Shizuishan

Guten Mor­gen,

Deckard­dip, Grok­Vock, Dome­niksi und Ali­mabum! Ich freue mich, Euch zu mei­nen Abon­nen­ten zäh­len zu dür­fen. Wahr­schein­lich seit Ihr Freunde von Abbas­row, Alipi und Klif­fet. Und da sind noch viele mehr. Ich habe Leser in ganz Russland!

葉卡捷琳堡. Jeka­te­r­in­burg. Habe ich schon mal gehört. Russ­land. Links unten. Noch vier Stun­den und zwei­und­drei­ßig Minu­ten, 2392 Mei­len. Wir flie­gen auf einer Höhe von 34.000 Fuß. Die Geschwin­dig­keit liegt aktu­ell bei 529 mph. Vor ein paar Stun­den war links unten Novo­si­birsk (新西伯利亚). Etwas wei­ter Omsk, auch links. Und Sur­gut. Nie gehört. Rechts. Die Außen­tem­pe­ra­tur liegt bei minus 67 Grad. Fah­ren­heit. In Cel­sius macht das minus 55. Wie auch immer ziem­lich kalt. Der Flie­ger von Cathay Paci­fic wird um sechs Uhr mor­gens in Lon­don (伦敦) lan­den. Cathay Paci­fic ist eine Flug­ge­sell­schaft mit Sitz in Hong­kong. Die Filme in der Rücken­lehne des Vor­der­manns sind meist chi­ne­sisch unter­ti­telt. Die Städte auf dem Flight-tracking-Bild­schirm sind abwech­selnd eng­lisch und chi­ne­sisch beschrif­tet. 莫斯科 (Mos­kau) da unten im Dunkeln.

Bestimmt sitzt Ihr und die in letz­ter Zeit so zahl­rei­chen Neu-Abo­nenn­ten mei­nes Blogs da unten irgendwo. Mit dem Tol­s­toi-Zitat habe ich ver­mut­lich den einen oder ande­ren Deutsch­kurs der dor­ti­gen Volks­hoch­schule ange­lockt. Oder einen Online-Kurs. Dabei seid Ihr, die Ihr Euch ange­mel­det habt, bestimmt nur die Spitze des Eis­bergs. Die Klas­sen­bes­ten. Die sich auch nicht von den Rechen­auf­ga­ben mei­nes Cap­t­cha-Plug­ins ver­wir­ren las­sen. XII – acht = ?. Robo­ter schaf­fen sowas nicht, denke ich. Ihr seid zwei­fel­los – несомненно – echte Men­schen. Mit ech­ten Adres­sen bei mail​.ru, kobka-​2​0​1​8​@​mail.​ru und skorobogat.​eva@​mail.​ru zum Bei­spiel. Dabei ist bekannt, daß sich die meis­ten Leser sich nicht die Mühe machen mit einer Anmel­dung. Viele, die meis­ten eben, kli­cken das mal an, weil sie gerade nichts Bes­se­res zu tun haben. Oder weil die Leh­re­rin ihres Deutsch­kur­ses das emp­foh­len hat. Füh­len sich aber nicht ange­spro­chen. Ver­stehe ich. Loriot ist viel­leicht sehr spe­zi­el­ler deut­scher Humor. Ich kann auch nicht jeden Blog aus­hal­ten. Trotz­dem, rus­si­sche Volks­hoch­schul­schü­ler sind brave Schü­ler. Wenn Eure Leh­re­rin sagt, schaut Euch das mal an, schaut Ihr Euch das mal an. Über tau­send in ein paar Tagen. Das schaf­fen andere Texte nicht.

Prag links und Ber­lin, Ham­burg. Im Hin­ter­grund, auch links natür­lich, am Hori­zont, Mün­chen und sogar Basel. Ob man wirk­lich alle diese Städte sehen könnte aus über zehn Kilo­me­ter Höhe? Gro­nin­gen rechts. Nie­der­lande. Bin ich vor vie­len Jah­ren mal durch gekom­men auf dem Weg an die Nord­see. Man­che IP-Adres­sen ver­or­tet das Wor­d­Press-Plugin nach Hol­land. Das kann ich ver­ste­hen. Das sind die Leser, die auch im Kurz­ur­laub an der Nord­see nicht auf mich ver­zich­ten wol­len. Außer­dem spre­chen alle Hol­län­der flie­ßend deutsch.

Rechts immer mehr deut­sche Städte: Güters­loh, Koblenz (科布倫茨), Aachen. Güters­loh! 居特斯洛. Wieso gerade Güters­loh? Warum nicht Unna? Oder Moers? Egal. Die Ankunft in Lon­don in weni­ger als einer Stunde.

In Koblenz und Köln habe ich ein paar Abon­nen­ten. Zeigt mir der Plugin. Haben für meine Ohren nor­male Namen. Bei gän­gi­gen Anbie­tern. "Ladya­tott" gehört da schon zu den Exo­ten – nichts für ungut, Ladya­tott. Abon­nen­ten krie­gen eine Mail, wenn ein neuer Bei­trag auf mei­ner Seite erscheint. Ganz Russ­land wird nun von auto­ma­ti­schen Mails über­schwemmt. mail​.ru muß sowas sein wie yahoo oder web​.de. Aus­schließ­lich kyril­li­sche Zei­chen aller­dings. Weni­ger bunt. Man kann sich da ein Post­fach holen, allein­er­zie­her war noch frei. Oben ein Such­feld. найти – fin­den. Ein Tol­s­toi-Zitat im Text und schon wird man im Quell­text-Fun­dus des Rus­sen-google regis­triert. Sichert mir ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum. 居特斯洛 im Text bringt ver­mut­lich den Zugang zu ehr­gei­zi­gen Schü­lern zahl­lo­ser Deutsch­kurse der Volks­re­pu­blik China.

Schöne Grüße nach Novo­si­birsk. Und Shizuishan.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Apéritif

Ich glaube, die Söhne wären gerne vom Sky­to­wer in Auck­land gesprun­gen. 225 Dol­lar. Mir schien das zu teuer, das war am Anfang unse­rer Reise, da wußte ich noch nicht, daß in Neu­see­land alles über­all teuer ist. Die müs­sen ja fast alles impor­tie­ren außer Scha­fen. Ein klei­nes Bier für elf Dol­lar! Geht's noch? Neu­see­land-Dol­lar nur, macht trotz­dem über sie­ben Euro. Das geht viel­leicht in Saint Tro­pez am Hafen, aber in Neu­see­land? Queenstreet in Auck­land, dachte ich, muß wohl die Repu­ta­tion wie das Café de Paris in Saint Tro­pez haben, die kön­nen sich das raus­neh­men. Das kleine Bier kos­tet über­all in NZ elf Dol­lar. Meine Söhne durf­ten schließ­lich in Queens­stown von der Brü­cke sprin­gen. Kawa­rua Bridge Bungy. 43 Meter. Kawa­rua Bridge Bungy ist die erste kom­mer­zi­elle Bungy-Instal­la­tion über­haupt. 195 Dol­lar. Pro Kan­di­dat. Wei­tere 90 die pro­fes­sio­nelle Film- und Foto­do­ku­men­ta­tion dazu. Auch pro Kan­di­dat. Da hatte der Schwabe in mir schon längst resi­gniert. In NZ ist fast nichts umsonst. Das T-Shirt, I did it. Im mer­kan­ti­len Wert von 20 Dol­lar immer­hin. Mehr als tolle Erleb­nisse kann man für Geld nicht bekom­men. Die hat­ten die Söhne. Das T-Shirt wer­den sie ohne­hin nur nachts tra­gen. Wenn überhaupt.

Ich könnte mei­nem Schwie­ger­va­ter, Bild­hauer, die Pro­duk­tion von Making-of-Fil­men vor­schla­gen. Als Ergän­zung des künst­le­ri­schen Ange­bots. Immer wie­der bekomme ich Mails geschrie­ben, wie nett das Video mit mei­ner Toch­ter wäre. Der Schwie­ger­va­ter fer­tigt ein Por­trät in Lehm an als Vor­lage für den Bron­ze­guß. Könnte man sehr gut als Ergän­zung zum Füh­rer­schein ver­mark­ten, den Bron­ze­guß. Füh­rer­schein alleine zur Voll­jäh­rig­keit reicht ja viel­leicht nicht. Der Bron­ze­guß eher fürs Eltern­haus. Nur so als Idee. Das Making-of dazu fast so gut wie ein Foto­buch über die letz­ten acht­zehn Jahre. Zeit­raf­fer. Zwei Stun­den in zwei Minu­ten. Zusätz­lich könnte man ein paar lau­nige Kom­men­tare vom Künst­ler selbst ein­spie­len. Muß aber nicht sein. Musik viel­leicht nach Wahl im Hin­ter­grund. Klei­ner Schwenk auf anwe­sende Fami­li­en­an­ge­hö­rige, Müt­ter brin­gen sich gerne mal selbst ins Bild. Geht ab vier­hun­dert­neun­und­neun­zig Euro. Nur um mal eine Grö­ßen­ord­nung anzu­deu­ten. Mehr als tolle Erleb­nisse kann man für Geld nicht bekom­men. Noch schö­ner, wenn sie bild­lich fest­ge­hal­ten sind. Doku­men­ta­tion auch bei Face­book, warum nicht. Auf USB-Stick oder zum Down­load bereit­ge­stellt auf der Home­page neun­und­vier­zig Euro extra. Dar­auf kommt's dann auch nicht mehr an. Eine Füh­rung durch die Por­trät-Samm­lung ist natür­lich inbe­grif­fen. Gra­tis. Irgend­was muß umsonst sein. Irgend­was umsonst macht den här­tes­ten Schwa­ben weich. Abschlie­ßend Häpp­chen zu einem Gläs­chen Apé­ri­tif. Auch umsonst. Einer der Betei­lig­ten müßte sich seine Ver­kehrstüch­tig­keit bewah­ren. Der Füh­rer­schein­neu­ling zum Beispiel.

Nach ent­spre­chen­der Ter­min­ab­spra­che würde ich als Bild­tech­ni­ker dazu jeweils einfliegen.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Cherepkivtsi

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему. Tol­s­toi. Im Ori­gi­nal. Anna Karenina. Die ers­ten Zei­len. Alle glück­li­chen Fami­lien glei­chen ein­an­der, jede unglück­li­che Fami­lie ist auf ihre eigene Weise unglück­lich. Ich kann nur die­sen einen Satz rus­sisch. Win­ter 1983. Auf dem Weg von Rumä­nien nach Polen. Nachts um eins mußte ich im ers­ten Bahn­hof auf der sowje­ti­schen Seite aus­stei­gen. Hatte kein Visum. Man hatte mir gesagt, im betref­fen­den Zug bräuchte man kein Visum, weil der abge­schlos­sen ein­fach durch die Sowjet­union durch­fah­ren würde bis Polen. Habe ich geglaubt. Auch glau­ben wol­len. Ziem­lich blauäugig.

Her­mann?

Ich heiße nicht Her­mann. Könnte aber sein. Mei­nen Eltern waren alle mög­li­chen denk­wür­di­gen Vor­na­men für ihre Söhne zuzu­trauen. Egal. Her­mann sitzt in sei­nem Ses­sel und macht nichts. Sitzt da und guckt. Denkt viel­leicht was. Im Hin­ter­grund wirkt die Gat­tin in der Küche, die Tür halb geschlos­sen, trip­pelt von rechts nach links.

Ja?

Was machst du da?

Wie meint sie das? Ich sitze da und mache nichts. Denke viel­leicht was. Obwohl, den­ken? Ich habe Bil­der vom letz­ten Ski-Urlaub vor Augen, Vor­stel­lun­gen von der bevor­ste­hen­den Reise nach Neu­see­land. Sowas. Ist das den­ken? Muß ich jetzt dar­über reden?

Nichts.

Nichts? Wieso nichts?

Muß ich denn immer was machen? Die ganze Zeit mache ich irgend­was. Arbei­ten, Haus­auf­ga­ben, Müll­raus­brin­gen. Ein­mal muß auch Pause sein dür­fen. Sit­zen ohne machen.

Ich mache nichts.

Gar nichts?

Nein.

In zehn Tagen flie­gen wir nach Neu­see­land. Wir tref­fen den Erst­ge­bo­re­nen und fei­ern die Hoch­zeit von Isa­bel­les und Jéjés Sohn. Wir wer­den Vul­kane sehen, in hei­ßen Quel­len am Strand baden, den einen oder ande­ren Ori­gi­nal­schau­platz aus Herr der Ringe besich­ti­gen. Drei­tau­send Kilo­me­ter fah­ren von Auck­land im Nor­den nach Queenstown im Süden. Die Land­schaft wird unglaub­lich schön sein. Sagen alle, die schon mal dort waren. Ziem­lich viel Schafe, ein paar Spu­ren von Urein­woh­nern. Kiwis. Wir wer­den Bil­der davon machen. Mit Land­schaft und Scha­fen. Meine Frau wird Sel­fies machen. Ich werde lächeln.

Über­haupt nichts?

Nein, ich sitze hier.

Du sitzt da?

Ja.

Aber irgend­was machst du doch?

Nein.

Denkst du irgendwas?

Ich hatte zur Sicher­heit doch ein paar Stan­gen Ziga­ret­ten – Kent, die wei­ßen von Kent – mit­ge­nom­men. Und ein paar Pfund Boh­nen­kaf­fee von Aldi. Gegen Kent, die wei­ßen von Kent, und Kaf­fee­boh­nen konnte man im spät­so­zia­lis­ti­schen Rumä­nien alles bekom­men, was es eigent­lich nicht gab. Mäd­chen wür­den ihre Unschuld dafür her­ge­ben, hieß es. Mit ein paar Nylon­strümp­fen als Zugabe. Ich hatte nie Nylon­strümpfe dabei. Schon weil ich mir nicht vor­stel­len konnte, daß die Mäd­chen, die mich inter­es­sier­ten, für ein paar Schach­teln Ziga­ret­ten und Nylon­strümpfe zu haben wären. Und die Mäd­chen, die viel­leicht für ein paar Schach­teln Ziga­ret­ten und Nylon­strümpfe zu haben gewe­sen wären, inter­es­sier­ten mich nicht.

Nichts beson­de­res.

Es könnte ja nicht scha­den, wenn du mal etwas spa­zie­ren gingest.

Nein, nein.

Letz­tes Jahr reis­ten unsere Musik­er­freunde wäh­rend der glei­chen zwei Wochen Febru­ar­fe­rien nach Indien. Zur Ein­stim­mung und Vor­be­rei­tung hat­ten sie sich zu Weih­nach­ten präch­tige Bild­bände geschenkt und ein paar Rei­se­füh­rer. Lei­der wäre die Reise bei­nahe schon in Paris zu Ende gewe­sen. Ohne Visa darf man nicht in den Flie­ger. Sie hat­ten ver­säumt, ihre schö­nen Rei­se­füh­rer auch zu lesen. Die Kapi­tel "Prak­ti­sche Hin­weise". Musi­ker eben. So etwas würde mei­ner Frau und mir nie pas­sie­ren. Dachte ich damals noch. Mir viel­leicht, nicht mei­ner Frau.

Ich bringe dir dei­nen Mantel.

Nein, danke.

Aber es ist zu kalt ohne Mantel.

Im Zug nach Posen bekam die erst­beste Uni­form zur Sicher­heit ein paar Schach­teln Kent. Das war der rumä­ni­sche Schaff­ner. Unnö­tige Ver­schwen­dung, dachte ich mir dann. Mein Rück­fahr-Ticket ers­ter Klasse Schlaf­wa­gen für umge­rech­net sech­zehn Mark war ohne­hin in Ord­nung. Zu spät. Mein Abteil war erstaun­lich sau­ber. Und erstaun­lich warm. Die Fens­ter konnte man nicht öff­nen. Na also, dachte ich. Stimmt ja wohl mit dem abge­schlos­se­nen Zug durch die Sowjet­union. Nicht wirk­lich viel spä­ter hielt der Zug im Nir­gendwo. Ringsum nur Schnee im Mond­schein. Wahr­schein­lich war das die Grenze zur Ukraine.

Ich gehe ja nicht spazieren.

Aber eben woll­test du doch noch?

Nein, du woll­test, daß ich spa­zie­ren gehe.

Ich? Mir ist es doch völ­lig egal, ob du spa­zie­ren gehst.

Die nächs­ten Uni­for­men waren sowje­ti­sche. Woll­ten meine Papiere sehen. Ich hatte keine außer mei­nem Paß, dem Schlaf­wa­gen­ti­cket und einer selbst­ge­fälsch­ten rumä­ni­schen Aus­rei­se­er­laub­nis. Per­so­nal­aus­weis, Füh­rer­schein? Woll­ten sie nicht. Meine Kaf­fee­boh­nen und meine Kent wink­ten sie rou­ti­niert ab. Über­zeugte Patrio­ten. Ich mußte erken­nen, daß meine exo­ti­sche Ziga­ret­ten­marke nur in Rumä­nien Wun­der bewir­ken konnte. Auch meine Camel zum Eigen­be­darf konn­ten das feh­lende Tran­sit­vi­sum lei­der nicht ersetzen.

Gut.

Ich meine nur, es könnte dir nicht scha­den, wenn du mal spa­zie­ren gehen würdest.

Nein, scha­den könnte es nicht.

Meine Frau kann es nur ganz schlecht aus­hal­ten, wenn sie alleine "im Haus was machen muß" – Wäsche, wischen, kochen. Als ob ich nie was im Haus machen würde – Wäsche, wischen, kochen. Wenn sie wischt, werde ich meis­tens dazu ange­hal­ten, die Asche aus dem Kamin zu holen oder mich wenigs­tens um das Mit­tag­essen zu küm­mern. Wenigs­tens. Und wann ich denn mal wie­der was schrei­ben würde in mei­nem Blog. Mir fällt eben nichts mehr ein. Demenz würde nicht unbe­dingt zur Krank­heit gehö­ren, meint sie. Bra­dy­phre­nie aber, erwi­dere ich. Das Den­ken geht noch, aber langsamer.

Also, was willst du denn nun?

Ich möchte hier sitzen.

Du kannst einen ja wahn­sin­nig machen.

Ach.

Im nächs­ten Bahn­hof mußte ich aus­stei­gen. Und saß dann in Was-weiß-ich-wo jen­seits der rumä­ni­schen Grenze. Den Namen der Sta­tion habe ich ver­ges­sen, wenn ich ihn über­haupt mal kannte. Wahr­schein­lich Che­rep­kivtsi. Mußte auf den Zug zurück nach Suceava war­ten. Die rie­sige Bahn­hofs­halle war warm, fast zu warm. Ich mußte eine neue Fahr­karte kau­fen gegen schöne Dol­lars zum offi­zi­el­len Kurs. Bekam gegen mei­nen Zwan­zig-Dol­lar-Schein keine Rubel, son­dern nur ein paar rumä­ni­sche Mün­zen und eine spe­ckige zehn-Lei-Note zurück. Rubel als Wech­sel­geld würde ich ja ohne­hin nicht aus­füh­ren dür­fen. Lehr­geld. Bis zur Abfahrt mei­nes Zugs zurück hatte ich noch gut drei Stun­den zu warten.

Erst willst du spa­zie­ren gehen, dann wie­der nicht. Dann soll ich dei­nen Man­tel holen, dann wie­der nicht. Was denn nun?

Ich möchte hier sitzen.

Und jetzt möch­test du plötz­lich da sitzen.

Gar nicht plötz­lich. Ich wollte immer nur hier sitzen.

Was willst du eigent­lich in Neu­see­land, wollte ich von mei­nem Erst­ge­bo­re­nen wis­sen. Da gibt's doch nichts außer Scha­fen, Hob­bits und Bun­gee-Sprin­ger. Mein Sohn wider­sprach ganz ent­schie­den. Die Natur! Ok, das sagen sie alle. Und vor allem, Neu­see­land wäre ja auf der Süd­halb­ku­gel. Wenn ihr es hier kalt und unan­ge­nehm habt, habe ich den schöns­ten Som­mer, warm und Sonne. Süd­halb­ku­gel stimmt. Auck­land im Nor­den ist vom Äqua­tor so weit ent­fernt wie zum Bei­spiel Tunis. Queenstown im Süden wie Lyon. Der Som­mer dort hat jedoch nichts mit dem Som­mer von Tunis oder Lyon gemein­sam. Kli­ma­mä­ßig. Eher Dub­lin oder Hel­sinki. Unter 25 Grad. Regen jeden zwei­ten Tag. Von wegen Som­mer. Ich glaube, mein Sohn wollte ein­fach nur ganz weit weg.

Sit­zen?

Ich möchte hier sit­zen und mich entspannen.

Wenn du dich wirk­lich ent­span­nen woll­test, wür­dest du nicht dau­ernd auf mich einreden.

Ich sag’ ja nichts mehr.

Die War­te­zeit störte mich nicht wei­ter, ich saß ja schön im War­men und hatte was zu lesen dabei. Anna Karenina. Und kam ins Gespräch mit gelan­ge­weil­tem uni­for­mier­tem Per­so­nal, soweit mein noch sehr kom­pak­ter rumä­ni­scher Wort­schatz das eben zuließ. Wir plau­der­ten über Rumä­nien, Ceaușescu, das erbärm­li­che Leben im rumä­ni­schen Sozia­lis­mus, meine Fami­lie in Deutsch­land. Und natür­lich über Tolstoi.

Jetzt hät­test du doch mal Zeit, irgend­was zu tun, was dir Spaß macht.

Ja.

Liest du was?

Die Ath­mo­sphäre war nett. Ent­spannt. Lew Niko­la­je­witsch Tol­s­toi gehört zu den größ­ten Schrift­stel­lern aller Zei­ten. Wir waren uns einig. Wahr­schein­lich war ich der erste Kapi­ta­list, der seit dem Krieg in die­sem Grenz­bahn­hof aus­ge­stie­gen war. Einer der Beam­ten schrieb mir die ers­ten Zei­len auf rus­sisch in mein Buch. Glaubte ich zumin­dest. Hat er mir zumin­dest als den Ori­gi­nal­text ver­kauft. Aber, wie gesagt, ich war ja blau­äu­gig. Das war dem Per­so­nal sicher auch auf­ge­fal­len. Will ohne Visum durch die Sowjet­union! Blau­äu­gi­ger geht ja wohl gar nicht!

Im Moment nicht.

Dann lies doch mal was.

Nach­her. Nach­her vielleicht.

Hol dir doch die Illustrierten.

Ich möchte erst noch etwas hier sitzen.

Vor ein paar Tagen ist mei­ner Frau beim Stu­dium der prak­ti­schen Sei­ten des Rei­se­füh­rers sie­dendheiß auf­ge­fal­len, daß wir für Neu­see­land inter­na­tio­nale Füh­rer­scheine benö­ti­gen. Zu unse­ren deut­schen Füh­rer­schein­kar­ten stellt uns das nie­mand aus. Nicht mal das Kon­su­lat in Mar­seille kann hel­fen. Wenn Sie kei­nen Wohn­sitz in Deutsch­land mehr haben, müs­sen Sie Ihren deut­schen Füh­rer­schein gegen einen fran­zö­si­schen ein­tau­schen. Und sich dann dazu einen inter­na­tio­na­len holen. Geschätz­ter zeit­li­cher Auf­wand drei Monate. Alter­na­tiv dazu rei­chen auch auto­ri­sierte Über­set­zun­gen. In Neu­see­land auto­ri­sierte Über­set­zun­gen. Die man vor Ort wahr­schein­lich inner­halb von ein paar Stun­den haben könnte. Man würde Tou­ris­ten ja nicht mit läp­pi­schen For­ma­li­tä­ten ver­grau­len. Die haben ja nichts außer Scha­fen, Hob­bits und Tou­ris­ten. Meine Frau wollte es jedoch nicht dar­auf ankom­men lassen.

Soll ich sie dir holen?

Nein, nein, vie­len Dank.

Will der Herr sich auch noch bedie­nen las­sen, was? Ich renne den gan­zen Tag hin und her. Du könn­test wohl ein­mal auf­ste­hen und dir die Illus­trier­ten holen.

Ich möchte jetzt nicht lesen.

Mal möch­test du lesen, mal nicht.

Der Ober­auf­se­he­rin im Bahn­hof, erkennt­lich an mehr Pelz an der Mütze, Ster­nen auf den Schul­tern und kli­schee­kon­for­mem Auf­se­her­auf­tre­ten, gefiel die offen­sicht­li­che Fra­ter­ni­sie­rung ihres Per­so­nals mit dem Ein­dring­ling aus kapi­ta­lis­ti­schem Aus­land nicht. Sie ver­bannte mich in eine immer noch große, aber zugige Vor­halle. Unbe­heizt. Kon­ti­nen­tal­win­ter. Meine rudi­men­tä­ren Rus­sisch­kennt­nisse sind hart erkauft.

Ich möchte ein­fach hier sitzen.

Du kannst doch tun, was dir Spaß macht.

Das tue ich ja.

Dann quen­gel doch nicht dau­ernd so rum. Her­mann? … Bist du taub?

Nein, nein.

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему – Nie­der mit der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Rumä­ni­ens und dem ein­ge­bil­de­ten Schus­ter­lehr­ling an ihrer Spitze! Hätte auch sein kön­nen. 1983 gab es google noch nicht. In die­sem Fall hät­ten im Rah­men einer vor­stell­ba­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit rumä­ni­schen Grenz­be­am­ten meine Kaf­fee­boh­nen von Aldi und die exo­ti­schen Ziga­ret­ten zum schla­gen­den Argu­ment wer­den kön­nen. Hat aber kei­ner kon­trol­liert. Der rumä­ni­sche Zoll­be­amte inter­es­sierte sich nicht für fremd­sprach­li­che Literatur.

Du tust eben nicht, was dir Spaß macht. Statt­des­sen sitzt du da.

Ich sitze hier, weil es mir Spaß macht.

Sei doch nicht gleich so aggressiv.

Ich bin doch nicht aggressiv.

Warum schreist du mich dann so an?

ICH SCHREIE DICH NICHT AN!

32 (zwei­und­drei­ßig) Stun­den dau­ert die Reise nach Auck­land. Viel­leicht fällt mir unter­wegs was für den Blog ein.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Ameisenscheiße

Erwar­tungs­druck, tat­säch­li­cher oder ein­ge­bil­de­ter, weiß man das schon genau? Dem­nächst ver­mut­lich Abend­essen, die essen ja so früh in Deutsch­land. Bestimmt war­ten sie unten schon, dabei hätte ich gerne mal ein paar Minu­ten für mich gehabt. Wir sind in Ulm. Bei Ver­wandt­schaft, sie aus Nord­deutsch­land, er schon immer hier in der Gegend. Schwabe, tech­nisch ori­en­tiert, nach einem Bier weni­ger Nerd als man von einem Inge­nieur erwar­ten würde. Sie selbst, Ver­wandte mei­ner Frau, macht was mit Sozi­al­päd­ago­gik, glaube ich, so einer der Berufe, die ich mir in ihren Inhal­ten nicht so rich­tig vor­stel­len kann, Bera­tung, Gespräch, Reinte­gra­tion von Dro­gen­kran­ken. Sie hat­ten den zehn­ten Hoch­zeits­tag letz­tes Wochen­ende, alles im grü­nen Bereich, manch­mal beklagt sie sich dis­kret über den rudi­men­tä­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­darf ihres Gat­ten. Schwabe eben. Inge­nieur. Das redet nicht so viel. Ich mag die bei­den, sonst wäre ich ja nicht hin­ge­fah­ren. Zwei Kin­der, Töch­ter, beide jün­ger als meine, sie­ben und neun. Mein Sohn glatt außen vor, zu klein die Töch­ter. Diese stän­dig im Wett­streit um die Auf­merk­sam­keit mei­ner Toch­ter. Schril­les Zetern, dis­kre­tes Knei­fen und Schub­sen. Mäd­chen eben. Auf dem Pro­gramm das Ulmer Müns­ter, alle 768 Stu­fen, Maul­ta­schen mit Kar­tof­fel­sa­lat von ges­tern, Kar­tof­fel­sa­lat ist am nächs­ten Tag sowieso noch bes­ser, nicht wahr? Blau­topf in Blaubeu­ren. Ça veut dire quoi, blo­t­opf, fra­gen die Kin­der. Das Blau soll bei Son­nen­ein­strah­lung am bes­ten zur Gel­tung kom­men. Wirk­lich schön. Ganz unwirk­li­ches, fast kari­bi­sches Lagu­nen­blau. Sech­zehn Grad. Man darf nicht rein­sprin­gen. Kin­der sit­zen auf der Absper­rung und sagen Amei­sen­scheiße. Amei­sen­scheiße ver­hin­dert Gri­mas­sen und sieht auf dem Foto aus wie Lächeln. Spä­ter liegt der Topf im Schat­ten. Und das Blau ist noch viel blauer. Ganz ohne Nach­be­ar­bei­tung. Und viel weni­ger Besucher.

blautopf-klein

Le soleil s'éclipse der­rière la… – Die Sonne ver­schwin­det hin­ter… – hin­ter was? Zurück aus dem Urlaub. Seit zwei Wochen. Dienst. Kreiß­saal, halb drei Uhr nachts. Beschrif­tete Erst­ge­bä­rende. Der Urlaub schon längst Geschichte.

Ein Bier viel­leicht schon mal? Ja, gerne, ich komme gleich. Voilà, der Erwar­tungs­druck. Spä­ter, nach Mit­ter­nacht, alko­ho­li­siert. Signi­fi­kant. Lei­der. Eigent­lich hätte ich mich gerne mit dem einen Bier schon mal zufrie­den gege­ben. Dann hatte die Gast­ge­be­rin ihren Rot­wein auf den Tisch gebracht. "Ihren" Rot­wein. Was von Rewe. Ich ver­steh' ja nix von Wein, sagt sie, ich geh' da mehr nach dem Eti­kett. Ganz okay eigent­lich der Wein für Ich ver­steh' ja nix von Wein. Das Eti­kett auch okay. Kann ich da Nein sagen? Erwar­tungs­druck. Zum Wein gibt's Foto­bü­cher. Die Hoch­zeit, die ers­ten drei Jahre des ers­ten Kinds, die ers­ten drei Jahre des zwei­ten Kinds. Zwei­hun­dert Bil­der jeweils, unwi­der­steh­li­ches Son­der­an­ge­bot auch von Rewe, glaube ich, oder Aldi. Nett, so Foto­bü­cher. Wenn man sie nicht jeden Tag anse­hen muß. Man­che Sta­tis­ten mir nicht unbe­kannt, Fami­lie im wei­te­ren Sinn immer­hin, man­che davon waren auch schon bei mir auf der Ter­rasse, man­che sogar im Pool, man­che kenne ich vom Namen, meine Frau bei der Hoch­zeit, me mys­elf im Album zu den ers­ten drei Jah­ren des zwei­ten Kinds. Als Sta­tist. Im Hin­ter­grund noch die Pal­men. Auch Geschichte mitt­ler­weile. Und zwei­hun­dert Bil­der zu einer Hus­ky­tour des Gat­ten in Nord­finn­land. Geburts­tags­ge­schenk zum Fünf­zigs­ten. Hus­kies. Schnee­land­schaft. Mit­kämp­fer, Jacob, knapp sech­zig, und vier junge Frauen unter drei­ßig. Jas­mina zum Bei­spiel, erstaun­lich hübsch. Erstaun­lich hübsch für den Kon­text. Hus­ky­tour, wel­che junge Frau unter drei­ßig zieht sich sowas schon rein? In Nord­finn­land. Und Lisa, die Hun­de­füh­re­rin. Bil­der vor­wie­gend von der Schnee­land­schaft und den Hun­den. Nord­licht. Manch­mal Lisa. Wenig Jas­mina. Was aber hätte eine erstaun­lich hüb­sche Jas­mina schon in der Samm­lung von Fami­li­en­al­ben ver­lo­ren? Begleit­text vom Aben­teu­rer. Mor­gens mußte die Hun­de­scheiße auf­ge­sam­melt wer­den. Nicht so schlimm, sagt der Aben­teu­rer. War ja gefro­ren bei minus 17 Grad. Hun­de­scheiße ist gefro­ren nicht so schlimm. Nicht. So. Schlimm.

Zehn Tage Deutsch­land. Ruhr­ge­biet, Schwa­ben, Baden.

Nur einen ein­zi­gen Tag davon hatte ich vor­wie­gend mit den Kin­dern, abge­se­hen mal vom übli­chen Sit­zen abends mit den Gast­ge­bern. Klet­ter­wald in der Nähe von Frei­burg. Klet­tern in Bäu­men, auf Sei­len, wack­li­gen Brü­cken, Seil­rutschen, Mut­pro­ben, Tar­zan­sprünge von Baum zu Baum, in zehn bis zwan­zig Metern Höhe. Alles natür­lich gesi­chert, immer zwei Haken am Seil, in der Nähe von Frei­burg sogar mit Helm. Fan­den meine Kin­der albern, was soll uns denn hier auf den Kopf fal­len? Haben sie recht. In Deutsch­land ist eben alles noch ein biß­chen siche­rer. Zum Abschluß Bag­ger­see unter­halb des Kai­ser­stuhls. Wun­der­bar tür­kis­far­be­nes Was­ser, fast klar, viel­leicht zwan­zig Grad, eher frisch. Hier darf man rein­sprin­gen. Sogar die Toch­ter kann das, obwohl sie das gar nicht gerne macht, wenn sie den Grund nicht sieht, so klar und in gerade Bah­nen auf­ge­teilt wie in der piscine.

Spä­ter wie­der sit­zen am Bier. Mit dem Gast­ge­ber und der Gat­tin. Der drit­ten. Das wech­selt immer wie­der mal. Alle fünf bis zehn Jahre. Die aber wird blei­ben, ver­mute ich. Das passt schon. Bio-Ver­käu­fe­rin, erwach­sene, auto­nome Kin­der außer Haus. Und sie kann mit dem Chaos des Gast­ge­bers leben. Mit dem dschun­gel­ar­ti­gen Gelände hin­ter dem Haus. An man­chen Stel­len fin­det man angeb­lich Melo­nen, auch Boh­nen und Salat, sogar Toma­ten soll es irgendwo geben. Mit­ten­drin eine Sitz­gruppe. Die Plat­ten, Natur­sand­stein, krea­tiv ver­legt, ein biß­chen uneben. Jeder Stuhl wackelt. Macht nix. Die Gat­tin kann auch damit leben, daß seine Woh­nung aus­sieht wie eine Bau­stelle. Nichts ist wirk­lich fer­tig. Seit Jah­ren. Jahr­zehn­ten. Nichts funk­tio­niert wirk­lich. Was­ser­hähne mit dem war­men Was­ser auf der fal­schen Seite. Offene Steck­do­sen. Und, sagt die Gat­tin, angeb­lich hat sie vor­her was auf­ge­räumt, nor­ma­ler­weise lägen Klei­dungs­stü­cke über­all herum, Hem­den, Socken, Unter­ho­sen, wo sie ihm eben gerade vom Leib fal­len. Macht dich das nicht wahn­sin­nig? – Noi, i mach des gern. – Häh? Gerne? Das meinst du nicht wirk­lich. – Doch, doch, Wäsche mache ich gerne. Ich lasse jetzt mal den star­ken schwä­bi­schen Akzent der Gat­tin weg. Waschen, auf­hän­gen, bügeln, fal­ten und am Ende ist alles schön ordent­lich im Schrank gesta­pelt. Das schön ordent­lich Gesta­pelte befrie­digt sie. Der Weg dahin macht ihr Freude. Ich erin­nerte mich, daß sie mir das schon mal erzählt hatte. Ihre Schränke sehen tat­säch­lich auch von innen so aus. Und die des Gast­ge­bers auch, übri­gens. Gebü­gelt, gesta­pelt. Obwohl die Woh­nung sonst nicht so aus­sieht, als wäre da kurz vor­her mal jemand durch­ge­gan­gen. Bau­stel­len eben, offene Steck­do­sen, teil­ver­leg­tes Par­kett, Licht­schal­ter mit­ten im Durch­gang auf dem Boden. Die Gat­tin, ursprüng­lich nur Mie­te­rin im Haus, hat ihre eigene Woh­nung oben behal­ten. Da ist alles tip­top. Mal abge­se­hen vom Was­ser­hahn im Bad mit dem Warm auf der fal­schen Seite. Mög­li­cher­weise kann sie den tech­ni­schen und orga­ni­schen Dschun­gel in den Räum­lich­kei­ten ihres Gat­ten nur so, aus siche­rem Rück­zugs­ter­rain, aushalten.

Von der Mitte des lin­ken Schul­ter­blatts in Tief­blau­grau und schlei­fi­ger Schrift im Bogen bis in den Nacken. Mehr zum rech­ten Ohr hin. Le soleil s'éclipse der­rière la… – das letzte Wort ver­schwin­det unter der Kopf­haube. Wäh­rend der Anlage mei­nes Peri­du­ral­ka­the­ters bin ich immer wie­der ver­sucht, einen Blick unter diese Kopf­haube zu wer­fen, um eben die­ses letzte Wort, der­rière was denn, zu erfah­ren. Bestimmt irgend­was wahn­sin­nig Phi­lo­so­phi­sches, joie viel­leicht oder beauté. Ich hätte mich bücken müs­sen und das hätte irgend­wie blöde aus­ge­se­hen in den Augen der Heb­amme und des Man­nes zur Gebä­ren­den mir genau gegen­über. Mit ste­ri­lem Hand­schuh den Rand der Haube mal eben anhe­ben geht natür­lich auch gar nicht.

Abends fiel die Fami­lie fran­zö­si­scher Freunde mei­ner­seits im Dschun­gel ein. Musi­ker im Orches­ter der Oper von Tou­lon. Künst­ler mit der Men­ta­li­tät dazu. Auf eine Stunde hin oder her kommt es nun wirk­lich nicht an. Fran­zo­sen. Auf einen Tag? Es wurde dann wirk­lich spät, nach neun, die Gast­ge­be­rin müh­sam kom­pen­siert. Unver­kenn­bar unter­zu­ckert. Der Deut­sche sitzt um sie­ben Uhr am Tisch. Und hat Hun­ger. Unsere fran­zö­si­sche Fami­lie hin­ge­gen hatte bis zum Vor­abend nicht ver­in­ner­licht, daß unser Ren­dez­vous für den Mitt­woch Abend geplant war. Seit Wochen geplant. Immer wie­der nach­ge­fragt, bleibt es dabei? Immer wie­der bestä­tigt. Mer­credi soir?Oui, mer­credi soir. Und nicht etwa Don­ners­tag. Für jeudi war Europa-Park geplant. Kein Ver­hand­lungs­spiel­raum mei­ner­seits, weil unser Rück­flug ab Basel für den Abend gebucht war. Mitt­woch Mor­gen befand sich die Fami­lie zwar bereits auf dem Rück­weg einer Nor­we­gen-Reise, aber noch irgendwo nörd­lich von Kopen­ha­gen. Kopen­ha­gen! Sie hat­ten ursprüng­lich geplant, sogar noch einen Abste­cher nach Leip­zig zu machen. Leip­zig! Mitt­woch. In die Stadt von Bach. Johann Sebas­tian. Da woll­ten sie als Musi­ker was besich­ti­gen. Und dann erst wei­ter nach Stutt­gart. Europa-Park ist doch irgendwo in der Nähe von Stutt­gart? Ja, schon, irgendwo in der Nähe. Für jeman­den, der gut fünf­tau­send Kilo­me­ter nach einem Taschen­at­las in drei Wochen fährt, ist der Europa-Park nur einen Kat­zen­sprung von Stutt­gart ent­fernt. So muß­ten sie, ganz über­ra­schend, von jen­seits von Kopen­ha­gen bis fast Frei­burg fah­ren. Drei­zehn Stun­den. Die Kin­der hin­ten ken­nen das. Span­nung dabei bis auf die letz­ten Kilo­me­ter. Haben sie die sms mit der Weg­be­schrei­bung bekom­men, neh­men sie jetzt die rich­tige Abfahrt? Hek­ti­sche Tele­fo­nate ab halb neun, nein, nach der Ampel nicht links, son­dern rechts. Die Gast­ge­be­rin am Rande eines Ner­ven­zu­sam­men­bruchs, hung­rig, i ess jetz. Käs'schbätzle. Machen sie immer, wenn ich zu Besuch bin. Und nur das. Kein Entrée, kein Salat, kein Nach­tisch. Fran­zo­sen haben andere Vor­stel­lun­gen von einem Dîner. Die Käs'schbätzle aber selbst geschabt. Sehr schön mit Zwie­beln. Nicht mal Kaf­fee. Wenn die Käs'schbätzle weg sind, auf'gesse, ist das Dîner zu Ende. Ein Bier viel­leicht noch. Um zehn mußte ihnen der Gast­ge­ber die Woh­nung im Dorf zei­gen. Zoig dene doch mol die Zim­mer. Damit war der Abend offi­zi­ell zu Ende. I muss jetz' schlofa. Und weg. Un peu rus­tique fan­den die Musi­ker das alles. Das Dorf, die Woh­nung, den Gar­ten. Das Dîner. Rus­tique. Stimmt schon. Wel­ten pral­len aufeinander.

Ein paar Tage frü­her ganz am Anfang mei­nes Urlaubs, waren wir in Bochum. Das Ruhr­ge­biet zeigte sich von sei­ner schöns­ten Seite. Sonne und Grün. Es gibt einen Stau­see, viel­be­such­tes Nah­erho­lungs­ge­biet, die Was­ser­qua­li­tät reicht noch immer nicht zum Schwim­men. Frü­her, also Ende des zwei­ten Jahr­tau­sends gab es zwei Wege um die­sen Stau­see, einen für die Fuß­gän­ger, einen für die Rad­fah­rer. Rich­tig schön war damals, früh mor­gens, vor der Arbeit noch, also deut­lich vor sie­ben, Früh­ne­bel über dem Was­ser, Hasen und Rehe auf den Wie­sen, per Inli­ner um den See zu fah­ren. Knapp 10 km. Meist fast alleine. Das gehört zu den Din­gen, die mir wirk­lich feh­len in Frank­reich. Der Stau­see, der Früh­ne­bel, das Inli­nen um den See. Spä­ter am Tag war man schon weni­ger alleine. Und ent­we­der wurde man von Fuß­gän­gern blo­ckiert oder von Rad­fah­rern weg­ge­klin­gelt. Eher aggres­si­ves Ambi­ente. Mitt­ler­weile gibt es einen drit­ten Weg, fast durch­ge­hend, für die Inli­ner. Dort waren wir mit Freun­den und ihrem Sohn. Ein­mal um den See. Sehr anstren­gend. Für mich. Den Kin­dern war keine Anstren­gung anzu­mer­ken. Wahr­schein­lich liegt es an man­geln­der Übung mei­ner­seits. Oder an mei­ner Aus­rüs­tung, zwan­zig Jahre alt. Was ist denn mit dir los, frag­ten die Freunde am Ende, so kaputt, wie du aus­siehst. Ob ich nicht mal mein Herz unter­su­chen las­sen wollte. Keine Lip­pen­zya­nose aller­dings, muß­ten sie zuge­ben, kein Hin­weis auf ein aku­tes, lebens­be­droh­li­ches Pro­blem. Kaputt eben. Die Räder dre­hen sich nicht mehr rich­tig an mei­nen Schu­hen. Rutscht ihr doch erst­mal zehn Kilo­me­ter auf abge­brauch­ten Rädern! Zuhause woll­ten sie trotz­dem mei­nen Blut­druck mes­sen. Nor­mal der Blut­druck. Der Freund, auch vom Fach, wollte mich abhö­ren. Eine Klap­pen­in­suf­fi­zi­enz viel­leicht oder eine Ste­nose. Viel­leicht eine Aor­tenisth­muss­te­nose. Wieso aus­ge­rech­net Aor­tenisth­muss­te­nose? Ist das nicht was Ange­bo­re­nes? Egal, Aor­tenisth­muss­te­nose am eige­nen Ste­tho­skop hätte dem Kol­le­gen beson­ders gut gefal­len. Er hat aber nichts gehört, der Kol­lege. Keine Ste­nose, keine Insuf­fi­zi­enz. Weil da nichts ist. Ich habe nichts am Her­zen. Kaputte Räder, das ist alles.

So eine Péri­du­rale dau­ert viel­leicht zehn Minu­ten vom Des­in­fi­zie­ren des Bereichs unten am Rücken bis zum Ver­band. Nach dem Ver­band kommt die Haube ab – Le soleil s'éclipse der­rière la… lune. La lune! Ent­täu­schend, ich hatte mir was Kom­ple­xe­res erhofft, was Über­ra­schen­de­res, was Phi­lo­so­phi­sches, mehr jeden­falls als ein­fach nur den Mond. Aber was soll man schon erwar­ten bei einem Tat­too? Was kann man schon bei einem Publi­kum erwar­ten, wel­ches sich mit Schrift­zü­gen ver­sieht? Die Sonne ver­schwin­det also hin­ter dem Mond. Son­nen­fins­ter­nis auf dem Rücken einer Erst­ge­bä­ren­den. Voilà, was sonst?

Im Schwä­bi­schen bei einem Bru­der und sei­ner Frau. Unsere Eltern zum Gril­len. Das reicht denen. In der Kürze liegt die Würze. Ein­mal Gril­len mit dem Sohn aus Frank­reich pro Jahr reicht. Die Schwä­ge­rin hat zur gro­ßen Freude der Toch­ter zwei Hunde. Einer davon hat es mit dem Frau­chen dazu auf den vier­ten Platz der deut­schen Meis­ter­schaft gebracht in Agi­lity und Obedience. Wenn der zuviel rennt mit mei­ner Toch­ter, kommt er ins Schnau­fen und muß Pause machen. For­dert die Schwä­ge­rin. Bestimmt Aor­tenisth­muss­te­nose. Und die Toch­ter war­tet brav, bis der Hund nicht mehr hechelt. Dür­fen wir jetzt wie­der spielen?

Zwi­schen­durch tou­ris­ti­sche Ein­la­gen. Fern­seh­turm in Stutt­gart, Auf­zug sechs Sekun­den mit ange­trun­ke­nem Fahr­stuhl­füh­rer. Ohne Hund. Spa­zier­gang im Schön­buch, mit Hund. Die Kin­der ken­nen Wald, wie er wirk­lich ist, nur von Besu­chen in Deutsch­land. Schwim­men in einem Bag­ger­see im Neckar­tal. Zu spät aller­dings für Früh­ne­bel und Rehe. Des Bru­ders Elek­tro-Spiel­zeug beschleu­nigt zwar in drei Komma neun Sekun­den von Null auf Hun­dert, der Navi aber braucht google zum Den­ken. Ohne Funk­netz gerät der Wagen direkt in eine google-Wüste. Der Natur­park Schön­buch macht google-Wüste auf den Touch­screen. Weg der Bag­ger­see. Zu spät am See zum Schwim­men unter Früh­ne­bel. Zu trüb das Was­ser außer­dem und zuviele Schwäne und Enten sagt die Toch­ter. Trop chou, zu süß, zwar, die Canar­deaux, die klei­nen Ent­chen, aber zuviele. Und stel­len­weise schwimmt Scheiße in klei­nen Inseln. Entenscheiße.

Ein paar Minu­ten nach dem Ste­chen die Erfolgs­kon­trolle. Fast halb vier. Ça va mieux? Geht's bes­ser? – Ça va. Es geht. – Est-ce que ça va mieux? Ist es denn bes­ser jetzt? – Ça va. Es geht. – Was eigent­lich ist unklar an mei­ner Frage? Geht's bes­ser ist eine klas­si­sche Ja-Nein-Frage. Aus mei­ner Sicht. Oui oder Non, allen­falls noch un peu mieux, ein biß­chen bes­ser, wären zuläs­sige Ant­wor­ten mit einer Péri­du­rale neu im Rücken und Wehen im Bauch. Ça va, es geht, passt da nicht wirk­lich als Ant­wort. Ich muß es anders ver­su­chen: Est-ce que vous avez moins mal? Haben Sie weni­ger Schmer­zen? – Beau­coup moins, merci, doc­teur! Viel weni­ger, danke, Herr Dok­tor! Na also, geht doch. Ich ver­mute fun­da­men­tale Men­ta­li­täts­un­ter­schiede. Meine Gene­tik gereicht mir nicht zum Franzosen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Ausländer

Mein Sohn, elf Jahre, hatte auf dem Weg zum Schwimm­trai­ning im Bad am Hafen behaup­tet, die Charles-de-Gaulle sei in Tou­lon. Würde er gerne mal in echt und aus der Nähe sehen. Die Charles-de-Gaulle ist der fran­zö­si­sche Flug­zeug­trä­ger. Die Rolex der fran­zö­si­schen Streit­kräfte, viel­leicht der Stolz der Grande Nation über­haupt. Daß sie gerade ange­kom­men wäre, hätte ihm eine Schwimm­ka­me­ra­din erzählt. Weil man sie, die Charles-de-Gaulle, von da, wo wir gerade waren, direkt am Was­ser, nicht weit vom Fähr­ha­fen, nicht sehen konnte, war ich mir sicher, seine Schwimm­ka­me­ra­din würde sich irren. Das wäre ein so rie­si­ges Schiff, sagte ich, das müßte man von hier aus sehen. Man konnte andere rie­sige graue Schiffe sehen, die Siroco zum Bei­spiel, ein Lan­dungs­schiff, nicht aber die Charles-de-Gaulle. Wenn man sie nicht sähe, behaup­tete ich, wäre sie wohl nicht da. Ande­rer­seits ist sie oft in Tou­lon. Immer wie­der muß die­ses Schiff über viele Monate gewar­tet wer­den, immer wie­der ist irgend­was kaputt. Auf ihrer Jung­fern­fahrt schon ver­lor sie einen ihrer Pro­pel­ler im Atlan­tik. Wie pein­lich. Wie eine Rolex mit abge­fal­le­nem Minutenzeiger.

Ein paar Tage spä­ter war ich mor­gens mit dem Fahr­rad am Faron. Ein­mal rüber über den Berg. Macht kei­nen Spaß. Sport­li­che Akti­vi­tät eben. Der Anstieg son­nen­ex­po­niert, die Abfahrt zwar im Schat­ten unter Pinien, aber mit sehr vie­len Kur­ven. Und vie­len klei­nen Stein­chen auf der Straße. Das beste am Faron ist neben der Aus­sicht die Dusche danach. Auf hal­ber Höhe, auf einer die­ser lan­gen Stei­gungs­stre­cken vor der nächs­ten Haar­na­del­kurve, eine Drei­er­gruppe auf Moun­tain­bikes. Ich holte lang­sam auf. Pas­siert mir nicht oft, daß ich andere Rad­fah­rer über­hole. Zwei Män­ner, leicht über­ge­wich­tig, eine Frau. Auch leicht über­ge­wich­tig. Die Frau vor­wie­gend in Signal-Orange. Die Her­ren in einer Kom­bi­na­tion aus Grau­tö­nen mit Schwarz. Aus­län­di­sche Tou­ris­ten. Fran­zo­sen kön­nen nur in grell­bun­ter Alberto-Con­ta­dor-Ver­klei­dung rad­fah­ren. Außer­dem San­da­len­trä­ger. Rad­fah­rer in San­da­len! Kein Wun­der, daß ich auf­holte. Kann man in San­da­len woan­ders als an Nord- oder Ost­see rad­fah­ren? San­da­len mit Socken zudem! Hol­län­der? Deut­sche? Und dann kann ich sie hören. Ja, Deut­sche. Vom Dia­lekt her Schwa­ben. Schwa­ben in Bir­ken­stocks und Socken. Deut­sche der Vor­zeige-Kate­go­rie. Die Dame muß ein Foto machen von der schöns­ten Rade Euro­pas. Natürlich.

Guck' amol, d'Scharldegoll isch au do.

Mein Sohn hatte doch recht! Die Charles-de-Gaulle war in Tou­lon. Viel klei­ner als ich dachte. Und das nicht nur wegen der Per­spek­tive von hier oben. Macht sich auch gegen­über den Käh­nen von Cor­sica Fer­ries nicht wirk­lich rie­sig aus. Ein biß­chen grö­ßer, aber nicht beein­dru­ckend groß. Kein Wun­der, daß man sie nicht sehen kann vom Fähr­ha­fen aus.

Zwei Kur­ven spä­ter die Berg­sta­tion der Seil­bahn. Tou­lon gönnt sich den Luxus einer Seil­bahn! Von einem Pri­vat­mann in den 50er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts gebaut (Ein­wei­hung 1959), schafft diese Seil­bahn mit zwei Kabi­nen im Pen­del­ver­kehr maxi­mal 150 Per­so­nen pro Stunde. Von unge­fähr März bis unge­fähr Mitte Novem­ber zwi­schen 10 und 19 Uhr. Abge­se­hen von meh­re­ren tech­ni­schen Revi­sio­nen im Juni, Juli und Sep­tem­ber über jeweils zwei oder mehr Tage. Abge­se­hen auch von den Tagen mit Mis­tral. Zuviel Wind hält der Télé­phé­ri­que auch nicht aus. Die Tal­sta­tion liegt im Nor­den der Stadt, deut­lich außer­halb des Zen­trums, mit einem win­zi­gen Park­platz. Dem nicht-auto­mo­bi­len Tou­ris­ten bleibt der Bus. Linie 40. Net­tes Extra, diese Seil­bahn, aber viel­leicht nicht zeit­ge­mäß. So wie der Flugzeugträger.

An der Berg­sta­tion, unweit des Welt­kriegs-Memo­ri­als, war­tet eine Frau. Eher schlank, in vor­wie­gend Signal-Orange. Das glei­che Kos­tüm wie die Dame mit Foto­ap­pa­rat vor­hin. Aber mit Renn­rad und Sport­schu­hen. Und ohne Socken. Hat ganz offen­sicht­lich ihre Rei­se­gruppe ver­lo­ren. Sie sieht so aus, als wollte sie mich anquat­schen. Passt mir nicht so. Mein Com­pu­ter zeigt eine Puls­fre­quenz von 154 an. Ab 140 rede ich nicht mehr so gerne.

Hello, excuse me, please!

Muß ich jetzt anhal­ten zum Plau­dern? Als Fran­zose dürfte ich ein­fach wei­ter­fah­ren. Als Fran­zose kann man aus Prin­zip – wenn über­haupt – nur miß­mu­tig auf aus­län­di­sche Pho­ne­tik reagie­ren. Ich kann einen Satz sagen:

Bon­jour! Vos amis né vont pas tar­der. Ils étai­ent en train de prendre quel­ques photos.

Oh! Merci beau­coup! Bonne con­ti­nua­tion, bonne journée!

Und das akzent­frei. Warum nur, fragte ich mich, spricht sie mich nicht gleich auf Fran­zö­sisch an? Ein Kilo­me­ter wei­ter, auf Höhe des Zoos, die Erkennt­nis: es muß der Helm sein. In mei­nem Fall der feh­lende Helm. Zu glaub­haf­ter Tour-de-France-Ver­klei­dung gehört der Helm. Ohne Helm ist ein bei­nahe so zuver­läs­si­ges Aus­län­der-Merk­mal wie Bir­ken­stocks in der Öffentlichkeit.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Karpatenhütte

Klar, das hast Du Dir schon gedacht, cher ami! Ich würde dann doch nicht kau­fen. Es ist schade, daß es ver­kauft wer­den muß, weil ja doch gute Erin­ne­run­gen damit ver­bun­den sind. Jugend­er­in­ne­run­gen. Und natür­lich liegt es idyl­lisch im Dorf, am Bach, ein biß­chen Wald sogar dabei. Man muß sich aber auch darum küm­mern. Immer wie­der hin­fah­ren, nur um nach dem Rech­ten zu sehen. Mal lüf­ten, Mäuse ver­ja­gen, Dach­zie­gel gerade rücken. Oder sich auf Nach­barn ver­las­sen. Oder eine Agen­tur. Oder bei­des, Nach­barn und Agen­tur. Und schon hat man wie­der Auf­wand. Rech­nun­gen von der Agen­tur, Auf­merk­sam­kei­ten für die Nach­barn. Nicht zu ver­ges­sen die Steu­ern, den Was­ser­an­schluß, Strom. Wer hat außer­dem schon 40 k ein­fach mal so übrig? 40 k für eine Dop­pel­haus­hälfte mit deut­li­chem Reno­vie­rungs­stau, gut fünf Stun­den Auto von zuhause. Ich hätte zur Zeit nicht mal das Auto für fünf Stun­den zuver­läs­sige Fahrt. Wann hatte ich das schon mal? Ich mußte schon mal ein Auto in Bur­gund ste­hen las­sen und zwei Wochen spä­ter halb­wegs repa­riert abho­len. Kupp­lung kaputt. Meine Kin­der sind nach­hal­tig trau­ma­ti­siert. Bur­gund? Regen? Nie wie­der! Mein Dritt­ge­bo­re­ner, damals knapp drei, brachte es auf den Punkt: es hat gereg­net und Papa hat zwei Autos kaputt­ge­macht. Das zweite war das Dei­nes Vaters, Gott sei sei­ner Seele gnä­dig. Und es war auch nur die Bat­te­rie. Aber das nur neben­bei. Gehört nur peri­pher zum Thema. Obwohl, das mit dem Regen passt natür­lich schon in den Kon­text. Weit weg und immer reg­net es. Kei­ner würde mich besu­chen kom­men, kei­ner würde was wol­len von mir. Weil es eben weit weg ist und immer reg­net. Keine Pal­men, kein Pool, keine Glotze. Kein Ser­vice. Weit weg, gerne Regen. "Kar­pa­ten­hütte" nenne ich das. Die Hütte in den Kar­pa­ten. Die Kar­pa­ten, weil es da so schön ist, so ursprüng­lich, so weit weg. Die abge­schie­dene Hütte, in die ich mich wün­sche, wenn das Auto schon wie­der abge­schleppt wer­den muß, zuhause die Spül­ma­schine gedul­dig auf eine Repa­ra­tur war­tet und die Toch­ter das Resul­tat von neun mal acht hart­nä­ckig auf 68 oder 93 schätzt. Fehlt noch, daß wie­der kei­ner am Pool auf­ge­räumt hat und der Post­bote zu faul war, wegen des Pakets von Ama­zon zu klin­geln. In der Post­stelle abzu­ho­len, aber nicht vor Mon­tag 15 Uhr. Viel­leicht noch der Anruf einer Heb­amme um 2:53 Uhr. – Die Kar­pa­ten­hütte jetzt, bitte sofort! Weit weg, am liebs­ten alleine! Lasst mich doch ein­fach mal alle in Ruhe, küm­mert Euch selbst um Euren Kram! Das Auto, das Ein­mal­eins, die Péri­du­rale. Was brau­che ich schon von Ama­zon? Ich ver­schwinde für ein paar Wochen in meine Hütte. Alleine. Könnte dann auch in Bur­gund sein, die Kar­pa­ten­hütte. Egal. Haupt­sa­che weg und kei­ner kommt. Oder nur, wer mich wirk­lich sehen will. Trotz Regen.

Vor ein paar Jah­ren stand ich vor mei­ner Kar­pa­ten­hütte. Hat sich letzt­end­lich eine Bekannte geholt. Glaube ich. Ich habe nichts mehr davon gehört. Viel­leicht bes­ser so. Auch mit deut­li­chem Reno­vie­rungs­be­darf, die Hütte. In den Kar­pa­ten, an deren nord­öst­li­chem Ende, jen­seits von Trans­syl­va­nien, Sibi­rien gefühlt fast in Sicht­weite. Ehe­ma­lige Schä­fer­hütte. Sie liegt auf zwei Hektar Wald und Wei­de­land mit Blick über Hügel, Wäl­der und Täler auf den Son­nen­un­ter­gang hin­ter den umge­ben­den Zwei­tau­sen­dern. Schön da. Eine Art pri­mi­ti­ver Block­hütte, gemau­er­ter Kamin, Holz­schin­deln auf dem Dach­ge­bälk. Vor der Ein­gangs­tür ein Vor­dach mit schön gesta­pel­tem Brenn­holz. Da säße ich dann immer mit gran­dio­sem Blick über die Land­schaft, den Son­nen­un­ter­gang. Das Brenn­holz würde ich den Som­mer über aus mei­nem Wald gezerrt und selbst gesta­pelt haben. Hin­ter der Hütte ein klei­ner Anbau. Die sani­tä­ren Anla­gen beschrän­ken sich auf ein Plumps­klo. Innen ein ein­zi­ger Raum, viel­leicht zwölf Qua­drat­me­ter, ein Fens­ter. Auf den Holz­die­len ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Vor dem Kamin ein klei­ner guß­ei­ser­ner Ofen­herd, den jemand vor Jahr­zehn­ten hier her­auf geschleppt haben muß. Kein Strom. Flie­ßend Was­ser im Bach nebenan.

Wer braucht das schon län­ger als viel­leicht drei Tage?

Vor drei Jah­ren, weil sie mein ewi­ges Gerede von der Kar­pa­ten­hütte nicht mehr hören wollte, hat mir meine Frau eine päd­ago­gi­sche Woche in Irland geschenkt. Päd­ago­gik zur Kar­pa­ten­hütte. Win­zi­ges Feri­en­häus­chen. Am Ende einer Sack­gasse zwi­schen Schaf­wei­den. Direk­ter Blick west­wärts über den Atlan­tik. Angeb­lich das west­lichste Feri­en­haus Irlands. Kamin, Küche, Dop­pel­bett. Iso­lier­glas, Fuß­bo­den­hei­zung. Vom Anbie­ter ange­prie­sen als Toplo­ca­tion für unge­störte Flit­ter­wo­chen. Für mich "Expe­ri­en­cing soli­tude" – die Kar­pa­ten­hütte, wie sie wirk­lich ist. Allein mit Scha­fen und Blick über Land­schaft mit Gewäs­ser. Hohe Regen­wahr­schein­lich­keit. Kar­pa­ten­hütte in Irland. Nur Iso­lier­glas und Fuß­bo­den­hei­zung pass­ten nicht wirk­lich dazu. Das Flit­ter­wo­chen-Dop­pel­bett eigent­lich auch nicht. Gar nicht eigentlich.

Zum Glück hatte ich ein Auto.

Eine Woche spä­ter kannte ich große Abschnitte des Ring of Kerry zwi­schen Kil­lar­ney und Port­ma­gee. Spek­ta­ku­läre Land­schaft. Mas­si­ver Tou­ris­mus. Viele große Busse auf schma­len Stra­ßen. Außer­dem war ich auf Sceilg Mhichíl. Skel­lig Michael ist eine baum­lose Fels­in­sel knapp zwölf Fischer­boot­ki­lo­me­ter vor Port­ma­gee. Wenig Tou­ris­mus. Machen nur die, die das wirk­lich wol­len. Und die Leute von Star Wars VII hat­ten da letz­ten Som­mer für ein paar Sze­nen einen Auf­tritt. Ab dem sechs­ten Jahr­hun­dert leb­ten dort zwölf Mön­che und ihr Abt in zugi­gen Stein­hüt­ten. Tro­cken­mau­er­bau­weise. Kei­ner kam sie besu­chen. Nur die Wikin­ger waren um 823 da. Wur­den aber abge­wie­sen. War zudem abso­lut ohne Inter­esse. Sogar für Wikin­ger. Drei­zehn kno­chen­dürre Kerle in Woll­kut­ten. Ein paar Schafe viel­leicht. Keine Frauen.

Per­fek­tes Kar­pa­ten­hüt­ten-Ambi­ente. Unbe­zahl­bar. Aber: wer braucht das schon län­ger als viel­leicht drei Tage?


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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