Schweinehunde

Über den Win­ter hat sich ein gan­zes Rudel inne­rer Schwei­ne­hunde gegen mein Fahr­rad ange­sam­melt. Der Wind an sich, der Wind aus der fal­schen Rich­tung, die Kälte, die Nässe, die Wol­ken, die Regen­wahr­schein­lich­keit. Dazu die übli­chen Schwei­ne­hunde, die immer funk­tio­nie­ren. Der leere Kühl­schrank, zu wenig Kat­zen­fut­ter, der fast ver­stopfte Ablauf der Bade­wanne. Sowas. Wenn es ein Argu­ment gegen ein, zwei Stun­den Rad­fah­ren zu fin­den galt, fand sich auch eins.

Zur Not Stella.

2:16 Uhr das Tele­fon. Stella. Stella, la sage-femme, die Heb­amme. Braucht eine Péri­du­rale für eine Dritt­ge­bä­rende bei fünf Zen­ti­me­tern. Stella bezeich­net sich selbst als chat noir, als jeman­den, der Unglück irgend­wie anzu­zie­hen scheint. Wenn Stella im Kreiss­saal ist, geht immer, na ja, oft was schief. Okay, keine beun­ru­hi­gen­den Ein­zel­hei­ten an die­ser Stelle. Auch im Kreiss­saal kann eben immer wie­der mal was schief­ge­hen. Orga­ni­sa­to­risch, mensch­lich, medi­zi­nisch. Acht Minu­ten spä­ter schon, 2:24 Uhr, finde ich Stella in Saal 4. Der Mut­ter­mund mitt­ler­weile voll­stän­dig eröff­net. Typisch Stella. Eigent­lich zu spät für eine Péri­du­rale. Wie lange es wohl noch dau­ern würde, bis das Kind da sei? Na ja, eine halbe Stunde bestimmt viel­leicht schon noch. Bis die Péri­du­rale fer­tig ist und zu wir­ken beginnt, dau­ert es etwa zwan­zig Minu­ten.

Cap Garonne ist eine Wohn­lage wie Cap Fer­rat in Nizza, Pam­pe­lonne bei Saint-Tro­pez oder Cap Bénat bei Le Lavan­dou. Das Meer in Sicht­weite, Aus­sicht bis Kor­sika, woh­nen Leute – oder kom­men übers Wochen­ende – in Anwe­sen deut­lich jen­seits der Mil­lio­nen­grenze. Bei­la­gen von Hoch­glanz­ma­ga­zi­nen bie­ten sowas an. Drei Mil­lio­nen auf­wärts. Video­über­wa­chung, Pfört­ner, Zugangs­kon­trolle. Rie­sige Ter­ras­sen, Pools, deren blauer Hori­zont mit dem Him­mel ver­schmilzt. Im Fuhr­park eli­täre Roads­ter ohne Dach und rie­sige All­rad­schiffe, viel zu groß für die schma­len Stra­ßen. Am einem Don­ners­tag­mor­gen nach Stella mit­ten in der Nacht sind hier nur weiße Kas­ten­wa­gen unter­wegs, Klemp­ner, Gla­ser, Schlüs­sel­dienste. Auch in der Hoch­glan­z­im­mo­bi­lie geht mal eine Scheibe kaputt, ist mal ein Klo ver­stopft, hat der Nach­wuchs den Code der Alarm­an­lage ver­stellt. Sans faire exprès natür­lich. Warum sollte hier irgend­et­was anders sein als bei nor­ma­len Leu­ten?

Ob sie wirk­lich all die Risi­ken in Kauf neh­men möchte? Für zehn Minu­ten weni­ger Schmerz viel­leicht? – Wel­che Risi­ken? – Na ja, auch eine Péri­du­rale kann töd­li­che Kom­pli­ka­tio­nen mit sich brin­gen. Für Sie oder ihr Baby. So ist das eben in der Medi­zin. Oder Sie in den Roll­stuhl brin­gen. Das war ein biss­chen unfair, ich weiß. Das Glei­che sage ich den wer­den­den Müt­tern in der nor­ma­len Sprech­stunde zwar auch, gehört zur Risi­ko­auf­klä­rung, aber rela­ti­viere diese Risi­ken im glei­chen Atem­zug als heut­zu­tage eher theo­re­tisch.

Vor ein paar Jah­ren, ich kann mich noch prä­zise an den Abschnitt erin­nern, wurde ich von der fran­zö­si­schen Tri­ath­lon-Vize­meis­te­rin über­holt. In einer Stei­gung. Mor­gens um zehn nach acht. Sie hatte ihr Töch­ter­chen dabei, blond gelockt und in Rosa. Im Anhän­ger. Wahr­schein­lich auf dem Weg in die École mater­nelle. Beide lächel­ten und nick­ten mir auf­mun­ternd zu. Ich hatte nicht den Hauch einer Chance, auch nur dran zu blei­ben. Spä­ter fragte ich mich, ob das Fahr­rad der fran­zö­si­schen Tri­ath­lon-Vize­meis­te­rin nicht doch mit Bat­te­rie und Motor getunt war.

Die Dritt­ge­bä­rende will es nachts um halb drei unter der Vor­stel­lung nicht uner­heb­li­cher Risi­ken doch lie­ber mit ange­pass­ter Atem­tech­nik zu Ende brin­gen. Muss sich eben Stella mehr bemü­hen. Und kann nicht mehr als Schwei­ne­hund her­hal­ten.

Auf mei­ner Stre­cke über Cap Garonne, gemä­ßigt berg­auf und bergab, gesperrt außer für Anlie­ger und Rad­fah­rer, zwi­schen Pinien, Fel­sen, Man­del­bäu­men, Oli­ven und Fei­gen, gele­gent­lich eilige Kas­ten­wa­gen von vorne oder hin­ten, gibt es, abseits der abge­rie­gel­ten Wohn­be­zirke, zwi­schen ver­wil­der­ten Wein­stö­cken und ein­ge­fal­le­nen Gewächs­häu­sern, noch ursprüng­li­che Häus­chen in Bruch­stein. Man­che mit erheb­li­chem Reno­vie­rungs­be­darf. Aber mit vue mer. Spä­ter, wenn ich mal älter bin, wenn die Kin­der mal nicht mehr zuhause woh­nen und nur alle halbe Jahre für ein Wochen­ende zu Besuch kom­men, reicht mir auch sowas. Von mei­ner Ter­rasse aus kann man das Meer hören, sehen und rie­chen. Am Hori­zont die Fäh­ren nach Kor­sika, Sar­di­nien und Rom, manch­mal die Charles-de-Gaulle. Im Kühl­schrank immer ein Vor­rat von ein paar Fla­schen Rosé. Für die Enkel ein Matrat­zen­la­ger unter dem Dach, zur Abküh­lung reicht der Brun­nen im Gar­ten.

Für mich ein Fahr­rad mit Elek­tro­un­ter­stüt­zung.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

Marie

La con­ne­rie et la par­esse, Dumm­heit und Faul­heit. Ist in der Sprech­stunde eine rela­tiv häu­fige Ant­wort, viel­leicht zehn Pro­zent, gepfleg­ter männ­li­cher Ruhe­ständ­ler mit über­re­gio­na­ler Tages­zei­tung unter dem Arm. Ist die Ant­wort auf die Frage "pré­sen­tez-vous des all­er­gies", haben Sie All­er­gien? Lächeln ein ver­schmitz­tes Lächeln dazu, ergän­zen gerne, nein, im Ernst, ich bin nicht ein­mal auf Iod all­er­gisch. Die Iod-All­er­gie hin­ge­gen ist eine beliebte All­er­gie jun­ger Erzie­he­rin­nen. Ich frage mich immer, zu wel­cher Gele­gen­heit junge Erzie­he­rin­nen mit Iod in Berüh­rung kom­men. Ver­tra­gen, auf Nach­frage, keine Aus­tern. Nicht wei­ter schlimm, im OP gibt's keine Mee­res­früchte. Auf Béta­dine, dem gän­gi­gen Haut-Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, ist sel­ten mal jemand all­er­gisch. Aus­tern und Béta­dine wer­den fälsch­li­cher­weise oft gleich­ge­setzt, was das Iod betrifft. Dies­be­züg­li­che Dis­kus­sio­nen mit jun­gen Erzie­he­rin­nen ver­meide ich gerne, notiere auf dem Nar­ko­se­bo­gen: Pas de Béta­dine, svp, bitte kein Béta­dine.

Die Fagen sind immer die glei­chen. Sind Sie schon mal ope­riert wor­den? Wenn ja, ist alles gut gegan­gen? Wie­viel rau­chen Sie, arbei­ten Sie, trei­ben Sie Sport? Wer Sport treibt, hält auch eine Nar­kose aus.

Les restan­ques, ça compte comme sport? – Gel­ten die Wein­berge als Sport?

Marie, bon sang, meine Güte! – Mama erhebt Ein­spruch. Ich ver­stehe nicht sofort, was Marie meint. Mir ist auch nicht klar, warum Mama ihre Toch­ter zurecht­weist.

Par­don? -

Non, c'est bon, lais­sez tom­ber. Je né fais pas de sport. – Schon gut, kein Sport. Restan­ques.

Marie ist fast sech­zehn und hat nächs­ten Don­ners­tag eine Abtrei­bung. Unter Voll­nar­kose. Des­we­gen sitzt sie in mei­ner Sprech­stunde. Ver­mut­lich haben die Wein­berge was mit ihrer Schwan­ger­schaft zu tun. So genau will ich es gar nicht wis­sen.

Ich habe zehn Minu­ten pro Pati­ent. Bei Men­schen ohne Vor­er­kran­kun­gen, denen die Weis­heits­zähne ent­fernt wer­den sol­len oder ein Leis­ten­bruch zu repa­rie­ren ist, rei­chen die zehn Minu­ten pro­blem­los. Form­sa­che. Sie sind voll­jäh­rig und haben weder Eltern noch besorgte Gat­ten dabei, wol­len den Auf­tritt beim Anäs­the­sis­ten so schnell wie mög­lich hin­ter sich brin­gen. Bloß keine Fra­gen, bloß keine lan­gen Erklä­run­gen zu Durch­füh­rung, Risi­ken und Neben­wir­kun­gen der Nar­kose. Eltern wol­len alles ganz genau wis­sen, logisch, besorgte Ange­hö­rige stel­len gele­gent­lich über­ra­schende Fra­gen: Sagen Sie, doc­teur, was soll eigent­lich ope­riert wer­den?

Neh­men Sie regel­mä­ßig Medi­ka­mente? Wenn jemand Medi­ka­mente nimmt, kann ich dar­aus Rück­schlüsse auf die Krank­hei­ten zie­hen. Ältere Herr­schaf­ten wis­sen ihrer­seits oft nicht, wofür sie ihre gan­zen Medi­ka­mente ein­neh­men. Meist ist es was für den Blut­druck, Herz­rhyth­mus­stö­run­gen, ver­engte Herz­kranz­ge­fäße, das Cho­le­ste­rin. Man­che Haus­ärzte, so scheint es, gewin­nen mit der Menge ver­schrie­be­ner Medi­ka­mente an Anse­hen bei ihren Pati­en­ten. Für jedes Weh­weh­chen ein Schäch­tel­chen. Für den quer­lie­gen­den Furz, für die kleine Schlaf­stö­rung, das gele­gent­li­che Sod­bren­nen. Warum nicht auch was für die Ner­ven und Sie schei­nen mir auch ein biss­chen depres­siv die letzte Zeit. Ach, die Katze ist gestor­ben! Ich schreibe Ihnen was auf. Zack, Schäch­tel­chen. Das wird schon wie­der. Und das Gedächt­nis ist auch nicht mehr so gut? Neu­lich muss­ten Sie nie­sen? Bestimmt eine All­er­gie. Schmer­zen in den gro­ßen Zehen. Bestimmt die Gicht. Am Ende dür­fen sie eine volle Ikea-Tüte aus der Phar­macie schlep­pen. Eine Art Krank­heits­ge­winn.

Ouvrez grand la bou­che et fai­tes aah, s'il vous plaît, öff­nen Sie den Mund soweit wie mög­lich und sagen Sie Aah, bitte! Gehört zur Unter­su­chung wie Blut­druck­mes­sung und Aus­kul­ta­tion von Herz und Lunge. Dient der Beur­tei­lung von even­tu­el­len Schwie­rig­kei­ten bei der Intu­ba­tion. Will aber auch kaum ein Pati­ent wis­sen. Sie machen den Mund weit auf und sagen Aah.

Marie kichert kurz, nimmt den Kau­gummi aus dem Mund, gehorcht. Und läuft knall­rot an. Mama, die den Mund soli­da­risch auch ein biss­chen geöff­net hat, prus­tet los.

Quoi, was?

Mama kann sich nur schwer beru­hi­gen. Muss auch was mit den Wein­ber­gen zu tun haben.

Müt­ter kön­nen sowas von pein­lich sein.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

50.000 Euro

Zwei Chir­ur­gen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anäs­the­sist. Sagt der eine Chir­urg zum ande­ren: Ste­cken wir ihm die Hände in die Hosen­ta­schen, dann sieht es aus wie ein Arbeits­un­fall.

Das geht als Witz. Ist nicht so pein­lich wie der des Kin­der­arz­tes neu­lich. Chir­ur­gen sehen uns ja sel­ten mal arbei­ten. Nur immer mit den Hän­den in den Taschen. Chir­ur­gen haben ihren Auf­tritt erst, wenn wir fer­tig sind. Wenn der Pati­ent in Nar­kose ist. Und sind schon wie­der weg, wenn wir den Pati­en­ten wach machen. Kann man ver­glei­chen mit Pilo­ten im Flie­ger. Wenn der Flie­ger erst­mal oben ist, war­tet der Pilot bis zur Lan­dung. Dreht viel­leicht mal an irgend­ei­nem Knopf, legt kleine Kipp­schal­ter um, arbei­tet Check­lis­ten ab. Quatscht vor allem mit dem Kopi­lo­ten, dem Tech­ni­ker, der Ste­war­dess, ich bräuchte jetzt mal 'nen Kaf­fee. Legt sich schla­fen. Erst zur Lan­dung muss er wie­der da sein, der Pilot. Wie der Anäs­the­sist. Der Anäs­the­sist kann bis dahin Sudo­kus lösen oder das ZEIT Maga­zin lesen, Fach­li­te­ra­tur. Kann an Räd­chen dre­hen, Knöpfe drü­cken. Der Schwes­tern­schü­le­rin die Anäs­the­sie erklä­ren. Den Blut­druck auf­schrei­ben und den geschätz­ten Blut­ver­lust. Außer­dem über das grüne Tuch hin­weg den Chir­ur­gen bei der Arbeit zuse­hen. Gerne auch inter­es­sierte Fra­gen stel­len, warum blu­tet das da so, hilf­rei­che Hin­weise for­mu­lie­ren, viel­leicht soll­test du zum nächs­ten Mal noch mal bei you­tube gucken, wor­auf es beim Blind­darm ankommt. Hände in den Taschen.

Wäh­rend der OP fragt der Anäs­the­sist den Chir­ur­gen: "Weisst Du was der Unter­schied zwi­schen uns bei­den ist?" Der Chir­urg ant­wor­tet genervt: "Ich hab' keine Ahnung". Dar­auf der Anäs­the­sist: "Rich­tig!" – Es gibt eigent­lich keine guten Arzt­witze. Bei google fin­det man immer wie­der dies­sel­ben. Je öfter man sie fin­det, desto lang­wei­li­ger wer­den sie.

Wenn der Chir­urg schreien muss, weil er Über­blick und Kon­trolle zu ver­lie­ren droht, kann der Anäs­the­sist ihm trös­tend zur Seite ste­hen. Kommt aber nur sel­ten vor. Ich meine, dass der Chir­urg Über­blick und Kon­trolle zu ver­lie­ren droht. Ganz, ganz sel­ten. Ehr­lich. Tröst­li­cher Zuspruch gehört auch zu unse­ren Auf­ga­ben. Ver­ständ­nis für Pati­en­ten sowieso. Aber auch für die Chir­ur­gen. Oft sind deren Arbeits­be­din­gun­gen nicht so gut, manch­mal unter aller Sau. Das Licht schlecht ein­ge­stellt. Ich kann so nicht arbei­ten. Die Mes­ser stumpf. Der Assis­tent so unge­schickt, die Schwes­ter so blond. So kann das ja nichts wer­den. Da kann man schon mal ner­vös wer­den als Chir­urg. Dann ist der Anäs­the­sist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen ver­mit­teln Zuver­sicht. Manch­mal glaubt der Chir­urg ganz ernst­haft, die Nar­kose selbst wäre die Ursa­che allen Übels, der Pati­ent schläft nicht, kön­nen Sie viel­leicht mal ein biss­chen mehr Nar­kose machen. Na, sowas! Dann muss der Anäs­the­sist die Hände aus den Taschen neh­men, Geschäf­tig­keit jen­seits des grü­nen Tuchs pro­du­zie­ren, Anwei­sun­gen ans Pfle­ge­per­so­nal flüs­tern, an Räd­chen dre­hen, viel­leicht sogar was sprit­zen. Ist aber meis­tens nicht nötig. Drei Minu­ten Abwar­ten reicht fast immer. So müsste es bes­ser sein. Zuver­sicht. Auf die Psy­cho­lo­gie kommt es an. Hände in den Hosen­ta­schen.

Nacima fand den Witz des Kin­der­arz­tes übri­gens unglaub­lich komisch. Konnte sich gar nicht wie­der ein­krie­gen. Trä­nen tropf­ten auf die Geburts­mel­dung, Name des Vaters. Als ob ihr aus dem Witz eine neue Erkennt­nis ent­stan­den gewe­sen wäre. Im Kopf von Män­nern ist nichts. Gar nichts. Sogar der ein­same Sper­ma­to­zyt ist fehl am Platze. Hallo? Hal­looo? Ist da nie­mand? Der Mann denkt vor­wie­gend unter­halb der Gür­tel­li­nie. Naja, wenn man das den­ken nen­nen kann. Viel­leicht stellte sich Nacima den ein­sam durchs Vakuum unter der männ­li­chen Schä­del­de­cke schwän­zeln­den Sper­ma­to­zy­ten vor. Mit gro­ßen, angst­ge­wei­te­ten Augen. Haal­looo? Ich ging dann lie­ber noch­mal meine Zweit­ge­bä­rende gucken. Ob meine Péri­du­rale auch den gewünsch­ten Effekt gebracht hätte. Danach waren sie beide weg, der alternde Päd­ia­ter und Nacima auch. Ich habe sie nicht gesucht. Geht mich ja nichts an.

Manch­mal ist Anäs­the­sie ein biss­chen lang­wei­lig. Rou­tine eben. Blind­darm, Hüfte, Man­deln, grauer Star, Abtrei­bung. Kurz­stre­cke. Von Stutt­gart nach Düs­sel­dorf, von Ham­burg nach Mün­chen. Manch­mal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scher­winde. Rou­tine. Nicht wei­ter schlimm. Tau­sende von Malen geübt. Und manch­mal geht was schief. Blut­bad. Der Blut­druck rauscht ab. Der Chir­urg kol­la­biert. Das EKG ver­än­dert sich, das Herz des Pati­en­ten wird zu schnell oder zu lang­sam. Der Pati­ent wacht auf. Herz­still­stand. Kann alles pas­sie­ren. Manch­mal sind Kom­pli­ka­tio­nen vor­her­seh­bar, wären vor­her­seh­bar gewe­sen. Anfän­ger haben mehr Kom­pli­ka­tio­nen. Manch­mal sind sie schick­sals­haft, Pech. Das ent­spricht im Flie­ger den Tur­bu­len­zen an der Schlecht­wet­ter­front, dem ran­da­lie­ren­den Kegel­klub auf dem Flug nach Mal­lorca. Dem Aus­fall von Trieb­wer­ken, der Bom­ben­dro­hung. Zuver­sicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine ziel­füh­rend. Inner­halb von Sekun­den müs­sen Pilot oder Anäs­the­sist ihr Sudoku weg­le­gen, die läs­ti­gen Alarme aus­stel­len und andere wich­tige Ent­schei­dun­gen tref­fen, Maß­nah­men ergrei­fen. Vor­zugs­weise die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen, die rich­ti­gen Maß­nah­men. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosen­ta­schen, plötz­lich Stress. An mei­nem ers­ten Tag in mei­ner ers­ten Stelle fasste der Ober­arzt zusam­men, sein zwei­ter Lehr­satz: die Tätig­keit des Anäs­the­sis­ten besteht aus Jah­ren der Lan­ge­weile im flie­gen­den Wech­sel mit Sekun­den der Angst.

Ein guter und ein schlech­ter Anäs­the­sist, ein Inter­nist und ein Radio­loge sit­zen um einen Tisch, auf dem 50.000 € lie­gen. Wer bekommt das Geld?

Die Lösung: der schlechte Anäs­the­sist. Der schlechte Anäs­the­sist kriegt die Kohle. Weil: einen guten gibt's nicht. Hah­aha. Der Inter­nist ist zu lang­sam. Bis der mal fer­tig gedacht und aller­lei Even­tua­li­tä­ten abge­wo­gen hat, haben schon längst andere zuge­grif­fen. Hah­aha. Und der Radio­loge? Macht doch für sowe­nig Geld kei­nen Fin­ger krumm. Und noch­mal: Hah­aha. Der is gut, was? Kann man mit allen mög­li­chen medi­zi­ni­schen Spe­zia­li­tä­ten machen. Geht zum Bei­spiel ana­log mit Chir­urg, Psych­ia­ter und Patho­loge. Wie's halt gerade passt.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Für Aila, Sep­tem­ber-Heft der Rivie­r­a­Zeit, 3.986 Zei­chen:

Zwei Chir­ur­gen auf dem Weg zum OP. Liegt da ein toter Anäs­the­sist. Sagt der eine Chir­urg zum ande­ren: Ste­cken wir ihm die Hände in die Hosen­ta­schen, dann sieht es aus wie ein Arbeits­un­fall.

Das geht als Witz. Chir­ur­gen sehen uns ja sel­ten mal arbei­ten. Nur immer mit den Hän­den in den Taschen. Chir­ur­gen haben ihren Auf­tritt erst, wenn wir fer­tig sind. Wenn der Pati­ent schläft. Und sind schon wie­der weg, wenn wir den Pati­en­ten wach machen. Kann man ver­glei­chen mit Pilo­ten im Flie­ger. Wenn der Flie­ger erst­mal oben ist, war­tet der Pilot bis zur Lan­dung. Dreht viel­leicht mal an irgend­ei­nem Knopf, legt kleine Kipp­schal­ter um. Quatscht vor allem mit dem Kopi­lo­ten und der Ste­war­dess, ich bräuchte jetzt mal 'nen Kaf­fee. Legt sich schla­fen. Erst zur Lan­dung muss er wie­der da sein. Wie der Anäs­the­sist. Der Anäs­the­sist kann bis dahin Sudo­kus lösen oder in der Rivie­r­a­Zeit blät­tern, Fach­li­te­ra­tur stu­die­ren. Der Schwes­tern­schü­le­rin die Anäs­the­sie erklä­ren. Außer­dem über das grüne Tuch hin­weg den Chir­ur­gen bei der Arbeit zuse­hen. Gerne auch hilf­rei­che Hin­weise for­mu­lie­ren, viel­leicht soll­test du zum nächs­ten Mal noch mal bei you­tube gucken, wor­auf es beim Blind­darm ankommt. Hände in den Taschen.

Wäh­rend der OP fragt der Anäs­the­sist den Chir­ur­gen: "Weisst Du was der Unter­schied zwi­schen uns bei­den ist?" Der Chir­urg ant­wor­tet genervt: "Ich hab' keine Ahnung". Dar­auf der Anäs­the­sist: "Rich­tig!" – Es gibt eigent­lich keine guten Arzt­witze.

Wenn der Chir­urg schreien muss, weil er Über­blick und Kon­trolle zu ver­lie­ren droht, kann der Anäs­the­sist ihm trös­tend zur Seite ste­hen. Kommt aber nur sel­ten vor. Ich meine, dass der Chir­urg Über­blick und Kon­trolle zu ver­lie­ren droht. Ganz, ganz sel­ten. Ehr­lich. Ver­ständ­nis gehört zu unse­ren Kern­kom­pe­ten­zen. Für Pati­en­ten sowieso. Aber auch für die Chir­ur­gen. Manch­mal sind die Arbeits­be­din­gun­gen nicht so gut. Das Licht schlecht ein­ge­stellt. Die Mes­ser stumpf. Der Assis­tent so unge­schickt, die Schwes­ter so blond. Ich kann so nicht arbei­ten. Da kann man schon mal ner­vös wer­den. Dann ist der Anäs­the­sist gefragt. Zuspruch. Hände in den Taschen ver­mit­teln Zuver­sicht. Manch­mal glaubt der Chir­urg, die Nar­kose selbst wäre die Ursa­che allen Übels, der Pati­ent schläft nicht, kön­nen Sie viel­leicht mal ein biss­chen mehr Nar­kose machen. Dann muss der Anäs­the­sist die Hände aus den Taschen neh­men, Geschäf­tig­keit jen­seits des grü­nen Tuchs pro­du­zie­ren, Anwei­sun­gen ans Pfle­ge­per­so­nal flüs­tern, an Räd­chen dre­hen, viel­leicht sogar was sprit­zen. Ist aber meis­tens nicht nötig. Drei Minu­ten Abwar­ten reicht fast immer. So müsste es bes­ser sein. Auf die Psy­cho­lo­gie kommt es an. Hände in den Kit­tel­ta­schen.

Manch­mal ist Anäs­the­sie ein biss­chen lang­wei­lig. Rou­tine eben. Blind­darm, Hüfte, Man­deln, Abtrei­bung. Kurz­stre­cke. Von Stutt­gart nach Düs­sel­dorf, von Ham­burg nach Mün­chen. Manch­mal ist die Sicht schlecht, mal gibt es Scher­winde. Rou­tine. Tau­sende von Malen geübt. Und manch­mal geht was schief. Blut­bad. Der Chir­urg kol­la­biert. Der Pati­ent wacht auf. Herz­still­stand. Kann alles pas­sie­ren. Manch­mal sind Kom­pli­ka­tio­nen vor­her­seh­bar, wären vor­her­seh­bar gewe­sen. Anfän­ger haben mehr Kom­pli­ka­tio­nen. Manch­mal sind sie schick­sals­haft, Pech. Das ent­spricht im Flie­ger den Tur­bu­len­zen an der Schlecht­wet­ter­front, dem ran­da­lie­ren­den Kegel­klub auf dem Flug nach Mal­lorca. Dem Aus­fall von Trieb­wer­ken, der Bom­ben­dro­hung. Zuver­sicht hilft dann noch, ist aber nicht alleine ziel­füh­rend. Inner­halb von Sekun­den müs­sen wir unser Sudoku weg­le­gen und Ent­schei­dun­gen tref­fen, Maß­nah­men ergrei­fen. Vor­zugs­weise die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen, die rich­ti­gen Maß­nah­men. Gerade noch Sudoku, gerade noch Hände in den Hosen­ta­schen, plötz­lich Stress. An mei­nem ers­ten Tag in der Anäs­the­sie fasste der Ober­arzt zusam­men: die Tätig­keit des Anäs­the­sis­ten besteht aus Jah­ren der Lan­ge­weile im flie­gen­den Wech­sel mit Sekun­den der Angst.

Ein guter und ein schlech­ter Anäs­the­sist, ein Inter­nist und ein Radio­loge sit­zen um einen Tisch, auf dem 50.000 € lie­gen. Wer bekommt das Geld?

Joker

Bor­del à cul de pompe à merde! Häss­li­cher Fluch, schwer ins Deut­sche zu über­tra­gen. Irgend­was mit Puff, Arsch und Scheiße. Haupt­sa­che häss­lich. Der Schrau­ben­zie­her ist gebro­chen. Das ist in der Tat ärger­lich auf hal­ber Stre­cke. So kann ich nicht arbei­ten! Damit hat Jean-Gabriel eigent­lich Recht. Hängt womög­lich mit der Spar­po­li­tik der Direk­tion zusam­men. So kann man nicht arbei­ten. Bor­del à cul de pompe à merde! Dies wie­derum ist der Grund, warum Pati­en­ten zu ihrer Rücken­marks­nar­kose immer noch ein biß­chen was zum Schla­fen krie­gen. Oder Kopf­hö­rer mit Musik. Oder bei­des. Bei uns gibt es keine Kopf­hö­rer mit Musik. Von mir krie­gen sie was zum Schla­fen dazu. Mida­zo­lam. Wenn der Not­dienst-Hand­wer­ker beim Schrau­ben an mei­ner Wasch­ma­schine üble Flü­che aus­stößt oder Werk­zeug wirft, ist das wenig ver­trau­ens­bil­dend. Ich wün­sche mir ja auch nur, daß am Ende alles gut ist.

Don­ners­tag Nach­mit­tag.

Der ein­zige Vor­teil, wenn ich Dienst habe, besteht in der gele­gent­li­chen Option auf Zeit­fens­ter. Zeit für mich. Zeit zum Lesen, Schrei­ben, Nichts­tun. Habe ich zuhause eher sel­ten mal, diese Option. Immer ist irgend­was. Haus­auf­ga­ben, Wäsche, Kochen, Taxi­dienste zum und vom Sport. Oder Maschine kaputt. Und wenn ich denke, ich hätte Zeit zum Nichts­tun, fällt bestimmt mei­ner Frau was ein. Irgend­eine Glüh­birne ist immer kaputt. Manch­mal sogar Zeit mit den Kin­dern. Ist auch schön. Im Kran­ken­haus ent­steht die Option auf Zeit­fens­ter, Zeit für mich, aus der War­te­zeit auf ein Ende. Jede Ope­ra­tion kommt zu einem Ende, frü­her oder spä­ter, so oder so. Wir haben eine Hüfte ange­fan­gen. Eine Hüfte. Sagt man so, ist natür­lich Jar­gon. So wie man auch sagt, ich mache das Kind in Saal drei. Ist eine Aktion bar jeg­li­cher ero­ti­scher Kon­no­ta­tion. Jar­gon. Hüfte ange­fan­gen heißt wir haben die Osteo­syn­these des gebro­che­nen Ober­schen­kel­kno­chens einer älte­ren Dame ange­fan­gen. Rechts. Rücken­marks­nar­kose, Mida­zo­lam zum Schla­fen für den Fall, daß jemand übel flu­chen muß. Jean-Gabriel, der Unfall­chir­urg wird der älte­ren Dame einen Nagel ein­schla­gen ins obere Ende ihres Ober­schen­kel­kno­chens und ver­schrau­ben. Das sta­bi­li­siert den abge­bro­che­nen Femur­kopf auf dem Schaft. Ist tech­nisch ein­fa­cher und meist weni­ger blu­tig als eine Pro­these. Kann auch der hand­werk­lich mit­tel­mä­ßig begabte Ortho­päde, weil er fast ohne räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen aus­kom­men kann. Die meis­ten Ortho­pä­den müs­sen mit wenig räum­li­chem Vor­stel­lungs­ver­mö­gen aus­kom­men. Für den Nagel muß man die Frag­mente unter Rönt­gen­kon­trolle nur mal rich­tig zuein­an­der stel­len, rein­schla­gen, fer­tig. Haut­naht. Zwei­und­vier­zig Minu­ten, sagt Jean-Gabriel, von Schnitt bis Haut­naht. Option auf zwei­und­vier­zig Minu­ten Zeit­fens­ter. Seine zwei­und­vier­zig Minu­ten ent­spre­chen tat­säch­lich oft chro­no­lo­gi­schen zwei­und­vier­zig Minu­ten. Wenn es keine Pro­bleme mit dem Mate­rial gibt. Dem Schrau­ben­zie­her zum Bei­spiel. Häu­fig ent­spricht die Chir­ur­gen-Minute min­des­tens zwei Echt­zeit-Minu­ten. Auch wenn es keine Pro­bleme mit dem Mate­rial gibt. Jean-Gabriel hat klare Vor­stel­lun­gen von der räum­li­chen Kon­stel­la­tion. Das ist hilf­reich.

Danach, nach der Hüfte, machen wir das Kind noch­mal. Jean-Gabriel, Chris­tine, Solène und ich. Jar­gon, wie gesagt, kein inti­mer Swin­ger­kreis. Dem Kind soll­ten frü­her am Nach­mit­tag zwei Schrau­ben aus dem Bein ent­fernt wer­den. Auch rechts. Vor­aus­sicht­lich zwölf Minu­ten, 54 Sekun­den, sagte Jean-Gabriel. Nar­kose, Schnitt. Die erste Schraube kein Pro­blem. Dann brach der Schrau­ben­zie­her – medi­zi­ni­sches Spe­zi­al­ge­rät im Wert von ver­mut­lich 180 Euro – auf hal­ber Stre­cke der zwei­ten. Der oben zitierte häss­li­che Fluch an die­ser Stelle. Egal, das Kind schlief ja. Der andere vor­rä­tige Schrau­ben­zie­her mußte erst ste­ri­li­siert wer­den. Dau­ert, bis auch die letzte denk­bare Mikrobe wirk­lich tot ist, fast zwei Stun­den. Das Bein wurde wie­der zuge­näht und das Kind wach­ge­macht. Mußte sich von Mama solange im Auf­wach­raum trös­ten las­sen. Zeit genug für erst­mal die Hüfte. Jean-Gabriel hätte die Schraube am Kind lie­ber auf mor­gen Früh ver­scho­ben. Stieß auf vehe­men­ten Pro­test sei­tens des bei­tei­lig­ten Per­so­nals. Wäre ich Sarahs Papa, würde ich auch nicht bis mor­gen Früh war­ten wol­len mit der zwei­ten Schraube an mei­nem Kind halb drau­ßen. Acht Zen­ti­me­ter lang die blöde Schraube immer­hin. Halb drau­ßen tut zudem auch weh.

Ab 22 Uhr bin ich müde. Und brau­che auch keine Optio­nen auf Zeit­fens­ter mehr. Es reicht. Viel mehr als eine theo­re­ti­sche Option auf Zeit­fens­ter, Zeit für mich, ergab sich bis dahin an die­sem Don­ners­tag nicht. Aber schließ­lich werde ich auch nicht für Optio­nen auf Zeit­fens­ter bezahlt. Kein Zeit­fens­ter wäh­rend der zwei­und­vier­zig Minu­ten für die Hüfte und auch nicht wäh­rend der drei­ßig für die Schraube, nicht dazwi­schen und auch nicht danach, fast wie zuhause. Immer irgend­was. Das Tele­fon alle zehn Minu­ten. Die Schwes­ter von Nor­mal­sta­tion, Mon­sieur X hat Schmer­zen. Der Pfle­ger von mei­ner Sta­tion für Mit­telschwer­kranke, der Hämo­glo­bin­wert von Madame Y bei 7,2. Mor­phium, Blut­kon­ser­ven. Die Heb­amme, une petite péri­du­rale pour une petite primi, kleine PDA für kleine Erst­ge­bä­rende, bitte. Immer, wenn sonst Ruhe ist, fin­det die Heb­amme noch was. Fast wie zuhause meine Frau. Und umge­kehrt. Wenn die Heb­amme end­lich alle ihre Péri­du­ra­les hat, mel­det sich ein Pfle­ger. Oder der junge Kol­lege aus den Urgen­ces, aus der Not­auf­nahme, um mir einen sei­ner Pati­en­ten auf meine Sta­tion zu ver­kau­fen. Letz­te­rer zögert aller­dings gerne bis halb zwei Uhr mor­gens.

Manch­mal habe ich das Gefühl, da müßte eine Web­cam sein oder so, die mich immer beob­ach­tet. Und wenn ich end­lich in mei­nem Bett liege, end­lich gerade das Licht aus­ge­macht habe, schickt sie den jun­gen Kol­le­gen aus den Urgen­ces ans Tele­fon. Der junge Kol­lege aus den Urgen­ces ist der ulti­ma­tive Joker. Das fühlt sich dann so an wie ein gebro­che­ner Schrau­ben­zie­her.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Ver­sion mit 3 450 Zei­chen für Aila, für die Januar-2017-Aus­gabe

Das Schöne in der Anäs­the­sie ist die Option auf Zeit­fens­ter. Zeit für mich. Zeit zum Lesen, Schrei­ben, Nichts­tun. Ja, ehr­lich. Habe ich zuhause eher sel­ten mal, diese Option. Immer ist irgend­was. Haus­auf­ga­ben, Wäsche, Kochen, Taxi­dienste zum und vom Sport. Oder Maschine defekt. Und wenn ich denke, ich hätte Zeit zum Nichts­tun, fällt bestimmt mei­ner Frau was ein. Irgend­eine Glüh­birne ist immer kaputt. Im Kran­ken­haus ent­steht die Option auf Zeit­fens­ter aus der War­te­zeit auf ein Ende. Jede Ope­ra­tion kommt zu einem Ende, frü­her oder spä­ter, so oder so.

Wir haben eine Hüfte ange­fan­gen. Sagt man so, ist natür­lich Jar­gon. So wie man auch sagt, ich mache das Kind in Saal drei. Kind machen ohne ero­ti­sche Kon­no­ta­tion. Hüfte ange­fan­gen heißt wir repa­rie­ren den gebro­che­nen Ober­schen­kel­kno­chen einer älte­ren Dame. Rücken­marks­nar­kose, dazu was zum Schla­fen für den Fall, daß jemand übel flu­chen muß. Jean-Gabriel, der Unfall­chir­urg wird der älte­ren Dame einen Nagel ein­schla­gen ins obere Ende ihres Ober­schen­kel­kno­chens und ver­schrau­ben. Zwei­und­vier­zig Minu­ten, sagt Jean-Gabriel. Option auf zwei­und­vier­zig Minu­ten Zeit­fens­ter. Seine zwei­und­vier­zig Minu­ten ent­spre­chen tat­säch­lich oft chro­no­lo­gi­schen zwei­und­vier­zig Minu­ten. Wenn es keine Pro­bleme mit dem Mate­rial gibt. Mit einem Boh­rer zum Bei­spiel. Oder dem Schrau­ben­zie­her.

Danach, nach der Hüfte, machen wir das Kind noch­mal. Dem Kind soll­ten frü­her am Nach­mit­tag zwei Schrau­ben aus dem Bein ent­fernt wer­den. Auch rechts. Vor­aus­sicht­lich zwölf Minu­ten, 54 Sekun­den, sagte Jean-Gabriel. Nar­kose, Schnitt. Die erste Schraube kein Pro­blem. Dann brach der Schrau­ben­zie­her – medi­zi­ni­sches Spe­zi­al­ge­rät – auf hal­ber Stre­cke der zwei­ten. Bor­del à cul de pompe à merde! Häss­li­cher Fluch, kaum zu über­set­zen. Egal, das Kind schlief ja. Der andere vor­rä­tige Schrau­ben­zie­her mußte erst ste­ri­li­siert wer­den. Dau­ert, bis auch die letzte denk­bare Mikrobe wirk­lich tot ist, fast zwei Stun­den. Sarah, das Kind, mußte sich solange von Mama im Auf­wach­raum trös­ten las­sen. Jean-Gabriel hätte die Schrau­ben­ent­fer­nung lie­ber auf mor­gen Früh ver­scho­ben. Hatte keine Lust mehr. Stieß auf vehe­men­ten Pro­test sei­tens des bei­tei­lig­ten Per­so­nals. Wäre ich Sarahs Papa, würde ich auch nicht bis mor­gen Früh war­ten wol­len mit der zwei­ten Schraube an mei­nem Kind halb drau­ßen. Acht Zen­ti­me­ter lang die blöde Schraube immer­hin. Tut ja auch weh, halb drau­ßen.

Lei­der erge­ben sich nicht immer Zeit­fens­ter. Aber schließ­lich werde ich auch nicht für Optio­nen auf Zeit­fens­ter bezahlt. Immer kann was irgend­was sein. Das Tele­fon alle zehn Minu­ten. Eine Schwes­ter aus der Inne­ren, Mon­sieur X hat Schmer­zen. Der Pfle­ger in der Chir­ur­gie, der Hämo­glo­bin­wert von Madame Y bei 7,2. Mor­phium auf­schrei­ben, Blut­kon­ser­ven ver­ab­rei­chen. Immer, wenn sonst Ruhe ist, fin­det die Heb­amme noch was, une petite péri­du­rale pour une petite primi zum Bei­spiel, eine kleine PDA für eine kleine Erst­ge­bä­rende, bitte.

Oder der junge Kol­lege aus den Urgen­ces, aus der Not­auf­nahme, um mir einen sei­ner Pati­en­ten auf meine Sta­tion zu ver­kau­fen. Der war­tet aller­dings gerne bis halb zwei Uhr mor­gens. Manch­mal habe ich das Gefühl, da müßte eine Web­cam sein oder sowas, die mich immer beob­ach­tet. Und auf den Moment war­tet, bis ich in mei­nem Bett liege, end­lich gerade das Licht aus­ge­macht habe. Dann schickt sie den Joker ans Tele­fon. Wenn Pfle­ger, Schwes­tern und Heb­am­men schon lange schla­fen, holt mich die Web­cam in die Urgen­ces. Laut flu­chen hilft ein biß­chen.

Insel im Sturm

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Vor ein paar Tagen bin ich extra früh auf­ge­stan­den, um noch ein biß­chen Rad zu fah­ren, also, eben mehr als ein biß­chen nur, mehr als die zehn Kilo­me­ter plat­tes Land zum Kran­ken­haus. Wegen der Hitze geht das nur früh mor­gens. Und ab und zu muß, um in Form zu kom­men, schon auch mal ein biß­chen Stei­gung sein. Um Tou­lon haben wir drei Berge, Mont Caume, Faron und Coudon. Ambi­tio­nierte Ama­teure fah­ren die drei mal eben an einem guten Vor­mit­tag ab. Ambi­tio­nierte Ama­teure fah­ren übri­gens ohne Unter­wä­sche. Zumin­dest die aus mei­nem Umfeld. Sagen die. Ich weiß aber nicht, was das bringt. Soweit bin ich noch nicht. Ich fahre auch nur einen der Berge zur Zeit. Wobei ich den Mont Caume noch nie in Angriff genom­men habe. Mein Lieb­lings­berg ist der Faron, weil die Straße von einem zum ande­ren Ende eine Ein­bahn­straße ist. Kein Gegen­ver­kehr. 520 Höhen­me­ter. Der Coudon ist ein biß­chen höher, 650 Meter, oben ist was Mili­tä­ri­sches, man darf nicht ganz rauf. Mor­gens fährt man immer­hin ange­nehm im Schat­ten. Lei­der Sack­gasse. Poten­ti­ell also mit Gegen­ver­kehr. So früh kommt da natür­lich kei­ner run­ter. Aber erstaun­lich viele fah­ren rauf. Beim Run­ter­fah­ren auf der schma­len Straße macht poten­ti­el­ler Gegen­ver­kehr Angst. Da war ich also vor ein paar Tagen. Auf dem Coudon. Abfahrt zuhause 6:04 Uhr. Oben um 7:21 Uhr. Das ist nicht wirk­lich schnell. Weiß ich. Wurde dann auch ein biß­chen knapp fürs Kran­ken­haus. Zumal ich dann ja auch noch duschen mußte. Defi­ni­tiv.

8:25 Uhr. Toben­der Chir­urg in der Umkleide vor der Dusche. David B. Ich habe ihn, trotz lau­fen­der Dusche, schon von wei­tem gehört, ihn und einen mei­ner Kol­le­gen, frag' doch Bertram, wenn dir was nicht passt. Aber der duscht gerade. Drei Sekun­den spä­ter stand er brül­lend in der Umkleide, rief nach mir, Bertram, rüt­telte an der Tür zur Dusche. Kann ich nicht gut haben, auch wenn ich spät dran bin. David B. ist all­ge­mein als connard klas­si­fi­ziert. Arro­gant und, lei­der, in sei­nen hand­werk­li­chen Fähig­kei­ten nicht gerade begabt. Arro­gant ginge ja noch durch, wenn er wenigs­tens gut wäre, also hand­werk­li­ches Geschick bewiese, nett oder zumin­dest kom­pe­tent wäre zu Pati­en­ten und so. Ist er aber nicht. Nicht mal nett zu Pati­en­ten. Und immer, oft, geht irgend­was dane­ben. Häu­fig muß er mehr­fach ope­rie­ren, weil es im ers­ten Ver­such beim bes­ten Wil­len nicht reicht. Des­we­gen steht er häu­fig alleine da. Und muß schreien, weil ihm kei­ner hilft. Kei­ner wollte seine Pati­en­tin mit kaput­ter Hüfte für die­sen Mor­gen neu­lich betäu­ben. Die Labor­werte stimm­ten nicht. Zu anämisch. Waren sich die Anäs­the­sis­ten offen­bar einig. Gibt es auch ganz sel­ten, diese Einig­keit unter den Anäs­the­sis­ten. Gegen David B. leich­ter mal. Die Frau hätte bes­ser vor­be­rei­tet sein müs­sen, wenn man sie halb­wegs unbe­scha­det durch die OP brin­gen wollte. David B. hätte sich um eine kleine Trans­fu­sion küm­mern müs­sen. War ihm nicht so wich­tig. Chir­ur­gen wird oft unter­stellt, es ginge ihnen nur um ihre Ope­ra­tion. Ist lei­der häu­fig was dran. David B. gehört ganz klar zu die­ser Sorte. Damit ist meine Pati­en­tin lei­der mal bar­rée, mit die­sem Chir­ur­gen. Schlechte Kar­ten. Unter der Dusche kann ich dir sowieso nicht hel­fen, laisse-moi tran­quille, con­nard, laisse-moi trois minu­tes!

Gut drei Stun­den spä­ter war die Pati­en­tin soweit. So rich­tig schlimm wurde es schließ­lich nicht. Wir hat­ten genug Blut auf Lager, das Blut­bad zu kom­pen­sie­ren.

Spä­ter, im Dienst, mußte ich lange war­ten auf die Über­nahme einer Pati­en­tin aus den Urgen­ces, der Ambu­lanz. Das kann ganz lange dau­ern und man weiß gar nicht warum. Hätte ich hin­ge­hen kön­nen und mal ein biß­chen Druck machen. Kol­le­gen von mir machen das gerne, Druck machen in den Urgen­ces. Frü­her, wäh­rend mei­ner ers­ten Monate in die­sem Kran­ken­haus, stürmte auch ich gele­gent­lich brül­lend die Urgen­ces. Blitz­an­griff. Wut­an­fall, wenn wie­der ein Uralt-Pati­ent mit einer Aldi­tüte voll Medi­ka­men­ten auf die Sta­tion kam ohne aktu­elle Blut­ana­lyse, EKG und Rönt­gen­auf­nahme. Blut­ana­lyse, EKG und Rönt­gen­auf­nahme sind ganz klar Auf­gabe der Urgen­ces. So war das frü­her in Deutsch­land und das ist eigent­lich auch so in Frank­reich. Nor­ma­le­ment. Ins­be­son­dere bei Alten mit einer gan­zen Aldi­tüte voll Medi­ka­men­ten ist das hilf­reich und nett. Damit der Anäs­the­sist sich früh­zei­tig eine Vor­stel­lung vom Zustand des Pati­en­ten im Gan­zen machen kann. Da hat wie­der einer geschla­fen, wenn das nicht gemacht ist. Oder keine Lust gehabt. Brül­len in den Urgen­ces, vor Publi­kum, Schwes­tern, Ärz­ten, Pati­en­ten, Ange­hö­ri­gen. Egal. Wut. So geht das gar nicht, so kann ich nicht arbei­ten. Das nächste Mal kriegt ihr den Pati­en­ten zurück, bis das ver­dammte EKG geschrie­ben ist. Bor­del à cul de pompe à merde! Das gilt als über­aus häß­li­cher Fluch. Bringt aber nichts. Im Gegen­teil. Die gucken alle nur gelang­weilt. Das ken­nen sie schon. Der zustän­dige Kol­lege ist gerade im Ein­satz auf der Straße. Und die Schwes­ter dazu unauf­find­bar. Oder, bes­ser noch, kei­ner weiß, wer die Schwes­ter dazu ist. Oder war. Ist immer so. Der zustän­dige Kol­lege ist immer gerade im Ein­satz auf der Straße und kei­ner will wis­sen, wer die Schwes­ter dazu ist. Und wenn man sei­nen Auf­tritt als Sturm­bann­füh­rer – Ach­tung, schnell, schnell, der böse Deut­sche im Film sagt immer und unsyn­chro­ni­siert Ach­tung, schnell, schnell – hatte, geht es extra lang­sam wei­ter.

Kein Brül­len mehr also. Hof­fen auf Wun­der. Zum Hof­fen auf ein Wun­der las ich den drit­ten Krimi von Chris­tine Cazon, "Stür­mi­sche Côte d'Azur". Sonst sind Kri­mis nicht so mein Ding, ganz ehr­lich, die von Chris­tine Cazon lese ich gerne, schon weil sie in der Gegend spie­len. In Can­nes. Lebens­nah. Über Hof­fen und Lesen muß ich irgend­wann ein­ge­schla­fen sein. Bei gut 63%. Mein kindle spricht nicht von Sei­ten, er spricht von Pro­zen­ten. Eigent­lich abar­tig im Zusam­men­hang mit Büchern. Ein­ge­schla­fen nach einer Szene Zwei­sam­keit im Forst­haus auf der Insel im Sturm. Der Kom­mis­sar und Alice, die kna­ckige Kell­ne­rin, leicht alko­ho­li­siert. Wor­auf war­ten die bei­den noch? Statt­des­sen schickt der Kom­mis­sar die Kell­ne­rin ins Bett, alleine! Natür­lich, in Wirk­lich­keit, wäre das anders, wis­sen wir. Rausch der Sinne. Die ganze Nacht. Bis in die Mor­gen­däm­me­rung. Statt­des­sen Aspi­rin? Quatsch. So spröde kann der Kom­mis­sar gar nicht sein. Fran­zose. Auf der Insel. Da muß der Fran­zose in echt nicht lange über­le­gen. Das aber kann man ver­mut­lich der Laven­del-Frak­tion der Lese­rin­nen nicht zumu­ten.

Mein kindle schlug irgend­wann mit­ten in der Nacht auf dem Boden neben mei­nem Bett auf. Davon war ich wach­ge­wor­den. Wenig spä­ter hatte meine Pati­en­tin auch den Weg in meine Abtei­lung gefun­den. Papier­kram, The­ra­pie­plan. Eine Stunde spä­ter war ich wie­der im Bett. Konnte aber bis zur Dank­sa­gung hin­ten im Krimi nicht mehr ein­schla­fen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Zwiefalten

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Ich geh' jetzt. Ich unter­schreibe euch, was ihr wollt, aber ich geh' jetzt.

Ein Uhr fünf­und­drei­ßig. Nachts. Tumult auf mei­ner Sta­tion für mit­tel­schwer Kranke, Inter­me­diate Care. Not­ruf der Schwes­ter. Ein Psy­cho­path, ich nenne ihn mal Bryce, 23, manisch-depres­siv in bis­lang eher depres­si­ver Ver­fas­sung. Lag eigent­lich nur noch da, Zim­mer drei, weil er am kaput­ten Ellen­bo­gen ope­riert wor­den war am Vor­tag. Hatte nach fast einer Woche auf die­ser Sta­tion wegen einer zusätz­li­chen Stoff­wech­sel­stö­rung genug von uns. Der meint das Ernst, sagt die Schwes­ter am Tele­fon. Und wenn der erst­mal aus sei­nem Zim­mer kommt, hal­ten wir ihn bestimmt nicht auf.

Vor einem Jahr wurde unsere Inten­siv­sta­tion in eine Unité des soins con­ti­nus umge­wan­delt, Sta­tion für Inter­me­diate Care. Das ist die Abtei­lung für Pati­en­ten, die zu krank sind für eine Nor­mal­sta­tion und nicht krank genug für eine Inten­siv­sta­tion. Bei uns gab es plötz­lich zu wenig Inten­siv­me­di­zi­ner. Kein Fran­zose will das machen. Noch weni­ger als Anäs­the­sie. Schon gar nicht so tief in der Pro­vinz, Sonne und Meer hin oder her. Des­we­gen wurde die Inten­siv­sta­tion umge­wan­delt in eine Sta­tion für Inter­me­diate Care. Und wir von der Anäs­the­sie müs­sen uns darum küm­mern. Anäs­the­sis­ten haben ja auch mal Inten­siv­me­di­zin gelernt. Auf die­ser Sta­tion wer­den vor­wie­gend Men­schen mit inter­nis­ti­schen Krank­heits­bil­dern ver­sorgt. Men­schen eher am Ende ihres Lebens, häu­fig mit schwe­ren, aus­the­ra­pier­ten Erkran­kun­gen der Lunge. Gele­gent­lich ein ent­gleis­ter Dia­be­tes, manch­mal ein miß­glück­ter Selbst­mord­ver­such. Meist krie­gen wir sol­che Kan­di­da­ten aus den gro­ßen Kran­ken­häu­sern nebenan. Kein Platz behaup­ten die Kol­le­gen dort. Sie mei­nen kein Platz für sowas. Damit geben wir uns nicht ab. Bryce kam auch von dort. Wegen Über­be­le­gung.

Ich geh' jetzt. Ich unter­schreib' dir, was du willst, aber ich geh' jetzt.

Bryce steht in der Tür zu Zim­mer drei. Bryce ist einen Meter neun­zig groß, geschätzte 120 Kilo­gramm schwer. Ein Schrank. Nur der Infu­si­ons­schlauch in sei­nem Arm mit der Fla­sche am ande­ren Ende hält ihn vom Auf­bruch ab. Und viel­leicht sollte er auch noch was anzie­hen. Daß er mich duzt, gefällt mir nicht so. Sie soll­ten sich viel­leicht noch was anzie­hen, ich komme gleich zu Ihnen.

Die Schwes­tern auf dem Sta­ti­ons­flur wie ein Hau­fen kopf­lo­ser Hüh­ner, empört, weil er wüste Dro­hun­gen mit obszö­nen Ten­den­zen aus­stößt. Muß ich da jetzt rein? Du bist der Arzt, sagen sie, wir gehen da nicht rein, du hörst doch, was er sagt. Bryce steht neben sei­nen Bett und ver­sucht sich anzu­zie­hen. Nicht ganz ein­fach mit dem Infu­si­ons­schlauch in sei­ner Ellen­beuge und den Dräh­ten vom EKG. Hätte er ja auch ein­fach abrei­ßen kön­nen. Deli­rante Alko­ho­li­ker sind da weni­ger ein­sich­tig. Die zie­hen sich auch mal einen Bla­sen­ka­the­ter. Ich kann Bryce zum Blei­ben bis mor­gen über­re­den und einer Tablette Valium. Er wünscht sich zwei davon, weil er das kennt. Zwan­zig Mil­li­gramm. Den unge­üb­ten Nor­mal­men­schen würde diese Dosis für 24 Stun­den im Koma hal­ten. Mei­nem Pati­en­ten reicht das als Basis zum Über­den­ken sei­ner Ent­schei­dung in aller Ruhe. Eine Stunde spä­ter steht er auf dem Sta­ti­ons­flur. Ohne Hose. Auch ohne Unter­wä­sche. Mit T-Shirt aller­dings. Demente Senio­ren kann man manch­mal auf dem Park­platz in die­ser Auf­ma­chung ein­fan­gen. Er hat den Schlauch sei­ner Infu­sion durch­ge­schnit­ten. Aus dem Schlau­chende tropft reich­lich Blut. Woher nur hatte er die Schere dazu? Hat er die Schere noch? Ist Bryce als bewaff­net ein­zu­schät­zen? Würde er von sei­ner Waffe Gebrauch machen?

Ich unter­schreibe euch, was ihr wollt, aber ich gehe jetzt, brüllt Bryce.

Frü­her, im nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biet, gab es für sol­che Fälle Ket­amin in den Schub­la­den. Ket­amin, intra­mus­ku­lär appli­ziert, wirkt inner­halb von drei­ßig Sekun­den. Wild­hü­ter zäh­men damit pfle­ge­be­dürf­ti­ges Groß­wild. Aus siche­rem Abstand. Wer aber würde sich Bryce zur intra­mus­ku­lä­ren Appli­ka­tion nähern, geschweige denn sich ihm in den Weg stel­len wol­len? Die Schwes­tern ver­schan­zen sich hin­ter Tischen und Stüh­len. Auch ich ten­diere da eher zur Feig­heit. Die Schwes­tern wis­sen ande­rer­seits von einem Pfle­ger im Haus, sogar anwe­send, spe­zia­li­siert auf sowas. Serge rollt auf Anruf aus der Not­auf­nahme an. Inner­halb von Minu­ten. Als ob sie dort stän­dig mit so Leu­ten wie Bryce zu tun hät­ten. Warum nicht gleich? Zwei-Mil­li­me­ter-Fri­sur, phy­sisch ein ähn­li­ches Kali­ber wie Bryce. Zwei Hel­fe­rin­nen. Er stellt sich als Pfle­ger des CAP vor – ich weiß nicht genau, wofür das steht. C für Centre, glaube ich, A keine Ahnung, Action viel­leicht, P jeden­falls für Psych­ia­trie. Fran­zo­sen lie­ben Abkür­zun­gen. Sie haben einen Kof­fer dabei, grün. So könnte man sich ein Sado-Maso-Ein­stei­ger­köf­fer­chen vor­stel­len. Mit aller­lei Zube­hör für Fes­sel­spiele in mas­si­ver Aus­füh­rung, abwasch­bar. Du legst dich jetzt in dein Bett, sagt Serge. Serge duzt Bryce ein­fach, viel­leicht ist das der Trick. Okay, sagt Bryce. Und dann schnalle ich dich an, weil das bes­ser für dich ist. Okay. Bryce legt sich in sein Bett. Ganz zahm. Und wird an den Füßen und dem nicht ope­rier­ten Arm fixiert. Weil das bes­ser für uns alle ist. Okay, merci. Als ob er nur dar­auf gewar­tet hätte. Und nach dem Früh­stück brin­gen wir dich nach Pier­refeu. Okay. Serge kann das ganz ohne Ket­amin. Ein­fach so. Wow.

In Pier­refeu haben sie die große Irren­an­stalt der Region, des Dépar­te­ments Var zumin­dest. Die Irren­an­stalt mei­ner Jugend liegt auf der Schwä­bi­schen Alb zur Donau hin. In einer ehe­ma­li­gen Bene­dik­ti­ner-Abtei. Öffent­lich zugäng­lich ist dort das Müns­ter, ein bedeu­ten­des Bau­werk deut­schen Spät­ba­rocks. Frü­her, also in mei­ner Jugend, hieß es gerne mal, bestimmt nur im Scherz: wenn du so wei­ter­machst, kommst du in die Geschlos­sene nach Zwie­fal­ten.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Gekürzt ver­öf­fent­lich in der März-Aus­gabe der Riviera-Zeit.

Dienstanweisung

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Sicher-das-dann-ja. Zwei oder drei Anmer­kun­gen konnte man sich erlau­ben, maxi­mal, dann war Schluß. Immer­hin war Monika die Che­fin. Und ihr Wort wie in Stein gemei­ßelte Weis­heit. Moni­kas Sicher-das-dann-ja signa­li­sierte das natür­li­che Ende eines Mei­nungs­aus­tauschs bei stei­ler Hier­ar­chie. Hieß soviel wie jaja, reden Sie mal.

Die Zeit der Schwes­tern-Nar­ko­sen ist ein für alle­mal vor­bei, Herr Diehl. Stammt auch von der dama­li­gen Che­fin, im Pro­vinz­kran­ken­haus des nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biets. Anäs­the­sie ist in Deutsch­land ärzt­li­che Auf­gabe. Pfle­ge­per­so­nal hat die Rolle die­nen­den Bei­werks. Unum­stöß­li­che Wahr­heit. Mußte ich mir immer anhö­ren, wenn sie mich am Kaf­fee in der Kaf­fee­kü­che des OPs erwischte. Pas­sierte mir öfter mal. Mich erwi­schen zu las­sen. Manch­mal mußte sie dann laut wer­den. Che­fin eben. Alte Schule. Eine der ers­ten Che­fin­nen in der Anäs­the­sie über­haupt. Monika und Dop­pel­name. Mit einer Abmah­nung beim nächs­ten Mal dro­hen. Und eine Dienst­an­wei­sung redi­gie­ren. Die Dienst­an­wei­sun­gen fin­gen meis­tens an mit den Wor­ten "Aus gege­be­nem Anlaß…". Herr Diehl war häu­fig der Anlaß. Den Dienst­be­ginn zum Bei­spiel betref­fend. Visite Punkt 7:30 Uhr. Und nicht etwa erst 7:32 Uhr. Halb acht war mit Kin­dern nur ganz schwer zu schaf­fen damals. Kin­der­gar­ten, Tages­mut­ter. Stau allent­hal­ben. Eigent­lich unmög­lich. Oder die Doku­men­ta­tion. "Aus gege­be­nem Anlaß" wurde die Abtei­lung für Anäs­the­sio­lo­gie ange­hal­ten, die Les­bar­keit hand­schrift­lich erstell­ter Doku­mente sicher­zu­stel­len. Zukünf­tig. Gerne auch mal "ab sofort". Dabei habe ich eine inter­es­sante Hand­schrift. Oder eben diese Geschichte mit der Schwes­tern-Nar­kose. Ein für alle­mal. Schwes­ter Ros­wi­tha war alleine im OP-Saal an der Hüft­ope­ra­tion erwischt wor­den, Herr Diehl beim Kaf­fee mit der Gynä­ko­lo­gin. Geht gar nicht, die Schwes­ter alleine. Dienst­an­wei­sung. Gege­be­ner Anlaß. Die Sekre­tä­rin, auch Monika, mußte die Dienst­an­wei­sun­gen gegen Unter­schrift im Kol­le­gium ver­tei­len.

In Frank­reich ist das anders. Im süd­fran­zö­si­schen Pro­vinz­kran­ken­haus habe ich ein eige­nes Büro im OP. Chris­tine und Jean-Pierre - Infir­mièrs Anest­hé­sis­tes Diplô­més d'État, IADEs – pas­sen auf meine Nar­ko­sen in Saal eins und zwei auf. Ich küm­mere mich um die post­ope­ra­ti­ven Anord­nun­gen. Am Com­pu­ter. Manch­mal muß ich was unter­schrei­ben. Anäs­the­sie ist eine sit­zende Tätig­keit. Der Chir­urg im Saal hin­ge­gen muß häu­fig ste­hen. Und die Schwes­tern dazu. Die meis­ten tra­gen Stütz­strümpfe. Pro­phy­lak­tisch wegen dro­hen­der Krampf­adern. Oder mani­fes­ter Vari­ko­sis. Allein das könnte genü­gen als Grund, nicht Chir­urg wer­den zu wol­len. Stütz­strümpfe! Im OP steht der Chir­urg am Tisch, auf sei­ner Sta­tion läuft er herum und macht Visite. Der Chir­urg sitzt sel­ten. Nicht ein­mal der fran­zö­si­sche. Nur in der Mit­tags­pause von zwölf bis zwei. Ich sitze meis­tens. Zur Ein­lei­tung einer All­ge­mein­an­äs­the­sie stehe ich auch. Mit Jean-Pierre am Kopf­ende des OP-Tischs. Rücken­marks­nahe Anäs­the­sie­ver­fah­ren ste­chen sich nicht gut im Sit­zen. Regio­nal­an­äs­the­sien, Nar­ko­sen also nur für einen Arm zum Bei­spiel, oder Gefäß­punk­tio­nen, gehen wie­derum bes­ser im Sit­zen. Weil man sich sonst, beim fein­mo­to­ri­schen Han­tie­ren mit Sono­graph und spit­zer Nadel den Rücken ver­krampft. Danach gehe ich in mein Büro. Papier­kram. ZEIT ONLINE und so. Sitze. Warte auf den nächs­ten Pati­en­ten. Chris­tine bleibt beim Pati­en­ten. Darf auch sit­zen. Und hat Inter­net. Keine Social media zwar, aber immer­hin. Der Anäs­the­sist trägt die Ver­ant­wor­tung, die Schwes­ter bleibt an der Nar­kose. Meis­tens alleine. Ich löse sie ab und zu für einen Kaf­fee ab. Oder Ziga­rette oder Pipi. Schwes­tern-Nar­kose. Meine dama­lige Che­fin im nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biet konnte sich das nicht vor­stel­len. Ein für alle­mal.

Zu einer der letz­ten Weih­nachts­fei­ern des letz­ten Jahr­tau­sends gab sie sich jovial. Die Sekre­tä­rin hatte sie dis­kret daran erin­nert, daß der Herr Diehl zum 31. Dezem­ber die Abtei­lung ver­las­sen würde. Nette Worte zähl­ten ebenso wenig zu ihren Stär­ken wie das sou­ve­räne Absol­vie­ren von Betriebs­fei­er­lich­kei­ten. Wie denn mein All­tag wohl aus­sähe in Frank­reich, fragte Monika. Mußte ja wohl ein paar Wort wech­seln mit mir. Medi­ter­ran ver­mut­lich, sagte ich. Nicht vor halb neun schon mal. Und ich würde eher Kaf­fee trin­ken als auf Nar­ko­sen auf­pas­sen. Gut aus­bil­dete Fach­pfle­ger wür­den meine Nar­ko­sen über­wa­chen.

Sicher-das-dann-ja.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Agnès

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r sowas bin ich nun gar nicht der Rich­tige. Lei­der. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu ner­ven. So oft werde ich auch gar nicht um medi­zi­schen Rat gefragt. Meis­tens werde ich um Rezepte gebe­ten oder Cer­ti­fi­cats médicaux zur Teil­nahme an mehr oder weni­ger kom­pe­ti­ti­vem Sport. Mache ich ohne War­te­zim­mer und ohne zu mur­ren. Kos­ten­neu­tral. Pas de pro­blème.

Ich per­sön­lich betreibe prag­ma­ti­sche Sofort­med­zin. Und glaube daran. In mei­nen Schub­la­den habe ich rich­tige Medi­ka­mente. Ich inji­ziere was und das wirkt sofort. Sofort und signi­fi­kant. Der Inter­nist hat ja auch Medi­ka­mente, der Der­ma­to­loge Crè­mes und Tink­tu­ren. Das dau­ert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch zu wenig, zuviel, anders, uner­wünscht. Mal abge­se­hen von Che­mo­the­ra­pie. Das wirkt auch sofort. Die meis­ten kot­zen inner­halb von Stun­den. Da sieht man wenigs­tens Wir­kung. Meine Mole­küle wir­ken sofort, inner­halb von Sekun­den, man­che schon in win­zi­gen Men­gen. Im ein­stel­li­gen Mikro­gramm­be­reich. Ein Mikro­gramm ist ein Mil­li­ons­tel Gramm. Ein Strand­sand­korn, zum Ver­gleich, wiegt immer­hin zwei­hun­dert Mikro­gramm. Mil­li­ons­tel Gramm erzeu­gen Wir­kung in der Aber-hallo-Kate­go­rie. Meis­tens ziemlich genau so, wie ich mir das vor­stelle. Wenn jemand schla­fen soll, schläft er in weni­ger als einer Minute. Von sol­chem Poten­tial kön­nen Inter­nist und Der­ma­to­loge nur träu­men.

Beim Homöo­pa­then bin ich mir nicht ein­mal sicher, ob er sich bei sei­nen Tees und Kügel­chen ernst­haft eine nach­weis­bare Wir­kung vor­stellt. Mal abge­se­hen von der, die er im Rah­men teu­rer Séances zu indok­tri­nie­ren sucht. Die Kügel­chen und Tröpf­chen sind ja so mole­kül­arm im ver­mu­te­ten Wirk­stoff, daß man wahr­schein­lich nicht mal all­er­gisch dar­auf reagie­ren kann. Die arbei­ten, wenn ich mich recht erin­nere, mit Ver­dün­nun­gen, die einer Tee­löf­fel­menge im Mit­tel­meer ent­spre­chen. Grö­ßen­ord­nungs­mä­ßig viel­leicht so wie unser Mond in der Milch­straße. Und auch das nur ab dem drit­ten Vier­tel des zuneh­men­den Monds. Bleibt die Hoff­nung auf den Pla­ce­bo­ef­fekt. Macht mei­nes Wis­sens bis zu drei­ßig Pro­zent der medi­zi­ni­schen Wir­kung aus. Außer in der Sofort­me­di­zin. In mei­nen Schub­la­den gibt es kei­nen Pla­ce­bo­ef­fekt.

Auf Wunsch mei­ner Frau, in der Hoff­nung auf eine Reduk­tion mei­ner angeb­li­chen Schlaf­ge­räu­sche, besuchte ich vor Jah­ren schon den HNO- Spe­zia­lis­ten ihrer Wahl. Der ver­mu­tete eine all­er­gi­sche Dis­po­si­tion, die sich sogar labor­me­di­zi­nisch nach­wei­sen ließ. Posi­ti­ves "Pha­dia­top". Nie gehört zuvor. Kommt nicht vor in mei­nem kli­ni­schen All­tag. Seitdem befinde ich mich in all­er­go­lo­gi­scher Behand­lung. Beim erst­bes­ten All­er­go­lo­gen mei­nes Centre hos­pi­ta­lier. Jede Monats­mitte die Sub­ku­tan-Desen­si­bi­li­sie­rung mit einer hoch­ver­dünn­ten und irgend­wie behan­del­ten All­er­gen­lö­sung. Wenn mein Fläsch­chen vor der Zeit leer ist, nimmt Schwes­ter Agnès ein­fach das eines ande­ren Pati­en­ten. Sowieso über­all das Glei­che drin, sagt sie. Alle All­er­gi­ker sind all­er­gisch auf Mil­ben und die eine oder andere getes­tete Polle. Und die All­er­gene sind sich oft auch ganz ähn­lich. Sagt der All­er­go­loge. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprech­stunde Mon­tag Nach­mit­tag. Ob es denn bes­ser gewor­den wäre? Was eigent­lich, frage ich mich immer, das Pha­dia­top? Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Ich brau­che weni­ger Anti­bio­tika mittler­weile. Stimmt sogar. Und der All­er­go­loge will ja was Posi­ti­ves hören. Weil mit der monat­li­chen Injek­tion sein Poten­tial erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kor­ti­son? Will ich nicht. Ich würde mir ein Medi­ka­ment so wie aus mei­nen Schub­la­den wün­schen. Prag­ma­ti­sche Sofort­me­di­zin.

Ich bin also nicht der rich­tige Ansprech­part­ner für einen Hin­weis auf einen kom­pe­ten­ten All­er­go­lo­gen oder Homöo­pa­then. Mein All­er­go­loge ist der Erst­beste. Homöo­pa­then traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim All­er­go­lo­gen und dem Homöo­pa­then so wie beim Psy­cho­coach vor allem auf zwi­schen­mensch­li­che Qua­li­tä­ten an. Die Aus­strah­lung. Der Rest ist Glau­bens­sa­che.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

3947 Zei­chen für Aila. Zum Abdruck in der Mai/Juni-Aus­gabe der Riviera-Zeit.


Die ursprüng­li­che Ver­sion, gut zwei­tau­send Zei­chen mehr. Zuviel für die Kolumne. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber.

Chris­tiane!

für sowas bin ich nun gar nicht der rich­tige. Lei­der. Ich würde Ihnen gerne hel­fen. Nein, ich bin auch nicht genervt. Es braucht schon mehr, mich zu ner­ven. So oft werde ich auch gar nicht um medi­zi­schen Rat gefragt. Meis­tens werde ich um Rezepte gebe­ten oder Atte­sta­ti­ons médi­ca­les zur Teil­nahme an mehr oder weni­ger kom­pe­ti­ti­vem Sport. Mache ich gerne und ohne zu mur­ren. Ich kann mir vor­stel­len, wie das ist, über Stun­den, das Kind schon lange hung­rig oder müde oder bei­des, im muf­fi­gen War­te­zim­mer des Haus­arz­tes zu hocken. Nur, um ein paar blöde Fra­gen gestellt zu bekom­men, einen Blu­druck gemes­sen und end­lich die Beschei­ni­gung aus­ge­stellt. Kann ich abkür­zen. Pas de pro­blème.

Ich würde Ihnen ja so gerne hel­fen, aber das passt so rein gar nicht zu mei­ner Art von Medi­zin. Ich betreibe prag­ma­ti­sche Sofort­med­zin. Und glaube daran. In mei­nen Schub­la­den habe ich rich­tige Medi­ka­mente. Ich spritze was und das wirkt sofort. Das wirkt sofort und signi­fi­kant. Der Inter­nist hat ja auch Medi­ka­mente, der Der­ma­to­loge Sal­ben und Crè­mes und Tink­tu­ren. Das dau­ert aber Tage bis Wochen, bis man auch sieht, ob da was wirkt. Oft dann noch nicht mal so, wie man es sich wün­schen würde. Zuwe­nig, zuviel, anders, uner­wünscht. Mal abge­se­hen von Che­mo­the­ra­pie. Das wirkt auch sofort. Die meis­ten kot­zen inner­halb von Stun­den. Da sieht man wenigs­tens Wir­kung. Obwohl dies ja eher in die Kate­go­rie "uner­wünscht" fällt. Aber immer­hin Wir­kung. Meine Mole­küle wir­ken sofort, wie gesagt, inner­halb von Sekun­den oder Minu­ten, man­che schon in win­zi­gen Men­gen. Im Mikro­gramm­be­reich. Ein Mikro­gramm, für die Arith­mo­pho­bi­ker unter uns, ist ein Mil­li­ons­tel Gramm. Ein Strand­sand­korn, zum Ver­gleich, wiegt immer­hin zwei­hun­dert Mikro­gramm. Mil­li­ons­tel Gramm erzeu­gen Wir­kung in der Aber-hallo-Kate­go­rie. Meis­tens auch so, wie ich mir das vor­stelle. Manch­mal zuviel, gele­gent­lich zuwe­nig, sel­ten anders, noch sel­te­ner uner­wünscht. Wenn Sie schla­fen sol­len, schla­fen Sie in weni­ger als einer Minute. Von sol­chem Poten­tial kön­nen Inter­nist und Der­ma­to­loge nur träu­men.

Beim Homöo­pa­then wäre ich mir nicht ein­mal sicher, ob er sich bei sei­nen Tees und Kügel­chen und was er da sonst noch im Reper­toire hat, über­haupt eine nach­weis­bare Wir­kung vor­stel­len kann. Mal abge­se­hen von der, die er im Rah­men teu­rer Séan­cen sei­ner Kli­en­tel zu indok­tri­nie­ren sucht. Die Behand­lung von All­er­gien zum Bei­spiel, Hist­amin­in­to­le­ranz oder Fibro­my­al­gie. Geschich­ten eben, wo die Lehr­me­di­zin frü­her oder spä­ter auf­gibt. Seien Sie froh, daß Sie keine Fibro­my­al­gie haben. Das ist anstren­gend. Für alle Betei­lig­ten. Ob der Homöo­path bei All­er­gie, Hist­amin­in­to­le­ranz oder Fibro­my­al­gie hel­fen kann, mag dahin­ge­stellt blei­ben. Des­sen Kügel­chen und Tröpf­chen sind ja so mole­kül­arm im ver­mu­te­ten Wirk­stoff, daß man wahr­schein­lich nicht mal all­er­gisch dar­auf reagie­ren kann. Die arbei­ten, wenn ich mich recht erin­nere, mit Ver­dün­nun­gen, die einer Tee­löf­fel­menge im Mit­tel­meer ent­spre­chen. Grö­ßen­ord­nungs­mä­ßig viel­leicht so wie unser Mond in der Milch­straße. Und auch das nur ab dem drit­ten Vier­tel des zuneh­men­den Monds. Okay, viel­leicht wie unser Son­nen­sys­tem in der Milch­straße. Egal. Das eine kann man sich so wenig wie das andere vor­stel­len. Auch ohne Dys­kal­ku­lie. Bleibt die Hoff­nung auf den Pla­ce­bo­ef­fekt. Macht mei­nes Wis­sens bis zu drei­ßig Pro­zent der medi­zi­ni­schen Wir­kung aus. Außer in der Sofort­me­di­zin. In mei­nen Schub­la­den gibt es kei­nen Pla­ce­bo­ef­fekt. Da ist alles echt.

Auf Wunsch mei­ner Frau, im Hin­blick auf eine Ver­bes­se­rung mei­ner audi­tiven Kapa­zi­tä­ten und vor allem in der Hoff­nung auf eine Reduk­tion mei­ner angeb­li­chen Schlaf­ge­räu­sche, besuchte ich vor Jah­ren schon den Spe­zia­lis­ten für otor­hi­no­la­ryn­go­lo­gi­sche Heil­kunde, ORL. HNO in Mit­tel­eu­ropa. Den Spe­zia­lis­ten ihrer Wahl. Der dia­gnos­ti­zierte "min­der­wer­tige Schleim­haut" und dazu pas­send eine all­er­gi­sche Dis­po­si­tion, die sich sogar labor­me­di­zi­nisch nach­wei­sen ließ. Posi­ti­ves "Pha­dia­top". Nie gehört zuvor. In mei­nem kli­ni­schen All­tag kommt das Pha­dia­top nicht vor. Seit Jah­ren schon befinde ich mich trotz­dem in all­er­go­lo­gi­scher Behand­lung. Beim erst­bes­ten All­er­go­lo­gen mei­nes Centre hos­pi­ta­lier. Desen­si­bi­li­sie­rung. Jede Monats­mitte die Sub­ku­ta­nin­jek­tion einer hoch­ver­dünn­ten und irgend­wie behan­del­ten All­er­gen­lö­sung. Wenn mein Fläsch­chen mal wie­der vor der Zeit leer ist (wie kann das nur kom­men?), nimmt Schwes­ter Agnès ein­fach die Ampulle eines ande­ren Pati­en­ten. Sowieso über­all das Glei­che drin, sagt sie. Alle All­er­gi­ker sind all­er­gisch auf Mil­ben und die eine oder andere getes­tete Polle. Und die All­er­gene sind sich oft auch ganz ähn­lich. Sagt der zustän­dige All­er­go­loge, der zweite Nach­fol­ger inzwi­schen. Fragt man sich, warum dann knapp zwan­zig ver­schie­dene All­er­gene getes­tet wur­den. Alle Jahre lädt er mich in seine Sprech­stunde Mon­tag Nach­mit­tag. Ob es denn bes­ser gewor­den wäre? Was eigent­lich, frage ich mich dann immer. Und sage, ja, klar, ich glaube schon. Ergänze: Weni­ger Neben­höh­len­pro­bleme hätte ich mitt­ler­weile, weni­ger Anti­bio­ti­ka­be­darf. Stimmt sogar. Der will ja was Posi­ti­ves hören, der All­er­go­loge. Weil mit der monat­li­chen Injek­tion sein Poten­tial bereits erschöpft ist. Was soll er sonst machen? Kor­ti­son? Oder er kann mir noch ein paar Jahre Sun­ku­ta­nin­jek­tion drauf­schla­gen. Will ich das? Ich würde mir ein Medi­ka­ment so wie aus mei­nen Schub­la­den wün­schen. Prag­ma­ti­sche Sofort­me­di­zin.

Ich bin, liebe Chris­tiane,

also nicht der rich­tige Ansprech­part­ner für einen Hin­weis auf einen kom­pe­ten­ten All­er­go­lo­gen und/oder Homöo­pa­then. Mein All­er­go­loge ist, wie gesagt, der Erst­beste. Und ich befürchte mal, sie sind alle so. Zu weit weg von Ihnen zudem. In Ihrer Gegend wüßte ich schon gleich gar nie­man­den. Homöo­pa­then traue ich nicht. Ich nehme an, es kommt beim All­er­go­lo­gen so wie beim Psy­cho­coach und dem Gynä­ko­lo­gen vor allem auf zwi­schen­mensch­li­che Qua­li­tä­ten an. Die Aus­strah­lung. Beim Gynä­ko­lo­gen viel­leicht noch le tou­cher. Nicht zuviel davon und nicht zu wenig. Das ist sehr indi­vi­du­ell. Und, man muß daran glau­ben.




Narkoseprimat

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Gaby! Hol' dem jun­gen Kol­le­gen doch mal einen Hocker!

Kann der junge Kol­lege das nicht sel­ber? Hat der junge Kol­lege keine Beine? Soll er sich doch einen aus Saal vier holen!

Jan sitzt schon auf dem letz­ten Dreh-Roll-Hocker im Saal. Saal drei. Auf dem Anäs­the­sie-Dreh-Roll-Hocker direkt vor der Nar­ko­se­ma­schine. Die Chir­ur­gen brau­chen ihre Hocker selbst. Die Chir­ur­gen im Saal sind Gefäß­chir­ur­gen und ope­rie­ren Krampf­adern. Das kann Stun­den dau­ern. Da muß man sit­zen. Die in Saal vier häm­mern an einer Hüft­pro­these. Häm­mern an der Hüfte kann man im Sit­zen nicht so gut. Die brau­chen ihre Hocker nicht.

Den bringst du uns aber nach­her wie­der, sagt eine Schwes­ter mit brau­nen Augen, die ich noch nicht kenne. Wahr­schein­lich eine Op-Pfle­ge­rin. Die Haare unter der Haube ver­steckt und die Maske vor Mund und Nase. Da kann man nur die Augen sehen. Anäs­the­sie­schwes­tern las­sen die Maske eher mal unter dem Kinn bau­meln.

Jan ist groß und blond­lo­ckig. Ten­den­zi­ell über­ge­wich­tig. Nicht wirk­lich fett, nur etwas schwab­be­lig. Er ist an mei­nem ers­ten Arbeits­tag Ober­arzt gewor­den. Im katho­li­schen Hos­pi­tal im süd­öst­li­chen Grün­gür­tel des Ruhr­ge­biets. Soll mich durch die­sen Tag füh­ren. Hat mir gerade gezeigt, wie eine Spi­nal­an­äs­the­sie gesto­chen wird.

Den Pati­en­ten auf­set­zen, den Rücken rund machen las­sen, zwi­schen zwei Wir­beln, genauer den Dorn­for­sät­zen zweier Wir­bel, die am bes­ten schei­nende Punk­ti­ons­stelle fin­den. Mög­lichst tief im Len­den­be­reich. L3/L4 sagt das Lehr­buch. Ent­spricht unge­fähr dem Niveau einer Waa­ge­rech­ten zwi­schen den Becken­käm­men. Leicht schräg nach oben, kopf­wärts durch die Haut ste­chen. Piekst mal kurz, nicht bewe­gen! Lang­sam wei­ter, bis Liquor aus der Nadel tropft. Klare Flüs­sig­keit. Lokal­an­äs­the­ti­kum inji­zie­ren. Nicht zu schnell, nicht zu lang­sam. Fer­tig. Nadel raus, Pflas­ter. Der Pati­ent darf wie­der lie­gen. Ein Drei-Minu­ten-Ein­griff. Kreis­lauf­über­wa­chung. Manch­mal stürzt der Blut­druck ab.

Die nächste machst du.

Jetzt sit­zen wir. Jans ers­ter Lehr­satz zum Berufs­bild des Anäs­the­sis­ten: Anäs­the­sie ist eine sit­zende Tätig­keit. Wenn die Spi­nal­an­äs­the­sie erst­mal gesto­chen ist, der Pati­ent in den Saal gescho­ben und an die Über­wa­chungs­ma­schine ange­schlos­sen, setzt sich der Anäs­the­sist ans Kopf­ende des Pati­en­ten, kon­trol­liert und pro­to­kol­liert die Vital­pa­ra­me­ter. Alle fünf Minu­ten misst die Maschine den Blut­druck. Auf einem For­mu­lar mit ska­lier­tem Karobe­reich in der Mitte wird der sys­to­li­sche Blut­druck als klei­ner nach oben offe­ner Win­kel ein­ge­tra­gen, der dia­sto­li­sche als klei­ner nach unten offe­ner Win­kel. Die bei­den Win­kel wer­den gra­fisch ver­bun­den. Zwei Win­kel, ein Strich. Dazu die Herz­fre­quenz. Wird auch von der Maschine ange­zeigt, grüne Zahl auf schwar­zem Hin­ter­grund. Direkt neben dem EKG. Grüne Kurve. Dazu blinkt ein grü­nes Herz. Syn­chron zum grü­nen Her­zen ein Piep­ton. Auf dem Pro­to­koll wird die Zahl der Herz­fre­quenz ein Punkt im Kar­o­ras­ter. Man­che Kol­le­gen machen auch kleine Kreuze. Die Punkte oder Kreuze wer­den ihrer­seits gra­fisch ver­bun­den. Noch ein Strich. Außer­dem wird notiert, was du wann gemacht hast, sagt Jan. Aus foren­si­schen Grün­den. Wenn was schief geht, hat das Nar­ko­se­pro­to­koll Beweis­kraft. Auf­schrei­ben, was du wann gespritzt hast und wie­viel. Und wenn die Chir­ur­gen anfan­gen. Schnitt. Und wenn sie fer­tig sind. Haut­naht. Und wenn sonst irgend­was ist. Herz­still­stand oder so. Oder wenn der Chir­urg ein Mes­ser oder eine blu­tige Kom­presse nach dir wirft.

Du schreibst, sagt Jan, ich habe schon so viel Stri­che gemalt in mei­nem Leben.

Mein ers­ter Blut­druck 143 zu 78. Zwei Win­kel, ein Strich. Die Puls­fre­quenz 72. Ein Punkt.

Wenn du Glück hast, löst dich Gaby auf einen Kaf­fee ab.

Ich stelle Jan ein paar inter­es­sierte Fra­gen, was ich außer Stri­chen und Punk­ten malen noch zu machen hätte. Wenn zum Bei­spiel der Blut­druck nicht mehr nor­mal wäre. Oder die Herz­fre­quenz. Diese Art Fra­gen schei­nen Jan nicht wirk­lich zu inter­es­sie­ren. Bei Vari­zen pas­siert nichts, sagt er. Am Anfang höchs­tens, nach der Spi­na­len. Kann der Blut­druck abrau­schen, wie gesagt. Dann machst du ein biß­chen Akri­nor.

Jan redet lie­ber über seine, über unsere Kol­le­gen. Den Chef, Udo S., zum Bei­spiel. Den man nach der Früh­be­spre­chung eigent­lich nicht mehr sieht. Höchs­tens kurz zur Nar­ko­se­ein­lei­tung bei Pri­vat­pa­ti­en­ten. Macht kleine Lokal­an­äs­the­sien an der Stelle für die Infu­sion. Kann er extra abrech­nen. Fünf­zehn Mark. Ich betäube Sie jetzt, sagt er dann. Udo fin­det man so gut wie nie auf dem Dreh-Roll-Hocker vor der Nar­ko­se­ma­schine. Das mit den Stri­chen und den Punk­ten muß ein Ober­arzt über­neh­men. Stri­che und Punkte sind abrech­nungs­tech­nisch nicht wei­ter rele­vant. Manch­mal trinkt er Kaf­fee in der Kaf­fee­kü­che. Wenn es zum Bei­spiel noch wei­tere Pri­vat­pa­ti­en­ten zu betäu­ben gibt. Oder die junge Ober­ärz­tin der Gynä­kol­gie auch gerade Kaf­fee trinkt. Zum Mit­tag­essen fährt er nach Hause. Der Por­sche muß bewegt wer­den. Sagt Udo. Hes­si­scher Akzent.

133 zu 71. Zwei Win­kel, ein Strich. Das Herz bei 69. Punkt, klei­ner Strich. Das wird schön!

Die Anäs­the­sie ist eine Beruf­gruppe mit hohem Aus­län­der­an­teil, sagt Jan. Hast du ja gese­hen heute mor­gen. Er per­sön­lich hätte nichts gegen Aus­län­der. Der andere Ober­arzt ist Türke. Meh­met K.. Seit sech­zehn Jah­ren im katho­li­schen Hos­pi­tal. Meh­met K. hat mich freund­lich begrüßt und uns gute Zusam­men­ar­beit gewünscht. Meh­met K. ist einen hal­ben Kopf klei­ner als ich trotz extra­ho­her Holz­pan­ti­nen. Schwe­rer Akzent. Ich habe auch nichts gegen Aus­län­der. Meh­met K. fährt Daim­ler, sagt Jan. Mit Sitz­kis­sen, weil er sonst nicht über das Lenk­rad gucken könnte. Und wenn er sich auf­regt, ver­steht man kein Wort mehr. Vor sech­zehn Jah­ren hätte noch nie­mand Anäs­the­sie machen wol­len. Des­we­gen mußte das Kran­ken­haus Meh­met K. impor­tie­ren. Und das als erz­ka­tho­li­sche Insti­tu­tion! Wo noch immer Non­nen mit wei­ßen Häub­chen über die Flure huschen!

124 zu 78. Zwei Win­kel, ein Strich. 61. Ein Punkt.

Andrea A. ist Ita­lie­ner. Hat mich heute mor­gen auch sehr freund­lich begrüßt. Mit char­man­tem rol­len­dem R. Viel Spaß würde ich hier haben. Meh­met und Andrea spre­chen schon seit Jah­ren nicht mehr mit­ein­an­der. Nur das Aller­nö­tigste. Andrea sei schwul. Er per­sön­lich hätte nichts gegen Schwule. Sagt Jan. Schwul paßt natür­lich über­haupt nicht in Meh­mets Welt­bild. Für Andrea ist Meh­met der Kol­lege ohne Pelle. Ohne Pelle? Na, beschnit­ten eben. Ohne Vor­haut. Wie alle Tür­ken. Die Aus­län­der brau­chen die Deut­schen gar nicht immer, um geh­aßt zu wer­den. Das kön­nen sie auch unter­ein­an­der.

Lil­liane S. aller­dings sei all­seits beliebt. Lil­liane ist pol­ni­scher Her­kunft. Hatte es schwer mit der Fach­arzt­prü­fung. Sprach­li­che Hür­den. 16 Jahre nach Meh­met dür­fen Sprach­kennt­nisse ein Kri­te­rium sein. Hat sie aber vor einem hal­ben Jahr geschafft. Mußte mich küs­sen zur Begrü­ßung. Mußt du nicht rot wer­den, sagte sie. Das ist so bei uns. Und so jung bist du. Bist du schon ver­hei­ra­tet?

127 zu 73. Zwei Win­kel, ein Strich. 64. Ein Punkt.

Monika M. und Syl­via B. sind deut­sche Kol­le­gin­nen. Monika hat was Müt­ter­li­ches. Nickte mir auf­mun­ternd zu. Wird schon, wir haben alle mal klein ange­fan­gen. Syl­via ist zur Zeit im Urlaub. Wird auch das blonde Gift genannt. Warum würde ich schon selbst früh genug her­aus­fin­den. Ver­sucht seit Jah­ren, schwan­ger zu wer­den. Erfolg­los. Kein Wun­der, sagt Jan. Er hat sich inzwi­schen die Maske von Mund und Nase gezo­gen. In sei­nen Mund­win­keln hat sich beim Reden Schaum gesam­melt. Kleine Spei­chel­trop­fen reg­nen auf das Nar­ko­se­pro­to­koll und auf mein Grün­zeug.

124 zu 69. Zwei Win­kel, ein Strich. 62. Punkt, Strich.

Herr Wol­ters schläft. Er hat von Gaby noch fünf Mil­li­gramm Mida­zo­lam bekom­men. Und eine Sauer­stoff­maske. Habe ich auf­ge­schrie­ben. Unter 8:15 Uhr. Dor­mi­cum 5 mg. Und O2 zwei Liter pro Minute.

Sind fünf Mil­li­gramm nicht ein biß­chen viel für einen Herrn über sieb­zig?

Das machen wir immer so. Dafür kriegt er ja auch den Sauer­stoff. Und damit ver­schwin­det Jan. Jetzt weißt du erst mal das Wich­tigste. Und immer schön alles auf­schrei­ben. Und wenn was ist, rufst du Gaby. Die ist Fach­schwes­ter. Die kann dir immer hel­fen. Ich muß jetzt wei­ter.

118, 62, 63. Stri­che, Punkt.

Kön­nen Sie mal was gegen das Schnar­chen machen? Bei die­sem Lärm kann kein Mensch arbei­ten! Der chir­ur­gi­sche Ober­arzt hat was zu mäkeln.

Keine Ahnung, was ich gegen das Schnar­chen machen soll. Herr Wol­ters schläft eben. Muß ich was gegen das Schnar­chen machen? Gibt es in mei­nen Medi­ka­men­ten-Schub­la­den was gegen Schnar­chen? Gaby ist irgendwo drau­ßen. Im Vor­raum? Auf dem Flur? Saal vier? Beim Kaf­fee­trin­ken? Unsicht­bar.

Herr Wol­ters hat eine ordent­li­che Por­tion Dor­mi­cum gehabt. Da wür­den Sie auch schnar­chen. Wenn er kein Dor­mi­cum gehabt hätte, würde er Sie voll­quat­schen.

So schnar­chen geht auch nicht. Wir kön­nen so nicht arbei­ten. Holen Sie Ihren Ober­arzt, wenn Sie nicht wei­ter­wis­sen!

Jan würde sagen, das ist jetzt nicht dein Ernst. Wahr­schein­lich würde er Herrn Wol­ters auf die Stirn klop­fen und ihn anspre­chen. Oder umge­kehrt.

Herr Wol­ters?

Was, schon fer­tig?

134 zu 87. Win­kel, Strich. Punkt bei 89.

Ziem­lich lang­wei­lig. Viel­leicht doch lie­ber kleine Kreuze statt der Punkte für die Puls­fre­quenz? Schö­ner eigent­lich. Ich ent­scheide mich für Kreuz­chen. An ihrem ers­ten Tag auf dem Dreh-Roll-Hocker tref­fen ange­hende Ärzte für Anäs­the­sio­lo­gie und Inten­siv­me­di­zin Ent­schei­dun­gen fürs Leben. Kreuz­chen statt Punkte.

Na, Herr Thiel, haben Sie sich schon gut ein­ge­lebt? Der Chef. Wünscht den chir­ur­gi­schen Kol­le­gen einen guten Mor­gen, wirft einen Blick auf meine Stri­che. Anäs­the­sist: DIEHL, AiP, steht da. In Groß­buch­sta­ben. Gut les­bar. Udo S. wird mich bis auf zum Ende mei­ner acht­zehn Monate in sei­ner Abtei­lung mit Herr Thiel anspre­chen. Und das, obwohl er mich selbst ein­ge­stellt hat. So wie er ein neues Mus­kel­re­la­xanz – Tra­crium – uner­bitt­lich und unbe­lehr­bar Tra­zi­tum nen­nen wird. Er ist der Chef.

Auch er weist mich auf die Wich­tig­keit des Nar­ko­se­pro­to­kolls hin und ins­be­son­dere des­sen Les­bar­keit. Wenn man fünf Mil­li­gramm Dor­mi­cum um 8:15 Uhr intra­ve­nös ver­ab­reicht hat, sol­len auch Gut­ach­ter und Rich­ter klar erken­nen kön­nen, daß man fünf Mil­li­gramm Dor­mi­cum um 8:15 Uhr intra­ve­nös ver­ab­reicht hat. Gut­ach­ter und Rich­ter? Nun ja, manch­mal ginge in der Anäs­the­sie ja auch mal was schief. So wie über­all in der Medi­zin. Und Pati­en­ten wür­den kla­gen. Oder Ange­hö­rige. Manch­mal zu Recht. In der Anäs­the­sie wären alle­rings meist die Chir­ur­gen schuld, wenn Pati­en­ten Scha­den näh­men. Manch­mal würde der Anäs­the­sist sei­ner­seits nicht aus­rei­chend oder falsch auf die Feh­ler oder Kom­pli­ka­tio­nen des Chri­ur­gen reagie­ren. Das wäre immer­hin unsere Auf­gabe. Das Wohl­erge­hen des Pati­en­ten trotz sei­ner Vor­ker­kran­kun­gen sicher­zu­stel­len. Dor­mi­d­an­des bro­dego, sagt der Chef. Er meint eigent­lich: Dor­mit­an­tes pro­tego – ich schütze die Schla­fen­den. Geht auf Hes­sisch nicht so gut. Wir pas­sen auf die Kran­ken auf, sagt er. Brin­gen sie lebend und am bes­ten wohl­be­hal­ten durch ihren Ein­griff und die Tage danach. Trotz ihrer viel­leicht schwer­wie­gen­den Ope­ra­tion. Und trotz ihrer Chir­ur­gen.

Da muß ich aber mal Ein­spruch erhe­ben, Herr S.! Der Ein­spruch kommt von jen­seits des grü­nen Tuchs. Der Ober­arzt der Chir­ur­gen hat auf­merk­sam gelauscht. Und nimmt die Pro­vo­ka­tion von Udo S. auf. Wenn Sie den Leu­ten Zähne raus­bre­chen, weil Sie nicht intu­bie­ren kön­nen, oder wenn sie Ihnen tot­ge­hen, weil Sie mal wie­der zuviel oder zuwe­nig von irgend­was sprit­zen, kön­nen wir nichts dafür!

Sie kön­nen aber was dafür, wenn wir den Leu­ten wegen einer Ope­ra­tion der Krampf­adern drei Tüten Blut geben müs­sen und die dann an AIDS ver­re­cken. Oder Ihnen die Bau­cha­orta drei Tage spä­ter hoch­geht, weil sie an den Näh­ten gepfuscht haben.

Ist alles gut soweit, Herr Wol­ters?

Wie­bitte?

Herr Wol­ters hat satt Dor­mi­cum gehabt. Selbst wenn er was hört, wird er sich an nichts erin­nern. Ante­ro­grade Amne­sie. Gaby weiß schon, warum sie immer soviel Dor­mi­cum spritzt. Dor­mi­cum ist ein Wun­der­mit­tel.

Das ist das Schöne in der Anäs­the­sie. Wir haben eine ganze Reihe von Wun­der­mit­teln. Wun­der­mit­tel, die sofort wir­ken. Und immense Wir­kun­gen ent­fal­ten. Sofort und immens. Nicht so wie in der inne­ren Medi­zin, wo man immer erst nach ein paar Tagen beur­tei­len kann, ob ein Medi­ka­ment unge­fähr die Wir­kung hat, die man sich davon ver­spricht.

Und wir kön­nen sit­zen dabei. Zei­tung lesen. Kreuz­wort­rät­sel lösen. Tetris spie­len.

Am frü­hen Nach­mit­tag kommt der Chef noch­mal vor­bei. Ich sitze inzwi­schen an einer Voll­nar­kose. Frau Schnei­der. Auch Krampf­adern. Kreuze und Stri­che. Der Chef blo­ckiert meine inter­es­sier­ten Fra­gen zu den unter­schied­li­chen Inha­la­ti­ons­an­äs­the­tia schnell mit sei­nem ver­mut­lich ein­zi­gen Lehr­satz: Jedem Pri­ma­ten kann man Anäs­the­sie bei­brin­gen. Anäs­the­sie ist eigent­lich was für Son­der­schü­ler. Kann auch seine Ver­sion von dis­kre­ten Vor­be­hal­ten gegen die Aus­län­der sein, mit denen er leben muß. Ein Türke, des­sen Sätze nun gar nicht mehr funk­tio­nie­ren, wenn er sich ärgern muß. Ein schwu­ler Ita­lie­ner, der in jedem zwei­ten Satz die ver­mut­lich feh­lende Vor­haut des Ober­arz­tes erwähnt. Eine küs­sende Polin. Neu­lich war er übers Wochen­ende in Tsche­chien. Für fünf Mark kannst du da alles haben, sagt er. Udo S. macht kei­nen Unter­schied zwi­schen Polin­nen in sei­ner Abtei­lung und Tsche­chin­nen am Stra­ßen­rand. Für das, was er für fünf Mark krie­gen kann, braucht es keine Spra­che. Im katho­li­schen Hos­pi­tal am süd­öst­li­chen Rand des Ruhr­ge­biets ist Udo S. der Chef. Und damit per defi­ni­tio­nem eine Art Her­ren­mensch. Ein Pri­mat der bes­se­ren Sorte. Sogar als Homo sapi­ens bes­ser. Ver­dient ver­mut­lich das Zwan­zig­fa­che mei­nes Anfän­ger­ge­halts. Und das muß ja auch einen Grund haben. Wer Chef ist, ist Chef, weil er gut ist. Und wer gut ist, ver­dient auch gut. Ver­mut­lich stehe ich in sei­nem Welt­bild in einer Reihe mit Goril­las, Schim­pan­sen und Orang-Utans. Und wahr­schein­lich kann er sich auch Paviane und Lemu­ren als Nar­ko­se­geis­ter vor­stel­len. Grün­zeug an, Haube, Maske. Auf die Spra­che kommt es in der Anäs­the­sie ohne­hin nicht so an. Eine basale Fin­ger­fer­tig­keit viel­leicht für das Han­tie­ren mit aller­lei Nadeln und Kraft in den Armen für das Han­tie­ren mit ent­schlos­se­nem Nach­druck. Ansons­ten Genüg­sam­keit. Eine Banane zu Mit­tag. Kein Wider­spruch. Wer für fünf Mark alles gibt, wider­spricht auch nicht. Genüg­sam­keit und eine gewisse intel­lek­tu­elle, naja, Zurück­hal­tung sind ange­bracht. Udo S. und sein tür­ki­scher Ober­arzt lie­ben keine Wider­worte. Man sollte sich nicht allzu reflek­tiert prä­sen­tie­ren in sei­nem Tun und Reden als Nar­ko­se­pri­mat.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


Schschsch!

Frei­tag, 8:24 Uhr.

Ich bin zustän­dig für die Säle drei und vier. Zwei­mal HNO. Beide Säle wie aus­ge­stor­ben. Es muß aber schon jemand da gewe­sen sein. Die OP-Leuch­ten sind ein­ge­schal­tet und der Nar­ko­se­mo­ni­tor in Saal 3 gibt ver­zwei­felt Alarm, weil er keine Daten emp­fängt und er glau­ben muß, daß sich das zu über­wa­chende Sub­jekt in ernst­haf­ter Gefahr befin­det. Außer­dem lie­gen ein paar chir­ur­gi­sche Gerät­schaf­ten auf einem grün deko­rier­ten Tisch in der Ecke. Saal vier das glei­che Bild. Also wahr­schein­lich Kaf­fee­kü­che. Et voilà, da sind sie alle! Bisous erst­mal. Ça va bien? Hast du Dienst am Wochen­ende? In wel­chem Saal bist du heute? Und hat schon jemand die Chir­ur­gen für Saal 3 und 4 ange­ru­fen? – Der Chef – le cadre – wollte sich darum küm­mern! Der Cadre ist im Auf­wach­raum. Unter­wegs mit einem klei­nen Sta­pel Papier. Ein Dos­sier ver­mut­lich. Cad­res sind die mit Dos­siers in der Hand. Es gibt unglaub­lich viele Cad­res für das Pfle­ge­per­so­nal. Aus­ge­prägte hier­ar­chi­sche Struk­tur. Pfle­ge­dienst­lei­te­rin, Stell­ver­tre­ter, Cad­res für jede Sta­tion. Der Kreiß­saal braucht sogar zwei Cad­res. Wenn die sich nicht gerade in ihren tages­licht­durch­flu­te­ten Büros ver­ste­cken, wan­deln sie mit einen Sta­pel Papier in der Hand über die Flure. Wenn gerade kein bedruck­tes Papier zur Hand ist, reicht auch ein wich­tig gezück­ter Kugel­schrei­ber. Bevor­zugt hal­ten sie sich außer­halb ihrer Sta­tion auf. Obwohl alle­samt sehr gut aus­ge­bil­dete Pfle­ge­kräfte, haben sie seit Jah­ren schon kei­nen ech­ten Pati­en­ten­kon­takt mehr. Cad­res eben. Manch­mal sieht man sie in Grup­pen auf Kor­ri­dor­kreu­zun­gen. Plau­dern zu zweit, gerne zu dritt, sel­ten vier oder mehr. Vier oder mehr wäre schon eine Réunion. Réunion braucht einen Saal in der Ver­wal­tungs­etage. Und ein Thema. Geht aber auch ohne ech­ten Anlaß. Haupt­sa­che Saal. Wenn man erst­mal in einem Saal mit Tisch und wei­chen Ses­seln sitzt, fin­det sich schon auch was zu bere­den. Wäh­rend der Woche wird die Réunion bevor­zugt anbe­raumt von zwei bis vier, am Frei­tag bes­ser von zehn bis zwölf. Wich­tig ist immer der direkte Über­gang in den Fei­er­abend oder zumin­dest in die Mit­tags­pause. Der lei­tende OP-Pfle­ger, mit dem obli­ga­ten Dos­sier in der Hand, ist auf dem Weg in eine Réunion. Ziem­lich früh eigent­lich. Wahr­schein­lich muß er sei­nem Dos­sier noch den nöti­gen Fein­schliff ver­pas­sen. Ein Zufall, daß ich ihn noch im Auf­wach­raum antreffe. Daß er jetzt noch Chir­ur­gen fin­den muß, paßt ihm gar nicht ins Kon­zept. Muß ich jetzt auch noch für die HNO-Dok­to­ren den roten Tep­pich aus­rol­len, fragt er und deu­tet auf sein Dos­sier, als ob ich nicht schon genug zu tun hätte! Wider­wil­lig tele­fo­niert er dann doch.

In Saal drei ist inzwi­schen mein Pati­ent ange­kom­men. Mit den Schwes­tern. Valé­rie für die Chir­ur­gin, die angeb­lich heute schon jemand gese­hen hat, und Suzy von der Anäs­the­sie. Mein Pati­ent ist ein sie­ben­jäh­ri­ger Junge und soll an den Man­deln ope­riert wer­den. Er ist erstaun­lich ruhig für den herr­schen­den Lärm­pe­gel. Valé­rie und Suzy haben sich viel zu erzäh­len. Und weil sie beide viel und gleich­zei­tig zu erzäh­len haben, müs­sen sie laut genug reden, um sicher gehört zu wer­den. Dazu der Moni­tor, der immer noch Alarm gibt.

Schschsch!

Hilft zwei Minu­ten. Suzy drückt den gel­ben Knopf zur Alar­m­un­ter­drü­ckung. So eine Ruhe! Stille gera­dezu. Der kleine Pati­ent wird an den Moni­tor ange­schlos­sen, bekommt eine Maske auf Mund und Nase. Er hat sich Zitro­nen­ge­ruch gewünscht. Mäd­chen bevor­zu­gen Erd­beere. Er muß in die Maske pus­ten, weil das eine gelbe Linie auf den Moni­tor macht. Je mehr er pus­tet, desto schö­ner ist die Kurve. Macht er wun­der­bar und sehr enga­giert. Dann aber ist der Zitro­nen­ge­ruch plötz­lich weg und es riecht mehr nach Che­mie. So gefällt ihm das Kur­ven­spiel auch nicht mehr wirk­lich und er wird unru­hig.

In die­sem Moment betritt Marie-Élise den Saal. Marie-Élise ist die Chir­ur­gin. Marie-Élise ist bekannt dafür, daß sie auch sehr viel zu erzäh­len hat. Und sich Gehör zu ver­schaf­fen weiß. Mit Suzy und Valé­rie wächst sich das schnell zum akus­ti­schen Tsu­nami aus.

Schschsch wirkt nur noch drei­ßig Sekun­den.

Wich­tig ist dabei vor allem, daß man den klei­nen Pati­en­ten nicht aus den Augen läßt. Der Moni­tor würde sich ver­geb­lich um Auf­merk­sam­keit bemü­hen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr


3904 Zei­chen für Ailas Juli-Heft 2017:

Ich bin zustän­dig für die Säle drei und vier. Zwei­mal HNO. Beide Säle wie aus­ge­stor­ben. Es muss aber schon jemand da gewe­sen sein. Die OP-Leuch­ten sind ein­ge­schal­tet und der Nar­ko­se­mo­ni­tor in Saal 3 gibt ver­zwei­felt Alarm, weil er keine Daten emp­fängt und er glau­ben muss, dass sich das zu über­wa­chende Sub­jekt in ernst­haf­ter Gefahr befin­det. Außer­dem lie­gen ein paar chir­ur­gi­sche Gerät­schaf­ten auf einem grün deko­rier­ten Tisch in der Ecke. Saal vier das glei­che Bild. Also wahr­schein­lich Kaf­fee­kü­che. Et voilà, da sind sie alle! Bisous erst­mal. Ça va bien? Hast du Dienst am Wochen­ende? In wel­chem Saal bist du heute? Und hat schon jemand die Chir­ur­gen ange­ru­fen? Le cadre – der Chef – wollte sich darum küm­mern!

Der Chef ist im Auf­wach­raum. Unter­wegs mit einem klei­nen Sta­pel Papier. Ein Dos­sier ver­mut­lich. Chefs sind die mit Dos­siers in der Hand. Es gibt unglaub­lich viele Chefs für das Pfle­ge­per­so­nal. Aus­ge­prägte hier­ar­chi­sche Struk­tur. Pfle­ge­dienst­lei­te­rin, Stell­ver­tre­ter, Chefs für jede Sta­tion. Der Kreiss­saal braucht sogar zwei Chefs. Wenn die sich nicht gerade in ihren tages­licht­durch­flu­te­ten Büros ver­ste­cken, wan­deln sie mit einen Sta­pel Papier in der Hand über die Flure. Wenn gerade kein bedruck­tes Papier zur Hand ist, reicht auch ein gezück­ter Kugel­schrei­ber. Bevor­zugt hal­ten sie sich außer­halb ihrer Sta­tion auf. Obwohl alle­samt gut aus­ge­bil­dete Pfle­ge­kräfte, haben sie seit Jah­ren schon kei­nen ech­ten Pati­en­ten­kon­takt mehr. Chefs eben. Manch­mal sieht man sie in Grup­pen auf Kor­ri­dor­kreu­zun­gen. Plau­dern zu zweit, gerne zu dritt, sel­ten vier oder mehr. Vier oder mehr wäre schon eine Réunion, eine Bespre­chung. Für eine Bespre­chung braucht man einen Saal in der Ver­wal­tungs­etage. Tep­pich­bo­den, dezen­tes Ambiete. Und ein Thema. Geht aber auch ohne. Wenn man erst­mal in wei­chen Ses­seln um einen run­den Tisch und sitzt, fin­det sich schon auch was zu bere­den. Wich­ti­ges Kri­te­rium einer Bespre­chung ist der direkte Über­gang in den Fei­er­abend oder zumin­dest in die Mit­tags­pause.

Der OP-Chef ist auf dem Weg in eine Bespre­chung. Ziem­lich früh eigent­lich. Er muss sei­nem Dos­sier noch den nöti­gen Fein­schliff ver­pas­sen. Ein Zufall, dass ich ihn noch im Auf­wach­raum antreffe, sagt er. Passt ihm gar nicht ins Kon­zept. Muss ich jetzt auch noch für die HNO-Dok­to­ren den roten Tep­pich aus­rol­len, fragt er und deu­tet auf sein Dos­sier, als ob ich nicht schon genug zu tun hätte! Wider­wil­lig tele­fo­niert er dann doch.

In Saal drei ist inzwi­schen mein Pati­ent ange­kom­men. Mit den Schwes­tern. Valé­rie und Suzy. Mein Pati­ent ist ein sie­ben­jäh­ri­ger Junge und soll an den Man­deln ope­riert wer­den. Er gibt sich erstaun­lich gelas­sen für den herr­schen­den Lärm­pe­gel. Valé­rie und Suzy haben sich viel zu erzäh­len. Und weil sie beide viel und gleich­zei­tig zu erzäh­len haben, müs­sen sie laut genug reden, um sicher gehört zu wer­den. Dazu der Nar­ko­se­mo­ni­tor, der immer noch Alarm gibt.

Schschsch!

Hilft zwei Minu­ten. Suzy drückt den gel­ben Knopf zur Alar­m­un­ter­drü­ckung. So eine Ruhe! Stille gera­dezu. Der kleine Pati­ent wird an den Moni­tor ange­schlos­sen, bekommt eine Maske auf Mund und Nase. Er hat sich Zitro­nen­ge­ruch gewünscht. Mäd­chen bevor­zu­gen Erd­beere. Er muss in die Maske pus­ten, weil das eine gelbe Linie auf den Moni­tor macht. Je mehr er pus­tet, desto schö­ner ist die Kurve. Macht er wun­der­bar und sehr enga­giert. Dann aber ist der Zitro­nen­ge­ruch plötz­lich weg und es riecht mehr nach Che­mie. So gefällt ihm das Kur­ven­spiel auch nicht mehr wirk­lich und er wird unru­hig.

In die­sem Moment betritt Domi­ni­que den Saal. Domi­ni­que ist die Chir­ur­gin. Sie ist bekannt dafür, dass sie auch sehr viel zu erzäh­len hat. Und sich Gehör zu ver­schaf­fen weiß. Mit Suzy und Valé­rie wächst sich das schnell zum akus­ti­schen Tsu­nami aus.

Schschsch wirkt nur noch drei­ßig Sekun­den.

Wich­tig ist dabei vor allem, dass man den klei­nen Pati­en­ten nicht aus den Augen lässt. Der Moni­tor würde sich ver­geb­lich um Auf­merk­sam­keit bemü­hen.