Schön haben Sie's hier

Einer von die­sen gro­ßen Bäu­men ist tot. Ein Euka­lyp­tus. Bestimmt zwan­zig Meter hoch, unten ein Durch­mes­ser von fast einem Meter. Die Haus­ver­wal­tung der Appar­te­ment­an­lage nebenan hatte mich dar­auf hin­ge­wie­sen. Ména­çant, bedroh­lich sei das. Die Haus­ver­wal­tung hat recht. Dies­mal schon. Sie haben immer was einen mei­nen Bäu­men aus­zu­set­zen. Zuviele Blät­ter, zuviele Blü­ten, zuviel Eicheln, Äste auf der fal­schen Seite des Zauns. Dies­mal haben sie recht. Wenn der Baum umfiele Rich­tung Appar­te­ment­an­lage, würde er Bal­kone mit­neh­men und auf dem Park­platz ein regel­rech­tes Mas­sa­ker anrich­ten. Zahl­lose Autos. Schlimms­ten­falls Men­schen. Papa auf dem Weg zur Arbeit, Mama mit Kin­dern auf dem Weg zur Schule. Grau­en­hafte Vor­stel­lung. Wer weiß schon, wann der Baum umfällt. So ein toter Baum ist unbe­re­chen­bar. Drin­gen­der Hand­lungs­be­darf.

Schön haben Sie's hier. Der Baum­spe­zia­li­sist. Ein Spe­zia­list für das Fäl­len gro­ßer Bäume unter best­mög­li­cher Scho­nung der Umge­bung. Aus meh­re­ren Kos­ten­vor­anschlä­gen, min­des­tens zwei, werde ich den güns­tigs­ten aus­wäh­len. Die­ser Spe­zia­list, weiß ich aus Erfah­rung, wird den Zuschlag ver­mut­lich nicht bekom­men. Hand­wer­ker und Dienst­leis­ter, die als ers­tes schön haben Sie's hier sagen, brin­gen in ihre Kal­ku­la­tion den Schön-haben-Sie's-hier-Zuschlag ein. Min­des­tens zwan­zig Pro­zent. Schon am Tele­fon zur Ver­ein­ba­rung unse­res Ren­dez­vous war ver­mut­lich schon der erste Zuschlag zur Pro­fit­ma­xi­mie­rung fäl­lig gewor­den. Etwas har­ter teu­to­ni­scher Akzent. Aus­län­der­zu­schlag.

Vor ein paar Jah­ren war spät abends mal ein Ast abge­fal­len von einem die­ser gro­ßen Bäume. Ein­fach so. War wohl ein biss­chen mod­rig am Ansatz. Konnte man nicht vor­her­se­hen. Fiel eines Abends ein­fach ab und quer über den Park­platz der Appar­te­ment­an­lage. Gegen elf Uhr klopfte mich die Poli­zei aus dem Bett. Ob ich das nicht gehört hätte? – Was denn? – Na, mei­nen Baum, der gerade umge­fal­len wäre. Ich hatte nichts gehört. Eine Alarm­an­lage viel­leicht frü­her am Abend. Alarm­an­la­gen geben hier stän­dig Alarm. Auf dem Park­platz der Appart­ment­e­an­lage Kata­stro­phen-Sze­na­rio. Mein Baum lag quer über den Park­platz, die letz­ten Zweige direkt vor dem Ein­gangs­be­reich. Blau­licht von Poli­zei und Feu­er­wehr. Schein­wer­fer, Ket­ten­sä­gen. Rat­los umher­ste­hende Men­schen. Ich musste mein Bedau­ern zum Aus­druck brin­gen und For­mu­lare für die Ver­si­che­run­gen aus­fül­len.

Das wäre ja nicht ganz ein­fach, sagte der Baum­spe­zia­list, so dicht am Park­platz und an den ande­ren Bäu­men. So groß der Baum, so dick, so schwer. Euka­lyp­tus sei schwe­res Holz, selbst wenn es tro­cken ist und tot, außer­dem fase­rig und hart, erklärte der Baum­spe­zia­list. Viel schwe­rer zu bear­bei­ten noch als Eiche. Redete von Absper­run­gen auf dem Park­platz nebenan und Hebe­büh­nen, Spe­zi­al­ket­ten für seine Sägen. Euka­lyp­tus-Spe­zi­al­ket­ten. Min­des­tens drei Mann. Wahr­schein­lich ein gan­zer Tag. Extra­kos­ten für die Ent­sor­gung. Logisch. Damit würde er spä­ter im Ange­bot noch einen Wahn­sin­nig-schwie­rig-Zuschlag recht­fer­ti­gen. Dem Aus­län­der, der so wohnt, kann man bestimmt alles ver­kau­fen. Hat ja ver­mut­lich keine Ahnung, der Aus­län­der.

Damals waren fünf Autos zu Scha­den gekom­men. Zum Glück kein Per­so­nen­scha­den. Nicht aus­zu­den­ken, wenn Men­schen zu Scha­den gekom­men wären. Nur Autos. Eines davon Total­scha­den. Ver­mut­lich. Es sah zumin­dest nach Total­scha­den aus. Das Auto war ein Samm­ler­stück, sagte der Besit­zer, ergänzte aller­lei tech­ni­sche Details. Son­der­an­fer­ti­gung, viele Zylin­der. Was ver­stehe ich von Autos? Ein Auto ist gut, wenn es nicht jedes Jahr in die Werk­statt muss. Das Samm­ler­stück war ein Mer­ce­des. Einer von die­sen unver­wüst­li­chen, die Aber­mil­lio­nen von Kilo­me­tern schaf­fen. Nicht tot zu krie­gen. Mein Vater hatte mal so einen. So ein Modell von frü­her, ein Mani­fest gedie­ge­ner schwä­bi­scher Zuver­läs­sig­keit bar jeg­li­cher Ele­ganz. Mein Vater konnte sich nicht damit anfreun­den. Sein ers­ter und letz­ter Die­sel. Nie wie­der Die­sel. Der ein­zige Die­sel mei­nes Vaters fährt bestimmt noch irgendwo in Afrika als Taxi.

Auf dem Rück­weg zu sei­nem groß­rah­mi­gen SUV aus Bay­ern plau­der­ten wir noch ein wenig. Ich musste klar­stel­len, dass ich kein Bel­gier sei und dies hier nicht mein Zweit­wohn­sitz. Bel­gier sind min­des­tens ebenso unbe­liebt wie pari­si­ens und damit Zuschlags­an­wär­ter. Zweit­wohn­sitz geht ohne­hin nicht. Sol­chen Leu­ten muss man Geld abneh­men, wo es nur geht. Dass ich nicht im Urlaub hier wäre, son­dern in Frank­reich arbei­ten würde, ange­stellt im Kran­ken­haus. Bel­gier- und Zweit­wohn­sitz-Zuschlag wür­den sich trotz­dem im Ange­bot nie­der­schla­gen, ahnte ich. Unaus­ge­spro­chen. Dazu noch der Dok­tor­zu­schlag. Auch unaus­ge­spro­chen natür­lich.

Das Samm­ler­stück sah wirk­lich nicht gut aus. Das Dach ein­ge­drückt, fast alle Schei­ben in klei­nen Krü­meln. Zudem hatte ein Zweig des Asts den Motor durch­bohrt. Rich­tig tot. Erin­nerte mich an Dra­cula-Filme. Erst ein durchs Herz getrie­be­ner Holz­pf­lock bringt den Unto­ten die letzte Ruhe. Der Besit­zer würde diese Asso­zia­tion nicht so komisch fin­den, er hatte Trä­nen in den Augen. Was über­haupt hat ein angeb­lich so wert­vol­les Auto auf dem Park­platz einer Appar­te­ment­an­lage zu suchen, dachte ich mir. Ein Mer­ce­des sei ja eigent­lich nicht tot zu krie­gen, ver­suchte ich den trau­ri­gen Besit­zer zu trös­ten, mein Vater hätte auch so einen. Seit vie­len Jah­ren schon. Unver­wüst­lich. Sein gan­zer Stolz. Und bestimmt sei der Wagen ja ent­spre­chend sei­nes Werts ver­si­chert. Bei Mer­ce­des krie­gen die das bestimmt wie­der hin.

Zwei Tage spä­ter eine Mail mit dem devis, dem Ange­bot. 1 800 Euro HT, hors taxes, ohne Mehr­wert­steuer. Sämt­li­che Zuschläge offen­bar rea­li­siert. Mehr­wert­steuer noch­mal zwan­zig Pro­zent. Das kenne ich schon. Machen Maler, Klemp­ner, Mau­rer auch gerne so. Fan­gen an mit ihrem Schön-haben-Sie's-hier, den­ken sich einen pas­sen­den Zuschlag dafür, ergän­zen die­sen zunächst mit dem Wahn­sin­nig-schwie­rig-Zuschlag und ver­voll­stän­di­gen groß­zü­gig auf­grund ver­mut­lich bel­gi­schen Akzents, Zweit­woh­nung und Dok­tor. Mehr­wert­steuer, ja, lei­der. – Maxime, ein jun­ger Baum­spe­zia­list aus dem Dorf, macht den Baum mit einem Kum­pel an einem Sams­tag-Vor­mit­tag um. Ohne Absper­rung, ohne Hebe­büh­nen, ohne Kol­la­te­ral­scha­den. Eine Son­der­re­ge­lung als Jung­un­ter­neh­mer erlaubt ihm den Ver­zicht auf die Mehr­wert­steuer. Vier­hun­dert Euro. Maxime ist Anfän­ger im Spe­zia­lis­ten-Gewerbe.

Schön haben Sie's hier.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.


Für Aila von der Rivie­r­a­Zeit die auf gut vier­tau­send Zei­chen geschrumpfte Ver­sion

Einer von die­sen gro­ßen Bäu­men ist tot. Ein Euka­lyp­tus. Bestimmt zwan­zig Meter hoch, unten ein Durch­mes­ser von einem Meter. Die Haus­ver­wal­tungder Appart­ment­an­lage nebenan hatte mich dar­auf hin­ge­wie­sen.Ména­çant, bedroh­lich sei das. Die Haus­ver­wal­tung hat recht. Wenn der Baum umfällt Rich­tung Appart­ment­an­lage, würde er Bal­kone mit­neh­men und auf dem Park­platz ein Mas­sa­ker anrich­ten. Zahl­lose Auto. Schlimms­ten­falls Men­schen. Wer weiß, wann der Baum umfällt. Drin­gen­der Hand­lungs­be­darf.

Schön haben Sie's hier. Der Baum­spe­zia­li­sist. Ein Spe­zia­list für das Fäl­len gro­ßer Bäume unter best­mög­li­cher Scho­nung der Umge­bung. Aus meh­re­ren Kos­ten­vor­anschlä­gen werde ich den güns­tigs­ten aus­wäh­len. Die­ser Spe­zia­list wird den Zuschlag ver­mut­lich nicht bekom­men. Hand­wer­ker und Dienst­leis­ter, die als ers­tes schön haben Sie's hier sagen, brin­gen in ihre Kal­ku­la­tion den Schön-haben-Sie's-hier-Zuschlag ein. Min­des­tens zwan­zig Pro­zent. Schon am Tele­fon zur Ver­ein­ba­rung unse­res Ren­dez­vous war ver­mut­lich schon der erste Zuschlag fäl­lig gewor­den. Etwas har­ter teu­to­ni­scher Akzent. Aus­län­der­zu­schlag.

Vor ein paar Jah­ren war spät abends mal ein Ast abge­fal­len von einem die­ser gro­ßen Bäume. Ein­fach so, unvor­her­seh­bar. Fiel eines Abends ab und quer über den Park­platz der Appart­ment­an­lage. Gegen elf Uhr klopfte mich die Poli­zei aus dem Bett. Auf dem Park­platz der Appart­ment­an­lage herrschte Kata­stro­phen­stim­mung. Der Ast lag quer über den Park­platz, die letz­ten Zweige direkt vor dem Ein­gangs­be­reich. Blau­licht von Poli­zei und Feu­er­wehr. Schein­wer­fer, Ket­ten­sä­gen. Rat­los umher­ste­hende Men­schen. Ich musste mein Bedau­ern zum Aus­druck brin­gen und For­mu­lare für die Ver­si­che­run­gen aus­fül­len.

Das wäre ja nicht ganz ein­fach, sagte der Baum­spe­zia­list, so dicht am Park­platz und an den ande­ren Bäu­men, so groß, so dick, so schwer. Euka­lyp­tus ist schwe­res Holz, auch tro­cken und tot, außer­dem fase­rig und hart, erklärte der Baum­spe­zia­list. Viel schwe­rer zu bear­bei­ten noch als Eiche. Redete von Absper­run­gen auf dem Park­platz nebenan und Hebe­büh­nen, Spe­zi­al­ket­ten für seine Sägen. Euka­lyp­tus-Spe­zi­al­ket­ten. Min­des­tens drei Mann. Wahr­schein­lich ein gan­zer Tag. Extra­kos­ten für die Ent­sor­gung. Logisch. Damit würde er spä­ter im Ange­bot den Wahn­sin­nig-schwie­rig-Zuschlag recht­fer­ti­gen. Dem Aus­län­der, der so wohnt, kann man bestimmt alles ver­kau­fen. Hat ja ver­mut­lich keine Ahnung, der Aus­län­der. Dar­auf die Mehr­wert­steuer. Auch zwan­zig Pro­zent.

Damals waren fünf Autos zu Scha­den gekom­men. Zum Glück kein Per­so­nen­scha­den. Nicht aus­zu­den­ken, wenn Men­schen zu Scha­den gekom­men wären. Nur Autos. Eines davon sah nach Total­scha­den aus. Ein Mer­ce­des. Einer von die­sen unver­wüst­li­chen, die Aber­mil­lio­nen von Kilo­me­tern schaf­fen. So ein Modell von frü­her, ein Mani­fest gedie­ge­ner schwä­bi­scher Zuver­läs­sig­keit bar jeg­li­cher Ele­ganz. Nicht tot zu krie­gen. Ein Samm­ler­stück, sagte der Besit­zer mit Trä­nen in den Augen, ergänzte aller­lei tech­ni­sche Details. Son­der­an­fer­ti­gung, viele Zylin­der. Das Samm­ler­stück sah wirk­lich nicht gut aus. Das Dach ein­ge­drückt, fast alle Schei­ben in klei­nen Krü­meln. Zudem hatte ein Zweig des Asts den Motor durch­bohrt. Rich­tig tot. Ein Mer­ce­des sei ja eigent­lich nicht tot zu krie­gen, ver­suchte ich den trau­ri­gen Besit­zer zu trös­ten, mein Vater hätte auch so einen. Seit vie­len Jah­ren schon. Unver­wüst­lich. Und bestimmt sei der Wagen ja ent­spre­chend sei­nes Werts ver­si­chert. Das krie­gen die bei Mer­ce­des bestimmt wie­der hin.

Auf dem Rück­weg zu sei­nem groß­rah­mi­gen SUV aus Bay­ern plau­der­ten wir noch ein wenig. Ich musste klar­stel­len, dass ich kein Bel­gier sei und dies hier nicht mein Zweit­wohn­sitz. Bel­gier- und Zweit­wohn­sitz-Zuschlag wür­den sich trotz­dem im Ange­bot nie­der­schla­gen. Dazu noch der Dok­tor­zu­schlag. Zwei Tage spä­ter kam eine Mail mit dem Ange­bot. 1 800 Euro hors taxes, ohne Mehr­wert­steuer. Sämt­li­che Zuschläge offen­bar dis­kret inbe­grif­fen. Maxime, ein jun­ger Baum­spe­zia­list aus der Dorf, macht das mit einem Kum­pel an einem Sams­tag-Vor­mit­tag. Ohne Absper­rung, ohne Hebe­büh­nen, ohne Kol­la­te­ral­scha­den, ohne Mehr­wert­steuer. Vier­hun­dert Euro.

Schön haben Sie's hier.

Schweinehunde

Über den Win­ter hat sich ein gan­zes Rudel inne­rer Schwei­ne­hunde gegen mein Fahr­rad ange­sam­melt. Der Wind an sich, der Wind aus der fal­schen Rich­tung, die Kälte, die Nässe, die Wol­ken, die Regen­wahr­schein­lich­keit. Dazu die übli­chen Schwei­ne­hunde, die immer funk­tio­nie­ren. Der leere Kühl­schrank, zu wenig Kat­zen­fut­ter, der fast ver­stopfte Ablauf der Bade­wanne. Sowas. Wenn es ein Argu­ment gegen ein, zwei Stun­den Rad­fah­ren zu fin­den galt, fand sich auch eins.

Zur Not Stella.

2:16 Uhr das Tele­fon. Stella. Stella, la sage-femme, die Heb­amme. Braucht eine Péri­du­rale für eine Dritt­ge­bä­rende bei fünf Zen­ti­me­tern. Stella bezeich­net sich selbst als chat noir, als jeman­den, der Unglück irgend­wie anzu­zie­hen scheint. Wenn Stella im Kreiss­saal ist, geht immer, na ja, oft was schief. Okay, keine beun­ru­hi­gen­den Ein­zel­hei­ten an die­ser Stelle. Auch im Kreiss­saal kann eben immer wie­der mal was schief­ge­hen. Orga­ni­sa­to­risch, mensch­lich, medi­zi­nisch. Acht Minu­ten spä­ter schon, 2:24 Uhr, finde ich Stella in Saal 4. Der Mut­ter­mund mitt­ler­weile voll­stän­dig eröff­net. Typisch Stella. Eigent­lich zu spät für eine Péri­du­rale. Wie lange es wohl noch dau­ern würde, bis das Kind da sei? Na ja, eine halbe Stunde bestimmt viel­leicht schon noch. Bis die Péri­du­rale fer­tig ist und zu wir­ken beginnt, dau­ert es etwa zwan­zig Minu­ten.

Cap Garonne ist eine Wohn­lage wie Cap Fer­rat in Nizza, Pam­pe­lonne bei Saint-Tro­pez oder Cap Bénat bei Le Lavan­dou. Das Meer in Sicht­weite, Aus­sicht bis Kor­sika, woh­nen Leute – oder kom­men übers Wochen­ende – in Anwe­sen deut­lich jen­seits der Mil­lio­nen­grenze. Bei­la­gen von Hoch­glanz­ma­ga­zi­nen bie­ten sowas an. Drei Mil­lio­nen auf­wärts. Video­über­wa­chung, Pfört­ner, Zugangs­kon­trolle. Rie­sige Ter­ras­sen, Pools, deren blauer Hori­zont mit dem Him­mel ver­schmilzt. Im Fuhr­park eli­täre Roads­ter ohne Dach und rie­sige All­rad­schiffe, viel zu groß für die schma­len Stra­ßen. Am einem Don­ners­tag­mor­gen nach Stella mit­ten in der Nacht sind hier nur weiße Kas­ten­wa­gen unter­wegs, Klemp­ner, Gla­ser, Schlüs­sel­dienste. Auch in der Hoch­glan­z­im­mo­bi­lie geht mal eine Scheibe kaputt, ist mal ein Klo ver­stopft, hat der Nach­wuchs den Code der Alarm­an­lage ver­stellt. Sans faire exprès natür­lich. Warum sollte hier irgend­et­was anders sein als bei nor­ma­len Leu­ten?

Ob sie wirk­lich all die Risi­ken in Kauf neh­men möchte? Für zehn Minu­ten weni­ger Schmerz viel­leicht? – Wel­che Risi­ken? – Na ja, auch eine Péri­du­rale kann töd­li­che Kom­pli­ka­tio­nen mit sich brin­gen. Für Sie oder ihr Baby. So ist das eben in der Medi­zin. Oder Sie in den Roll­stuhl brin­gen. Das war ein biss­chen unfair, ich weiß. Das Glei­che sage ich den wer­den­den Müt­tern in der nor­ma­len Sprech­stunde zwar auch, gehört zur Risi­ko­auf­klä­rung, aber rela­ti­viere diese Risi­ken im glei­chen Atem­zug als heut­zu­tage eher theo­re­tisch.

Vor ein paar Jah­ren, ich kann mich noch prä­zise an den Abschnitt erin­nern, wurde ich von der fran­zö­si­schen Tri­ath­lon-Vize­meis­te­rin über­holt. In einer Stei­gung. Mor­gens um zehn nach acht. Sie hatte ihr Töch­ter­chen dabei, blond gelockt und in Rosa. Im Anhän­ger. Wahr­schein­lich auf dem Weg in die École mater­nelle. Beide lächel­ten und nick­ten mir auf­mun­ternd zu. Ich hatte nicht den Hauch einer Chance, auch nur dran zu blei­ben. Spä­ter fragte ich mich, ob das Fahr­rad der fran­zö­si­schen Tri­ath­lon-Vize­meis­te­rin nicht doch mit Bat­te­rie und Motor getunt war.

Die Dritt­ge­bä­rende will es nachts um halb drei unter der Vor­stel­lung nicht uner­heb­li­cher Risi­ken doch lie­ber mit ange­pass­ter Atem­tech­nik zu Ende brin­gen. Muss sich eben Stella mehr bemü­hen. Und kann nicht mehr als Schwei­ne­hund her­hal­ten.

Auf mei­ner Stre­cke über Cap Garonne, gemä­ßigt berg­auf und bergab, gesperrt außer für Anlie­ger und Rad­fah­rer, zwi­schen Pinien, Fel­sen, Man­del­bäu­men, Oli­ven und Fei­gen, gele­gent­lich eilige Kas­ten­wa­gen von vorne oder hin­ten, gibt es, abseits der abge­rie­gel­ten Wohn­be­zirke, zwi­schen ver­wil­der­ten Wein­stö­cken und ein­ge­fal­le­nen Gewächs­häu­sern, noch ursprüng­li­che Häus­chen in Bruch­stein. Man­che mit erheb­li­chem Reno­vie­rungs­be­darf. Aber mit vue mer. Spä­ter, wenn ich mal älter bin, wenn die Kin­der mal nicht mehr zuhause woh­nen und nur alle halbe Jahre für ein Wochen­ende zu Besuch kom­men, reicht mir auch sowas. Von mei­ner Ter­rasse aus kann man das Meer hören, sehen und rie­chen. Am Hori­zont die Fäh­ren nach Kor­sika, Sar­di­nien und Rom, manch­mal die Charles-de-Gaulle. Im Kühl­schrank immer ein Vor­rat von ein paar Fla­schen Rosé. Für die Enkel ein Matrat­zen­la­ger unter dem Dach, zur Abküh­lung reicht der Brun­nen im Gar­ten.

Für mich ein Fahr­rad mit Elek­tro­un­ter­stüt­zung.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

Trou du cul

Sonn­tag, 18:46 Uhr. Im Auto mit Frau und Toch­ter. Der Sohn erwar­tet uns mit den Freun­den am Kino. Super Timing. Ganz sel­ten schaf­fen wir es, so punkt­ge­nau im Auto zu sit­zen. Immer hat jemand was in letz­ter Minute ver­ges­sen. Handy, Porte­mon­naie, Regen­schirm. Wir haben Kar­ten für "Les Heu­res Som­bres" um 19:15 Uhr. Pathé Liberté. Das Kino im Stadt­zen­trum. Ten­den­zi­ell anspruchs­vol­lere Filme und Direkt­über­tra­gun­gen aus der Haupt­stadt oder der Oper in New York zei­gen sie nur im Stadt­zen­trum. Im Schwes­ter-Kino der neuen Bil­lig-Mall Rich­tung Nizza liegt der Schwer­punkt mehr auf Block­bus­tern. "Star Wars", "Jumanji" und fran­zö­si­scher Humor. In Imax oder 4D. Der Chur­chill-Film gilt wohl als anspruchs­vol­ler. Nur im Stadt­zen­trum. Ins Zen­trum gelangt man am schnells­ten über die Auto­bahn. Wenn der Auto­bahn­tun­nel unter der Stadt nicht zu ist. Wenn der Tun­nel zu ist, muss man die Schleich­wege ken­nen oder gott­er­ge­ben auf ein Wun­der hof­fen. Gott­er­ge­ben ist meis­tens bes­ser, weil alle Ein­hei­mi­schen die Schleich­wege ken­nen.

Jetzt müss­test du schon fah­ren wie ein Arsch­loch, wenn wir das Kino noch schaf­fen wol­len, sagt meine Frau.

Sie hat recht. Tun­nel fermé. Acci­dent. Steht da. Der Tun­nel ist zu. Wegen Unfall. Rote Pfeile auf den Leucht­ta­feln über den drei Spu­ren wei­sen blin­kend nach rechts, auf die Aus­fahrt direkt vor dem Tun­nel. Viele Ver­kehrs­teil­neh­mer fol­gen früh­zei­tig die­ser Auf­for­de­rung. Eigent­lich ganz ver­wun­der­lich ange­sichts der im all­ge­mei­nen eher medi­ter­ra­nen Inter­pre­ta­tion der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung. Die linke Spur ist rela­tiv frei. Ich weiß, was meine Frau meint. Auf dem Weg zur Oper ist unser Timing manch­mal pri­mär nicht gut. Handy, Kre­dit­karte, Tickets. Unter ver­hal­te­nem Pro­test mei­ner Frau sehe ich mich gele­gent­lich genö­tigt, mein Poten­tial zu medi­ter­ra­ner Aus­rei­zung der Ver­kehrs­re­geln unter Beweis zu stel­len. Der Pro­test mei­ner Frau auf dem Weg zur Oper, wie gesagt, eher ver­hal­ten. Zweck­dien­lich ver­hal­ten. Meine Frau würde mich nur ungern offen zum Regel­bruch auf­for­dern. Ich weiß auch so, was meine Frau meint. Meine Toch­ter auch. Meine Toch­ter ist wohl­erzo­gen. Der offene Regel­bruch ent­spricht nicht ihrem Natu­rell. Sie hätte sowieso lie­ber "Belle & Sebas­tian 3" geguckt.

Tu né vas pas faire ça! Das machst du nicht! Tu né vas pas encore con­du­ire comme un thug! Nicht schon wie­der!

Wieso eigent­lich "schon wie­der"? Wann schon über­trete ich mal Ver­kehrs­re­geln? Rot ist rot. Aus Prin­zip. Mit Kin­dern im Auto erst recht. Und Tempo fünf­zig ist Tempo fünf­zig. Plus zehn Pro­zent viel­leicht. Höchs­tens. Habe ich ande­rer­seits denn aktu­ell eine Wahl? In mei­nem Tele­fon ist der QR-Code für alle unsere Kino­plätze gespei­chert. Acht Plätze. Mein Sohn war­tet, die Freunde war­ten. Mein Sohn wollte die­sen Film unbe­dingt sehen, weil er diese Woche eine Klas­sen­ar­beit zum zwei­ten Welt­krieg hat. Seine Initia­tive. Muss man för­dern sowas. Tun­nel auf oder zu, Pfeile nach rechts hin oder her, ich habe keine Wahl. Die linke Spur ist gera­dezu frei. Voll­zo­gene Inte­gra­tion mani­fes­tiert sich auf der lin­ken Spur.

Papa!

Herr Diehl!

Meine Frau hat auch keine Wahl. Sie muss offi­zi­ell Pro­test ein­le­gen. Das ist sie ihren teu­to­ni­schen Genen schul­dig. Und ihrer Rolle als Erzie­hungs­be­rech­tig­ter.

Was? Wol­len wir nun recht­zei­tig ins Kino kom­men oder nicht?

Natür­lich wol­len wir recht­zei­tig ins Kino kom­men. Ist ohne­hin nicht mehr weit bis zur Aus­fahrt, ein knap­per Kilo­me­ter viel­leicht noch. Die Aus­fahrt ist das Nadel­öhr. Gleich nach dem Nadel­öhr gibt es drei neue Spu­ren.

Blau­licht im Rück­spie­gel, Not­arzt, Feu­er­wehr. Vor­ne­weg bahnt ein Klein­wa­gen baye­ri­scher Pro­duk­tion mit Licht­hupe den Weg, um kurz vor der Sper­rung rechts ein­zu­sche­ren. Das ist fort­ge­schrit­tene Inte­gra­tion. Soweit bin ich noch nicht. Passt auch nicht zur Fami­li­en­kut­sche. Hin­ter dem Blau­licht ist die Bahn auch frei. Das wie­derum kann ich.

Papa!

Herr Diehl!

Was? Wol­len wir nun recht­zei­tig ins Kino kom­men oder nicht?

19:02 Uhr in der Ein­gangs­halle des Kinos. Als wäre nichts gewe­sen.

Excep­ti­on­nel­le­ment. Aus­nahms­weise. Aber nächs­tes Mal die Aus­weise nicht ver­ges­sen! Dem Kar­ten­prü­fer am Zugang zu den Sälen war schon aus der Ent­fer­nung anzu­se­hen, dass er Ärger machen würde. Diese Gesichts­haar­tracht ist ein Warn­zei­chen. "Gewerk­schaf­ter­b­art" heißt das bei wiki­pe­dia. Nor­ma­le­ment, eigent­lich, dürf­ten die Kin­der ohne ent­spre­chende Aus­weise nicht ins Kino. Ich kann ja auch nichts dafür, Anwei­sung der Direk­tion. Die Kin­der sol­len per Aus­weis bele­gen, dass sie zurecht vom jeweils ermä­ßig­ten Tarif pro­fi­tie­ren. Ehr­lich? Sieht man das nicht? Sehen mein Sohn und sein Freund nicht aus wie col­lé­gi­ens? Meine 12jährige Toch­ter und ihre Freun­din nicht wie unter vier­zehn?

Bei­nahe wäre trotz lang­wie­ri­ger Ver­hand­lun­gen mein selbst­lo­ser Ein­satz auf der Straße hin­fäl­lig gewe­sen.

Die Mut­ter des Freunds und der Freun­din, Vio­lo­nis­tin an der Oper, ist außer sich. So kenne ich sie gar nicht. Dem­nächst krie­gen die Kin­der nicht mal mehr eine Cola ohne Aus­weis! Wünscht dem Kar­ten­le­ser auf dem Weg nach Saal 6 alles nur erdenk­li­che Unheil an den Hals. Wer schon mit sol­chen Haa­ren im Gesicht rum­läuft! Dabei hatte der nun ja auch keine Wahl. Anwei­sung der Direk­tion. Wozu wären sonst Vor­schrif­ten da? Trotz­dem, natür­lich hat sie recht. Pinail­leur, petit con pré­ten­tieux, trou du cul. Erb­sen­zäh­ler, Klug­schei­ßer, Arsch­loch.


© Bertram Diehl, 2018. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

Jeu de l'oie

Quoi? Was ist? -

Gér­ard ist sicht­lich genervt. Drau­ßen liegt die Tem­pe­ra­tur bei deut­lich über drei­ßig Grad, in mei­ner Wasch­kü­che ist es auch nicht küh­ler. Dazu tro­pi­sche Luft­feuch­tig­keit. Schweiß­trei­bend. Da hat ihm seine Frau am Tele­fon gerade noch gefehlt. Ich kenne das. Wenn mein Tele­fon den gan­zen Tag bis­her nicht geklin­gelt hat, muss ich mich unter die Dusche stel­len oder gerade ste­rile Hand­schuhe über­ge­streift haben um eine Péri­du­rale zu ste­chen. Klin­gelt bestimmt das Tele­fon. Ist nicht immer meine Frau.

Die müs­sen auf dem Küchen­tisch lie­gen. -

Gér­ard ist der erste vom Darty-Kun­den­dienst, der sich mit Namen vor­ge­stellt hat. Gér­ard vom Darty-Kun­den­dienst. Darty ist in Frank­reich sowas wie Saturn oder Media­markt in Deutsch­land. Vor einer hal­ben Stunde war Gér­ard noch vol­ler Zuver­sicht. Beim Kun­den vor­fah­ren, Maschine auf­schrau­ben, Teil aus­wech­seln, kurz tes­ten, alles funk­tio­niert wie­der, zufrie­de­ner Kunde. Papier­kram. Zehn Minu­ten grand maxi­mum. Und dann das: E:58 und E:67. Sein Teil ist das fal­sche. Er ist über­zeugt, der Kol­lege irrt. Aber nun, wo er schon mal hier ist.

Na da, wo ich sie immer hin­lege, neben der Obst­schale. Ich lege die Schlüs­sel immer neben die Obst­schale, weißt du doch! -

Drei Wochen frü­her. 14. Juli. Fei­er­tag in Frank­reich. Natio­nal­fei­er­tag. 2017 ein Frei­tag. Meine Frau ist im Haus­halt tätig. Wischen, put­zen, räu­men. Ich mache wahr­schein­lich mal wie­der nichts. Kann ich beson­ders gut, sagt meine Frau. Nichts machen, meint sie, kann ich beson­ders gut. Sagt sie immer dann, wenn sie mal was macht im Haus­halt. Kannst du mal die Wasch­ma­schine repa­rie­ren. Die geht nicht mehr auf. Maschi­nen gehen immer vor dem Wochen­ende kaputt.

Die müs­sen da sein, schau' doch noch mal rich­tig! -

E:58. Die Wasch­ma­schine ist fast fer­tig gewor­den mit einem Wasch­gang. Ein gel­bes Licht blinkt, das Fens­ter zur Wäsche lässt sich nicht öff­nen. Aus- und Ein­schal­ten hilft manch­mal. Dies­mal nicht. Ton­si­gnal, gelbe Leuchte, E:58. 58 sagt mir was, das war, glaube ich, schon mal. Oder war es die Spül­ma­schine? Oder was ganz Ande­res? Bestimmt hat ein Lego­teil die Pumpe blo­ckiert. Oder ein Ein-Cent-Stück. Ich habe auch schon Zahn­sto­cher in den Flü­geln der Pumpe ver­klemmt gefun­den. Man kann sich kaum vor­stel­len, wie ein Zahn­sto­cher dahin­kommt. Aber, mich kann nichts mehr über­ra­schen an der Pumpe. Kenne ich. Das gibt immer sol­che Feh­ler­mel­dun­gen, irgend­was mit E. Ich habe schon, frü­her mal, Kun­den­dienst kom­men las­sen, 78 Euro plus Mehr­wert­steuer für Anfahrt und die erste halbe Stunde, 39 Euro jede wei­tere halbe Stunde. Da wusste ich noch nicht, dass eine Pumpe ver­klem­men kann. Haben Sie schon mal an der Pumpe nach­ge­se­hen? Wel­che Pumpe? Macht 78 Euro plus Mehr­wert­steuer. Nicht ver­han­del­bar. Keine fünf Minu­ten spä­ter war der Kun­den­dienst wie­der weg. Haar­spange der Toch­ter. Drei Minu­ten alleine für den Papier­kram. Lehr­geld. Pas­siert mir nicht wie­der. An der Pumpe liegt es dies­mal nicht. Kla­rer Fall für den Kun­den­dienst.

Ich habe keine Ahnung, wo sie sonst sein kön­nen. Ich bin nach Hause gekom­men und habe sie auf den Tisch gelegt. So wie immer. Ganz sicher. -

Der tele­fo­ni­sche Kun­den­dienst von Darty funk­tio­niert auch an Fei­er­ta­gen. Ein biss­chen ver­zö­gert zwar, knappe Vier­tel­stunde War­te­schleife, aber immer­hin.

Mon­tag schon wird ein Tech­ni­ker kom­men. Nach­mit­tags zwi­schen 12 und 17 Uhr. Wird sich der Sohn küm­mern müs­sen.

Ich habe jetzt eigent­lich keine Zeit, ich bin beim Kun­den. Frag' doch mal Mathieu, viel­leicht hat der sie genom­men, ce con­nard. -

Gér­ard ist mitt­ler­weile der dritte aus der Kun­den­dienst-Mann­schaft von Darty. Der erste kam tat­säch­lich schon am Mon­tag nach dem Frei­tags­fei­er­tag. Der Sohn war zuhause. Es muss ein kur­zer Auf­tritt gewe­sen sein. Blick­dia­gnose. E:58. Das kann nur das module de puis­sance sein, was auch immer das sein mag. Hatte er nicht dabei. Lei­der. Musste bestellt wer­den. Papier­kram drei Minu­ten. 89 Euro. Plus Mehr­wert­steuer. Ist mitt­ler­weile aller­dings ein Pau­schal­preis. Egal wie oft sie kom­men müs­sen. Immer­hin. Die Bestel­lung dau­ert zehn Tage. Neuer Ter­min am Sams­tag Nach­mit­tag in zehn Tagen. Zwi­schen 12 und 17 Uhr. Per Mail ein Ein­satz­be­richt. Oben das Motto, notre objec­tiv: vous satis­faire à 100%, unser Ziel: Ihre Zufrie­den­heit zu 100%.

Ça va, ça va, ich weiß, dass Mathieu kein con­nard ist, excuse-moi! Wie gesagt, ich arbeite! Ich weiß aber auch nicht, wo die Schlüs­sel sind! -

Sams­tag Nach­mit­tag, 17 Uhr. Gut zehn Tage spä­ter. Wir waschen unsere Wäsche eben solange im Wasch­sa­lon keine fünf Minu­ten ent­fernt. Der Tech­ni­ker, ein ande­rer als beim ers­ten Mal, hat noch, übers Dépar­te­ment ver­teilt, drei wei­tere Kun­den zufrie­den­zu­stel­len. Erwähnt er gleich zum Bon­jour. Die Logis­ti­ke­rin hat anschei­nend keine Ahnung von der Geo­gra­fie des Dépar­te­ments, sagt er, und Darty sei ohne­hin sowas von schlecht orga­ni­siert. Dass die über­haupt über­le­ben kön­nen, und das schon so lange! Er ist auch nicht ein­ver­stan­den mit der Blick­dia­gnose sei­nes Vor­gän­gers. E:58 wäre nor­ma­ler­weise der con­ver­tis­seur de fréquence. Oder beide, module de puis­sance und con­ver­tis­seur de fréquence. Hätte der Kol­lege ein­fach im Hand­buch nach­le­sen kön­nen. Aber viel­leicht kann der ja nicht lesen. Egal, sagt er, jetzt bin ich ja schon mal hier. Die­ser Herr weiß genau, wie man das anstellt mit der Kun­den­zu­frie­den­heit. Sein Bau­teil befin­det sich raf­fi­niert ver­steckt hin­ter der Vor­der­front. Ça, ils le savent très bien, ces boches, nous faire chier tout le temps. Über­setzt, im Ton abge­mil­dert: Das kön­nen sie, diese Deut­schen, uns das Leben schwer­ma­chen. Die Maschine ist von Sie­mens. Etwa zwan­zig Kabel mit zwan­zig ähn­li­chen Ste­ckern füh­ren zum module de puis­sance. Das module de puis­sance muss das Gehirn der Maschine sein. Wäre aber idio­ten­si­cher, sagt er. Jeder Ste­cker passt nur in einer bestimm­ten Buchse. Am Ende ist alles wie­der ver­steckt hin­ter der Vor­der­front, irgend­wie. Und dann: E:67. Ob er sich nicht doch getäuscht haben könnte mit einem der idio­ten­si­che­ren Ste­cker? Immer noch kaputt. Aber anders. Noch kaput­ter viel­leicht. Sagte ich doch gleich, meint der Tech­ni­ker irgend­wie tri­um­phie­rend. Das andere Teil hat er jedoch nicht dabei, lei­der. Der Kol­lege von letz­ter Woche hätte es übri­gens im Wagen gehabt, weiß seine Soft­ware. Der muss es wohl irgend­wie eilig gehabt haben. Neues Ren­dez­vous nächs­ten Frei­tag. Nach­mit­tags. Ob er selbst wie­der käme, kann er natür­lich nicht sagen. Meine Zufrie­den­heit als Kunde erfährt zuneh­mend Ein­schrän­kun­gen. Drei Sterne von fünf viel­leicht noch.

Also, dann kann ich dir auch nicht hel­fen. Bor­del à cul! -

Gér­ard ist am Rande sei­ner Ner­ven­kraft. Das Tele­fon zwi­schen lin­kes Ohr und die Schul­ter geklemmt, hat er die Rück­seite der Maschine auf­ge­schraubt, zwölf Schrau­ben, das Bau­teil aus­ge­tauscht und fest­ge­stellt, dass die Maschine immer noch nicht funk­tio­niert.

Ich muss jetzt auch auf­le­gen, ich bin immer noch beim Kun­den. Bisous. Küss­chen.

E:67. Unver­än­dert. Hätte schlim­mer kom­men kön­nen, E:79 oder so. Habe ich ja gleich gesagt. Wie­der die­ser Recht­ha­ber-Tri­umph, den sein Vor­gän­ger schon so gut konnte.

Den Mon­tag dar­auf holt Darty die Wasch­ma­schine ab. Auf meine Anre­gung hin. Ich könnte nicht jede Woche einen Nach­mit­tag frei krie­gen, um ihm oder sei­nen Kol­le­gen beim Bas­teln zuzu­se­hen. Neh­men Sie sie mit und brin­gen Sie sie wie­der, wenn sie funk­tio­niert. Gegen Gér­ards Beden­ken. Ganz schwie­rig, das ginge nur mit Geneh­mi­gung von höchs­ter Stelle, François Hol­lande sozu­sa­gen. Ging dann doch. Gér­ard hat den Zei­ten­wech­sel ver­schla­fen, François Hol­lande ist nicht mehr der Chef. Mit Emma­nuel Macron geht alles bes­ser. Meine Kun­den­zu­frie­den­heit ist nichts­des­to­trotz auf einem Tief­punkt ange­langt, ein Stern noch. Weni­ger geht nicht.

Ich erin­nere mich mitt­ler­weile, wo ich die 58 schon mal gese­hen habe. Im Gän­se­spiel. Auf Feld 58, ganz kurz vor dem Ziel, stirbt die Gans. Oder schläft ein. Der Spie­ler muss von vorne begin­nen. Deut­sche Tech­ni­ker haben einen dis­kre­ten Sinn für Humor. E:58 heißt weg mit der Maschine, die ist rich­tig kaputt, hol' dir 'né neue. Sowas kön­nen deut­sche Tech­ni­ker. Die Maschine erkennt den Erst­kon­takt mit der Steck­dose des Kun­den. Die Obso­les­zens ist auf genau sechs Jahre spä­ter pro­gram­miert, ganz sicher außer­halb jeg­li­cher Garan­tie­op­tio­nen. Da kön­nen Gér­ard und seine Kol­le­gen machen, was sie wol­len. Sagt ihnen aber kei­ner. Dis­krete deut­sche Tech­ni­ker eben.


© Bertram Diehl, 2017. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Zombies

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Letz­ten Frei­tag nach dem Dienst ähnelte mein Zustand dem eines Zom­bies. Untot. Intel­lek­tu­el­les Zwerg­ha­sen-Niveau, geeig­net maxi­mal zur Bewäl­ti­gung von Klein­bau­stel­len. Klein­bau­stel­len sind Bau­stel­len im und ums Haus, deren Bewäl­ti­gung weni­ger als einen hal­ben Tag bean­spru­chen. Vor­aus­sicht­lich. Zwi­schen den aktu­el­len Klein­bau­stel­len hatte ich immer­hin Zeit, mit mei­nem Sohn zu Mit­tag zu essen. Mein Mit­tag­essen war das Früh­stück mei­nes Sohns. Hast du was vor heute Abend? Er hat oft was vor abends. Heute Abend Bar-à-Thym in Tou­lon. Mit Fla­vie, Mar­got und Tho­mas. Die Bar muß so eine Art In-Kneipe sein im Upper­class-Vier­tel, nicht weit vom Stadt­strand, mit Live-Musik manch­mal, hält sich schon seit ein paar Jah­ren. Und das trotz Tages­zei­tungs-fähi­gen Pro­tests der Anwoh­ner. Obwohl das bei Var matin, der regio­na­len Tages­zei­tung, noch gar nichts hei­ßen mag, die brin­gen jedes Thema auf die Titel­seite. Heute, Mon­tag, hat es eine Schild­kröte auf Seite eins geschafft. Beim Eier­le­gen am Strand. Vor Le Lavan­dou oder Fréjus, glaube ich. Innen noch eine wei­tere Dop­pel­seite dazu. Eine Bio­lo­gin, Sido­nie, kommt zu Wort, nor­ma­ler­weise schwimmt diese Sorte Schild­krö­ten zur Eiab­lage nach Grie­chen­land, wahr­schein­lich ist der Kli­ma­wan­del schuld. Zu Wort kom­men auch Anwoh­ner, Madame und Mon­sieur Jouan­neau, mit Bild, er im Karo­hemd, ganz ver­zau­bert von soviel Natur­wun­der vor der eige­nen Haus­tür.

In die umstrit­tene Kneipe ging schon der große Bru­der gerne mit sei­nen Copains. Jetzt, wo die Copains weg sind aus der Gegend, geht er nur noch ganz sel­ten in die Stadt. Dafür der jün­gere Bru­der um so öfter. Erst Bar-à-Thym und dann Über­nach­ten bei uns zuhause. Aha, Über­nach­ten bei uns, sehr inter­es­sant! Das ist mal was Neues. Über­nach­ten mit Fla­vie, Mar­got und Tho­mas. An wel­che Zim­mer er denn da dächte. Obwohl, so genau will ich das eigent­lich gar nicht wis­sen, wie die­ses Über­nach­ten wirk­lich aus­se­hen soll, auch die Mäd­chen sind immer­hin voll­jäh­rig. Ich wün­sche mir nur, daß es nicht so spät würde und bitte so leise wie mög­lich, immer­hin hätte ich ja Dienst gehabt und wäre bis zwei Uhr nachts unter­wegs gewe­sen. Mit zudem unan­ge­nehm kräf­te­rau­ben­der Zwi­schen­mensch­lich­keit zum Per­so­nal der Ambu­lanz. Mor­gen früh würde ich gerne ein biß­chen Rad­fah­ren. Früh. Heute würde ich also gerne früh schla­fen gehen. Und das Châ­teau, das wüßte er ja, sei sehr hell­hö­rig. Des­we­gen leise, bitte. So leise wie mög­lich. Non-non-non, pas de pro­blè­mes, sagt der Sohn, das käme ihnen allen ent­ge­gen, am nächs­ten Mor­gen woll­ten sie früh raus, so früh wie mög­lich eben, nach einem Abend in der Bar, weil sie ins Hin­ter­land fah­ren woll­ten, Cas­cade de Sil­lans. Ob es da über­haupt noch genug Was­ser gibt für den Was­ser­fall und das Becken dar­un­ter ange­sichts der anhal­ten­den Tro­cken­heit, frage ich mich, sage es aber nicht laut, denn, wenn man da erst­mal einen Zwei­fel säht, kippt womög­lich das ganze Pro­jekt. Früh ins Bett, so früh wie mög­lich, trotz Bar-à-Thym.

Es muß so gegen Mit­ter­nacht gewe­sen sein, ich hatte gerade was im kindle zu Ende gele­sen, Bov Bjerg, "shoo­ting star" bei ama­zon, Die Moder­ni­sie­rung mei­ner Mut­ter, kleine Geschich­ten, mir gefällt der Stil. Kaum war das Licht aus, ging die Fête los. Face­book-Fête wohl, kommt alle zu mir, nur mein Vater ist zuhause, egal, der wird nichts sagen. Etwas kurz­fris­tig, des­we­gen nur die zwan­zig bes­ten Freunde. Kichernde, krei­schende Mäd­chen, bol­lernde Jungs-Bässe, laut­star­kes Plan­schen am Pool. Immer­hin nur wenig Musik. Kichernde, krei­schende Mäd­chen, bol­lernde Jungs-Bässe, laut­star­kes Plan­schen am Pool rei­chen aber. Ab und an geht einer auf Toi­lette. Oder pol­tert durchs Trep­pen­haus. An Schlaf nicht zu den­ken. Däm­mern wie untot. Ich gebe mich trotz­dem cool, ich muß ja nicht immer alles ver­bie­ten, halte still, lange kann es ja nicht mehr dau­ern, sie wol­len ja früh raus mor­gen, so früh wie mög­lich, die Cas­ca­des von Sil­lans. sms 4:47 Uhr, dann doch, lass' es doch bitte ein Ende haben nun, lie­ber Sohn. Keine Reak­tion. Muß ich jetzt wirk­lich auf­ste­hen, mich anzie­hen, den uncoo­len Alten spie­len? Und die gan­zen Jun­gen gucken mich ange­wi­dert an? Viel­leicht erst noch ein Ver­such mit dem Tele­fon? Mess­a­ge­rie. Zwei­ter Ver­such. Wie­der Mess­a­ge­rie. Beim drit­ten Mal ant­wor­tet er dann doch. Täte ihm leid, sagt er, so wäre das nicht vor­ge­se­hen gewe­sen.

Halb sechs end­lich Ruhe. Da däm­mert es schon. Die geplante Tour über den Faron auf sie­ben Uhr kann ich mir abschmin­ken. Das wird noch ein zwei­ter Zom­bie-Tag. Gut für Klein­bau­stel­len nied­ri­gen intel­lek­tu­el­len Anspruchs.

8:29 Uhr. An einem Sams­tag Mor­gen ist das ein guter Moment, mit der Trenn­scheibe Beton zu sägen. Schon lange pro­kras­ti­nierte Klein­bau­stelle. Lei­der auf der Süd­seite des Châ­teaus. Oben schla­fen die Mäd­chen und die Jungs. Tut mir wirk­lich leid. Wirk­lich. Dau­ert eine Stunde höchs­tens. Aller­höchs­tens. Ihr woll­tet doch ohne­hin früh auf­ste­hen, so früh wie mög­lich eben nach einem net­ten Abend im Bar-à-Thym, ihr woll­tet doch an die Cas­cade von Sil­lans, oder? Kurz nach zehn drei Zom­bies am Früh­stücks­tisch, unge­duscht knab­bern sie was von Kellogg's oder Nestlé, mein Sohn in Sporthose, nack­ter Ober­kör­per, die Mäd­chen nicht mehr so hübsch und schlecht fri­siert. Zom­bies. Tut ihm schreck­lich leid für ges­tern Abend, sagt der Sohn. Schreck­lich. Mar­got ist déso­lée. Vrai­ment. Fla­vie sagt gar nichts, stumme Küß­chen. Schmoll' doch. Tho­mas und die ande­ren sind offen­bar doch noch nach Hause gefah­ren. Die Ande­ren, wel­che Ande­ren? Soviel Geräusch? Zu viert? Wow!

Die Cas­cade fällt aus. Nicht mal Strand geht mehr. Auch Zom­bies müs­sen mal was schla­fen.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Claire

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Die Kas­sie­re­rin wünscht mir einen schö­nen Tag. Danke, Ihnen auch, Méla­nie. Méla­nie ist Kasse 3 bei Déc­a­th­lon. Kas­sie­re­rin­nen mögen das, wenn man sie auch mal als Mensch wahr­nimmt. Wahr­schein­lich sind sie des­we­gen auch meist beschrif­tet. Méla­nie ent­lockt das ein Lächeln. Immer­hin. Mein Tag würde bestimmt schö­ner wer­den als ihrer, sagt sie. Klar, es ist Fei­er­tag und Méla­nie hat ihren lan­gen Tag heute. Sie muß blei­ben bis 16:15 Uhr. Zu spät für Strand. Muß ich sie jetzt bedau­ern? Ich könnte sie pro­blem­los über­trump­fen. Mein Tag ist erst mor­gen früh gegen neun zu Ende. Will sie aber ver­mut­lich nicht wis­sen. Bön cou­rage, Méla­nie.

Viel frü­her schon hatte ich Clau­dia am Tele­fon, Vier­tel vor acht. Das mag ich nicht so gerne, mein Dienst fängt erst um halb neun an. Clau­dia ist Heb­amme. Und Elsäs­se­rin. Aus einem Dorf nicht weit von Col­mar. Das Elsaß ist eine Region, die im Laufe der letz­ten Jahr­hun­derte den ver­schie­dens­ten natio­nalen Ein­flüs­sen unter­wor­fen war. Schweiz, Deutsch­land, Frank­reich. Alle woll­ten was von ihnen und scho­ben sie hin und her. Das zeich­net so einen Men­schen­schlag bis in die Gene­tik. Sie tra­gen die Ver­an­la­gun­gen dreier Natio­nen in sich. Im Schlech­ten und ver­mut­lich auch im Guten. Clau­dia lächelt sel­ten. Sie ist gene­tisch mehr auf der unan­ge­neh­men Seite gelan­det. Auf der dunk­len Seite. Der mit der Gründ­lich­keit der Deut­schen, der Uner­bitt­lich­keit der Schwei­zer und der Anma­ßung der Fran­zo­sen. Clau­dia will mich zum Stand der Dinge im Kreiß­saal infor­mie­ren. Als ob mich das inter­es­sie­ren würde. Schon gleich gar nicht um Vier­tel vor acht. Clau­dia lässt sich in ihren Aus­füh­run­gen nur schwer unter­bre­chen. Da kommt die Uner­bitt­lich­keit so ein biß­chen durch. Okay, ich mag Clau­dia nicht so gerne. Viel­leicht ein­fach nur per­sön­li­che Vor­be­halte. Isa­belle oder Lae­ti­tia wären mir lie­ber gewe­sen. Als Heb­am­men für den Tag.

Eine Stunde spä­ter, Vier­tel vor neun. Der Ortho­päde hat einen kaput­ten Ober­schen­kel zu ope­rie­ren. Teil­pro­these. Doc­teur B. zieht die Kom­mu­ni­ka­tion per sms dem per­sön­li­chen Gespräch vor. Finde ich etwas merk­wür­dig. Wann er ope­rie­ren könne. Zehn Uhr, schreibe ich ihm. Das passt zum Fei­er­tag und läßt mir noch ein paar kleine Spiel­räume. Déc­a­th­lon eben. Die haben auch kei­nen Fei­er­tag. Frü­her, im Kran­ken­haus des nord­öst­li­chen Ruhr­ge­biets, war eine Zeit­an­gabe der Zeit­punkt für den Beginn des Ein­griffs. Zehn Uhr hieß "Schnitt" um zehn Uhr. Alles fer­tig für den Auf­tritt des Chir­ur­gen. Schla­fen­der Pati­ent, ver­klei­dete Schwes­tern und Assis­ten­ten, das OP-Feld ste­ril. Das erfor­dert einen Vor­lauf von einer guten hal­ben Stunde. In Süd­frank­reich heißt zehn Uhr, man sollte es gegen zehn Uhr nicht mehr weit bis zum Park­platz haben. Nach einer Runde Kaf­fee der Anruf auf der Sta­tion: bringt uns doch mal bitte die Teil­pro­these. Schnitt gegen elf. Bis Frau C. aus dem Auf­wach­raum wie­der auf dem Weg in ihre Sta­tion ist, wird es pro­blem­los halb zwei Uhr nach­mit­tags. Dann könnte ich noch­mal ver­schwin­den.

Zuhause gibt es mas­sen­weise Bau­stel­len, die auf mich war­ten. Ganz aktu­ell der Pool. Pool? Alle haben hier einen Pool. Viel­leicht nicht alle hier, aber die meis­ten aus dem Kran­ken­haus­um­feld. Ver­mut­lich sogar der Bran­car­dier – der Prit­schen­schie­ber, der die Pati­en­ten in ihren Bet­ten von Sta­tion in den OP und wie­der zurück schiebt. Weil der jeman­den kennt, der Bag­ger und Last­wa­gen fährt, weiß, wo man den Aus­hub unauf­fäl­lig depo­nie­ren kann und sich das Becken eben selbst mau­ert, pas de pro­blème. Das Grund­stück mit dem Haus drauf aus der Fami­lie und sowieso deut­lich grö­ßer als die Hand­tuch­par­zel­len in Deutsch­land. Das Was­ser im Pool ganz legal und kos­ten­güns­tig direkt aus dem Canal de Pro­vence. Ein biß­chen Rich­tung Saint-Anto­nin-du-Var viel­leicht, tiefs­tes Hin­ter­land, aber egal. Auch dort gibt es schöne Anwe­sen mit Aus­sicht. Natür­lich ahnt auch der Prit­schen­schie­ber nicht von Anfang an, wie­viel Auf­wand so ein Pool wirk­lich mit sich bringt.

Ich hatte vori­gen Sams­tag Syl­vain da. Syl­vain ist der Spe­zia­list für alles, was die piscine betrifft, den Pool. Syl­vain ist der pisci­niste. Er hat mir nicht nur ein paar Rohre neu geklebt, son­dern auch den Fil­ter mit neuem Sand befüllt. Den alten Sand hat er, neben­bei bemerkt, nicht, wie ich mir das gewünscht hätte, mit­ge­nom­men und irgendwo unauf­fäl­lig ent­sorgt, son­dern nicht wirk­lich dis­kret im Umfeld des Pools ver­teilt. Mit Abstri­chen muß man auch beim Spe­zia­lis­ten leben. Ich habe noch kei­nen Hand­wer­ker ohne Abstri­che erlebt. Mit vier­hun­dert Euro recht güns­tig ande­rer­seits. Sonst zahle ich jedem Hand­wer­ker Son­der­ta­rife. Auf­schläge. Aus­län­der-Auf­schlag, Dok­tor-Auf­schlag, wenn sie das durch indirs­kre­tes Fra­gen her­aus­fin­den. Und Alt­bau-Auf­schlag. Der Auf­schlag für das Haus eben. Es gibt eine Post­karte davon, frü­hes zwan­zigs­tes Jahr­hun­dert ver­mute ich, "Châ­teau Mon­fleury". Das sage ich kei­nem Hand­wer­ker, sonst gäbe es sofort einen signi­fi­kan­ten Post­kar­ten-Auf­schlag. Und wenn Hand­wer­ker zum Kos­ten­vor­anschlag schon vor dem Bau ste­hen und sagen, Sie haben's aber schön hier, weiß ich, daß sich dafür bereits der Grund­preis ver­dop­peln wird. Allein für das Sie haben's aber schön hier. Da kann ich mir den Mund fus­se­lig reden davon, daß wir gekauft hät­ten vor der Explo­sion der Preise hier in der Gegend, daß wir trotz­dem noch die nächs­ten zehn Jahre daran zu zah­len hät­ten, und nein, das ist nicht unser Zweit­wohn­sitz, wir leben und arbei­ten hier dafür und ja, bringt vor allem Arbeit. Und Kos­ten. Will er gar nicht wis­sen, der Hand­wer­ker, die Tarife ste­hen. Schließ­lich wird noch die Mehr­wert­steuer auf­ge­schla­gen zu den Zuschlä­gen, obwohl, lei­der, das mit der Rech­nung dazu ein biß­chen dau­ern wird, ganz bestimmt aber, nur wäre die Sekre­tä­rin gerade krank oder der Com­pu­ter kaputt. Und Bezah­lung in bar wäre auch schön. Man kann's ja mal ver­su­chen, viel­leicht bin ich dop­pel­ten Aus­län­der­zu­schlag wert.

Zu allem Über­fluß stehe ich schließ­lich doch selbst im Tech­nik­häus­chen an Fil­ter und Pumpe und muß noch was nach­ar­bei­ten. Syl­va­ins Rohre trop­fen, am Fei­er­tag gibt es keine Hand­wer­ker, aber was glau­ben Sie denn. Samedi peut-être, Sams­tag viel­leicht. Genau das, was es eigent­lich zu ver­mei­den galt. Wie gesagt, ich habe noch kei­nen Hand­wer­ker ohne Abstri­che erlebt. Okay, ich weiß, das ist Jam­mern auf hohem Niveau, ich weiß. Wie das Jam­mern des Lam­bor­ghini-Fah­rers über alberne 110-Schil­der und die Brems­schwel­len allent­hal­ben. Geht eigent­lich nicht, kommt nicht gut an. Außer­dem ist hier Frank­reich, Süd­frank­reich, Côte d'Azur fast, das ganze Jahr Som­mer, Laven­del, Meer, Strand, fri­scher Fisch direkt vor der Tür, all die Kli­schees in echt und jeden Tag von Neuem, was wol­len Sie denn, das ist der Traum eines jeden Deut­schen, da will man sich doch wohl nicht ernst­haft bekla­gen!

Wahr­schein­lich bin ich unter all die­sen Diens­ten und nächt­li­chen Péri­du­ra­les, dem Alt­bau und trop­fen­den Roh­ren gereift für die Insel. Oder für's Klos­ter. Oder eine Hütte ganz weit oben. Ein paar Tage wür­den wohl schon rei­chen. Sieht momen­tan lei­der nicht danach aus. Jedes zweite Wochen­ende im Kran­ken­haus. Der Mai wird schlimm und das ist erst der Anfang vom Som­mer. Jeder der Kol­le­gen wird mal Urlaub haben, ich selbst ab Mitte August. Mitte August! Das ist noch lange hin. Wenn man zu denen gehört, die kei­nen Urlaub haben, zahlt man mit Sub­stanz an Kör­per, Seele und Geist. Und wenn ich mich nach ein paar Tagen Insel, Klos­ter oder Hütte frage, was mache ich hier eigent­lich den gan­zen Tag, kann's wei­ter­ge­hen.

Mit einer Péri­du­rale zum Bei­spiel. Jetzt, 21:54 Uhr. Das geht noch. Für Clai­res Erst­ge­bä­rende. Claire ist eine der Heb­am­men heute Nacht. Stammt aus Mar­seille. Lächelt deut­lich leich­ter mal als Clau­dia.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Canophobie

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Meine Toch­ter, zehn Jahre alt, wünscht sich nichts sehn­li­cher als einen Hund. Mehr noch als ein Pony. Der Wunsch nach dem Pony kommt immer mal wie­der, wenn die Reit­stunde beson­ders nett war. Weni­ger häu­fig als letz­tes Jahr noch, als sie mit dem Rei­ten anfing. Mitt­ler­weile ist die erste Eupho­rie vor­über. Den Wunsch nach einem Hund hin­ge­gen bekomme ich fast täg­lich zu hören. Seit Jah­ren. Sie meint das so. Sieht jeden Hund auf der Straße. Oh, guck' mal da, ein Schä­fer­hund! Ist der nicht süß! Oh, guck' mal da, ein Husky! Ist der nicht süß! Sogar Dackel, Zwerg­pin­scher oder Chi­hua­huas, so Sor­ten für Hoteler­bin­nen – ist der nicht süß! Wenn ich mal groß bin, kaufe ich mir einen, kün­digt sie immer wie­der an. Und der wohnt dann in mei­nem Zim­mer. Sagt sie. Nur über meine Lei­che, erwi­dere ich. Ich bin mir nicht sicher, wie meine Toch­ter ent­schei­den würde, wenn sie wäh­len müßte.

In frü­her Jugend, bei mir auf dem Dorf, durf­ten Hunde frei rum­lau­fen. Auch sol­che von der Kate­go­rie, die man heute als Kampf­hunde bezeich­nen würde. Viel­leicht waren es aber auch nur Boxer, was weiß ich. Blei­bend ist die­ses Bild von einem zäh­n­e­flet­schen­den, gei­fern­den Köter unten am Baum, der nach mei­nen Füßen schnappt. Die gefühlte Ewig­keit, bis der Besit­zer seine Bes­tie end­lich unter Kon­trolle bringt. Das nächste Mal solle ich eben bes­ser auf­pas­sen. Kyno­pho­bie heißt das, Angst vor Hun­den. Auf dem Weg zur Arbeit, direkt nach einem Rond-point, gibt es eine Werk­statt rechts. Mit einem Hund. Einem gro­ßen Hund. Der nur auf mich zu war­ten scheint, wenn ich da mit dem Fahr­rad ankomme, abge­bremst im Kreis­ver­kehr. Hetzt innen am Zaun längs bis zum Tor. Bellt nicht mal, das macht mir beson­ders Angst. Bleibt aber zum Glück auf dem Gelände des Schrau­bers. Auch wenn das Tor offen ist. Bis­her. Man kann auch Cano­pho­bie sagen. Je nach­dem, ob man's mehr mit der grie­chi­schen oder der latei­ni­schen Ety­mo­lo­gie hält. Im knapp post­re­vo­lu­tio­nä­ren, länd­li­chen Rumä­nien besuchte ich mit einem Freund mal einen Pro­fes­sor, des­sen Job der Revo­lu­tion zum Opfer gefal­len war. In der Ein­fahrt ein Deut­scher Schä­fer­hund. An lan­ger Kette bis zur Garage wei­ter hin­ten. Mein Freund und der Hund kann­ten sich. Mein Freund konnte zudem gut mit Hun­den. Kyno­phi­lie ver­mut­lich. Oder Cano­phi­lie, wie auch immer. So wie meine Toch­ter. Obwohl die­ser Hund auch nicht bellte, hatte ich keine Angst. Er war ja ange­leint. Mit engem Akti­ons­ra­dius vom Tor bis zur Garage. In der Mitte hängt so eine Kette natür­lich etwas durch. Der Hund hatte das ver­stan­den, glaube ich. Ver­grö­ßer­ter Akti­ons­ra­dius. Wenig nur, aber reichte genau bis knapp ober­halb mei­nes Knies. Nicht gut für einen Pho­bi­ker. Zuhause riet man mir zu einem Impf­zy­klus, sie­ben Imp­fun­gen, gegen Rabies. Es hatte da, im post­re­vo­lu­tio­nä­ren, länd­li­chen Rumä­nien, gerade erst ein paar tote Kin­der wegen Toll­wut nach Hun­de­biß gege­ben. Die Hys­te­rie paßt zum Pho­bi­ker.

Erschwe­rend kommt hinzu, daß ich Hunde eher ekel­haft finde. Okay. Keine Beschrei­bung wider­li­cher Details an die­ser Stelle. Wahr­schein­lich Teil mei­ner per­sön­li­chen Stra­te­gie zur Angst­ver­ar­bei­tung. Im Gegen­satz zu Kat­zen. Kat­zen finde ich gut. Ailuro­phi­lie. Obwohl die, ganz objek­tiv, natür­lich auch ekel­hafte Sei­ten haben müs­sen. Aber sab­bern schon mal nicht. Und man muß ihre Scheiße nicht auf­klau­ben. Dis­kre­ter eben. Und eher unge­fähr­lich. Man­che Indi­vi­duen wol­len eben par­tout nicht zwi­schen den Zehen der Hin­ter­pfo­ten gekrault wer­den. Und weh­ren sich dann, wenn man's trotz­dem ver­sucht. Logisch. Aber nur dann. Sonst sind Kat­zen abso­lut unge­fähr­lich. Angst vor Kat­zen – abso­lut lächer­lich!


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Aylan

Ystä­vän­päivä. Fest­lich­keit mit vier Ä. Zufalls­fund bei Wiki­pe­dia. Fin­nisch für Valen­tins­tag. War letz­ten Sonn­tag. Ein Fei­er­tag mit aus­ge­spro­chen mer­kan­ti­lem Hin­ter­grund. Ein Glanz­bei­spiel gelun­ge­nen Mar­ke­tings. Tag des Blu­men­han­dels wäre tref­fen­der. Ehr­li­cher. Wollte ich gerade des­we­gen bewußt aus­fal­len las­sen. Zu mer­kan­til. Geburts­tag, Hoch­zeits­tag, Weih­nach­ten, Ostern rei­chen eigent­lich als Gele­gen­hei­ten kon­sum­las­ti­ger Sypmpa­thie­be­zeu­gung. Finde ich. Meine Frau gab sich dann, Sonn­tag­mor­gen, jedoch über­ra­schend wort­karg. Kein Schmuck­stück, keine Ein­la­dung ins Fünf-Gänge-Restau­rant. Nicht mal Blu­men. Nicht eine ein­zige. Mein Ver­weis auf die blü­hende Magno­lie im Gar­ten, extrafrüh die­ses Jahr, konnte mich auch nicht mehr ret­ten. Meine Frau schmollte und brach auf zu einem klei­nen Halb­ma­ra­thon ans Meer. Gegen Mit­tag sollte ich sie abho­len irgendwo am Strand Rich­tung Lavan­dou.

Nach Ein­käu­fen zur Befül­lung der Kühl­schränke blieb noch Zeit für einen Abste­cher zum Blu­men­la­den. Gegen meine erklärte innere Über­zeu­gung natür­lich. Macht­los aber auch gegen gelun­ge­nes Mar­ke­ting und die Trau­rig­keit mei­ner Frau. Und dann das: Hoch­be­trieb im Blu­men­la­den. Schlange bis auf die Straße. Ganz offen­sicht­lich war ich nicht alleine geblie­ben in mei­ner über­rasch­ten Macht­lo­sig­keit gegen Mar­ke­ting und häus­li­che Ent­täu­schung. Man­che Kun­den tre­ten mit auf­wen­di­gen Geste­cken auf die Straße, andere mit einer ein­zel­nen lang­stie­li­gen Rose in Zelo­phan. Nur Män­ner. Fast nur. Kaum Frauen. Ist der Valen­tins­tag nicht ein Fest der Liebe? Wenn schon, dann doch irgend­wie wech­sel­sei­tig! Blu­men für alle. Die Frauen aus mei­nem Dorf sind ver­mut­lich bes­ser orga­ni­siert, was diese Fest­lich­keit betrifft. Haben im Vor­feld Blu­men gekauft oder Süß­kram. Oder recht­zei­tig auf die Magno­lie vor dem Schlaf­zim­mer­fens­ter ver­wie­sen.

In der War­te­zeit nahm ich mir vor, zuhause die his­to­ri­schen Hin­ter­gründe des Valen­tins­tags zu recher­chie­ren. Es gibt sie, his­to­ri­sche Hin­ter­gründe. Hau­fen­weise. Man kann sie in römi­scher, vor­christ­li­cher Zeit fin­den. Ein Opfer­fest für Juno, die Göt­tin der Ehe und der Für­sorge. Auch das römi­sche Fest der Luper­ca­lien kann als Vor­läu­fer inter­pre­tiert wer­den. Geht um Frucht­bar­keit. Um den 14. Februar. Das kann kein Zufall sein! Spä­ter gleich zwei hei­lige Valen­tins, einer von Rom und einer von Terni. Terni ist auch nicht weit von Rom. Star­ben beide den Mär­ty­rer­tod unter römi­schem Schwert. Der von Terni am 14. Februar, 269 oder so. Der andere ein paar Jahre frü­her oder spä­ter. Beide begra­ben an der Via Fla­mi­nia. Die Legen­den ver­mi­schen sich. Reli­quien davon jeden­falls über­all in Europa. Bis 1969 eige­ner Gedenk­tag im römi­schen Gene­ral­ka­len­der. Für den aus Terni. Immer­hin. Viel spä­ter his­to­ri­scher Hin­ter­grund bei den Eng­län­dern. Der Valen­tins­tag gewann dort an Popu­la­ri­tät auf­grund des Gedichts eines Geoff­rey Sau­cer. 14. Jahr­hun­dert. Der hat es zwar zu einem Grab in der West­mins­ter Abbey gebracht, nicht aber zu einem Bei­trag in der wiki­pe­dia. Ledig­lich sein Gedicht von 1383 zur Früh-Früh­lings-Fer­ti­li­tät von Vögeln erzielte offen­bar eine nach­hal­tige Popu­la­ri­tät. Damals, Mitte Februar. Mit aus­wan­dern­den Eng­län­dern kam der Valen­tins­tag nach Ame­rika. Und nach dem Krieg mit den GIs auch auf das euro­päi­sche Fest­land. Was­ser auf die Müh­len der dar­ben­den Flo­ris­tik- und Süß­wa­ren-Indus­trie. Deut­lich lukra­ti­ver als Hal­lo­ween.

In der Schlange vor dem Blu­men­la­den, unter Nie­sel­re­gen, das Gefrier­gut im Auto mitt­ler­weile ver­mut­lich auf­ge­weicht, war ich nach zehn Minu­ten ver­sucht, trotz der Trau­rig­keit mei­ner Frau mei­nen Pro­test doch nicht auf­zu­ge­ben gegen sonn­täg­li­ches Kon­sum­dik­tat. Viel­leicht würde es ja rei­chen, eine der Blü­ten aus dem Gar­ten in eine Vase zu stel­len. Dazu ein Zweig Mimose. Als nächs­tes würde ich für den Tag der Frau als Tag der Fami­lie ein offi­zi­el­ler Gedenk­tag der Ver­ein­ten Natio­nen am 8. März wie­der in der Schlange ste­hen. Zum Tag des Kin­des würde Toys"R"Us auch am Sonn­tag öff­nen. Du hast doch nicht etwa den Tag des Kin­des ver­ges­sen, Papa? Pablo kriegt ein Spiel für seine PS/4. Not­fall-Lego für betrüb­tes Kind. Auch der Tag der Arbeit oder natio­nale Gedenk­tage könnte ich mir als lukra­ti­ves Ziel im Visier fin­di­ger Mar­ke­ting­stra­te­gen vor­stel­len. Mil­lio­nen von Bran­den­bur­ger Toren in unter­schied­lichs­ten Aus­füh­run­gen, vor­wie­gend made in China, könn­ten zum 3. Okto­ber in Umlauf gebracht wer­den. Und dies mit­tels eher dezen­ten Kon­sum­zwangs: Hast du schon eine Qua­driga für deine Schwie­ger­mut­ter?

In der Schlange vor dem Blu­men­la­den, resi­gniert unter Nie­sel­re­gen, ent­ging mir auch nicht der gro­teske Aspekt mei­ner Mis­sion: Wäh­rend ich hier in der Schlange um eine Hol­land­rose in Zel­lo­phan min­des­tens zehn Euro aus­zu­ge­ben bereit bin, vor eher läp­pi­schem Hin­ter­grund zudem und fremd­be­stimmt, schwim­men Tau­sende von Men­schen durch die win­ter­li­che Ägäis und wan­dern durch fros­tige Bal­kan­staa­ten.

Ein Tag des Flücht­lings, zum 2. Sep­tem­ber bei­spiels­weise, ließe sich nur schwer ver­mark­ten.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Pierre

Ich habe Dienst. Mit "coupure", Pause also, zwi­schen Mit­tag und vier Uhr nach­mit­tags. Heute ziem­lich früh die coupure, weil sich zwi­schen den Fei­er­ta­gen kein Mensch frei­wil­lig ins Kran­ken­haus legt. Galle und Leis­ten­bruch kön­nen auch bis 2016 war­ten. Nichts los. 11:14 Uhr auf dem Park­platz. Viel­leicht ein guter Zeit­punkt, eben mal bei Orange vor­zu­fah­ren und das Inter­net auf dem HTC ein­stel­len zu las­sen. Das HTC ist das "alte" Smart­phone mei­nes Erst­ge­bo­re­nen. Braucht er nicht mehr, weil Weih­nach­ten war. Er hat jetzt was Tol­les von Sony. Das HTC ersetzt meine Anti­qui­tät von Nokia. Das Neue hat seit einem Neu­start mit mei­ner SIM-Karte lei­der kei­nen Zugang mehr zu google und whats­app. Damit kann ich nicht leben.

11:26 Uhr. Schlange vor der Bou­tique von Orange. Min­des­tens zehn Kun­den. Das sieht nicht gut aus. Das sieht nicht nach "mal eben" aus. Ich kenne das schon. Man war­tet brav, Kunde um Kunde, Schritt für Schritt, bis zur Hos­tess am Schal­ter. Zwan­zig Minu­ten. Min­des­tens. Die Hos­tess gibt sich stets freund­lich und zuge­wandt. Immer­hin. Erfasst den Namen, die Tele­fon­num­mer und das Anlie­gen. Ist zustän­dig für die War­te­liste. Der nächste freie Mit­ar­bei­ter wird Sie auf­ru­fen. Das funk­tio­niert sogar. Gilt aber nicht für tech­ni­sche Anlie­gen. Tech­ni­sche Anlie­gen wer­den direkt zum Kun­den­dienst hin­ten in der Ecke geschickt. Ohne Erfas­sung. Die Schlange sei nur für Bera­tung und Ver­kauf. Die Kol­le­gen vom Kun­den­dienst gehen aller­dings um zwölf. Mit Schlange würde es für mich 11:46 Uhr wer­den. Kom­men Sie doch bes­ser in einer Stunde wie­der. Wie gesagt, kenne ich schon. Mache ich nicht. Dies­mal nicht.

Ich gehe direkt zu Pierre. Pierre ist der unra­sierte und leicht über­ge­wich­tige Nerd an der Tech­nik-Theke. Kann im Gegen­satz zu sei­ner Kol­le­gin vorne am Emp­fang nicht lächeln, geschweige denn Bon­jour sagen. Es ist 11:27 Uhr. Pierre hat sicher schon Hun­ger. Mit einem Crois­sant zum Kaf­fee kommt man nur mit Mühe bis zum Mit­tag­essen. Er muß um 12 Uhr essen. Lei­der muß er sich außer­dem noch mit einem Galaxy S6 edge+ rumär­gern. Das ist das aktu­elle Top­mo­dell von Sam­sung. Das mit abge­run­de­ten Bild­schirm­kan­ten! Sein Eigen­tü­mer kommt nicht zu Google damit. Trägt eine Glatze zur Leder­ja­cke und ist noch älter als ich. Deut­lich älter. Eigent­lich zu alt für so ein High­tech­ge­rät. Eigent­lich eher der Kunde für was mit gro­ßen Tas­ten und rotem Not­ruf­knopf. Er redet sehr viel. Ohne Unter­laß gera­dezu. Vom ande­ren Ende der Tech­nik-Theke aus ver­stehe ich nicht wirk­lich, was er zu sagen hat. Google – er sagt "Guh­göll" – kommt häu­fig vor. Ich kann mir nicht vor­stel­len, was es da zu erzäh­len gibt. Wie­der und wie­der. Google geht eben nicht. Irgend­was ist ver­stellt oder kaputt. Das hat Pierre ver­stan­den. Pierre nickt dis­kret. Tippt auf den Bild­schirm, begut­ach­tet die SIM-Karte, ver­bin­det das Tele­fon mit einem Com­pu­ter. Aber er fin­det das Pro­blem eben nicht so schnell. Jeder Neu­start dau­ert fast zwei Minu­ten. Als Tele­fon­nerd würde auch ich Lächeln und Bon­jour frü­her oder spä­ter ein­stel­len. Ins­be­son­dere, wenn da immer einer steht und mich voll­quatscht. Ein Alter in Leder­ja­cke. Einer, der das gewal­tige Poten­zial sei­nes Top­mo­dells ohne­hin nicht zu nut­zen in der Lage ist. Der schon an Google schei­tert. Und alles ver­stellt hat in den Para­me­tern. Viel­leicht wirk­lich was kaputt gemacht hat. Zu allem Über­fluß sich wei­tere Kun­den an mei­ner Theke sam­meln. Nicht ordent­lich in einer Schlange wie vorne am Accueil mit der hüb­schen Prak­ti­kan­tin. Das ist beson­ders ner­vig. Einer neben dem Ande­ren. Wie in einer Bar. An mei­ner Theke. Und alle schauen bei der Arbeit zu. Kon­trol­lie­ren betont umständ­lich alle drei­ßig Sekun­den die Uhr­zeit auf dem Dis­play ihres Han­dys. Da kann man nicht mehr Bon­jour sagen. Am bes­ten jeg­li­chen Blick­kon­takt mit Kun­den ver­mei­den.

11:49 Uhr inzwi­schen. Und ich bin nicht mehr alleine mit der Leder­ja­cke. Eine ältere Dame hat sich mit ihrem Bil­lig­te­le­fon zwi­schen mich und einen smar­ten Anzug­trä­ger gemo­gelt. Schnauft ange­strengt unter dem Gewicht meh­re­rer Tüten von Prin­temps. Der Anzug­trä­ger war kurz nach mir gekom­men. Er tele­fo­niert schon wie­der mit sei­nem ché­rie. Ché­rie war­tet offen­bar im Restau­rant vor Car­re­four. Unge­dul­dig. Weil sie Hun­ger hat. Ver­mut­lich. Und ihre Mit­tags­pause ja auch nicht ewig dau­ern wird. Der Anzug­trä­ger kann seine Anspan­nung nur müh­sam ver­ber­gen. Wollte wohl auch nur noch "mal eben" zu Orange. Geh' schon mal vor, ché­rie, ich komme gleich nach. Er wird mich gleich fra­gen, ob ich ihn viel­leicht vor­las­sen würde. Wegen sei­nes ché­rie. Die würde hung­rig war­ten. Und er hätte nur eine ganz kleine Frage. Trente secon­des. Ich würde ver­mut­lich nicht Nein sagen kön­nen. Und müßte dann auch noch die Dame mit Tüten und Bil­lig­te­le­fon auf ihren Platz ver­wei­sen. Die sieht so aus, als würde sie mich nicht ein­mal fra­gen.

11:54 Uhr. Das S6 kann immer noch kein Google. Wahr­schein­lich wird auch die Leder­ja­cke gleich auf ein Uhr ver­trös­tet wer­den. Mein Pro­jekt ist nicht ziel­füh­rend. Nicht eben mal. Mor­gen früh viel­leicht noch­mal. Solange kann ich ohne Google und whats­app auf dem HTC aus­kom­men. Oder ich frage spä­ter doch das Google im Kran­ken­haus-Com­pu­ter nach dem Trick. Manch­mal erge­ben sich ja große Zeit­fens­ter im Dienst.

Google – "htc orange inter­net" – diri­giert mich ziel­ge­rich­tet zu den Para­me­tern für die APNs. Access Point Names. Nie gehört. Zugangs­punkte. Ein schö­ner Begriff für Tele­fon­nerds. Es gibt einen APN für Inter­net und einen für MMS. Kann man im Tele­fon para­me­trie­ren. MMS funk­tio­niert danach immer noch nicht. Egal. Damit kann ich sehr gut leben. Ich werde Pierre wohl doch nicht mehr besu­chen.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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Euromillionen

Auf dem Weg zum Schwimm­trai­ning. Das Hal­len­bad auf der ande­ren Seite der Stadt. Nach­mit­tags um halb sechs ist über­all Stau. Trotz Tun­nel unter der Stadt. Auf den Rück­sit­zen bespre­chen meine Toch­ter und ihre Freun­din Anaël ihre Wunsch­lis­ten zu Weih­nach­ten. Zwei­fel­los auch ange­regt von der Weih­nachts­de­ko­ra­tion, die schon instal­liert wird. Bei uns im Dorf geht der Som­mer mit einem Musik­fes­ti­val, einem Mit­tel­al­ter­spek­ta­kel für jeweils eine Woche und zwei gro­ßen Feu­er­wer­ken zu Revo­lu­tion und Befrei­ung von den Nazis bei­nahe naht­los in die Weih­nachts­fes­ti­vi­tä­ten über. Ab Ende Okto­ber Bon­nes-fêtes-Gir­lan­den über den Stra­ßen, mas­sen­weise plas­tik­schnee­ver­hüll­tes Nadel­ge­hölz auf der Place de la Répu­bli­que und den Kreis­ver­keh­ren. Dazu die Buden des Weih­nachts­markts. Der Weih­nachts­markt dau­ert von Mitte Novem­ber bis Mitte Januar. Ange­sichts von Bon­nes-fêtes-Gir­lan­den und plas­tik­schnee­be­deck­tem Nadel­ge­hölz ver­fei­nert meine Toch­ter ihre Weih­nachts­wunsch­liste zuneh­mend. Ein Hund, ein Hünd­chen eher, steht mitt­ler­weile ganz oben. Kriegt sie trotz wie­der­hol­ter Charme­of­fen­si­ven lei­der nicht. Ganz sicher nicht. Papin­ou­chéri kann Hunde nicht aus­ste­hen.

Kurz vor der Aus­fahrt zum Schwimm­bad Kendji im Radio. Kendji Girac hat vor einem guten Jahr The Voice, eine fran­zö­si­sche Talent­show, gewon­nen. Ist jetzt immer wie­der im Radio. Singt süß­li­chen Fran­zo­sen-Pop mit Gypsy-Touch. Wahr­schein­lich ist Kendji außer­halb des fran­zö­si­schen Sprach­raums völ­lig unbe­kannt. Die Mäd­chen krei­schen schon bei den ers­ten Tak­ten von "Cool", sei­nem neu­es­ten Stück. Plus fort, plus fort! Ich muß das Radio lau­ter dre­hen. Wer­den sie auch bestel­len zu Weih­nach­ten. Sie brau­chen alle seine CDs. Sie sagen "com­man­der". Beide. Würde ich über­set­zen mit "bestel­len". Anaël hat unter Ande­rem was Gro­ßes von Play­mo­bil bestellt, meine Toch­ter eine Samm­lung Lego Fri­ends. Und den Hund natür­lich. Bestellt. Die Mäd­chen wün­schen nicht, sie bestel­len. Wol­len wahr­schein­lich auf Num­mer sicher gehen. Wün­schen ohne Risiko. Irri­tiert mich etwas, die­ses Bestel­len. Ich kann mich nicht erin­nern, zu Weih­nach­ten oder zum Geburts­tag jemals was bestellt zu haben. Ich habe mir immer was gewünscht. Bestel­len ist bei ama­zon. Zu Weih­nach­ten oder zum Geburts­tag oder über­haupt im Leben kann man sich was wün­schen. Was auch immer. Lego, ein Pony, ein Auto. Gesund­heit, Liebe, Inspi­ra­tion. Zum Bei­spiel. Zu Weih­nach­ten ganz frü­her vom Christ­kind, den Weih­nachts­mann gab es damals noch nicht. Nicht bei uns. Dann auch von den Eltern. Inzwi­schen von den nähe­ren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen. Wenn über­haupt. Wenn ich was wirk­lich brau­che, kaufe ich es am liebs­ten selbst. Von mei­ner Frau wün­sche ich mir meis­tens nichts. Nichts und davon ganz viel, sage ich, wenn ich gefragt werde. Das fin­det sie doof und ärgert sich ein biß­chen. Oder fin­det es schade. Geburts­tag oder Weih­nach­ten ohne was zum Aus­pa­cken zu Ker­zen­licht ist kein rich­ti­ger Geburts­tag oder kein rich­ti­ges Weih­nach­ten. Sagt meine Frau. Zur Sicher­heit wün­sche mir oft was für uns zusam­men. Eine Gar­ten­be­leuch­tung zum Bei­spiel oder eine längst über­fäl­lige Reno­vie­rung. Wenn ich mir nichts wün­sche, bekomme ich einen Pull­over geschenkt oder Socken. Ich habe genug Socken und Pull­over bis 2027. Die Kin­der schen­ken mir gerne was Selbst­ge­mal­tes oder Gut­scheine. Gut­scheine für ein Mal Rasen­mä­hen oder Zim­mer­auf­räu­men. Zehn Mal Spül­ma­schine aus­räu­men. Selbst­ge­mal­ter Gut­schein. Wohl, weil ich mir das immer wün­sche. Könnt ihr viel­leicht auch mal die Spül­ma­schine aus­räu­men?

Beim Schwim­men, in den Pau­sen zwi­schen den Übun­gen, haben die Mäd­chen mit ihren copi­nes wei­tere Inspi­ra­tion erfah­ren. Zuhause ergänzt meine Toch­ter ihre Liste mit den Bestel­lun­gen umge­hend um eine Spiel­kon­sole mit zuge­hö­ri­gem Tanz­spiel. Und eine Maschine zum Trock­nen der Fin­ger­nä­gel. Ich wußte gar nicht, daß es sowas gibt.

"Was wünscht du dir denn zu Weih­nach­ten" – wie er das ins Fran­zö­si­sche über­set­zen würde, frage ich mei­nen Sohn, dem Lego-Tech­nik-Alter längst ent­wach­sen. Ich schätze sein aus­ge­präg­tes Ver­ständ­nis für die Fein­hei­ten der loka­len Spra­che. Wel­ches fran­zö­si­sche Verb er ver­wen­den würde. Sou­hai­ter natür­lich. Wün­schen ist sou­hai­ter. Eigent­lich auch im Weih­nachts­kon­text, sagt mein Sohn. Das "com­man­der" sei­ner klei­ne­ren Geschwis­ter würde impli­zie­ren, daß sie sich vom Glau­ben an den Weih­nachts­mann noch nicht ganz frei­ge­macht hät­ten. Was er sich denn sei­ner­seits wün­schen würde. Mein Sohn haßt diese Frage mehr noch als ich, weil er sie ab Mitte Okto­ber, zeit­gleich mit den Gir­lan­den, fast täg­lich von sei­ner Mut­ter zu hören bekommt. Resi­gnier­tes Schul­ter­zu­cken. Außer­dem hat mein Sohn keine Wün­sche. Nichts, was man bei ama­zon bestel­len könnte. Er hat alles. Sogar Strümpfe und Aber­crom­bie.

Würde sich even­tu­ell einen 1976er Gran Torino wün­schen. Wenn Papa end­lich die Euro­mil­lio­nen gewinnt.


© Bertram Diehl 2015. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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