Hoffnung

Mitt­woch

12:50 Uhr Ren­dez­vous in der méde­cine nucléaire, Nukle­ar­me­di­zin. Fens­ter­lose War­te­ni­sche an der Kreu­zung von zwei Flu­ren. Neben einer Tür mit einem Papp­schild "Accueil" ist ein klei­ner Auto­mat zur Ver­gabe von War­te­num­mern. C016. Wieso C? Gibt es hier noch andere Türen? Über­haupt, ich sehe kei­nen ein­zi­gen Moni­tor für die Anzeige der aktu­ell auf­ge­ru­fe­nen Num­mer. Noch bevor ich jedoch in die Pati­en­ten­runde der War­te­ni­sche fra­gen kann, was ich nun mit mei­ner Num­mer anzu­fan­gen hätte, öff­net eine junge Frau die Tür. C'est vous la seize? Sind Sie die Sech­zehn? Die junge Frau trägt ein Namens­schild. Sabrina. Erfas­sung der Per­so­na­lien, Unter­schrift für die digi­tale Wei­ter­gabe mei­ner Resul­tate an den Neu­ro­lo­gen. Wie fort­schritt­lich! Ob ich meine Resul­tate nicht auch digi­tal haben dürfte? Das geht lei­der nicht, sagt Sabrina lächelnd, lei­der nicht ohne die Auto­ri­sa­tion des Dok­tor C., der mich gleich sehen würde. Das würde ich doch ver­ste­hen. Natür­lich ver­stehe ich das. Es geziemt sich für Pati­en­ten, Ver­ständ­nis auf­zu­brin­gen. War­ten im War­te­be­reich. Ein dicker älte­rer Herr wird halb ent­blößt auf einer Prit­sche vor­ge­scho­ben. Er trägt Win­deln und stöhnt vor Schmer­zen. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Sehr ermu­ti­gend. In der Radio­lo­gie hilft einem kei­ner. Die inter­es­sie­ren sich für ihre Bil­der und sonst nichts. Der bran­car­dier, der Prit­schen­schie­ber legt einen klei­nen Stop ein, wech­selt char­mante Worte im Accueil mit Sabrina und ihren Kol­le­gin­nen, wäh­rend der ältere Herr in Win­deln mit­ten auf der Kreu­zung stöhnt. Das tut so weh, oh, mein Kopf, das tut so weh! Der Prit­schen­schie­ber hat den Lehr­gang zum wür­di­gen Umgang mit Pati­en­ten offen­sicht­lich ver­säumt. Oder nichts ver­stan­den.

Mon­sieur Diäl?

13:27 Uhr der Dok­tor. Dok­tor C.. Mond­ge­sicht mit Voll­bart. Sieht aus wie direkt aus dem Stu­dium. Gibt mir eine Kap­sel, die ich schlu­cken soll mit etwas Was­ser. Car­bi­dopa 100 mg. Soll eine Stunde ein­wir­ken. Zur bes­se­ren Fixie­rung des radio­ak­ti­ven Dopa­mins. Nach der Injek­tion des radio­ak­ti­ven Dopa­mins werde ich wei­tere ein­ein­halb Stun­den war­ten müs­sen. Zur Fixie­rung der Iso­tope. Die eigent­li­che Unter­su­chung funk­tio­niert wie ein Kern­spin oder CT und dau­ert nur etwa 15 Minu­ten. Neben­wir­kun­gen? Nein, eigent­lich nicht. Die von mir dann aus­ge­hende Radio­ak­ti­vi­tät würde mei­nen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen nicht scha­den. Und mir selbst? Non, nor­ma­le­ment non.

War­te­ni­sche.

Mon­sieur Diehl?

Die Schwes­ter fünf Minu­ten spä­ter – immer­hin spricht sie mei­nen Namen rich­tig aus – gelei­tet mich in eine Art Labor. Hélène. Infu­sion in der Ellen­beuge. Die radio­ak­tive Injek­tion soll jetzt gleich erfol­gen, main­ten­ant, kün­digt sie an. Auch wenn main­ten­ant im medi­ter­ra­nen Ver­ständ­nis ganz all­ge­mein eine andere Bedeu­tungs­schwere hat als rechts des Rheins und nicht "Jetzt und Sofort" heißt, son­dern durch­aus Spiel­räume von einer Vier­tel- bis hal­ben Stunde bie­tet, steht main­ten­ant im Wider­spruch zu der Stunde War­te­zeit, von wel­cher der Dok­tor eben sprach. Ah, bon, sagt Hélène, hat der Dok­tor das gesagt? Geht weg. Und kommt nach einer guten hal­ben Stunde wie­der. Jetzt wäre es wohl soweit. Na dann. Plau­dert noch was. Über mei­nen Akzent und von wo ich denn käme. Stutt­gart? Ken­nen Sie das? Nein, aber ihr Mann kennt das, der war mit dem Mili­tär damals nicht weit von Stutt­gart. Viele Män­ner die­ser Gene­ra­tion schei­nen mit dem Mili­tär damals in Kaser­nen nicht weit von Stutt­gart gewe­sen zu sein. Oder Tübin­gen. Sig­ma­rin­gen. Hélène war zwei Mal in Trè­ves, Trier. Die Aus­tausch­part­ne­rin, auch die Eltern, sprach so gut Fran­zö­sisch, daß sie nichts gelernt hätte. Über­haupt wären die Fran­zo­sen ja so schlecht in Spra­chen, stellt sie fest. Was aber auch an dem mise­ra­blen Unter­richt in der Schule läge. Der durch­schnitt­li­che Fran­zose koket­tiert gerne mit der man­geln­den Sprach­be­ga­bung sei­nes Volks und dem mise­ra­blen Unter­richt in der Schule. Dann ist genug geplau­dert. Es folgt die radio­ak­tive Injek­tion aus einer mons­trö­sen Maschine mit Stahl­zy­lin­dern. Main­ten­ant. Sieht aus wie ein Modell aus den frü­hen Anfän­gen der Nukle­ar­me­di­zin. Ein­schließ­lich der medi­ter­ra­nen Vier­tel­stunde für Jetzt kommt das am Ende schon hin mit der Stunde Ein­wirk­zeit.

Bis zuletzt hatte ich gehofft, es wäre viel­leicht doch alles Quatsch, Ein­bil­dung, ein Irr­tum. Die Hoff­nung gehört zu chro­ni­schen Krank­hei­ten wie der Hori­zont zur Wüste. Obwohl ich es natür­lich bes­ser weiß. exams_requests-php-1Eigent­lich. Hin­ter dem Hori­zont geht die Wüste genauso wei­ter. Ins­ge­samt zuwe­nig Anrei­che­rung des Iso­tops, sagt der Nukle­ar­me­di­zi­ner Dok­tor C. und wird es auch schrei­ben in sei­nem Befund, rechts noch weni­ger als links. Die Bil­der sind der Beweis. Soll die Sym­pto­ma­tik links erklä­ren. Die meis­ten Ner­ven­fa­sern aus dem Hirn kreu­zen irgendwo auf die Gegen­seite. Okay. Ich habe damit gerech­net. Trotz­dem, schade.

Frei­tag

Der Voll­stän­dig­keit hal­ber und weil mir eine Freun­din von ganz frü­her, aus der medi­zi­ni­schen Sand­kiste quasi, jetzt Neu­ro­lo­gin in Ber­lin, dazu gera­ten hatte, war ich bei der Echo­kar­dio­gra­phie. Sie hat sich mitt­ler­weile zwar mehr auf Psych­ia­trie spe­zia­li­siert, hatte aber auch lange mit Par­kin­son zu tun und Par­kin­son sei ja das täg­lich Brot des Neu­ro­lo­gen, sagt sie. Die Neu­ro­lo­gin sagt, Herz­pro­bleme soll­ten im Rah­men der Par­kin­son-Dia­gnos­tik aus­ge­schlos­sen wer­den, ins­be­son­dere ein Fora­men ovale. Das Fora­men ovale, latei­nisch für ova­les Loch, ist ein Loch zwi­schen zwei Herz­kam­mern, den Vor­hö­fen. Das Loch braucht man im Mut­ter­leib, solange die Lun­gen noch nicht in Betrieb sind. Nach der Geburt sollte sich das inner­halb von ein paar Tagen bis Wochen ver­schlie­ßen. Wenn nicht, kann das spä­ter zu Schlag­an­fäl­len füh­ren. Oder kann eben, wie es scheint, irgend­was mit Par­kin­son zu tun haben. Habe ich noch nie gehört vor­her, wozu aber sonst die Herz­dia­gnos­tik? Ich habe der Neu­ro­lo­gin in Ber­lin viel­leicht nicht rich­tig zuge­hört. Oder nicht rich­tig nach­ge­fragt. Pati­en­ten fra­gen immer viel zu wenig. Und wun­dern sich nach­her, daß sie nichts ver­stan­den haben.

Patrick B., im Centre hos­pi­ta­lier der Kar­dio­loge mei­nes Ver­trau­ens, macht die Echo­kar­dio­gra­phie. Patrick B. könnte auch Par­kin­son­pa­ti­ent sein. Kla­rer Fall von Hypo­mi­mie, Mas­ken­ge­sicht, cha­rak­te­ris­tisch für Par­kin­son. Ich kenne mich damit aus. Patrick lächelt nicht oft. Liegt viel­leicht an der knap­pen Aus­stat­tung sei­ner Abtei­lung. Momen­tan ver­fügt er zum Bei­spiel nicht über seine Sonde für trans­ö­so­pha­geale Echo­gra­phie. Ist kaputt gegan­gen, er war­tet seit drei Mona­ten auf Ersatz oder Repa­ra­tur. Wir sind eine öffent­li­che Struk­tur, viel­leicht gibt es gerade nicht genug Geld für die Repa­ra­tur. Trans­ö­so­pha­geal? Eine Sono­gra­phie-Sonde für die Spei­se­röhre, weil man so dem Her­zen und ins­be­son­dere dem even­tu­el­len Loch noch näher kommt als trans­t­hora­kal, durch die Brust­wand. Gilt wohl als die Methode der Wahl, um das Loch zu fin­den, wenn es da eines gibt. Patrick hat eine andere Methode, die er der trans­ö­so­pha­gea­len Echo­gra­phie ohne­hin zumin­dest für eben­bür­tig hält, wenn nicht gar über­le­gen. Viel­leicht macht er aus der Not eine Tugend. Die Schwes­ter, Pas­cale, inji­ziert mir Flüs­sig­keit mit win­zig klei­nen Luft­bläs­chen in die Vene. Kann man in der Echo­gra­phie sehr schön sehen, die Bläs­chen erschei­nen wie Schnee­ge­stö­ber. Nor­ma­ler­weise nur in den rech­ten Herz­kam­mern. Wenn da ein Loch ist, auch links. Vier Injek­tio­nen. Zwei Mal unauf­fäl­lig. Und dann doch ein Zwei­fel. Sind da nicht doch Bläs­chen links? Sind das viel­leicht Arte­fakte, Fehl­mes­sun­gen, frage ich. Auf unse­ren Nar­kose-Moni­to­ren gibt es stän­dig Fehl­mes­sun­gen. Blut­druck 143 zu 132 gibt es nicht, eigen­ar­ti­ges EKG, nein, trotz­dem kein Herz­still­stand, wahr­schein­lich hat sich eine Elek­trode gelöst. Patrick aber ist sich ganz sicher: Kla­res Nein. In der Kar­dio­lo­gie gibt es keine Arte­fakte. Ein ganz klei­nes Loch viel­leicht. Er wird sei­nen Freund, den Pro­fes­sor in Mar­seille fra­gen. Mein Neu­ro­loge hat auch einen Freund in Mar­seille. Das gehört irgend­wie dazu. Und wenn da ein Loch ist, auch ganz klein, wird das abge­dich­tet und mein Par­kin­son ver­schwin­det wie von selbst. Bestimmt.

Die Hoff­nung gehört zu chro­ni­schen Krank­hei­ten wie der Hori­zont zur Wüste. Irgendwo muß die Oase doch sein.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Dienstfähig

Novem­ber

8:40 Uhr. Ter­min bei der Betriebs­ärz­tin, Mar­gue­rite C.. Méde­cine du tra­vail. Die gibt sich immer so ein biß­chen belei­digt, wenn sie mich sieht, weil das eigent­lich jähr­lich sein sollte, der Ter­min. Alle Jahre wie­der schickt sie mir eine Ein­la­dung und zwei, drei Erin­ne­run­gen. Vom Prin­zip muß sie mir jedes Jahr meine Arbeist­fä­hig­keit beschei­ni­gen. In Deutsch­land dürfte ich ver­mut­lich ohne die Arbeits­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung über­haupt nicht mehr arbei­ten. Der Arbeit­ge­ber würde sich womög­lich sogar straf­bar machen, mit Mit­ar­bei­tern, deren Arbeits­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung län­ger als 42 Tage abge­lau­fen ist. In Deutsch­land. In den Jah­ren seit Februar 2000 ist es unser zwei­tes Mal. Vor fünf Jah­ren war ich schon mal in die­sem Büro. Natür­lich sehen wir uns immer wie­der auf irgend­wel­chen Flu­ren, ist ja eher über­sicht­lich hier im Centre hos­pi­ta­lier, ich weiß, wie sie heißt und wie das heißt, was sie macht, ohne genau zu wis­sen, was Méde­cine du tra­vail wirk­lich ist, wie bei sovie­len Jobs, die noch mehr im Hin­ter­grund statt­fin­den als mei­ner.

Mar­gue­rite C. hat ihre Büros mit einer Schwes­ter und einer Sekre­tä­rin in der ehe­ma­li­gen Direk­to­ren­villa direkt am Hub­schrau­ber­lan­de­platz. Ich käme bestimmt wegen der Grippe-Imp­fung. Schien ein biß­chen belei­digt, als ich dies ver­neinte. Zur Rou­ti­ne­un­ter­su­chung also, wäre ja schön, daß ich auch mal auf ihre Ein­la­dun­gen reagie­ren würde, ich wäre ja nicht wirk­lich dazu ver­pflich­tet, aber es schiene ihr doch sinn­voll. Das könn­ten wir dann natür­lich auch gleich erle­di­gen, fand ich, sprach ihr von mei­ner Ver­dachts­dia­gnose und fragte, was es wohl von ihrer Seite aus zu beach­ten gäbe. Außer Belei­digt kann Mar­gue­rite Betrof­fen. Sogar sprach­lose Betrof­fen­heit. Dabei bin ich noch gar nicht tot. Mein Arm ver­hält sich unauf­fäl­lig, meine Mimik fällt dem Nicht­spe­zia­lis­ten noch nicht als redu­ziert auf. Und den Spei­chel­fa­den aus dem lin­ken Mund­win­kel habe ich auch meis­tens unter Kon­trolle. Mar­gue­rite ver­zich­tete auf gezielte Fra­gen aus dem neu­ro­lo­gi­schen Reper­toire und die Prü­fung der Reflexe. Hat von Neu­rol­gie sicher auch nicht mehr Ahnung als ich. Maß hin­ge­gen den Blut­druck, leicht erhöht, bestimmt der Stress, sagte sie lächelnd, und horchte Herz und Lunge, soweit gut. Ob ich denn aus­rei­chend ver­si­chert wäre. Ver­si­chert? Na, inca­pa­cité, inva­li­dité und so. Ich? Arbeits­un­fä­hig? Schwer­be­hin­dert? Früh­rent­ner? Eigent­lich bin ich unver­wund­bar. Ich mache das alles nur für mei­nen Blog, pas­siert ja sonst nichts! Quelle idée! Keine Ver­si­che­rung? Sprach­lo­ses Erstau­nen. Wenn das mal nicht zu spät ist jetzt für Ver­si­che­run­gen, wer nimmt Sie denn noch? Im jet­zi­gen Zustand? Zum Vor­ge­hen bei einer even­tu­el­len vor­zei­ti­gen Beren­tung hat sie ein paar Boschü­ren, die könnte ich mir ja mal durch­se­hen, eilt ja noch nicht, auch im Inter­net gäbe es viel Infor­ma­tio­nen dazu.

Zum Abschluß wünscht sie, auf dem Lau­fen­den gehal­ten zu wer­den, tenez-moi au cou­rant, und stellt mir die Beschei­ni­gung aus, gelb: apte, dienst­fä­hig. Bön cou­rage. Sicher bes­ser so, was würde ich denn den gan­zen Tag machen, arbeits­un­fä­hig zuhause? Meine Frau hat da schon Vor­stel­lun­gen: Tan­zen viel­leicht oder Tai Chi. Gym­nas­tik sowieso. Bei you­tube – Stich­wort "par­kin­son übun­gen" – gibt es Anlei­tun­gen. Ganz oben auf der Liste, über 75.000 Auf­rufe, eine junge Frau in lila T-Shirt, dazu drei ange­graute Kugel­bäu­che in tür­kis, orange und grün. Fünf Fol­gen leichte Übun­gen zur Kör­per­kon­trolle auf grau­blauem Tep­pich­bo­den. Dann doch lie­ber apte.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Mythique

Kilo­me­ter 20,9. Aus der Unter­füh­rung eines Fuß­wegs unter dem Bahn­gleis, ein paar Stu­fen nach oben, kommt man direkt auf die Piste, Route du Bord de la Mer. Wie es da aus­sieht, kann bei google maps sehr schön sehen. Auf der einen Seite das Meer, auf der ande­ren die Stadt. Vor­orte von Anti­bes. Ein paar Pal­men, ein Flüss­chen. Wenn meine Frau das Flüss­chen – La Bra­gue – kreuzt kurz nach Mari­ne­land, bin ich auch nicht mehr weit. Ich werde einen hal­ben Liter Zau­ber­trank bereit­hal­ten, Ener­gie­rie­gel und Schmerz­ta­blet­ten.

Mara­thon Nizza-Can­nes. 13. Novem­ber, Sonn­tag. Meine Frau läuft mit. Den gan­zen Mara­thon. Mythi­que, sagt sie. Der Mara­thon Nizza-Can­nes ist mythi­que. Mara­thon­stre­cken wer­den oft mit sol­chen Adjek­ti­ven bedacht. Mythi­que, magi­que, légen­d­aire. Als Nicht­läu­fer kann ich sol­che Attri­bute schwer nach­emp­fin­den. Lau­fen über­haupt ist schon anstren­gend, über 42,195 Kilo­me­ter mit zehn­tau­send ande­ren Läu­fern eine ein­zige Tor­tur. Einige ihrer Kol­le­gin­nen lau­fen den Mara­thon als Staf­fel. Gibt es auch. Die Kilo­me­ter wer­den in unter­schied­lich große Abschnitte auf­ge­teilt. Sechs oder sie­ben Abschnitte, glaube ich. Ich bin kein Läu­fer. Nicht mal in der Staf­fel. Ich bin der Coach. Zwei Mal werde ich an der Stre­cke ste­hen und Wun­der­mit­tel bereit­hal­ten. Zau­ber­trank, Ener­gie­rie­gel, Schmerz­ta­blet­ten. Trost und Mut zuspre­chen. Und am Ende das Taxi spie­len für meine Frau und die eine oder andere Staf­fel-Läu­fe­rin. Lange schien es, als brauch­ten sie mich gar nicht. Lange schie­nen genug andere Coachs unter­wegs zu sein. Sicher ist, daß meine Frau schon heute Nach­mit­tag fah­ren wird. Viel­leicht mit Sophie, viel­leicht mit Nadège. Wird sich noch erge­ben. Fran­zo­sen hal­ten sich gerne alle Optio­nen offen. Bis zuletzt. Wenn man als Mit­tel­eu­ro­päer teu­to­ni­scher Her­kunft denkt, man hätte nun was orga­ni­siert, ist das pure Illu­sion. Kann sich in letz­ter Minute ganz anders dar­stel­len. Mal sehen, wer heute Nach­mit­tag klin­gelt. Bes­ser nichts orga­ni­sie­ren und auf sich zukom­men las­sen. Ist eine Frage der Welt­an­schau­ung. Sehr gut ist der Fran­zose in der Impro­vi­sa­tion. Das Beste draus machen wenn nichts mehr zu orga­ni­sie­ren ist. Die eige­nen Prio­ri­tä­ten nicht aus den Augen ver­lie­ren. Nur das Hotel für heute Abend in der Nähe des Départ ist gebucht. Mythi­que übri­gens schon der Start laut Home­page. In der Nähe des Alli­anz Riviera Sta­di­ons außer­halb der Stadt. Und ein gemein­sa­mes Essen ist ange­dacht. Am bes­ten Piz­ze­ria. Eine ordent­li­che Por­tion Nudeln. Gut für die Gly­ko­gen­spei­cher. Dabei mit wenig Bal­last­stof­fen. Ein Glas Wein viel­leicht. Der Tisch in der Piz­ze­ria ist aller­dings noch nicht reser­viert. Viel­leicht fällt das gemein­same Essen auch aus. Weiß man nicht. Oder zum Chi­ne­sen. Da gibt's ja auch Nudeln.

Am 30. Okto­ber war der Lauf Mar­seille-Cas­sis. Ein Halb­ma­ra­thon, über drei­hun­dert Meter Höhen­un­ter­schied. Auch mythi­que. Wenn man nach zwan­zig Kilo­me­tern und drei­hun­dert Höhen­me­tern ins Ziel wankt, ver­klärt sich die Leis­tung ins Mythi­sche. Da sollte nur meine Frau lau­fen. Weil das Läu­fer­um­feld mei­ner Frau zu lang­sam war bei der Anmel­dung online. Zu lang­sam oder nicht punkt­ge­nau online. Die Anmel­dung war, erschwe­rend, irgend­wann im August um zehn Uhr vor­mit­tags. Die meis­ten Men­schen, auch Läu­fer, müs­sen um zehn Uhr vor­mit­tags arbei­ten. Auch im August. Ich hatte frei. Als Coach küm­mere ich mich nicht nur um Zau­ber­trank, Trost und Zuspruch, son­dern gele­gent­lich auch um die Anmel­dung. Punkt zehn Uhr war die Seite online. Klick. Name, Vor­name, Geburts­da­tum. Klick. Adresse. Klick. Ver­eins­zu­ge­hö­rig­keit. Klick. Adresse des Ver­eins. Klick. Kre­dit­karte. Klick. Bestä­ti­gungs-Code – veuil­lez pati­en­ter quel­ques instants – auf dem Handy. Kein Pro­blem, dar­auf war ich vor­be­rei­tet, ein guter Coach hat sein Handy immer gela­den und in Griff­weite. Sechs­stel­li­ger Code. Klick. Fünf Minu­ten zwei­und­drei­ßig Sekun­den chrono. Dann wollte ich noch Nadège anmel­den, eine Tri­ath­le­tin aus dem Läu­fer­um­feld, die im August auch arbei­ten mußte. Klick. Com­plet. Nous en som­mes déso­lés. Zu spät. Hatte den Vor­teil, daß die Pla­nung so um vie­les ein­fa­cher war. Kein Fran­zose dabei. Nur eine Fran­ko­phile, meine Frau. Die erwägt auch gerne meh­rere Optio­nen bis zuletzt. Ist aber nor­ma­ler­weise nur eine Option zur Zeit. Ein Fran­zose jon­gliert gerne mit drei oder vier Optio­nen, gerne auch dia­me­tral gegen­läu­fig. Bei zwei Fran­zo­sen ist man schnell bei sechs bis acht ange­dach­ten Optio­nen. Die mathe­ma­ti­sche For­mel ist ganz ein­fach. Zahl der betei­lig­ten Fran­zo­sen in unge­fähr drit­ter Potenz. Man kann diese For­mel noch unter Berück­sich­ti­gung ver­schie­de­ner äuße­rer Umstände – Wet­ter, Tages­zeit, Ort, rela­tio­nelle, kuli­na­ri­sche und finan­zi­elle Aspekte – ver­fei­nern, das Prin­zip bleibt: expo­nen­ti­elle Stei­ge­rung.

Der mythi­sche Lauf fiel schließ­lich auch für meine Frau aus. Wegen logis­ti­scher Beden­ken. 15.000 ange­mel­dete Läu­fer. Fünf­zehn­tau­send. Dazu Ange­hö­rige. Schau­lus­tige. Sicher­heits- und Hilfs­per­so­nal, Park­platz­an­wei­ser. Und das in einem Dorf wie Cas­sis, ein Fischer­städt­chen, klei­ner als Saint-Tro­pez, mit win­zi­gem Hafen. Sta­tis­tisch mehr als zwei Läu­fer pro Ein­woh­ner. Pro­gram­mier­tes Chaos. Ver­mut­lich war die Zufahrt zum Fischer­ha­fen ab der zuge­hö­ri­gen Auto­bahn­aus­fahrt 13 Kilo­me­ter wei­ter beschränkt. Außer­dem hätte man die Start­num­mer am Vor­abend in Mar­seille abho­len müs­sen. Sogar für einen mythi­schen Lauf zuviel Auf­wand.

Mor­gen Nizza-Can­nes. Meine Frau läuft mit der Start­num­mer 7461. Der Coach bei Kilo­me­ter 20,9 und 31. Kilo­me­ter 31 ist auf der Höhe von Juan-les-Pins. Kurz nach dem Cap d'Antibes mit der höchs­ten Erhe­bung der Stre­cke, 34 Meter. Das Ziel auf dem Bou­le­vard de la Croi­sette von Can­nes vor dem Carl­ton. Viel­leicht gehö­ren sol­che Ele­mente zum Mythos des Laufs: Julia Roberts, Jodie Fos­ter und George Cloo­ney waren auch gerade in Can­nes. Weni­ger zum Lau­fen ver­mut­lich. Haben viel­leicht eine Tasse Kaf­fee getrun­ken auf der Ter­rasse des Hotels.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr

Rheuma

Don­ners­tag, Okto­ber 2016

Ren­dez­vous mit Cathé­rine M., Neu­ro­lo­gin. Con­sul­ta­ti­ons exter­nes im gro­ßen Kran­ken­haus von Tou­lon. Zweite Etage. Ein impro­vi­sier­tes Büro im Flur der Kar­dio­lo­gie. Außen an der Tür ein Schild mit ihrem Namen. Immer­hin. Das Büro ist eigent­lich eine Abstell­kam­mer. Zu zwei Drit­teln voll­ge­stellt mit aller­lei kar­dio­lo­gi­scher Gerät­schaft. Ein Schreib­tisch mit Com­pu­ter und Dru­cker macht ein Büro dar­aus. Ich fasse meine Kran­ken­ge­schichte zusam­men. Die Schmer­zen im lin­ken Arm vor vier Jah­ren, die Taub­heit in Zei­ge­fin­ger und Dau­men, gehö­ren für mich dazu. Das inter­es­siert sie aber nicht wirk­lich. So wie mich in der Sprech­stunde auch nicht jedes Zip­per­lein der Pati­en­ten inters­siert. Ich erzähle vom Zit­tern neu­er­dings in der Hand bei bestimm­ten Bewe­gun­gen und der gefühl­ten Schwer­gän­gig­keit im Arm, der ver­lo­re­nen Geschick­lich­keit. Fin­det sie inter­es­san­ter. Das Ruck­ar­tige beim Beu­gen und Stre­cken des Arms. Ist es das, was Zahn­rad­phä­no­men heißt in der Fach­li­te­ra­tur und bei wiki­pe­dia? Sie bewegt den Arm, klopft Reflexe bis Babin­ski, ich hätte nie gedacht, daß mir das mal außer­halb der Prak­tika vor drei­ßig Jah­ren in echt pas­sie­ren würde, lässt mich die weni­gen freien Meter zur Tür gehen. Das geht noch, fin­det sie. Tippt Ana­mnese und Befunde in den Com­pu­ter. Sie wäre nun nicht die Spe­zia­lis­tin für extra­py­ra­mi­dale Sym­pto­ma­tik, sagt Cathé­rine, das wäre mehr ihr Chef, der Dok­tor Frédé­ric M., der ein Cabi­net in der Stadt hat. Ich solle ein IRM céré­bral machen las­sen, ein Kern­spin des Gehirns, und mir beim Chef in der Stadt einen Ter­min holen. Auch sie selbst würde mei­nen Fall ihm gegen­über erwäh­nen, viel­leicht sähe sie ihn noch heute. Als ob "mein Fall" irgend­wie beson­ders inter­es­sant wäre. Täte ihr im Übri­gen leid, daß sie selbst mir nicht wirk­lich wei­ter­hel­fen könnte, der Dok­tor M. aber in der Stadt wäre der Spe­zia­list für, sie spricht es am Ende doch aus, sie schien es ver­mei­den zu wol­len und sprach bis dahin von extra­py­ra­mi­da­ler Sym­pto­ma­to­gie, Dok­tor M. in der Stadt wäre der Spe­zia­list für Par­kin­son. Druckt ihren Befund zwei Mal aus, ein­mal für mich, den ande­ren gefal­tet für ihre Kit­tel­ta­sche und den Chef, viel­leicht. Bön cou­rage sagt sie am Ende.

Was weiß ich schon von Par­kin­son? Stich­wort fal­len mir ein: Schüt­tel­läh­mung, Dopa­min­man­gel, die Sub­stan­tia nigra im Hirn, wo genau auch immer das sein mag, von der Funk­tion ganz zu schwei­gen. Vom Zahn­rad­phä­no­men bei pas­si­ver Bewe­gung habe ich gehört und von der Trias Rigor, Tre­mor, Aki­nese. Vom Pil­len­dre­her-Phä­no­men. Eine chro­ni­sche Erkran­kung bun­ter Sym­pto­ma­tik von Ver­stop­fung bis Depres­sio­nen, unauf­halt­sam fort­schrei­ten­den Ein­schrän­kun­gen der moto­ri­schen Mög­lich­kei­ten. Zer­fall. Am Ende kann man nicht mal mehr rich­tig schlu­cken. Ob das so stimmt?

Mon­tag

Kern­spin ist über­ra­schend kurz­fris­tig mög­lich. Ursprüng­lich Ter­min für Diens­tag in einer Woche. Das hatte ich schon als kurz­fris­tig emp­fun­den. Eine halbe Stunde spä­ter ist nun wirk­lich sehr kurz­fris­tig. Dok­tor Michel S. befun­det. Alles soweit nor­mal, schreibt er, Zei­chen von démyé­li­ni­sa­tion irgendwo. Was auch immer das bedeu­ten mag. Der Spe­zia­list dem­nächst wird das schon wis­sen. In der Mehr­zahl der Fälle, meint Michel S., soll­ten die kli­ni­schen Zei­chen die Dia­gno­se­stel­lung erlau­ben, der Kern­spin hat in der Pra­xis wenig Bedeu­tung. Warum mache ich das über­haupt? Inter­es­sant höchs­tens zum Aus­schluß ande­rer dege­ne­ra­ti­ver Pro­zesse im Hirn. Ande­rer­seits stellt sich für Dok­tor S. die Frage nach kar­dio­vasku­lä­ren Pro­ble­men. Jetzt noch einen Kar­dio­lo­gen fra­gen? Der fin­det dann bestimmt auch noch was. Klap­pen­feh­ler, ver­kalkte Arte­rien. Wenn man Krank­hei­ten sucht, fin­det man auch wel­che. Und setzt mich unter irgend­ein Anti­ko­agulans, zumin­dest ASS 100.

Sonn­tag

Péri­du­rale ste­chen geht noch ohne Ein­schrän­kung. Mit der lin­ken Hand führe ich die Nadel, halte sie an einem der Flü­gel. Das geht ohne Zit­tern, so wie immer. Wird es irgend­wann eine letzte Péri­du­rale geben?

Diens­tag

Grauer Nie­sel-Nach­mit­tag. Tou­ris­ten kön­nen sich ver­mut­lich nicht vor­stel­len, wie trost­los grau die Côte d'Azur im Win­ter sein kann. Cas­trop-Rau­xel oder Rem­chin­gen kön­nen trü­ber nicht sein. Ren­dez­vous bei dem Neu­ro­lo­gen um halb drei. Einer der typi­schen Alt­bau­ten der Innen­stadt. Links neben dem Ein­gang eine aus­geuferte Samm­lung von Schil­dern, Ärzte vor­wie­gend, eine Sprach­schule.macia Innen win­det sich eine unge­pflegte Treppe um einen Zwei-Per­so­nen-Auf­zug in die Höhe. Dritte Etage. Ein Schild an der Tür, keine Klin­gel. Dahin­ter ein War­te­zim­mer, hoher Raum, groß, drei Fens­ter gegen­über, rechts eine Tür, weit offen, die Toi­lette. Wie ein­la­dend. Links auch eine Tür, womög­lich sitzt da die Sekre­tä­rin, mit der ich vor zwei Wochen tele­fo­niert habe. Eichen­boh­len-Imi­tat auf dem Boden. Acht unter­schied­li­che Stühle, in der Mitte ein fla­cher Tisch mit zwei Sta­peln Zeit­schrif­ten. Kein Pati­ent außer mir. Muß ich mich mel­den links hin­ter der Tür? Werde ich über Laut­spre­cher auf­ge­ru­fen? Oder wird der Dok­tor mich selbst her­ein­bit­ten? Viele Pra­xen kom­men hier ohne Hilfe aus. Der Dok­tor macht alles alleine. Ver­mut­lich kos­ten­güns­tig. Ich kann nicht beur­tei­len, ob es sich dabei um eine Maß­nahme zur gie­ri­gen Gewinn­ma­xi­mie­rung han­delt oder um wirt­schaft­li­chen Sach­zwang. Auch meine Zahn­ärz­tin hatte nur ihre Mut­ter im Ein­gangs­be­reich sit­zen. Bestimmt kos­ten­güns­tig. Lei­der war die Mut­ter der Grund, den Zahn­arzt zu wech­seln. Ab und an ein freund­li­ches Wort hätte sich posi­tiv auf die Kun­den­bin­dung aus­ge­wirkt.

Ich gebe dem Dok­tor fünf Minu­ten. Wenn bis dahin nichts pas­siert, klopfe ich. Zehn Minu­ten pas­siert nichts und ich muß klop­fen. Das Zim­mer des Dok­tors ist rie­sig. Regale, ein Schreib­tisch, geschwun­gen im Vier­tel­kreis, PC, Dru­cker, Papier­sta­pel, dos­siers. Der Dok­tor sitzt da mit einem älte­ren Paar. Ob ich Mon­sieur XY wäre. Nein, ich bin Mon­sieur Diehl und habe ein Ren­dez­vous um halb drei. Das Ren­dez­vous um halb drei wäre doch annu­liert, sagt er, fin­det mich dann aber doch in sei­nem PC. Diäl Bert­rand? Genau. Naja, fast. In fünf Minu­ten sei er für mich da. Das kenne ich, das mit den fünf Minu­ten. Soll ein­fach nur hei­ßen bestimmt heute noch.

Er stellt mir die übli­chen Fra­gen. Alle medi­zi­schen Fach­rich­tun­gen stel­len ihren Pati­en­ten immer wie­der die ihnen eige­nen glei­chen Fra­gen. Sind Sie nüch­tern, haben Sie Ihre Zahn­pro­the­sen raus­ge­nom­men, das Zun­gen­pier­cing? Diese Fra­gen bekommt ein Pati­ent wahr­schein­lich zehn Mal zu hören, bevor er den OP erreicht und ich sie ihm auch noch mal stelle. Die Fra­gen der loka­len Kory­phäe für die Krank­heit sind die glei­chen wie die der Ärz­tin im gro­ßen Kran­ken­haus. Fra­gen, die man sich auch von wiki­pe­dia her­lei­ten könnte. Fra­gen, aus denen sich aus­ma­len läßt, was noch alles kom­men wird. Alp­träume, Ver­stop­fung, Schluck­stö­run­gen. Mikro­gra­phie, Gang­un­si­cher­heit. Klein­krit­zel­schrift und Trip­pel­schritt. Stö­run­gen des Geruch­sinns. Nichts davon habe ich. Als ich neu­lich den toten Fuchs begrub, hatte ich den Gestank noch Tage spä­ter in der Nase. Er meint viel­leicht weni­ger inten­sive olfak­to­ri­sche Expo­si­tion. Den Geruch von Ore­gano sol­len Pati­en­ten früh­zei­tig nicht mehr wahr­neh­men. Ore­gano ist das Testaroma. Ore­gano auf der Pizza zum Bei­spiel. Dia­gno­se­stel­lung in der Piz­ze­ria. Wenn man kann in der Piz­ze­ria die Qua­dro form­aggi geruch­lich nicht mehr von der Dia­volo unter­schei­den kann, ist man kla­rer Kan­di­dat für Par­kin­son. Hypo­s­mie. Meine Frau sagt, sie wüßte auch nicht, wie Ore­gano auf der Pizza riecht. Die nächste Etappe ist Anos­mie, man riecht gar nichts mehr. Weder Kat­zen­pfurz noch Fuchs­ka­da­ver. Eine kleine Hypo­mi­mie hätte ich. Tat­säch­lich? Ja, das sähe er sofort, geschul­tes Auge eben, sagt er und lächelt. Na, dann. Ist der Dok­to­rin im Kran­ken­haus auch schon auf­ge­fal­len. Lächelnd. Der medi­zi­ni­sche Spe­zia­list gefällt sich mit sei­nem Auge für Details. Es fol­gen Übun­gen, an die ich mich aus dem Stu­dium erin­nere. Der Fin­ger-Nase-Ver­such. Prüft die Koor­di­na­tion. Fin­den meine Zei­ge­fin­ger direkt zur Nase? Daß ich sowas wirk­lich mal selbst machen müßte! Reflexe und grobe Kraft läßt er aus. Er lässt mich ein paar Mal in sei­nem rie­si­gen Sprech­zim­mer auf- und abge­hen. Keine Stö­run­gen des Gang­bil­des wird er in sei­nem Bericht schrei­ben. Und keine Ver­min­de­rung der Arm­schwin­gung. Schreibt er. Er hat mir nicht zuge­hört. Genau daran war mir auf­ge­fal­len, daß was nicht stimmt. Der Arm links, wenn ich nicht auf­passe, schwingt nicht und win­kelt sich ein biß­chen zu stark an. So wie in der klas­si­schen Illus­tra­tion von Sir Richard Wil­liam Gowers von 1886, die man über­all fin­det, wo es um Par­kin­son geht.800px-paralysis_agitans_1907_after_st-_leger Ich kann das offen­bar ganz gut kom­pen­sie­ren. Wenn ich auf mei­nen Arm auf­passe, schwingt er schön und win­kelt sich nicht so senio­ren­mä­ßig an. Mein Arm merkt, wenn er beob­ach­tet wird. War dem geschul­ten Auge der Kory­phäe ent­gan­gen. Wenn er mir wenigs­tens zuge­hört hätte! Dann prüft er meine Stand­fes­tig­keit. Steht hin­ter mir und schubst mich mal nach vorne, mal nach hin­ten. Prüft auf pos­tu­rale Insta­bi­li­tät. Weil die klei­nen Stell­re­flexe zur Hal­tungs­kor­rek­tur irgend­wann nicht mehr schnell genug funk­tio­nie­ren, fal­len die Pati­en­ten leich­ter mal hin­ten­über, gera­ten ins Trip­peln, stol­pern über Tep­pich­kan­ten. Bre­chen sich die Hüfte, das Hand­ge­lenk, die Nase. Von daher kenne ich sol­che Leute. Von der Nar­kose für gebro­chene Hüf­ten, Hand­ge­lenke, Nasen. Ich kann noch Schnür­sen­kel schnü­ren ohne umzu­fal­len. Sogar Socken anzie­hen. Neu­lich bin ich mit dem Fahr­rad an der Ampel umge­fal­len, weil ich den Fuß nicht schnell genug aus der Bin­dung befreien konnte. Muß nichts mit der Krank­heit zu tun haben. Das pas­siert angeb­lich auch ande­ren Rad­lern.

Nach­dem er das alles in sei­nen PC getippt hat, lehnt er sich in sei­nem Ses­sel zurück und fasst zusam­men. Links­sei­ti­ges begin­nen­des Par­kin­son Syn­drom. Wir brau­chen noch ein Scinti Dopa, sagt er. Zur Bestä­ti­gung sei­ner Dia­gnose. Die sich ohne­hin zwar fast aus­schließ­lich kli­nisch stellt. Die Szinti Dopa ledig­lich für ein letz­tes Pro­zent Rest­wahr­schein­lich­keit, daß es doch was ande­res ist. Ein Mor­bus Wil­son zum Bei­spiel. Was war noch­mal ein Wil­son? Kann ein paar Wochen dau­ern für einen Ter­min im gro­ßen Kran­ken­haus, weiß er aus Erfah­rung, weil die das immer nur machen, wenn es min­des­tens drei Kan­di­da­ten gibt. Mit dem defi­ni­ti­ven Befund wür­den wir wei­ter­re­den über The­ra­pie und Pro­gnose und so. Gerne aber würde er mich pro­fi­tie­ren las­sen, er sagt wirk­lich pro­fi­tie­ren, an einer Stu­die sei­nes Freun­des an der Uni­kli­nik von Mar­seille, dem Pro­fes­sor, ähm, Pro­fes­sor, ihm fällt der Name nicht ein, Alex­andre heißt er mit Vor­na­men, er spricht ihn eben immer nur bei sei­nem Vor­na­men an, egal. Zuletzt haben sie sich auf einem Kon­gress in Ber­lin getrof­fen. An einer Stu­die zu einem neu­ro­pro­tek­ti­ven Medi­ka­ment soll ich teil­neh­men. Neu­ro­pro­tek­tiv. Das heißt, die Ner­ven in der Sub­stan­tia nigra sol­len geschützt wer­den. Die Krank­heit wird ange­hal­ten, schrei­tet nicht wei­ter fort. Wun­der­bar. Ist aber nur eine Stu­die, dop­pelb­lind. Wie Alex­andres zu tes­ten­des Medi­ka­ment heißt, fällt ihm im Moment lei­der auch nicht ein. Wo also in der Stu­die ist der Zuge­winn? Wo fin­det sich der Pro­fit für mich? Und: wie es denn jetzt wohl wei­ter­ge­hen würde? Pro­gnose, Ver­lauf, The­ra­pie. Das sind die Fra­gen, die mich wirk­lich inter­es­sie­ren. Mehr als diese Stu­die oder das Rest­pro­zent. Der Spe­zia­list winkt ab. Das sehen wir, wenn die Scinti Dopa fer­tig ist. Schade, unbe­frie­di­gend. Wahr­schein­lich war­tet der nächste Pati­ent.

Frei­tag

"The average life expec­tancy fol­lo­wing dia­gno­sis is bet­ween 7 and 14 years" weiß die eng­li­sche wiki­pe­dia zu Par­kin­son. "Die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung bei Dia­gno­se­stel­lung im Durch­schnitts­al­ter zwi­schen 55 und 65 Jah­ren beträgt 13 bis 14 Jahre" – andere Stelle auf die Frage bei google nach der Lebens­er­war­tung. Schöne Aus­sich­ten. Ich sollte auf­hö­ren zu arbei­ten und in Früh­rente gehen. Zeit für mich, für die Kin­der, Zeit mit den Kin­dern, mit der Mut­ter der Kin­der. Jeden Tag leben als wäre es der letzte. Gele­gent­li­cher Nar­ko­sest­rich, Ver­tre­tun­gen irgendwo. Bis vor kur­zem war ich noch fast unsterb­lich. Das Ende zumin­dest nicht so nahe, nicht so greif­bar. Zeit genug für Pro­jekte. Und nun kör­per­li­cher Abbau wie in freiem Fall. Pfle­ge­be­dürf­tig­keit in viel­leicht zehn Jah­ren. Hor­ror­vi­sio­nen. Ein paar Aspi­ra­ti­ons­pneu­mo­nien. Ernäh­rungs­sonde. Heim­platz, weil ich die Trep­pen zuhause schon lange nicht mehr schaffe. Viel­leicht kann man im Châ­teau den Haus­ar­beits­raum im Erd­ge­schoß umbauen in eine Zelle mit Behin­der­ten­ba­de­wanne anstelle von Wasch­ma­schine und Kühl­schrank. Oder das Châ­teau ver­kau­fen. Gegen­über baut die Gemeinde dem­nächst eine Ein­rich­tung für betreu­tes Woh­nen.

Meine Frau sagt, das mit einer Lebens­er­war­tung von 7 bis 14 Jah­ren oder so wäre ja wohl Quatsch. Sta­tis­tik eben, sagt sie, weißt du doch. Da wären ja auch ganz Alte drin. Die ihren neun­zigs­ten Geburts­tag ohne­hin nicht um mehr als fünf Jahre über­le­ben wür­den. Und bringt als Gegen­bei­spiel pro­mi­nente Pati­en­ten. Muham­mad Ali zum Bei­spiel. Vier­und­drei­ßig Jahre mit der Krank­heit. Oder Michael J. Fox. Ist genauso alt wie ich. Betrof­fen seit 1990, seit 26 Jah­ren. Lebt immer noch. In sei­nem Buch von 2003 – Lucky Man: A Memoir – geht er sogar soweit, die letz­ten zehn Jahre mit der Krank­heit als die bes­ten sei­nes Lebens zu bewer­ten. Man muß sicher über eine ordent­li­che Por­tion Hol­ly­wood-Gene ver­fü­gen, um sol­che State­ments zu ver­kün­den.

Mitt­woch

Viel­leicht ist es doch kein Par­kin­son. Nur keine Panik. Erst, wenn man Sym­pto­men Beach­tung schenkt, wach­sen sie sich aus zur Krank­heit. Wenn man Sym­ptome nicht wei­ter berück­sich­tigt, geben sie irgend­wann wie­der auf und ver­schwin­den, wie sie gekom­men sind. Wenn ich jedem Schmerz im Knie, in der Schul­ter, sonstwo, vor­ei­lig Krank­heits­wert zuge­ste­hen würde, hätte mich ein Rheuma zum Bei­spiel schon längst in ein krum­mes Häuf­chen Elend zusam­men­ge­fal­tet.


© Bertram Diehl, 2016. Abdruck, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

bertram@​diehl.​fr