José

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Der Kri­mi­au­tor aus Nord­deutsch­land saß mit sei­ner Gat­tin bei uns auf der Ter­rasse. Anfang Juli. Der Sohn fuhr mit erheb­li­cher Geräusch­ku­lisse vor. Motor­scha­den, würde ich sagen. Sagte der Kri­mi­au­tor. Kur­bel­welle oder Pleu­el­stange. Der Kri­mi­au­tor ist auch Auto­spe­zia­list. Er hat bei sich zuhause eine Scheune voll mit einem gan­zen Rudel alter Autos. Autos aus Nord­eu­ropa und so gänz­lich ohne für Außen­sei­ter erkenn­ba­ren Charme. Ich habe nicht ver­stan­den, warum gerade Autos aus Nord­eu­ropa. Autos, die es zudem gar nicht mehr gibt. Daß es sie nicht mehr gibt, muß ja einen Grund haben. Wahr­schein­lich haben die auch Schwach­punkte an Kur­bel­welle oder Pleu­el­stange. Viel­leicht kannte er das Geräusch aus sei­ner Scheune, ich erin­nere mich nicht mehr genau. Wie auch immer, Kur­bel­welle oder Pleu­el­stange. Da würde er seine rechte Hand drauf ver­wet­ten. Kannste direkt auf den Schrott­platz brin­gen. Ich mußte in letz­ter Zeit rela­tiv viele Autos an den Schrott­händ­ler über­ge­ben. Mal war's der Turbo und auch schon mal die Pleu­el­stange. Das dann aber mit ordent­li­chem Knall und bedeu­ten­dem Ölver­lust. Alle Leuch­ten rot im Arma­tu­ren­brett. Sofor­tige Ein­buße der Fahr­fä­hig­keit. Die­ser hier fuhr ja noch. Mit einem unan­ge­nehm metal­li­schen Schla­gen zwar, fuhr aber noch. Kein Rot­licht, kein Ölver­lust. Daher sollte auch die­ses eher betagte Modell eines fran­zö­si­schen Her­stel­lers seine Chance haben. Und zumin­dest mit einer vali­den Dia­gnose aus der Pro­fi­werk­statt mei­nes Ver­trau­ens zum Schrott­händ­ler gehen, rechte Hand des Kri­mi­au­tors hin oder her. Viel­leicht täuschte sich der Kri­mi­au­tor ja auch und mein schlech­tes Gefühl könnte unbe­grün­det sein. Viel­leicht war doch nur ein klei­nes Räd­chen aus dem Gleich­ge­wicht geraten.

Die Pro­fi­werk­statt mei­nes Ver­trau­ens brauchte zwei Tage zur Dia­gno­se­stel­lung. Pleu­el­stange. Tat­säch­lich. Sie hat­ten zusätz­lich zur Blick­dia­gnose noch irgendwo auf­ge­schraubt und was gemes­sen. Die Kom­pres­sion, glaube ich. Nach Mes­sung der Kom­pres­sion war die Daten­lage ein­deu­tig: Pleu­el­stange. Neuer Motor. Wirt­schaft­lich nicht ver­tret­bar. Schrott­händ­ler. Tat­säch­lich. Aber er hätte da einen ande­ren Kli­en­ten, der sich von sei­nem Alt­fahr­zeug tren­nen wollte, sagte der Patron. Und viel­leicht gäbe es für einen treuen Kun­den wie mich noch Optio­nen, mei­nen Schrott­hau­fen für einen Gebraucht­wa­gen in Zah­lung zu geben. Ich hatte es nicht eilig und er wollte sich nächste Woche mel­den. Das war Anfang Juli, wie gesagt.

Heute Mor­gen kam ich aus einem Dienst. Tage nach Dienst las­sen keine intel­lek­tu­el­len Höhen­flüge zu. Gefühlt bewege ich mich da auf dem Niveau eines Zwerg­ha­sen zum Bei­spiel. Reicht für Akti­vi­tä­ten eher nied­ri­gen Anspruchs. Gute Gele­gen­heit, aller­lei bis­lang erfolg­reich pro­kras­ti­nierte Bau­stel­len eher unan­ge­neh­mer Kate­go­rie abzu­ar­bei­ten. Wie die Ent­sor­gung die­ses Fahr­zeugs. Steht seit Wochen auf dem Hof der Pro­fi­werk­statt mei­nes Ver­trau­ens und kos­tet Ver­si­che­rungs­prä­mie. Das Alt­fahr­zeug des ande­ren Kli­en­ten war rei­nen Gewis­sens doch nicht zu ver­kau­fen gewe­sen, die Inzah­lung­name für einen Gebraucht­wa­gen hätte sich auf einem finan­zi­ell signi­fi­kant höhe­ren Niveau abge­spielt. Signi­fi­kant zu hoch. Schluß­strich. Weg damit. Der Patron der Pro­fi­werk­statt wollte mich auch gerade ange­ru­fen haben, na sowas, denn ab über­nächs­ter Woche sei er in Urlaub. Es wäre ihm doch sehr recht, wenn ich mein Auto nun doch wie­der abho­len würde, vor sei­nem Urlaub. Fährt ja noch. Die Bat­te­rie, inzwi­schen leer, würde er mir noch laden. Ren­dez-vous um fünf­zehn Uhr.

Das schafft er doch noch bis zum Schrott­händ­ler, oder? – Ja, klar, kein Pro­blem, er hat's ja auch bis in die Werk­statt geschafft. Ob dies, bei nähe­rer Über­le­gung, als sta­bi­les Argu­ment taugte, mag dahin gestellt blei­ben. Gute fünf Kilo­me­ter, dachte ich mir, sind nun wirk­lich keine Welt­reise. Mein Sohn hatte es bis nach Hause geschafft mit die­ser Geräusch­ku­lisse und ich in die Werk­statt. Auf die paar Kilo­me­ter sollte es nun doch nicht ankom­men. Ich nahm mir vor, die Auto­bahn und Stre­cken mit Stei­gung soweit wie mög­lich zu mei­den. Keine über­mä­ßige Belas­tung. Dezen­ter, gleich­mä­ßi­ger Fahr­stil. Mehr noch als sonst. Zudem gab sich der Patron ja nun aus­ge­spro­chen zuver­sicht­lich. Wenn er im Übri­gen mal einen Wagen vor dem Kauf begut­ach­ten sollte, stünde er jeder­zeit zur Ver­fü­gung, klar doch. Und, wenn es mir irgend­wie mög­lich sei, hätte er gerne die Bat­te­rie aus dem Auto wie­der. Die sei näm­lich seine. Meine wäre nach all den Wochen doch nicht mehr gut gewe­sen. Gute Fahrt noch und bon week-end.

Auf dem unver­meid­ba­ren Abschnitt Auto­bahn gewann das schla­gende Geräusch neue Kom­po­nen­ten. Ein schlei­fen­des Ras­seln, würde ich sagen. Wahr­schein­lich war ich zu schnell gefah­ren. An einem der letz­ten Rond-points zum Schrott­händ­ler ging der Motor aus. Und ließ sich nur sehr müh­sam wie­der in Gang brin­gen. Blin­kende, rote Leuchte: STOP. War da nicht auch der Geruch von hei­ßem Öl und geschmol­ze­nem Plas­tik in der Luft? Egal. Ein Kilo­me­ter noch. Wenn der Wagen jetzt Feuer finge, wäre das immer­hin eine nette Geschichte für den Blog. Sekun­den spä­ter blieb der Wagen end­gül­tig ste­hen. Nichts bewegte sich mehr. Brannte lei­der nicht. Nicht mal Rauch. Nicht ein biß­chen. Nichts. Tot. Der Patron hatte mich ange­lo­gen. Oder den Ernst der Situa­tion unter­schätzt. Würde mir aber, lei­der, jetzt nicht hel­fen kön­nen. Auch mein Sohn gab sich am Tele­fon zöger­lich. War eigent­lich gerade im Auf­bruch zu sei­nen Kum­pels gewe­sen. Abschlep­pen? Hätte er ja noch nie gemacht. Und es wäre doch zu blöde, wenn am Ende beide Autos kaputt­gin­gen. Und warum ich nicht die Assi­s­tance der Ver­si­che­rung anru­fen würde. Die Assi­s­tance? An einem Frei­tag Nach­mit­tag? Das kenne ich. Deren Ein­satz wäre bes­ten­falls als Hilfe zur Selbst­hilfe zu wer­ten. Der Abschlep­per frü­hes­tens in zwei Stun­den, wür­den die sagen. Ich sähe ja selbst, was da gerade auf den Stra­ßen los wäre. Zwei Stun­den für nicht mal einen Kilometer?

Mon­tag werde ich José anru­fen, den Patron. Und ihm nahe­le­gen, seine Bat­te­rie doch gele­gent­lich, am bes­ten vor sei­nem Urlaub, bei mir abzu­ho­len. Ich bräuchte sie nun nicht mehr.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Schade eigentlich

Eine Land­straße vom Dorf direkt an der Küste zum Dorf in zwei­ter Reihe. Mäan­dert knapp zwei­spu­rig durch üppi­ges Grün. Anlie­ger sind eine hoch­prei­sige Baum­schule und ein paar Bio­bau­ern, die miß­mu­tig zah­lungs­kräf­ti­gen Kun­den teil­kom­pos­tierte Toma­ten der Vor­wo­che in Papp­tüten zu ver­kau­fen suchen. Drei­ßig Pro­zent des Wohn­raums im Dorf an der Küste, dar­un­ter exklu­sive Anwe­sen mit Direkt­blick Rich­tung Afrika, sind Zweit­re­si­den­zen. Men­schen aus Paris und Lyon, ein paar Eng­län­der. Die kau­fen auch Bio­kom­post direkt vom übel­lau­ni­gen Erzeu­ger. Die Miß­mu­tig­keit scheint Teil des Geschäfts­prin­zips zu sein. Die Auf­zucht von Bio­ge­müse ohne Pes­ti­zide ist eben ein müh­sa­mes Unter­fan­gen. Meine Frau kauft hier nicht mehr, die Straße aber ist schön zum Rad­fah­ren. Schattig.

Unmit­tel­bar rechts und links der Straße fin­den sich tiefe Grä­ben, das fla­che Land zwi­schen dem Dorf direkt an der Küste und dem in zwei­ter Reihe gilt als Über­schwem­mungs­ge­biet. Die Höchst­ge­schwin­dig­keit ist auf fünf­zig Stun­den­ki­lo­me­ter limi­tiert. Das hält eilige Klein­las­ter jedoch nicht von gewag­ten Über­hol­ma­nö­vern bei deut­lich höhe­rer Geschwin­dig­keit ab. Die dürf­ten hier, schwe­rer als 2,5 t, ohne­hin nicht fah­ren. Ich wun­dere mich immer wie­der, daß hier nicht öfter mal Autos im Gra­ben lie­gen. Freunde, die wir über diese Stre­cke lot­sen, stei­gen am Strand schweiß­ge­ba­det aus ihrem A6 aus. Gibt's da kei­nen ande­ren Weg? Auf hal­ber Stre­cke fin­den sich zwei dicht auf­ein­an­der­fol­gende Eng­stel­len, die eine mit ent­spre­chen­der Beschil­de­rung zur Rege­lung der Vor­fahrt, die andere ohne Beschil­de­rung, dafür unüber­sicht­lich. Zwi­schen den bei­den Eng­stel­len ist die Straße eigent­lich auch zu schmal für Gegen­ver­kehr. Eine Aus­weich­mög­lich­keit ist nur an einer Stelle vor­ge­se­hen, eine Park­bucht von den Aus­ma­ßen eines zwei­tü­ri­gen Kompaktwagens.

Neu­lich stellte ich mir vor, mei­nen neuen Sie­ben­sit­zer mit Mogel­mo­tor von Volks­wa­gen im Gra­ben neben der Straße zu ver­sen­ken. Abge­drängt vom flüch­ti­gen Klein­las­ter. Zum Bei­spiel. Auf der Basis eines Voll­kasko-Ereig­nis­ses. Wirt­schaft­li­cher Total­scha­den. Wäre zumin­dest ehr­li­cher als die neu­es­ten Gedan­ken­spiele des Schum­mel­kon­zerns. Rück­nahme statt Nach­bes­se­rung. Und dann könnte man die zurück­ge­nom­me­nen, "alten Wagen außer­halb der EU ver­kau­fen, etwa in der Tür­kei oder in Afrika." Schreibt SPIEGEL ONLINE. Ließe einen tie­fen Blick zu in eine schein­hei­lige Welt der Auto­mo­bil­in­dus­trie. In Afrika sind Stick­oxide ungefährlich.

Frei­tag Mor­gen halb zehn. Ich hatte Dienst und befinde auf dem Rück­weg nach Hause. Und dann: Stau! Stau auf der Land­straße zwi­schen dem Dorf direkt an der Küste zum Dorf in zwei­ter Reihe. An einem Frei­tag Mor­gen um halb zehn. Stau! Ist mit dem Fahr­rad nicht wei­ter schlimm. Auf der Gegen­spur ist Platz genug, an den viel­leicht zwan­zig war­ten­den Fahr­zeu­gen vor­bei­zu­fah­ren. Es gibt nicht mal Gegen­ver­kehr. Es han­delt sich trotz­dem ganz offen­sicht­lich um eine Bau­stelle. Ganz vorne steht ein Herr in offi­zi­el­lem Bau­ar­bei­ter-Out­fit – Blau­mann, Signal­weste, Helm – von der Sta­tur eines Rugby-Spie­lers mit Schau­fel und Schild mit­ten auf der Straße. Er zeigt uns die rote Seite sei­nes Schilds. Die Bau­stelle ist wahr­schein­lich hin­ter der Kurve. Die Fahr­zeuge ganz vorne ste­hen offen­bar schon län­ger. Die Fah­rer haben die Moto­ren abge­stellt. Ich wage den Ver­such, das rote Schild zu Fuß zu pas­sie­ren, schiebe mein Rad in Rich­tung des Bau­ar­bei­ters. Der deu­tet mit dem Stiel sei­ner Schau­fel auf das Rot sei­nes Schilds. Wort­los. Das heißt: Kein Ver­hand­lungs­spiel­raum. Mit sei­ner Schau­fel ist er am län­ge­ren Hebel, ganz klar. Selbst wenn er selbst mich nicht damit erwi­schen würde, ich müßte mich spä­tes­tens sei­nem Pen­dant am ande­ren Ende der Bau­stelle stel­len. Zudem könnte das Manö­ver zwi­schen den Schil­dern viel­leicht doch gefähr­lich sein. Obwohl nichts zu hören ist. Kein Last­wa­gen­mo­tor, kein Bag­ger. Nichts. Nach wie vor kein Gegen­ver­kehr. Voll­sper­rung. Wenn da ein Wagen aus dem Gra­ben zu zer­ren sein sollte, kann das noch lange dau­ern. Viel­leicht sollte ich doch umkeh­ren. Aber, wie gesagt, nicht das geringste Anzei­chen auf den Ein­satz schwe­ren Geräts. Ruhige Stim­men von jen­seits des Schilds, mehr nicht.

Ich warte mit den Autos. Ein Motor­rad von hin­ten. Macht Anstal­ten, sich am Schild­trä­ger vor­bei­mo­geln zu wol­len. Die Geste Schau­fel an rotem Schild kenne ich schon. Reicht auch dem Motor­rad­fah­rer als Argument.

Ça va encore durer?

Non, non, ça n'va pas tar­der. T'inquiète!

Gleich geht's wei­ter. Kein Grund zur Beun­ru­hi­gung. Alles ist ruhig. Vogel­ge­zwit­scher. In der Ferne ein Zug auf der Stre­cke nach Nizza. Musik aus Auto­ra­dios. Von wei­ter hin­ten gele­gent­li­ches, unge­dul­di­ges Dau­er­hu­pen. Wen­de­ma­nö­ver. Das ist müh­sam und lang­wie­rig auf der engen Straße mit den meter­tie­fen Grä­ben zu bei­den Sei­ten. Fünf Minu­ten spä­ter noch ein Motor­rad. Immer noch Rot.

Ça va encore durer?

Non, non, ça n'va pas tar­der. T'inquiète!

Keine fünf Minu­ten spä­ter dreht der Bau­ar­bei­ter tat­säch­lich sein Schild auf grün und tritt zur Seite. Ganz unver­mit­telt. Autos star­ten mit auf­heu­len­den Moto­ren und quiet­schen­den Rei­fen. Und kom­men nur wenig spä­ter wie­der zum Ste­hen. Aus der Aus­weich­bucht von den Aus­ma­ßen eines zwei­tü­ri­gen Kom­pakt­wa­gens ragt links ein Klein­last­wa­gen bis in die Mitte der Fahr­bahn. Dahin­ter die Fahr­zeuge aus der Gegen­rich­tung. Die Rugby-Spie­ler mit Schau­fel, scheint es, haben ihre Schil­der zeit­gleich auf Grün gedreht.

Da ent­wi­ckelt sich aus­ge­zeich­ne­tes Poten­tial für ein Voll­kasko-Ereig­nis bis hin zum wirt­schaft­li­chen Total­scha­den im Rah­men einer cho­le­ri­schen Krise. Das würde jede Ver­si­che­rung verstehen.

Schade eigent­lich.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Das Blaue vom Himmel (3)

Worin unter­schei­den sich japa­ni­sche, indi­sche und fran­zö­si­sche Infor­ma­ti­ker der Automobilindustrie?

Japa­ni­sche Infor­ma­ti­ker küm­mern sich um die Motor­steue­rung zur Ver­schleie­rung tat­säch­li­cher Abgas­werte unter ande­rem bei Toyota. Machen sie im straff hier­ar­chisch orga­ni­sier­ten Team. Lie­fern kom­pa­ti­ble Soft­ware zum Bei­spiel auch an Mer­ce­des-Benz, Ford und Fiat. Die ent­spre­chen­den Pro­gramm­zei­len wer­den ver­mut­lich unauf­find­bar bleiben.

Bei BMW in Mün­chen hat ein indi­sches Pro­gram­mier­ge­nie die Stick­oxide ein­fach ver­schwin­den las­sen. Die­sel­mo­to­ren aus Bay­ern pro­du­zie­ren keine Stick­oxide. Das größte Pro­blem war, Spu­ren von Schad­stof­fen für die Test­rou­ti­nen beim Kraft­fahrt­bun­des­amt zu insze­nie­ren. Der Glaub­wür­dig­keit wegen.

Die fran­zö­si­schen Infor­ma­ti­ker haben alle­samt in den bes­ten Schu­len von Paris stu­diert. Über­zeu­gende Selbst­dar­stel­lung ist ein Kern­punkt der Aus­bil­dung. Absol­ven­ten zeh­ren für den Rest ihrer beruf­li­chen Kar­riere vom Bewußt­sein ihres eli­tä­ren Sta­tus. Das fran­zö­si­sche Team ist trotz­dem schon vor Jah­ren bei Renault auf­ge­fal­len wegen Unzu­läng­lich­kei­ten im Obso­les­zenz­ma­nage­ment. Zuviele Aus­fälle wäh­rend der Garan­tie­zeit. Liegt an ihrer man­geln­den Team­fä­hig­keit. Abge­scho­ben zur rumä­ni­schen Toch­ter­firma soll­ten sie deren Basis­mo­dell optisch in die Nähe eines Por­sche Car­rera pro­gram­mie­ren. Her­aus­ge­kom­men ist dabei ein Nis­san Juke. Nach die­sem Mißer­folg ver­diente sich das Team bei Volks­wa­gen neben sat­tem Hono­rar einen Phae­ton mit selbst­pro­gram­mier­tem Motor als Prä­mie. Immer­hin. Der muß nun lei­der zurück in die Werk­statt. Viel­leicht krie­gen sie ihn bis Ende 2016 als gebrauch­ten Up! zurück.

Was fällt auf?

Ers­tens: Deut­sche Infor­ma­ti­ker tre­ten nicht wei­ter in Erschei­nung. Auch die deut­schen Tech­ni­ker nicht. Zumin­dest nicht die von Volks­wa­gen. Seit dem läs­si­gen Gast­auf­tritt des fran­zö­si­schen Teams in Wolfs­burg, wel­cher sich der gesam­ten Beleg­schaft als über­aus char­mant ins Gedächt­nis geprägt hat, kann sich eigent­lich kei­ner mehr erklä­ren, was die haus­ei­ge­nen Motor- und Umwelt­tech­ni­ker wirk­lich den gan­zen Tag machen.

Zwei­tens: Auch die coo­len Pro­gram­mie­rer aus dem Sili­con Val­ley fal­len in die­sem Zusam­men­hang nicht auf. Die küm­mern sich vor­wie­gend um Wer­bung. Und deren kon­text­sen­si­tive Schal­tung allent­hal­ben. Die Nef­fen von Mark Zucker­berg ver­die­nen sich gerade ihre ers­ten Mil­li­ar­den mit sub­ti­lem Mar­ke­ting für Volks­wa­gen. Die Nerds in Fort Meade fal­len noch viel weni­ger auf. Dabei war es doch die Spio­nage-Soft­ware des NSA, die über die Zei­len der Mogel­soft­ware in deut­schen Dienst­wa­gen stolperte.

Sagt nur keiner.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Das Blaue vom Himmel (2)

Tho­mas Zahn, der Lei­ter von Ver­trieb und Mar­ke­ting bei Volks­wa­gen Deutsch­land, bringt sein tiefs­tes Bedau­ern zum Aus­druck. Klar, er hat mein Ver­trauen ent­täuscht und ist sich des­sen bewußt. Mit mei­nem Sie­ben­sit­zer, made in Ger­many, wollte ich einen Schluß­strich zie­hen unter eine Serie uner­quick­li­cher Aben­teuer mit Pro­duk­ten der ein­hei­mi­schen Auto­mo­bil­in­dus­trie. Und nun das! Mein Neu­wa­gen von Volks­wa­gen ist eine Mogel­pa­ckung! Eine von acht Mil­lio­nen in Europa alleine. Die Aus­sage auf der Seite bei VW ist ein­deu­tig: Der in mei­nem Fahr­zeug "ein­ge­baute Die­sel­mo­tor vom Typ EA189 ist von einer Soft­ware betrof­fen, die Stick­oxid­werte (NOx) im Prüf­stand­lauf (NEFZ) opti­miert." Betrof­fen! Der Motor ist betrof­fen. Soll ein biß­chen wie ein Krank­heits­fall klin­gen. Zufall, Pech. Kann ja mal pas­sie­ren. Aber, zum Glück, und da soll ich wohl wirk­lich beru­higt sein, Volks­wa­gen wird alles tun, um mein "Ver­trauen voll­stän­dig wie­der­zu­ge­win­nen", "mit Hoch­druck" wird an einer Lösung gear­bei­tet. In mei­nen Ohren klingt das wie die Worte von Manu, dem Auto­händ­ler. Der Tur­bo­la­der im Renault war nach vier Tagen kaputt, aber – "né vous inquié­tez pas!" – ich solle mich nicht beun­ru­hi­gen. Tho­mas Zahns "Hoch­druck" ent­spricht von der Inten­tion her womög­lich Manus "né vous inquié­tez pas!" – Beschwich­ti­gung um jeden Preis. Das Blaue vom Him­mel. Fünf Wochen dau­erte die Repa­ra­tur bei Manu. Flo­rian H., der mir in VW-Nie­der­las­sung das Auto ver­kauft hat, ist zur Zeit nicht ansprech­bar. Aber was sollte der mir auch Neues erzählen?

Ganz frü­her, kurz nach dem Abitur, war ich stol­zer Besit­zer eines "Bulli" von Volks­wa­gen. T2. Bau­jahr 1973, glaube ich, 50 PS für eine gute Tonne Auto. Stick­oxide gab es damals noch nicht. Ziem­lich morsch, Rost über­all, die Hei­zung ließ sich nicht aus­schal­ten. Die Heck­klappe samt Anti-Atom­kraft-Sonne war ölver­schmiert, weil wohl irgend­was im Ölkreis­lauf undicht war. Ich ver­wen­dete mei­nen Bulli als spar­ta­nisch ein­ge­rich­te­tes Wohn­mo­bil. Und war damit in Süd­frank­reich unter­wegs. Alle zwei­hun­dert Kilo­me­ter mußte ich einen Liter Öl nach­schüt­ten. Auto­bah­nen konnte ich mir nicht leis­ten. War aber egal, mein T2 schaffte ohne­hin nicht mehr als 108 Stun­den­ki­lo­me­ter. Stei­gun­gen, auch kleine, konnte er am bes­ten im zwei­ten Gang. Aber auch das war egal, im Lub­é­ron und in der Camar­gue und auf dem Weg dahin war ganz klar der Weg das Ziel. Das muß 1982 gewe­sen sein. Frühsommer.

Auf Seite 2 der regio­na­len Tages­zei­tung fin­det sich ein Bericht über den aktu­el­len Abgas­skan­dal bei Volks­wa­gen und mög­li­che Kon­se­quen­zen für die Kun­den. Unter ande­rem kom­men zwei Exper­ten zu Wort. Die erläu­tern, daß der Motor in mei­nem Tou­ran sehr wohl imstande wäre, die Vor­ga­ben ein­zu­hal­ten, aller­dings auf Kos­ten der Leis­tung. Ein 150-PS-Motor würde dann viel­leicht noch 110 brin­gen. Sagen die Exper­ten. Mein Tou­ran hat 105 PS. Das reicht gut für ziel­ge­rich­te­tes Fah­ren. Ohne Spiel­räume für sport­li­che BMW-Allü­ren. Schnel­ler als 130 km/h darf ich in Frank­reich sowieso nicht fah­ren. Nach Kor­rek­tur der Mogel­soft­ware zur Motor­steue­rung wür­den von den 105 – Drei­satz – nur noch 77 übrig­blei­ben. PS. Das würde mich vom Fahr­ge­fühl her nach 1982 – Früh­som­mer, Sonne, Süd­frank­reich – zurück­ver­set­zen. Der Weg als Ziel.

Ent­spricht nur lei­der nicht ganz mei­nen aktu­el­len Anfor­de­run­gen an ein Fahr­zeug. Im Rah­men mei­ner aktu­el­len All­tags-Anfor­de­run­gen rückt das Ziel – Schule, Kran­ken­haus, Intermar­ché – ein­deu­tig in den Vor­der­grund. Und der Weg soll nicht zum Pro­blem werden.

Die ent­spre­chende Seite bei Volks­wa­gen Frank­reich gibt sich übri­gens deut­lich tro­cke­ner. Ehr­li­cher viel­leicht. Herr Zahn tritt hier nicht Erschei­nung. Auch nicht sein Pen­dant von Ver­trieb und Mar­ke­ting bei Volks­wa­gen Frank­reich. Von Bedau­ern und "Hoch­druck" hier keine Rede. Mein Auto sei mit einem Motor EA189 aus­ge­rüs­tet. Aha, wußte ich schon. Die­ser wird sich Maß­nah­men zur Kor­rek­tur des Stick­oxid-Aus­sto­ßes zu unter­zie­hen haben. Maß­nah­men! Keine wei­te­ren Erläu­te­run­gen zu die­sen Maß­nah­men. Es fol­gen ein paar Fel­der zur Ein­gabe der per­sön­li­chen Daten. Man würde mich auf dem Lau­fen­den hal­ten. Bald­mög­lichst. Kein "Hoch­druck", wie gesagt, kein Bedau­ern. Immer­hin, wie bei volks​wa​gen​.de, sinn­ge­mäß von Herrn Zahn abge­schrie­ben: "Wir ver­si­chern Ihnen jedoch, dass Ihr Fahr­zeug tech­nisch sicher und fahr­be­reit ist!" Immer­hin. Dann wird ja alles gut.

Né vous inquié­tez pas!


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Das Blaue vom Himmel

Für den Wagen kann ich Ihnen viel­leicht noch fünf­zehn­hun­dert geben. Mehr ist da nicht drin. Die Kilo­me­ter. Soviel Kilo­me­ter! Und die Die­sel­pumpe muß ja erst noch ersetzt wer­den. Und wer weiß, was der Wagen noch alles hat. Da muß ohne­hin erst­mal der Spei­cher des Bord­com­pu­ters aus­ge­le­sen wer­den. Täte ihm ja leid, sagt der Ver­trags­händ­ler mei­nes Ver­trau­ens und guckt ganz betrof­fen. Gefühlt wäre mein Auto noch gut drei­tau­send Euro wert gewesen.

Mit etwas Glück, und weil man ja Stamm­kunde ist und den Nach­fol­ge­wa­gen mit soviel weni­ger Kilo­me­tern auch bei ihm kau­fen will, schlägt er viel­leicht noch drei­hun­dert auf. Je nach­dem, was der Wagen noch alles hat. Als ob er nicht auch ohne Aus­le­sen wüßte, was der Wagen noch alles haben könnte. Seit Jah­ren kommt er alle sechs Monate min­des­tens in die Werk­statt. Aber, na ja, sei's drum, weg damit. War doch ein biß­chen viel Ärger mit der Kiste in den letz­ten Mona­ten. Die Kupp­lung, die Zylin­der­kopf­dich­tung. Der Kom­pres­sor der Kli­ma­an­lage. Der Antrieb des Schie­be­dachs. Blin­ker, Radio, Kühl­was­ser­sen­sor. Elek­tro­ni­sche Phä­no­mene. Die Gurt­straf­fer, die ein­fach so zün­den, ohne Anlaß, völ­lig unver­mit­telt. Wer weiß, das nächste Mal schlägt mir womög­lich der Air­bag ins Gesicht. Ganz über­ra­schend. Weg damit! Mit dem Neuen, auch ein Gebrauch­ter, aber weni­ger als vier Jahre alt und nur knapp über fünf­zig­tau­send Kilo­me­ter, natür­lich unfall­frei und scheck­heft­ge­pflegt, wird alles bes­ser wer­den. Bestimmt. Der Ver­trags­händ­ler gibt sich zuver­sicht­lich. Weiß Gott, woher Auto­me­cha­ni­ker ihre Zuver­sicht neh­men im Gebrauchtwagenverkauf!

Kaum werde ich mich von mei­nem Alten, dem Sor­gen­kind mit den vie­len Kilo­me­tern auf dem Zäh­ler, getrennt haben, nach einem letz­ten melan­cho­li­schen Blick ins Arma­tu­ren­brett, wird der Mecha­ni­ker sei­nen Com­pu­ter anschlie­ßen. Den Spei­cher aus­le­sen. Denk­bar, daß ihm der Ansprech­part­ner sei­ner auto­mo­bi­len Ver­trags­firma den Zugangs­schlüs­sel zum Menü­punkt für "Beson­dere Ein­stel­lun­gen" ver­ra­ten hat. Den für eine radi­kale Kor­rek­tur des Kilo­me­ter­stands zum Bei­spiel. Oder für die Akti­vie­rung ver­schie­de­ner Soll­bruch­stel­len. Eine kleine Modi­fi­ka­tion in den Para­me­tern des einen oder ande­ren Sen­sors hat über kurz oder lang Aus­wir­kun­gen zum Bei­spiel auf die Dyna­mik des Tur­bo­la­ders. Frü­her oder spä­ter ist er reif, zum Bei­spiel der Tur­bo­la­der. Reif für einen Aus­tausch. Viel­leicht läßt sich bei die­ser Gele­gen­heit über­haupt ein klei­ner Stör­code ein­flech­ten in die Haupt­soft­ware des Bord­com­pu­ters. Hat ihm der Herr im Anzug auf einem USB-Stick zuge­steckt. Als mp3 getarnt. Kön­nen Sie auf alle Modelle der Bau­rei­hen ab 2005 auf­spie­len, hatte er gesagt. Sichert Ihnen die Kun­den auf Jahre hin­aus, ergänzte er mit einem Augen­zwin­kern. Natür­lich mit Vor­sicht ein­zu­set­zen, solange das Jahr Händ­ler­ga­ran­tie noch nicht abge­lau­fen ist. So ein­fach funk­tio­niert Kun­den­bin­dung heutzutage.

Das war frü­her schon kom­pli­zier­ter mit der Kun­den­bin­dung. Frü­her, in der Ära vor der auto­mo­bi­len Digi­ta­li­sie­rung, waren noch pro­funde Kennt­nisse der Mecha­nik gefragt. Und vor allem ziel­ge­rich­te­tes und ent­schlos­se­nes Ein­grei­fen. Ziel­ge­rich­tet und ent­schlos­sen, aber dis­kret. Ein Hauch Metall­späne ins Rad­la­ger zum Bei­spiel. Kann kei­ner nach­wei­sen. Ein paar Schrau­ben lockern an der Zylin­der­kopf­dich­tung. Eine Vier­tel­dre­hung höchs­tens. Spä­tes­tens ein hal­bes Jahr spä­ter kommt der Kunde wie­der. Ein beherz­ter Hieb mit dem Schrau­ben­zie­her in einen Aus­puff­topf. Frü­her mußte man alle naselang was am Aus­puff wech­seln. Im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung ros­tet kein Aus­puff mehr. Nicht mehr nötig. Oder eine lose Bei­lag­scheibe im Zünd­ver­tei­ler. Eine Bei­lag­scheibe? Im Zünd­ver­tei­ler? Der Mecha­ni­ker weiß sich nicht zu erklä­ren, wie die dahin gekom­men sein soll. Schul­ter­zu­cken. Sug­ges­tive Ver­mu­tun­gen höchs­tens. Beson­ders geschickt, weil das gleich­zei­tig den Kun­den kul­pa­bi­li­siert. Der Kunde wird nie wie­der wagen, die Motor­haube auch nur anzu­fas­sen. Bes­ser so.

Heut­zu­tage geht das alles digi­tal. Ganz sau­ber. Ohne Schrau­ben­zie­her. Ein paar krea­tive Pro­gramm­zei­len direkt aus der Kon­zern­zen­trale und wenig spä­ter fal­len die erstaun­lichs­ten Kom­po­nen­ten aus. Kom­po­nen­ten, von denen der Laie nie gehört hat. Kein Sen­sor, der Fehl­funk­tio­nen nicht auf Zufalls­ba­sis signa­li­sie­ren könnte, kein Reg­ler, der nicht ent­glei­sen könnte. Oran­ge­far­bene und rote Leuch­ten im Cock­pit. Der Dia­gno­se­com­pu­ter fin­det dann jeden denk­ba­ren Feh­ler. Und mein Mecha­ni­ker kann mir eine nette Inter­pre­ta­tion dazu erzäh­len. Meist bin ich irgend­wie selbst schuld. Oder das Auto. Was erwar­ten Sie denn bei dem Kilo­me­ter­stand? Schul­ter­zu­cken. Wird min­des­tens zwei­hun­dert Euro kos­ten. Lei­der. Betrof­fen­heit. Plus Stun­den­satz. Plus Mehr­wert­steuer. Zumin­dest das hat sich nicht geändert.

Beson­ders dank­bar ist die Simu­la­ti­ons­funk­tion. Ein Bau­teil simu­liert sei­nen Total­aus­fall. Und läßt sich mit­tels Maus­klick repa­rie­ren. Den Wagen natür­lich der Glaub­wür­dig­keit hal­ber min­des­tens drei Tage dabe­hal­ten, was von Lie­fer­eng­pass erzäh­len und mehr als vier­hun­dert Euro ver­an­schla­gen. Lei­der. Plus Stun­den­satz. Betrof­fen­heit. Plus Mehr­wert­steuer. Wenn ein Kunde mal nach­fragt, kann man ihm immer noch irgend­ein ölver­schmier­tes Teil aus der Samm­lung zei­gen. Wel­cher Laie kann schon einen Tur­bo­la­der von der Kühl­was­ser­pumpe unterscheiden?

Mein Neuer ist einer von denen mit evi­dent getürk­ter Öko­lo­gie. Intel­li­gente Soft­ware pro­du­ziert geschönte Abgas­werte. Nicht dis­kret genug. Nicht intel­li­gent genug. Auf sei­ner Heck­klappe klebt rechts unter dem TDI – das I rot, warum auch immer – ein Schrift­zug "BLUEMOTION tech­no­logy". Mit blauem BLUE. Was auch immer das hei­ßen mag. Blaue Bewe­gung? Blau in Bewe­gung? Wel­ches Blau? Das Blaue vom Him­mel? Soll kei­ner sagen, man wäre nicht dezent, poe­tisch gera­dezu, auf die Lügen hin­ge­wie­sen worden.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Funkloch

Ich komme aus dem Dienst und fühle mich etwas ange­grif­fen. Und das, obwohl mich kei­ner gestört hat. Weder Chir­ur­gen noch Heb­am­men, weder Not­auf­nahme noch Inten­siv­sta­tion oder wer da sonst einen Grund fin­den könnte, mich um 01:54 Uhr oder 03:37 Uhr anzu­ru­fen. Nein, ich fühle mich ange­grif­fen, weil mein Bett unter mir zusam­men­ge­bro­chen ist! Zwei­mal. Gefühlt Heb­am­men- oder Chir­ur­gen­zeit. 01:54 Uhr oder 03:37 Uhr. Nein, so fett bin ich nicht! Ikea aus den frü­hen 90er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts. Oder, schlim­mer noch, das fran­zö­si­sche Äqui­va­lent zu Ikea aus den frü­hen 90er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts. Da darf so ein Lat­ten­rost – Latte für Latte – schon mal nach­ge­ben. Warum aber gerade heute Nacht? Schlecht geschla­fen also. Die Kaf­fee­ma­schine im OP wird gerade ent­kalkt. Wie kann man auf die Idee kom­men, eine Kaf­fee­ma­schine zur Früh­stücks­zeit zum Ent­kal­ken außer Betrieb zu neh­men? Meine Ablö­sung auf der Inten­siv­sta­tion kommt eine gute Vier­tel­stunde ver­spä­tet. Tut ihr immer­hin leid, der Ablö­sung. Nach der Über­gabe riecht es im OP nach Kaf­fee. Zu spät. Ich muß weg. Ich habe mir ein straf­fes Pro­gramm gemacht für heute.

Zuhause Chaos. Offen­bar eili­ger Auf­bruch der Mit­be­woh­ner. Fest­be­leuch­tung im gan­zen Haus, ein Berg Schmutz­wä­sche vor der Wasch­ma­schine. Früh­stücks­rui­nen auf dem Küchen­tisch, die Spül­ma­schine nicht aus­ge­räumt. Für den Renault aus unse­rem Fuhr­park – der mit inzwi­schen repa­rier­tem Turbo – habe ich ein Date zur révi­sion. Der Schlüs­sel ist weg. Unauf­find­bar. Das fehlte mir noch! Meine Fami­lie nicht ansprech­bar. Meine Frau geht gerne ohne Tele­fon in den OP. Die Han­dys mei­ner Söhne sind ein­fach aus. Wahr­schein­lich sind die Bat­te­rien am Ende. Die Han­dys mei­ner Söhne müs­sen oft ohne Bat­te­rie­la­dung aus­kom­men. Oder ohne Funk­netz. Ich finde den Schlüs­sel schließ­lich in der Schmutz­wä­sche. In einer Hosen­ta­sche. Nach über zwan­zig Jah­ren Kin­der­auf­zucht bin ich ein geüb­ter Sucher! Manch­mal finde ich auch was.

Der Chef bei Renault nimmt mein désolé mit einem Nicken zur Kenn­tis und kom­men­tiert nur tro­cken c'est pas trop tôt. Genauere Erläu­te­run­gen zum Schlüs­sel in der Schmutz­wä­sche inter­es­sie­ren ihn ver­mut­lich genauso wenig wie der bers­tende Lat­ten­rost im Kran­ken­haus. Er wäre nicht sicher, ob der Wagen heute noch fer­tig würde. Egal.

Kurz nach zehn fällt mir auf, daß die Putz­fee ja noch gar nicht im Haus ist. Die Putz­fee kommt immer diens­tags. Seit drei Wochen heißt sie Élo­die. Pier­cing in der Unter­lippe rechts. Letzte Woche hatte sie einen Arzt­ter­min vor ihrem Ein­satz bei uns. Die Woche davor gab es, glaube ich, ein Pro­blem mit dem Hund. Ihr Ein­satz bei uns ist eigent­lich für vier Stun­den zwi­schen halb neun und halb eins vor­ge­se­hen. Viel­leicht kommt sie ja gar nicht heute. Käme mir sehr gelegen.

Kaum denke ich das, kaum denke ich mir, wie schön das wäre, wenn die Putz­fee heute gar nicht käme, warum auch immer, Arzt, Hund, Auto mei­net­we­gen, geht die Tür. Élo­die. Heute ist ihr Rücken der Grund für die Ver­spä­tung. Le dos blo­qué. Sieht auch wirk­lich ange­grif­fen aus. Sie hatte eine Nacht wie in der Hölle. Hat kein Auge zuge­tan. Sagt sie. Wenn es so schlimm wäre, solle sie doch bes­ser zuhause blei­ben. Nein, nein, sagt sie, geht schon. Dann doch. Schade. Spä­ter kreischt sie oben irgendwo. Spinne? Skor­pion? Maus? Eine Putz­fee mit Arach­no­pho­bie? Nein, der Hams­ter war's. Der Hams­ter mei­ner Toch­ter hatte Élo­die ange­krab­belt. Der Käfig war offen geblie­ben. Mal wie­der. Ein Glück, das dies der Katze nicht auf­ge­fal­len war!

Ich werde ver­su­chen, ein Zeit­fens­ter für eine kleine Sieste zu fin­den. Am bes­ten drau­ßen. Außer Hör­weite von Élo­die. In der Sonne. Am bes­ten gleich. Und das Tele­fon im Funk­loch lassen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Weihnachten

Allô?

Ich erkenne an der Num­mer, wer mich da anruft. Ich melde mich trotz­dem mit Hallo?, weil alle das so machen.

Allô?

Das ist Manus Bru­der. In Frank­reich wird – auch weit jen­seits des Zeit­al­ters auf­kom­men­der ana­lo­ger Tele­kom­mu­ni­ka­tion – zunächst die Sta­bi­li­tät der Lei­tung geprüft.

Oui, bon­jour, c'est Mon­sieur Diehl!

Sage ich, als ob er das nicht wüßte. Er hat mich ja aus sei­nem Tele­fon selbst ange­ru­fen. Machen aber alle so.

Bon­jour, c'est le Père Noël!

Der Weih­nachts­mann! Ges­tern mußte ich am Tele­fon laut wer­den mit Manus Bru­der. Ein biß­chen teu­to­nisch, ich muß es zuge­ben. Ich konnte meine Gene­tik nicht mehr unter Kon­trolle hal­ten. Manus Bru­der bezieht sich auf meine Ansage, ich wäre nicht gewillt, bis Weih­nach­ten auf die Dämp­fer der Heck­klappe zu war­ten. Manus Bru­der kann rich­tig komisch sein. Er ist der Weih­nachts­mann! Und das, obwohl er im Laden immer die Drecks­ar­beit machen muß. Immer ist er mit dem Staub­sauger unter­wegs und der Werk­zeug­kiste. Wenn er mor­gen immer noch wit­zig ist, gril­len wir dem­nächst zusammen.

Manu selbst ist der Patron. Manu ist deut­lich weni­ger wit­zig. Er ist Gebraucht­wa­gen­händ­ler. Er muß sich um den Papier­kram küm­mern. Unter ande­rem. Für jedes Auto ein Kraft­um­schlag in DIN A 5. Die Umschläge ihrer­seits in klei­nen Plas­tik­kis­ten, etwa zwan­zig pro Kiste. So ist Papier­kram anstren­gend. Er ver­kauft direkt an der Natio­nal­straße Autos, die sonst kei­ner mehr ver­kauft. Zur Zeit steht eine ganze Flotte Renault von der Post auf sei­nem Hof. Gelbe Lie­fer­wa­gen jeder mit rund einer hal­ben Mil­lion Kilo­me­tern auf dem Zäh­ler. Neu­lich konnte man da auch was Gro­ßes von Mer­ce­des-Benz sehen, aber das war ver­mut­lich Manus Eigen­be­darf. Mir hat er Ende Juli (Juli! Da war noch Som­mer, das war vor sie­ben Wochen) einen grau­sil­ber­nen Renault ver­kauft. Zehn Jahre alt, aber in Ord­nung. Für mich als Laien zumin­dest in Ord­nung. Das Auto fährt gera­de­aus, alle Gänge funk­tio­nie­ren, die Brem­sen brem­sen gleich­mä­ßig. Keine unan­ge­neh­men Geräu­sche, keine Ölspu­ren. Eine Schlüs­sel­karte muß neu pro­gram­miert, die Kli­ma­an­lage auf­ge­füllt wer­den. Okay. Was will ich erwar­ten zu dem Preis? Und die Dämp­fer der Heck­klappe funk­tio­nie­ren nicht. Er will mir aller­dings Ersatz beschaf­fen. Bis mor­gen, spä­tes­tens über­mor­gen. Ende Juli.

Né vous inquié­tez pas.

Dann, vier Tage und keine hun­dert Kilo­me­ter spä­ter, ließ mich der Renault mit defek­tem "Turbo" auf der Auto­bahn im Stich. Manu selbst ist, wie gesagt, weni­ger wit­zig als sein Bru­der, auch weil er sich nicht nur um den kom­pli­zier­ten Papier­kram in den Kist­chen küm­mern muß, son­dern auch um die Rekla­ma­tio­nen. Meine Rekla­ma­tion hat ihm gar keine Freude berei­tet. Ich habe ihn über Wochen jeden Tag ange­ru­fen, fast jeden Tag. Meine Ent­täu­schung nicht ver­hehlt. Mei­nem Ärger gele­gent­lich freien Lauf gelas­sen. Mit dem Rechts­an­walt gedroht. Teu­to­ni­sche Ver­an­la­gung eben. Manu blieb gelassen:

Né vous inquié­tez pas! Je m'en occupe. Je vous tiens au courant!

Blei­ben Sie ganz ruhig! Ich küm­mere mich darum. Ich halte Sie auf dem Lau­fen­den. Aber, das müßte ich ver­ste­hen, es wäre immer­hin August und der Her­stel­ler und sein Lie­fe­rant und der Lie­fe­rant des Lie­fe­ran­ten wären wohl im Urlaub. Ich rufe Sie an, wenn der Tur­bo­la­der da ist. Fünf Wochen lang. Fünf! Fast jeden Tag. Jedes Mal der glei­che Text. Né vous inquié­tez pas! Aber ich müßte auch ver­ste­hen und so wei­ter. Für teu­to­ni­sche Ver­an­la­gung blieb ich sehr gelas­sen. Finde ich.

Letzte Woche waren der Turbo-Her­stel­ler und die Lie­fe­ran­ten­kette end­lich aus den Som­mer­fe­rien auf­ge­wacht und Rachid, Manus Mecha­ni­ker, würde das Teil ein­bauen. Mor­gen, spä­tes­tens über­mor­gen. Tat­säch­lich konnte ich den Renault zwei Tage spä­ter abholen.

Die Heck­klap­pen­dämp­fer waren über dem gan­zen Ärger mit dem Tur­bo­la­der lei­der in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Der wit­zige Bru­der über­nahm. Da wußte ich aber noch nicht, wie wit­zig der Bru­der sein konnte.

Né vous inquié­tez pas! Je m'en occupe. Je vous tiens au courant!

Das war nun ein­deu­tig zuviel für meine teu­to­ni­sche Ver­an­la­gung. Das kannte ich schon vom sei­nem Bru­der, dem Patron. Ich konnte nicht mehr anders, als mei­nem Ärger freien Lauf zu las­sen, mit dem Rechts­an­walt zu dro­hen und auf den Ein­bau der Dämp­fer deut­lich vor Weih­nach­ten zu bestehen. Das war gestern.

Heute ist Weihnachten.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Eigentlich

Eigent­lich wollte ich nur mei­nen Sohn von der Schule nach Hause bringen.

In Saal 1 habe ich eine Hüfte, gerade ange­fan­gen, sagte ich mei­nem Kol­le­gen aus Tune­sien, Saal 2 expe­ri­men­telle Chir­ur­gie mit Ioana unter Lokal­an­äs­the­sie, fast fer­tig. Ich küm­mere mich eben noch um die post­ope­ra­ti­ven Anord­nun­gen und ver­schwinde dann. Um halb eins bin ich wie­der da. Die Arbeits­be­las­tung in einer medi­ter­ra­nen Struk­tur des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens erlaubt sowas. Oft. Ich werde mei­nen Sohn von der Schule nach Hause brin­gen. Er ist fast elf. Er könnte eigent­lich auch den Bus nehmen.

Über Tou­lon wun­der­bare Blitze aus schwar­zen Wol­ken. Hof­fent­lich wird mein Sohn nicht nass! Wenig spä­ter ist der Faron ver­schlei­ert. Dann ein paar große Trop­fen auf der Wind­schutz­scheibe. Die Idio­ten vor mir brem­sen. Ich schi­cke mei­nem Sohn eine sms. Mets-toi à l'abri. J'arrive. – Bring' dich in Sicher­heit. Ich bin gleich da. Auf Höhe des Kran­ken­hau­ses ist der Regen so dicht, daß man auch als regen­erfah­re­ner Mit­tel­eu­ro­päer tat­säch­lich nur noch Schritt­ge­schwin­dig­keit fah­ren kann. Kurz vor mei­ner Aus­fahrt ist das Was­ser knö­chel­tief. In theo­re­ti­scher Sicht­weite der Ampel Still­stand. Ringsum nur Was­ser. Tau­ben­ei­große Hagel­kör­ner. Das Was­ser inner­halb von Minu­ten knie­tief. Reicht für nasse Füße im Auto. Minu­ten spä­ter ist der Regen zu Ende. Die Ampel schal­tet auf Grün. Beim Anfah­ren ertrinkt der Motor. Und geht nicht mehr an. 12:15 Uhr. Ich rufe mei­nen Kol­le­gen an und erkläre ihm, daß es wohl einen Moment län­ger dau­ern wird. In der Grö­ßen­ord­nung einer guten hal­ben Stunde. Ich bin noch vol­ler Zuver­sicht. Ich bin ja ver­si­chert. Ich rufe die Assi­s­tance der Ver­si­che­rung an, denke ich, lasse mich abschlep­pen, den Sohn und mich mit dem Taxi nach Hause fah­ren, nehme das andere Auto und gut ist. Die Dame von der Assi­s­tance ver­spricht mir den Abschlep­per für in einer hal­ben Stunde. Dans une demi heure, grand maxi­mum. Halbe Stunde, aller­höchs­tens. Scheiße, denke ich, das ist nicht so gut. Wenn in die­sen Brei­ten jemand von einem grand maxi­mum spricht, ent­spricht das meist nur sehr zufäl­lig der Rea­li­tät. Plan B. Mein Sohn soll sich in der Schule was zu essen beschaf­fen und im Lese­saal war­ten. Kein Abschlep­per bis drei. Das wird sogar knapp mit dem Abho­len zum Schul­schluß. War­ten dabei unter strah­len­der Sonne. Das ganze Was­ser ist ver­schwun­den, alles ist tro­cken. Als wäre nichts gewe­sen. Sogar die Bett­ler ste­hen wie­der an der Ampel. Une pièce pour vivre. – Eine Münze zum Leben.

Meine Kin­der erin­nern sich daran als le vend­redi de l'apo­ca­lypse. Ist für sie, in kind­li­cher Welt­sicht, ein Begriff wie der 11. Sep­tem­ber für Grö­ßere. Sie kön­nen sich an jede Ein­zel­heit erin­nern. Der Frei­tag der Apo­ka­lypse war am 19. Sep­tem­ber 2014. Die Apo­ka­lypse ent­lud sich über Tou­lon und dau­erte keine Vier­tel­stunde. Acht Zen­ti­me­ter Regen und Hagel in gut zehn Minu­ten. Die Kin­der wur­den auf dem Weg in die Mit­tags­pause über­rascht, fan­den Zuflucht in der Kan­tine. Die ihrer­seits auch knö­chel­tief unter Was­ser geriet. Apo­ka­lyp­ti­sche Zustände.

Der Mecha­ni­ker hatte zwei Tage zu bas­teln an mei­nem alten Bus. Drei Ölwech­sel wären nötig gewe­sen, sagte er. Dann fuhr er wie­der. Mit ande­ren, neuen Neben­ge­räu­schen aus dem Motor­raum aller­dings. Schlei­fen­den Neben­ge­räu­schen. Drei Monate spä­ter war end­gül­tig Schluß. Von vorne rechts ganz unver­mit­telt eine Geräusch­ku­lisse, als hätte ich das Fahr­rad eines umge­fah­re­nen Rad­fah­rers unter dem Auto. Diens­tag Abend Anfang Februar. Die Dame von der Assi­s­tance ver­sprach mir fünf­zehn Minu­ten. Ohne "aller­höchs­tens". Der Fah­rer des Abschlepp­wa­gens streute Sand auf die Ölspur und notierte "bièle" als Ursa­che der Panne. Pleu­el­stange. Ortho­gra­phisch kor­rekt wäre "bielle" gewe­sen. Egal. Über acht­zig Pro­zent der Bevöl­ke­rung die­ses Lan­des haben ein eher leg­asthe­ni­sches Ver­hält­nis zur Recht­schrei­bung ihrer Spra­che. Aber das ist ein ande­res Thema. Bièle für Pleu­el­stange ist auch schon ganz gut. Frü­her, in eher lai­en­haf­tem Ver­ständ­nis auto­mo­bi­ler Mecha­nik war mir ohne­hin der Bruch der Kur­bel­welle die gän­gige Ursa­che des ter­mi­na­len Motor­scha­dens. Der ein­hei­mi­sche Begriff vileb­re­quin für Kur­bel­welle, ist dem Durch­schnitts­fran­zo­sen zu kom­pli­ziert. Kennt kaum einer. Bielle hat auch was mit dem Motor zu tun. Das reicht. Wie auch immer, Motor kaputt.

Hoch­som­mer, Sonn­tag. Ande­res Auto, ein Citroën von 2001. Unter­wegs in die Süd-Alpen. Die Toch­ter abset­zen für eine Woche Rei­ter­fe­rien. Hin­fah­ren, Abset­zen, zurück. Eine Aktion von gut drei Stun­den. Eigentlich.

Sieb­zig Kilo­me­ter vor dem Ziel, auf der Auto­bahn noch, ver­liert das Auto rasant an Schub­kraft. Schwarze Wol­ken im Rück­spie­gel, die Toch­ter sagt, das riecht nicht gut. Brand­ge­ruch. Der Wagen kommt mit einem letz­ten Auf­heu­len des Motors zum Ste­hen. Kilo­me­ter 124,5 hin­ter Aix en Pro­vence Rich­tung Gap. Im Tal rechts rauscht die Durance. Die Assi­s­tance ver­weist mich an die Auto­bahn-Gen­dar­me­rie, tele­fo­nisch die 17. Ich solle mich wie­der mel­den, wenn wir abge­schleppt wären. Der Herr von der Auto­bahn-Gen­dar­me­rie ver­bin­det mich mit der Auto­bahn­meis­te­rei. Dort ver­spricht man mir den Abschlep­per in einer hal­ben Stunde. Aller­höchs­tens. Wir war­ten fast eine Stunde unter glü­hen­der Sonne jen­seits der Leit­plan­ken. Allerhöchstens.

Der Abschlep­per notiert "turbo" in sei­nem Ein­satz­be­richt. Das ist fast so schlimm wie bielle oder "cour­roie de dis­tri­bu­tion", Ven­til­steue­rung. Schlim­mer jeden­falls als Zylin­der­kopf­dich­tung (joint de culasse). Ver­mut­lich das Ende die­ses Fahr­zeugs. Wirt­schaft­li­cher Totalschaden.

Die Assi­s­tance ver­spricht mir anschlie­ßend ein Taxi. Wie­der ein Satz mit aller­höchs­tens. Zudem ist die finan­zi­elle Betei­li­gung daran mini­ma­lis­tisch. Eher als nette Geste zu wer­ten. Am Ende wer­den wir fast acht Stun­den an und auf der Straße gewe­sen sein. Statt eigent­lich gut drei Stun­den. Eigentlich.

Zwei Wochen spä­ter. Immer noch Hoch­som­mer. sms an meine Frau:

Kauf’ Dir noch ein paar Kof­fer, wenn Du brauchst. Ich habe das neue Auto dazu. Das Auto für ein paar Kof­fer mehr. Einen Renault. Diese 800-Euro-Fiats aus der Zei­tung kann man nicht kau­fen. Das sind Rui­nen. Trotz neuer Ben­zin­pum­pen oder was auch immer neu. Trotz irgend­was neu. Trotz mut­maß­lich irgend­was neu. Autos aus dem letz­ten Jahr­tau­send eben. Zwi­schen 170.000 und 280.000 Kilo­me­tern. Öl unten am Motor. Man kann sich den Blick unter die Motor­haube spa­ren. Sogar ich kann mir vor­stel­len, wie das da aus­sieht. Ölig ver­mut­lich. Gam­me­lige Schläu­che, umwi­ckelt mit gam­me­li­gem Kle­be­band. Autos unter tau­send Euro brin­gen die Garan­tie auf viel Spaß mit kopf­schüt­teln­den Mecha­ni­kern direkt mit. Und das wahr­schein­lich auch für die drei Monate, die man es eigent­lich schon wirk­lich bräuchte, das Auto. Auch zum Fah­ren. Das Kopf­schüt­teln der Mecha­ni­ker dazu wäre immer­hin auf der Basis einer Tech­no­lo­gie gewe­sen, die noch ohne Dia­gnos­tik-Kof­fer aus­kom­men kann. Alleine der Kof­fer kos­tet jedes­mal sech­zig Euro. Das wäre dann, ange­sichts des kopf­schüt­tel­den Mecha­ni­kers aller­dings kein wirk­li­cher Trost. Ich habe mich heute mor­gen für ein Auto ent­schie­den, wel­ches mir den Mecha­ni­ker für die nächs­ten drei Monate erspa­ren sollte. Die­sel, vier Türen, unter 200.000 Kilo­me­ter. Kli­ma­an­lage, CD-Player. Na ja, Renault. Man kann nicht alles haben. Knapp über zwei­tau­send Euro. Autos unter zwei­tau­send Euro sind meist schon an die 300.000 Kilo­me­ter gefah­ren. Ist eine mei­ner Erkennt­nisse aus zwei Wochen Markt­be­ob­ach­tung. Ges­tern wollte mir eine unse­rer Heb­am­men, Clau­dia, ihren alten Ford ver­kau­fen. 293.000 Kilo­me­ter. Quasi ers­ter Hand, sagt sie, ihre Eltern nur und sie selbst, fast nur Kurz­stre­cke. Dann fiel ihr ein, daß die Kurz­stre­cke kein glück­li­ches Ver­kaufs­ar­gu­ment ist und führte noch ein paar Fahr­ten in elsäs­si­sche Pro­vinz an. Und, natür­lich, beim Auto wäre das schon der Zeit­punkt für vor­aus­sicht­lich höher­fre­quen­ten Werk­statt­be­such. Sie wollte 2.500 dafür. Ziem­lich blond. Oder unver­schämt. Die Imma­tri­cu­la­tion kommt ja dann noch dazu. Die Carte grise, der Fahr­zeug­schein, macht wei­tere 250 Euro. Mein neues Auto kos­tet 2.400 Euro. Carte grise ein­schließ­lich. Drei Monate Händ­ler­ga­ran­tie immer­hin. Mor­gen kann ich das Auto abholen.

Vier Tage spä­ter. Mon­tag. Meine Fami­lie wird um 12:30 Uhr mit German­wings in Nizza lan­den. Nizza ist ein­ein­halb Stun­den von uns ent­fernt. Mein Renault fährt sich sehr ange­nehm. Klima, Musik, Tem­po­mat. Alles funk­tio­niert. Etwa zwan­zig Minu­ten lang. Dann ver­liert das Auto rasant an Schub­kraft. Wol­ken im Rück­spie­gel, Brand­ge­ruch. Kenn' ich schon. Wahr­schein­lich "turbo". Der Rauch im Rück­spie­gel ist dies­mal aller­dings nicht schwarz, son­dern weiß. Aber sehr viel davon. Ich werde mei­ner Frau mit ihren neuen Kof­fern ver­mut­lich nicht hel­fen kön­nen. Stand­spur, Signal­weste, Assi­s­tance, 17, Abschlep­per. Wie gesagt, kenn' ich schon! Mit immer wie­der aller­höchs­tens. Die Auto­bahn­meis­te­rei muß ver­mut­lich "halbe Stunde, aller­höchs­tens" sagen, weil das die Vor­gabe ist: Ein Hin­der­nis auf der Auto­bahn muß inner­halb einer hal­ben Stunde abge­räumt sein. Manch­mal schaf­fen sie das wohl auch.

Nach einer ers­ten Krise tie­fer Ver­zweif­lung und unge­hör­tem lau­tem Flu­chen nehme ich mir vor, mich rou­ti­niert in mein Schick­sal zu erge­ben. Der Abschlep­per notiert "turbo". Okay. Die Assi­s­tance will mir einen Leih­wa­gen für eine Woche zur Ver­fü­gung stel­len. Danke. Der Leih­wa­gen steht in Le Luc. Das ist viel­leicht einen Kilo­me­ter vom Hof des Abschlep­pers ent­fernt. Okay. Das Taxi zum Auto­ver­lei­her kommt in einer hal­ben Stunde. Grand maxi­mum. Nein! Nicht schon wie­der das grand maxi­mum! Und, lei­der, ergänzt die Dame von der Assi­s­tance, müßte ich noch etwa sech­zig Euro zuzah­len. Denn sie könnte maxi­mal fünf­zig über­neh­men. 110 Euro für maxi­mal zwei Kilo­me­ter? Kommt das Taxi denn extra aus Nizza oder Mar­seille? Das täte ihr leid, sagt sie, aber sie müsse den Vor­ga­ben des Sys­tems fol­gen. Ob ich damit ein­ver­stan­den wäre? Eine halbe Stunde spä­ter mel­det sie sich noch­mal an. Sys­tem­feh­ler. Das Taxi sei unterwegs.

Zu die­sem Zeit­punkt aber bin ich schon unter­wegs zum Auto­ver­lei­her. Zu Fuß. Stau­bige Land­straße unter sen­gen­den 36 Grad im Schat­ten. In Bade­lat­schen. Ich wollte ja nur meine Fami­lie eben mal in Nizza vom Flug­ha­fen holen.

Eigent­lich.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


8. Sep­tem­ber

Ähn­lich abge­druckt in der August-Aus­gabe der Riviera Zei­tung. Gekürzt natür­lich. Dies­mal ziemlich.