Hypocrisie

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Wen man nicht so alles Freunde nennt. Jérôme und Isa­belle zum Bei­spiel, Jéjé et Zaza, pour les inti­mes, unter Freun­den. Jérôme war viele Jahre Kapi­tän auf stra­te­gi­schen Atom-U-Boo­ten. Ultra­ge­heim, nicht mal seine Frau wußte, in wel­chem Gewäs­ser der Erde sich ihr Mann gerade auf­hielt. Am Ende sei­ner Kar­riere fast Admi­ral in Brest. Zu sei­nem gro­ßen Leid­we­sen nur fast. Seine Gat­tin kann ihre Genea­lo­gie zurück­ver­fol­gen bis ins elfte Jahr­hun­dert zu Lud­wig VI, dem Dicken. Uradel irgend­wie. Upper­class. Sagt Jéjé. Jéjé emp­fin­det sich und seine Isa­belle als ein­deu­tig upperclass.

Die haben wir vor gut zwei Wochen gese­hen in Paris. Wir haben uns alle über­schweng­lich gefreut über die­ses Wie­der­se­hen anläß­lich des Laufs Paris-Ver­sailles. Wir waren ein­ge­la­den in Jérô­mes und Isa­bel­les Pari­ser Resi­denz im sieb­zehn­ten Arron­dis­se­ment. Ein auf­wen­dig reno­vier­tes Stadt­haus, Kel­ler, Erd­ge­schoß, zwei Eta­gen. Wirk­lich schön gewor­den, geschmack­voll, die Fuß­bö­den knar­ren ein biß­chen zu hef­tig. Vier Zim­mer als Pri­vat­ho­tel, sie selbst woh­nen unter dem Dach. Zaza beauf­sich­tigt Per­so­nal und Früh­stück, Jéjé plau­dert, gerne auch Eng­lisch mit char­man­tem Akzent und auch ein paar Bro­cken deutsch, beant­wor­tet Anfra­gen von Gäs­ten und die net­ten Bewer­tun­gen auf Tri­pad­vi­sor. Die Über­nach­tung war immer­hin kos­ten­neu­tral. Sonst knapp drei­hun­dert Euro die Nacht. War aber sowieso nichts los im Hotel. Jéjé konnte lei­der nicht mit­lau­fen die 16 km von der Tour Eif­fel bis zum Châ­teau de Ver­sailles, wollte eigent­lich, war sogar ein­ge­schrie­ben, konnte aber nicht, weil er sich zwei Wochen zuvor eine Zehe gebro­chen hatte, links. Immer noch ganz geschwol­len und blau. Auf sei­nem Boot sei er aus­ge­rutscht. Sei­nem Segel­boot, zwölf Meter. Daß er es nicht ver­lei­hen würde, ließ er auch gleich durch­bli­cken, weil wir ja keine Ahnung hät­ten vom Segeln. Und von einem wei­te­ren Besuch in der Bre­ta­gne, wo die Yacht liegt, war auch nicht die Rede. Kein Segel­turn auf dem Atlan­tik. Trotz Platz für sechs in dem Kahn. Zwölf Meter, das ist schon nicht schlecht. Nicht mit uns. Lie­ber nicht.

Vor drei oder vier Jah­ren waren wir mit zwei Kin­dern ein­ge­la­den im Zweit­wohn­sitz in La Tri­nité. La Tri­nité ist das Saint-Tro­pez der Bre­ta­gne. Upper­class-Fran­zo­sen aus Paris haben einen Zweit­wohn­sitz in La Tri­nité oder Saint-Tro­pez. Oder bei­des. Dort nen­nen sie einen Neu­bau ihr Eigen­tum, die Lage zwar nicht wirk­lich traum­haft, ohne den Ozean in Sicht­weite, aber mit beheiz­tem Außen­pool, geräu­mi­gen und vie­len Zim­mern. Trotz­dem zu klein für soviele Men­schen über zehn Tage. Der Kram der Kin­der immer wie­der irgendwo, wo er nicht hin­ge­hörte. Kin­der eben. Das mit dem Früh­stück hat­ten sie aller­dings schnell gelernt, die Kin­der. Wie zuhause. Selbst abräu­men. Anders als zuhause aber nur auf der Spül­ma­schine abstel­len. In der Maschine selbst hat­ten sie nichts ver­lo­ren. Spül­ma­schine kann nur Jéjé selbst. Und dann, Tag vier oder fünf des Auf­ent­halts, fiel ihm beim Ein­räu­men eine der Früh­stücks­scha­len mei­ner Kin­der zu Boden. Brüll­an­fall. Wahr­schein­lich hatte er schlecht geschla­fen. Wie er die Schnauze so voll hätte und immer und über­all und was wir uns denn den­ken wür­den und wer wir denn wären. Gar nicht upper­class. Jéjé der U-Boot-Kapi­tän. Blick tief in die Seele, die Wahr­heit hin­ter der Fas­sade. Zehn Minu­ten Wut­krise. Zehn Minu­ten chrono, gefühlt genug für ein gan­zes Leben. Manch­mal kam ich gegen den Sturm zu Wort und es tat mir leid, wirk­lich leid, und Asche auf mein Haupt und wie konnte das nur pas­sie­ren. Jéjé konnte sich hin­ge­gen nicht brem­sen, wie er die Schnauze so voll hätte und immer und über­all und was ich mir denn den­ken wür­den und wer ich denn wäre und nichts tat ihm leid, nicht ein­mal spä­ter mit Abstand und wie­der umgäng­lich. Zehn Minu­ten chrono, gefühlt genug für ein gan­zes Leben. Ich hätte nur zehn Minu­ten gebraucht, all unse­ren Kram und den mei­ner Kin­der – und immer und über­all – im Leiho­pel zu ver­stauen. Nur war meine Frau gerade Shop­pen mit Zaza. Hätte ihr nicht gefal­len, unver­mit­telt in den Opel ein­stei­gen zu müs­sen. Die Tüten voll Shop­ping abstel­len und weg mit dem Opel. Isa­belle konnte ja auch nichts dafür. Also blie­ben wir.

Unver­meid­lich am ers­ten Glas Cham­pa­gner vor gut zwei Wochen die Frage zum Stand der Rei­se­vor­be­rei­tun­gen zur Hoch­zeit des ers­ten Sohns. In Neu­see­land. Die Hoch­zeit von Jérô­mes und Isa­bel­les Sohn fin­det in Neu­se­land statt. Wir sind ein­ge­la­den. Warum auch immer. Viele der ande­ren Freunde kön­nen lei­der nicht kom­men. Einer muß ja kom­men. Der Sohn ist Inge­nieur, mit Schwer­punkt Boots­bau und Innen­ar­chi­tek­tur, nach Pri­vat­schu­len in Eng­land und schließ­lich eben Neu­see­land. Haupt­sa­che weit weg. Dort hat er seine Liebe gefun­den. Wei­ter weg geht nicht. Auf der Liste mei­ner Reis­ziele für die­ses Leben noch, sagte ich, auf der Liste mei­ner Top fifty also, dar­un­ter Island, Sibi­rien, Kasach­stan und die Krim, sogar Nord­ko­rea, käme Neu­see­land glatt auf Platz ein­hun­dert­vier­und­zwan­zig. Lei­der. Schafe inter­es­sie­ren mich nicht so. Und auch nicht die Ori­gi­nal­schau­plätze der Herr-der-Ringe-Tri­lo­gie. Nicht mal die Hoch­zeit des Soh­nes, mit dem ich über die Dauer ihrer Bekannt­schaft Gele­gen­heit für viel­leicht drei­hun­dert gewech­selte Worte hatte, com­ment ça va à l'école, wie geht's in der Schule, nicht mal diese Hoch­zeit brächte Neu­see­land mehr als drei Bonus­punkte. Ô, Bertrâme, là, tu me deçois, rief er aus, da ent­täuscht du mich aber, und ver­passte mir, das macht er gerne und ich hasse das, eine seine Ohr­feig­chen. Kein Schlag ins Gesicht, aber die Hand an mei­ner Wange. Macht er öfter mal, wie als Scherz, manch­mal reicht ein fal­scher Arti­kel, ô, Bertrâme, mit ö am Ende. Das nächste Mal schlage ich zurück oder trete ihm wie aus Ver­se­hen auf sei­nen fau­len Zeh, oh par­don, désolé, ça va? – Ent­schul­dige, tut mir leid, geht's? Bis­her gab ich aller­dings den Klü­ge­ren und schlug noch nicht zurück.

Jéjé holt sich seine Nie­der­la­gen, wie jeder durch­schnitt­li­che Mensch, gele­gent­lich auch alleine, ganz ohne mein Zutun, nun ja, fast ohne mein Zutun. Wich­tig war Jérôme und Isa­belle bei unse­rem Besuch vor gut zwei Wochen ein über­aus posi­ti­ver Kom­men­tar zum Hotel bei "Trip", wie sie sagen, Tri­pad­vi­sor. Von uns bei­den? Ja, von euch bei­den. Den auto­ma­ti­sier­ten Algorhyt­men von Trip gefiel das nicht. Trip ver­mu­tet Beschiß wegen glei­cher IP-Adresse. Löschte unsere über­aus posi­ti­ven Beur­tei­lun­gen und stufte Jéjés Pri­vat­ho­tel von Platz elf auf Platz 25 herab. Panik im sieb­zehn­ten Arron­dis­se­ment, né faî­tes plus rien, sur­tout né faî­tes plus rien. Unter­nehmt nichts mehr, bitte rein gar nichts mehr. Per Mail, per sms, tele­fo­nisch. Erd­be­ben, Panik, das Hotel stürzt ein. Zu spät. Ich hatte es nicht gut gefun­den von Trip, meine über­aus posi­tive Bewer­tung ein­fach gelöscht zu sehen und sie gleich noch­mal geschrie­ben. Zack, Platz 35. Ich könnte ein­fach so wei­ter­ma­chen. Noch fünf Mal und die kön­nen zuma­chen. Das ist bes­ser als jedes Ohr­feig­chen. Und doch so gut gemeint. Ande­rer­seits fast so wir­kungs­voll wie ein Holz­ham­mer auf Jéjés dickem Zeh. Vrai­ment désolé, cher ami, qu'est-ce je pour­rais faire pour t'aider? – Tut mir ja so leid, teu­rer Freund, was könnte ich nur machen für dich?

Hypo­cri­sie, subst., f.. Heu­che­lei, Scheinheiligkeit.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Hirschjagd

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Ich kenne Saint-Tro­pez. So, wie man als Tou­rist Saint-Tro­pez eben kennt. Ich war auch mal dort im Hoch­som­mer, Som­mer­fe­rien, spä­ter Vor­mit­tag. Gehört zu unse­ren ers­ten Frank­rei­cher­fah­run­gen in Fami­lie über­haupt. 1996. Der Zweite gerade mal sechs Monate alt. Im Auto keine Kli­ma­an­lage. Im süd­öst­li­chen Ruhr­ge­biet wünschte man sich defi­ni­tiv nur an drei Tagen im Jahr eine Kli­ma­an­lage. Damals zumin­dest, vor dem Kli­ma­wan­del. Es gibt nur eine ein­zige Zufahrts­straße nach Saint-Tro­pez. Im Som­mer ist da immer Stau. In bei­den Rich­tun­gen. VIPs kom­men des­we­gen mit dem Hub­schrau­ber oder der Jacht. Wir haben es damals nicht ganz geschafft bis Saint-Tro­pez. Wir haben auf­ge­ge­ben. Ein Kaf­fee, um sagen zu kön­nen, wir hat­ten einen Kaf­fee in Saint-Tro­pez, an der ers­ten Park­mög­lich­keit hin­ter dem Orts­schild. Nach bestimmt zwei Stun­den Stau unter Tro­pen­hitze und unwil­li­gen Kin­dern hin­ten. Saint-Tro­pez im Som­mer ist so wie die Zufahrt zum Bau­markt an einem ver­reg­ne­ten Sams­tag­nach­mit­tag. Dann doch lie­ber mit trop­fen­dem Was­ser­hahn leben. Oder die Abreise vom Strand um halb sechs. Stau­wahr­schein­lich­keit hun­dert Pro­zent. Auch an den unwahr­schein­lichs­ten Stre­cken­ab­schnit­ten. Das macht man zwei, drei Mal mit, dann hat man das Prin­zip begrif­fen. Fran­zo­sen machen immer alles gleich­zei­tig. Kino, Ein­kau­fen, Strand. Syn­chron. Alle. Und die Tou­ris­ten machen immer mit. Alle, egal wel­cher Her­kunft. Ega­lité. Im Stau sind wir alle gleich. Fran­zö­si­sche Tou­ris­ten stim­men sich unter­ein­an­der ab. Allez, jetzt! Die müs­sen eine App dafür auf ihrem iphone haben. Oder einen sieb­ten Sinn für die per­fekte Stau­kon­stel­la­tion. Gene­ti­sche Veranlagung.

Mitte Mai kom­men Freunde von frü­her nach Can­nes. Sie haben drei Tage Aida gewon­nen, von Mal­lorca aus. Ein Tag Can­nes. Frei­gang von 07:00 bis 17:00 Uhr. Wir wol­len uns auf ein Bier oder so tref­fen, Can­nes ist doch nicht weit von dir. Can­nes Mitte Mai ist wohl so wie Saint-Tro­pez im Hoch­som­mer. Film­fest­spiele. Es ist alles abge­sperrt, es gibt chao­ti­sche Umlei­tun­gen, alles ist ver­stopft und dau­ert ewig. Sagt eine bekannte Kri­mi­au­to­rin mit Wahl­hei­mat Can­nes. Und emp­fiehlt den Zug. Zug aber kann auch schief­ge­hen. Ver­spä­tet, ver­passt, Streik. Anreise bis neun Uhr, denke ich, sollte auch mit dem Auto gut gehen. Selbst nach Can­nes. Selbst zum Höhe­punkt des Fes­ti­vals hin. Da schläft der Tou­rist noch oder steht schon in der Schlange am Früh­stücks­buf­fet. Brad Pitt und seine Freunde bewe­gen sich noch nicht öffent­lich, nur die Pend­ler sind auf der Straße unter­wegs. Letz­tere kenne ich von zuhause. Die sind immer da. Jeden Mor­gen, jeden Abend. Mit oder ohne App, mit oder oder ohne sieb­ten Sinn.

Ich selbst kenne Can­nes nicht mehr als von einem teu­ren Kaf­fee am Strand. Oder auch nur vom Durch­fah­ren. Keine prä­gende Erin­ne­rung jeden­falls. Ein­hei­mi­sche behaup­ten, es gäbe nichts zu sehen in Can­nes. Außer der Shop­ping-Meile – Bou­le­vard de la Croi­sette – mit Pal­men, dem Carl­ton und teu­ren Läden. Das muß man aber wol­len sowas, Shop­pen und so. Das Sel­fie mit Ange­lina Jolie kann man ohne­hin ver­ges­sen. Alter­na­tiv kann man durch die Alt­stadt schlen­dern auf einen Hügel mit Kir­che und Museum. Das Museum zeich­net sich durch einen Turm aus. Der Turm besticht durch die Aus­sicht, die er über die Stadt, das Meer und die Inseln bie­tet. Auf der Insel soll es ein ganz gutes Restau­rant geben.

Oder Pick­nick am Strand irgendwo. Wenn da nicht abge­sperrt ist.

Bis 16:38 Uhr muß ich zurück vor der Schule sein, nor­ma­ler­weise. Das werde ich pri­mär auf 17:30 Uhr modi­fi­zie­ren, Kin­der solange aux étu­des. Für den schlimms­ten Fall, ich schaffe es nicht­mal bis 17:30 Uhr, kommt der Joker ins Spiel, mein Zweit­ge­bo­re­ner. Wich­tig wäre, daß der sein Tele­fon bei sich hätte. Gela­dene Bat­te­rie. Ein­ge­schal­tet. Und er ant­wor­ten würde. Jede Etappe – Tele­fon dabei, Bat­te­rie gela­den, ein­ge­schal­tet – eine ernst­zu­neh­mende Risi­ko­quelle. Von Plan B ist es nicht mehr weit bis Plan C.

Oder doch Zug.

Oder ganz weg blei­ben. Sicher­heits­hal­ber. Lie­ber Kol­lege, geht lei­der nicht, ich muß arbei­ten. Kurz nach den Atten­ta­ten in Paris hat­ten wir Oper in Tou­lon. Lan­des­weit Plan Vigi­pi­rate, alerte atten­tat – Atten­tats­war­nung. Per­so­nen­kon­trolle am Ein­gang. Machen Sie mal bitte Ihren Man­tel auf. Metall­de­tek­tor. Zwei Kon­trol­leure. Ganz klar über­for­dert. Schlange ein­mal über den Platz. Kein Poli­zist zu sehen. Top-Kon­stel­la­tion für Ter­ro­ris­ten, sagte ich zu mei­ner Frau, besser könn­ten sich die Ziele gar nicht prä­sen­tie­ren. Bes­ser als in jeder engen Kon­zert­halle. Das ist wie Hirsch­jagd für Erich Hon­ecker. Eine Maschi­nen­pis­tole auf der Frei­treppe, ein paar Maga­zine, und die ganze Reihe ein­fach ummä­hen. Ein Kum­pel würde sich die vor­neh­men, die weg­lau­fen. Meine Frau hatte keine Beden­ken. Ich solle nicht immer so nega­tiv sein.

Tou­lon ist sicher nicht so pla­ka­tiv wie Paris oder Can­nes. Can­nes hat sicher deut­lich mehr Poten­tial. Aus ter­ro­ris­ti­scher Sicht. Die Poli­zei wird sich dort sicher um Pro­mi­nenz und Publi­kum küm­mern. Kol­la­te­ral viel­leicht den einen oder ande­ren Stau produzieren.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Hundescheiße

Mein Erst­ge­bo­re­ner mußte in sei­ner Schule in Nîmes einen Vor­trag hal­ten über Deutsch­land. Von mir wollte er per whats­app dazu wis­sen, was die Deut­schen von den Fran­zo­sen hal­ten. Gene­rell gesehen.

Was meint er? Meine per­sön­li­che Mei­nung? Ein­zel­hei­ten zu mei­nem Lieb­lings­thema fran­zö­si­scher Merk­wür­dig­kei­ten? Aus­füh­run­gen zum his­to­ri­schen "Erb­feind" sei­nes Urgroß­va­ters? Zum Frank­reich als Kul­tur­na­tion sei­nes Groß­va­ters väter­li­cher­seits? Daß wir den fran­zö­si­schen Käse so hoch­schät­zen? Den Wein? Bur­gund, Bor­deaux? Foie gras? Das Mit­tel­meer? Frank­reich als Urlaubs­ziel? Was wir von ihren Klap­per­kis­ten hal­ten? Peu­geot, Renault? Von ihren Prä­si­den­ten und deren Affä­ren? Von ihren Frauen, ihrer Sprache?

Schwie­rige Frage, wüßte er, schreibt er selbst. Wen­det sich wohl an mich, weil ich ja der Deut­sche bin in der Fami­lie. Viel­leicht hält er mich sogar für deut­scher als seine Mutter.

Der Deut­sche. Allein das ist schon schwie­rig. Gibt es ja nicht, den Deut­schen. Sowe­nig, wie es den Fan­zo­sen gibt. Viel­leicht, mit Ein­schrän­kun­gen, läßt sich ein Durch­schnitts­deut­scher kon­stru­ie­ren. Ein rein sta­tis­ti­sches Indi­vi­duum aus irgend­wie gemit­tel­ter Mei­nungs­welt. Der resul­tie­rende Durch­schnitts­deut­sche war mal in Paris viel­leicht, an der Côte d'Azur. Bei Paris denkt er an den Eif­fel­turm, Ver­sailles und den Lou­vre. Die Schlan­gen vor den Kas­sen. Der Kaf­fee für acht Euro am Hafen eines ehe­ma­li­gen Fischer­dorfs. Und Hun­de­scheiße auf den Geh­we­gen. An die Fran­zo­sen selbst denkt er ver­mut­lich nicht. Wenn es der Durch­schnitts­deut­sche aufs Gym­na­sium geschafft und ein paar Jahre Fran­zö­sisch gelernt hat, kann er sich an einen Auf­ent­halt als Aus­tausch­schü­ler erin­nern. Viel­leicht. Ich war auf dem Gym­na­sium, sehr durch­schnitt­lich, und hatte ein paar Jahre Fran­zö­sisch, auch sehr durch­schnitt­lich, war aber nicht auf Aus­tausch in Frank­reich. Der Durch­schnitts­deut­sche kann sich an das Chaos im All­tag sei­nes even­tu­el­len Aus­tauschs erin­nern. Den Stau über­all, das Ver­zö­gerte, immer funk­tio­niert irgend­et­was nicht. Oder ist zumin­dest anders. Anders eben als zuhause. Nous som­mes en France. Er erin­nert sich gerne an sei­nen Kuß mit einer Schü­le­rin in der Aus­tausch­klasse. Obwohl da ver­mut­lich nicht mehr war als der Kuß. Nichts, was ihn zum Ken­ner fran­zö­si­scher Frauen machen würde. Und er spricht ein biß­chen Fran­zö­sisch. Mehr als sein Aus­tausch­part­ner Deutsch immer­hin. Eng­lisch spra­chen sie beide gleich schlecht. Erin­nert sich an exzes­si­ves Essen, min­des­tens drei Gänge. Immer. Immer Vor­speise, Haupt­ge­richt, Nach­tisch. Nach dem ein­lei­ten­den Apéro, zu dem auch schon was geknus­pert wird. Kuli­na­ri­sche Exo­tika. Schne­cken, Frosch­schen­kel, foie gras, tau­send Sor­ten Käse. Baguette. Wahr­schein­lich denkt der Deut­sche vor allem ans Essen in Frank­reich. Wenn er vom "Leben wie Gott in Frank­reich" redet, bezieht er sich meist aufs Schlemmen.

Zehn Tage in Le Lavan­dou aller­dings teu­rer als drei Wochen in Anta­lya. Saint Tro­pez unbe­zahl­bar. Acht Euro der Kaf­fee. Und sowas von unfreund­lich die Bedie­nung. Der Rest ist egal. Und das trotz aller bila­te­ra­ler staat­li­chen Bemü­hun­gen um die deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft. arte bleibt mehr oder weni­ger eine Insider-Einrichtung.

Über google hatte ich statt der Mei­nung der Einen über die Ande­ren vor­wie­gend Fak­ten gefun­den, aller­lei ver­glei­chende Sta­tis­tik. In Frank­reich mehr Arbeits­lo­sig­keit als in Deutsch­land, mehr Kin­der pro Frau. 2013 mehr Hunde pro Ein­woh­ner, mehr Restau­rant­be­su­che. Weni­ger Aus­ga­ben für das Auto, mehr Eigen­heime. Weni­ger staat­li­che Inves­ti­tion in Aus­bil­dung und For­schung. So Sachen. Dabei durch­weg signi­fi­kante Unter­schiede. Das war aber nicht die Frage mei­nes Sohns.

Viel später stieß ich auf die Resul­tate einer Stu­die, die von der deut­schen Bot­schaft in Paris in Auf­trag gege­ben wor­den war. Die woll­ten es ganz genau wis­sen. Das Insti­tut français d'opinion publi­que – IFOP – ver­öf­fent­lichte im Januar 2013 schon die Stu­die "Regards croisés sur les rela­ti­ons franco-alle­man­des à l’occasion du 50ème anni­ver­saire du Traité de l’Elysée". Über­setzt von der Bot­schaft selbst: Der Blick auf den Nach­barn – Wie beur­tei­len Deut­sche und Fran­zo­sen 50 Jahre nach der Unter­zeich­nung des Élysée‐Vertrags die Bezie­hung zwi­schen ihren bei­den Ländern?

Im Prin­zip lag ich rich­tig mit mei­ner Ein­schät­zung. Der Durch­schnitts­deut­sche – im befrag­ten Kol­lek­tiv von gut 1.300 Per­so­nen – asso­zi­iert zum Begriff Frank­reich als ers­tes Paris und Eif­fel­turm. Dann Wein, Baguette, Essen im all­ge­mei­nen. Der Fran­zose selbst kommt nicht vor. Dem Fran­zo­sen – auch gut 1.300 befragte Per­so­nen – fal­len zum Begriff Alle­ma­gne die Stich­worte Angela Mer­kel, Bier, Ber­lin und Autos ein. In die­ser Rei­hen­folge. Dann, anders als die befrag­ten Deut­schen, sahen die befrag­ten Fran­zo­sen auch den Deut­schen. Als streng und unfle­xi­bel. Viel­leicht haben sie da auch wie­der nur Angela vor dem inne­ren Auge. Aber immer­hin sehen die Fran­zo­sen auch den Men­schen.

Letzt­end­lich trifft die Fra­ge­stel­lung der Stu­die auch nicht den Ansatz mei­nes Soh­nes: Was denkt der Deut­sche über den Fran­zo­sen? Der Deut­sche, der Durch­schnitts­deut­sche weiß, glaube ich, über die Fran­zo­sen nicht mehr als über die Grie­chen und die Polen. Die Grie­chen arbei­ten nicht und zah­len keine Steu­ern, die Polen klauen Autos. Und die Fran­zo­sen? Essen aus­gie­big und sam­meln die Scheiße ihrer Hunde nicht ein.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


12. Juni

Ziem­lich ähn­lich abge­druckt in der Juni-Aus­gabe der Riviera Zei­tung.

25. Sep­tem­ber

Und auch in deren Internetauftritt.