange, riecht oft gut, Küß­chen.

Kol­la­te­ral muß man auch man­che Män­ner küs­sen. Xavier. Chef der Bauch­chir­ur­gie. Noch-Chef. Xavier geht bald in Rente. Ist lei­der meist unra­siert. Oft unge­duscht. Sein Bad zu Weih­nach­ten ist auch schon einen knap­pen Monat alt. Okay, ich über­treibe etwas. Seine Aura gleicht einem olfak­ti­ven Feu­er­werk. Am liebs­ten begrüße ich ihn nor­ma­ler­weise von einem zum ande­ren Flu­rende. Nur zu Geburts­tag und Jah­res­wech­sel ris­kiere ich Kör­per­kon­takt.

Mon­tag. Dienst.

Meine Runde über die Sta­tio­nen habe ich hin­ter mir. Nichts los. Nicht mal ein gut gereif­ter Blind­darm von Xavier in der Not­auf­nahme. Abste­cher in den Kreiß­saal. Keine Erst­ge­bä­rende im Kreiß­saal, die nach einem Peri­du­ral­ka­the­ter schreit. Nadja, Lae­ti­tia und Phil­ippe lang­wei­len sich auch. Phil­ippe? Wir haben ziem­lich viele Män­ner bei den Heb­am­men. Phil­ippe, Sébas­tien, Wil­fried und Jérôme. Beruf: Maïeuti­cien. Ent­bin­dungs­pfle­ger hei­ßen sie in Deutsch­land. Heb­amme in Öster­reich auch die männ­li­chen Ver­tre­ter. 2013 kei­ner in Öster­reich, drei in ganz Deutsch­land. Wir haben vier! Und das in tiefs­ter Pro­vinz! Dar­un­ter Phil­ippe. Voll­bart. Über­ge­wicht. Kopf­tuch­frauen sol­len sich mal nicht so anstel­len. Wird ihnen und ihren Män­nern gleich bei der Auf­nahme ver­kün­det. Wahr­schein­lich ein Aus­druck von Liberté und Éga­lité. Viel­leicht paßt das sogar zur Fra­ter­nité. Finde ich per­sön­lich auch eher gewöh­nungs­be­dürf­tig. Würde mir als wer­den­dem Vater auch nicht gefal­len. Aber viel­leicht bin ich in die­ser Hin­sicht etwas kon­ser­va­tiv. Phil­ippe jeden­falls mag ich nicht so. Ihm man­gelt ein biß­chen an pro­fes­sio­nel­ler Dyna­mik. Phil­ippe war mal in Indien für ein paar Monate Aus­zeit. Ich hatte gehofft, er würde ein­fach dort blei­ben und in lang­fris­ti­ger Suche nach Erleuch­tung ver­har­ren. Und dann war er doch wie­der da. Ohne Erleuch­tung, wie mir scheint. Er war­tet immer noch. Wird nicht geküßt. Es gibt Gren­zen.

Dafür Lae­tita. Lae­ti­tia sieht so aus, als wäre sie mal Model gewe­sen. Hat ein zau­ber­haf­tes Lächeln. Ich nehme das per­sön­lich. Obwohl sie ver­mut­lich jeden nett anguckt. Egal. Meilleurs vœux, bonne santé, Küß­chen. Lae­tita ist meine Lieb­lings­heb­amme. Nicht nur wegen ihres Lächelns. Nicht nur, aber auch. Lae­ti­tias Lächeln ist auch um 02:39 Uhr noch zau­ber­haft. Immer. Zum neuen Jahr viel­leicht noch ein Spur zau­ber­haf­ter. Auch um 02:39 Uhr. Wenn sie mich braucht für eine Péri­du­rale oder Césa­ri­enne.

Bonne santé.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr