Nathatlon

Der Papa von Paul trägt ein T-Shirt "Offi­ciel", blau auf weiß. Er bedient die rote Blech­kiste auf dem Plas­tik­stuhl jen­seits der Bar­riere vor mir. Grü­ner Plas­tik­stuhl. Ver­bli­che­nes Grün, deut­li­che Gebrauchs­spu­ren. Die rote Kiste ist so groß wie ein gro­ßer Schuh­kar­ton, Berg­stie­fel Größe 48. Mit einem schwar­zen Tra­ge­griff oben­auf, dimen­sio­niert für min­des­tens zehn Kilo­gramm. Außer­dem eine Leuchte in Warn­orange. Es han­delt sich um ein Gerät der Firma Swiss Timing. Start Time III. Plas­tik­stuhl und Schuh­kar­ton pas­sen zum tech­ni­schen Niveau des Schwimm­bads, Piscine "Port mar­chand", Tou­lon. 25-Meter-Becken in der Halle. Tro­pen­klima. Wahr­schein­lich 26 Grad. Gefühlt 32. Sicher hun­dert Pro­zent Luft­feuch­tig­keit. An einer der Längs­sei­ten die Tri­büne. Vier Stu­fen nack­ter Beton. Wenn man nicht ganz oben sitzt, kann man sich nicht anleh­nen. Hat statt­des­sen stän­dig die nack­ten Füße ande­rer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger im Rücken. Mit der Zeit sagen sie nicht ein­mal mehr Par­don.

Nath­at­lon heißt die Ver­an­stal­tung. Ins­ge­samt sind über vier Ter­mine zehn Dis­zi­pli­nen zu schwim­men. Die vier Schwimm­stile über ver­schie­dene Distan­zen. Ihre Resul­tate gereich­ten der Toch­ter letz­tes Jahr zur Qua­li­fi­ka­tion für ein regio­na­les Ereig­nis in Fos sur Mer.

Durch die Glas­front gegen­über der Tri­büne öff­net sich die Sicht auf den Hafen von Tou­lon unter grauem Him­mel. Ein Schiff von Cor­sica Fer­ries schiebt sich, ganz nah und groß, von rechts nach links durchs Bild. Und die Charles-de-Gaulle ist mal wie­der da. Der Flug­zeug­trä­ger. Liegt vor Anker rechts, zur Stadt hin. War­tungs­ar­bei­ten. Soll acht­zehn Monate dau­ern. Kos­tet eine Mil­li­arde Euros. Soll dann aber tech­nisch auf dem Niveau des 21. Jahr­hun­derts sein. Acht­zehn Monate, wenn nie­mand streikt bis dahin. Die­ser Flug­zeug­trä­ger erin­nert so ein biß­chen an das Pro­jekt des Haupt­stadt­flug­ha­fens in Ber­lin. Fass ohne Boden. Als ob Frank­reich nicht genug wirk­li­che Pro­bleme hätte. Immer­hin aber schwimmt das Ding.

Die rote Kiste von Pauls Papa ver­fügt über ein paar Schal­ter und eine ganze Reihe ver­schie­de­ner Anschlüsse. Ein mul­ti­funk­tio­na­les Gerät schwei­ze­ri­scher Prä­zi­si­ons­ar­beit. Pauls Papa ent­wirrt gut zehn Meter wei­ßen Kabels und schließt ein klo­bi­ges Hand­ge­rät, rot und schwarz, mit zwei Knöp­fen, rot und grün, an der Buchse "micro­phone" an. Wäh­rend des Auf­wär­mens wer­den die Medail­len für die Wett­kämpfe vom Vor­mit­tag ver­teilt. Eine Sil­ber­me­daille für den Sohn, Gold, Sil­ber und Bronze für die Toch­ter. Die Toch­ter ist ehr­gei­zi­ger, obwohl fast jedem Trai­ning exzes­sive Dis­kus­sio­nen zu Sinn und Zweck vor­an­ge­hen. Prä­pu­ber­tär. Zu anstren­gend, keine Lust sowieso. Schwim­men nächs­tes Jahr ohne mich. Lie­ber Ten­nis. Oder Gym­nas­tik. Oder nur noch Rei­ten. Wie auch immer, kein Schwim­men. Ver­stehe ich sehr gut. Es gibt kaum etwas Lang­wei­li­ge­res als Schwimmen.

Die Maschine ver­stärkt das "à vos mar­ques", auf die Plätze, von Pauls Papa auf Hal­len­laut­stärke und pro­du­ziert unmit­tel­bar im Anschluß auf Knopf­druck, grü­ner Knopf, ein Trö­ten. Dazu ein kur­zes Auf­blit­zen der Warn­leuchte. In ande­ren sport­li­chen Ein­rich­tun­gen des Dépar­te­ments muß der Offi­ciel ohne Laut­spre­cher­kiste aus­kom­men. Als Hilfs­mit­tel gibt es dort nur Tril­ler­pfei­fen. Im Schwimm­sport­kom­plex Port mar­chand gibt es auch ein beheiz­tes Außen­be­cken bei­nahe olym­pi­scher Abmes­sun­gen. Kann lei­der nicht mal für Wett­be­werbe auf Distrikt­s­ni­veau ver­wen­det wer­den. Der Archi­tekt hatte die Mate­ri­al­stärke der Flie­sen nicht oder falsch kal­ku­liert. Nun feh­len ein paar Zen­ti­me­ter auf fünf­zig Meter. Bei­nahe olym­pisch. Aber beheizt. Im neuen Flug­ha­fen von Ber­lin sol­len die Roll­trep­pen eine Stufe zu kurz sein. Und die Kli­ma­an­lage funk­tio­niert auch noch immer nicht richtig.

Das erste à vos mar­ques mit Tröte und Leuchte von Pauls Papa an die­sem Nach­mit­tag gilt den acht­hun­dert Metern Frei­stil Mes­sieurs. Um den Wett­be­werb ange­sichts zahl­rei­cher Kan­di­da­ten zu beschleu­ni­gen, las­sen sie jeweils zwei Schwim­mer pro Bahn star­ten. Fünf Bah­nen, zehn Schwi­mer. Meine Kin­der has­sen das, weil man sich so leicht in die Quere kommt. Gut zehn Minu­ten pro Serie. Ziem­lich lang­wei­lig für alle Betei­lig­ten, ins­be­son­dere die Zuschauer. Noch lang­wei­li­ger sind die 1.500 Meter. Sech­zig Län­gen im 25-Meter-Becken! Schon auf den ers­ten Län­gen wird dabei deut­lich, wer das Ren­nen wohl machen wird. Kei­nes mei­ner Kin­der schwimmt die acht­hun­dert Meter. Aus unse­rem Club schwimmt nur Paul, ein gro­ßer Rot­haa­ri­ger, mit. Drit­ter von zehn Schwimmern.

Ich habe kurz nicht auf­ge­passt, eine sms beant­wor­tet, den Start ver­passt. Mein Sohn ist im Was­ser. Hun­dert Meter Frei­stil der Her­ren. Hält sich gut, zwei­ter Platz. Medaille. Dann hun­dert Meter Rücken der Damen. Meine Toch­ter ist die ein­zige aus­län­di­sche Teil­neh­me­rin des Wett­be­werbs. Seit Jah­ren wird sie im offi­zi­el­len Pro­gramm in der Spalte Natio­na­lité als alle­mande gelis­tet. Keine Ahnung warum. Obwohl sie über­zeugte Fran­zö­sin ist. Dank mei­ner Toch­ter wird jedes Pro­vinz­schwim­men zur inter­na­tio­na­len Kom­pe­ti­tion. Meine Toch­ter erste ihrer Serie von fünf Schwimmerinnen.

À vos mar­ques, Tröte, Leuchte. Schon wie­der die Toch­ter. Fünf­zig Meter Schmet­ter­ling. Schlech­ter Start. Holt aber auf zum drit­ten Platz. Die Toch­ter ist ehr­gei­zig. Dank ihres Jahr­gangs reicht es bestimmt wie­der zu einer Medaille. Ob sie wirk­lich auf­hö­ren will nächs­tes Jahr? Na ja, viel­leicht doch nicht. Viel­leicht weni­ger oft zum Trai­ning. Viel­leicht. Vier Mal zwei Stun­den pro Woche sind, muß ich zuge­ben, wirk­lich viel.

Und dazu immer diese Wett­be­werbe, ganze Sonn­tage lang.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Beaufort 5

Aus dem Fens­ter eines der Kin­der­zim­mer oben im Haus hat man einen Blick auf das Wahr­zei­chen des Dorfs, einen soli­tä­ren Ande­sit-Fel­sen mit Burg­ruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Pro­vence, gelb und rot in senk­rech­ten Strei­fen. Das Haus liegt am Fuße eines lang­ge­streck­ten Hügels im Wind­schat­ten, in einer wind­ge­schütz­ten Zone zumin­dest. Der Erbauer hat sich – vor bald 150 Jah­ren – ernst­hafte Gedan­ken gemacht zu Pla­zie­rung und Aus­rich­tung sei­nes Land­hau­ses. Bei uns ist immer viel weni­ger Wind als an der Küste, im Flach­land zur Küste, aber auch schon weni­ger als im Dorf selbst. Wenn im Dorf der Wind Staub und Blät­ter durch die Gas­sen treibt, kön­nen wir noch ohne Beein­träch­ti­gung auf der Ter­rasse essen. Mit einem Blick auf die Flag­gen kann ich vor­herr­schende Wind­rich­tung und -stärke beur­tei­len. Es gibt eigent­lich nur zwei Wind­rich­tun­gen. Von rechts, West­wind, und von links, Ost­wind. Star­ker West­wind ist meist Mis­tral, Ost­wind, egal wel­cher Inten­si­tät, ist ein Vor­bote schlech­ten Wet­ters. Der Him­mel ist – wie auf dem Foto übri­gens – bei Ost­wind bes­ten­falls mil­chig­blau, meist zie­hen schnell Wol­ken auf. Mis­tral ist kalt und macht den Him­mel strah­lend blau. Keine Wol­ken. Regen ist bei Mis­tral ziem­lich unwahrscheinlich.

Ich durfte Alb­ans neues Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men aus­pro­bie­ren. Alban wohnt mit sei­ner Fami­lie am Coudon. Der Coudon ist einer der Hügel um Tou­lon. Alban wohnt hoch genug, um von sei­ner Ter­rasse aus das Meer sehen zu kön­nen. Unsere Tour führte Rich­tung Pier­refeu und zurück. Gut zwei Stun­den. Am Ende zwangs­läu­fig eine Stei­gung. Stei­gung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Bei Mis­tral als Gegen­wind macht mir Stei­gung am Ende einer Tour noch weni­ger Spaß. Gleich würde mich seine Frau fra­gen: Und? Wie fährt man auf Kar­bon? Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de boule l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Um die Bäcke­rin zu sehen am Mor­gen und seine Kum­pels am Nach­mit­tag auf dem Boule-Platz, braucht Opa kein Kar­bon­rad. Wäre eine schöne Ant­wort, dachte ich, im Schweiße mei­nes Ange­sichts auf dem letz­ten Kilo­me­ter Stei­gung, Alban weit vor­aus, leicht­fü­ßig auf sei­nem alten Alu­rad. Die zehn Jahre Alters­un­ter­schied zu Alban fühl­ten sich an wie viel­leicht dreißig.

Ich hätte einen Blick aus dem Fens­ter des Kin­der­zim­mers wer­fen sol­len. Beau­fort 5 min­des­tens. Blauer Him­mel. Mis­tral. Ich hätte absa­gen kön­nen. Kopf­schmer­zen, Dienst ganz über­ra­schend, irgend­was. Zu spät. Rich­tung und Stärke des Winds beein­flus­sen zum Rad­fah­ren maß­geb­lich meine Wahl der Route. Ost­wind ist gut für eine Stre­cke um Cap Garonne an der Küste, Mis­tral wäre gut gewe­sen für eine Tour über den Faron. In bei­den Fäl­len hat man den Wind zum Rück­weg im Rücken. Rücken­wind am Ende ist gut für die Moti­va­tion unterwegs.

Alban ist einer von denen, die für mei­nen Draht­esel nur einen mit­lei­di­gen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Sams­tag-Nach­mit­tag mit zwei, drei Kol­le­gen mal eben zu einer 150-Kilo­me­ter-Tour ins hüge­lige Hin­ter­land auf­bre­chen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abste­cher über Faron (584 Meter) und Coudon (702 Meter) abrun­den. Dabei schien mir mein aktu­el­les Rad im Ver­gleich zum Vor­gän­ger schon wie ein Quan­ten­sprung, über­all Shi­mano dran. Damit könnte Rad­fah­ren ja kei­nen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn end­lich ein rich­ti­ges Fahr­rad gön­nen würde, bald wäre doch Ostern. Die glei­che Frage hatte er mir schon letz­tes Jahr immer wie­der gestellt. Bald wäre doch Weih­nach­ten. Ein rich­ti­ges Fahr­rad ist für sol­che Leute ein Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men. Der Rah­men wiegt dann weni­ger als ein Kilo. Ins­ge­samt sechs Kilo­gramm Fahr­rad-High­tech. Alban hat sich eines gekauft für etwas über drei­tau­send Euro. Ziem­lich viel, finde ich. Für ein Fahr­rad. Man kann noch viel mehr aus­ge­ben für ein Fahr­rad, ich weiß.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzu­neh­men? Nein, nein, sagt Alban, und das habe ich auch schon von ande­ren Kar­bon­rad­fah­rern gehört, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Kar­bon­rah­men sei viel stei­fer, des­we­gen viel har­scher und direk­ter, das Fahr­rad also viel­leicht unbe­quem, aber dafür auch reak­ti­ons­freu­di­ger. Reak­ti­ons­freu­di­ger? Ja, die Reak­ti­ons­freude merkt man zum Bei­spiel beim Beschleu­ni­gen in der Stei­gung. Beschleu­ni­gen in der Stei­gung? Achso. Pas­siert mir nicht so oft. Auf den letz­ten Metern einer Stei­gung, wenn das Ende in Sicht­weite vor mir liegt, steige ich manch­mal noch in die Pedale. Als End­spurt, ein letz­tes Auf­bäu­men. Soviele andere Fak­to­ren kämen da noch ins Spiel, auf­grund des stei­fe­ren Rah­mens würde so ein Kar­bon­fahr­rad eine ganz andere Dyna­mik ent­wi­ckeln kön­nen, ein direk­te­res Anspre­chen. Dyna­mik? Ja, ergänzt Alban mit mis­sio­na­ri­schem Eifer, eine viel bes­sere Iner­tie. Iner­tie? Den Begriff Iner­tie habe ich vor vie­len Jah­ren schon mal gehört, im Stu­dium, Bio­phy­sik. Und schon damals nicht wirk­lich ver­stan­den. Damals gab es noch kein wiki­pe­dia. Iner­tie ist auf Deutsch Träg­heit. Je schwe­rer ein Kör­per, desto trä­ger. So ein­fach. Schwere Kör­per set­zen sich schwe­rer in Bewe­gung. Hat was mit dem Gewicht zu tun. Mein Sohn stu­diert Inge­nieur. Iner­tie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Iner­tie beim Fahr­rad. Augen­wi­sche­rei. Kar­bon­rä­der sind eben leich­ter. Leich­ter macht bes­sere Iner­tie, logisch. Klingt gut und kei­ner ver­steht, was wirk­lich gemeint ist. Muß aber was ganz Tol­les sein, sonst würde man ja nicht drei­tau­send Euro dafür aus­ge­ben müssen.

Und? Wie fährt sich Kar­bon? – Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de boule l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Für mei­nen sport­li­chen Anspruch tut's auch eine tech­ni­sche Anti­qui­tät. Und viel­leicht drei, vier Kilo weni­ger Eigen­ge­wicht zum Som­mer hin und über­haupt. Drei, vier Kilo weni­ger Eigen­ge­wicht sind sicher auch gut für meine per­sön­li­che Iner­tie.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Gekürzte Ver­sion für Heft Nr. 301, Mai/Juni, der Riviera Zeit

Aus dem Fens­ter des Kin­der­zim­mers oben hat man einen Blick auf das Wahr­zei­chen des Dorfs, einen Fel­sen mit Burg­ruine und Kapelle. Auf dem Turm weht Blau-Weiß-Rot und die Flagge der Pro­vence, gelb und rot in senk­rech­ten Strei­fen. Mit einem Blick auf die Flag­gen kann ich vor­herr­schende Wind­rich­tung und -stärke beur­tei­len. Es gibt eigent­lich nur zwei Wind­rich­tun­gen. Der Ost­wind ist gut für eine Stre­cke um Cap Garonne an der Küste, Mis­tral, der kalte West­wind, für eine Tour über den Faron. In bei­den Fäl­len hat man den Wind zum Rück­weg im Rücken. Rücken­wind am Ende ist gut für die Moti­va­tion unterwegs.

Neu­lich durfte ich Alb­ans neues Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men aus­pro­bie­ren. Alban wohnt mit an einem der Hügel hin­ter Tou­lon, hoch genug für vue mer von sei­ner Ter­rasse aus. Unsere Tour führte Rich­tung Pier­refeu und zurück. Gut zwei Stun­den. Am Ende zwangs­läu­fig eine Stei­gung. Stei­gung zum Ende einer Tour macht mir wenig Spaß. Noch weni­ger bei Mis­tral als Gegen­wind. Gleich würde mich seine Frau fra­gen: Und? Wie fährt man auf Kar­bon? Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de boule l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Um die Bäcke­rin zu sehen am Mor­gen und seine Kum­pels am Nach­mit­tag am Boule-Platz, braucht Opa kein Kar­bon­rad. Wäre eine pas­sende Ant­wort, dachte ich, im Schweiße mei­nes Ange­sichts auf dem letz­ten Kilo­me­ter Stei­gung, Alban weit vor­aus, leicht­fü­ßig auf sei­nem alten Alurad.

Ich hätte einen Blick aus dem Fens­ter des Kin­der­zim­mers wer­fen sol­len. Blauer Him­mel. Mis­tral. Beau­fort 5 min­des­tens. Ich hätte absa­gen kön­nen. Kopf­schmer­zen, Dienst ganz über­ra­schend, irgend­was. Zu spät.

Alban ist einer von denen, die für mei­nen Draht­esel nur einen mit­lei­di­gen Blick übrig haben. Einer von denen, die am Sams­tag-Nach­mit­tag mit zwei, drei Kol­le­gen mal eben zu einer Tour ins hüge­lige Hin­ter­land auf­bre­chen. Zum Abschluß die Tour noch eben mit einem Abste­cher über den Coudon (702 Meter) abrun­den. Mit sowas könnte Rad­fah­ren ja kei­nen Spaß machen, sagt Alban. Wann ich mir denn end­lich ein rich­ti­ges Fahr­rad gön­nen würde, bald wäre doch Ostern. Die glei­che Frage hatte er mir schon letz­tes Jahr immer wie­der gestellt. Bald wäre doch Weih­nach­ten. Ein rich­ti­ges Fahr­rad ist für sol­che Leute ein Fahr­rad mit Kar­bon­rah­men. Der Rah­men wiegt dann weni­ger als ein Kilo. Alban hat sich eines gekauft für über drei­tau­send Euro. Ziem­lich teuer, finde ich.

Ob es nicht schlauer wäre, ein paar Kilo abzu­neh­men? Nein, nein, sagt Alban, es wäre ja nicht nur das Gewicht, ein Kar­bon­rah­men sei viel stei­fer, des­we­gen viel direk­ter, das Fahr­rad also viel­leicht unbe­quem, aber dafür reak­ti­ons­freu­di­ger. Reak­ti­ons­freu­di­ger? Ja, die Reak­ti­ons­freude merkt man zum Bei­spiel beim Beschleu­ni­gen in der Stei­gung. Beschleu­ni­gen? In der Stei­gung? Pas­siert mir nicht so oft. Auf den letz­ten Metern einer Stei­gung, wenn das Ende in Sicht­weite vor mir liegt, steige ich manch­mal noch in die Pedale. Soviele andere Fak­to­ren kämen da noch ins Spiel, auf­grund des stei­fe­ren Rah­mens würde so ein Kar­bon­fahr­rad eine ganz andere Dyna­mik ent­wi­ckeln kön­nen, ein direk­te­res Anspre­chen. Dyna­mik? Ja, ergänzt Alban mit mis­sio­na­ri­schem Eifer, eine viel bes­sere Iner­tie. Iner­tie? Den Begriff habe ich vor vie­len Jah­ren schon mal gehört, im Stu­dium, Bio­phy­sik. Und schon damals nicht wirk­lich ver­stan­den. Damals gab es noch kein wiki­pe­dia. Iner­tie ist Träg­heit. Schwere Kör­per set­zen sich schwe­rer in Bewe­gung. Mein Sohn stu­diert Inge­nieur. Iner­tie kam auch mal vor. Mein Sohn sagt, das sei Quatsch mit der Iner­tie beim Fahr­rad. Augen­wi­sche­rei. Kar­bon­rä­der sind eben leich­ter und somit phy­si­ka­lisch weni­ger träge. Iner­tie klingt gut und kei­ner ver­steht, was wirk­lich gemeint ist. Muß aber was ganz Tol­les sein, sonst würde man ja nicht soviel Geld dafür aus­ge­ben wollen.

Und? Wie fährt sich Kar­bon? – Pour voir la bou­lan­gère le matin et ses copains au ter­rain de pétan­que l'après-midi papi n'a pas besoin d'un vélo en car­bone. Für mei­nen sport­li­chen Anspruch tut's auch eine tech­ni­sche Antiquität.

Kopfgeld

Ein paar Tage mit den Kin­dern beim Ski­fah­ren. Zu dritt, die Mut­ter würde nach­kom­men. Um vier Uhr mor­gens im Auto, neun Uhr die ers­ten am Lift. Und dann das. Gleich am ers­ten Tag.

Nach fünf­zehn Minu­ten War­ten auf den Sohn hatte ich mich auf den Weg gemacht, pis­ten­auf­wärts. Gefühlt fünf­zehn Minu­ten, wahr­schein­lich waren es gerade mal fünf Minu­ten gewe­sen. Wenn man uner­war­tet war­ten muß, bläst sich jede Minute auf. Mein Sohn war mit dem Snow­board unter­wegs, noch etwas unge­übt und eher vor­sich­tig. Nor­ma­ler­weise aber war er höchs­tens eine halbe Minute hin­ter uns, sei­ner klei­nen Schwes­ter und mir. Nach fünf­zehn Minu­ten, wo bleibt er denn nur, hatte ich die Skib­in­dun­gen gelöst und war auf­ge­bro­chen, die Piste auf­wärts, zum Glück eher flach, keine zehn Pro­zent, blaue Piste. Offen­bar sicht­lich besorgt wir­kend und wer läuft schon Pis­ten auf­wärts, war ich ohne Unter­laß von mit­füh­len­den Pas­san­ten ange­spro­chen wor­den. Ja, da läge ein Kind auf der Piste, nicht mehr weit, drei­ßig Meter noch, aber les sécou­ris­tes, die Berg­ret­tung, würde sich schon um ihn küm­mern, sei bestimmt nicht so schlimm. Was, die Berg­ret­tung? So schlimm? Wenn einer mal in den Schnee fällt, kom­men die Sécou­ris­tes doch auch nicht gleich! Wahr­schein­lich was gebro­chen. Oder bewußt­los? Nein, wahr­schein­lich nichts gebro­chen. Wäre was gebro­chen, würde mein Sohn sich unter Schmer­zen win­den und wahr­schein­lich wei­nen, wür­den die Pas­san­ten nicht sagen, es sei bestimmt nicht so schlimm. Bewußt­los also. Schä­del-Hirn-Tauma wie Schumi vor drei Jah­ren! Sub­du­ra­les Häma­tom. Am Ende, nach ein paar Wochen Inten­sivst­me­di­zin, ist vom Hirn nicht mehr viel übrig. Oder pein­li­cher Sturz. Sein bes­ter Kum­pel spielt Fuß­ball im Ver­ein. Wenn der im Gar­ten beim Bol­zen mal über die eige­nen Füße stol­pert, insze­niert er das mit gro­ßer Thea­tra­lik. Fuß­bal­ler eben. Mein Sohn kann die Thea­tra­lik schon fast so gut wie sein Kum­pel. Sowas kann ich gut beschwich­ti­gen. Meist reicht igno­rie­ren. Noch blieb ein biß­chen Hoff­nung. Sicher hat­ten die Pas­san­ten recht. Nicht so schlimm. Trotz Berg­ret­tung. Wahr­schein­lich waren die zufäl­lig vor­bei­ge­kom­men. Wei­ter oben hat­ten wir einen Ski­fah­rer auf einer Trage gese­hen. Weit­räu­mig abge­rie­gelt von den roten Over­alls der Berg­ret­tung. Der Hub­schrau­ber über mir war bestimmt für den Unfall wei­ter oben unterwegs.

Mein Sohn als Lie­gend­trans­port oder im Hub­schrau­ber wäre zu ärger­lich gewe­sen. Ein paar Stun­den zuvor, an der Kasse für die Pis­ten­kar­ten, hatte ich den Vor­schlag der Kas­sie­re­rin einer zusätz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung noch zurück­ge­wie­sen. Ach was, wird schon gut­ge­hen. Geht seit vie­len Jah­ren ohne Ver­si­che­rung gut. Noch nie in all den Jah­ren waren wir auf die Hilfe der Berg­ret­tung ange­wie­sen. Über­mü­tig schien das jetzt. Geiz­krise. Schwa­ben­gene. Wegen ein paar Euro mehr pro Tag und Per­son. Als ob es dar­auf noch ange­kom­men wäre. Wenn sie mei­nen Sohn mit dem Hub­schrau­ber ins Tal bräch­ten, würde das ein Ver­mö­gen kos­ten. Hub­schrau­ber­zeit wird mei­nes Wis­sens nach Minu­ten berechnet.

Die drei­ßig Meter hatte ich schon längst geschafft, kein Sohn in Sicht, auch keine Ansamm­lung Schau­lus­ti­ger immer­hin. Nach einer wei­te­ren Links­kurve sah ich ihn. Noch gut fünf­zig Meter. Von wegen drei­ßig! Fran­zo­sen reden immer alles schön. Mein Sohn lag in Bauch­lage quer zur Fahrt­rich­tung auf der Piste. Bauch­lage! Warum das denn? Helm auf dem Kopf, die Arme dar­un­ter ver­schränkt. An den Füßen immer noch das Board. Ober­halb von ihm steckte ein Paar Ski gekreuzt im Schnee. Siche­rung der Unfall­stelle. Hier war ein Profi am Werk. Die Piste war ziem­lich schmal, mein Sohn mit­ten­drin. An sei­nem Kopf­ende kniete ein Mann im Schnee. Roter Ski­an­zug mit dem Emblem-Adler des Ski­ge­biets auf dem Rücken, Beschrif­tung "Sécou­riste", Weiß auf Rot, Berg­ret­tung. Er beugte sich über mei­nen Sohn und sprach mit ihm. Wah­schein­lich fragte er ein­fach ça va, t-as mal, t-as froid? Zum bestimmt hun­derts­ten Mal. Mein Sohn war etwas blass, das sah ich schon von wei­tem, hatte die Augen geschlos­sen. Würde doch hof­fent­lich nicht so schlimm sein wie es aus­sah. Was würde meine Frau sagen? Bauch­lage. Wenn einer was am Rücken hat, soll man seine Posi­tion nicht ver­än­dern. Mein Sohn reagiert auf die Anspra­che des Herrn im roten Ski­an­zug, gibt sich aller­dings wort­karg, genervt. Auch das sehe ich von wei­tem. Immer diese ewig glei­chen Fra­gen, ça-va-t-as-mal-t-as-froid. Wahr­schein­lich Schmer­zen irgendwo. Bestimmt am Fuß. Und kalt. Mir wäre kalt, wenn ich so im Schnee lie­gen müßte.

Bon­jour Mon­sieur. Der Herr im roten Over­all unter­rich­tete mich, daß das Team zur wei­te­ren Ver­sor­gung bereits unter­wegs wäre, jeden Moment ein­tref­fen sollte. Mit der coquille. Die Coquille ist wohl die Trage für den Schnee. Mit einem Ret­ter jeweils vorne und hin­ten. Akia auf deutsch. Mög­li­cher­weise eine Ver­let­zung der Wir­bel­säule, sagte er. Und wer ich über­haupt wäre? Je suis son père. Ich bin der Vater. Eigent­lich hätte er nach einem Aus­weis ver­lan­gen müs­sen. Bloß nicht anfas­sen, sagte er, gleich kommt das Team mit der coquille. Soweit durfte es nicht kom­men. Wenn man die ein­fach machen lässt, packen die mei­nen Sohn in ihre coquille, womög­lich in Bauch­lage, und ich kann ihn im Centre hos­pi­ta­lier von Bri­ançon wie­der ein­sam­meln. Das Centre hos­pi­ta­lier von Bri­ançon hat kei­nen guten Ruf. Kein Wun­der, wer will da schon arbei­ten, ist ja nichts los am Arsch der Welt. Wir hat­ten bei uns mal einen Kno­chen­chir­ur­gen, der von da kam. Marco. Ita­lie­ner. Zwei linke Hände. Nichts gegen Ita­lie­ner. Für Marco war jedes kaputte Hand­ge­lenk eine ganz kom­pli­zierte Frak­tur. Ganz kom­pli­ziert. Außer­dem kenne sol­che Betriebe des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens in Frank­reich. Ange­kom­men in Bri­ançon wür­den sie ihn, weil bis dahin wahr­schein­lich nichts mehr weh­tut, kein Krib­beln, keine Taub­heit, aus der Coquille holen und auf einen Stuhl im War­te­saal set­zen. Sich laut auf­re­gen über die inkom­pe­ten­ten, naja über­vor­sich­ti­gen, Kol­le­gen der Berg­ret­tung. Oder auf eine Prit­sche im Flur legen. Bes­ten­falls. Immer schön in Bauch­lage. Kann aber war­ten, ist ja kein lebens­be­droh­li­cher Not­fall. Atmet ja noch. Das War­ten in Betrie­ben des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens kann sich über Stun­den hin­zie­hen, kenne ich. Die Rönt­gen­ab­tei­lug wird dort genauso chro­nisch über­for­dert sein wie die in mei­nem Centre hos­pi­ta­lier ein biß­chen wei­ter im Süden. Wenn es sich irgend­wie ver­ant­wor­ten läßt, muß ich mei­nen Sohn aus den Fän­gen der Berg­ret­tung befreien. Würde mei­ner Frau nicht gefal­len, den Sohn im Kran­ken­haus von Bri­ançon besu­chen zu müs­sen. Kann man euch nicht ein­mal alleine las­sen? Zudem steht die Toch­ter immer noch unten am Lift.

Hallo Sohn, ça va, t-as mal, t-as froid? Mein Sohn war ansprech­bar. Jaha, es geht. Ja, Schmer­zen am Rücken und im Fuß. Und nein, mir ist nicht kalt. Ein Eis­bro­cken auf der Piste hatte ihn aus dem Gleich­ge­wicht gebracht. Rück­wärts auf die ver­eiste Piste geknallt. Konnte vor Schmer­zen zehn Sekun­den nicht mehr atmen. Sagte er. Zehn Sekun­den. Okay, wohl kein Ver­lust des Bewußt­seins. Ande­rer­seits, Schumi hat sich auch nicht sofort nach dem Sturz aus­ge­blen­det. Der Schmerz im Rücken klein loka­li­siert, kleine rote Stelle auf der Haut. Tut's da weh, wenn ich drü­cke? Nein. Mein Sohn ist durch­trai­nier­ter Sport­ler, der bricht sich so schnell nichts. Bei mir wäre das viel­leicht anders. Der linke Fuß tat weh. Die große Zehe. Kaum auf der Piste, tat ihm der linke Fuß schon weh. Fal­scher Schuh, wahr­schein­lich zu kurz. Schlecht gewählte Aus­rüs­tung kann einem beim Ski­fah­ren den gan­zen Tag ver­gäl­len. Kenn' ich.

Für mein Gefühl konnte man es ver­ant­wor­ten, ihn von sei­nem Board und aus der Bauch­lage zu befreien. Stop, stop, was machen Sie denn da. Der Berg­ret­ter war nicht ein­ver­stan­den. Je suis méde­cin, ça va aller. Ich bin Arzt, das wird schon gehen. Das reichte dem Berg­ret­ter. Eigent­lich etwas halb­her­zig, finde ich, sein Wider­stand, da könnte ja jeder kom­men, sagen, er wäre Arzt.

Kein Krib­beln, keine Taub­heit, etwas Schmerz. Im Fuß vor allem, am Rücken ging's. Etwas blaß der Junge. Wir werden's für heute gut sein las­sen mit dem Sport. Un cho­co­lat chaud zuhause ist auch schön. Auf eigene Ver­ant­wor­tung und gegen Unter­schrift durf­ten wir gehen. Der Sécou­riste kannte das offen­sicht­lich, hatte einen gan­zen Sta­pel ent­spre­chen­der Zet­tel im Post­kar­ten­for­mat dabei. Kei­ner will mit ihm blei­ben. Ich mußte ihn mit klam­men Hän­den aus­fül­len. Immer noch keine Aus­weis­kon­trolle. Wofür soll das also gut sein? Er gab sich zum Abschluß pam­pig. Ihre Schuld, wenn ihr Sohn am Ende im Roll­stuhl sitzt.

Wahr­schein­lich gibt es Kopf­geld für jedes Opfer von der Piste.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Mythique

Kilo­me­ter 20,9. Aus der Unter­füh­rung eines Fuß­wegs unter dem Bahn­gleis, ein paar Stu­fen nach oben, kommt man direkt auf die Piste, Route du Bord de la Mer. Wie es da aus­sieht, kann bei google maps sehr schön sehen. Auf der einen Seite das Meer, auf der ande­ren die Stadt. Vor­orte von Anti­bes. Ein paar Pal­men, ein Flüss­chen. Wenn meine Frau das Flüss­chen – La Bra­gue – kreuzt kurz nach Mari­ne­land, bin ich auch nicht mehr weit. Ich werde einen hal­ben Liter Zau­ber­trank bereit­hal­ten, Ener­gie­rie­gel und Schmerztabletten.

Mara­thon Nizza-Can­nes. 13. Novem­ber, Sonn­tag. Meine Frau läuft mit. Den gan­zen Mara­thon. Mythi­que, sagt sie. Der Mara­thon Nizza-Can­nes ist mythi­que. Mara­thon­stre­cken wer­den oft mit sol­chen Adjek­ti­ven bedacht. Mythi­que, magi­que, légen­d­aire. Als Nicht­läu­fer kann ich sol­che Attri­bute schwer nach­emp­fin­den. Lau­fen über­haupt ist schon anstren­gend, über 42,195 Kilo­me­ter mit zehn­tau­send ande­ren Läu­fern eine ein­zige Tor­tur. Einige ihrer Kol­le­gin­nen lau­fen den Mara­thon als Staf­fel. Gibt es auch. Die Kilo­me­ter wer­den in unter­schied­lich große Abschnitte auf­ge­teilt. Sechs oder sie­ben Abschnitte, glaube ich. Ich bin kein Läu­fer. Nicht mal in der Staf­fel. Ich bin der Coach. Zwei Mal werde ich an der Stre­cke ste­hen und Wun­der­mit­tel bereit­hal­ten. Zau­ber­trank, Ener­gie­rie­gel, Schmerz­ta­blet­ten. Trost und Mut zuspre­chen. Und am Ende das Taxi spie­len für meine Frau und die eine oder andere Staf­fel-Läu­fe­rin. Lange schien es, als brauch­ten sie mich gar nicht. Lange schie­nen genug andere Coachs unter­wegs zu sein. Sicher ist, daß meine Frau schon heute Nach­mit­tag fah­ren wird. Viel­leicht mit Sophie, viel­leicht mit Nadège. Wird sich noch erge­ben. Fran­zo­sen hal­ten sich gerne alle Optio­nen offen. Bis zuletzt. Wenn man als Mit­tel­eu­ro­päer teu­to­ni­scher Her­kunft denkt, man hätte nun was orga­ni­siert, ist das pure Illu­sion. Kann sich in letz­ter Minute ganz anders dar­stel­len. Mal sehen, wer heute Nach­mit­tag klin­gelt. Bes­ser nichts orga­ni­sie­ren und auf sich zukom­men las­sen. Ist eine Frage der Welt­an­schau­ung. Sehr gut ist der Fran­zose in der Impro­vi­sa­tion. Das Beste draus machen wenn nichts mehr zu orga­ni­sie­ren ist. Die eige­nen Prio­ri­tä­ten nicht aus den Augen ver­lie­ren. Nur das Hotel für heute Abend in der Nähe des Départ ist gebucht. Mythi­que übri­gens schon der Start laut Home­page. In der Nähe des Alli­anz Riviera Sta­di­ons außer­halb der Stadt. Und ein gemein­sa­mes Essen ist ange­dacht. Am bes­ten Piz­ze­ria. Eine ordent­li­che Por­tion Nudeln. Gut für die Gly­ko­gen­spei­cher. Dabei mit wenig Bal­last­stof­fen. Ein Glas Wein viel­leicht. Der Tisch in der Piz­ze­ria ist aller­dings noch nicht reser­viert. Viel­leicht fällt das gemein­same Essen auch aus. Weiß man nicht. Oder zum Chi­ne­sen. Da gibt's ja auch Nudeln.

Am 30. Okto­ber war der Lauf Mar­seille-Cas­sis. Ein Halb­ma­ra­thon, über drei­hun­dert Meter Höhen­un­ter­schied. Auch mythi­que. Wenn man nach zwan­zig Kilo­me­tern und drei­hun­dert Höhen­me­tern ins Ziel wankt, ver­klärt sich die Leis­tung ins Mythi­sche. Da sollte nur meine Frau lau­fen. Weil das Läu­fer­um­feld mei­ner Frau zu lang­sam war bei der Anmel­dung online. Zu lang­sam oder nicht punkt­ge­nau online. Die Anmel­dung war, erschwe­rend, irgend­wann im August um zehn Uhr vor­mit­tags. Die meis­ten Men­schen, auch Läu­fer, müs­sen um zehn Uhr vor­mit­tags arbei­ten. Auch im August. Ich hatte frei. Als Coach küm­mere ich mich nicht nur um Zau­ber­trank, Trost und Zuspruch, son­dern gele­gent­lich auch um die Anmel­dung. Punkt zehn Uhr war die Seite online. Klick. Name, Vor­name, Geburts­da­tum. Klick. Adresse. Klick. Ver­eins­zu­ge­hö­rig­keit. Klick. Adresse des Ver­eins. Klick. Kre­dit­karte. Klick. Bestä­ti­gungs-Code – veuil­lez pati­en­ter quel­ques instants – auf dem Handy. Kein Pro­blem, dar­auf war ich vor­be­rei­tet, ein guter Coach hat sein Handy immer gela­den und in Griff­weite. Sechs­stel­li­ger Code. Klick. Fünf Minu­ten zwei­und­drei­ßig Sekun­den chrono. Dann wollte ich noch Nadège anmel­den, eine Tri­ath­le­tin aus dem Läu­fer­um­feld, die im August auch arbei­ten mußte. Klick. Com­plet. Nous en som­mes déso­lés. Zu spät. Hatte den Vor­teil, daß die Pla­nung so um vie­les ein­fa­cher war. Kein Fran­zose dabei. Nur eine Fran­ko­phile, meine Frau. Die erwägt auch gerne meh­rere Optio­nen bis zuletzt. Ist aber nor­ma­ler­weise nur eine Option zur Zeit. Ein Fran­zose jon­gliert gerne mit drei oder vier Optio­nen, gerne auch dia­me­tral gegen­läu­fig. Bei zwei Fran­zo­sen ist man schnell bei sechs bis acht ange­dach­ten Optio­nen. Die mathe­ma­ti­sche For­mel ist ganz ein­fach. Zahl der betei­lig­ten Fran­zo­sen in unge­fähr drit­ter Potenz. Man kann diese For­mel noch unter Berück­sich­ti­gung ver­schie­de­ner äuße­rer Umstände – Wet­ter, Tages­zeit, Ort, rela­tio­nelle, kuli­na­ri­sche und finan­zi­elle Aspekte – ver­fei­nern, das Prin­zip bleibt: expo­nen­ti­elle Steigerung.

Der mythi­sche Lauf fiel schließ­lich auch für meine Frau aus. Wegen logis­ti­scher Beden­ken. 15.000 ange­mel­dete Läu­fer. Fünf­zehn­tau­send. Dazu Ange­hö­rige. Schau­lus­tige. Sicher­heits- und Hilfs­per­so­nal, Park­platz­an­wei­ser. Und das in einem Dorf wie Cas­sis, ein Fischer­städt­chen, klei­ner als Saint-Tro­pez, mit win­zi­gem Hafen. Sta­tis­tisch mehr als zwei Läu­fer pro Ein­woh­ner. Pro­gram­mier­tes Chaos. Ver­mut­lich war die Zufahrt zum Fischer­ha­fen ab der zuge­hö­ri­gen Auto­bahn­aus­fahrt 13 Kilo­me­ter wei­ter beschränkt. Außer­dem hätte man die Start­num­mer am Vor­abend in Mar­seille abho­len müs­sen. Sogar für einen mythi­schen Lauf zuviel Aufwand.

Mor­gen Nizza-Can­nes. Meine Frau läuft mit der Start­num­mer 7461. Der Coach bei Kilo­me­ter 20,9 und 31. Kilo­me­ter 31 ist auf der Höhe von Juan-les-Pins. Kurz nach dem Cap d'Antibes mit der höchs­ten Erhe­bung der Stre­cke, 34 Meter. Das Ziel auf dem Bou­le­vard de la Croi­sette von Can­nes vor dem Carl­ton. Viel­leicht gehö­ren sol­che Ele­mente zum Mythos des Laufs: Julia Roberts, Jodie Fos­ter und George Cloo­ney waren auch gerade in Can­nes. Weni­ger zum Lau­fen ver­mut­lich. Haben viel­leicht eine Tasse Kaf­fee getrun­ken auf der Ter­rasse des Hotels.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Insel im Sturm

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Vor ein paar Tagen bin ich extra früh auf­ge­stan­den, um noch ein biß­chen Rad zu fah­ren, also, eben mehr als ein biß­chen nur, mehr als die zehn Kilo­me­ter plat­tes Land zum Kran­ken­haus. Wegen der Hitze geht das nur früh mor­gens. Und ab und zu muß, um in Form zu kom­men, schon auch mal ein biß­chen Stei­gung sein. Um Tou­lon haben wir drei Berge, Mont Caume, Faron und Coudon. Ambi­tio­nierte Ama­teure fah­ren die drei mal eben an einem guten Vor­mit­tag ab. Ambi­tio­nierte Ama­teure fah­ren übri­gens ohne Unter­wä­sche. Zumin­dest die aus mei­nem Umfeld. Sagen die. Ich weiß aber nicht, was das bringt. Soweit bin ich noch nicht. Ich fahre auch nur einen der Berge zur Zeit. Wobei ich den Mont Caume noch nie in Angriff genom­men habe. Mein Lieb­lings­berg ist der Faron, weil die Straße von einem zum ande­ren Ende eine Ein­bahn­straße ist. Kein Gegen­ver­kehr. 520 Höhen­me­ter. Der Coudon ist ein biß­chen höher, 650 Meter, oben ist was Mili­tä­ri­sches, man darf nicht ganz rauf. Mor­gens fährt man immer­hin ange­nehm im Schat­ten. Lei­der Sack­gasse. Poten­ti­ell also mit Gegen­ver­kehr. So früh kommt da natür­lich kei­ner run­ter. Aber erstaun­lich viele fah­ren rauf. Beim Run­ter­fah­ren auf der schma­len Straße macht poten­ti­el­ler Gegen­ver­kehr Angst. Da war ich also vor ein paar Tagen. Auf dem Coudon. Abfahrt zuhause 6:04 Uhr. Oben um 7:21 Uhr. Das ist nicht wirk­lich schnell. Weiß ich. Wurde dann auch ein biß­chen knapp fürs Kran­ken­haus. Zumal ich dann ja auch noch duschen mußte. Definitiv.

8:25 Uhr. Toben­der Chir­urg in der Umkleide vor der Dusche. David B. Ich habe ihn, trotz lau­fen­der Dusche, schon von wei­tem gehört, ihn und einen mei­ner Kol­le­gen, frag' doch Bertram, wenn dir was nicht passt. Aber der duscht gerade. Drei Sekun­den spä­ter stand er brül­lend in der Umkleide, rief nach mir, Bertram, rüt­telte an der Tür zur Dusche. Kann ich nicht gut haben, auch wenn ich spät dran bin. David B. ist all­ge­mein als connard klas­si­fi­ziert. Arro­gant und, lei­der, in sei­nen hand­werk­li­chen Fähig­kei­ten nicht gerade begabt. Arro­gant ginge ja noch durch, wenn er wenigs­tens gut wäre, also hand­werk­li­ches Geschick bewiese, nett oder zumin­dest kom­pe­tent wäre zu Pati­en­ten und so. Ist er aber nicht. Nicht mal nett zu Pati­en­ten. Und immer, oft, geht irgend­was dane­ben. Häu­fig muß er mehr­fach ope­rie­ren, weil es im ers­ten Ver­such beim bes­ten Wil­len nicht reicht. Des­we­gen steht er häu­fig alleine da. Und muß schreien, weil ihm kei­ner hilft. Kei­ner wollte seine Pati­en­tin mit kaput­ter Hüfte für die­sen Mor­gen neu­lich betäu­ben. Die Labor­werte stimm­ten nicht. Zu anämisch. Waren sich die Anäs­the­sis­ten offen­bar einig. Gibt es auch ganz sel­ten, diese Einig­keit unter den Anäs­the­sis­ten. Gegen David B. leich­ter mal. Die Frau hätte bes­ser vor­be­rei­tet sein müs­sen, wenn man sie halb­wegs unbe­scha­det durch die OP brin­gen wollte. David B. hätte sich um eine kleine Trans­fu­sion küm­mern müs­sen. War ihm nicht so wich­tig. Chir­ur­gen wird oft unter­stellt, es ginge ihnen nur um ihre Ope­ra­tion. Ist lei­der häu­fig was dran. David B. gehört ganz klar zu die­ser Sorte. Damit ist meine Pati­en­tin lei­der mal bar­rée, mit die­sem Chir­ur­gen. Schlechte Kar­ten. Unter der Dusche kann ich dir sowieso nicht hel­fen, laisse-moi tran­quille, con­nard, laisse-moi trois minutes!

Gut drei Stun­den spä­ter war die Pati­en­tin soweit. So rich­tig schlimm wurde es schließ­lich nicht. Wir hat­ten genug Blut auf Lager, das Blut­bad zu kompensieren.

Spä­ter, im Dienst, mußte ich lange war­ten auf die Über­nahme einer Pati­en­tin aus den Urgen­ces, der Ambu­lanz. Das kann ganz lange dau­ern und man weiß gar nicht warum. Hätte ich hin­ge­hen kön­nen und mal ein biß­chen Druck machen. Kol­le­gen von mir machen das gerne, Druck machen in den Urgen­ces. Frü­her, wäh­rend mei­ner ers­ten Monate in die­sem Kran­ken­haus, stürmte auch ich gele­gent­lich brül­lend die Urgen­ces. Blitz­an­griff. Wut­an­fall, wenn wie­der ein Uralt-Pati­ent mit einer Aldi­tüte voll Medi­ka­men­ten auf die Sta­tion kam ohne aktu­elle Blut­ana­lyse, EKG und Rönt­gen­auf­nahme. Blut­ana­lyse, EKG und Rönt­gen­auf­nahme sind ganz klar Auf­gabe der Urgen­ces. So war das frü­her in Deutsch­land und das ist eigent­lich auch so in Frank­reich. Nor­ma­le­ment. Ins­be­son­dere bei Alten mit einer gan­zen Aldi­tüte voll Medi­ka­men­ten ist das hilf­reich und nett. Damit der Anäs­the­sist sich früh­zei­tig eine Vor­stel­lung vom Zustand des Pati­en­ten im Gan­zen machen kann. Da hat wie­der einer geschla­fen, wenn das nicht gemacht ist. Oder keine Lust gehabt. Brül­len in den Urgen­ces, vor Publi­kum, Schwes­tern, Ärz­ten, Pati­en­ten, Ange­hö­ri­gen. Egal. Wut. So geht das gar nicht, so kann ich nicht arbei­ten. Das nächste Mal kriegt ihr den Pati­en­ten zurück, bis das ver­dammte EKG geschrie­ben ist. Bor­del à cul de pompe à merde! Das gilt als über­aus häß­li­cher Fluch. Bringt aber nichts. Im Gegen­teil. Die gucken alle nur gelang­weilt. Das ken­nen sie schon. Der zustän­dige Kol­lege ist gerade im Ein­satz auf der Straße. Und die Schwes­ter dazu unauf­find­bar. Oder, bes­ser noch, kei­ner weiß, wer die Schwes­ter dazu ist. Oder war. Ist immer so. Der zustän­dige Kol­lege ist immer gerade im Ein­satz auf der Straße und kei­ner will wis­sen, wer die Schwes­ter dazu ist. Und wenn man sei­nen Auf­tritt als Sturm­bann­füh­rer – Ach­tung, schnell, schnell, der böse Deut­sche im Film sagt immer und unsyn­chro­ni­siert Ach­tung, schnell, schnell – hatte, geht es extra lang­sam weiter.

Kein Brül­len mehr also. Hof­fen auf Wun­der. Zum Hof­fen auf ein Wun­der las ich den drit­ten Krimi von Chris­tine Cazon, "Stür­mi­sche Côte d'Azur". Sonst sind Kri­mis nicht so mein Ding, ganz ehr­lich, die von Chris­tine Cazon lese ich gerne, schon weil sie in der Gegend spie­len. In Can­nes. Lebens­nah. Über Hof­fen und Lesen muß ich irgend­wann ein­ge­schla­fen sein. Bei gut 63%. Mein kindle spricht nicht von Sei­ten, er spricht von Pro­zen­ten. Eigent­lich abar­tig im Zusam­men­hang mit Büchern. Ein­ge­schla­fen nach einer Szene Zwei­sam­keit im Forst­haus auf der Insel im Sturm. Der Kom­mis­sar und Alice, die kna­ckige Kell­ne­rin, leicht alko­ho­li­siert. Wor­auf war­ten die bei­den noch? Statt­des­sen schickt der Kom­mis­sar die Kell­ne­rin ins Bett, alleine! Natür­lich, in Wirk­lich­keit, wäre das anders, wis­sen wir. Rausch der Sinne. Die ganze Nacht. Bis in die Mor­gen­däm­me­rung. Statt­des­sen Aspi­rin? Quatsch. So spröde kann der Kom­mis­sar gar nicht sein. Fran­zose. Auf der Insel. Da muß der Fran­zose in echt nicht lange über­le­gen. Das aber kann man ver­mut­lich der Laven­del-Frak­tion der Lese­rin­nen nicht zumuten.

Mein kindle schlug irgend­wann mit­ten in der Nacht auf dem Boden neben mei­nem Bett auf. Davon war ich wach­ge­wor­den. Wenig spä­ter hatte meine Pati­en­tin auch den Weg in meine Abtei­lung gefun­den. Papier­kram, The­ra­pie­plan. Eine Stunde spä­ter war ich wie­der im Bett. Konnte aber bis zur Dank­sa­gung hin­ten im Krimi nicht mehr einschlafen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Aila!

Das geht in Ord­nung. Kann ich "abni­cken". Neh­men Sie sich, was Sie brau­chen! Dies­mal eben die "Hun­de­scheiße". Brau­chen Sie wahr­schein­lich nicht als sepa­rate Datei, kön­nen Sie wahr­schein­lich ein­fach copy/paste zum Redi­gie­ren in Ihr Schreib­pro­gramm holen. Oder direkt an Ihre Lay­ou­te­rin wei­ter­ge­ben. Ich habe den Text ges­tern noch ein biß­chen nachgeschliffen. 

Ges­tern habe ich viele Stun­den auf Schwimm­wett­be­wer­ben mei­ner Kin­der ver­bracht. Vor­mit­tags der Elf­jäh­rige, nach­mit­tags die Neun­jäh­rige. Beide in der Piscine muni­ci­pale von Six-Fours. Six-Fours-les-Pla­ges liegt von uns aus gese­hen auf der ande­ren Seite von Tou­lon, west­lich, grenzt an Sanary. Sanary und Ban­dol ken­nen Sie viel­leicht, Six Fours wohl eher nicht. 19 Minu­ten von uns aus an einem Sonn­tag Mor­gen. Das geht noch. Saint Tro­pez wäre unan­ge­neh­mer gewe­sen. Deut­lich wei­ter weg. Auch an einem Sonn­tag Mor­gen. Zudem noch schlim­mer das Schwimm­bad. Noch klein­li­cher, noch gam­me­li­ger. Über­ra­schend klein­lich und gam­me­lig für eine Stadt wie Saint Tro­pez! Wobei das von Six Fours schon schlimm ist. Das Schwimm­bad in Six Fours sieht aus wie eine flie­gende Unter­tasse, rund mit run­den Ober­lich­tern wie Bull­au­gen. Wie ein UFO, gestran­det zwi­schen Fuß­ball­platz und Ein­fa­mi­li­en­häu­sern. Die vie­len Licht­jahre durch abge­le­gene Gala­xien und den einen oder ande­ren Aste­ro­iden­gür­tel haben unüber­seh­bar Spu­ren hin­ter­las­sen. Der Haus­meis­ter behilft sich ange­sichts knap­per Sub­ven­tio­nen mit Plas­tik­fo­lie und Kle­be­band in Grell­orange allent­hal­ben. Vor allem an den Bullaugen.

Ein­laß der Eltern 8:00 Uhr.

Abge­se­hen von der in den sieb­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­tau­sends ver­mut­lich als avant­gar­dis­tisch gel­ten­den Archi­tek­tur aus Stahl und Plas­tik ist die Aus­stat­tung des Schwimm­bads ein­deu­tig rudi­men­tär. Auch innen vor­wie­gend Plas­tik. Ziem­lich klein. Keine Tri­büne für die Zuschauer. Ange­hö­rige der Schwim­mer sit­zen auf zu eng gestell­ten Plas­tik­stüh­len direkt am Becken­rand. Vier Rei­hen. Keine Kli­ma­an­lage. Oder wenig Kli­ma­an­lage. Oder dys­funk­tio­nell. Was auch immer. Drau­ßen T-Shirt-Wet­ter, Sonne, etwas Wind, zwan­zig Grad, ange­neh­mer Früh­som­mer. Drin­nen haben sich Raum­klima und Becken­was­ser in einen phy­si­ka­lisch aus­ge­gli­che­nen Zustand dif­fun­diert. 29 Grad jeweils, Raum­tem­pe­ra­tur und Becken­was­ser. 100 Pro­zent Luft­feuch­tig­keit. Fünf Mann­schaf­ten aus den Jahr­gän­gen 2002 bis 2006, Trai­ner, Stopp­uh­ren- und Klemm­brett-Trä­ger. Vom Ehr­geiz gebis­sene Eltern­teile dazu. Quen­gelnde kleine Geschwis­ter, die sich durch die Sitz­rei­hen drän­gen ohne Blick auf Kaf­fee in Plas­tik­be­chern. Kei­fende Müt­ter. Tril­ler­pfei­fen. Ergibt in der Summe den Schall­druck einer star­ten­den Con­corde. Fast vier Stun­den. Jeweils. Vor­mit­tags der Elf­jäh­rige, nach­mit­tags die Neunjährige.

Sitz­platz immer­hin in der letz­ten Reihe. Zwi­schen den Auf­trit­ten mei­ner Kin­der mas­sen­haft Zeit zum Nach­schlei­fen online. Die "Hun­de­scheiße" ist dabei noch ein paar Zei­chen umfang­rei­cher gewor­den. Jetzt 747 Wör­ter, über 5.200 Zei­chen. Wo Sie mir nun mehr Platz las­sen wol­len, krie­gen Sie das bestimmt hin. Im Zwei­fel kür­zen Sie eben was weg. Oder wir ver­zich­ten auf das Bild. Sol­len Ihre Leser doch ein­fach im Mai-Heft nach­se­hen, wenn sie wis­sen wol­len, wie der Autor aussieht.

Ich habe Sie übri­gens geg­oogelt. Ich wollte auch mal wis­sen, mit wem ich es da zu tun habe. Von Ihnen gibt es in den Sei­ten Ihrer Zei­tung lei­der nur ein brief­mar­ken­gro­ßes Bild­chen. Im Gegen­satz zu mei­nem mega­pi­xel­star­ken Por­trait in Pickel-Auf­lö­sung für Ihre Leser. Von Ihnen habe ich nichts Der­ar­ti­ges gefun­den. Dafür Bewegt­bil­der. Mit dem ZDF in Can­nes. Und vor dem Châ­teau von Ange­lina und Brad. Wäre natür­lich toll gewe­sen, wenigs­tens einen davon vor die Kamera zu krie­gen. Brad am bes­ten, der gerade den Rasen mäht. Mit nack­tem Ober­kör­per zu einem Tee mit klei­nem Selbst­ge­ba­cke­nem ein­lädt. Hi, Aila, nice to see you! Das hätte das Team vom ZDF wirk­lich beein­druckt. Statt­des­sen nur ein­sil­bige Tür­ste­her. Mit Spi­raldraht vom Ohr in den Kra­gen. Aber immer­hin: Ori­gi­nal-Tür­ste­her von Ange­lina und Brad set­zen sich ori­gi­nal unwirsch in Szene.

Apro­pos Ange­lina und Brad: Die sind doch bestimmt auch gerade im Lande. Der Fest­spiele in Can­nes wegen. Die und ihre Freunde. Mei­nen Sie nicht, Ihre Che­fin könnte mir statt Hono­rar für die "Hun­de­scheiße" Zugang zu haut­na­her Sicht auf den einen oder ande­ren Star ver­mit­teln? Damit könnte ich mei­ner­seits zumin­dest meine Frau ernst­haft beein­dru­cken! Glaube ich.

Mit bes­ten Grüßen!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Gazelle

Liebe Schwä­ge­rin!

Bei Mid­life-Cri­sis hel­fen kost­spie­lige Rei­sen in den Mitt­le­ren Ori­ent oder den Fer­nen Osten. Manch­mal reicht auch schon eine kleine Golf-Eska­pade nach Afrika. Alter­na­tiv, für die Zeit zwi­schen den kost­spie­li­gen Rei­sen und 18-Loch-Aus­flü­gen auf inten­siv bewäs­ser­tem Grün viel­leicht ein teu­res Auto. Was Tie­fer­ge­leg­tes mit Heck­spoi­ler und Breit­rei­fen. Kann man zwi­schen zwei, drei Aus­fahr­ten hoch­be­schleu­ni­gen ein­schließ­lich Rei­fen­ge­räusch und Aus­puff­g­rol­len bis zum Abre­geln und so Domi­nanz trotz grauer Sträh­nen demons­trie­ren. Sogar gegen­über die­sen prot­zi­gen X5-Pro­le­ten. Die schaf­fen sicher auch 250. Müs­sen auch wegen über­bor­den­der Kraft abge­re­gelt wer­den. Kom­men aber nicht so schnell auf 250. Zu Dir würde ver­mut­lich eher was dezen­tes Bri­ti­sches aus die­ser PS-Klasse passen.

Wenn das alles – Fern­rei­sen, Golf, PS – nicht wei­ter bringt, hilft viel­leicht ein Töp­fer­kurs oder sonst­was Neues, Fach­frem­des. Töp­fern ist manu­ell, phy­sisch, sinn­lich gera­dezu. Medi­ta­tiv. Wursch­teln im Dreck bis zu den Ellen­bo­gen. Und wenn man nicht auf­passt, fliegt einem die Vase in Bro­cken um die Ohren. Hat man die Dyna­mik der Flieh­kraft aber erst ein­mal unter Kon­trolle, beschert das signi­fi­kante Erfolgs­er­leb­nisse. Das ist es ja, was einem so fehlt in der Mid­life-Cri­sis, neu­ar­tige Erfolgs­er­leb­nisse. Dazu, als Neben­ef­fekt, über Jahre kein Kopf­zer­bre­chen mehr, was Geburts­tage und Weih­nach­ten betrifft. Und spä­ter viel­leicht mal ein Stand auf dem Weihnachtsmarkt.

Als Ergän­zung was Sport­li­ches. Lau­fen über mitt­lere und große Distan­zen zum Bei­spiel. Wie wäre es mit einem Halb­ma­ra­thon? Oder gleich dem Ber­lin-Mara­thon im Sep­tem­ber? New York im Novem­ber? Eine echte Her­aus­for­de­rung, ein rich­ti­ges Ziel! Die Wochen davor aus­ge­tüf­tel­tes Lauf­pro­gramm, Tage davor nur noch Nudeln wegen der Bal­last­stoff­ar­mut im Ver­dau­ungs­sys­tem und zum Auf­fül­len der Gly­ko­gen­spei­cher. Außer­dem kei­nen Trop­fen Alko­hol. Man kann sich abend­fül­lend Videos zur ent­spre­chen­den Stre­cke bei You­tube anse­hen und sich Land­marks ein­prä­gen. Damit ist man schon Monate vor dem Lauf so aus­ge­füllt, daß man seine Mid­life-Cri­sis völ­lig aus den Augen ver­liert. Statt­des­sen ein ech­tes Ziel: Das leucht­far­bene Done-it-T-Shirt der Finis­her. Dazu dann ein kal­tes Bier.

Ich kenne mich aus. Meine Frau war kürzlich in Paris dafür. Zau­ber­haft sei der Mara­thon von Paris, sagt sie, magi­que. Ja, ehr­lich, sie sagt magi­que. Sie meint viel­leicht das Sight­see­ing mit sport­li­cher Grenz­erfah­rung. In Paris! Paris, wie man Paris noch nicht erlebt hat! Man läuft an allem vor­bei, was wich­tig ist in Paris. Es geht los auf den Champs-Ély­sées, am Lou­vre vor­bei, Hôtel de Ville, Place de la Bas­tille. Ein biß­chen lang­wei­lig viel­leicht bis zum Châ­teau des Vin­cen­nes. Noch nie gese­hen zuvor, liegt eben schon etwas außer­halb. Beein­dru­ckende Anlage aber. Der Park zum Châ­teau ist auch nicht wirk­lich span­nend. Park eben. Immer wie­der Musik­grup­pen. Das Publi­kum – Allez-allez-allez! – etwas spär­li­cher. Hun­de­hal­ter, eher zufäl­lig dabei. Zurück wie­der über die Place de la Bas­tille, zur Lin­ken wenig spä­ter Notre-Dame. Dann das Seine-Ufer. In den Tun­neln Disko-Atmo­sphäre. Mög­li­cher­weise ist das magi­que, irgend­wie. Wenige Kilo­me­ter vor dem Bois de Bou­lo­gne ein kur­zer Blick auf den Eif­fel­turm. Auch links. Bois de Bou­lo­gne sei­ner­seits wie­der eher lang­wei­lig, wie­der nur grün, Live-Musik, zufäl­lige Hun­de­hal­ter, etwas mehr absicht­li­ches Publi­kum – Allez-allez-allez! Die Ziel­ge­rade in Sicht­weite des Arc de Triomphe.

Ich war der Sherpa, zustän­dig für die indi­vi­du­elle Betreu­ung. Ich hatte einen zwan­zig-Kilo­gramm-Ruck­sack dabei, war gerüs­tet für alle Even­tua­li­tä­ten. Regen­schutz, Bade­man­tel, Wech­sel­wä­sche, Win­ter­ja­cke. Zwei Paar Stra­ßen­schuhe für den Weg zum Bahn­hof. Je nach End­zu­stand der Füße. Alle Even­tua­li­tä­ten. Schmerz­mit­tel, Ener­gie­kon­zen­trate. Was­ser mit und ohne grü­nem Ener­gie-Zusatz in einer Menge, die auch für vier Läu­fer gereicht hätte. Sherpa eben. Wir hat­ten anhand des Stre­cken­ver­laufs, 2014-You­tube-Videos und Stre­et­view zwei Treff­punkte ver­ein­bart. Kilo­me­ter 19 und 31.

Kilo­me­ter 19 war mit der Metro leicht zu errei­chen. Ein­mal umstei­gen nur. Ich war­tete direkt an der 12-Mei­len-Marke gegen­über eines Judo­clubs. Rechts in Lauf­rich­tung. Alles war genauso wie bei You­tube und Stre­et­view. Viel mehr Publi­kum aller­dings. Das hat­ten die ande­ren Fans auch her­aus­ge­fun­den: ein­mal umstei­gen nur. Allez-allez-allez! Die Läu­fer sind mit ihren Vor­na­men beschrif­tet. Man kann sie direkt anspre­chen. Allez, Jean-Claude, allez, Giselle! Hat moti­vie­rende Wir­kung, sagt meine Frau, mit dem Vor­na­men ange­spro­chen zu wer­den. Man­che Läu­fer las­sen sich die aus­ge­streck­ten Hände abklat­schen. Habe ich auch ein paar Mal gemacht. Ist aber ziem­lich naß. Und kleb­rig. Schweiß mit Ener­gie­rie­gel­res­ten. Besten­falls. Eher eklig.

Kilo­me­ter 31 war schwie­ri­ger zu errei­chen. Die Direkt-Tram ab Kilo­me­ter 19 außer Dienst wegen des Mara­thons. Damit hätte ich rech­nen kön­nen. Statt­des­sen drei Mal umstei­gen mit der Metro. Die Metro natür­lich bers­tend voll. Und dann noch über den Fluß lau­fen mit dem schwe­rem Ruck­sack. Punkt­ge­nau am Treff­punkt vor dem gro­ßen Baum links Ecke rue Mira­beau und rue Wil­hem. Kaum Publikum.

Ab Kilo­me­ter 30 hat­ten wir Angst vor der "mur", der "Mauer". Auch der "Mann mit dem Ham­mer" genannt oder das "Tal der Qua­len". Das ist dann, wenn die Gly­ko­gen­spei­cher alle auf­ge­braucht sind und die Fett­spei­cher auch nicht schnell genug Ener­gie bereit­zu­stel­len in der Lage sind. Dann geht gar nichts mehr. Das muß so sein wie Tank leer. Und Schmer­zen dazu. Wegen der gan­zen Milch­säure in den Mus­keln. Oder der Krämpfe. Nichts geht mehr. Nur Ste­hen­blei­ben, Abwar­ten. Was trin­ken, Ener­gie­rie­gel. Zuspruch vom Publi­kum. Allez-allez-allez! Dazu viel­leicht ganz lang­sam gehen. Kann man sich aber eigent­lich nicht erlau­ben, ganz lang­sam, weil man ja noch gut zehn Kilo­me­ter vor sich hat. Phy­si­scher und psy­cho­lo­gi­scher Null­durch­gang. Blieb bei mei­ner Frau aus. Da ist sie wohl deut­lich unter ihren Mög­lich­kei­ten geblie­ben. Kam immer­hin auf­recht durchs Ziel. Unter fünf Stun­den. Vier Stun­den 54 Minu­ten. 04:54:13.

Nicht zu ver­glei­chen gegen die zwei Stun­den, fünf Minu­ten des Sie­gers. 2:05:48. Mark Korir. Über seine 42,195 Kilo­me­ter läuft der so schnell wie ich mit dem Fahr­rad gefah­ren wäre. Fast so schnell. Macht das eben mal mit sei­nen pral­len Gly­ko­gen­spei­chern. Viel­leicht noch ein paar Papp­be­cher Was­ser unter­wegs. Aber wohl auch nur, weil sein Coach ihm das immer wie­der sagt. Bevor der eine Ahnung von Durst­ge­fühl ent­wi­ckelt, steht der schon wie­der unter der Dusche. Mark stammt aus Kenia. Schwarz­afrika macht die ers­ten zehn Plätze vor­wie­gend unter sich aus. Liegt ver­mut­lich an den Genen. Ein paar Zen­ti­me­ter Gen­ma­te­rial von der Gazelle oder dem Geparden im DNA-Strang vielleicht.

Das Bier am Ende hät­ten wir uns zwar ver­dient, die Läu­fe­rin und ihr Sherpa, gab es aber nicht. Zu sport­lich das Umfeld vor dem Arc de Triom­phe. Kein Alko­hol. Und dann muß­ten wir uns beei­len, den TGV nach Hause zu krie­gen. Zuviel Schlange vor dem Dosen­bier-Ver­kauf im Bahnhof.

Nächs­tes Jahr lau­fen wir wie­der. 3. April 2016. Ich würde Dir, liebe Schwä­ge­rin, eine Halb-Liter-Fla­sche abge­ben kön­nen von mei­nem grü­nen Zau­ber­trank an Meile 12 und Kilo­me­ter 31.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Le Faron

2015-02-02 IMG_5408 (Faron) noch kleiner

Zum letz­ten Geburts­tag hat mir meine Frau ein GPS-Gerät fürs Fahr­rad geschenkt. Man kann Stre­cken pro­gram­mie­ren und weiß immer, wo man ist. Das Gerät zeigt auch an, wie schnell man ist, wie die Stei­gung ist, die Höhe über dem Mee­res­spie­gel, den Luft­druck, die Him­mels­rich­tun­gen. Den Kalo­ri­en­ver­brauch, die Puls­fre­quenz. Das mit der Puls­fre­quenz ist eigent­lich so über­flüs­sig wie der Luft­druck. Braucht man nicht wirk­lich. Daß es berg­auf anstren­gend wird, weiß ich auch so. Wenn es kei­nen Spaß mehr macht, ist die Puls­fre­quenz ver­mut­lich hoch. Ich lege den Sen­sor inzwi­schen doch an. Für einen Anäs­the­sis­ten exis­tiert eine Vital­funk­tion nur, wenn man sie auch von einem Moni­tor able­sen kann. Mitt­ler­weile weiß ich, daß Rad­fah­ren bei einer per­sön­li­chen Fre­quenz von 145 anstren­gend ist, aber auch über län­gere Stre­cken geht. Ab 150 macht es weni­ger Spaß. Über 160 geht nicht lange. Und macht kei­nen Spaß.

Meine Lieb­lings­stre­cke führt mich von zuhause direkt ans Meer bei Le Pra­det. Dort geht es berg­auf und bergab auf einer Straße frei für Anlie­ger zwi­schen Pinien, Fel­sen, Man­del­bäu­men, Oli­ven und Fei­gen. Zur Zeit blühlt und duf­tet die Mimose. Dazu per­fekte Sicht aufs Was­ser und die Halb­in­sel von Giens dahin­ter. Knapp drei­ßig Kilo­me­ter, eine Rund­stre­cke von einer guten Stunde.

Kin­der­stimme von hin­ten. Kin­der­plap­pern. Dazwi­schen eine Frau­en­stimme. Bestimmt eine Mama, die ihr Kind in einen offe­nen Zwei­sit­zer packt, um es in die Schule nach Car­quei­ranne zu brin­gen. Hier oben, mit solch einer Aus­sicht, woh­nen Leute in Anwe­sen deut­lich jen­seits der Mil­lio­nen­grenze. Por­sche, X5 und kleine BMW ohne Dach.

Erstaun­li­cher­weise kom­men die Stim­men näher. Mut­ter und Kind unter­hal­ten sich. Das Kind unter­hält vor­wie­gend die Mut­ter. Die Mut­ter eher ein­sil­big. Ich kann ein­zelne Worte dif­fe­ren­zie­ren, kei­nen Inhalt. Zu weit weg. Und mein eige­nes Atmen ist zu laut. Sechs Pro­zent Stei­gung, 12,2 Stun­den­ki­lo­me­ter, Ten­denz fal­lend. Umge­kehrt pro­por­tio­nal zu mei­ner Herz­fre­quenz. Aktu­ell bei 152.

Regarde, maman, le monsieur!

Oui, ché­rie.

On va le doubler.

Oui, ché­rie.

Links in mei­nem Blick­feld taucht ein Fahr­rad auf. Ein Tou­ren­rad. Dann sehe ich die Fah­re­rin. Blon­der Pfer­de­schwanz. Kein Helm. Kein Trop­fen Schweiß, keine roten Fle­cken. Gebräunt und blond. Ich ver­su­che, ihr Lächeln zu erwidern.

Bon­jour Madame.

Bon­jour.

Auf dem Gepäck­trä­ger eine Schul­ta­sche. Was Rosa­far­be­nes mit gro­ßem Schrift­zug Hello Kitty. Und dann der Anhän­ger. Ein Anhän­ger! Wow! Im Anhän­ger ein Kind in vor­wie­gend rosa. Ein Mäd­chen. Auch son­nen­ge­bräunt und blond. Ein Helm immer­hin, rosa­far­ben, auch von Hello Kitty. Viel­leicht drei Jahre. Kin­der­gar­ten­kind. Petite sec­tion vielleicht.

Bon­jour Monsieur!

Bon­jour chérie!

Maman, glaube ich, läßt sich zu einem Lächeln hin­rei­ßen. Zum Glück sagt sie nicht sowas wie Laisse le mon­sieur tran­quil, ché­rie. Ich bräuchte ihr Mit­leid nicht. Bitte nicht! 9,4 Stun­den­ki­lo­me­ter, Puls 162. Und es liegt nicht an dem blon­den Gespann. Na ja, viel­leicht doch. Die Schmach. Über­holt in der Stei­gung. Mühe­los mit Anhän­ger. Allein der Anhän­ger mit Kind wiegt sicher das Vier­fa­che mei­nes Fahrrads.

Ich ver­su­che, wider bes­se­res Wis­sen, wenigs­tens dran zu blei­ben. 172. Ein paar Meter noch und ich würde reani­ma­ti­ons­pflich­tig umfal­len. Das Gespann ist unein­hol­bar. Wahr­schein­lich hat mich gerade die fran­zö­si­sche Vize­meis­te­rin im Tri­ath­lon über­holt. Nach­dem sie ihre Toch­ter im Kin­der­gar­ten abge­setzt hat, wird sie über den Markt schlen­dern, kilo­weise Bio-Obst und -Gemüse in den Wagen packen und zuletzt noch zwei Six­packs 1,5-Liter-Wasserflaschen von Casino holen. Für den Vor­mit­tag sollte das rei­chen. Heute Nach­mit­tag viel­leicht eben über die Bucht nach Giens schwim­men und über den Strand von l'Almanarre nach Hause ren­nen. Nach einer klei­nen Sieste wird sie gegen halb fünf ihr klei­nes Blon­des abho­len. Das dann aber im offe­nen Zweisitzer.

Kann natür­lich auch sein, daß ihr Fahr­rad mit Strom fährt. Die Bat­te­rie unter der Schul­ta­sche auf dem Gepäckträger.

Am Faron, dem Haus­berg von Tou­lon, hatte ich neu­lich ein ähn­li­ches Erleb­nis. Der Faron ist gut über fünf­hun­dert Meter hoch und bie­tet an meh­re­ren Stel­len gran­diose Aus­sich­ten über die laut Eigen­wer­bung schönste Reede Euro­pas – la plus belle rade d'Europe.

Igel­fri­sur. Ärmel­lo­ses Sports­hirt, schwarz. Drah­tig, per­fekt durch­trai­niert. Kein Gramm zuviel. Frau Igel. Wahr­schein­lich Six­pack unter dem Rennshirt. Am Ober­arm ein iPhone. Tän­zelt ein paar Meter vor mir auf der Straße. Die Straße führt auf den Faron. 539 Höhen­me­ter auf der Straße maxi­mal. Wir befin­den uns auf 128 Höhen­me­tern. Meine Herz­fre­quenz liegt bei 150. Da kann ich noch bon­jour sagen, sogar noch lächeln. Sie hat, so wirkt es, nur auf mich gewar­tet. Sie wünscht mir einen guten Tag, bon­jour. Kaum bin ich an ihr vor­bei, bricht sie auf. Rechts ins Gebüsch. Da muß ein Wan­der­weg sein. Der Direkt­weg nach oben durchs Unter­holz, über Steine und Fel­sen. Sie wird nicht wan­dern mit ihrem iPhone am Arm, son­dern ren­nen. Knapp zehn Stun­den­ki­lo­me­ter. Berg­auf. Was für die ganz Har­ten. Das gehört ver­mut­lich zu ihrem per­sön­li­chen Trai­nings­pro­gramm für Réunion, la Dia­go­nale des Fous. Ein Ren­nen ein­mal quer durch die Île de La Réunion. Ins­ge­samt knapp zehn­tau­send Höhen­me­ter auf gut hun­dert­und­sech­zig Kilo­me­tern. Auch so eine Stre­cke wie hier am Faron. Nur län­ger. Die ren­nen da Tag und Nacht. Wahr­schein­lich krie­gen sie von der Land­schaft nicht viel mit. Schon gleich gar nicht im Licht­ke­gel ihrer Stirn­lam­pen. Das ist Frau Igels zweite Etappe für heute. Die erste hat sie schon hin­ter sich. Im Dun­keln. Mit Stirn­lampe. Sol­che Leute ren­nen in der Stei­gung über Stock und Stein schnel­ler als ich auf der Straße fahre. Ein Glück, daß sie durch die Wild­nis rennt. Erspart mir die Demü­ti­gung auf der Straße. Die würde mir einen hal­ben Kilo­me­ter Vor­sprung las­sen, nur um mich lächelnd zu über­ho­len. Lächelnd zu was Auf­mun­tern­dem. Wei­ter so, das wird schon. Bön courage.

Hun­dert Höhen­me­ter und zwei Haar­na­del­kur­ven spä­ter, meine Herz­fre­quenz bei 164, jen­seits der Lächel­grenze, springt zwan­zig Meter vor mir ein Mensch mit einem Kampf­schrei aus dem Gebüsch. Von rechts. Frau Igel? So schnell? Kann nicht sein! Das muß Herr Igel sein. Herr und Frau Igel spie­len das Spiel jeden Sonn­tag. War­ten im Mor­gen­grauen auf Senio­ren mit Fahr­rad. Die Senio­ren mit Fahr­rad sind die Hasen. Ich bin ein Hase. Man­che Hasen fal­len gleich tot um, wenn Herr Igel aus dem Gebüsch springt. Vor Schreck. Andere legen sich noch mal rich­tig ins Zeug. Ster­ben wenig spä­ter im Herz­kam­mer­flim­mern beim Ver­such, ihre Geschwin­dig­keit über die des iPho­nes mit Six­pack zu treiben.

Ist aber kein Trick. Es ist defi­ni­tiv Frau Igel. Frau Igel ist Ein­zel­kämp­fe­rin, Herr Igel ein Fan­tom. Sie war­tet auf mich. Lächelt. Wei­ter so, das wird schon. Bön courage!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Die­ser Text erschien in einer gekürz­ten Ver­sion am 12. März 2015 als Leser­ar­ti­kel bei ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/reisen/2015–03/radfahren-suedfrankreich-gps)